DEM GEFÄNGNISLEBEN ENTRONNEN

Beim Lesen der Unterlagen über den Nordhausenfall bemerkte ich, daß Heinz Detmers beim Verlassen des Gefängnisses die Anschrift seines Vaters in Norden, Schleswig-Holstein, angegeben hatte. Auf meinem Weg vom Archiv nach Hause grübelte ich darüber, ob der Vater von Heinz, Theodor Detmers, wohl noch am Leben sei. Ich dachte, daß ich das am ehesten von der deutschen Telephonauskunft erfahren könnte. Ich war überrascht, als man mir die Nummer von Theodor Detmers in Norden nennen konnte. Aufgeregt fragte ich die Vermittlung: »Ist der alte Herr noch am Leben«?

Die Damen antwortete: »Das kann ich wirklich nicht wissen, da müssen sie sich schon selbst bemühen; wünschen Sie die Nummer«?

Natürlich wollte ich die Nummer und wählte direkt durch. Ich dachte keinen Moment daran, daß es in Deutschland längst nach Mitternacht sein mußte. Es stellte sich heraus, daß es das Telefon des Neffen von Heinz war, der nach seinem Großvater Theodor genannt war. Eine männliche Stimme antwortete höflich, doch plötzlich reserviert, als ich nach Heinz Detmers fragte. Als ich sagte, daß ich Heinz gekannt habe und ein Freund sei, erklärte er, daß er der Neffe sei und daß Heinz in einer kleinen Stadt unweit von Norden wohne. Theodor Detmers Frau besorgte dann die Telefonnummer von Heinz für mich.

Ich war dann plötzlich so in Fahrt gekommen, daß ich nicht mehr einhalten konnte. Wieder achtete ich nicht auf die späte Stunde in Deutschland und wählte die Nummer in Norddeutschland, die ich soeben erhalten hatte. Eine tiefe Stimme antwortete, und plötzlich wußte ich nicht, wie ich beginnen sollte. Vorsichtig erklärte ich, daß ich im Herbst 1947 einen Heinz Detmers kennengelernt hatte und fragte, ob er das gewesen sei. Er antwortete, daß das während des Prozesses

287


gewesen sein muß und fragte nach meinem Namen. Sobald ich ihn genannt hatte, sagte er: »Oh, ich erinnere mich an Sie. Sie waren der Protokollführer, nicht wahr?« Ich sagte, daß ich tatsächlich Protokollführer in Dachau war, und er versicherte mir, daß er sich über meinen Anruf freue. Später erfuhr ich, daß ihn mein Telefonanruf aufgeweckt hatte, doch es schien ihn nicht gestört zu haben. Wir erzählten uns, wie es uns seit 1947 ergangen war. Heinz Detmers sagte mir, daß er den Versuch machte, zu seiner Familie zurückzukehren. Doch bald spürte er, daß sich seine Frau und er auseinandergelebt hatten. Es wurde noch ein Kind geboren. Und dann ließen sie sich schließlich scheiden und er heiratete erneut. Heinz sagte, daß seine Kinder ihm ihre Zuneigung nie entzogen hatten und sie engen Kontakt hielten, entweder telefonisch oder durch Besuche. Er erzählte mir stolz, daß er schon Urgroßvater sei!

Seine zweite Heirat erwies sich als große Prüfung, da seine Frau Opfer einer unheilbaren Krebskrankheit wurde. Über zwei Jahre lang pflegte er sie und besuchte sie dann täglich im Krankenhaus, bis sie starb.

Heinz lebt jetzt in einem Haus, das er sich in einer Kleinstadt mietete. Dort hat er einen Garten, in dem er nur Blumen züchtet. (Ich hätte eher angenommen Gemüse.) Er sagte mir, daß er im örtlichen Chor singt und sehr aktiv an den kommunalen Angelegenheiten seiner Heimatstadt teilnimmt.

