MEIN ERSTER EINSATZ IM GERICHTSSAAL

Bald nachdem man mir einen Schreibtisch in der Abteilung der Protokollführer zugewiesen hatte, kam es mir zum Bewußtsein, daß man keinesfalls automatisch zu einem Protokollanten wird. Ich war eigentlich für Voruntersuchungen eingestellt worden. Doch nun musste ich beweisen, daß ich auch in der Lage war, in einer richtigen Gerichtsverhandlung, die viel formeller ablief als eine Voruntersuchung, meinen Mann zu stehen. Allerdings war meine Kurzschrift-Geschwindigkeit inzwischen so gut geworden, daß ich sicher sein konnte, den Sitzungen der Gerichtsverhandlungen folgen zu können.

Meine Geschwindigkeit musste sich allerdings erst einmal während eines richtigen Gerichtsprozesses als ausreichend erweisen. Beim Protokollieren von Voruntersuchungsfällen konnte der Protokollführer das Tempo der Befragung beinahe selbst bestimmen und zu jeder Zeit die Abläufe unterbrechen. Es war jedoch ein unvorstellbarer Gedanke, daß ein Protokollführerden Ablauf in einer Gerichtsverhandlung verlangsamte, nur weil er nicht mithalten konnte.

Um mich zu prüfen, musste ich an einer Gerichtssitzung teilnehmen, an der auch ein erfahrener Protokollant mit dabei war und mitprotokollierte. Die Probe bestand darin, daß ich mehrere Tage hintereinander an den Sitzungen teilnahm, so daß ich mich mit der Gerichtssprache und den Vorgängen bei Gericht vertraut machen konnte. Sodann durfte ich unter den wachsamen Augen eines Chefprotokollführers über eine Sitzung berichten. Auf der Grundlage der Genauigkeit meiner Aufzeichnungen würde Mr. Teasley dann bestimmen, ob ich fähig war, selbstständig Protokollführer zu sein.

Meine wochenlange Einführung fand in der zweiten Woche einer zweiwöchigen Verhandlung statt. Protokollführer waren Roger Clark und Vernon Keller, denen ich auf meiner Reise über den Atlantik begegnet war. Mit dabei war Muriel Klin-

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gelhuts, mit der ich später gute Freundschaft hielt, außerdem Evelyn Cohen, Reuben Duskis und Vera Carter. Da ich nur einen Teil der Verhandlungen aufzuzeichnen hatte, hatte ich die Chance, die Vorgänge nach Belieben weiter zu verfolgen. Die Verhandlung nannte sich »Hans Rothacker et al.«, Ablage Nr. 12-2036. Es war ein einzelner »Fliegerfall«. Die US-Behörden schienen damals einzelne Fliegerfälle im allgemeinen für weniger interessant zu halten als Konzentrationslagerfälle. Dies jedoch war ein bedeutsamer Fall, mit einer größeren Anzahl Angeklagter (die auch während der Dachauer Prozesse öfter eine Rolle gespielt hatten). Bei diesem Fall ging es um das Schicksal von drei amerikanischen Fliegern: die Sergeanten Robert L. Harmon, ASN 13109766, Robert A, mc Donough, ASN 11120761 und Kennern L. Palmer, ASN 13073655. Diese drei Männer befanden sich am 9. August 1944 in einem Bombereinsatz über dem Kurort Baden-Baden und dessen Hinterland, als ihr Flugzeug von deutscher Flak getroffen wurde. Sie waren gezwungen auszusteigen und kamen in einem ländlichen Gebiet in der Nähe von Gernsbach/Murgtal in Württemberg herunter. Das Gebiet um Gemsbach umfaßte die Dörfer Weisenbach, Obertsrot und Hilpertsau, alle im Kreis Rastatt, in der Nähe der französischen Grenze.

Nachdem die drei Flieger, jeder an einer anderen Stelle, aber lebend, wenn auch verletzt, gelandet waren, wurden sie von den Dorfbewohnern gefangengenommen. Danach wurden alle brutal getötet.

Die Prozeßführung ging davon aus, daß die Dorfbewohner von ihrer Regierung angewiesen waren, alle mit dem Fallschirm abgesprungenen Flieger zu töten. Dieser (vermutete) Befehl war die Grundlage für die ersten vier Anklagepunkte gegen die Angeklagten, wonach sie alle nach einem gemeinsamen Vorhaben oder Plan gehandelt hätten.

