DANUTA DRBUSZENSKA AUS ANDERER SICHT

Von allen Unterlagen die ich durchsah, überraschten und ernüchterten mich keine so sehr wie die über das Franz Kofler-Verfahren, bei dem ich so sehr von Danuta Drbuszenska eingenommen war. Während des Verfahrens noch von ihr beeindruckt, war ich erschreckt über Unstimmigkeiten innerhalb ihrer Aussagen, die so deutlich waren, daß ich dazu nur noch sagen kann, »sie war eine blindwütige Lügnerin.«

Keiner der Verteidiger fragte sie danach, wie sie noch Kartoffeln schälen konnte, als Petrat sie schlug, nachdem sie aus dem Zählappell »herausgeholt« worden war, wie sie es zunächst geschildert hatte. Noch fragte die Verteidigung nach den Unstimmigkeiten im Rahmen ihrer Aussagen bezüglich der Arbeiten, die von den polnischen Frauen wirklich zu verrichten gewesen waren. Drbuszenska sagte aus, daß sie Eisenbahnschienen getragen habe, fünf Frauen eine Schiene. Dies hätte zu dem Einwand führen müssen, daß sie nicht nur Kartoffeln geschält hat. Nicht einmal eine Karotte hätte sie stehlen können, wenn sie Schienen getragen hätte. Später sagten Zeugen aus, daß Frauen niemals Schienen tragen mußten. Offensichtlich ist Drbuszenska beim Stehlen von Lebensmitteln erwischt worden und, da sie dies ableugnete, wurden meine Zweifel noch erhärtet. Ich wurde bestätigt, als ich die Frage des Verteidigers und ihre Antwort in den Unterlagen gelesen hatte.

Zur Zeit des Verfahrens war ich davon überzeugt, daß sie und Petrat ein Verhältnis miteinander hatten; die Tatsache, daß er während ihrer Aussage schwer errötete, bestätigte es. Da ich keinen anderen Grund für das Erröten eines jungen Mannes kannte, als den einer kompromittierenden Liebesangelegenheit, überprüfte ich nun Petrats Identifikationskarte. Er war erst zweiundzwanzig zur Zeit des Verfahrens und zwanzig zur Zeit des Vorfalles. Drbuszenska war zu jener Zeit

249


erst neunzehn, als er sie, ihrer Aussage nach, geschlagen und anschließend ihre Freundin Wiesniewska getötet haben soll.

Es ist nur schwer vorstellbar, daß Petrat die Drbuszenska zu »seinem Apartment« nahm, um sie dort zu schlagen und dort ihre Haarzöpfe um seinen Arm zu wickeln, so daß er sie daran heben und senken konnte! Zeugen sagten in der Tat aus, daß Petrat über kein privates Apartment verfügte, sondern zusammen mit anderen Soldaten untergebracht war. Drbuszenska wäre glaubwürdiger gewesen, wenn sie ausgesagt hätte, Petrat hätte sie vergewaltigt.

Ich empfand es als eigenartig, daß ein zwanzig Jahre alter Unteroffizier in der streng hierarchisch geführten SS die Machtbefugnisse gehabt haben soll, »Leute zu töten und zu vergasen..., wobei niemand ihm etwas antun könnte,« wie Drbuszenska behauptete, wie ich es nun nachlesen konnte. SS-Personal, das im eigenen Verantwortungsbereich unbefugt handelte, wurde normalerweise bestraft. Karl Koch, der Lagerkommandant von Buchenwald - nicht gerade ein kleiner SS-Offizier - wurde von seinen vorgesetzten Behörden angeklagt, verurteilt und exekutiert. Deshalb kann Drbuszenska nicht munter drauflos behaupten, Petrat habe die Macht besessen, Gefangene nach Gutdünken zu töten.

Drbuszenskas späteres Zeugnis ist voller Widersprüchen zu ihren früher gemachten Aussagen, wonach Petrat ihr gnadenloser Feind war, der sie bekämpfen wollte, da er sie angeblich nicht leiden konnte. Wäre das so gewesen, so hätte er sich nicht auf die von ihr erwähnten gemeinsamen häufigen und neckischen Hänseleien eingelassen.

