DIE ARMEE DER VEREINIGTEN STAATEN MACHT EINIGE WICHTIGE ZUGESTÄNDNISSE

Das offizielle Wiederaufnahmeverfahren des Falles Lauria-no Navas wurde am 14. Januar 1948 abgeschlossen. Mit diesem Datum gibt der Vizepräsident des Anwältebüros der 7708. War Crimes Group seinen Bericht heraus. Dank eines Leserbriefes, den Eve Hawkins an die »Washington Post« schrieb und der am 27. September 1948 veröffentlicht wurde, erhielt dieser Fall innerhalb kurzer Zeit eine besondere Beachtung.

Eve kam gegen Ende 1947 in die Vereinigten Staaten zurück, als die Dachauer Verfahren kurz vor dem Abschluß standen und nachdem ihr Einsatz in Europa als beendet galt. Sie hatte ihren polnischen Captain geheiratet und erwartete die Freigabe der Einreise ihres Mannes in die Vereinigten Staaten. Vorher hatte sie noch eine kurzfristige Abstellung nach Lateinamerika. Am 23. September 1948, einige Monate nach ihrer Rückkehr nach Washington, schrieb Eve einen Brief an den Herausgeber der »Washington Post« als Beitrag zu einem Leserbrief von Colonel Denson, in welchem sie ihre Bestürzung darüber zum Ausdruck brachte, daß das Urteil von Ilse Koch, der Witwe des ehemaligen Kommandanten von Buchenwald, von lebenslänglich auf nur vier Jahre Gefängnis reduziert worden war, mit der Möglichkeit einer Freilassung innerhalb von zwei Jahren.

Die Herabsetzung des Urteils von Ilse Koch ergab sich wohl durch die Annahme der Empfehlungen der Berufungsbehörde hinsichtlich der Angeklagten von Buchenwald. In einer Ergänzung des Briefes von Denson schrieb Eve:

- Darf ich zu Colonel Densons sehr berechtigtem Schock (veröffentlichter Brief von 23. September) hinsichtlich der Minderung des Urteils von Ilse Koch eine Kleinigkeit hinzufügen?

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Wir Protokollführer, die wir die Aussagen über ihre unmenschlichen Verbrechen über uns ergehen lassen mußten, Tag für Tag, sind nicht so sehr über die Verkürzung der Haftstrafe schockiert, von der wir wußten, daß sie diese nie absitzen würde, sondern über die unzweifelhafte Mißdeutung der Begriffe Gnade und »Ritterlichkeit« seitens inkompetenter Leute bei Gericht.

Im Gegensatz zu Ilse Kochs Verurteilung steht das Urteil, das eine Gruppe junger Spanier erhalten hat, die Opfer des europäischen Holocaust geworden sind und keine Provokateure waren. Sie wurden von den Deutschen in Frankreich gefaßt, wohin sie vor Francos Regime geflohen waren; von den Deutschen wurden sie dann in entsprechende Schreckenslager gebracht, gleichzeitig war damit Zwangsarbeit verbunden. Am Vorabend ihrer Befreiung wurden sie von Amerikanern gefangengenommen und für Vergehen verurteilt, die sie begangen hatten, um zu überleben. Die Urteile, die sie am Ende ihres Scheinprozesses erhielten, lauteten auf Todesstrafe, lebenslänglich, 20 Jahre und 3 Jahre Zuchthaus. Besonders makaber wird die Angelegenheit, wenn man sich die berechtigte Frage stellt, ob die Angeklagten immer noch im Gefängnis von Augsburg schmachten.

Eine zusätzliche Ironie lag darin begründet, daß man alle Zweifel weggewischt hatte, ob die Angeklagten dem Verfahren auch folgen konnten. Die einzige Sprache die sie verstanden, war Spanisch. Es gab in Dachau keine spanischen Dolmetscher, mit Ausnahme einer Protokollführerin, die einige Jahre in Lateinamerika gelebt hatte und einigermaßen fließend Spanisch sprach. Außerdem stand nur eine Stenotypistin mit spanischer Herkunft zur Verfügung, die aber diese Sprache noch weniger beherrschte.

