Die europäischen Juden

Eine technische Studie zur zahlenmäßigen Entwicklung im Zweiten Weltkrieg

(Zweiter Teil)

Das jüdische Schicksal in der Sowjetunion -1941/1945

Gleich nach der Besetzung der Gebiete an ihrer Westgrenze begann die Sowjetunion 1939 mit dem Aufbau einer ungeheuren Militärmaschine. Schon im Frühjahr 1940 standen den 6 (sechs!) deutschen Divisionen 100 (hundert!) sowjetische in den früheren polnischen Ostgebieten gegenüber. Am 26. Juni 1940 wurde die Kriegswirtschaft und die siebentägige Arbeitswoche verbindlich eingeführt. Im März 1941 mobilisierten die Sowjets 500.000 Reservisten und verlegten sie in die grenznahen Wehrbezirke; weitere 300.000 Fachkräfte aus der Reserve folgten. General Zukow bestätigte später auch den Aufmarsch von 170 Divisionen und 2 Brigaden an der westlichen Grenze. Flugplätze wurden nahe der Grenze in großer Zahl fertiggestellt und waren bis Mitte 1941 zumeist vollbelegt. Die sowjetischen militärischen Vorbereitungen nahmen ein solches Ausmaß an, daß der deutsche Chef des Generalstabs, Generaloberst Halder- ein Mitglied des Widerstands - lt. Tagebuch vom 6. und 7. April 1941 einen sowjetischen Angriff für möglich hielt. Am 10. April wurde der Alarmzustand für die gesamte Rote Armee befohlen. Weitere Armeen (die 16., 19., 21. und 22.) wurden, aus Asien, dem Ural, dem Kaukasus und von der Wolga kommend, an die Westgrenze verlegt[1]. An der sowjetischen Angriffsabsicht konnte kaum noch ein Zweifel bestehen.

Diese militärischen Vorbereitungen für einen Angriff auf Deutschland wurden durch Evakuierungen der ansässigen Zivilbevölkerung ergänzt. Im April 1941 z. B. deportierten die Sowjets die Bevölkerung entlang ihrer Seite des Pruth. Stalin selbst bestätigte, daß alles getan wurde, um das Hinterland zu säubern und alle Ausländischen Elemente« von dort zu entfernen. Als der deutsche Marineattaché, der Moskau am 19. 5. 1941 verlassen hatte, mit der Eisenbahn durch das sowjetisch-besetzte Ostpolen in Richtung Berlin fuhr, begegnete er geschlossenen Gefangenen-Eisenbahnzügen, begleitet von blau-uniformierten GPU-Truppen, die nun erwünschter Personen aus dem ehemaligen Ostpolen transportierten[2].

Auch die zionistischen Quellen bestätigen diesen Sachverhalt! Das Institute of Jewish Affairs schreibt:

»Zehn Tage vor Ausbruch des [deutsch-sowjetischen] Krieges fanden in Litauen Massenarreste und -deportationen statt.«[3]

Und das Americon Jewish Year Book beklagte sich:

»Die Evakuierung der baltischen Juden wurde erst eine Woche vor der eigentlichen Invasion begonnen.«[4]

Die technischen Voraussetzungen waren jedenfalls vorhanden, denn die gleichen Transportmittel, die die Massen der Roten Armee und deren Ausrüstung an die Westgrenze beförderten, konnten auf dem Rückweg für die Evakuierung bzw. Deportation der grenznahen Zivilbevölkerung benutzt werden, insbesondere da die Sowjets wie schon im Frühjahr 1940 nicht sonderlich auf die Bequemlichkeit der zu evakuierenden Bevölkerung Rücksicht nahmen.