Falls eine Zilenska wirklich existierte, schien die Anklage sich nie bemüht zu haben, diese zu befragen oder um eine schriftliche Erklärung zu bitten oder die Geschichte der Drbuszenska persönlich zu überprüfen. In Abwesenheit anderer Zeugen, die ihre Aussagen entweder bestätigen oder bestreiten konnten, fand sich das Gericht gezwungen sich zu entscheiden, wer glaubwürdiger war: Petrat oder Drbuszenska? Geht man von dem Ort und der Zeit des Geschehens aus, so gab es

250


keine Frage, das Gericht würde in jedem Fall der Drbuszenska glauben.

Das Gericht - oder wenigstens die Behörde des Wiederaufnahmeverfahrens - hätte auch die Behauptung in Zweifel ziehen müssen, daß Petrat den Waschraum der Frauen betreten hätte, wo er sich angeblich aufhalten konnte, wann immer er es wollte. Ein Mann des SS- Wachpersonals soll sich in einem Frauenwaschraum herumgetrieben haben?

Außerdem bescheinigten einige andere Zeugen, daß Petrat »Hundeführer« war. Trotz ihrer angeblich häufigen Begegnungen mit Petrat im Lager erwähnt Drbuszenska nicht ein einziges Mal seinen Hund. Wenn Petrat, wie sie sagte, ständig im Lager hinter ihr her stolzierte, wo war der Hund?

Drbuszenska zeigte alle Anzeichen einer Frau, die benutzt und dann verstoßen worden war. Ihre Aussagen sind nur von dieser Warte aus gesehen verständlich. Der Hauptverteidiger, Major William Oates, hatte versucht, das Gericht auf diese Fährte zu lenken. Doch von einem Gericht, das so offen gegen den Angeklagten eingestellt war, konnte man kein Einsehen erwarten.

Was die anderen Anklagen betraf, so bemerkte ich zu meinem Bedauern, daß das Gericht die durch die Verteidigung vorgegebene Spur nicht aufzunehmen gewillt war, wonach drei Zeugen, womöglich noch ein vierter, ganz eindeutig die Identität von Hermann Bütgen festgestellt hatten, ihm jedoch eine Funktion zuerkannten, die er niemals ausgeübt haben konnte. Nur Michael Heller hatte die betreffende Aufgabe auszuführen. (Der vierte Zeuge, Wincenty Lipinski, hatte, das war ganz klar erkennbar, Hermann Bütgen mit einem anderen Angeklagten verwechselt. Darauf wurde seine Aussage in den Akten gelöscht, so daß die Einzelheiten der Aussage über die Verwechslung nicht mehr existierten. Doch es ist auch wahrscheinlich, daß Lipinski Bütgen für Hellerhielt.) Das Zusammentreffen von drei, wenn nicht sogar vier Aussagen über die Verwechslung, hätte wenigstens ein Grund zur Skepsis, wenn nicht zu äußerster Vorsicht sein müssen.

251


Zwangsläufig hatte sich die Anklageseite während der Verhandlungen direkt auf die Sonderfeststellungen bezogen, als die Verteidigung gegen Ende der Verhandlungen den Antrag stellte, den Angeklagten Lennert zu entlassen, da er mit keinem einzigen Verbrechen in Verbindung zu bringen sei. Die Anklage wies das zurück, indem sie sich auf die vorher gemachten Aussagen berief, wonach Lennert ein Angehöriger des Stammpersonals von Mauthausen war. Das sollte genügen, und die Anklage erinnerte das Gericht daran, daß Lennert im Sinne des »gemeinsamen Handelns« gemäß den Feststellungen im Mauthausen-Hauptfall zu verurteilen sei.