Die Protokollführerin wurde in diese Tätigkeit hineingedrängt, trotz starker Bedenken ihrerseits, daß sie nicht qualifiziert genug sei, da es ja um Leben und Tod ging. Der »Herrenrasse« waren kompetente Anwälte und Dolmetscher zugänglich gemacht worden, während die am Kriege unbetei-

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ligt gewesenen Spanier, Angehörige einer nichtfeindlichen Nation, alleine gelassen wurden und niemand schien sich auch nur im geringsten um deren Schicksal zu kümmern.

Justitia muß vor Scham geweint haben an jenem Tag. Ich weiß, daß ich es tat, denn ich war die »Dolmetscherin.« Wie einer meiner Kollegen sagte, während er traurig auf die amerikanische Fahne blickte, die an der Wand hing, und indem er mit einer Geste der Verzweiflung den Kopf schüttelte: »Welche Schande für unsere Fahne.«

gez. EVE FRIDELL HAWKINS

Washington

Ich hatte Eves Brief vergessen. Ich war sehr überrascht und sogar amüsiert darüber, daß der den Akten beigefügte Brief der US- Armee einige Unruhe bereitet hat, die dann auch überraschend schnell auf diese Veröffentlichung reagierte. Mit einem Brief, datiert vom 29. September 1948, nur zwei Tage später, forderte der Staatsanwalt der Rechtshauptstelle in Washington, D.C. die Kommission für Kriegsverbrechen in Deutschland auf, zur beigefügten Kopie jenes Leserbriefes umgehend eine Erklärung abzugeben. Der Brief des Generalstaatsanwalts war mit der Unterschrift eines Sekretärs des Ministeriums der Armee abgeschickt worden, wie es bei Briefen, die das Hauptquartier der Armee verließen, allgemein üblich war.

Was ich damals nicht wußte - und vermutlich auch Eve nicht - war, daß die Armee gegenüber öffentlicher Kritik empfindlich geworden war, die die Abwicklung der Dachauer Kriegsverbrecherprozesse betraf. Es entstand damals eine Kontroverse hinsichtlich des Malmedy-Verfahrens, was im darauffolgenden Jahr zu einer Untersuchung durch den Kongreß führen sollte. Man wollte wissen, ob Geständnisse im Rahmen der angewandten Verhörmethoden erpresst worden sind. Die Malmedy-Kontroverse weitete sich auf all jene Stellen der Armeeverwaltung aus, die damit zu tun hatten. Insbesondere geriet die allgemeine Praxis der Durchführung

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der Exekutionen nach den Kriegsverbrecherprozessen in den Blickpunkt1.

Am 15. Oktober 1948 antwortete der Richter des Staatsanwaltsbüros in Deutschland mit einem Memorandum an den Chef der Kriegsverbrechensabteilung, Sonderstab der Armee der Vereinigten Staaten »unter Bezugnahme auf die Akte des Falles U.S. gegen Lauriano Navas et. al., No. 000-50-5-24 >mit der Aussage<, daß Mr. McClintock, ein Anwalt, den Fall untersucht hat.« Ein Duplikat des Berichtes von Mr. McClintock, dem mit der Überprüfung des Falles beauftragten Anwalt war beigefügt.

Das Memorandum, von einem Mr. W.M. Fleischer geschrieben, wurde mit der Unterschrift des Colonel J.L. Harbaugh, Jr. des Staatsanwaltsbüros in Deutschland versehen. Beigefügt war ein Brief von Arthur Bieler, einem der Dolmetscher im Falle Navas, der damals in der Übersetzungsabteilung des Staatsanwaltsbüros gearbeitet hat.

Das Memorandum lautete:

- Aus den Unterlagen geht nicht hervor, daß Mrs. Hawkins gegen ihren vorübergehenden Einsatz als Dolmetscherin für diesen Fall protestiert hatte. Es sollte erwähnt werden, daß nach den Bestimmungen für das Zivilpersonal - Rundschreiben für Zivilpersonal 22, unter > Verfahrensweise bei Beschwerden von Angestelltem vom 14. November 1946 -, Mrs. Hawkins wegen einer Beschwerde vorgesprochen hatte, deren Anhörung am 4. Juni 1947 erfolgte und worüber sie wie folgt aussagte:

- Ich bin nicht als Anlernprotokollführerin eingestellt worden, sondern als eine CAF-7 - Gerichtsschreiberin, wofür ich mich durch meine schulische Bildung und durch eine lange Ausbildung im Rechtswesen einschließlich meiner prakti-

1 Siehe »Crossroads of Death«, von James J. Weingartner, University of Berkeley und Los Angeles: California Press, 1979.

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sehen Tätigkeit als Gerichtsprotokollantin in Washington, D.C. qualifiziert habe; außerdem durch eine sechsmonatige Tätigkeit als Protokollführerin für Direktoriumssitzungen in spanischer Sprache im Ausland. Es hat bezüglich meiner Qualifikationen und meiner Fähigkeiten keine Zweifel gegeben. Außerdem unterzog ich mich einer Prüfung in Washington, bevor ich als Gerichtsschreiberin eingesetzt wurde. -

Das Memorandum schloß wie folgt: »Es scheint außer Frage, daß die von Mrs. Hawkins in dem Zeitungsartikel gemachten Vorwürfe ohne Grundlage sind.« Außerdem wurde hinzugefügt, daß Indalecio Gonzalez, der einzige der vier Angeklagten, der zum Tode verurteilt wurde, auf die Exekutionsliste für ein Datum kurz nach dem 1. November 1948 gesetzt worden sei.

Beim Lesen dieser Unterlagen hatte ich das Gefühl, daß die Armee Eves Brief so behandelt hatte, als würde es sich um eine kleinliche Bürointrige handeln. Der Kriegsverbrechensgruppe schien eher an der Diskreditierung Eves zu liegen, als auch nur die geringsten Zweifel an der Korrektheit der Abwicklung der Kriegsverbrecherverfahren aufkommen zu lassen.

Mr. Fleischer als der eigentliche Schreiber des Briefes, der von Colonel Harbaugh unterzeichnet war, verstand entweder Eves Brief nicht, oder er handelte rein defensiv auf die Anfrage des aufgescheuchten Pentagon. Eve hatte ihre Qualifikationen als Gerichtsschreiberin nicht geleugnet, sondern lediglich ihre Übersetzungsqualitäten vor Gericht zur Sprache gebracht. Fleischer verstand entweder nicht den Unterschied zwischen der Fähigkeit in einer Fremdsprache Protokoll aufzunehmen und der Fähigkeit bei Gericht zu übersetzen, oder er mißdeutete ihren Brief absichtlich, indem er ihre Tätigkeit als Protokollantin in Spanisch als volle Qualifikation ansah.

In einem Begleitbrief gab Arthur Bieler an, daß ihn die spanische Sprache stets interessiert habe und daß sie im College sein Nebenfach gewesen sei2. Er fügte hinzu, daß er diesem Prozeß seine besondere Aufmerksamkeit gewidmet

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hatte, weil die vollständigen Vorgänge des Falles ins Spanische übersetzt worden sind.

Bieler sagte noch, daß von den zwei spanischen Dolmetschern, die für dieses Verfahren tätig waren, einer immer zugegen gewesen sei. Außerdem beherrschte Major Poullada die spanische Sprache ausgezeichnet, und es gibt keinen Zweifel darüber, daß die Angeklagten den Vorgängen nicht gut folgen konnten. Bieler, aus dessen Erklärung hervorging, daß er um die Probleme der Simultanübersetzung von Fremdsprachen wußte, berichtete:

- Miss HAWKINS, eine der Protokollführerinnen, die wegen ihrer Kenntnis der spanischen Sprache hinzugenommen wurde, war die viel schwächere der beiden; sie sprach stockend und hatte manchmal Schwierigkeiten, das richtige Wort zu finden. Sie schien nicht genug zu verstehen, wenn Spanisch gesprochen wurde. Ich kann mich aber an keine Gelegenheit erinnern, bei der die Angeklagten den Versuch machten, den Ablauf des Verfahrens aus sprachlichen Gründen zu unterbrechen. Außerdem war Major POULLADA teilweise bei jenen Sitzungen im Gerichtsraum, an denen Miss HAWKINS und ich teilnahmen, zugegen, und bei einigen Gelegenheiten berichtigte er sie -

Bieler schloß seinen Brief, nicht ohne zu erwähnen, daß er der Meinung sei, daß »jeder Teil der Prozeßvorgänge bei Gericht ins Spanische übersetzt wurde und daß die Angeklagten jederzeit den Eindruck machten, daß sie wußten, worum es ging.«

In seinen Kommentaren bescheinigte V.H. McClintock, ein Zivilanwalt des Kriegsministeriums, an den ich mich aus der

2 Aus Bielers Stellungnahme geht hervor, daß er sich für kompetent hält, Eves Übersetzungen vor Gericht kritisch beurteilen zu können. Dies ist Anmaßung, da er lediglich nebensprachliche Collegekenntnisse nachzuweisen hatte.

