DAS VERFAHREN GEGEN BERNHARD PIORKOWSKI, ET AL.

Durch den Zugang zu den Akten über die Kriegsverbrecherprozesse hatte ich die Gelegenheit einen Einblick in einen Vorgang zu bekommen, der mich seit Dachau besonders interessiert hatte: Das Zustandekommen des Urteils im Hauptverfahren, bei dem Detmers verurteilt wurde. Mein Interesse war persönlicher Natur, denn durch die Gespräche, die ich mit Heinz Detmers führte, und durch einen Brief, den ich von ihm aus dem Gefängnis während meiner Zeit in Dachau erhalten hatte, mochte ich ihn. Sein mildes Urteil kam anscheinend daher, daß das Gericht von seiner Unschuld überzeugt war. Dies nahm mich umso mehr für ihn ein. Mit Hilfe der Liste der Angeklagten aller Dachauer Prozesse, fand ich Detmers nicht nur unter den Namen des Nordhausen-Verfahrens, sondern auch als Mitangeklagten im Dachauer Konzentrationslagerprozeß gegen Alex Bernhard Piorkowski et al.1

Es war ungewöhnlich, daß ein Angeklagter in mehr als einem Konzentrationslagerfall angeklagt war. Gewöhnlich waren diejenigen, die höhere Positionen in den Konzentrationslagern innegehabt hatten, zum Tode durch Erhängen verurteilt worden. Detmers war Adjutant des Dachauer Kommandanten Piorkowski. Die Tatsache, daß Detmers in das Nord-hausen-Verfahren mit einbezogen worden war, konnte leicht den Eindruck erwecken, daß die Anklage wegen des verhältnismäßig milden Urteils, das Detmers im Dachau-Verfahren erhalten hatte, unzufrieden war.

Der Fall Alex Piorkowski hatte Anfang Januar 1947 begonnen. Die Urteile wurden am 17. Januar 1947 gefällt. Es war ein Nebenfall zum Hauptfall Dachau mit der Nummer 000-50-2,

1 Akte-Nr. 000-50-2-23, U.S. gegen Alex Piorkowski et al., U.S. Re-cords Section, Suitland, Maryland.

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Martin Gottfried Weiss et al., wobei das Gericht sechsunddrei-ßig der vierzig Angeklagten zum Tode verurteilt hatte. Am Ende wurden neunundzwanzig von ihnen in Landsberg durch Erhängen hingerichtet.

Beim Lesen der Unterlagen kam mir der Verlauf dieses Neben Verfahrens interessant vor. Obwohl wenig Beschuldigungen gegen Heinz Detmers vorlagen, las ich das Material über Alex Piorkowski mit zunehmendem Interesse. Piorkowski war Kommandant des Lagers im Jahre 1942. Das Verfahren griff wichtige Punkte auf, und einige bestätigten meine eigenen Ansichten über die Fälle, an denen ich später mitgearbeitet hatte.

Mr. Roth, der Ankläger, warf Piorkowski vor, in seiner Eigenschaft als Kommandant, Grausamkeiten an Zivilisten, die in Dachau interniert waren, verübt zuhaben. Aus den Gerichtsunterlagen war ersichtlich, daß sowohl Piorkowski als auch Detmers ihre Positionen »innerhalb der angenommenen Daten über beträchtliche Perioden innehielten,« obwohl Detmers nach den deutschen Unterlagen nurfür fünfzig Tage lang Lageradjutant in Dachau gewesen war. Er verließ dann Dachau für eine kurze Zeitfür einen Einsatz an der Ostfront in Rußland. Danach wurde er ins Konzentrationslager Nordhausen versetzt.

Piorkowski diente nur sechs Monate als Lagerkommandant, da er vor dem Ende des Jahres 1942 aus Dachau versetzt wurde. Außerdem war Piorkowski während des Winters 194l/ 1942, während der Zeit als Detmers Lageradjutant war, über längere Perioden abwesend.

Mr. Roth führte vierunddreißig Zeugen vor, die gegen die Angeklagten aussagten. In Beurteilung der vielen Seiten Material über die Zeugenaussagen fand ich, daß sie ähnlich denen anderer Fälle waren,bei denen ich im weiteren Verlauf des Jahres 1947 selbst mitgearbeitet hatte. Nahm man ihre nicht angezweifelten Aussagen als die alleinige Grundlage zur Feststellung der Schuld an, so mußte der angeklagte Piorkowski als schuldig gelten.

Die Verteidigung brachte allerdings gewichtige Eingaben zu seiner Entlastung vor, indem sie viele Zeugen aufbot, die

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bestätigten, daß Piorkowski ein fähiger Verwalter war und daß er unter den Häftlingen einen besseren Ruf hatte, als viele andere Kommandanten von Konzentrationslagern.