Der Wiederaufnahmerichter im Fall Kofler, Louis T. Tischer, verließ sich auf die Sonderfeststellungen als sein Zwangsmittel zur Aufrechterhaltung des Urteils und befand in jedem der Einzelfälle auf >schuldig.< Obwohl Tischler die Zeugen erwähnt hatte, sowohl die, die dabei gewesen waren, als auch jene, die schriftliche Aussagen eingereicht hatten, begann und beendete er das Aufnahmeverfahren mit den Hinweisen auf die Sonderfeststellungen. Auch diese eigenartigen Sonderfeststellungen untermauerten dieunfaire Kriminalisierung des Befolgens von Befehlen. Dies führte zu der bitteren Erfahrung einer Siegerjustiz.

In einem Punkt der Verhandlung widersetzte sich der Hauptverteidiger einem der von der Anklage berufenen Zeugen. Der Hauptverteidiger führte aus, daß der betreffende Zeuge zwei Tage zuvor im Gericht die Aussage eines Zeugen gegen fünf der Angeklagten mitangehört hatte. Das Gericht unterstützte diese Forderung und lehnte die Aussage Schöps ab. Die Möglichkeit, daß Schöps die anderen Zeugen im Verlauf der Verhandlungen zum Zweck einer Koordination benachrichtigen könnte, war offensichtlich, sie konnte einfach nicht übersehen werden.

Bezüglich Hermann Bütgen rügte Tischer, daß das Gericht nicht bemerkt hatte, daß einige Zeugen Bütgen mit Lennert verwechselt hatten. Er überging allerdings deren Verwirrung und stellte fest, daß die beschriebenen Vorfälle von Bütgen

252


verursacht worden waren. Dies war meiner Meinung nach gewissenlos, da aus den Aussagen ganz klar hervorging, daß sie gelogen hatten. Tatsächlich hatte die Beweisführung sehr deutlich gemacht, daß Bütgen sich überhaupt nicht im Steinbruch, dem Ort des Verbrechens befunden haben konnte, wie es ihm von seinen Beschuldigern vorgeworfen wurde.

Man muß sich auch darüber wundem, wie man Heller Verbrechen vorwerfen konnte, die von »Zeugen« bekundet wurden, die nicht einmal in der Lage waren, den Beschuldigten zu identifizieren.

Aufgrund der Aussage der drei Zeugen Lipinski, Schmeling und Milonia, einem ehemaligen jugoslawischen Insassen, wurde Heller zum Tode durch Erhängen verurteilt. Auf die Frage der Verteidigung, ob die Zeugen den Fall außerhalb des Gerichts abgesprochen hätten, antworteten Peda und Lipinski widersprüchlich.

Mittlerweile hatten andere Zeugen der Anklage zugunsten Hellers ausgesagt. Einer von ihnen, Barzinsky, bestätigte, daß er Heller für seinen Heimaturlaub eine neue Uniform gefertigt hatte. Nach dem angegebenen Datum befand er sich außerhalb des Lagers, doch einige Zeugen sagten aus, daß er während dieser Zeit Häftlinge erschossen und getötet haben soll. Doch wieder einmal sollte all das bei der Entscheidung des Gerichtes keine Rolle spielen.

Ich erinnerte mich richtig: Gustav Petrat wurde durch die Aussagen Danuta Drbuszenkas nie wieder gutzumachender Schaden zugefügt. Weder das Gericht noch der Wiederaufnahmerichter Tischer bezweifelten ihren Urteilsspruch. Tischer nahm ihre Aussage voll an, wobei er lediglich bemerkte: »Sie schien offensichtlich wegen einer der Einzelheiten leicht verwirrt«. Dies behandelte er als eine geringe Abweichung.

Abgesehen von seinem Erröten vor Gericht hätte ich mich kaum noch an Gustav Petrat erinnert, wenn ich nicht die Akte über den Koflerfall in den Archiven eingesehen hätte. Nun, da ich seine Berufungsunterlagen gelesen hatte, überkam mich

253


ein Gefühl des Mitleids diesem jungen SS-Mann gegenüber. Petrat wurde von meinen Landsleuten auf der Grundlage von Aussagen, denen schwere Formfehler - wahrscheinlich sogar Meineid - zugrundelagen, zum Tode verurteilt.