Wir beendeten das Gespräch mit dem Versprechen, schriftlichen Kontakt zu halten. Ich schrieb Heinz einen etwas förmlichen Brief, auf den ich bald eine freundliche Antwort erhielt. Er schrieb mir etwas über die Probleme, die er bei der Rückkehr in das zivile Leben hatte. Es war schwierig für ihn, Arbeit zu erhalten, da er sich noch vor Beendigung seiner Ausbildungszeit freiwillig zur Waffen-SS gemeldet hatte. Heinz erklärte, daß seine Militärdienstzeit seiner Rente nicht hinzugerechnet wurde, was sein Ruhestandseinkommen minderte. Er beendete seinen Brief, indem er mich zu sich einlud; ich könnte auch meine ganze Familie mitbringen, damit er uns

288


allen die Schönheiten seiner Heimat Schleswig-Holstein zeigen konnte.

Der Gedanke, Heinz zu besuchen gefiel mir gut, doch ich fürchtete, daß er einen Groll gegen die Amerikaner hegen könnte, und da wir einander eigentlich nicht sehr gut kannten, könnte ein Besuch bei Heinz Detmers in einer kleinen Katastrophe enden. Ich hatte gerade angefangen, ein Buch über die Kinder von »Kriegsverbrechern« zu lesen. Der Autor schrieb, daß sie begonnen hatten, die Vergangenheit ihrer Eltern zu hassen, einen tiefen Graben zwischen Eltern und Kindern hinterlassend1. Im Fall von Heinz waren die Kinder wohl gezwungen gewesen, sich mit dem Urteil des Gerichts abzufinden und sieblieben ihrem Vater verbunden, eine natürlichere und glaubhaftere Version als diejenige des Buchautors.

Bald danach, im Oktober 1988 reiste ich nach Deutschland, da ich in Hamburg einen Geschäftsbesuch zu erledigen hatte. Ich rief Heinz aus Süddeutschland an. Er sagte mir, daß er sich sehr freuen würde, mich zu sehen und schlug vor, sein Gast zu sein. Schließlich hatte er ein Haus, worin er jetzt der einzige Bewohner war. Stillschweigend schlug ich diese Möglichkeit aus, doch ich teilte Heinz mit, daß ich ihn besuchen würde. Bei der Ankunft in Hamburg telefonierte ich und bat ihn, für mich in Lübeck ein Hotelzimmer zu buchen. Heinz fragte: »Warum?,« ich könne doch bei ihm wohnen. Noch unsicher sagte ich, »daß man sich doch kaum kenne.« Heinz antwortete ein wenig beleidigt: »Das schlimmste, was Du tun könntest wäre, wenn Du nachts das Haus anstecken würdest!« Ich war unentschlossen, und er nahm meine Bemerkung so auf, als würde ich meinen, er sei mir gegenüber argwöhnisch!

Ich machte mir auch Gedanken darüber, daß unsere Ansichten über Dachau aus der Zeit von 40 Jahren zuvor, auseinandergehen könnten. Ich besaß immer noch eine Bro-

1 Schrovsky, Peter, Schuldig Geboren, Kinder aus NS-Familien, Köln, Kiepenheuer & Witsch, 1987.

289


schüre mit Photographien von ihm aus jener Zeit, doch er hatte keine Photos von mir. Als ich ihm davon erzählte, sagte er, daß er mich auf dem Bahnhof treffen würde, und ich könne ihn dadurch erkennen, daß er einen Wettermantel tragen und die >Segeberger Zeitung< zusammengefaltet quer über sein Brust halten würde. Das amüsierte mich, da ich die Segeberger Zeitung kaum von einer anderen unterscheiden konnte.

Ich erkannte Heinz auf dem Lübecker Bahnhof sofort. Ich hätte ihn auch ohne die zusammengefaltete Zeitung erkannt. Er erkannte mich nicht. In Dachau hatte ich ungefähr sieben Kilo Untergewicht, und jetzt waren es fast zehn Kilo darüber. Mein Haar, einst dick und dunkel, war nun entschieden dünner und grau. Noch beunruhigt über die bevorstehende Begegnung wollte ich an ihm vorüber, doch ich kam an der Treppe Brust an Brust ihm gegenüber zum Stehen. Er schaute mich eine Weile an, bevor er mich erkannte. Wir schüttelten uns die Hände und Heinz umarmte mich impulsiv.