Es konnte dem Gericht kein Dokument vorgelegt werden, woraus ein solcher Befehl hervorgegangen wäre. Einer der Angeklagten, Heinrich Stichling, sagte unter Eid aus, daß der

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Kreisleiter von Rastatt folgende Instruktionen ausgegeben hatte:

- »Die Öffentlichkeit wird darüber informiert, daß die Angriffe der feindlichen Flieger auf unser Land nichts mehr mit normaler Kriegsführung zu tun haben. Egal ob eine Frau auf dem Feld oder ein Kind - die Flieger schießen und töten diese Personen.

Deshalb verlange ich, daß abgeschossene und mit dem Fallschirm gelandete feindliche Flieger, nicht lebend in Gefangenschaft zu nehmen sind.« -'

Doch auch Stichling war nicht in der Lage, das Original-Dokument vorzuweisen.

Damals verwirrte mich die Aussage Stichlings (der das Original des Befehls nicht vorweisen konnte), wonach »Bombardierungen nichts mehr mit Krieg zu tun hätten.« Erst viel später, als ich einen Beitrag - »Der Luftkrieg gegen die deutsche Zivilbevölkerung« (Journal zur amerikanischen Geschichte, LXVII, September 1980) - über »Die Ethik von Bombardierungen im Zweiten Weltkrieg« las, wurde mir Stichlings Aussage klar. In dem Artikel wurde beschrieben, daß die US-Streitkräfte unter dem Vorwand der Bombardierung -offiziell »die Anwendung besonderer Mittel« - mit dem »Clarion« Plan, den freizügigen Angriffen auf die Zivilbevölkerung begonnen hatten. Diese Taktik, von der ich mich anhand der gezielten Zerstörung so vieler ziviler Städte selbst überzeugen konnte, sollte dazu dienen, die Moral der Bevölkerung zu zerstören.

Die anderen drei Anklagepunkte bezogen sich auf die Mißhandlung und Ermordung der drei gefangenen Flieger. Einige der Angeklagten waren in entweder einem oder in allen Fällen angeklagt, doch alle waren durch die erste Anklage »gemeinsames Handeln« belastet.

l Nationalarchiv - Prozeßunterlagen, Hans Rothacker et al., Akten-Nummer P-35A, Aussage des Heinrich Stichling vom 12. Dezember 1945.

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Manche Angeklagte waren in mehr als ein Verbrechen verwickelt. Doch nicht alle Angeklagten, die an mehr als an einem Vergehen teilgenommen hatten, waren in die gleichen Fälle verwickelt. Doch jeder wurde für die Verabredung zu einer gemeinsamen Straftat für schuldig gesprochen und dadurch automatisch mitschuldig. Dies ungeachtet der Tatsache, ob sie nun bei den anderen Fällen dabei waren oder nicht. Mit der Anklageschrift des Hauptanklägers in diesem Fall, V.H. McClintock, versuchte man zu beweisen, daß die Angeklagten

- ... an einem gemeinsamen Plan teilgenommen und diesen formuliert haben, mit der Absicht entweder selbst oder durch andere, das Kriegsrecht zu verletzen um auf eine solche Weise, freiwillig und unrechtmäßig, durch Ermutigung, Beihilfe, Vorschub, Auftrag, Teilnahme oder Zustimmung an Angehörigen der Streitkräfte der Vereinigten Staaten, die sich ergeben hatten und unbewaffnete Gefangene im Gewahrsam des Deutschen Reiches waren, Grausamkeiten und Mißhandlungen, einschließlich Tötung, Schlagen, Folterung, Beleidigung und Unwürdigkeit zu veranlassen oder selbst zu verüben. -

Im Frühstadium der Untersuchung hatte der Hauptverteidiger hinsichtlich Anklage l heftig Einspruch erhoben, wobei er ausführte, daß er

- ... sich unmöglich auf die Verteidigung vorbereiten könne, da der Fall zu allgemein gehalten sei und eine solche Anklage jedermann in Deutschland belasten würde, was nicht die Absicht eines Kriegsgerichts sein könne, weil sich damals alle Deutschen mit den alliierten Nationen im Kriegszustand befanden. -

Der Präsident des Gerichts, Colonel Charles F. Johnson, antwortete, daß die Anklagepunkte den Fall rechtfertigen würden, und er entschied nach den Gegebenheiten des Falles, entsprechend der Beweisführung. Er führte aus: »Das Gericht kann keine juristische Beachtung denjenigen Angelegenheiten zukommen lassen, welche die Verteidigung zugunsten irgendwelcher deutscher Staatsangehöriger vorbringt, dienicht

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als Angeklagte vor diesem Gericht stehen.« Der Einspruch wurde verworfen.