Neben den Beschuldigungen Danuta Drbuszenskas wurde Gustav Petrat angeklagt, einer Kolonne mit Gefangenen auf dem Motorrad gefolgt zu sein, wobei er Häftlinge, die am Wegrand liegen geblieben waren, getötet haben soll. Doch habe man ihn auf eine Entfernung von »eineinhalb« Häuserblöcken nicht erkennen können, und es gab Zeugen, die aussagten, daß er aufgrund von Kriegsverletzungen, die er im Kampf gegen die Sowjets erhalten hatte, unfähig war, ein Motorrad zu lenken. Nach den Aussagen Petrats war er wegen seiner Verwundungen nach Mauthausen versetzt worden. Gewiß hätte das nachgeprüft werden können. Wie es vorauszusehen war, verweigerte das Gericht Einwände hinsichtlich eines Befehlsnotstandes.

Die von Petrat nach der Verurteilung eingereichten Berufungsunterlagen befanden sich auch in den Akten. Es war eine verlorene Stimme aus dem Grab eines jungen Menschen. Ich las sie mit quälendem Schmerz. Seine Aussagen waren in deutscher Sprache, doch sie wurden dem Militärgouverneur der US-Besatzungszone in englischer Übersetzung eingereicht. Da nur eine Handvoll Amerikaner die deutsche Seite der Geschichte über die »Kriegsverbrecher« eingesehenhat, gebe ich die Niederschriften Petrats hiermit ungekürzt und im Originaltext wieder:

- Ich, Gustav Petrat, geboren 12. November 1924 in Wirballen, Litauen, zur Zeit in Landsberg am Lech, gebe hiermit eine eidesstattliche Erklärung ab, nachdem ich darüber informiert wurde, daß diese dem Militärgouverneur der US-Besatzungszone eingereicht werden soll. Mir ist bekannt, daß jede falsche Aussage schwer bestraft wird. 1.) Im Mai 1944 wurde ich wegen meiner Verwundung zum Wachpersonal des KL Mauthausen versetzt, wo ich als Hundeführer der 16. Wachkompagnie zugeteilt wurde.

254


Mein Dienstgrad war Rottenführer (Unteroffizier) der Waffen-SS.

2.) Am 10. Mai 1945 wurde ich von amerikanischen Soldaten in Ried bei Mauthausen gefangengenommen und in das Lager Tittling eingeliefert. Schon bei der Ankunft wurde ich mit Peitschen, Fäusten und Füßen mißhandelt, wie es zur damaligen Zeit bei den neu eingelieferten Gefangenen üblich war.

3.) Untergebracht wurde ich, wie viele andere auch, auf einem Kartoffelfeld im Freien, wo wir allen Witterungseinflüssen preisgegeben waren. Die ersten drei Tage bekamen wir nichts zu essen, und vom vierten Tage an teilte man uns für 20 Gefangene l Brot und für 2 Mann l Liter Suppe zu. Unter diesen Umständen lebte ich einige Wochen bis zu meiner totalen Unterernährung, so daß es mir kaum möglich war, mich vom Fleck zu rühren.

4.) Am 26. Mai 1945 hatte ich dort meine erste Vernehmung, die eine der denkwürdigsten meiner ganzen Gefangenschaft ist. Noch ehe ich die erste Frage vorgelegt bekam, wurde ich schon dermaßen geschlagen, daß ich zusammenbrach.

Nachdem es mir trotz meines geschwächten Zustandes und mit den nötigen Fußtritten seitens der Vernehmer gelang, hochzukommen,begann erst die eigentliche Vernehmung. Man legte mir Fragen vor, die ich beim besten Willen nicht beantworten konnte. Ich sollte angeben, wo sich die Führer vom KZ Mauthausen befänden. Es war mir unmöglich Auskunft zu geben, da ich es wirklich nicht wußte und ich als kleiner Rottenführer dies auch gar nicht wissen konnte. Meine Antwort löste einen Hagel von Schlägen aus.