Nichts war bei der Begrüßung erzwungen, dies galt auch für unsere Bekanntschaft. Ich hatte das Gefühl, und er wahrscheinlich auch, daß wir seit vierzig Jahren alte Bekannte waren. Unser einziger wirklicher Kontakt hatte darin bestanden, daß wir uns drei oder viermal täglich in Dachau gesehen hatten, uns ein paar mal zunickten, und das vier Monate lang im Jahr 1947. Wir hatten trotzdem das Gefühl, als wären wir gute alte Freunde, die sich wiedersahen. In unseren Briefen wechselten wir schnell vom förmlichen »Sie« zum vertrauten »Du«, alles andere wäre uns unnatürlich vorgekommen.

Heinz fuhr mit mir zu seinem zweistöckigen Haus. Es hat von der rückwärtigen Seite aus einen weiten Blick auf das Marschland. Er hielt eine große Katze, die auf uns zukam, sowie er das Haus betrat. Beim Betreten des Hauses wurden wir auch mit dem schrillen Schrei eines Papageis begrüßt und Heinz erwiderte den Gruß mit einem »Hallo«. Den Kanarienvogel, den er ausserdem noch hatte, wollte er bald fortgeben. Er sagte mir, daß er im Hinterhof einen großen Käfig für zehn

290


bis zwölf exotische Vögel, die er sich seit Jahren hielt, gebaut hatte.

Sein Haus war gut möbliert und mit viel Kristall- und Porzellangegenständen eingerichtet. Dies stammte noch von seiner zweiten Frau, die einen guten Geschmack dafür hatte. Er stellte prompt zwei Kristallgläser und eine Flasche Schnaps auf den Tisch, mit der wir den Besuch einleiteten. Den größten Teil der folgenden zwei Tage verbrachten wir mit Gesprächen.

Heinz sagte mir, daß der Vermieter den Mietvertrag nicht erneuert hatte, da er das Haus für seinen Sohn benötigte; nachdem er nun dort zwölf Jahre gewohnt hatte, mußte er sich nach etwas neuem umsehen. Über seine Bank fand er, nur etwa sechs Kilometer entfernt, eine nette kleine Wohnung, die den Wirtsleuten gehörte, in deren Gasthaus wir an jenem Abend zum Essen gingen. Seine neue Wohnung befand sich gegenüber dem Wirtshaus, und wir besichtigten sie noch vor dem Abendessen.

Heinz hatte am Nachmittag, als wir uns in seinem Wohnzimmer niedergelassen hatten, mit dem Erzählen seiner Geschichte begonnen. Die Stille des ländlich gelegenen Hauses wurde nur durch das schrille Pfeifen des tropischen Vogels von der Küche her unterbrochen.

Er sprach von seinem Leben in dem kleinen Landstädtchen, wo er Vorsitzender der Christlich-Demokratischen-Union war, die zur Zeit in Deutschland die Regierungspartei ist. Er erzählte von seiner Mitgliedschaft beim örtlichen Gesangverein, wo er einer von zwei guten Bässen ist. Er ist im Ort gut bekannt, und die Kinder nennen ihn »Onkel Heinz.«

Heinz sprach von seinem Garten, in dem er Rosen und andere Blumen züchtete, darunter viele Rhododendronbüsche und einige Azaleen. Ich warüberrascht darüber, daß er in jener Gegend Europas Azaleen halten konnte. Gemüse würde er sich dagegen kaufen.