Piorkowskis Anwälte ließen Zweifel an den Aussagen der Zeugen der Anklage aufkommen. Sie führten einen Friseur vor, der bezeugte, daß Piorkowski während zweier Monate des Winters 1941-1942 wegen einer Krankheit bettlägerig zu Hause war. Während dieser Zeit besuchte der Zeuge Piorkowski täglich, um ihn zu rasieren oder ihm die Haare zu schneiden. Das widersprach den Aussagen von Gefangenen, denen zufolge Piorkowski während dergleichen Zeit Häftlinge geschlagen haben soll.

Ich fand es bemerkenswert, daß das Gericht in diesem Fall alliierte Offiziere anhörte, die in Dachau gefangengehalten waren und ausnahmslos gut über Piorkowski und seine Verwaltung des Lagers sprachen. Die Anklage und der Hauptverteidiger stellten fest, daß ein alliierter Zeuge namens Whitman in der Lage gewesen wäre zu schwören, daß der »Angeklagte Piorkowski human und gerecht war und daß Gefangene sich rechtfertigen konnten.« Das Gericht machte sich jedoch die Aussagen der Zeugen der Anklage zu eigen, befand Piorkowski schuldig und verurteilte ihn zum Tode durch Erhängen. Die Hauptverteidigung, vertreten durch Bigelow Boysen - damals Armeemajor und unterstützt von Major Olaf Tolmas -, protestierte leidenschaftlich gegen das Urteil.

Die wenigen gegen Heinz Detmers vorgetragenen Aussagen betrafen lediglich seine Anwesenheit bei verschiedenen Lagerereignissen. Einige Zeugen sagten aus, daß Detmers bei Exekutionen zugegen war. Es wurde gesagt, daß er bei Zählappellen dabei war, um die Zählmeldungen entgegenzunehmen. Detmers führte auch persönlich Befragungen von Gefangenen durch, und ein Zeuge sagte aus, daß die Gefangenen ihn genauso fürchteten wie den Lagerkommandanten. Eine Anklage, die vage und völlig bedeutungslos war. Ich habe bei anderen Fällen fast gleichlautende Aussagen gehört.

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Das Gericht stellte fest, daß keine Aussage darüber vorlag, daß Detmers im Lager Dachau brutale Handlungen durchgeführt habe, zumal im Gegenteil ausdrückliche Aussagen zu seiner Entlastung vorlagen.

Trotzdem fand das Gericht Detmers schuldig, obwohl keinerlei maßgebliche Belastungen gegen ihn vorlagen. Er wurde zu fünfzehn Jahren Gefängnis mit Zwangsarbeit verurteilt, gerechnet ab 17. Januar 1947, dem Tage seiner ersten Verurteilung. Die aus den Unterlagen hervorgehende Begründung für das Urteil entsprach - es erübrigt sich das zu sagen -, der Theorie des »allgemeinen Gebrauchsmusters«: Detmers war Mitglied der Lagerverwaltung. Weil er eine autoritäre Position im Lager innehatte, war er schuldig geworden, in ungesetzliche Handlungen anderer verwickelt worden zu sein (ungesetzlich in den Augen des Gerichts). Mit solch einer Begründung wäre ich selbst auch schuldig, sollte sich einmal die Situation umkehren, nämlich schuldig der Teilnahme an ungerechten Verfahren und an Verurteilungen in Dachau aufgrund der mir dort gestellten Aufgaben. Es würde mir nichts nützen, wenn ich versuchen würde zu beweisen, daß ich den Urteilen nicht zugestimmt hätte, denn ich hätte die Schuld gemeinschaftlich, zusammen mit den anderen, von der höchsten Stelle bis nach ganz unten zu übernehmen.

Nach seiner Verurteilung wurde Lagerkommandant Pior-kowski zum Gegenstand vieler amtlicher Korrespondenzen und Diskussionen. Es gab einen Bericht des Leiters des Berufungsverfahrens, des First Lieutenant (Oberleutnant) Eimer Moody, der mit der Schuldfeststellung sowohl von Piorkows-ki als auch von Detmers einverstanden war.