Nach Kriegsbeginn wurden die Deportationsmaßnahmen mit noch größerer Energie fortgesetzt. Dazu schreibt der bekannte zionistische Autor Gerald Reitlinger:

»Die Russen evakuierten grundsätzlich die arbeitende Bevölkerung, damit die Städte dem Feind nicht zugute kämen... Jede Weigerung, sich evakuieren zu lassen, wurde als feindselige Handlung betrachtet und als solche schwer bestraft.«[5]

Das zionistische Institute of Jewish Affairs bemerkte dazu dankbar, daß die Sowjets den Juden bei der Evakuierung den Vorzug gaben, weil sie einen besonders hohen Anteil der sowjetischen Verwaltung, Arbeiter, Angestellten und Intelligenz darstellten. Außerdem sei sich die Sowjetregierung vollkommen bewußt gewesen, daß die Juden von den Deutschen besonders bedroht waren; es schreibt wörtlich:

»Aus diesen Gründen wurden Tausende von Zügen trotz des dringenden Bedarfs der Roten Armee für die Evakuierung bereitgestellt. Dadurch wurden nicht nur viele Hunderttausende von Menschenleben gerettet, gleichzeitig kamen Millionen von Flüchtlingen von den militärischen Hauptstraßen herunter.«

Das Institut betont ausdrücklich, daß es nicht an Zeit mangelte, die Zivilbevölkerung insbesondere der großen Städte wie Kiew, Odessa, Smolensk usw. zu evakuieren. In vielen Städten und Gemeinden wurden die Juden zuerst evakuiert. In Baranowitschi und Nowograd-Volynsk, fast rein jüdische Städte, blieben nur 10% der Bevölkerung zurück. Von der jüdischen Bevölkerung von Zitomir von rd. 50.000 waren 44.000 mit der zurückweichenden Roten Armee nach Osten geflohen. In Kiew blieben nur die älteren Juden zurück, die Jugend war geflohen oder deportiert worden[6].

Als Minsk, schätzungsweise 350 km von der deutschsowjetischen Demarkationslinie entfernt, sechs Tage nach Kriegsausbruch eingenommen wurde, fand General Halder nur 100.000 der vormals 233.000 Einwohner vor; den Rest hatten die Sowjets deportiert[7]. Von den 80.000 Juden waren nur noch »einige - tausend« zurückgeblieben[8]. Witebsk, das vor dem Krieg

100.000 Juden hatte, war von nicht mehr als 22.000 Juden bewohnt, als es das deutsche Heer eroberte, schreibt der sowjetische Jude und Schriftsteller David Bergelson, Vorsitzender des von den Sowjets ins Leben gerufenen Jüdischen Antifaschistischen Komitees, in der Moskauer Zeitung Eynikeyt vom 5.9.1942[9]. Reitlinder teilt uns mit. daß die Deutschen in Weißrußland nur 172.000 Juden ausfindig machen konnten, obwohl dort vor dem 22. 6. 1941 ca. 860.000 Juden gewohnt hatten[10].

David Bergelson stellte noch Ende 1942 fest, daß 80% der Juden aus den von den Deutschen besetzten Gebieten entkommen sind. Wörtlich schreibt er in Eynikeyt vom 5. 12.1942 weiter:

»Die Evakuierung hat die entscheidende Mehrheit der Juden der Ukraine, Weißrußlands, Litauens und Lettlands gerettet. Nach Informationen aus Witebsk, Riga und anderen Großstädten blieben dort nur wenige Juden zurück, als die Deutschen eindrangen... Dies bedeutet, daß die Mehrheit der sowjetischen Juden dieser Städte noch rechtzeitig von der Sowjetregierung gerettet wurde.«

Der jüdisch-sowjetische Dichter Itzik Pfeffer erklärte während des Krieges in New York in aller Form, daß die Rote Armee seinige Millionen Juden gerettet habe«.

Lt. Eynikeyt vom 15. 3. 1943 berichtete D. Zaslavsky auf einer Plenarsitzung des Jüdischen Antifaschistischen Komitees: »Die Rote Armee hat das jüdische Volk in der kritischsten Stunde seiner Geschichte gerettet.«[11]

Und die Universal Jewish Encyclopedia stellte noch 1943 klipp und klar fest: »Die Mehrheit der jüdischen Zivilbevölkerung wurde evakuiert und im Innern des Landes angesiedelt, zuerst auf einer vorübergehenden, später auf permanenter Basis.«[12]

