EINE RÜCKKEHR IN DIE VERGANGENHEIT

Zu Beginn des Sommers 1948 besuchte ich Wiesbaden, wo mir auffiel, daß endlich mit den Aufräumungsarbeiten begonnen wurde. Es war beeindruckend, erstmals wieder sauber gekehrte deutsche Stadtstraßen zu sehen. Auf der anderen Seite war der Anblick der ausgeräumten Ruinen umso wüster. Die Mauerreste der Häuser ohne den Schutt rundherum bewirkten ein umso entblößteres Stadtbild. Doch trotz dieser Verwüstung begann sich in den Städten Leben zu regen. In Wiesbaden lief der Wiederaufbau zwar noch nicht auf vollen Touren, doch die Stadt befand sich als eine der ersten deutschen Städte auf dem Weg zu normalen Verhältnissen.

Bis zu dieser Zeit verfügten die Städte über keinerlei materielle Mittel, um den Wiederaufbau wirkungsvoll voranzubringen. Im Juni des Jahres 1948 gab es dann die erwartete Währungsreform mit der Ausgabe der Deutschen Mark. Die inzwischen wertlos gewordene alte Reichsmark wurde im Verhältnis von eins zu zehn umgetauscht. Diese Reform, deren Erfolg sehr schnell offensichtlich wurde, leitete den Aufschwung ein, den man als >Wirtschaftswunder< bezeichnete.

Ich erlebte dies damals im Juli noch nicht, als ich nach einem rührenden Abschied von meiner Haushälterin nach New York zurückkehrte. Es regnete in Strömen, als ich die Stadt verließ und meine Haushälterin kam in mein Zimmer und scherzte, daß sie wegen meiner Abreise mit dem Himmel um die Wette weinen würde.

Ich erinnerte mich an die Zeit, als ich von China wieder nach Amerika zurückkehrte. Dies lag nur zwei Jahre zurück. Meine Reise nach China unterschied sich gewaltig von meinem Aufenthalt in Deutschland, da mir China als eine andere Welt vorkam. Doch während ich Deutschland immer noch feindlich gegenüberstand (drei Jahre nach Kriegsende!), könnte

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ich mir trotzdem vorstellen (abgesehen von der Politik), daß ich mich bei den Deutschen zu Hause fühlen könnte.

Trotzdem hatte ich an Bord des Schiffes das Gefühl einer Rückkehr in die Zivilisation, da das Leben in Deutschland nicht ohne Härten war. Als ich nach Hause kam, überraschte es mich festzustellen, daß ich nicht zufrieden war, und der Gedanke nach Deutschland zurückzukehren tauchte wieder bei mir auf. Freunde schrieben mir aus Deutschland, daß ich in dieser oder jener Stadt eine Beschäftigung finden würde. Ich erhielt tatsächlich auch ein Beschäftigungsangebot von dem für die Armee zuständigen Büro für Zivilangestellte.

Vor dem Auslaufen meines Zweijahresvertrages erhielt ich ein Angebot zum Besuch der Universität Phoenix, doch ich nahm es nicht an. Ich änderte meine Pläne, nachdem mir mein Onkel aufgrund meiner Absicht ins ferne Arizona zu gehen, eine Moralpredigt gehalten hatte und mir sagte, daß mein Vater meine zwei Jahre in Phoenix nicht überleben würde. Also blieb ich im Osten, wo ich wiederum eine Stelle, wiederum bei der Armee diesmal in Fort Meade, Maryland annahm. Ich nutzte die Nähe von Baltimore aus und trug mich für ein Studium an der Loyola-Universität ein.

Die Voraussage meines Onkels stimmte. Mein Vater starb zwei Jahre später überraschend. Ich fühlte mich verpflichtet, nach Hause zurückzukehren, um bei meiner Familie zu leben. Drei Jahre später setzte ich mich durch und ging in die Hauptstadt Washington. Ich besuchte dort die George Washington-Universität in Abendlehrgängen und arbeitete während der dreieinhalb Jahre tagsüber und nahm außerdem noch dreimal wöchentlich Privatunterricht in Deutsch und Spanisch.

Während des letzten Jahres an der Universität lernte ich meine zukünftige Frau kennen, eine Deutsche, die in der Münchner Filiale einer Washingtoner Firma tätig war, für die ich arbeitete. Trotz meiner natürlichen Bedenken, daß dies zu Problemen mit meiner Familie führen könnte, verlobten wir uns. Meine Mutter trauerte immer noch um den Verlust meines älteren Bruders und ich fürchtete, sie würde Deutsche

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noch immer ablehnen. Zu meiner Überraschung freute sie sich jedoch. Sie traf meine Frau, und sie gefiel ihr. In den Jahren nach dem Krieg hatten sich ihre Gefühle gegenüber den Deutschen beruhigt. Nachdem ich gegen Ende des Jahres meine Schule abschloß, folgte ich meiner Frau nach Deutschland, wo wir 1960 heirateten.

