EINE RÜCKBLENDE ZUM GERNSBACHER FLIEGERFALL

Die Durchsicht der Unterlagen zum Fall der abgesprungenen Flugzeugbesatzung bei Gernsbach erwies sich als kaum weniger interessant als meine eigenen Erlebnisse vor Gericht vor vierzig Jahren. Ich las fast alle Berichte über das Verfahren. Ich war davon nicht weniger ergriffen als bei meinen Beobachtungen damals, als neunzehnjähriger Protokollführer im Jahre 1947. Was noch wichtiger war, ich hatte die vollständigen Unterlagen zusammengefaßt vor mir. Ich fand die offiziellen Entscheidungen der Gerichtsbehörden, nach denen die Anträge auf Minderung der meisten Urteile unterstützt wurden. Das kam mir sehr entgegen, denn das Gefühl der richterlichen Härte, vor allen Dingen das strenge, Rudolf Merkel auferlegte Urteil auf lebenslänglich, hatte bei mir ein ungutes Gefühl hinterlassen. Ich beurteilte die »Verbrechen« der Angeklagten als eine Art brutale Rache an ihren Feinden, die ihrerseits Zivilisten und Städte bombardiert hatten.

Ich war erfreut, den Unterlagen zu entnehmen, daß der Richter des Wiederaufnahmeverfahrens meinen Gefühlen bezüglich des Gemsbacher Fliegerfalles entgegenkam. Im Fall Rudolf Merkels erkannte er ebenso wie ich viele Ungereimtheiten. Ich las:

- Ergänzungen zur Beweisführung: In der Beweisaufnahme wird festgestellt, daß dieser Angeklagte (Rudolf Merkel) an dem Angriff auf das Mitglied der Flugzeugbesatzung am Schöllkopf, der zu dessen Tode führte, teilgenommen hatte. Somit handelte er im Sinne einer erweiterten Gemeinschaftlichkeit, wie es die Anklage unter Punkt I sah. Demgemäß stellte das Gericht die Schuld, durch die Beweisaufnahme erhärtet, fest.

- Allerdings sollte das jugendliche Alter, welches der Angeklagte zum Zeitpunkt des Vergehens besaß, berücksichtigt werden. Es kann sehr wohl davon ausgegangen werden,

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daß er in höchster Aufregung handelte und durch die Handlungen der älteren Männer beeinflußt war. Obwohl diese Berücksichtigungen seine Schuld nicht beseitigen können, ist es doch angebracht, das Strafmaß erneut zu bedenken. Es wäre in diesem Falle sehr wohl angebracht, daß die Justiz Gnade vor Recht walten lassen möge.

- Die Schuld gilt als erwiesen, doch das Urteil ist zu hart.

Eingaben: Ein Ersuchen um Revision wurde von Robert M. Donihi, dem Hauptverteidiger, am 29. Mai 1947 eingereicht. Ein Gnadengesuch zur Minderung des Urteils auf 15 Jahre folgte am 8. Juli 1947.

Empfehlung: Danach wurden die Beweisaufnahme und das Urteil bestätigt, doch das Strafmaß wurde auf 15 Jahre Gefängnis, beginnend mit dem 29. Mai 1947, festgesetzt.1 -

Der Richter des Wiederaufnahmeverfahrens schloß den Gernsbacher Fliegerfall am 24.Mai 1948 ab, indem er neben dem Urteil Merkels auch einige andere Urteile milderte. Der Richter des Wiederaufnahmeverfahrens änderte folgende Urteile: Xaver Götz, Maurus Haitzler und Hans Rothacker wurden freigesprochen. Ich nahm mit besonderem Interesse zur Kenntnis, daß das Dachauer Gericht Rothackers Urteil aufgrund der Eingabe der Verteidigung auf nicht schuldig umgeändert hatte.