Was Detmers betrifft, zitierte Lieutenant Moody einen Zeugen, der aussagte, daß das Problem darin zu sehen war, daß »ein sehr junger Mann zum Werkzeug eines verbrecherischen Systems und dessen Führers wurde.« Moody schloß:

- Obwohl DETMERS keiner persönlichen Grausamkeiten angeklagt worden war, ist seine Position als Adjutant unter dem Angeklagten Piorkowski so zu sehen, daß er Kenntnis

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von der Verwaltung und von den Exekutionen innerhalb des Lagers Dachau hatte; somit ist festzustellen, daß er an der Teilnahme der gemeinschaftlichen Planung schuldig geworden ist. Aus diesem Grund muß der Schuldspruch aufrechterhalten bleiben. -

Er fügte hinzu, daß die »Beweisführung ausreichen würde, um die Feststellung des Gerichts und dessen Urteil zu unterstützen.«

Bezüglich Piorkowski schrieb Lieutenant Moody:

- Das meiste in der Beweisaufnahme läßt auf die Praxis des Tötens, der Durchführung von Grausamkeiten und Mißhandlungen von Gefangenen unter der Leitung des Angeklagten PIORKOWSKI schließen, der für eine beträchtliche Zeit während der die betreffenden Vorfälle stattfanden, Lagerkommandant war. Es ist offensichtlich, daß er von den Übergriffen, die im Lager stattgefunden haben, wußte. Es geht aus den Unterlagen nicht klar hervor, ob die Verteidigung des Angeklagten mit einem besonderen Anteil auf den Befehlsnotstand aufgebaut war. Es scheint jedoch in jedem Fall klar zu sein, daß sein Wunsch mitzuarbeiten und seinen Vorgesetzten zu gefallen stärker war als andere Rücksichten und daß die meisten seiner vielen Handlungen entfernt von seinen Vorgesetzten stattfanden; daß er nicht unter unmittelbarem Zwang gehandelt hat und daß er die Beweislast zwecks Überprüfung behördlicher Anordnungen gemäß Abschnitt 5... nicht auf sich genommen hat. Er hat an der gemeinschaftlichen Planung maßgeblich teilgenommen. Die Beweisführung reicht aus, um die Feststellungen und das Urteil des Gerichts zu unterstützen -

Piorkowskis Verteidiger Bigelow Boysen wurde 1948 aus der Armee entlassen. Er hörte damit aber nicht auf, für seinen Klienten zu kämpfen. Boysen brachte eine sehr energische Eingabe mit dem Ziel einer Urteilsminderung ein, einschließlich einer starken und inhaltsreichen Forderung nach einem Wiederaufnahmeverfahren. Es geschah wahrscheinlich auf Boysens Betreiben - wenn nicht auf das von Alex Piorkows-

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ki -, daß in der gleichen Oktoberwoche des Jahres 1947 bei der 7708 War Criminal Group Briefe von zwei ehemaligen Insassen in Dachau eingingen. Ein Brief kam aus London von einem ehemaligen britischen Offizier; der andere kam von Dr. Konrad Stromenger,2 einem Geistlichen. Beide Männer sprachen mit Hochachtung von Alex Piorkowski, was seine Verwaltung das Lager Dachau betraf und sie baten die War Crimes Group möge Piorkowskis Gnadengesuch günstig beurteilen. Jeder von ihnen vertrat eine Gruppe, der gegenüber Piorkowski Grausamkeiten begangen haben soll - zum einen die Kriegsgefangenen und zum anderen die Geistlichkeit. Ihre Aussagen bezüglich mildernder Umstände müßten eigentlich dem Gericht zu denken gegeben haben. Dennoch wurden diese Briefe als »ohne Bedeutung«3 abgewiesen, nicht einmal mit einem Hinweis auf die betreffenden Absender.

Ein besonderes Gewicht hätte der Brief des Lieutenant Colonel (Oberstleutnant) H.H. Stevens erbringen müssen. Stevens führte aus, daß Piorkowski ihn mit dem Vorzug eines gefangenen Offiziers behandelt hätte. Piorkowski war so entgegenkommend, daß dies zu Problemen mit dessen Vorgesetzten führte. Piorkowski hatte ihm dagegen geraten, so Stevens, den deutschen Militärbehörden eine Beschwerde zu übergeben, die ihm - späteren Ereignissen zufolge - recht gab.

Obwohl Stevens Protest abgewiesen und er größeren Einschränkungen ausgesetzt wurde, gestand ihm Piorkowski so viele Freiheiten zu, wie das nur möglich war, wofür Steven dankbar war. Stevens berichtete, daß er einen Raum und keine Zelle hatte. Der Raum war von Piorkowski mit einem guten Bett, Tisch und Stuhl ausgerüstet. Der deutsche Kommandant überreichte ihm gelegentlich kleinere Geschenke, wie Blumen, ein Flasche Wein, Kaffee-und er ließ ihn, wenn niemand dabei war, gelegentlich ein Bad im Lagerbecken nehmen.