An meinem ersten Tag vor Gericht war ich von der großen Zahl der Angeklagten beeindruckt. Sie saßen auf der Anklagebank, hinter der Verteidigung. Vierzehn waren anwesend (die Anklageschrift enthielt sechzehn). Nur bei wenigen der folgenden Konzentrationslagerfälle gab es so viele Angeklagte. Nur bei den Hauptprozessen waren es so viele. Die große Zahl der Angeklagten war der Grund für die lange Prozessdauer.

Bei meiner ersten Musterung der Angeklagten erschienen mir diese als eine rohe, schlecht gekleidete Gruppe. Sie erschienen nicht in Gefangenenkleidung, doch sie trugen alte, dunkle, abgetragene Straßenkleider. Das änderte sich auch bei den nachfolgenden Fällen, denen ich beiwohnte, nicht. Ich habe in Dachau nicht einen einzigen Angeklagten mit einer halbwegs ordentlichen Bekleidung gesehen. Fast alle Angeklagten waren ältere Männer. Vielleicht erschienen sie auch nur alt, als Folge der vorausgegangenen Haft und auch wegen der Schwere der Strafe, die sie zu erwarten hatten.

Diese Männer waren ausnahmslos Zivilisten. Nicht einer von ihnen hatte bei den deutschen Streitkräften gedient, und es waren nicht einmal ehemalige Angehörige von Behörden (obwohl einige NS- Parteimitglieder oder SA-Führer waren). Damit wurde auch das Altersbild erklärt, die meisten jungen Männer waren ja im Kriegseinsatz gewesen.Und die gesunden jüngeren Männer, die sich noch zu Hause befanden, waren noch nicht im dienstpflichtigen Alter.

Am meisten beeindruckte mich ein sehr junger Mann unter den Angeklagten. Ich war erschüttert. Der Zweitjüngste war fünfunddreißig, also schon »mittleres Alter«. Doch selbst dieser fiel auf, weil die anderen weitaus älter zu sein schienen. Der Junge sah nicht älter aus als ich und ich dachte bei mir, daß er eigentlich viel zu jung war, um sich in einem Gerichtsverfahren zu befinden, wo er um sein Leben kämpfen musste.

Er war verhältnismäßig klein und sehr schlank, von heller Hautfarbe, und seine Augen sowie das Haar waren dunkel. Er

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schien mir mehr französisches Blut als deutsches zu haben, zumal die deutsch-französische Grenze in der Nähe seiner Heimat lag. Er lächelte während der Verhandlung nie, doch er hörte den Anwesenden aufmerksam zu. Er hatte ganz offensichtlich Angst. Eine Furcht, die in ihm sichtlich Panik erzeugte.

Man konnte nicht umhin, Mitleid mit ihm zu haben. Ich versetzte mich in seine Lage und versuchte ihn zu verstehen. Bei Auseinandersetzungen pflege ich stets ins Hintertreffen zu geraten, da ich immer dazu neige, mich in den Standpunkt des anderen zu versetzen. Ich stellte mir in diesem Fall vor, was ich wohl an dem Tag, an dem das Verbrechen stattgefunden hat, getan hätte. Ich war mir sicher, daß ich nicht anders gehandelt hätte als er, und ich bin sicher, daß niemand, der mich kennt, mich als grausam oder leichtsinnig bezeichnen würde.

