DAS URTEIL GEGEN RUDOLF MERKEL

Ich wurde ausgewählt, die Beweisaufnahme im Fall Rudolf Merkel zu protokollieren. Wie alle anderen (bis auf einen) vertrat auch er seinen Fall selbst. Jahre später stellte ich mit Erstaunen fest, daß ich diebetreffenden Aufzeichnungen, die ich im Gericht aufgenommen hatte, noch besaß und sie sogar noch lesen konnte.

Als Merkel in den Zeugenstand ging, hoffte ich insgeheim, daß seine Aussage besonders überzeugend sein möge. Ich hoffte sogar, daß man ihn freisprechen würde. Nicht nur weil ich glaubte, daß er unschuldig war, sondern auch wegen seiner Jugend. Mir erschienen die Worte Merkels, der ungefähr mein Alter hatte, wahr. Hätten ihm die älteren Männer, von denen einige des kaltblütigen, vorsätzlichen Mordes schuldig waren, nicht ein schlechtes Beispiel gegeben und hätten sie dem jungen Mann nicht befohlen den abgesprungenen Flieger zu schlagen, wäre er nicht mit ihnen auf der Anklagebank gelandet.

Im Kreuzverhör, durchgeführt durch den Hauptankläger V.H. McClintock, gab Merkel zwar seine Teilnahme an dem Angriff auf Sgt. McDonough zu, doch er verneinte lebhaft, mit der Absicht auf den Schöllkopf gestiegen zu sein den Flieger zu töten. Er führte aus, daß er und Hermann Krieg den Mann vom Berg hinuntergetragen hatten, bis sie durch Eiermann gestoppt worden waren. Mit diesem Beispiel wollte er zum Ausdruck bringen, daß er keinen Haß auf den abgesprungenen Flieger gehabt hatte. Ich konnte mir leicht vorstellen, daß ein Sechzehnjähriger einfach neugierig auf den amerikanischen Flieger war und daß er nie die Absicht hatte, ihn zu töten.

Merkel verneinte außerdem, daß er den Amerikaner ernsthaft verletzen wollte. Er sagte aus, daß er allem Anschein nach schon tot war, als er ihn mit einem Stock schlug, den ihm

82


entweder Alois Gerstner oder Hermann Krieg gegeben hatte (es war Krieg, sagte Merkel aus, der ihm befohlen hatte, den Mann zu schlagen). Obwohl er zugab, daß er damals aufgeregt gewesen war, ging aus keiner Aussage hervor, daß er, so wie die älteren Angeklagten, von einer mordlüstemen Raserei befallen war, noch ging aus seinen Aussagen oder aus seinem Auftreten hervor, daß er über das Normale hinaus erregt war.

Ich war überrascht, daß die Anklage, die Verteidigung und das Gericht, Merkel mit dessen Vornamen Rudolf ansprachen, wogegen die anderen Angeklagten mit dem Nachnamen angesprochen wurden. Die Verwendung seines Vornamens galt mir als klares Zeichen dafür, daß man ihn als Jugendlichen behandeln wollte und nicht als erwachsenen Mann. Da ich selbst nicht als Erwachsener behandelt wurde und weil ich mich auch nicht erwachsen fühlte, schien es mir daher eine logische Folgerung, daß man diese Jugend berücksichtigen würde.

Während des ganzen Prozesses beschäftigte mich mein Mitleid bei den Leiden der drei amerikanischen Flieger und ihrem tragischen Schicksal so sehr, daß ich mir kaum Gedanken über den Ausgang des Prozesses machte. Doch nun war die Verhandlung zu Ende.

Es wurden die Plädoyers gehalten, zuerst von der Anklage und danach von der Verteidigung. Der Gerichtspräsident rief dann jeden der Angeklagten auf. Jeder wurde gefragt, ob er noch mildernde Umstände beantragen wolle, oder ob er dem Gericht noch etwas sagen wolle. Ich war enttäuscht, daß auch Merkel im Anklageplädoyer für schuldig befunden wurde. Aber ich hoffte immer noch, daß das Gericht ihm gegenüber Nachsicht üben würde.