2 Ebenda.

3 Ebenda.

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Piorkowski erlaubte ihm die regelmäßige Postannahme. Gelegentlich gestattete er ihm diskret direkte Treffen mit anderen prominenten Gefangenen, darunter Pastor Niemöller und Monsignore Neuhäusler, der nach dem Krieg Bischof in München wurde. Stevens schloß seinen Brief: »Meine Eindrücke von diesem Offizier waren in jedem Fall die eines humanen Menschen, der unter schwierigsten Umständen sein Bestes tat. Nach meinem Wissen hatte er innerhalb des Lagers einen guten Ruf, was ich hiermit bestätige.«4

Dr. Konrad Stromenger war sieben Jahre Gefangener unter dem Hitlerregime. In einem Brief bemerkte er, daß das Dachauer Konzentrationslager unter Piorkowskis Verwaltung den besten Ruf von allen Konzentrationslagern in Deutschland hatte. Dr. Stromenger hob den Unterschied heraus, den er nach seiner Verlegung in das Lager Flossenbürg mit lausenden anderer politischer Gefangener im Herbst 1939 feststellte. In seinem Nachkriegsbuch »Der Amokläufer«, das einen Preis erhielt (es handelt von der Geschichte der Befreiung), schrieb Dr. Stromenger, daß nach einem halben Jahr des Aufenthalts in Flossenbürg die Hälfte seiner Kameraden gestorben waren, während die andere Hälfte vor Freude weinten, als sie erfuhren, daß sie nach Dachau zurückversetzt würden.

In Dachau, so Stromenger, waren die Häftlinge gut ernährt und ordentlich untergebracht, somit konnten sie sich wieder erholen. Sie wurden nach den Prinzipien der Menschlichkeit behandelt. Stromenger erinnert sich, daß er einmal durch den zweiten Lagerleiter namens Hoffmann bestraft wurde. Ernannte ihn den »Ungeist« des Lagers Dachau. Nach seiner Rückkehr informierte Piorkowski Stromenger darüber, daß er die Bestrafung verurteile und er dieses in Dachau verboten habe. Stromenger fügte hinzu, daß Piorkowski seine Kameraden nicht anders behandelt habe.5

4 Ebenda.

5 Ebenda.

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Wenn man beiden Männern glaubte - und ihre Aussagen scheinen ehrlich zu sein -, so hätte Piorkowski niemals der brutale Typ im Sinne der Aussagen der Zeugen der Anklage sein können. Es ist unwahrscheinlich, daß er das humanste Lager geführt haben und gleichzeitig die Insassen terrorisiert haben soll. Den einzigen Hinweis darauf, daß die Briefe von der Berufungsbehörde überhaupt gelesen worden waren, fand ich in dem Bericht No. l der Verfahrensüberprüfung von Kriegsverbrechen, ausgestellt von Lieutenant William Ber-man, Lieutenant Colonel James B. Costello und John F. Kreissl. Jr. Die Verfasser stellen fest:

- Es muß davon ausgegangen werden, daß diese Aussagen so günstig wie nur etwas waren, was vor Gericht gesagt werden kann. Diese zwei Aussagen wurden von anderen bestätigt, von Angehörigen des Klerus und von Laien, alles Deutsche. Aber alles wurde von der Behörde für das Wiederaufnahmeverfahren als unbedeutend eingestuft, weil sie von Freundlichkeiten gegenüber Einzelpersonen sprachen und in keiner Weise negativ auf die grausame Behandlung der Mehrheit der nichtdeutschen Gefangenen eingingen.«6 -

Es ist geboten zu bemerken, daß alle, die zur Verteidigung Piorkowskis aussagten, durch ihre Aussagen nichts zu gewinnen hatten, wohingegen diejenigen, die Piorkowski belastet hatten, aus den Reihen der Dachauer Berufszeugen kamen.

Die War Crimes Group ignorierte das Gnadengesuch. Boy-sen war allerdings bereit, den Kampf aufzunehmen. Als nächstes reichte er ein Gnadengesuch ein, mit Datum 14. Juni 1948, gerichtet an General Lucius Clay, Oberster Chef der Streitkräfte in Europa. Die 7708 War Crimes Group antwortete auf dessen Eingabe am 28. Juni 1948.

Der Inhalt von Boysens Brief geht aus einem Bericht über eine Konferenz hervor, die Boysen mit Colonel Simpson, dem

6 Ebenda. 274


Chef der Armeeleitung des Lagers Dachau innerhalb der Kriegsverbrechenskommission am 9. August 1948 abhielt. Dabei diskutierte Boysen eine Eingabe, die er an das Oberste Gericht der Vereinigten Staaten gemacht hatte, wobei das Oberste Gericht sich weigerte, diese zu berücksichtigen. Mit der Eingabe hatte Boysen Verfahrensfehler vorgetragen. Bei der sich anschließenden Konferenz kam es zu einem toten Punkt (wodurch eine starke Meinungsverschiedenheit innerhalb des Gericht erkennbar war), und das Gericht fühlte sich veranlaßt zu empfehlen, daß das Kriegsministerium den ganzen Prozeß vom Anfang bis zum Ende untersuchen möge.