Aus den Unterlagen lernte ich Identifikationsdokumente mit Photographien und Daten aus dem Lebenslauf des Angeklagten kennen. Ich erfuhr, daß der junge Mann Rudolf Mer-kel hieß und daß er als Lehrling und Hilfsfahrer für Hermann Wendelin Krieg gearbeitet hatte. Krieg war der Mann, den ich als mittleres Alter betrachtete. Es überraschte mich nicht, daß Merkel erst neunzehn, d.h. einige Monate jünger als ich war. Er war nicht viel älter als sechzehn, als die Flugzeugbesatzung unweit seines Heimatdorfes Weisenbach abgesprungen war. Doch ich hatte wenig Zeit, den jungen Merkel zu bemitleiden, den man vermutlich auch freisprechen würde. Sehr rasch wurde mir dann auch wieder das leidvolle Schicksal der drei Amerikaner in jenen Augusttagen 1944 vor Augen gehalten. Auch die grausamen Einzelheiten ihres Todes, die im Gerichtssaal zur Sprache gebracht wurden.

Der erste, Sergeant Harmon, landete auf einem Hügel, der als Wienerbuckel bekannt war. Er war offensichtlich vor seinem Absprung aus dem Flugzeug verwundet worden. Nach einer Notbehandlung wurde er zum Gerichtshaus nach Weisenbach gebracht. Hier wurde er im Büro des Gerichtsschrei-

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bers eingeschlossen. Der Bürgermeister von Weisenbach, Franz Kohler, befahl seinen Angestellten, den Gefangenen solange eingeschlossen zu halten, bis man ihn abtransportieren würde.

An jenem Nachmittag kam SA-Führer Fritz Pompeuse (er erhängte sich am 2. Juni 1945 in einem Intemierungslager in Metz) mit Johann Schneider, Wilhelm Karcher und einem Mann namens Kem in Weisenbach an. (Wegen Kern hat es einige Verwirrung gegeben, da man erst glaubte, es sei Fritz Kern, der in Gewahrsam gehalten worden war. Schliesslich wurde er als Karl Kem identifiziert). Die vier Männer betraten den Raum, in dem Sergeant Harmon festgehalten wurde und verprügelten ihn fürchterlich. Dann führten sie ihn in den Hof des Gerichts, wo sie ihn weiter unablässig schlugen. Pompeuse schoß ihm schließlich in den Hinterkopf.

Es gab einige Hinweise, daß Adolf Eiermann und Matthäus Götzmann, zwei weitere Angeklagte, bei den Angriffen auf Harmon ebenfalls dabei waren.

Doch alle Aussagen enthielten widersprüchliche Angaben. Eiermann sagte später aus, daß er vorher im Gerichtsgebäude gewesen sei und sich versichert habe, daß Harmon ordnungsgemäß gefangen gehalten wurde. Danach habe er das Gerichtsgebäude verlassen. Er kam nur erst wieder zum Gerichtsgebäude zurück als er hörte, es hätte dort Unruhen gegeben. Als er sich umsah, sah er Pompeuse aus der Männertoilette kommen, seine Hände trocknend, von denen er sich gerade das Blut des ermordeten Fliegers abgewaschen hatte.

Daß die vier Männer in das Gerichtshaus gegangen waren, belegten die Aussagen der Angeklagten und Zeugen, die sie dort gesehen hatten. Es war auch offensichtlich, daß sie dort mit der Absicht hingingen, den Piloten zu töten. Einer von ihnen, Kern, nahm sich sogar die Zeit, einen Schraubenschlüssel aus der Fabrik, in der er arbeitete, zu besorgen. Es war auch Kern, der Harmon mit dem Schraubenschlüssel so heftig schlug, daß er sich überall mit dem Blut des Fliegers besudelte. Sowohl Kern als auch Karcher waren angeklagt, Harmon mit

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Schraubenschlüsseln geschlagen zu haben. Pompeuse dagegen habe den Flieger mit einem Gummischlauch geschlagen. Sie führten ihre Aktionen ohne jede Hast durch. Die Tötung war kaltblütig und wohl überlegt.

Der Körper Harmons wurde an jenem Nachmittag vom Hof des Gerichts zu einer Friedhofshalle gebracht, und wurde schließlich auf dem Weisenbacher Friedhof begraben.

Sergeant McDonough, das zweite Besatzungsmitglied, landete auf einem bewaldeten Hügel, der Schöllkopf genannt wurde. Wie Harmon war auch er verwundet, erschöpft und unbewaffnet, als er unter einem Busch liegend gefunden wurde. Er ergab sich sofort. Ein Krankenhelfer, Franz Klumpp, unterstützt von Hermann Krieg und Rudolf Merkel, trug ihn den Hügel hinunter, fort von dem bewaldeten Gebiet an die Straße. Nach kurzer Strecke begegnete ihnen Adolf Eiermann, begleitet von Franz Wieland, einem Volksschullehrer.