Er erzählte, daß es in seinem Leben Schwierigkeiten gegeben hat und daß er für eine übereifrige Jugendzeit immer wieder zu bezahlen hatte. Wie die meisten anderen Kinder war

291


er Mitglied der Hitlerjugend gewesen. Im Alter von siebzehn Jahren gab er eine kaufmännische Karriere auf, indem er sich für eine militärische Laufbahn entschied. Sein Vater hatte für seine Ausbildung an einer Handelsschule gesorgt und er sollte Geschäftsmann werden. Eines Tages schlug einer seiner Freunde vor, der SS beizutreten, und zusammen mit anderen Freunden meldeten sie sich zur SS. Siebzehn hatten sich gemeldet und wie es das Schicksal wollte, war er einer von Dreien die angenommen wurden. Das war der Wendepunkt in seinem Leben.

Er wurde SS-Offizier und während seiner Dienstzeit als Untersturmführer (Leutnant) wurde er als Adjutant des Lagerkommandanten von Dachau eingesetzt. Zur Zeit seines Einsatzes in Nordhausen war er Obersturmführer (Oberleutnant).

Als Heinz nach der Verbüßung von sieben Jahren Gefängnis in Landsberg entlassen wurde, warteten die deutschen Zivilbehörden am Gefängnistor auf ihn. Sie waren dort, um ihn wegen der Stellung, die er sowohl in Dachau als auch in Nordhausen hatte, zu verhaften. Als die Polizei herausfand, daß er keine Straftaten begangen hatte - er war nicht einmal Mitglied der NSDAP - wurde er entlassen und kehrte zu seinem Vater nach Norden zurück. Nach einer Weile kam seine Frau aus dem sowjetisch besetzten Teil Deutschlands zu ihm nach Westdeutschland.

Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis bemühte er sich lange, eine Arbeitsstelle zu finden, um seine Familie zu ernähren. Er zog nach Hamburg, wo er eine Stelle als Verkäufer erhielt. Nach zweimaligem Wechsel wurde er von einem Margarineunternehmen angestellt, wo er bis zum General-Verkaufsdirektor befördert wurde. Bei der Pensionierung mußte er feststellen, daß ihm weder die Zeit, in der er bei der SS diente, noch die Gefängniszeit für die Rente angerechnet wurde. Deshalb fehlte ihm ein Gutteil des normalen Ruhestandsgeldes. Doch er hatte eine Teilzeitbeschäftigung und war zufrieden.

292


Wir beide sprachen natürlich über die Dachauer Verfahren, und es überraschte mich zu hören, daß er den Amerikanern gegenüber, die ihn ins Gefängnis gebracht hatten, keinerlei Groll hegte, und auch nicht gegenüber dem System der Kriegsverbrecherprozesse, nach dem er verurteilt worden war. Er war in dieser Angelegenheit von seiner eigenen Unschuld überzeugt. Die »taten doch nur ihre Pflicht« sagte Heinz und fügte hinzu, »ebenso wie diejenigen in den Lagern«. Es sei Krieg gewesen, und die Dinge waren nicht normal. »Ich bin in Landsberg gut behandelt worden, und das Essen war verhältnismäßig gut.« Als ich hinzufügte, daß er in einem amerikanischen Gefängnis noch gut davongekommen war, stimmte er mir zu, da schreckliche Berichte von deutschen »Kriegsverbrechern« oder Kriegsgefangenen vorlagen, die im sowjetisch besetzten Deutschland und in anderen ost- und westeuropäischen Ländern noch viele Jahre nach Beendigung des Krieges gefangengehalten wurden. Sie wurden oft mißhandelt, schlecht ernährt und zu Zwangsarbeiten gezwungen. Es gibt Bitteres aus den jugoslawischen oder sowjetischen Gefangenlagem und Gefängnissen über die Behandlung der Gefangenen zu berichten (inzwischen haben wir aber auch über die Mißhandlungen deutscher Gefangener durch die Amerikaner erfahren)2.