Dieses, so folgerte Boysen, könnte einen sehr gefährlichen Präzedenzfall hervorbringen und es würde dann äußerst bedeutend sein, welchen Standpunkt die Vereinigten Staaten bei der Untersuchung dieser Fälle einzunehmen hätten. Wäre es nun umgekehrt und wären amerikanische Gefangene als Kriegsverbrecher angeklagt, so würden die Vereinigten Staaten sicherlich das Prinzip der Gegenseitigkeit akzeptieren.

Boysen warf ein, daß das Recht eines Angeklagten auf eine faire Verhandlung und Verteidigung im Falle Piorkowski verletzt worden war, als das Gericht die Ausübung der unumschränkten Vollmacht nach dem >sub poena< Prinzip auf Ansuchen des Angeklagten verweigerte, wonach die sogenannte »201-Akte« (eine Persönlichkeitsakte, bezogen auf jeden einzelnen Gefangenen zur Zeit der Nachforschungen) aus der Zeit vor und während des Verfahrens beizustellen und zu verwerten sei. Von Boysen hatte Piorkowski erfahren, daß die Verhörpersonen für ihn günstiges Augenzeugen-Beweismaterial gesammelt hätten, welches für die Verteidigung von äußerster Wichtigkeit gewesen wäre. Nachdem Boysen der Zugang zu diesen Beweismitteln versperrt geblieben war, schrieb er an die Rechtsabteilung der War Crimes Group einen Brief mit dem Ersuchen, um direkten Zugang für den Angeklagten beziehungsweise für dessen Anwalt die Akte 201 betreffend. Das Gericht lehnte diesen Antrag ab. Gemäß Boysen lautete die Antwort des Anklägers auf diesen Antrag: »Ich

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habe dem Verteidiger des Angeklagten immer und immer wieder gesagt, daß sich in der 201-Akte nichts befindet, was seinem Angeklagten nützen könnte.« Boysens Antwort darauf lautete: »Ich bin es leid, von der Anklage zu hören, was mir und meinem Angeklagten helfen würde und was nicht.« Boy-sen betonte erneut, daß er die Akte zu sehen wünsche.

Während der Boysen-Simpson Konferenz, sagte Colonel (Oberst) Simpson, daß er bei seiner Beurteilung des Berichts der Staatsanwälte vom 28. Juni 1948, unterzeichnet von Ber-man, Costello und Kreissl, bemerkt habe, daß ein Anwalt der Verteidigung keinen Zugang zu den Akten bekäme, die sich in den Händen des Bezirksstaatsanwaltes befänden. Boysen deutete an, daß es für die Verteidiger unnötig wäre, Zugang zu solchen Dokumenten zu haben, da er in jedem Fall die Möglichkeit haben würde, die Zeugen der Anklage vor der Verhandlung selbst zu befragen, auch wenn sie sich als Hauptzeugen in Schutzhaft befinden würden. Natürlich würde der Bezirksrichter zugegen sein. Er fügte noch hinzu, daß die Bereitstellung wichtiger Dokumente vom Gericht erzwungen werden könne.

Ein anderer Punkt, den Boysen aufnahm, handelte von der Hinzunahme von Material außerhalb der Piorkowski betreffenden Zeit vom 1. Januar 1942 bis zu seiner Versetzung aus Dachau im Juni 1942. Boysen erwähnte, daß es sich bis Juni 1942 nur um eine sechsmonatige Periode handeln würde.

Boysen erinnerte sich, daß die Anklage ihn vor der Verhandlung darauf angesprochen hatte, ob er damit einverstanden sei, wenn die Anklage einen Vorfall hereinnehmen würde, der in der Zeit zwischen Januar-Juni 1942 stattgefunden habe. Dieser Vorfall bezog sich auf die sogenannten »Weihnachtsbaum-Auspeitschungen«, die 1939 in Dachau stattgefunden haben sollen und wobei angeblich Piorkowski, der Gewahrsamsleiter, zugegen war. Boysen legte dagegen Einspruch ein, wobei er sagte, daß er das Gericht auffordern würde die Unterlage nicht zu verlesen, wenn nicht ein Rechtsgrundsatz dafür vorläge. Boysen rief dann das Kammergericht an und

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sprach mit Major Purl, dem Vertreter des Gesetzes, und bat ihn, das Gericht zu veranlassen, die Akte nicht zum Verlesen freizugeben, solange die Kriterien dieser Beschuldigungen nicht vorher öffentlich vor Gericht dargelegt worden seien. Gemäß Boysen wurde sein Ansuchen offensichtlich mißachtet, da die Mitglieder des Gerichts von dem Inhalt der Akte informiert worden waren, wie er dies durch eine Rückfrage bestätigt fand. Er sagte, daß seine Anfechtung in der Sache ebenfalls verneint wurde und daß der Vorgang Gegenstand einer Rechtsverletzung wurde. Erlegte das in die Zeit,während der Piorkowski Gewahrsamsleiter (und nicht Kommandant) war und nicht hätte zugelassen werden dürfen, um das Gericht nicht zu beeinflussen. Dies hätte die Periode Januar-Juli 1942 ausgeschlossen.