Eiermann befahl den Männern, die McDonough trugen, diesen niederzulegen; dann schickte er die Zuschauer, die dort eingetroffen waren, weg. Durch Wieland als Dolmetscher beschimpfte er McDonough heftig und nannte ihn einen Mörder an Frauen und Kindern. Eiermann forderte den Gefangenen auf, aufzustehen und hinunterzugehen. Gleichzeitig befahl Eiermann den anderen, ihn zu schlagen und zu töten. Die Mitbürger, die dort geblieben waren, einschließlich Alois Gerstner, Hermann Wendelin Krieg, Rudolf Merkel und andere begannen den Flieger zu schlagen. Als die Männer zu schlagen begannen, versuchte McDonough verzweifelt zu fliehen. Doch er stürzte und rollte den Hügel hinunter. Krieg, so wurde später ausgesagt, traf ihn mit einem Felsstück und schlug ihn mit einem Knüppel. Gerstner und Merkel waren angeklagt, ihn mit einem Stock geschlagen zu haben. McDonough wurde schließlich von Gerstner erschossen. Sein Körper wurde zur Friedhofshalle nach Weisenbach gebracht und auf dem dortigen Stadtfriedhof beerdigt. Angeklagt waren in diesem Falle Adolf Eiermann, Rudolf Merkel, Hermann Krieg, Isidor Klumpp und andere.

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Sergeant Palmer landete in der Nähe von Hilpertsau, wo man ihn zunächst recht unfreundlich empfing, bis ihn der Landpolizist Weingärtner in Gewahrsam nahm. Palmer hatte nur geringfügige Wunden. Weingärtner behandelte seine Verletzungen und führte ihn Richtung Gernsbach ab. Sie waren schon sicher durch das Gebiet um Hilpertsau und Oberts-rot gekommen, als sie von Pompeuse, Kem, Karcher und Götzmann überholt wurden, begleitet von anderen Dorfbewohnern. Diese Männer ergriffen Palmer, der sich ohne Zögern ergeben und sich bei den Polizisten in Sicherheit geglaubt hatte. Sie waren per Fahrrad aus Obertsrot gekommen, mit der eindeutigen Absicht, den Gefangenen zu töten. Die Genannten stiessen ihn in ein Rübenfeld hinein und begannen ihn schwer zu schlagen. Es wurde berichtet, daß Pompeuse wieder mit einem Gummischlauch geschlagen haben soll, während Kem den Schraubenschlüssel, den er aus der Fabrik geholt hatte, gebrauchte. Wie seine Kameraden, wurde der unglückliche Palmer durch einen Pistolenschuß getötet. Erschüttert hörte ich, was der Vorsitzende sagte, hörte ungläubig die Aussagen der Zeugen und Angeklagten. Es gab unzählige Unterschiede bei den Aussagen der einzelnen Zeugen und bei einigen der Angeklagten. Verblüffend waren die Erklärungen, die für diese Unterschiede angegeben wurden. Doch über all dem standen jene ungeheuerlichen grausamen und blutigen Ereignisse, die von den halb-hysterischen Dorfbewohnern, die einander gut kannten und ansonsten recht friedfertig waren, geschildert wurden.

Hans Rothacker, der Kreisleiter im benachbarten Bühl (Baden), hatte bei den Ereignissen jenes Tages, die im Kreis Rastatt stattgefunden hatten, keine Rolle gespielt. Er hatte dort keine Amtsbefugnis. Ein Zeuge sagte jedoch aus, daß er in seiner Eigenschaft als Kreisleiter von Rastatt eine ähnliche Direktive erhalten habe und erlassen hätte, daß alle gefangenen Flugzeugbesatzungen zu töten seien. Es wurde berichtet, daß Rothacker diesen Befehl den Ortsgruppenleitern in seinem Bezirk zweimal mitgeteilt hätte, einmal mündlich und

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einmal schriftlich. Diese Aussage trug zur Anklage gegen Rothacker bezüglich der ersten Beschuldigung (gemeinsames Handeln) bei. Das Gericht hielt Rothacker im Gegensatz zum Antrag der Verteidigung, diesen Fall fallenzulassen, hinsichtlich des ersten Anklagepunktes für schuldig.