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Zeit meiner frühesten Tätigkeit in Dachau erinnern kann, wo er als Ankläger und besonders als Hauptankläger im Gernsba-cher Fliegerfall tätig war, daß er die gesamten Unterlagen des Navas-Falles vollständig gelesen und gründlich untersucht habe. Er erklärte, daß weder seitens Miss Hawkins noch von einer anderen Person irgendwelche Einwände hinsichtlich ihrer Fähigkeit des Übersetzens der Vorgänge gemacht wurden. Er sagte außerdem, daß an keiner Stelle des Verfahrens die Frage nach der Genauigkeit und Richtigkeit der Spanischübersetzungen aufkam, weder von einem Mitglied des Gerichts noch von sonst jemandem, der an dem Verfahren beteiligt war.

Dem Einwand Eves hinsichtlich einer unfairen Behandlung oder Benachteiligung der Spanier begegnete McClintock so:

- Während ihres Gewahrsams im Konzentrationslager wurden drei der Angeklagten durch ihre Zusammenarbeit mit den SS-Vorgesetzten zu Gefangenenvorleuten oder>Kapos<, und der Angeklagte Gonzalez stieg sogar in die Position eines >Oberkapo< auf, so daß er offiziell als der oberste Gefangene des ganzen Lagers galt. -

McClintock unterstrich damit die Meinung der Armee über die Konzentrationslager. Gonzalez, der »Oberkapo«, trug also eine größere Schuld als die anderen Kapos, die seine Untergebenen gewesen sein mochten - ein weiterer Beweis für die Beeinflussung des Gerichts hinsichtlich des Todesurteils durch Erhängen.

Offensichtlich in Verlegenheit geraten, und immer noch ohne Antwort auf das Memorandum vom 15. Oktober, telegraphierte die Generalstaatsanwaltschaft aus Deutschland am 23. Dezember nach Washington: »Erfolgen keine weiteren Anweisungen seitens des Kriegsministeriums, ist die Vollstreckung des Urteils von Gonzalez vom 10. Oktober 1948 aufgeschoben.« Das um Direktiven aus Washington ansuchende Telegramm schloß: »Erfolgt kein gegenteiliger Bescheid, so wird die Exekution für kurz nach dem 1. Januar 1949 freigegeben, wobei Gonzalez auf die Liste der

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Kriegsverbrecher zu setzen sei, deren Todesurteile zu vollstrecken sind.« Dieses Telegramm veranlaßte General Lucius Clay, die Aussetzung des Todesurteils von Gonzalez abzulehnen und zu bestätigen, daß »der Mann gehenkt werden soll.« Ohne das Wissen um den Brief der Protokollführerin hatte Gonzalez eine kurze Aufhebung des Urteils erreicht, obwohl es ihn letztendlich ins Verderben führte. Die Zweifel der Öffentlichkeit hatten das Rechtsbewußtsein der Armee verunsichert und der Brief einer Teilnehmerin der Gerichtsverhandlungen hatte die Verantwortlichen der Armee veranlaßt, empfindlich zu reagieren. Man konnte hinterher schlecht zugeben, daß das Urteil falsch gewesen sei. Weisungsgebunden klammerte sich die Armee an das Todesurteil von Gonzalez. Eve erfuhr vermutlich nie etwas von dem durch sie verursachten Briefwechsel; falls doch, so wäre sie darüber ganz sicher verärgert gewesen.