Die zweite Frage betraf mich selbst. Man fragte mich, wieviel Häftlinge ich erschossen und erschlagen habe, worauf ich wahrheitsgemäß und mit reinem Gewissen antwortete: »Keinen Einzigen.«

255


Danach zog einer der Vernehmer eine Pistole und drohte mir, mich umzulegen, wenn ich nicht sofort die Wahrheit sage. Er meinte, daß ich ja doch aufgehängt werde. Ich sagte ihm nochmals, daß ich nur die Wahrheit gesagt habe und daß er mich ruhig umlegen könnte, dann wäre ich wenigstens von dem ganzen Schwindel befreit. Darauf nochmals Schläge und mit einem Stoß ins Kreuz flog ich zur Tür hinaus.

5.) Am 9. Mai 1945' wurde ich mit weiteren 80 Gefangenen in das Internierungslager Moosburg gebracht. Am 7. September 1945 hatte ich in Moosburg meine zweite Vernehmung, wo mir die gleichen Fragen vorgelegt wurden wie im Lager Tittling. Auch dort bekam ich Schläge mit einer Peitsche. Diese bestand aus einem etwa 30 cm langen Holzgriff, woran Lederriemen befestigt waren. Da ich die Fragen negativ beantworten mußte, sagte man mir, daß es noch andere Mittel und Wege gäbe, um m ich zur Wahrheit zu zwingen. Darauf entfernte sich der Vernehmer aus dem Vernehmungszimmer und brachte nach einigen Minuten einen zweiten Vemehmer. Da ich auch bei diesem die an mich gestellten Fragen verneinen mußte, weil ich mir keiner Tötung bewußt war, schlug er mit Fäusten auf mich ein und drohte mit »Aufhängen« und »Erschießen«. Nachdem ich bei meiner Aussage blieb, wurde ich in meine Unterkunft wieder zurückgebracht. Am 10. Februar 1946 wurde ich in das Internierungslager Dachau überwiesen.

6.) Hier wurde ich zweimal vernommen. Bei der Vernehmung am 21. Juni 1946 wurden mir Erklärungen vorgelesen, in denen ausgesagt wurde, daß ich im KZ Mauthausen acht Häftlinge erschossen hätte. Dies sollte ich unterschreiben, was ich aber strikt verweigerte, weil ich

l Es dürfte sich hier um einen Tippfehler handeln, denn Petrat meint vermutlich »Juni« oder sogar »Juli«

Der Autor.

256


niemals einen Häftling erschossen habe. Nach wiederholter Aufforderung doch zu unterschreiben wurde ich mit Füßen getreten und mit Fäusten ins Gesicht geschlagen. Dann legte man mir ein Papier zur Unterschrift vor, in dem es hieß, daß ich niemals von amerikanischen Ver-nehmem und Soldaten geschlagen wurde. Ich lehnte ab. Erst nach erneuten Schlägen und der Androhung, daß ich das Zimmer nicht verlassen werde, bis ich meinen Namen darunter setzte und der Drohung, daß sie meinen Starrsinn schon zu brechen wüßten, unterschrieb ich. Ich hatte in meinem Leben noch nie mit dem Gericht zu tun gehabt und hatte Angst, daß man mir das Leben noch schwerer machen würde.

7.) Im Januar 1947 begannen im Sonderlager Dachau die sogenannten »Bühnenschauen«. Ich wurde dreimal den Häftlingen gegenüber gestellt, doch hat mich kein einziger von Ihnen im Geringsten belastet. Der Leiter der »Bühnenschau«, Mr. ENTRESS, machte die Häftlinge darauf aufmerksam, daß ich viele Häftlinge erschossen und erschlagen haben soll, worauf aber nur Gelächter ertönte. Ich war zu dieser Zeit 22 Jahre alt. Mit 19 1/2 Jahren kam ich als Hundeführer nach Mauthausen. Ein ehemaliger prominenter Häftling, Dr. SANNER, äußerte, er kenne mich nicht, aber wenn ein Hundeführer Häftlinge erschlagen oder erschossen hätte, wäre dies bestimmt im Lager bekannt gewesen. Dieser mich entlastenden Aussage schlössen sich noch viele andere ehemalige Häftlinge an.

