III. Bemerkungen zum ersten Band

Hilberg leitet das erste Kapitel seines Werks (Die Ausgangslage) mit folgenden Worten ein:[7]

»Die Vernichtung der europäischen Juden durch die Deutschen war ein brachialer Gewaltakt; der jüdische Zusammenbruch unter dem deutschen Ansturm war eine Manifestation des Scheiterns. Beide Phänomene bildeten den Schlußpunkt einer langen Vorgeschichte.

Antijüdische Politik und antijüdische Aktivitäten begannen nicht erst im Jahre 1933. Seit Jahrhunderten und in vielen Ländern sind die Juden Opfer destruktiver Bestrebungen gewesen.« (S. 11)

Es schließen sich Bemerkungen über den Antijudaismus in der europäischen Geschichte an. Hilberg betrachtet den »Vernichtungsprozeß der Nazis« als »Höhepunkt einer zyklischen Entwicklung«: An deren Anfang hätten Bestrebungen zur Bekehrung der Juden gestanden; da sich diese größtenteils nicht hätten bekehren lassen wollen, habe man zu ihrer Vertreibung gegriffen, und als dritte, radikalste Methode sei dann die physische Auslöschung der Juden erfolgt (S. 14f.). Der Autor resümiert seine Theorie wie folgt:

»Die Missionare des Christentums erklärten einst: Ihr habt kein Recht, als Juden unter uns zu leben. Die nachfolgenden weltlichen Herrscher verkündeten: Ihr habt kein Recht, unter uns zu leben. Die deutschen Nazis schließlich verfügten: Ihr habt kein Recht zu leben.« (S. 15)

Daß die Judenfeindschaft gerade in Deutschland ihren extremsten Höhepunkt erreicht habe, sei kein Zufall gewesen, denn sie habe unter den Deutschen auf eine lange Tradition zurückblicken können. Schon Martin Luther sei ein erbitterter Judengegner gewesen, wie seine Schrift Von den Juden und ihren Lügen beweise (S. 22 ff.). Von Luther geht Hilberg zu den deutschen Antisemiten des 19. Jahrhunderts und anschließend zur judenfeindlichen Ideologie des Nationalsozialismus über und stellt anschließend Betrachtungen über die jüdische Reaktion auf die im Verlauf der Geschichte immer wieder erlittenen Verfolgungen an: Auf diese hätten die Juden »stets vornehmlich mit Abschwächen und Nachgeben« reagiert (S. 34). Dies sei ihnen dann im Dritten Reich zum Verhängnis geworden:

»Als die Nazis 1933 die Macht übernahmen, kam das alte jüdische Reaktionsmuster neuerlich zum Tragen, doch diesmal führte es geradewegs in die Katastrophe. Die deutsche Bürokratie wurde durch jüdische Bittgesuche nicht gebremst und durch jüdische Unentbehrlichkeit nicht gestoppt. Ohne Rücksicht auf die Kosten fuhr die bürokratische Maschine fort, unter zunehmender Beschleunigung und wachsender destruktiver Wirkung die europäischen Juden auszulöschen. Unfähig, auf Widerstand umzuschalten, erhöhte die jüdische Gemeinde ihre Kooperationsbereitschaft im Tempo der deutschen Maßnahmen, wodurch sie ihre eigene Vernichtung beschleunigte.

Wie sich gezeigt hat, griffen Täter wie Opfer beim Umgang miteinander auf ihre jeweils spezifische, jahrhundertealte Erfahrung zurück. Die Deutschen taten es mit Erfolg; die Juden erlitten ein Desaster.« (S. 35)

Wie wir sehen, stellt Hilberg an den Anfang seines großen Werkes historische, psychologische sowie philosophische Betrachtungen über die Vorgeschichte der Judenausrottung – für die er freilich zu diesem Zeitpunkt nicht die Spur eines Beweises geliefert hat, sondern die er axiomatisch als bekannt voraussetzt. Er spannt also gewissermaßen den Wagen vor das Pferd. Wissenschaftlicher Methodik entspräche es weit eher, erst die Fakten abzuklären und erst dann über die Gründe zu philosophieren, die zu ihnen geführt haben.

Nach dem zweiten Kapitel (»Die Vorgeschichte«), in welchem die nach der Machtübernahme der NSDAP ergriffenen antijüdischen Maßnahmen dargelegt werden, wendet sich der Verfasser der »Struktur des Vernichtungsprozesses« zu (S. 56 ff.). Zu diesem »Vernichtungsprozeß« gehören für ihn:

– Die Definition des Begriffs "Jude" durch die Nationalsozialisten (S. 69-84) und das Verbot der Mischehen zwischen Ariern und Juden;

– Die Enteignungen von Juden (S. 85-163);

– Die Konzentration der Juden in bestimmten Wohnbezirken, konkret vor allem in Ghettos, wobei zunächst die im Altreich und im Protektorat Böhmen und Mähren lebenden Juden erfaßt wurden und anschließend auch die in den 1939 eroberten polnischen Gebieten.