Nach meiner Rückkehr war ich über die in Deutschland eingetretenen Veränderungen erstaunt. Die Familie meiner späteren Frau lebte in Aichach, unweit München. Ich übernachtete im Hotel Excelsior in München, das ich aus meiner früheren Zeit kannte.

Die Veränderungen in München waren atemberaubend. Während ich mich an einige Straßennamen erinnerte, erkannte ich sie vom Aussehen her gewiß nicht wieder. Die Innenstadt war wieder aufgebaut worden lind in den Geschäftsstraßen pulsierte das Leben. Die Läden waren nun voller Waren und die Schaufenster präsentierten eine große Auswahl. Konnte man früher nicht einmal die Grundnahrungsmittel erwerben, so gab es jetzt ein Überangebot an feinsten Delikatessen. Mit einem günstigen Dollar-Umrechnungskurs lagen die Preise in Deutschland besonders gut für uns.

Ein Jahr nach unserer Rückkehr in die Vereinigten Staaten, wo wir einen Hausstand gründeten, wurde unser erstes Kind geboren; die Familie begann zu wachsen. Wie die meisten anderen Paare mit heranwachsenden Kindern zogen wir uns praktisch aus der Gesellschaft zurück, solange, bis die Kinder erzogen waren und auf eigenen Beinen stehen konnten. Als sie das Haus verließen, waren wir wieder allein, erstaunt über die Jahre, die so schnell vergangen waren.

*

Während dieser Zeit habe ich stets an die Erlebnisse in Dachau zurückdenken müssen. Ich wunderte mich oft, warum das in einer so lebhaften Weise der Fall war. War es das Trauma, verbunden mit den Kriegsverbrecherprozessen oder

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deswegen, weil Dachau meine erste berufliche Erfahrung war? Was immer die Ursache war, eines stand fest: Die Konzentrationslagerund die Kriegsverbrecherprozesse blieben ein nicht endenwollendes Sensationsthema für die Medien. Sie boten in der Tat ein weites Feld für Kontroversen auf der Grundlage schriftstellerischer und akademischer Auseinandersetzungen.

Denke ich an die Dachauer Verfahren zurück, so wundere ich mich noch heute darüber, daß, abgesehen von einer gelegentlichen Rückblende auf den Malmedy-Prozeß, nie ein Wort über die abgesonderten »Fälle von Grausamkeiten« fällt, die mich von allen Dachauer Fällen am meisten bewegt haben. Vielleicht haben die Leute, die von dem Schicksal der abgeschossenen Flugzeugbesatzungen erfahren haben, heute etwas Verständnis dafür, warum die wehrlosen Flugzeugbesatzungen auf eine so schreckliche Weise angegriffen worden waren und vielleicht stellen sich Leute heute selbst die Frage, die ich mir damals gestellt hatte, wie sie in vergleichbaren Situationen gehandelt hätten.

Amerikaner erinnern sich anscheinend nur an die Konzentrationslagerfälle (obwohl selbst diese Fälle eher mit dem spektakuläreren Fall des Nürnberger Prozesses gebracht werden). Kein anderer legaler Aspekt der Kriegsereignisse scheint die Amerikaner zu interessieren. Tatsächlich hat sich während der vergangenen zwanzig Jahre die Betonung des »Holocaust« aus jüdischer Sicht herausgeschält. Die Millionen Europäer der anderen Nationalitäten, allen voran die Deutschen, Polen, Russen und Ukrainer, die während des Zweiten Weltkrieges umgekommen sind, scheinen in den Vereinigten Staaten vergessen zu sein.

Ebenso vergessen von meinen Landsleuten sind die Entwurzelungen von Millionen Europäern unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg. Diese Entwurzelungen sind so gewaltig und historisch weitgreifend, daß das alles außerhalb der Vorstellungskraft zu liegen scheint. Die meisten dieser Menschenmassen-Verschiebungen, hervorgegangen aus Fremdarbeit, Flucht und Vertreibung fanden in Mittel- und Osteuropa statt.

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Keineswegs sind alle diese Völkerverschiebungen dem Nationalsozialismus anzulasten. Abgesehen von Zwangsarbeiterbewegungen hat es einen unendlichen Strom des Leidens vieler Deutscher gegeben, die aus ihrer Heimat im Osten zur Flucht gezwungen waren oder vertrieben wurden.