Heinz sagte, daß die schlimmsten Stunden seines Lebens immer die Tage der Hinrichtungen in Landsberg am Lech waren. Er sagte, daß er und die anderen Gefangenen die Exekutionen sozusagen indirekt erlitten hatten. Obwohl sie eingeschlossen waren, hörten sie die Geräusche durch das

2 Siehe Bacque, James, »Der geplante Tod«, 1989, Ullstem Bacque beschreibt die von den Amerikanern »unterhaltenen« Gefangenenlager aus der Zeit nach dem Krieg Die Deutschen wurden in diesen Lagern auf freiem Feld, ohne alle sanitären Einrichtungen, von Stacheldraht umgeben, eingesperrt, monatelang ohne Bedachung, ohne regelmäßige Lebensmittelzufuhr und Wasser Unter diesen Bedingungen starben von ihnen Tausende

293


Gebäude wandern. Besonders grausam war das Geräusch des Fallens des Klapptürbodens der Galgen. Heinz sagte, daß das Herz stillzustehen drohte, wenn das zu hören war und immer entstand vor einem das Bild des verurteilten Mannes, wie dieser durch das Loch in den Tod stürzte.

Einen Morgen würde er nicht vergessen, so erzählte er, als eine große Zahl von Männern gehängt werden sollte, wobei die Gefangenen in ihren Zellen zu bleiben hatten, um die Exekutionen abzuwarten, was ihnen wie Stunden vorkam. Er hörte auf, das Geräusch des Klapperns der Falltüre zu zählen. Diese Hinrichtungen deprimierten ihn so sehr, daß er einige Tage lang kein Essen anrühren konnte. Nach dieser Äußerung zuckte er mit den Schultern, hinzufügend, daß es eben zum Gefängnisdasein gehörte und man sich daran zu gewöhnen hatte.

Heinz wurde, offensichtlich unter dem Eindruck dieser Erzählung, schweigsam, und nach einer Weile entschieden wir uns zum Essen zu gehen. Im Gasthaus neben seiner zukünftigen Wohnung war eine fröhliche und freundliche Stimmung. Ein amerikanischer Besucher war dort eine Seltenheit. Der Wirt, gleichzeitig zukünftiger Vermieter der Wohnung für Heinz, bediente uns persönlich. Er sagte, daß er die Weststaaten der USA besucht habe und daß er sich auf einen Besuch in Mexiko, den er für das kommende Jahr geplant hatte, freue. Wir bestellten das Essen, und es wurde ein ausgezeichneter Schweine-Rostbraten mit Bratkartoffeln und Karotten gereicht. Während des Essens sagte Heinz, daß er und die anderen Angeklagten nichts als Verachtung für die Berufszeugen gefühlt hatten.

Etwas, womit Heinz nicht fertig wurde, war die Frage, weswegen er bei der ersten Verhandlung in Dachau verurteilt worden war. Er hatte wegen dieser Information nachgefragt, doch er erhielt den Bescheid, daß die Unterlagen für die Öffentlichkeit gesperrt seien. Ich erklärte ihm, daß die Unterlagen vor ungefähr zwei Jahren freigegeben wurden. Das überraschte ihn, da er erst kürzlich wieder danach gefragt

294


hatte. Er hätte sehr gerne gewußt, wofür er in Dachau zu Gefängnis verurteilt worden war, denn alle Zeugen der Anklage lachten, wenn sie über Detmers befragt wurden und gaben an, daß sie ihn innerhalb des Lagers »Bubi« nannten.

Was die Mitangeklagten anbetraf, so hatte Heinz sich von der Gruppe distanziert, da es Intrigen gegeben habe, und jeder einzelne bereit war, seine Freiheit auf Kosten der anderen zu erkaufen. Der einzige von den Landsberger Gefangenen, den er seit jener Zeit getroffen hatte, war Georg König, mit dem er per Zufall bei einer Tagung in Hamburg zusammentraf. König, den er dann nicht wiedersah, war im zivilen Leben offenbar gut vorangekommen.

Detmers deutete an, daß einige der Mitangeklagten ein bestimmtes Niveau hatten. Ernannte sie »Lausbuben«, andere bezeichnete er als »naiv« harmlos.