Zum Thema der Gesamtevakuierungen äußerte sich der Chef des Sowjetischen Informationsbureaus, S. A. Lesovskij, wie folgt: »Die Deutschen haben niemals ein Territorium mit einer Bevölkerung von 75 Millionen besetzt... die große Masse ist vor ihnen nach Osten geflohen.«

Edward G. Carter, Präsident der Kriegshilfeaktion für Rußland, kam auf eine Zahl von 37 Millionen entkommener Sowjetbürger. Ein anderer Autor schrieb im November 1941 in dem Journal Far Eastern Survey, daß angeblich 19 Millionen evakuiert wurden[13]. Der Wahrheit am nächsten scheint aber noch Dr. Rachner, damals Kriegsverwaltungschef im Wirtschaftsstab Ost, zu kommen. Er stellte am 5. 3. 1942 fest, das eroberte Gebiet habe vor dem Krieg 75 Millionen Menschen gehabt; davon entfielen 50 Millionen auf das flache Land und 25 Millionen auf die Städte. Ermittlungen ergaben, daß »im Durchschnitt höchstens die Hälfte der Bevölkerung der Städte noch vorhanden ist, was einer Zahl von 12.500.000 gleichkommt«, wogegen, »das flache Land im ganzen seinen Menschenbestand im besetzten Gebiet behalten hat.« [14]

Ganz ähnlich äußerte sich Reitlinger: »In den meisten eingenommenen Städten blieb weniger als die Hälfte der Bevölkerung zurück.«[15]

Aber auch Berichte sowohl deutscher als auch alliierter, d. h. amerikanischer und sowjetischer Zeitungen bestätigen in etwa Dr. Rachners Angaben. Diese Quellen geben einige interessante Zahlen über die sowjetische Stadtbevölkerung vor und nach der Evakuierung[16]. (Vgl. Tabelle 3 am Schluß)

Dieser Auszug von zehn sowjetischen Städten kommt auf einen Durchschnitt von 57% für die Evakuierten. Dr. Rachners Angaben von 12,5 Millionen von den Sowjets deportierten Menschen sind also wohl, wie er auch selbst schreibt, als Mindestzahl anzusehen. Wenn man also berücksichtigt, daß 1939 85,5 % der jüdischen Bevölkerung der Ukraine und 87,8% Weißrußlands in den Städten gewohnt haben[17], weniger als die Hälfte der Bevölkerung in den eingenommenen Städten zurückgeblieben ist und die Sowjets den Juden bei der Evakuierung den Vorzug gaben, dann steht außer Zweifel, daß Bergelson mit seiner Feststellung von 80% geretteter, d. h. evakuierter Juden aus den im Laufe des Krieges von den Deutschen besetzten sowjetischen Gebieten eher zu niedrig lag. Auch zeigen die meisten Städte, für die jüdische Evakuierungszahlen gesichert werden konnten, daß weit mehr als 80 % der jüdischen Bevölkerung verschwunden war.

Wir hatten schon im 1. Teil festgestellt, daß 1940 ca. 3,66 Millionen Juden in den später von Deutschland besetzten sowjetischen Gebieten wohnten. Wenn also nur 80 % davon evakuiert worden sind, wären dies immerhin mehr als 2,9 Millionen. Umgekehrt fielen weniger als 750.000 und dazu meist ältere Juden in deutsche Hand. Demnach können während des Krieges niemals mehr als 3,8 Millionen Juden in Europa unter deutsche Verwaltung gekommen sein, wie nachstehende Aufstellung (vgl. Tabelle 2 am Schluß) zeigt:

Bestimmt hat ein großer Teil dieser 731.000 Sowjetjuden das Ende des Krieges nicht überlebt. Die Altersstruktur allein muß sich schon in einer beträchtlichen negativen natürlichen Wachstumsrate niedergeschlagen haben. Die extrem harten, oft fanatischen Kämpfe zwischen deutschen und sowjetischen Truppen spielten sich außerdem größtenteils in und um die Städte herum ab; da beinahe 90% der sowjetischen Juden in den Städten wohnten, ist es nicht unwahrscheinlich, daß die jüdische Bevölkerung auch überproportional hohe Verluste hinnehmen mußte. Weiterhin fanden nach dem Rückzug der Sowjettruppen in vielen Orten des Baltikums, Weißrußlands und in der Ukraine Pogrome der einheimischen Bevölkerung gegen die Juden statt; erst das Eingreifen deutscher oder verbündeter Truppen setzte diesem mörderischen Treiben ein Ende[18]! Erschießungen jüdischer Geiseln als Vergeltung gegen Mord an deutschen Soldaten durch Partisanen, unter denen die Juden nach eigenen Angaben sehr stark vertreten waren[19] - nach sowjetischer Statistik wurden 500.000 deutsche Landser auf diese Weise umgebracht - waren auch nichts Ungewöhnliches. Letztlich dürften auch Hunger, Kälte, Epidemien, fehlende ärztliche Behandlung unter den meist älteren verbliebenen Juden viele Opfer gefordert haben.

Nun berichtet der Zionist Gregor Aronson, daß der sowjetische Jude L. Singer (The Reconstructed People, Moskau, 1948) ermittelt habe, daß Anfang 1946 Zehntausende von Juden die verschiedenen größeren und kleineren Städte der Ukraine, Weißrußlands, der Moldau, Lettlands und Litauens bevölkerten; er nannte folgende Städte[20]:

Charkov

30.000

Dnjepropetrovsk

50.000

Odessa

80.000

Mogilev-Podolsk

3.000

Nowograd-Volynsk

3.000

Malin

1.000

Tschernowitz

70.000

Reitlinger, der sich auf die Moskauer Zeitung Eynikeyt bezieht, erwähnt dieselben Zahlen für Odessa und Dnjepropetrovsk, aber außerdem noch

Kiev

100.000

Vinniza

14.000

Zitomir

6.000

und bemerkt anschließend: »Diese Zahlen wurden zu einer Zeit veröffentlicht, als die große Rückwanderung aus dem Innern des Landes erst begonnen hatte.«[21]

Mit anderen Worten, die in diesen nur auszugsweise aufgeführten Städten lebenden ca. 360.000 Juden stellen hauptsächlich die Sowjetjuden dar, die den Krieg und die deutsche Besetzung überlebt hatten. Weiterhin hatte Singer auch auf andere Städte in Litauen, Lettland, der Moldau usw. hingewiesen, ohne sie jedoch zu spezifizieren, wo 1946 ebenfalls viele Juden anzutreffen waren. Diese Statistiken deuten darauf hin, daß die große Masse die deutsche Besetzung überlebte. Die obengenannten Faktoren wie die ungünstige Altersstruktur, Konzentration der Kämpfe auf die Städte, Pogrome der einheimischen Bevölkerung, Hunger, Epidemien sowie deutsche Geiselerschießungen lassen eine Reduzierung auf 550.000, d. h. um ein Viertel oder ca. 180.000, unter den zurückgebliebenen Juden nicht unmöglich erscheinen.

Noch schlimmer spielte das Schicksal den im sowjetischen Herrschaftsbereich verbliebenen Juden mit. Unter den 750.000 polnisch-jüdischen Flüchtlingen erlagen 150-250.000 den Transportstrapazen. In Asien angekommen, steckten die Sowjets die Überlebenden in Konzentrations- und Arbeitslager. Sogar die im Jahre 1943 schon sehr sowjetfreundliche Universal Jewish Encyclopedia spricht von »Sibirien, wo sie großen Strapazen ausgesetzt waren.«[22]

Etwas deutlicher war das Joint Distribution Committee, das den jüdischen Gestrandeten in Sibirien und im russischen Norden während des Krieges einige Zeit mit Lebensmitteln und Medikamenten zu Hilfe eilte. In dessen Bulletin vom Juni 1943 teilt es uns mit, daß die Überlebenden der Deportation weiteren Strapazen ausgesetzt waren:

»Die [sowjetische] Regierung gab den Flüchtlingen täglich nur ein halbes bis ganzes Pfund Brot... Lebensmittel konnten nur im Tausch gehandelt werden. Geld hatte seinen Wert verloren.«[23]