Seit der interalliierten Konferenz von Potsdam im Sommer des Jahres 1945, als die UdSSR einen Teil von Polen als Beute zum Dank für die Kriegsteilnahme bekam, wurde Polen mit einem Viertel des Deutschen Reiches »kompensiert«. Des weiteren wurde das vollkommen deutsch besiedelte Sudentenland der Tschechoslowakei »zurückgegeben« - dies hieß Vertreibung der Deutschen. Buchstäblich wurden alle diese Deutschen unterherzzerreißenden Umständen in jenen Teil Deutschlands vertrieben, den man nach dem Krieg »Westdeutschland« nannte.

Die fortwährende Aufmerksamkeit, die Amerika dem Deutschland der vierziger Jahre entgegenbrachte, zwingt meine Gedanken zurück zu jener Periode und zu den in Dachau gewonnenen Erkenntnissen. Natürlich gehen die Gedanken zu den Angeklagten der Prozesse zurück, an denen ich beruflich beteiligt war. Einige der Verurteilten verdienten die Strafe, die wir ihnen gegeben hatten. Wie ich vorher schon erwähnt habe, gab es auch andere Fälle, deren Urteile ich öffentlich in Frage gestellt hätte, wenn ich dazu in der Lage gewesen wäre.

Von den unfair Verurteilten war es Rudolf Merkel aus dem Gernsbacher Fliegerfall, dem oft meine Gedanken galten. Dabei fragte ich mich, wie es ihm wohl im Gefängnis erginge. Als ich mich mit einem befreundeten Anwalt über Merkel unterhielt und auf das harte Urteil zu sprechen kam, meinte er dazu, daß Merkel inzwischen zweifellos freigekommen sei. Nach einer durchschnittlichen Gefängnisstrafe von sieben Jahren waren die meisten der in den Kriegsverbrecherprozessen Verurteilten entlassen worden. Merkels Name war mir inzwischen entfallen, ich nannte ihn im Gespräch den »zu lebenslänglich verurteilten Jungen«.

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Oft dachte ich auch an die Verurteilten von Nordhausen. Irgendwann kam mir der Gedanke, daß diese Männer aus dem letzten und aus den anderen Verfahren, an denen ich mitgearbeitet hatte, ebenfalls freigekommen sein könnten. Ich begann mir darüber Gedanken zu machen, was geschehen würde, wenn ich zufällig einem dieser ehemaligen Gefangenen auf der Straße begegnen würde. Ich grübelte darüber nach, was sie jetzt tun würden, ob sie sich noch meiner erinnern, ob ich sie erkennen würde und ob sie einen Groll gegenüber den Amerikanern hatten, die sie verurteilt hatten und falls dies so war, ob sie mir gegenüber freundlich oder unfreundlich sein würden.

Als ich vor rund fünf Jahren erfuhr, daß die Archive der Kriegsverbrecherprozesse freigegeben worden waren (mit der Aussicht auf eine noch größere Überschwemmung des Marktes mit Büchern über das Dritte Reich), entschloß ich mich, die Unterlagen einzusehen. Ich fühlte mich mehr als andere dazu berechtigt. Ich dachte daran, mich aus dem Berufsleben zurückzuziehen; die Kinder waren erwachsen, und hier bot sich mir die seltene Möglichkeit, in einer Rückschau die Vergangenheit zu bewerten. Ich dachte daran, meine zwei Jahre in Deutschland nach vierzig Jahren auf der Grundlage historischer Unterlagen wieder aufleben zu lassen, zumal ich selbst ein Zeitzeuge gewesen war. Mein eigentliches Ziel war es, lediglich festzustellen und dabei meine Neugier zu befriedigen, wie es den Dachauer Angeklagten, die solange in meinem Gedächtnis verblieben waren (manchmal plagte mich auch mein Gewissen) und die sich in den Händen der amerikanischen Militärjustiz in Deutschland befanden, ergangen ist.

Meine ersten Nachfragen führten mich zu den Nationalarchiven in den eindrucksvollen Gebäuden in Washington, wo sich auch die Originale der Unabhängigkeitserklärung und die Bill of Rights befinden. Die Beamten dort wiesen mich jedoch darauf hin, daß sich das Archiv für die Kriegsverbrechen im National Record Center in Suitland in Mary-land befände, dem Zentrum für Militärunterlagen. Sofort nach

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meiner Pensionierung fuhr ich dorthin und suchte die Dachauer Unterlagen.