In seine Wohnung zurückgekehrt, wartete die Schnapsfla-sche auf uns. Ich erzählte Heinz von meinem Bedauern um Alex Piorkowskis Todesurteil und fragte, was für ein Mann er gewesen sei. Er antwortete, daß Piorkowski ein absolut harmloser Mann gewesen war, der Dachau im Vergleich zu anderen Lagern zu einem »Sanatorium« (so Heinz) gemacht habe. Er fügte hinzu, daß ihm stets ein etwas rohes Sprichwort aus Norddeutschland einfiel, wenn immer er an Piorkowski dachte: »Wenn Schiet wat wart,« und womit er zum Ausdruck bringen wollte, daß immer etwas von der Herkunft hängen bleibt, wenn man seinen Aufstieg gemacht hat. Er erläuterte, daß Piorkowski ein ungeschliffener Mann aus kleinen Verhältnissen war, der eine verhältnismäßig steile Karriere gemacht hatte, doch im Prinzip sei er ein freundlicher und gewiß »harmloser« Mensch geblieben. Heinz fügte hinzu, daß sich die Situation in Dachau nach seinem Weggang möglicherweise verschlimmert habe, da er nach dem Krieg gehört hatte, daß es medizinische Experimente gegeben haben soll. Das sei, falls diese tatsächlich stattgefunden hatten, lange nach der Zeit gewesen, als er und Piorkowski dort waren.

295


Heinz meinte, Piorkowski sei ein Opfer der Umstände gewesen, da es für die Amerikaner undenkbar schien, einen Kommandanten eines »berüchtigten« Konzentrationslagers freizusprechen oder ihm auch nur ein mildes Urteil zu geben. Er wiederholte, daß die Amerikaner auch nur das zu tun gehabt hätten, was ihnen befohlen wurde, und er hätte dafür Verständnis.

Ich fragte Heinz, ob es in Dora/Nordhausen jüdische Häftlinge gegeben habe, und er antwortete, daß es mindestens zu seiner Zeit keine gegeben habe. Es sei ein Arbeitslager gewesen und sehr viele Arbeiten unterlagen hohen technischen Ansprüchen, sowie der Geheimhaltung. Das schlimmste daran war die Überfüllung und die Umstände, welche die Behörden aus Sicherheitsgründen zwangen, die Insassen anfänglich in einem der Tunnel unterzubringen, wo viele krank wurden und starben. Das hatte sich geändert als Baracken gebaut und die Gefangenen somit im Freien untergebracht wurden. Als ich ihn fragte, warum die deutsche Regierung ein Programm zur Vernichtung der Juden entwickelt habe, antwortete er, daß das vielleicht wahr sein könnte, er habe jedoch niemals von einem solchen Plan gehört. Falls es einen entsprechenden Plan gegeben habe, so könne sich das nur auf unheilbare Kranke bezogen haben, und in diesem Fall hätte das alle Gefangenen betroffen, nicht nur Juden. Er fügte noch hinzu, daß »nur Arbeitsfähige in den Arbeitslagern« untergebracht waren.

Eine meiner Erinnerungen an den Nordhausen-Fall war die Fröhlichkeit, mit der die Gefangenen sich umgeben hatten. Sie hörten den Verhandlungen aufmerksam zu und lachten dennoch lauthals über irgendwelche Scherze oder ungewöhnliche Vorfälle innerhalb des Gerichtsraumes. Heinz sagte mir, daß sie sich alle mehr oder weniger damit abgefunden hatten, zum Tode verurteilt zu werden; alles andere wäre ohne jede Frage in ihren Augen eine Verbesserung gewesen. In der Erwartung eines solchen Schicksals hatten sie, so drückte sich Heinz aus, »nichts mehr zu verlieren.«

296


Wir sprachen beim Schnaps bis weit über Mitternacht hinaus. Im Verlauf des Abends erhielt Heinz einige Telefonanrufe von seiner Familie. Dabei erkundigte man sich, ob ich gut angekommen sei und ob alles gut verliefe. Ich war deswegen belustigt, da ich nicht gedacht hatte, daß er so gesprächig war und seinen Familienangehörigen von dem Amerikaner erzählt hat, der ihn verurteilt hatte. Es schien, daß mein Besuch für ihn und seine Familie genau so bedeutungsvoll war wie für mich.