8.) Mitte Juli 1947 wurde ich mit meinen 7 Mitangeklagten das erste Mal unserem Offizialverteidiger, MAJOR WILLIAM A. GATES, vorgestellt. Auf seine Frage, ob ich wüßte, weshalb und von wem ich angeschuldigt würde, konnte ich nur antworten, daß ich mir keiner Schuld bewußt bin und auch nie damit gerechnet habe, daß man mir einen Prozeß machen würde, da ich ja niemand mißhandelt oder getötet hätte.

257


Major Oates sagte mir, daß er auch nichts wisse, keinen Einblick in die Belastungspapiere der An klage bekomme und sich deswegen an meine Angaben, die allgemeine Anklageschrift und an die Aussagen der Belastungszeugen beim Prozeß halten müsse.

Da nur der Ankläger über die Akten verfügte und mein Verteidiger keinen Einblick bekam, war ihm natürlich die Verteidigung sehr schwer gemacht. Major OATES versprach, alles zu tun, was in seiner Macht stand. Auch gab ich ihm die für mich wichtigen Zeugen an, die auch in Dachau interniert waren.

9.) Am 15. Juli 1947 erhielt ich eine allgemeine Anklageschrift und kam mit meinen Mitangeklagten in den Bunker I, Lager Dachau.

Es war unmöglich, sich dort mit der Beschaffung von Entlastungsmaterial zu befassen. Man war von der Außenwelt abgeschnitten. Briefe an Angehörige oder Bekannte, in denen etwas über Zeugen oder den kommenden Prozeß stand, wurden so beschnitten, daß der Empfänger nur noch Streifen erhielt, aus denen er nichts entnehmen konnte. Schon aus diesem Grunde war es mir unmöglich, Entlastungsmaterial für mich heranzuschaffen. Anforderungen von Sonderbriefen an Zeugen oder Vormeldungen zum Verteidiger waren zwecklos.

Man hat schon im kleinen damit angefangen, das Beschaffen von Entlastungsmaterial unmöglich zu machen. Auch war die Zeit bis zum Verhandlungsbeginn ohnehin zu kurz, um noch irgendwelches Material zu beschaffen.

10.) Am 6. August 1947 begann die Verhandlung die bis zum 21. August 1947 dauerte.

11.) Die Belastungszeugen hatten jede Unterstützung der Anklagebehörde. Wenn sie des Meineids überführt waren, sprang der Ankläger -MR. LUNDBERG- auf, griff die Verteidigung an, daß sie die Zeugen einschüchtere und als Lügner hinstellen würde.

258


12.) In Wirklichkeit war es umgekehrt. Entlastungszeugen wurden vom Ankläger durch Anbrüllen eingeschüchtert oder als unwahr hingestellt. Es kam vor, daß Entlastungszeugen von ausländischen Ex-Häftlingen bedroht und auch geschlagen wurden, so daß diese kein Interesse mehr hatten, sich der Verteidigung zur Verfügung zu stellen. Sie befürchteten, daß man auch ihnen etwas zur Last legen würde. Nicht unberechtigt, denn den ausländischen Häftlingen, die gegen alles was deutsch war, voller Haß- und Rachegedanken waren, konnte man auch dies zutrauen.

13.) Im Prozeß-Saal befanden sich polnische, jugoslawische und jüdische Häftlinge als Zuhörer. Sie übten den sogenannten Informationsdienst aus, d.h. alles was im Laufe der Verhandlung erörtert worden war, teilten Sie in den Gerichtspausen ihren Kameraden, die noch auf ihre Vernehmung warteten, mit. Diesen war es dann möglich, die Belastungen auf Grund ihrer Kenntnisse zu festigen und die Entlastung, die sowieso gering war, ganz zunichte zu machen. Aus diesem Grunde war es auch möglich, daß bei den Entlastungen immer das Gleiche zum Vorschein kam.

14.) Den Belastungszeugen wurden vom Ankläger oder dessen Dolmetscher die von uns ausgefüllten Fragebogen vorgelegt. Somit konnte sich jeder genaue Daten heraussuchen um den Angeklagten zu belasten, ohne dabei fürchten zu müssen, falsche Angaben zu machen. Trotzdem kam es vor, daß sie sich im Kreuzverhör widersprachen. Nachdem die Zeugen aber unter dem Schutz des amerikanischen Gerichts standen, hatten sie auch bei Meineid nichts zu befürchten. Dies hat sich ja wiederholt bewiesen.