Ganz abgesehen von der Einseitigkeit dieser »Verpflegung« erhielten die Unglücklichen also weniger als ein Drittel der zum Überleben nötigen Kalorien, und das bei den Strapazen sibirischer Konzentrations- und Arbeitslager. Der jüdische Publizist Reitlinger stellt dazu trocken fest: »Im südlichen Sibirien war die Sterblichkeitsrate unter den Juden sehr hoch.«[24]

Wenn also 1945/1946 nur 157.500 dieser polnisch-jüdischen Flüchtlinge aus Sibirien nach Polen zurückkehrten[25], kann man ahnen, welch furchtbares Schicksal ihnen unter den Sowjets zuteil wurde. 600.000 sind verschwunden. Auch wenn man die wenigen dagegen anrechnet, die es unvorstellbarerweise vorzogen, in der Sowjetunion zu bleiben, dürfte dies die Gesamtzahl der Opfer kaum berühren. Der Einwand, die Sowjets hätten die meisten zurückbehalten, ist nicht stichhaltig. Die zurückgekehrten 157.500 polnisch-jüdischen Flüchtlinge aus dem Jahre 1939 sind schon bald nach ihrer Ankunft in Polen nach Westen weitergezogen. Von ihnen jedenfalls hätte man erfahren können, ob eine größere Anzahl ihrer Leidensgenossen von den Sowjets zwangsweise zurückbehalten wurde. Unseres Wissens aber gibt es in der Nachkriegsliteratur keine Hinweise darauf. Alles weist darauf hin, daß mindestens eine halbe Million in Sibirien umkam.

Weitere 2.924.000 wurden in den Wochen vor und nach Ausbruch des deutsch-sowjetischen Kriegs nach Osten evakuiert. Das Schicksal dieser Menschen ist uns nicht bekannt, doch läßt das Los der polnischen Juden auf wenig Gutes schließen. Gewiß, 1940 hatten die Ausländer sich geweigert, die sowjetische Staatsbürgerschaft anzunehmen, und sich auf diese Weise aus sowjetischer Sicht klar als Feinde der ruhmreichen Sowjetunion zu erkennen gegeben, während 1941 die eigenen Staatsbürger in »Sicherheit« gebracht wurden. Andererseits zwangen die Umstände die Sowjets zu überstürzten Maßnahmen; das Ziel war schließlich in erster Linie, den Deutschen so wenig wie möglich ausgebildete Arbeitskräfte zu überlassen und in zweiter Linie so viele gute Arbeitskräfte wie möglich für die eigenen Kriegsanstrengungen zu retten. Über 12 Millionen Menschen in wenigen Wochen über ein relativ primitives Transportsystem nach Osten zu befördern, konnte nur unter denkbar verlustreichen Umständen geschehen. Auch diese Menschen erwartete in Sibirien ein Leben voller Entbehrungen und Strapazen.

Eine Ziffer für die Gesamtzahl der jüdischen Opfer in Sibirien einzusetzen, ist fast unmöglich. Man darf nicht vergessen, daß die Aussagen westlicher zionistischer Kreise über die jüdischen Verluste in Sibirien eher zu einer Unterschätzung als zu einer Überschätzung neigen. Die Sowjets würden sich niemals moralisch oder finanziell dazu bekennen. Die Versuchung, diese Zahl möglichst niedrig zu halten, liegt auf der Hand; schließlich hatte man in dem besiegten Deutschland einen bequemen Sündenbock, dem man alle vermißten, gefallenen oder von den Sowjets ermordeten Juden zur Last legen konnte.

Wenn wir also von jüdischen Zivilverlusten von 600.000 im sowjetischen Herrschaftsbereich ausgehen, dann haben wir den meisten Opfern aus der Evakuierung bzw. Deportation von 1941 - weil unbekannt sicherlich immer noch nicht genügend Rechnung getragen.