Boysen führte weiter aus - und Colonel Simpson widersprach ihm nicht -, daß der damalige US-Präsident Truman »General Eisenhower angewiesen« hätte, den Hauptfall Dachau >wegen dringender politischer Notwendigkeiten zu Ende zu bringen. Boysen sagte nicht, welches die »politischen Gründe« waren, doch sicherlich ließ er damit durchblicken, daß der Fall nicht richtig vorbereitet worden war.

Es lag noch die Beschuldigung vor, daß sechs- bis achttausend Russen im Frühjahr 1942 auf einem Schießplatz in Dachau ermordet worden sein sollen, doch anscheinend hatte niemand die Zeit, diesen Fall zu untersuchen. Boysen erklärte, daß er nach den Dachauer Verhandlungen erfahren habe, daß der damalige Stationsleiter der Bahn, Rohrmühler, immer noch in Dachau wohnte. Alle Gefangenen kamen in Güterwagen der Bahn an, geschlossen oder offen. Rohrmühler wußte genau, um welch eine Kategorie der Gefangenen es sich handelte und er kannte die Zahl derer, die nach Dachau kamen. Er sagte, daß nicht mehr als 500 Russen jemals ins Lager gekommen waren und daß das nichtssagende Geschwätz über ungefähr sechs- bis achttausend Tote, die in Dachau umgebracht worden sein sollen, absurd sei. Das Gerücht sei aufgrund vager und oberflächlicher Behauptungen während der

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Verhandlungen des Hauptfalles in Dachau und ohne jedes Kreuzverhör zustande gekommen.

Die Armee hatte gefordert, daß die Feststellungen und Urteile aus dem Dachauer Hauptfall juristisch richtungweisend für die nachfolgenden Fälle sein sollten. Ähnlich der Sonderfeststellungen in den Mauthausen-Fällen, wodurch die Angeklagten, die sich im Lager befanden, als schuldig anzusehen waren, alle Verbrechen, die im Lager vorgekommen waren, begangen zu haben, wenn sie eine Stellung mit Befehlsgewalt innegehabt hatten. Boysen argumentierte allerdings, daß die War Crimes Group es im Dachauer Hauptfall unterlassen hatte, besondere Tatsachen herauszustellen, um die »Sonderfeststellungen« zu rechtfertigen. »Um nun diese Unterlassung zu kompensieren«, so fuhr er fort, »ersetzten sie das Konzept für das Berufungsverfahren mit der Frage, was mit der Behauptung von der angenommenen Tötung von sechs-oder achttausend Russen, nun bewiesen oder nicht bewiesen sei. Damit machte der Anklagepunkt Nr. l einen behördlich abgesegneten amtlichen Eindruck.« Damit glaubte man genug getan zu haben, um den kriminellen Charakter von Dachau bestätigt zu sehen. »In jedem Fall war es ausreichend, um für die nachfolgenden Fälle den kriminellen Charakter grundsätzlich übernehmen zu können.« Boysen schloß, daß er der ausdrücklichen Meinung sei, es habe in Dachau keine solchen Massaker gegeben, wie sie von der Anklage mit ihrem »Beweisstück l« vorgelegt wurden.

Anläßlich seiner Konferenz mit Colonel Simpson bezog sich Boysen auch auf einen Vorfall der, so führte er aus, in einem anderen Fall vorkam, in dem er als Hauptverteidiger eingesetzt gewesen war. Er sagte, daß er einen sanft erscheinenden jungen Mann mit blondem Haar, ungefähr einundzwanzig Jahre alt, zu verteidigen hatte. Sein Name war Kurt Gotts-man. Sein Fall lief unter Flossenbürg, Fall Nr. 12. Gottsman wurden zunächst dreißig Tötungen zur Last gelegt. Die Zahl wurde dann auf acht reduziert. Gottsman sagte aus, daß er nie in seinem Leben irgendjemanden getötet habe. Die Hälfte der