Ein sehr hilfsbereiter Beamter des Nationalarchivs hatte mir gestattet, eine Liste über sämtliche in Dachau abgehaltenen Kriegsverbrecherverfahren zu kopieren. Diese Unterlagen sollten sich mir als große Hilfe erweisen. Sie enthielten die Daten sowohl über die ersten Voruntersuchungen jedes Angeklagten als auch die Urteile in der Berufung. Einige Unterlagen enthielten das Datum der Vollstreckung des Urteils durch Erhängen.

Zunächst suchte ich meinen ersten Fall, ich suchte die Unterlagen des Greuelfalles von Gernsbach. Zunächst fand ich mich durch den kurzgefaßten und geheimnisvollen Stil der Abkürzungen der einzelnen Fälle schachmatt gesetzt. Ich hatte nicht nur den Namen des jungen Mannes vergessen, der meine Phantasie so angeregt hatte, sondern auch den Namen, unter dem der Prozeß geführt wurde. Anfangs hatte ich gehofft, ich könnte den Fall leicht nach dem Datum herausfinden. Es war mein erster Fall in Dachau, und ich brachte es mit dem Datum meiner ersten Erinnerungen an Dachau in Verbindung: der Jeepfahrt mit dem rachsüchtigen jüdischen Angehörigen des Stammpersonals der Dachauer Prozesse, der deutsche Fußgänger mutwillig mit dreckigem, kalten Straßenwasser bespritzte. Solche Gedanken kosteten mich einige Tage nutzlosen Suchens in den Unterlagen der Fälle der Monate Februar, März oder des Aprilbeginns 1947.

Ich war fast entmutigt, als ich mich darauf besann, daß ich Dachau einige Male vor dem Beginn meiner Arbeit besucht hatte. Dann entsann ich mich, daß es in Dachau warm war, als ich dorthin zog. Es konnte nicht früher als im Mai gewesen sein. Mit diesem neuen Stück im Mosaik kehrte ich nach Suitland zurück und suchte in den Listen, die sich auf die Unterlagen jenes lange zurückliegenden Frühlings 1947 bezogen.

Der Anblick dieser Akten verursachte plötzlich ein warmes Gefühl der Verbundenheit in mir. War es Eingebung oder der

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Name beziehungsweise die Nummer der Akte oder etwas anderes, was mich aufmerksam werden ließ? Ich kann es nicht sagen, doch schlagartig war ich so sicher, das gefunden zu haben, was ich suchte, daß meine Hände zu zittern begannen. Aufgeregt öffnete ich die Unterlagenmappe und begann, die Dokumente durchzublättern, um die Urteile mit den wichtigsten statistischen Angaben und die Photographien eines jeden Angeklagten zu entdecken. Aus diesen Papieren sprang mir Rudolf Merkels Bild regelrecht entgegen.

Ich kann dieses eigenartige Gefühl, das mich überkommen hatte, kaum beschreiben. Es war, als wenn ich das Fenster öffnete, wobei sich schlagartig vor mir die Zeit vor den vergangenen vierzig Jahren ausbreitete. Eine Zeit, in der ich dazu bestimmt zu sein schien, eine gewisse Rolle zu spielen. Als ich die Unterlagen durchblätterte, stieß ich auf die Protokolle, die ich geschrieben hatte. Ich fand die Aussagen, die ich niedergeschrieben hatte. Es war nun einfach geworden, die Vorgänge richtig geordnet zu finden. Fasziniert richteten sich meine Augen auf die Stelle, wo Joseph Halow als Protokollführer zum Zweck der Niederschrift der Vorgänge der Verfahren vereidigt worden war.

Immer wenn ich nach Suitland zu den Unterlagen zurückkehrte, wurde ich von dieser seltsamen Erregung ergriffen. Es war, als ob ich tätsächlich in die Vergangenheit zurückversetzt wurde. Jedesmal wenn ich das Zentralarchiv betrat, war es mir, als würde ich über eine Schwelle in die Vergangenheit treten. Die Unterlagen, die Berichte, die großen Mengen bedruckten Papiers, einige davon von mir aufgenommen, die Photographien von den Angeklagten, die außergerichtlichen Erklärungen und die der Zeugen! Ich war bewegt, die vierzig Jahre Vergangenheit auf eine fast wirkliche Weise neu zu erleben, als ob ich in einem Gerichtssaal im Dachau des Jahres 1947 säße. Als ich das Records Center nachmittags verließ und die klare Luft des dahinschwindenden Tages einatmete, ließ ich die Vergangenheit zurück, die aber schon auf meinen nächsten Besuch wartete.

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