*

In der Folge warf ein deutscher Anwalt namens Otto Kranz-bühler ein Schlüsselproblem, die Kriegsverbrechensgruppe betreffend, auf. Am 1. Juni 1951 überreichte Kranzbühler persönlich eine Eingabe wegen Lauriano Navas, der Leutnant der französischen Armee gewesen war. Diesen Rang hatte er bei der Gefangennahme durch die Deutschen nicht verloren, als er völlig ungesetzlich in ein Konzentrationslager gesperrt und als Zivilist behandelt worden war. Kranzbühler beanspruchte für Navas den Status eines Leutnants der französischen Armee und er beharrte darauf, daß die US-Kriegsverbrechensgruppe kein Recht hätte, ihn zu verurteilen.

Kranzbühler umriß gleichfalls die Rolle der vier Zeugen, die gegen Navas ausgesagt hatten und hob hervor, daß zwei Zeugen ein und die gleiche Person seien und daß sie keine Verbindung zu Navas hätten. Er führte weiter aus, daß der dritte Zeuge, Leutnant Jean Loureau, gegen Gonzalez ausgesagt hatte und nicht gegen Navas. Es blieb nur noch der Zeuge

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Nakladezuk, auf den sich Kranzbühler als »angeblichen Polen« bezog, der einzige Zeuge, der tatsächlich gegen Navas ausgesagt hat.

Kranzbühler lehnte Nakladezuks Aussage vollständig ab. Er erklärte, daß allgemein bekannt war, daß niemand ohne Sondererlaubnis die Krankenstube betreten durfte. Dennoch hatte Nakladezuk behauptet, er hätte die Krankenstube, wann immer er es wünschte, betreten können »um den Zahnarzt aufzusuchen und einige Füllungen zu erhalten.« Bei einer dieser Gelegenheiten, so der Zeuge, vergewisserte er sich vom Tod des ihm unbekannten Russen, der eine Woche zuvor geschlagen worden war. Es war Nakladezuk, der die frühere Aussage gemacht hatte, daß Navas der Typ des Kapos sei, der »so gefürchtet war, daß jemand, der von ihm angesehen wurde, aus Furcht vor ihm zu Boden gefallen sei, und: »Ich sah nur wie der Angeklagte Navas jeden Tag schlug.« Als er gefragt wurde, ob auch er hingefallen sei, als Navas ihn anblickte, antwortete er, daß er »jedesmal wegschaute«, wenn immer ihn Navas erblickte, und da er gesehen hatte wie Navas andere anschaute, »konnte ersieh vorstellen, vorlauter Schrek-ken hinzufallen3«.

Kranzbühler brachte seine Anschuldigungen bezüglich der Zeugen in seinem Brief offen und nachhaltig zum Ausdruck. Mittlerweile hatte die Generalstaatsanwaltschaft Navas individuellen Fall erneut bearbeitet und mit Datum vom 15. April 1951 einen internen ordentlichen Bericht erstellt. Aus diesem Bericht geht hervor, daß als Folge des Eingreifens von Kranz-bühler für Navas jeder der vorgebrachten Punkte untersucht wurde, mit der Ausnahme des Arguments, wonach die Armee keine Gerichtsbarkeit über Navas ausüben durfte, da er ein Offizier der französischen Armee sei. Trotz des Berichtsda-

3 Siehe Akte Nr. 000-50-5-24. Die Vereinigten Staaten gegen Lauriano Navas, et. al., U.S. Records Section, National Archives, Suitland, Maryland.

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tums (er wurde sechs Wochen vor Kranzbühlers erster Intervention gefertigt) könnte man zu der Auffassung gelangen, daß es eine Zusammenstellung zur Beantwortung der Argumente Kranzbühlers war, welche der Kriegsverbrechensgruppe vor Kranzbühlers Eingabe bekanntgeworden sein konnte. (Auf der anderen Seite kann der Bericht der US Behörde (JAG) ein falsches Datum haben oder sogar rückdatiert worden sein, da Kranzbühler keinen Hinweis darauf besaß, daß der Bericht schon existierte, als er seine Eingabe tätigte.)