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von den Belastungszeugen beschriebenen Tötungen wurden in Schwartzenfeld während des Evakuierungsmarsches von Flossenbürg ausgeführt. Zeugen sagten aus, daß vier jüdische Jugendliche von einem Evakuierungszug entflohen waren, während der Zug in Schwartzenfeld einlief und sich dann in einem Kartoffelkeller versteckt hatten. Gottsman wurde beschuldigt, sie dort entdeckt zu haben. Danach habe er sie gezwungen, sich auf den Bahnsteig in Höhe der Station in einer Reihe hinzulegen. Dann, so die Anklage, zog Gottsman eine Pistole und tötete jeden von ihnen mit einem Kopfschuß. Drei Zeugen klagten ihn deswegen an. Sie wurden Gottsman in Gegenwart von Boysen gegenübergestellt. Doch Gottsman verneinte, die jungen Juden erschossen zu haben.

Boysen sagte, daß er einen oder zwei Tage vor der Urteilsverkündung die neunundzwanzig Bände über den Hauptfall Flossenbürg gelesen habe und auf eine mit dem Flossenbürg Fall Nr. 12 identische Tötung stieß. Die Anklage war durch einen Zeugen der Anklage, einen Herrn Redner, während jenes Verfahrens vor einem Jahr vorgetragen worden. Redners Beschreibung zufolge war die Tötung durch einen Unteroffizier mit einer schwarzen Pistole durchgeführt worden. Mr. Boysen schöpfte Verdacht, da Gottsman kein Unteroffizier war und aus Flossenbürg mit einem Gewehr ausgerüstet kam.

Boysen forderte Redners Erscheinen vor Gericht, um zu diesem Vorfall auszusagen. Zuvor bat er ihn um eine Beschreibung des Mannes, der die Tötungen begangen hatte. Der Dolmetscher sagte aus, daß Redners Beschreibung nicht mit derjenigen von Gottsman übereinstimme. Boysen sagte, daß er nicht die Zeit gehabt hatte, mit Redner vor der Verhandlung zu sprechen. Über seine Aussage zum Flossenbürg Hauptfall im Zeugenstand befragt, sagte Redner aus. Er wurde dann gefragt, ob der Mann im Zeugenstand die Tötungen durchgeführt habe.

Boysen war höchst erstaunt, als Redner einfach antwortete, »es könnte sein.« Boysen war durch die saloppe Art und die

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Unsicherheit des Zeugen bei seiner Aussage zur Identifizierung des angeblichen Mörders schockiert. Der Erklärung des Zeugen war zu entnehmen, daß er gewohnt war auszusagen; außerdem sei er sicher, daß der Mann verurteilt werden würde, ganz gleich, ob er nun richtig identifiziert werde oder nicht.

Weil der Dolmetscher Boysens Anweisung, die Beschreibung Redners schriftlich aufzunehmen, ignoriert hatte, holte er ihn in den Zeugenstand. Der Dolmetscher bestätigte, daß Redner den Mörder als einen Mann mit dunklem Haar beschrieben habe. »Es könnte schwarz gewesen sein,« führte der Befragte aus, wobei das Gericht klar erkennen konnte, daß das Haar des angeklagten Gottsman strohblond war. Boysen sagte weiter aus, daß es ihn viel Überzeugungsarbeit gekostet habe, dem Gericht klar zu machen, daß Redner ein Lügner war und »nur daran interessiert war, irgendjemand von dem Personal des Konzentrationslagers anzuklagen, der von den Alliierten gefangen und nun abzuurteilen war.«

Gottsman wurde schließlich von allen Anklagen in dem Fall Flossenbürg Nr. 12 freigesprochen.

Ein zusätzlicher Meineidsfall sollte bewirken, daß Pior-kowski zusammen mit dem SS-Mann Sitte, der den Rang eines Oberfeldwebels hatte, angeklagt werden sollte, in Dachau an medizinischen Experimenten teilgenommen zu haben. Boysen fand heraus, daß Piorkowski und Sitte nicht zur gleichen Zeit in Dachau gewesen sein konnten und deshalb auch nicht zusammengearbeitet haben konnten, um medizinische Experimente an Häftlingen durchzuführen. Diese Feststellung in Boysens Begründung setzte die Aussage der Zeugen der Anklage außer Kraft.

Boysen entschuldigte sich für seine lang anhaltenden Erklärungen, doch sie seien notwendig, um Colonel Simpson darzulegen, mit welch einer Art von Zeugen es die Verteidigung zu tun hatte.