Der Richter des Wiederaufnahmeverfahrens bestätigte Eiermanns Todesurteil, doch Matthäus Götzmanns Urteil erschien ihm zu hart, und er änderte es auf lebenslänglich um. (Götzmann saß nur etwa acht Jahre des geänderten Urteils ab und mit der Hilfe beigebrachter Erklärungen von Familienangehörigen und Freunden erhielt er einen weiteren Straferlaß). Auch Hermann Kriegs Todesurteil fand keine Bestätigung und wurde auf 10 Jahre Gefängnis geändert.

l Der Fall Hans Rothacker, et. al., Kode-Nummer 12-2036, U.S. Records Center, Suitland, Maryland.

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Julius Ratzkes Urteil auf zwanzig Jahre wurde auf zwei Jahre umgeändert, und Franz Wieland acht Jahre. Insgesamt änderte der Richter des Wiederaufnahmeverfahrens drei der Urteile von »schuldig« auf »nicht schuldig«, und in fünf anderen Fällen wurden die Urteile als zu hart befunden und entsprechend gemildert.

Rudolf Merkel war mit der Entscheidung nicht zufrieden. Fünfzehn Jahre sind immer noch eine Ewigkeit für einen jungen Mann, besonders wenn er das Gefühl hatte, kein ernstes Verbrechen begangen zu haben. Am 15. Oktober 1948 reichte sein deutscher Verteidiger ein neues Gnadengesuch ein. Er führte aus, daß Hermann Krieg, den man ursprünglich zum Tode verurteilt hatte, auf 10 Jahre Gefängnis begnadigt worden war.2 Warum sollte Merkels Strafe länger sein als die von Krieg?

Merkels Eingabe enthielt eine Aussage, die für den Fall von wenig Bedeutung - für mich allerdings von großem Interesse war:

- Während meiner Befragung im August 1946 legte der mich Befragende, angeblich ein Mr. THOM, der gut Deutsch sprach, eine Pistole auf den Tisch, wobei er sagte, ich könne mich jetzt entscheiden, würde ich jetzt die Wahrheit sagen, käme ich frei, andernfalls gäbe es die Pistole. Ich verstand das so, daß er mich erschießen wollte, falls ich nicht so aussagen würde, wie er das wünschte. Ich blieb dabei und wiederholte, was die Wahrheit war. -

Der Name »THOM« machte mich hellhörig. Ich vermutete sofort, daß ein Tippfehler vorliegen mußte, und daß der Weg zu Harry Thon führte, meinem Bekannten von der Fahn-dungsstelle, der Abteilung 13. Ich erhielt das inzwischen bestätigt.

Es sind inzwischen Jahre vergangen, und ich hatte nicht mehr an Harry Thon gedacht. Nun fragte ich mich, ob seine

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Niedergeschlagenheit in Augsburg möglicherweise auch von einem Schuldgefühl kam, das solche verachtenswürdigen Verhörmaßnahmen hervorgerufen hatte.

Diese Methoden, die man Thon zuschrieb, sind nicht neu; über Jahrhunderte lassen sich solche Praktiken rund um die Welt zurückverfolgen, einschließlich die Vereinigten Staaten. Tatsächlich waren Thons Methoden in Gernsbach im Vergleich mit denen anderer Fahnder bei den Fällen, die in Dach-au verhandelt wurden, milde. Wenn Thon auch nicht beschuldigt wurde, Merkel geschlagen zu haben, so ist die Nötigung, einen jungen Menschen zu einer falschen Aussage zu bewegen, nicht minder verwerflich.

Der Berufungsrichter hatte auch Eingaben von einigen anderen Angeklagten bekommen. Daraus ging hervor, daß sie alle von den Fragesteilem geschlagen worden sind, wonach:

- verschiedene der Angeklagten in außergerichtlichen Aussagen erklärt hätten, Bedrohungen und Mißhandlungen verschiedener Art ausgesetzt gewesen zu sein. Diese Angaben scheinen, in mindestens einigen Fällen, nicht ohne Grundlage zu sein. Solche Praktiken sind zu verurteilen. Es sollte vermerkt werden, daß keiner der Angeklagten ausgesagt hat, daß amerikanisches Personal dafür verantwortlich gewesen ist3. -

Es war offensichtlich, daß der Berufungsrichter davon überzeugt war, daß es ausschließlich Franzosen waren, die, als sie die Verhafteten des Gemsbacher Fliegerfalles in Gewahrsam genommen hatten, diese auch geschlagen hatten.