Auf die an Merkel gerichtete Frage, ob er noch etwas hinzufügen möchte, antwortete Merkel:

- Ja. Ich muß dem Hohen Gericht sagen, daß ich vom ersten Anklagepunkt, der aus dieser Anklageschrift hervorgeht, nichts gewußt habe. Der erste Anklagepunkt soll mich belasten, doch ich muß sagen, daß ich damals erst 16 Jahre alt

83


war und daß ich mir nicht darüber im klaren war, was vor sich ging; Ich trug den Flieger ja dort hinunter. Ich muß auch sagen, daß ich keine Vorstrafen habe und meine Eltern auch keine. Ich möchte noch sagen, daß wir einen kleinen Bauernhof zu Hause haben. Meine Mutter und mein Vater leben dort mit zwei kleinen Kindern, das Haus verfällt, alles ist vor die Hunde gegangen, und ich bitte das Hohe Gericht um ein gerechtes Urteil. -

Nachdem die Angeklagten ihre Erklärungen abgegeben hatten, zog sich das Gericht kurz zurück, damit dessen Mitglieder die Urteile für jeden der Angeklagten besprechen konnten (außer für Overlack, der von allen Anklagen freigesprochen wurde). Während der Beratungen warteten die Angeklagten mit offensichtlich wachsender Spannung.

Als das Gericht zurückgekehrt war, rief der Präsident die Angeklagten wieder einzeln auf, damit jeder sein Urteil anhörte. Er sprach ruhig, mit einer beinahe ausdruckslos erscheinenden Stimme, ganz im Gegensatz zu der Schwere der Urteile, die er aussprach, eines nach dem anderen. Sämtliche Angeklagten, außer einem, empfingen ihre Urteile, so hart sie waren, teilnahmslos.

Die Ausnahme war Rudolf Merkel. Machte er während des Verfahrens einen verschreckten Eindruck, so schien er jetzt vor dem Zusammenbruch zu stehen, als das Gericht ihn zu lebenslanger Haft verurteilte, die er in Landsberg am Lech absitzen sollte. Tränen stiegen in seinen Augen auf und begannen seine Backen hinunterzulaufen; ein stilles Schluchzen, das er in der Kehle abfing, entstellte seine Gesichtszüge. Vor Erschütterung zitternd, blickte er direkt auf mich, den Protokollführer, der ich meinen Platz direkt vor dem Sitz des Vorsitzenden des Gerichts hatte. In diesem Moment fühlte ich, als ob ich ihn betrogen hätte, alleine durch die Tatsache, daß ich dabei war. Auch ich war über das Urteil betroffen und ich musste meinen Blick von Merkel abwenden. Auch meine Augen brannten, und in meiner Kehle bildete sich ein Kloß; doch gewiß hätte es sein Leid nur noch verschlimmert wenn

84


er mich hätte zusammenbrechen sehen. Ich war mir sicher, daß ich meine eigenen Tränen nicht mehr länger zurückhalten könnte, wenn ich mich noch länger mit Merkels Qual befasste.

Aus dem gesondert behandelten Fliegerfall begann ein Drama zu werden, mit dem Gerichtsraum als Bühne. Plötzlich wurde mir die Wirklichkeit in ihrer ganzen Grausamkeit be-wusst. Erst jetzt wurde mir klar, was den Verurteilten bevorstand.

Wie betäubt hörte ich die restlichen noch schwereren Urteile. Der Präsident des Gerichts sprach sechs Todesurteile aus: Adolf Eiermann, Mathäus Götzmann, Wilhelm Karcher, Isi-dor Klumpp, Hermann Krieg und Johann Schneider wurden zum Tode durch Erhängen in Landsberg am Lech verurteilt, während die restlichen Angeklagten zu lebenslänglicher Zwangsarbeit verurteilt wurden. Ich war schockiert, als der Gerichtsvorsitzende den Verurteilten eröffnete, daß sie gehenkt werden würden, »bis der Tod eintritt«. Die Urteile wurden einschließlich aller Einzelheiten monoton heruntergeleiert. Trotzdem hatte ich das Gefühl, daß einige von ihnen die Strafe durch Erhängen verdient hatten. Ihr Schicksal, so schwer es auch war, bewegte mich nicht so sehr, doch trotzdem mußte man sich erst an die Vorstellung gewöhnen, daß man mit denen in einem Raum saß, denen man ein Seil um den Hals legen würde! Doch ich verdrängte dies alles, weil ich noch immer über die Strafe für Merkel total erschüttert war.