Boysen erklärte deutlich, daß sich die erwähnten Instanzen ernsthaft von den gültigen Normen einer Prozeßführung entfernt hätten und daß eindeutig amerikanische Rechtsgrundsätze

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verletzt wurden, als Piorkowski verurteilt wurde. Er schloß seine Ausführungen, indem er bemerkte, daß der Fall gegen Piorkowski durch den Beschluß der Anklage kompliziert gemacht wurde, daß die Verallgemeinerung der »Teilnahme an der Unterjochung von Nichtdeutschen durch Töten, Foltern, Unterernährung usw. von Januar 1942 an« mit hineingenommen wurde. Durch diese weite Auslegung von Anklagen, konnte die Anklagebehörde alle Arten von Vorfällen heranziehen, um die Phantasie der Gerichtsangehörigen zu beleben, ohne die Notwendigkeit einer Beteiligung Piorkowskis beweisen zu müssen.

Boysen erhob die Frage, ob das Gericht Piorkowski zum Tode verurteilt hätte, wenn diese Sondervorfälle dem Gericht nicht vorgetragen worden wären. Er hoffte, daß das Gericht beim Wiederaufnahmeverfahren mit seiner Argumentation übereinstimmen würde, und fügte noch hinzu:

- Eine moralisch einwandfreie Entscheidung erfordert mehr als die Überprüfung der Beweisführung um festzustellen, ob ausreichende und sachgemäße Beweise vorliegen, um die Feststellungen untermauern zu können - nachdem die unsachgemäße Beweisführung ausgeschaltet wurde. Es muß außerdem festgestellt werden, daß den moralischen Erfordernissen in einer solchen Weise genüge getan worden ist, daß die verhängten Strafen ausschließlich auf einer solchen kompetenten Grundlage ruhen. -

Die War Crimes Branch, zuständig für Kriegsverbrechen, antwortete am 28. Juni, daß Boysens Gnadengesuch vom 14. Juni 1948 nicht angenommen werden könne. Diese Empfehlung, die von der gleichen Gruppe stammte (bestehend aus Lt. Colonel William Berman, dem Ankläger aus dem Nordhau-sen-Verfahren) Lt. Colonel James Costello und Mr. John F. Kreissl. Jr.), die den Bericht der Oberstaatsanwaltschaft vom 28. Juni 1948 erstellt hatte, wurde zur Ausführung durch die War Crimes Group angenommen.

Das Drei-Mann-Komitee deutete an, daß der einzige sachdienliche, durch Boysen im Wiederaufnahmeverfahren erho-

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bene Einwand, der vom Höchsten Gericht abgewiesen wurde, der gewesen sei, daß Piorkowski keine faire Verhandlung im Sinne der Auslegung nach anglo- amerikanischen Recht gehabt habe.« Sie führten aus, »daß dieses nicht den offiziellen Direktiven entsprach, wie sie den Kriegsverbrecherprozessen vorgegeben worden waren.« Sie stellten fest, daß Boysen seiner Feststellung spezifische Zuwiderhandlungen gegenüber diesen Direktiven innerhalb des speziellen Verfahrens, hinsichtlich eines besonderen Personenkreises, zugrundegelegt hat. Sodann wiederholte das Komitee lediglich Feststellungen, zu denen Boysen Einspruch erhoben hatte, nämlich die Zulässigkeit von Anklagematerial, das nach Meinung Boysens unerlaubtes Beweismaterial war.

Nach dem Abschluß der Konferenz, versicherte Colonel Simpson Boysen, daß Piorkowski sicherlich den Vorzug des besten Anwaltes hätte, der verfügbar war. Er räumte ein, »daß es eher die Ausnahme als die Regel war, daß die Angeklagten gut verteidigt wurden.« Er sagte noch abschließend, daß er »unwissend« sei, was das Kriegsverbrechensprogramm anbetraf, abgesehen von dem, was er Zeitungen und Zeitschriften hatte entnehmen können. Einer der Gründe, warum er in dieser Sache herübergeschickt worden war, lag nach der Meinung Simpsons darin, daß er sich unabhängig von anderen Einflüssen ein Bild vor Ort machen sollte. Er schloß, der Hoffnung Ausdruck verleihend, daß er in der Lage sein werde, einen Bericht abzufassen .welcher dem Kriegsministerium entgegenkommen würde.

Colonel Simpsons Schlußbericht und sein Bericht an das Kriegsministerium sind der Akte nicht beigefügt. Was immer der Inhalt war, die Hinrichtung Piorkowskis wurde nicht verhindert. Sie fand am 22. Oktober 1948 in Landsberg statt. Zu dieser Zeit wurde Heinz Detmers, der im gleichen Verfahren zu fünfzehn Jahren Gefängnis und Zwangsarbeit verurteilt worden war, beim Nordhausen-Verfahrens ein zweitesmal verurteilt, nach Landsberg am Lech zurückgebracht, um dort die in beiden Verfahren verhängten Urteile zu verbüßen.

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