ILSE KOCH

Sowohl Eve Hawkins als auch Colonel Denson konnten sich bei den westdeutschen Behörden dafür bedanken, daß Ilse Kochs von den Amerikanern verkürzte Gefängnishaft von den deutschen Behörden wieder rückgängig gemacht wurde. Es war ein verwickelter Fall.

Im Jahre 1944, lange vor dem Buchenwaldprozeß in Dach-au, wurden Ilse Koch und ihr Mann Karl wegen Mord und Betrug vor ein SS-Gericht gestellt. Aus den Kriegsverbrechensakten der US-Archive konnte ich erfahren, daß Karl Koch in den Jahren 1940-1941 Geld und Wertsachen von Häftlingen erschwindelt haben soll. Vermutlich von wohlhabenden Juden, mit dem Versprechen, ihnen zur Freiheit zu verhelfen. Stattdessen ließ er sie jedoch töten, um sie für immer zum Schweigen zu bringen. Als ich weiter nachforschte, erfuhr ich, daß seine Verbrechen den deutschen Behörden bekannt wurden. Deshalb wurde SS-Sturmbannführer Koch seines Postens in Buchenwald enthoben und an der Ostfront eingesetzt. Seine Frau war nicht in der Lage ihn zu begleiten und blieb bis 1943 in Buchenwald.

Beide kehrten 1944 zur Verurteilung durch die SS nach Buchenwald zurück. Da es keine Beweise gab, die Frau Koch in Verbindung mit den Verbrechen ihres Mannes brachte, erklärte das Gericht sie für nicht schuldig, sie wurde entlassen. Karl Koch wurde jedoch für schuldig befunden, mindestens drei Morde begangen zu haben. Er wurde zum Tode verurteilt und am 5. April 1945' hingerichtet.

Zu meiner Überraschung erfuhr ich, daß Ilse Kochs Mann homosexuell veranlagt war. Vermutlich wegen eines unerfüllten Ehelebens soll sich Ilse Koch nach einigen der SS-Offiziere und, Gerüchten zufolge, sogar nach Insassen umgesehen

l Mohler, Armin, Der Nasenring, Essen: Verlag Heitz & Höffkes, 1991

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haben, um einen sexuellen Ausgleich zu finden. Das war neben den angeblich in ihrem Haus gefundenen »Lampenschirmen2« ein weiterer Grund sie als »Hexe von Buchenwald« zu brandmarken. Sie wurde sofort nach Ankunft der Amerikaner gefangengenommen und im Hauptverfahren des Buchenwaldprozesses verurteilt.

Das Verfahren fand während meiner Zeit in Dachau statt, und es erfreute sich besonders großer Aufmerksamkeit der Medien. Buchenwald galt als besonders schlechtes Lager, doch erst durch die Teilnahme Ilse Kochs wurde der Prozeß zu einer Sensation. Alle, die wir im Rahmen der Kriegsverbrecherprozesse in Dachau arbeiteten, waren von den ihr angelasteten Verbrechen schockiert. Wir waren verblüfft, als wir erfuhren (das war kurz nach meiner Ankunft in Dachau), daß sie inzwischen schwanger geworden war.

Es war unfaßbar, wie eine »so alte Frau« schwanger werden konnte (und unter so mysteriösen Umständen). Nicht nur weil ich als Neunzehnjähriger glaubte, daß das Geschlechtsleben der Menschen lediglich ein Vorrecht meiner Generation sei, sondern auch deswegen, weil das Kind, das sie austrug, offensichtlich in der Isolationshaft gezeugt worden sein mußte.

Ihre Schwangerschaft führte wegen der Frage nach dem Vater zu wilden Spekulationen. Einige Protokollführer waren der Meinung, daß es kein anderer als Josef Kirschbaum war, da er zum einen fast der einzige war, der allein Zugang zu ihr hatte, und zum anderen weil er wegen seiner Grausamkeit gegenüber den deutschen Gefangenen gefürchtet war.