Ich dachte natürlich darüber nach, ob meine Betroffenheit über das an Rudolf Merkel ergangene Urteil daran lag, daß wir dasselbe Alter hatten. Ich war der einzige in seinem Alter in der Gruppe der Amerikaner, in der ich arbeitete. Auch die angeklagten Deutschen waren älter. Ich war mir sicher, daß wir beide eine gewisse Verbundenheit spürten und fand es normal, daß auf Grund unserer Gleichaltrigkeit Merkel sofort meine Aufmerksamkeit erregt hatte, als ich den Gerichtsraum betrat.

Wenn Merkel meine unmittelbare Aufmerksamkeit im Gerichtssaal auf sich gezogen hatte, muß es umgekehrt ebenso

85


der Fall gewesen sein. Oft fand ich, wenn ich in seine Richtung sah, seine Augen fest auf mich gerichtet. Ich folgte der ihn betreffenden Beweisaufnahme so sorgfältig, wie ich es einem Verwandten oder treuen Freund gegenüber getan hätte oder sogar so, als wäre ich selbst der Angeklagte.

Doch es war mehr als das. Das Gericht hatte Merkel so verhört, als wäre er ein Junge, und doch wurde er nicht weniger unerbittlich verurteilt, als wenn er schon erwachsen und ein hartgesottener Verbrecher gewesen wäre. Er war jünger als ich, doch ich war auf der Siegerseite, auf der Seite des Urteils, das über ihn gesprochen worden war. Meine Vorgesetzten hatten ihn eines Verbrechens für schuldig befunden: er hatte einen Amerikaner, seinen Feind, einen amerikanischen Flieger geschlagen, der vielleicht Merkels Heim oder Dorf bombardiert oder beschossen hatte. Und er war gerade erst sechzehn! Ich weiß nicht, was ich gefühlt hätte, wenn Merkel einen der Flieger getötet hätte, doch die Beweisführung hatte nun mal ergeben, daß Merkel nur dem Beispiel der Älteren gefolgt war. Die Frage, ob er den Mann geschlagen hatte, als dieser schon tot war, blieb offen.

Der Polizeibeamte Bosch war als Zeuge zum Prozess geladen. Er sagte aus, daß Merkel den Flieger geschlagen habe. Doch Bosch war also dabei und hat nicht protestiert, als Merkel den Flieger geschlagen hat. Wenn die anderen schuldig waren, war dann Bosch, ein Polizist, nicht auch schuldig? Schuldig als ein Mitbeteiligter, durch seine stille Komplizenschaft, durch die Duldung einer ungesetzlichen Tat? Da Bosch zugegen war und nichts sagte, wurden die letzten Zweifel bei dem Jungen weggewischt, wie er auch selbst vor Gericht

argumentierte.

Merkels Alter machte ihn gleich zweimal zum Opfer. Eineinhalb Jahre älter und er wäre bei den regulären Streitkräften, wahrscheinlich an der Front gewesen, ohne jede Möglichkeit, eine Rolle in dem Drama, das sich in seinem Heimatort abspielte, zu spielen, was schließlich sein Lebens verpfuschte. In den nächsten Jahren würden die Leute über den Skandal,

86


der einen Schatten auf ihre Stadt geworfen hatte, reden, aber sie würden auch Rudolf Merkels guten Charakter bestätigen .und in seinem Falle um Nachsicht bitten.

Merkels Urteil verstärkte meine Sympathien ihm gegenüber. Ich fand mich dem Jungen noch mehr verbunden. Es war leicht für mich, seine Gedanken nachzuvollziehen. Er war kaum neunzehn und wurde zu lebenslänglicher Zwangsarbeit verurteilt. Dies mußte vernichtend auf ihn wirken. Sein Leben, kaum begonnen, war so gut wie am Ende, praktisch ausgelöscht. Das war die Quittung nicht für das Begehen eines Unrechts, sondern für eine Sache, von der er geglaubt hatte, daß sie richtig war. Obwohl Merkel freiwillig zugegeben hatte, den Flieger geschlagen zu haben, hatte er nicht gestanden, und er konnte es auch nicht gestehen, eine Mordtat begangen zu haben. Heute, wie damals in Dachau vor 45 Jahren, ist es meine feste Überzeugung, daß Merkel so gehandelt hat, wie die meisten anderen in der gleichen Situation auch gehandelt hätten.