Das Gericht fand auch die anderen Angeklagten, mit Ausnahme von Kurt Overlack, im Sinne der gleichen Anklage schuldig. Overlack war der einzige Angeklagte, der in allen vier Fällen als nicht schuldig befunden und entlassen wurde. Das Gericht stellte fest, daß nach der öffentlichen Aussage des Kreisleiters zur Behandlung abgeschossener alliierter Flieger eine Sondergruppe mit der Absicht gebildet wurde, die Exekutionen durchzuführen, und daß einige der Angeklagten dieser Sondergruppe angehörten.

Nur Sergeant McDonough war nicht von einem Polizisten in Gewahrsam genommen worden, obwohl einer anwesend war, als er geschlagen und getötet wurde. Da er offensichtlich schwer verwundet war, ergab er sich, weil er nicht fliehen konnte, in der Hoffnung, eine humane Behandlung zu erhalten. Er war schon in Gewahrsam, als Eiermann ankam. Wenn sie nun unmittelbar über McDonough hergefallen wären und ihn getötet hätten, so wäre dies als Effekthandlung einzustufen gewesen, wenn auch nicht zu entschuldigen. Doch keiner von denen, die ihn gefangen genommen hatten, hatte ihm etwas angetan,bis Adolf Eiermann eintraf. Seine Anweisungen waren offensichtlich der Auslöser und die klare Aufforderung zum Mord, der, von seinem Standpunkt aus gesehen, vorsätzlich

durchgeführt wurde.

Die mörderische Absicht der vier Männer, die Sergeant Palmer auf der Straße nach Hilpertsau töteten, wurde außerdem durch die nachfolgende Tat im Gerichtshaus, wo sie Sergeant Harmon töteten, offenkundig. Sie suchten sich beide Opfer aus, kaltblütig und vorsätzlich.

Nachdem sie die zwei Gefangenen getötet hatten, kehrten diese vier im Gasthof »Der Grüne Hof« ein, wo sie kostenlos Wein forderten und auch erhielten. Pompeuse soll in etwa

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gesagt haben: »Nun, heute wurde bewiesen, wer zu gebrauchen ist.« Dies wurde als weiterer Beweis für die gemeinschaftliche Tötungsabsicht an den abgesprungenen Fliegern bewertet. Während dieses Besuches wurde Heinrich Stichling, der Eigentümer des Gasthauses, in den Mord an den zwei Amerikanern mit einbezogen. Der Kellner, sein Name war Schmoll, weigerte sich die Männer zu bedienen, es sei denn sie zahlten. Darauf befahl Pompeuse den Kellner, Stichling zu rufen. Stichling sorgte nun dafür, daß Schmoll den vier Männern gratis Wein einschenkte. Nach Schmolls Aussage fügte er dabei hinzu »... sie haben einen Auftrag für mich ausgeführt.« Offensichtlich war Stichling über alles informiert, was vor sich gegangen war. Dies könnte daraufhinausgehen, daß er die Tötung befohlen haben könnte. Nachdem Sergeant Palmer auf dem Rübenfeld neben der Hilpertsauer-Gernsba-cher Straße getötet worden war, schickte Pompeuse Götzmann zu Stichling mit der Mitteilung, daß man den »Fall Nr. l« erledigt hätte.

Der traurigste der drei Fälle schien mir das leidvolle Ende des Sergeanten McDonough zu sein, der auf dem Schöllkopf gelandet war. Der Grund dafür war vielleicht auch die Verwicklung des jungen Merkel. Aber auch deswegen, weil der verwundete Flieger den Versuch gemacht hatte, zu fliehen als er sich dessen bewußt wurde, daß man ihn töten wollte. Ich erinnere mich noch der Aussage, die so eindringlich war, daß ich mir noch heute den hilflosen Flieger vorstelle, wie dieser von den Dorfbewohnern geschlagen wurde und wie er im letzten Moment den Abhang hinunterrollte.