Kurz nach dieser sensationellen Enthüllung, beobachtete ich sie aufmerksam, wie sie ihren Weg vom Gefängnis in den Gerichtssaal nahm. Schwerfällig, doch resolut redete sie mit den anderen Angeklagten von Buchenwald, alles Männer. Sie lachten über eine Bemerkung, die sie gemacht hatte. Frau

2 Utley, Freda, The High Cost of Vengeance, S. 199, Chicago: Henry Regnery Company, 1949.

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Koch überraschte mich dadurch, daß sie älter und vollschlanker war, als ich sie mir vorgestellt hatte. Sie sah, wie die Deutschen das nennen würden, »hausbacken« aus. Ohne Make up, mit ungekämmtem Haar und einer wenig einnehmenden Haut sah sie aus wie eine derbe, klotzige Bäuerin. Sie war um die Hüften herum schon sehr füllig. Es war mir nicht möglich, irgend etwas Außergewöhnliches an ihr zu finden, weder körperlich noch geistig.

Mit dem Fortgang des Verfahrens wurde Ilse Kochs Zustand immer offenkundiger und zur Zeit der Urteilsverkündung war sie hochschwanger. Frau Koch bekam lebenslänglich und wurde zur Urteilsvollstreckung in das deutsche Frauengefängnis nach Aichach gebracht.

Dort gebar sie im Oktober 1947 ihren Sohn Uwe, der ihr sehr bald fortgenommen wurde. Als Kind sagte man ihm nicht, wer seine Mutter war. Er erfuhr es erst neunzehn Jahre später, als seine Mutter ihn wiedersehen durfte3.

General Lucius Clay, der Militärgouverneur von Deutschland, der sich der ungewöhnlichen Umstände wegen selbst um den Fall Ilse Koch kümmerte, befand, daß sie der ihr angelasteten Verbrechen nicht schuldig sein konnte. Clay stellte fest, daß sie zwar eine unmoralische Frau gewesen sein mochte, doch dies sei nicht der Grund für ihr Erscheinen vor Gericht gewesen. Er minderte das Urteil auf vier Jahre4.

Daraufhin ging ein Sturm der Entrüstung durch die amerikanische Presse. Es wurde Druck ausgeübt, ein härteres Urteil für die »Hexe von Buchenwald« zu fällen. Gleichzeitig schlachtete die Sowjetunion die Begnadigung als einen Propagandatrick der amerikanischen Deutschlandpolitik aus. Der US-Kongreß schaltete sich ein, und ein Komitee des Senats bestätigte die ursprünglichen Anklagen erneut.

3 Smith, Arthur Lee, Die Hexe von Buchenwald, Köln: Böhlau Verlag, 1983.

4 Ebenda

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Die amerikanische Regierung fand eine politische Lösung: Sie setzte die deutsche Regierung unter Druck, etwas gegen Ilse Koch zu unternehmen5. Nach diskreten Hinweisen von US-Beamten wurde sie von der deutschen Regierung erneut verhaftet und wieder verurteilt. Man beschuldigte sie, verschiedene deutsche Häftlinge in Buchenwald ermordet zu haben. Wieder wurde Ilse Koch zu lebenslänglich verurteilt.

Dieses Urteil, das Ilse Koch im Frauengefängnis von Aichach absaß, wurde trotz ihres Gesuchs bei der Kommission für Internationale Menschenrechte nicht umgewandelt. Ilse Koch mußte den Rest ihres Lebens hinter Gittern verbringen.

Ich erhielt durch die Berichte einer Verwandten meiner Frau, die über viele Jahre im Aichacher Frauengefängnis beschäftigt war, einen anderen Eindruck von Ilse Koch. Sie hatte über zwei Jahrzehnte, während der Zeit der Gefangenschaft von Ilse Koch, einen engen Kontakt zu ihr. Die Beschreibung unserer Verwandten widerlegte alles, was ich bis dahin über sie gehört hatte.

Ilse war eine ruhige, gedankenvolle Frau, mit der sie sich gerne unterhalten hatte, erzählte sie. Die bekannteste Gefangene von Aichach hatte darum gebeten, von den anderen Gefangenen abgesondert zu werden, was man ihr auch zugestand. Ihre Einsamkeit wurde nur durch regelmäßige Spaziergänge im Gefängnishof unterbrochen, wobei sie immer von einer Wache begleitet wurde. Sprach sie, so waren ihre Bemerkungen vernünftig, es kamen Klarheit und Intelligenz zum Vorschein. Doch sie sprach niemals über sich selbst.