Der JAG-Bericht, von Lieutenant Colonel (Oberstleutnant) William J. Coleman erstellt und mitunterzeichnet von V.H. McClintock, einem Zivilanwalt (von dem auch die Antwort an das Pentagon bezüglich des Briefes von Eve Hawkins an »The Washington Post« stammt), wirft erneut die Frage auf, ob das Gericht die Entscheidung aus dem Hauptfall Mauthausen-Massengrausamkeiten zu berücksichtigen gehabt hätte. Es wurde weiter angeführt, daß der »Angeklagte« weder SS-Mann noch Zivilist oder Lageroffizieller war und nichts mit der Gruppe von Menschen zu tun hatte, deren Schuld schon allein deshalb angenommen wurde, weil sie im Lager waren.«

Als eine ganz wichtige Einzelheit enthielt der Bericht eine eingeklammerte Notiz, mit der seitens des Kriegsministeriums anerkannt wird, daß mindestens ein Teil der den Konzentrationslagerfällen zugrunde gelegten Zeugenaussagen durch Berufszeugen zustande gekommen war. Die Notiz besagt:

- Ein Memorandum, ausgegeben am 2. April 1951 vom Leiter der Kriegsverbrechensabteilung Europa, besagt, daß Pedro Gomez, obwohl er amtlicherseits nie als unzuverlässig erklärt wurde, ausdrücklich als »Berufszeuge« einzustufen sei, und daß seine Aussagen mit Vorsicht zu bewerten seien und ihnen wenig Gewicht beizumessen sei .Es sei denn, die Aussagen könnten erhärtet werden.4 -

4 Siehe Akte Nr. 000-50-5-25, U.S. gegen LAURIANO Navas, et. al., U.S. Records Section, Suitland, Maryland.

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Diese Ermahnung aus dem Büro des Leiters der Kriegsverbrechensabteilung Europa kam zum Unglück der Angeklagten und zum Schaden des Rechts erst, nachdem die Prozesse gegen Ende des Jahres 1947 abgeschlossen waren. Damit ergab sich ein spätes amtliches Eingeständnis der Beobachtungen, die meine Kollegen und ich hinsichtlich der Existenz und der »Verläßlichkeit« dieser Klasse von Zeugen, gemacht hatten. Hätten die US-Behörden jene Zeugenaussagen einer ehrlichen Bewertung unterzogen, so wären viele jener »Kriegsverbrecher«, die sie mitgeholfen haben zu hängen, am Leben geblieben.

Der Armeebericht vom 18. April 1951 bringt über den Navas-Fall eine Zusammenfassung der Aussagen der Zeugen der Verteidigung, die selbst wegen Kriegsverbrechen angeklagt waren. Zum erstenmal wird auf deren Aussagen Gewicht gelegt, wodurch das Gericht und das erste Berufungsverfahren in Widerspruch geraten, da diese Zeugnisse außer acht gelassen wurden.

Außerdem wurde ganz deutlich ein Zweifel hinsichtlich der Aussage von Nakladezuk geäußert. Im Unterabschnitt (Nr. 3), unter der Überschrift »Begnadigung«, heißt es unter »Minderung« am 18. April: »Wir stehen deshalb einer Situation gegenüber, in der ein Angeklagter durch uns zu lebenslänglich Gefängnis auf der Grundlage der Aussage eines Zeugen verurteilt wurde, obwohl die Beweisführung zu dem betreffenden Vorfall (dem Schlagen einer Person) auf sehr wak-keligen Füßen steht, was die tatsächliche Identität des Täters angeht.«

Man erinnerte sich daran, daß Navas seit dem 7. Mai 1945 in Gewahrsam war, und deshalb ging aus dem JAG-Bericht die Empfehlung hervor, daß »das Urteil mit der verbüßten Strafe abgegolten sei.« Navas wurde entlassen. Aus den Unterlagen ist nicht ersichtlich, wie er den Einstieg in das normale Leben, nach mehr als einem Jahrzehnt der Gefangenschaft, wieder aufgenommen hat, die Hälfte davon unter der Obhut seiner »Befreier.«

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Ich weiß nicht auf wen sich Eve Hawkins in ihrem Leserbriefbezogen hat, als sie schrieb: »Wie einer meiner Kollegen sagte, während er traurig auf die amerikanische Fahne blickte, die an der Wand hing, und indem er mit einer Geste der Verzweiflung den Kopf schüttelte: >Welch Schande fürunsere Fahne<.« Das könnte beinahe jeder ihrer Kollegen unter den Protokollführern gesagt haben.

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