Ich hatte am nächsten Morgen von dem Willkommensschnaps einen Kater erwartet, doch ich erwachte mit einem klaren Kopf. Ich war nicht einmal am vergangenen Abend beschwipst gewesen, obwohl ich müde war. Hätten wir anstelle des Schnapses die gleiche Menge Scotch oder Bourbon getrunken, ich bin sicher, daß ich das am darauffolgenden Morgen gespürt hätte.

Heinz bereitete das Frühstück vor und wir fuhren zu einer 68-jährigen Witwe, mit der Heinz nach dem Tode seiner zweiten Frau ein freundschaftliches Verhältnis pflegte. Sie war eine angenehme und freundliche Person aus dem sowjetisch besetzten Teil Deutschlands. Sie und ihr Mann schafften es, nach Westdeutschland zu gelangen, wo sie sich einen Bauernhof gekauft und ihn bis zum Tode des Mannes bewirtschaftet hatten. Anne kam jetzt bequem zurecht. Sie hatte zwei Kinder, eines war verheiratet, das andere war geschieden und jetzt mit einem neuen Partner liiert.

Wir fuhren zurück zu Heinz, wo sie ihr Gepäck ließ. Wir drei fuhren dann nach Lübeck, um einen Zug für die Fahrt nach Augsburg auszusuchen.

Es regnete in Lübeck, doch das konnte uns nach einem Essen im Stadtrestaurant nicht von einem Rundgang abhalten. An der George Washington Universität hatte ich deutsche Literatur bevorzugt, dabei hatte ich einige Werke von Thomas Mann kennen- und schätzen gelernt. Ich freute mich, seine Heimatstadt zu besuchen. Ich erfuhr zu meiner Überraschung, daß das Haus seiner Vorfahren zu einer Bank umgewandelt worden war. Das Gebäude war offensichtlich eine Villa alten

297


Stils, in der jetzt, als Folge des Touristenrummels, Besucher an Bankkunden und an den Schaltern vorbeischlenderten.

Lübeck war eine reizende Stadt. Wieder zurück bei Heinz, sahen wir uns alte Aufnahmen an: Heinz während des Dienstes in Dachau. Ich war nicht überrascht, daß man ihn »Bubi« genannt hatte, da er in der Uniform wie ein Vierzehnjähriger ausgesehen hat, obwohl er damals 22 Jahre alt war. Heinz sagte mir, daß er um Fronteinsatz gebeten hatte, da seine Stelle sehr leicht durch einen älteren Mann ersetzt werden konnte. Er fühlte sich jung und einsatzfreudig. Sein Antrag wurde genehmigt. Inzwischen hatte er geheiratet. Er kam an die Ostfront und wurde später nach Nordhausen versetzt.

Am folgenden Morgen standen wir früh auf, denn Heinz mußte mich zum Zug Lübeck-Hamburg bringen, damit ich von dort aus Anschluß nach Augsburg bekomme. Wir kauften zum Frühstück Semmeln, die mit Käse überbacken waren und köstlich schmeckten. Ich erzählte Heinz und Anne, daß ich zu Hause Käsebrot backen würde, wobei der Käse vor dem Backen in den Teig hineingeknetet wurde. Anne bat um das Rezept, das ich zu schicken versprach.

Wir trennten uns auf dem Bahnsteig, kurz vor der Abfahrt des Zuges nach Hamburg. Heinz und Anne kehrten zu ihrem Dorf zurück, während ich mich nach Süddeutschland begab, um meine Rückkehr in die Vereinigten Staaten, die für Montag vorgesehen war, vorzubereiten.

298


Zurück zum Inhaltsverzeichnis
Zum nächsten Kapitel
Zum vorhergehenden Kapitel
Zurück zum Archive