Merkel war in einer Gesellschaft aufgewachsen, in der alles zu befolgen war, was der Führer befohlen hatte. Wie fast alle Kinder seines Alters, war Merkel Mitglied der Hitlerjugend gewesen, geprägt von derNS-Erziehung und von NS-Idealen. Außerdem gehörte er zu einem Kulturkreis, in dem unbedingter Respekt gegenüber den Älteren gelehrt wurde. Hätte er sich den Älteren entgegengestellt benommen, wäre ich überrascht gewesen, hätte dies vielleicht sogar ein klein wenig kritisch betrachtet, weil auch ich eine Kindheit hatte, in der unbedingter Gehorsam gegenüber den Älteren Pflicht war. Ich konnte ihn wegen seines Gehorsams gegenüber Krieg und den anderen nicht tadeln. Die US-Flieger waren gekommen, um Bomben zu werfen. Sie hatten Zerstörung und Tod gebracht. Sie waren der Feind. Man hätte Merkel Weichheit vorgeworfen, sogar Verrat, hätte er nicht dasselbe getan, was die Erwachsenen getan hatten. Sie mußten ja schliesslich wissen, was richtig war, denn sie alle kannten das Leben noch aus der Zeit vor dem Krieg und vor Hitler.

87


Ich hatte auch gehört, daß die Briten oft deutsche Flieger mißhandelt hatten, die mit dem Fallschirm über Großbritannien abgesprungen waren. Der englische Schriftsteller Len Deighton berichtet in seinem Buch »The Battle of Britain« von solchen Fällen. So kam es vor, daß deutsche Flieger nach schrecklichen Schlägen getötet wurden. So verachtenswürdig so etwas ist, das Verlangen nach Vergeltung, das Schlagen eines Feindes, der einem bis dahin unbekannt war, kann aus einer Verzweiflung heraus sogar »normal« erscheinen. Noch ernsthafter und brutaler wird eine solche Situation, wenn vorher Bomben auf die Stadt, die Nachbarn oder auf das eigene Haus gefallen waren! Was die Deutschen getan hatten, konnte in keiner Weise von den Taten der Briten unterschieden werden. Der einzige Unterschied war, daß sich die Deutschen auf der Verliererseite, die Briten aber auf der Siegerseite befanden. Man kann über die Gesetze der Genfer Konvention sagen was man will, eines ist sicher, es ist nicht leicht, über Menschen ein moralisches Urteil zu fällen, die in einen totalen Krieg verwickelt waren.

*

Am Ende der Verhandlung war ich so erschüttert, daß ich den Gerichtsaal benommen, niedergedrückt und seelisch total aufgewühlt verließ. Ich konnte mit niemandem sprechen. Als ich in das Büro der Protokollführer zurückkehrte, wo ich meine Aufzeichnungen niederschrieb, sagte mein Chef Teas-ley, daß meine Arbeit gut war und daß er mich für geeignet hielt, die Verantwortung für die Aufnahme zukünftiger Verfahren alleine zu übernehmen. Ich antwortete recht abweisend, daß ich als Gerichtsprotokollführer nicht arbeiten könnte und auch nicht wollte. Ich erklärte ihm, daß mich die Beweisaufnahmen innerlich so aufgewühlt hätten, daß ich nicht in der Lage sei, Einzelheiten über solch grausame Ereignisse zu hören und darüber zu berichten. Ich erinnere mich nicht, daß Teasley irgendeine Reaktion zeigte oder etwas sagte, außer

88


einem ruhigen »okay.« Die nächsten Tage saß ich nur nichtstuend herum und überlegte mir ernsthaft, was ich in Zukunft machen könnte.

Ich hatte einen Vertrag mit der Armee, und genauer gesagt mit der 7708. Kriegsverbrechensgruppe. Ich hätte nicht gewußt, wo ich in Deutschland eine Beschäftigung hätte finden können. Auch wenn ich meinen Vertrag gelöst hätte, wäre es schon von den Kosten her undenkbar gewesen, nach nur wenigen Monaten in Deutschland in die Vereinigten Staaten zurückzukehren. Bald begann ich mein Verhalten für dumm zu halten und nach drei Tagen Nichtstun kehrte ich in Teasleys Büro zurück, entschuldigte mich für meine in Erregung geäus-serte Meinung und erklärte ihm meine Bereitschaft, weiterzuarbeiten. Wieder zeigte Teasley keinerlei Regung, weder Überraschung noch Verärgerung. Er lächelte nur und antwortete zustimmend. Ich wurde sofort als Protokollführer für neue Gerichtsverfahren abgestellt. Sicherlich haben mir einige davon auch zu schaffen gemacht, doch niemals mehr wurde ich innerlich so aufgewühlt wie von dem Fliegerfall Gernsbach. Ich begegnete allerdings auch nie mehr einem anderen Angeklagten, der so jung war wie Rudolf Merkel.