15.) Wir als Angeklagte hatten kein Recht unsere Meinung zu äußern. Zu Beginn des Prozesses wurden wir vom Verteidiger darauf aufmerksam gemacht, daß wir uns beim Prozeß ganz ruhig zu verhalten hätten und die Fragen, die

259


wir gerne an die Zeugen gerichtet haben wollten, auf einen Zettel schreiben und seinem Dolmetscher Mr. BARR geben sollten.

Ich verstand den größten Teil der Ausführungen beim Prozeß nicht, da ich Litauer bin und die deutsche Sprache nur wenig beherrsche. Ich mußte mich immer erst in den Gerichtspausen bei meinen Mitangeklagten erkundigen, wessen man mich beschuldigte.

17.) Ein Schlußplädoyer wurde von seiten des Verteidigers nicht gehalten.

Am 21.8.47 wurde ich zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde am 26.6.1948 bestätigt.

Landsberg/Lech, den 10. September 1948 gez. Gustav Petrat

Unterschriftbeglaubigung:

Ich bestätige hiermit, daß die obige, die richtige Unterschrift von Gustav Petrat ist.

Lloyd A. Wilson, Captain CMP, Gefängnisdirektor. Amtlicher Stempel des Kriegsverbrechergefängnisses Landsberg.

*

Das Lesen dieser Akte verursachte Betroffenheit in mir. Waren auch einige Übertreibungen möglich, so ist das Protokoll, zwei Monate vor Petrats Hinrichtung erstellt, doch glaubhaft. Seine Bemerkungen hinsichtlich der Zeugen schließen den Ring der Wahrheit. Die Bedenken des Verteidigers, die ihm bei den Kreuzverhören kamen, sahen sich bestätigt. Die Absprachen in meineidlicher Absicht erinnern an den Fall des Angeklagten Bütgen.

Heute gibt es keine Frage hinsichtlich des ausgeübten psychologischen Drucks, sowie der physischen Gewalt die durch Verhörpersonen angewendet wurden. Als Folge von

260


öffentlichen Anfragen sind diese Methoden im Malmedy-Fall nachgewiesen worden. Sie fanden auch im Rahmen anderer amerikanischer Gerichtsfälle statt. Einige amerikanische Gerichtsangestellte waren empört, doch die Mehrheit schwieg.

Mein Freund Fred Fleischmann, ein amerikanischer Jude, der während des Zweiten Weltkriegs aus Deutschland geflohen war, wußte Bescheid. Er beklagte dieses Verhalten sehr.

Ich war davon überrascht, daß sich in Petrats eidesstattlicher Erklärung keine Hinweise auf die Zeugenaussagen der Drbuszenska befanden. Ebenfalls bezog er sich nicht auf die ihm zur Last gelegten Kriegsverbrechen. Er nannte niemand mit Namen; er wiederholte lediglich seine Aussage, niemals einen Häftling getötet, geschlagen oder beleidigt zu haben.

Nach dem Lesen seiner Aussage kam es mir zum Bewußtsein, daß auch er ein Opfer des Zweiten Weltkrieges war, wie seine Heimat Litauen. Es war seine schwere Verwundung, die er sich im Kampf gegen die Sowjets zugezogen hatte, die zu seiner Abkommandierung nach Mauthausen geführt hatte. Dort hatte er die unangenehme Aufgabe, eine außergewöhnliche Gruppe von Gefangenen zu bewachen. Der Krieg war vorbei, doch Petrat geriet in eine fremdartige Kombination der Begriffe Rache, Idealismus und Eigennutz im Rahmen der Dachauer Prozesse. Als man ihn in Landsberg am Lech durch den Strang zu Tode brachte, war er dreiundzwanzig Jahre alt.

261


Zurück zum Inhaltsverzeichnis
Zum nächsten Kapitel
Zum vorhergehenden Kapitel
Zurück zum Archive