BERUFUNG ZUM NORDHAUSENVERFAHREN

Weil ich mich so eingehend mit dem Nordhausen-Verfah-ren befaßt hatte, könnte der Leser glauben, daß ich nun ganz besonders eifrig die Unterlagen zu diesem Fall herausgesucht hätte. Tatsächlich war es dieser Fall', der mich in eine nostalgische Stimmung versetzt hatte, und die Unterlagen erfüllten meine Erwartungen zur Genüge.

Die Wiederaufnahmebehörde legte am 15. April 1948 ihren Bericht vor, lange nachdem ich Dachau verlassen hatte, um in Bremerhaven zu arbeiten. Ich hatte keinerlei Kontakt mehr zu irgendeinem der Angeklagten, doch ich blieb mit der jungen deutschen Mitarbeiterin der Verteidigung, Adrienne Modi, in Verbindung. Sie unterhielt eine Korrespondenz mit Heinz Detmers, der ja zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden war. Später ließ sie mich wissen, daß das Berufungsverfahren kurz vor dem Abschluß stand und gab mir bekannt, daß der Berufungsrichter nicht mehr als ein einziges Urteil änderte und alle übrigen aufrechterhalten würde. Sie berichtete auch, daß die Gefängnisbehörden beträchtliche Eile zur Schau getragen hätten. - Möser wurde bald nach der Bestätigung des Berufungsurteils am 25. Juni 1948 hingerichtet. Sie schrieb einmal, daß Heinz Detmers in einem Brief nach mir gefragt habe. Ich war weder überrascht noch fühlte ich mich irgendwie geschmeichelt, da ich jenem Bekannten glaubte, der mir gesagt hatte, daß Detmers lediglich auf eine Packung Zigaretten aus sei. Modi erwähnte Detmers nicht mehr.

Beim Lesen der Unterlagen fand ich bestätigt, was mir Modi geschrieben hatte. Obwohl Detmers Gefängnisstrafe geändert worden war, wurde nur noch das Urteil Oskar Hel-bigs geändert. Der Berufungsrichter hielt es für übermäßig

l Akte Nr. 000-50, U,S gegen Kurt Andrae et al., auf Mikrofilm, U.S. Archive Washington, D.C.

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hoch und änderte es von ursprünglich zwanzig auf zehn Jahre Zwangsarbeit.

Bei der Urteilsfindung machte die Berufungsbehörde interessante Kommentare hinsichtlich der Verteidigung jener Angeklagten, die vorgegeben hatten, auf höheren Befehl gehandelt zu haben. Bezüglich der gegen Kurt Andrae, Erhart Brau-ny und Rudolf Jakobi ausgesprochenen Urteile schrieb der Richter:

- Der Angeklagte suchte mindestens einen Teil seiner Handlungen auf den Befehlsnotstand zurückzuführen, indem er entsprechende Beweismittel vortrug. Es scheint jedoch so zu sein, daß der Wunsch, den Vorgesetzten zu gefallen, größer war als andere Beweggründe. Es gibt keine Anzeichen dafür, daß er unwillig handelte oder unter unmittelbarem Zwang gestanden hatte. Was die Befehle seiner Vorgesetzten anbetrifft, konnte der Angeklagte die Beweise, deren Beibringung im Sinne der behördlichen Auflagen gemäß Abschnitt V >supra< ihm oblag, nicht erbringen. Das Urteil ist nicht unangemessen2. -

Die Gesuche Georg Königs, Wilhelm Simons und Willi Zwieners wies der Berufungsrichter zurück: Sie hatten zum Ausdruck gebracht, daß die Exekutionen, an denen sie teilgenommen hatten, legal gewesen seien.