Mein gegenüber Teasley geäußertes negatives Urteil über den Fliegerfall war offensichtlich einigen anderen Protokollführern zu Ohren gekommen. Einige von ihnen mißverstanden offensichtlich meine Gründe, da ich danach eine ablehnende Haltung mir gegenüber verspürte, besonders seitens der professionellen Protokollführer. Ich kümmerte mich nicht darum, gab keine Erklärungen, hätte es auch nicht können, und ihre Abneigung schwand auch bald.

Meine Beziehung zu den jüngeren Kollegen besserte sich rasch. Sie nannten mich »Joey« oder »Joey Baby«, weil ich ihnen von meinem Erlebnis mit der CPO-Angestellten erzählt hatte. Sie brachen in brüllendes Gelächter aus, als ich die Stapel von Zigarettenkippen im Aschenbecher erwähnte, wobei ich ihr Brooklyn-Englisch nachahmte: »Did you >Baibees< smoke all >them< cigarettes?« Der Spitzname blieb hängen, bis

89


zum heutigen Tag, wann immer ich mit meinen ehemaligen Kollegen zusammenkomme. Damals war er stets ein Hinweis auf mein junges Alter, doch es bedeutete auch, daß sie mich akzeptiert hatten.

Ich hatte nach dem Gemsbach-Fliegerfall mein inneres Gleichgewicht wiedererlangt. Dies bedeutete jedoch nicht, daß ich ihn je vergessen konnte. Ich dachte oft an Rudolf Merkel, wie es ihm wohl ergehen möge. Wir hatten nie ein Wort miteinander gewechselt, doch ich fühle immer noch starke Bindung zu ihm.

Ich hoffte, daß Rudolf Merkel aus seiner schlimmen Erfahrung in Dachau gelernt hatte und nach Ablauf einer verkürzten Strafzeit ein segensreiches Leben führte. Ich zog daraus die Lehre, daß es im Krieg keine genaue Definition von Recht oder Unrecht geben kann, und daß nur derjenige darüber bestimmt, ob eine Kriegshandlung kriminell ist oder willkürlich, der den Krieg gewinnt; niemals jedoch der Verlierer.

Einige Wochen später fand ich in München diese Lehre absolut bestätigt. Ich stand vor dem Excelsior Hotel und wartete auf einen Bus nach Dachau, als ich eine Menge Leute beobachtete, die sich an der Straßenecke versammelt hatten. Ich eilte hinüber um zu sehen, was die Leute dort angezogen hatte. Ein US-Armeeangehöriger schlug auf einen Deutschen ein, der keinen Widerstand leistete. Er fiel bald auf das Pflaster und sagte immer wieder: »Aber ich habe doch nichts getan!« Seine Beschwörungen konnten den rasenden amerikanischen Soldaten nicht beruhigen. Ich fragte einen der Umstehenden, was geschehen war und hörte, daß der Deutsche ein amerikanisches Mädchen »Hure« genannt haben soll.

Als der Deutsche am Boden lag, begann der Armeeangehörige ihn wütend mit den Füssen zu treten. In die Seite, in die Brust, auf den ganzen sich windenden Körper. Zwei amerikanische Leutnants befanden sich unter den Zuschauem. Ich fragte, ob denn niemand einschreiten könne um die Angriffe zu beenden. Einem der Offiziere gefiel die Situation offensichtlich nicht, doch er beobachtete trotzdem schweigsam weiter.

90


Als ich ihm dann direkt nahelegte, den Mann zum Einhalten zu bewegen, zuckte er lediglich wortlos mit den Schultern.

Ich weiß nicht, wie die Situation endete,denn plötzlich kam der Bus und alle, die nach Dachau zurückkehren wollten, stiegen ein. Alle hatten das Schlagen beobachtet, doch nicht einer hatte ein Wort des Protestes verlauten lassen. Keiner hatte einen Ausdruck des Unwillens kundgetan angesichts des widerlichen Terrors, den jeder einzelne der Zuschauer mitbekommen hatte. Doch wir alle hatten nur dumm und schweigend zugeschaut.

91


Zurück zum Inhaltsverzeichnis
Zum nächsten Kapitel
Zum vorhergehenden Kapitel
Zurück zum Archive