Vielleicht war es das Gnadengesuch des deutschen Rechtsanwalts Dr. Georg Fröschmann, das mit einer Zusammenfassung des Falles von Rudolf Merkel einige Jahre später zu seiner Entlassung führen sollte. In dieser an General Thomas T. Handy, Kommandeur der US-Streitkräfte in Europa, gerichteten Eingabe führte Dr. Fröschmann aus:

3 Ebenda

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- Wir haben die folgenden Tatsachen anzuerkennen: Ein Mann ist getötet worden, sein Körper, den man geschlagen hatte, lag da, und dieser Körper wurde von einem Mann mit einem Stock getroffen. Vom Standpunkt des Gesetzes aus gesehen ist das kein Verbrechen, wohl aber vom moralischen her ist es ein Vergehen. Dennoch muß man es von der Warte eines damals sechzehnjährigen Jungen sehen. Er wußte nicht, was er tat, und Sie wissen um das Gerechtigkeitsdenken jener Jahre. Selbst wenn Sie glauben, daß er die Absicht gehabt hatte, den Flieger zu schlagen, den lebenden Flieger, so glaube ich, daß eine solche Missetat, ausgeführt durch einen Jungen seines Alters, mit keiner lebenslänglichen Haftstrafe zu bewerten ist, selbst wenn ein wenig später die Strafe auf 15 Jahre Gefängnis umgewandelt wurde, und ich bitte Sie, mir nicht zu zürnen, wenn ich sage, daß ein solches Urteil sinnlos ist. Als kürzlich ein deutscher Junge - deutsche Jungen hatten kürzlich eine Fahne vom Brandenburger Tor heruntergeholt - zu 10 und ein anderer zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt wurden, da verurteilten das nicht nur deutsche, sondern auch amerikanische Zeitungen. Es kam zu beachtlichen Reaktionen, und ich hoffe, daß Ihrerseits ebenfalls Reaktionen erfolgen werden, wonach Sie die Bestrafung eines dummen Jungen (16) beenden wollen, indem Sie ihn begnadigen, damit er eine entsprechende Erziehung erhält. Das ist meine Bitte4. -

Am 18. September 1951 wurde Rudolf Merkel aus dem Gefängnis entlassen, nachdem er wenig mehr als sechs Jahre abgesessen hatte. Mit dreiundzwanzig war er der jüngste der in Landsberg/Lech festgehaltenen Gefangenen. Merkel, der sich darüber beschwert hatte, daß er länger als Hermann Krieg festgehalten wurde, war gewiß darüber erfreut, daß er etwa fünf Monate vor Krieg entlassen wurde.

Noch im gleichen Jahr wurden die Todesurteile durch Erhängen, die durch den Berufungsrichter bestätigt worden waren,

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vollstreckt. Es handelte sich um Adolf Eiermann, Wilhelm Karcher, Isidor Klumpp und Johann Schneider.

Man kann darüber streiten, ob nun Merkels Schicksal ein gutes Ende genommen hatte, da er von lebenslänglich über fünfzehn Jahre nur fünfeinhalb Jahre im Gefängnis verbringen mußte. Allerdings hatte er bei der Urteilsverkündung davon auszugehen, sein ganzes Leben im Gefängnis von Landsberg/ Lech verbringen zu müssen.

Immerhin hatte Rudolf Merkel das Urteil »lebenslänglich« - abgesessen oder nicht - zu ertragen gehabt. Dies hatte er seinen Nachbarn und seinem Chef, denen er blind gehorcht hatte, zu verdanken gehabt. Nach diesen Einsichten schloß ich die Akte, brachte sie an ihren Platz im Archiv zurück und atmete erleichtert auf.

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