Im Alter von neunzehn Jahren fand Ilses Sohn Uwe mit Hilfe von Zeitungsberichten und an Hand der kargen Einzelheiten, die er über seine Geburt erfahren hatte, heraus, daß Ilse Koch seine Mutter war. Als er es bestätigt bekam, begann er sie regelmäßig im Gefängnis zu besuchen. Dies empfand seine Mutter als sehr trostreich.

5 Ebenda 246


Ihr erster Sohn, aus ihrer Heirat mit Karl Koch, hatte Selbstmord verübt; - die Gehässigkeit gegen seine Eltern und die Schande der Prozeßführung um seine Mutter hatten ihn überwältigt6. Uwe dagegen brachte seiner Mutter gegenüber Bewunderung zum Ausdruck. Ilse schrieb kleine Gedichte für ihn, die sie ihm bei seinen Besuchen übergab.

Am 1. September 1967 kam Ilse Kochs Sohn zu einem regulären Besuch. Er mußte mit Bestürzung erfahren, daß seine Mutter an jenem Morgen in ihrer Zelle erhängt aufgefunden wurde. Ihr Tod wurde als Selbstmord bekanntgegeben.

Uwe kümmerte sich um das Begräbnis, er kaufte eine Grabstätte und ließ den Grabstein mit dem Namen seiner Mutter beschriften. Der Gefängnisverwaltung ist der Aufenthalt von Frau Kochs Sohn nicht bekannt. Obwohl Ilse ihrem Sohn den Namen des Vaters mitgeteilt haben mag, hat sie es sonst niemandem gesagt. Soweit mir bekannt ist, hat auch ihr Sohn den Namen nicht weitergegeben.

Ilse Koch wurde in Aichach ohne kirchliche Beteiligung beerdigt. Das Begräbnis wurde eine »staatliche Beerdigung« genannt. Dies bedeutete lediglich, daß es eine zivile Angelegenheit war. Ihr Grab wurde richtig bezeichnet, war Jahre hinaus gut gepflegt. Es war für Friedhofsbesucher klar erkenntlich bezeichnet. Als ich im April 1989 ihr Grab besuchte, war es ungepflegt und nicht gekennzeichnet. Ich erfuhr von der Friedhofsverwaltung, daß der Vertrag für die Aufrechterhaltung des Platzes abgelaufen und nicht erneuert worden war. Der Friedhofsbeamte erzählte mir, daß er Ilse Kochs Sohn anläßlich der Beerdigung kennengelernt hatte. Im Gegensatz zu seiner Mutter war er hager und dunkelhaarig-

Viele Jahre nach der Verurteilung sprach General Lucius Clay, der ihr Urteil umgewandelt hatte, freimütig (wenn auch etwas zweideutig) über den Fall Ilse Koch:

6 Ebenda

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»- Der eine Grund (bezugnehmend auf die Überprüfung des Urteils) dafür, daß ich die Todesstrafe für Ilse Koch zurückwies war der, daß die ganzen Verfahrensgründe nichts ergaben, was eine Todesstrafe hätte rechtfertigen können, abgesehen davon, daß sie ein verabscheuungswürdiges Wesen war. Ich nehme an, daß ich mehr Kritik dafür bekam als für irgendeine andere Sache, die ich in Deutschland durchgeführt habe. Irgendein Reporter nannte sie die »Hexe von Buchenwald,« und er schrieb, daß sie Lampenschirme aus menschlicher Haut in ihrem Haus hatte. Das wurde vor Gericht gebracht, wobei eindeutig nachgewiesen wurde, daß die Lampenschirme aus Ziegenhaut7 hergestellt worden waren. -«

Während meiner Zeit in Dachau sah ich einen der Lampenschirme aus »Menschenhaut.« Er sah aus wie lichtdurchlässiges Leder, einige Millimeter dick, verziert mit einem etwas verschwommenen tätowierten Muster, ganz und gar unähnlich Tätowierungsmustem, wie sie mir bekannnt waren. Der Schirm kam mir etwas komisch vor, da mir der Anblick des Materials mit dem Blick auf das rohe Verzierungsmuster Rätsel aufgab. Trotzdem akzeptierte ich die Behauptung und hielt den Lampenschirm für menschliche Haut. Zu jener Zeit wäre es mir nicht eingefallen zu glauben, daß die Geschichte von dem Lampenschirm aus Menschenhaut eine grausame und häßliche Lüge war.

7 Smith, Jean Edward, Lucius D. Clay, An American Life, S., 301, New York: Henry Holt and Company, 1990.

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