Ich kann mir keine größere Notlage vorstellen, als alleine und hilflos unter Feinden zu sein, der Tatsache gewärtig, jeden Moment getötet zu werden. Der bemitleidenswerte McDonough rief an einem Ort um Hilfe, wo er keine zu erwarten hatte. Die Dorfbewohner, die ihn jagten und schlugen, hatten kein Gefühl für Mitleid, ihre Augen waren vor Wut geblendet und ihre Ohren stellten sich taub gegenüber den Hilferufen; deshalb war er für mich von allen dreien der

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Bemitleidenswerteste. Seine Kameraden, so wurde berichtet, machten keinen Fluchtversuch, sagten kein Wort, dennoch war die Art brutaler als jene, die McDonough auf dem Schöllkopf zu erdulden hatte. Ich habe oft Alpträume gehabt, wo ich mich selbst in so einer schrecklichen Lage sah, terrorisiert, alleine, umringt von mörderischen Feinden.

Der Fairness halber sollte erwähnt werden, daß Krieg und Merkel nach allen Aussagen McDonough nichts angetan hatten, bevor die anderen ankamen. Da McDonough offensichtlich nicht fähig war, selbst zu gehen, trugen sie ihn den Hügel hinunter. Erst als Eiermann ankam und ihnen befahl, ihn abzusetzen und zu schlagen, prügelten sie den Amerikaner. Alois Gerstmann, der nicht gefaßt und nicht verurteilt wurde, kümmerte sich zunächst sehr besorgt um McDonough. Doch danach war er der erste, der ihn schlug. Schließlich erschoß er auf Eiermanns Befehl den Flieger.

Zu Beginn des Prozesses versuchte der Verteidiger der Angeklagten den Beweis zu erbringen, daß Hermann Krieg schizophren sei. Dies hätte Entlastung für seine Handlungen bringen können. Verschiedene Spezialisten hatten festgestellt, daß es in seiner Familie Anzeichen erblicher Unzurechnungsfähigkeit gab. Der Verteidiger brachte Dokumente, aus denen hervorging, daß Krieg wegen geistiger Instabilität aus der Wehrmacht entlassen worden war. Ein amerikanischer Experte untersuchte ihn und bestätigte, daß er geistig unzurechnungsfähig war. Er führte weiter aus, daß er nicht mit Gewißheit feststellen könne, inwieweit Krieg an jenem 9. August 1944, dem Tag des Geschehens, den Unterschied zwischen Recht und Unrecht zu erkennen in der Lage war. Krieg wurde schliesslich zusammen mit den anderen verurteilt, so als wäre er völlig normal gewesen.

Allen Erklärungen und Zeugenaussagen zufolge, war Maurus Haitzler nicht zugegen, als die Flieger getötet wurden. Doch er wurde trotzdem wegen des ersten Anklagepunktes - der Teilnahme an einem Komplott zur Tötung gefangener Flugzeugbesatzungen - für schuldig befunden. Als Ortsgrup-

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penleiter war er bei jener Zusammenkunft dabei, in der der Kreisleiter von Rastatt Dieffenbacher die Parole ausgegeben hatte, gefangene Flieger zu töten. Haitzler gab zu, daß er bei der Versammlung dabei war, doch er verneinte, daß er jemals den Instruktionen, die der Gruppe vorgelesen wurden, gefolgt war. Die Tatsache, daß er an den Tötungen nicht teilgenommen hatte, sollte eigentlich seine Aussage bekräftigen, doch das Gericht ließ sich hinsichtlich seiner Entscheidung durch diesen Einspruch nicht beeinflussen.

Haitzler sagte aus, daß ihn die Franzosen während der Untersuchung geschlagen hätten. Etliche der anderen Angeklagten gaben ähnliches zu Protokoll und einer von ihnen berichtete, daß man einen Scheinprozeß gegen ihn geführt habe, wobei ihm gesagt wurde, daß er hingerichtet werden solle. Er sagte, daß er seine Brust freigemacht hätte, um das Exekutionskommando zu erwarten, doch dann teilte man ihm mit, daß dies alles nur zum Schein gemacht worden sei. (Dennoch wurden die beiden Angeklagten, die am meisten Verantwortung an der Ermordung der Flugzeugbesatzung trugen, nicht verurteilt, da Pompeuse dem Gericht durch Freitod entkam und Kern nie gefaßt wurde.)

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