Aber auch der Krieg selbst riß große Lücken in die männliche jüdische Bevölkerung. Von 1939 bis 1942 waren 200.000 Juden in den alliierten Armeen gefallen[26]. Wenn davon die 31.000 gefallenen polnischen Juden abgezogen werden und wir die in der britischen, französischen und amerikanischen Armee gefallenen Juden mit 20.000 veranschlagen (Zahlen sind nicht bekannt), dann hätte die Rote Armee in den verlustreichen ersten 11/2 Jahren Krieg gegen Deutschland 150.000 gefallene jüdische Rotarmisten aufzuweisen gehabt. Dies bedeutet, daß bis Kriegsende die Zahl der gefallenen Sowjetjuden durchaus 300.000 erreicht haben kann.

Es ist zwar richtig, daß die Sowjetunion gleich nach dem Krieg 157.500 polnisch-jüdische Flüchtlinge zurückkehren ließ, doch dürfte dieser »Verlust« durch andere »Gewinner« kompensiert worden sein. Der schon im 1. Teil erwähnte US-Untersuchungsausschuß stellte u. a. fest, daß die Sowjets Transporte von 40.000 aus den deutschen Lagern zurückkehrenden ungarischen Juden an der ungarischen Grenze gestoppt und in die Sowjetunion weitergeleitet haben. Weiterhin sind 25.500 ungarische Juden, die während des Krieges im ungarischen militärischen Arbeitsdienst gedient hatten, niemals aus sowjetischer Gefangenschaft zurückgekehrt[27]. Letztlich hat die Sowjetunion 1945 auch die noch bis 1938 der Tschechoslowakei angehörende Karpatho-Ukraine annektiert. Wieviele der ehemaligen etwa 100.000 Juden[28] dort noch lebten, wissen wir nicht; jedenfalls behauptete die New York Times vom 31.4.1946, daß zehntausend karpatho-ukrainische Juden in der Nachkriegs-Tschechoslowakei auf Befehl Moskaus den Marsch in die Sowjetunion antreten mußten[29]. Man kann deshalb wohl davon ausgehen, daß sich die Sowjetunion für den »Verlust« von 157.500 polnisch-jüdischen Flüchtlingen an anderen europäischen Juden »schadlos« gehalten hat.

Fassen wir zusammen: Von den 5,33 Millionen Juden, die bis 1940 in sowjetische Gewalt kamen, haben mindestens 600.000 ihr Leben bei der Deportation nach Sibirien und in den sibirischen Unterkünften sowie Arbeits- und Konzentrationslagern verloren, 300.000 fielen als Rotarmisten für das sowjetische Vaterland und weitere 180.000 können durch Kampfhandlungen, Pogrome der einheimischen Bevölkerung, Hunger, Epidemien, Mangel an ärztlicher Verpflegung, auf Grund der ungünstigen Altersstruktur der im deutschen Bereich Zurückgebliebenen, aber auch durch Geiselerschießungen umgekommen sein. Alle diese Einwirkungen können einen Blutzoll von weit über 1 Million abverlangt haben. Es ist daher nicht zu erwarten, daß mehr als 4,3 Millionen Juden den Krieg in der Sowjetunion überlebten - ein Verlust von 20%. Tabellarisch zusammengefaßt sieht die Entwicklung in der Sowjetunion folgendermaßen aus:

Tabelle 1

Juden unter sowjetischer Oberhoheit (1939/1940) abzüglich: Kriegs- und Deportationsverluste

 

5.332.000

Gefallene Rotarmisten

300.000

 

Opfer sowjetischer Deportationsmaßnahmen

600.000

 
 

900.000

 

Verluste auf dem sowjetisch-deutschen Kriegsschauplatz

180.000

 

Gesamtverluste

 

1.080.000

   

4.252.000

Sonstige Veränderungen:

   

Deportierte ungarische Juden

40.000

 

Aus sowjetischer Gefangenschaft nicht zurückgekehrte ungarische Juden

25.500

 

Annexion der Karpatho-Ukraine

100.000

 
 

165.500

 

Zurückgekehrte polnisch-jüdische Flüchtlinge des Jahres 1939

157.500

8.000

Jüdische Bevölkerung in der Sowjetunion bei Kriegsende (höchstens)

 