Der Berufungsbericht lautet:

- Die Beweisführung tendiert dazu aufzuzeigen, daß die Angeklagten der Meinung gewesen waren, daß die Exekutionen legal gewesen sein mußten und daß die Beweisführung daraufhinausführte, daß sie unwillig und unter unmittelbarem Zwang handelten, was nicht überzeugend ist. Der Angeklagte hat die Beweislast im Sinne der behördlichen Erforderlichkeiten, siehe Abschnitt V, >supra<, nicht erbringen können, um diese beiden Einwände zu untermauern. Das Urteil ist nicht unangemessen3.

2 Akte Nr. 000-50-37, U.S. Archive, Washington, D.C.

3 Ebenda

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Der Berufungsrichter schien nur im Falle von Heinz Det-mers Urteils verunsichert. In einem separaten Absatz seines Berichtes vermerkt der Richter unter »Gleichlautende Urteile,«:

- Zu der Zeit der Feststellung seiner Schuld war das Gericht klar darüber informiert gewesen, daß Detmers im Fall Vereinigte Staaten gegen Piorkowski, et al., Fall Nr. 000-50-2-23 (R 7773) zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt worden war. Im vorliegenden Fall verurteilte das Gericht Detmers zu sieben Jahren Gefängnis, »beginnend am 17. Januar 1947«. Das Gericht führte weiter aus, »daß es der Wille des Gerichts sei, daß dieses Urteil gleichlaufend mit dem Urteil, welches er schon verbüßt, erfüllt werden soll.« (R 7784). -

Der Bericht erläutert weiter, daß Detmers Urteil aus dem früheren Verfahren auf fünf Jahre reduziert wurde, so daß das neue Urteil aus dem Nordhausenverfahren zwei Jahre zusätzlich bedeutete. Dies hatte offensichtlich in der Absicht des Gerichts gelegen. Der Berufungsrichter beendete seinen Bericht, indem er sich auf die behördlichen Vorschriften für das gleichzeitige Verbüßen von Urteilen bezog, die von verschiedenen Gerichten in zwei verschiedenen Fällen gefällt wurden. Er ergänzte: »Obwohl das Ergebnis anscheinend nicht so beabsichtigt worden ist, wie es zur Wirksamkeit gelangte, ist die dabei verwendete Sprache klar, und das Urteil sollte als berechtigt angesehen werden.«

Was die Berufungsbehörde offensichtlich bemerkte, war, daß das Gericht Heinz Detmers mit dessen beigebrachten Beweismitteln wahrscheinlich für nicht schuldig befunden hätte, wenn er nicht schon ein anderes Urteil zu verbüßen gehabt hätte. Mit seiner Verurteilung zu sieben Jahren Gefängnis mit Zwangsarbeit, gleichlautend mit dem Urteil, das er schon verbüßt, mag das Gericht der Ansicht gewesen sein, daß Detmers keine zusätzliche Verurteilung erfahren würde. Es mag so gewesen sein, daß die Offiziere aus denen das Gericht zusammengesetzt war, die Schuldfeststellung trafen und das Urteil festsetzten, weil er eine Vorgesetztenstellung

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innerhalb eines Konzentrationslagers innehatte und er es deswegen »hätte wissen müssen«, was Unrecht war. Unfähig etwas hinsichtlich des früheren Urteils zu unternehmen, und mit dem Wunsch, Detmers keine weiteren Unbilligkeiten zuzufügen, taten sie was in ihrer Macht stand, ihn auf diese Weise »nicht schuldig« zu sprechen.

Heinz Detmers wurde nach fünf Jahren aus dem Landsber-ger Gefängnis entlassen. Aus den Akten ging hervor, daß er nach Norden, in ein Städtchen in Norddeutschland, ging - auf Bewährung.

Die übrigen Angeklagten aus dem Nordhausen-Prozeß, die nicht die Todesstrafe erhalten hatten, wurden - mit der Ausnahme von Erhard Brauny -nachdem sie sieben bis zu zehn Jahre abgesessen hatten, alle entlassen. Sie kehrten in ihre Heimat zurück, um ein Leben als freie Bürger zu beginnen. Von Erhard Brauny wurde gesagt, daß er während der Gefängnishaft eines natürlichen Todes gestorben sei.

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