4.260.000

Tabelle 2

1940 im später besetzten Teil der UdSSR lebende Juden

3.655.000

abzüglich: Evakuierung von 80% der Bevölkerung vor und nach Kriegsausbruch 1941

2.924.000

Sowjetische Juden unter deutscher Verwaltung

731.000

Polnische Juden unter deutscher Verwaltung

756.000

Juden in allen anderen während des Krieges in deutschen Einflußbereichen liegenden Ländern (Mai 1941)

2.300.000

Insgesamt

3.787.000

Tabelle 3

Bevölkerungsstand

Quellen

Städte

vor dem Krieg

nach der Evakuierung

 

Kiew

846.293

304.570

Iswestia, 14. 10. 1942

Smolensk

156.000

20.000

Soviet War News, 7. 9. 1942

Nikolaev

167.000

100.000

N. Y. Herald Tribune, 26. 10. 1941

Odessa

604 000

300.000

Novoye Slovo, Berlin, 22. 7. 1942

Dnjepropetrovsk

500.622

151.923

dto., 7. 1. 1942

Mariupol

270.000

178.358

dto., 7. 1. 1942

Cherson

97.000

61.000

Dt. Ukraine Zeitung, 10. 7. 1942

Winnitsa

93.000

40.000

dto., 7. 10. 1942

Poltava

130.305

75.000

Kölnische Zeitung, 6. 6. 1943

Minsk

233.000

100.000

General Halder

zehn Städte

3.097.220

- 1.330.851

= 1.766.369 Evakuierte (57%)


(wird fortgesetzt, zum Teil 3)
(Zum Teil 1)


Anmerkungen

  1. Heimdach, Erich. Überfall? Der sowjetisch-deutsche Aufmarsch 1941, Neckargemünd, 1978, S. 30-99.
  2. Irving, David. Hitler's War, N. Y., 1977, S. 237-272.
  3. Institute of Jewish Affairs. Hitler's Ten-Year War on the Jews, N. Y., 1943, S. 177.
  4. American Jewish Year Book (AJYB), 1942, Vol. 44, S. 240.
  5. Reitlinger, Gerald. The Final Solution, N. Y., 1961, S. 228.
  6. Institute of Jewish Affairs, Hitler's Ten-Year War, S. 185 - 186.
  7. Reitlinger, Final Solution, S. 223.
  8. Institute of Jewish Affairs, Hitler's Ten-Year War, S. 186.
  9. Aronson, Gregor. Soviet Russia and the Jews, N. Y., 1949, S. 19.
  10. Reitlinger, Final Solution, S. 498.
  11. Aronson, Soviet Russia and the Jews, S. 18.
  12. Universal Jewish Encydopedia, N. Y., 1943, Vol. IX, S. 681.
  13. Institute of Jewish Affairs, Hitler's Ten-Year War, S. 184.
  14. Reichsarbeitsblatt (herausgegeben vom Reichsarbeitsministerium) Berlin, 5. März 1942, S. V 131.
  15. Reitlinger, Final Solution, S. 228.
  16. Institute of Jewish Affairs, Hitler's Ten-Year War, S. 185.
  17. ebd., S. 185.
  18. Burg, J. G., Schuld und Schicksal: Europas Juden zwischen Henkern und Heuchlern, München, 1965, S. 50.
  19. Universal Jewish Encyclopedia, Vol. IX, S. 683.
  20. Aronson, Soviet Russia and the Jews, S. 23.
  21. Reitlinger, Final Solution, S. 500.
  22. Universal Jewish Encydopedia, Vol. IX, S. 681.
  23. Aronson, Soviet Russia and the Jews, S. 12.
  24. Reitlinger, Final Solution, S. 499.
  25. ebd., S. 498
  26. Universal Jewish Encydopedia, Vol. X, S. 23.
  27. Treatment of Jews by the Soviets. 17th Interim Report of Hea- rings before the Select Committee an Communist Aggression, Hause of Representatives, 83rd Congress, N. Y., 1954, S. 72-86.
  28. Reitlinger, Final Solution, S. 492.
  29. Butz, Arthur R. The Hoax of the Twentieth Century, Los Angeles, 1977, S. 223.

Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 28(2) (1980), S. 17-21

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