In diesem Kapitel stützt sich Hilberg fast ausschließlich auf solide und überprüfbare Quellen, so daß die von ihm dargelegten Fakten in ihrer Gesamtheit nicht zu bestreiten sind. Insofern stellt dieser Teil des Werkes eine nützliche Dokumentation über die stufenweise Entrechtung der Juden unter der NS-Herrschaft dar. Befremdlich wirkt jedoch der Etikettenschwindel, unter dem Hilberg diese Informationen darbietet. Diskriminierung, Enteignung und Ghettoisierung einer Minderheit sind kein Bestandteil einer »Vernichtungspolitik«. Die Schwarzen Südafrikas hatten unter dem Apartheid-System keine politischen Rechte und lebten großenteils in gesonderten Wohnbezirken, doch wird kein vernünftiger Mensch behaupten, sie seien von der regierenden weißen Minderheit vernichtet worden. Die Palästinenser werden in Israel und erst recht in den von diesem besetzten Gebieten auf alle erdenkliche Weise tyrannisiert und schikaniert – vernichtet werden sie keinesfalls. Hilberg operiert also bewußt mit einer Begriffsverwirrung.

Es ist dies nicht der einzige Fall von Unredlichkeit, auf den wir im ersten Band stoßen. Auf S. 221f. schreibt der Verfasser im Zusammenhang mit der Abschiebung deutscher Juden nach Osten:

»Im Oktober 1941 setzten im Reich Massendeportationen ein. Sie endeten erst mit dem Ende des Vernichtungsprozesses. Ziel dieser Deportationen war nicht länger die Aussiedlung, sondern die Vernichtung der Juden. Doch gab es zu diesem Zeitpunkt noch keine Tötungszentren, in denen die Opfer vergast werden konnten, und so beschloß man, die Juden bis zur Fertigstellung der Todeslager in die Ghettos der eingegliederten und der neubesetzten sowjetischen Gebiete zu pferchen. Endstation in den eingegliederten Gebieten war das Ghetto von Lodz.«

Einen Beleg für diese Behauptung bleibt Hilberg seinen Lesern schuldig. Während der ganze Prozeß der Abschiebung deutscher Juden nach Osten dokumentarisch hieb- und stichfest nachgewiesen werden kann und sich Hilberg in seinen unzähligen Fußnoten meist auf deutsche Originaldokumente stützt, führt er als Quelle für obige Aussage kein Dokument, ja nicht einmal eine Zeugenaussage an.

Die eben zitierte Passage ist eines der ersten klaren Beispiele für eine Taktik, deren sich Hilberg im zweiten Band mehrfach bedienen wird: Er bettet undokumentierte (oder nur durch fragwürdige Zeugenaussagen gestützte) Behauptungen über Judenvernichtungen in sauber dokumentierte Aussagen über Judenverfolgungen oder Judendeportationen ein und hofft, daß der Leser diesen Trick nicht bemerkt. Im obigen Fall ist die Unlogik seiner Behauptung mit den Händen zu greifen, besonders wenn man sie in ihrem Kontext betrachtet. Hilberg beschreibt auf den Seiten 215-225 ausführlich, welche logistischen und organisatorischen Schwierigkeiten die improvisierte Massenabschiebung von deutschen Juden in die 1939 dem Reich angegliederten westpolnischen Gebiete sowie ins Generalgouvernement mit sich brachte und wie wütend sich die lokalen nationalsozialistischen Verantwortlichen gegen diese Abschiebungen wehrten. Beispielsweise verwahrte sich Werner Ventzki, Oberbürgermeister der in Litzmannstadt umbenannten Stadt Lodz, aufs heftigste gegen den im September 1941 vom Reichsführer SS Heinrich Himmler ins Auge gefaßten Plan, 20.000 Juden und 5.000 Zigeuner ins Lodzer Ghetto zu deportieren, von wo aus sie im folgenden Jahr weiter nach Osten verfrachtet werden sollten. Ventzki hob hervor, daß die Belegungsdichte im ohnehin schon maßlos überfüllten Ghetto durch die Ankunft dieser 25.000 Personen auf sieben Menschen pro Raum erhöht würde, daß die Neuankömmlinge in Fabriken untergebracht werden müßten, was eine Unterbrechung der Produktion zur Folge hätte, daß der Hunger zunehmen werde und es unausweichlich zum Ausbruch von Seuchen kommen müsse (S. 222f.). Die Abschiebungsaktion fand trotzdem statt.

Wenn, wie Hilberg behauptet, das Ziel der Deportationen »nicht länger die Aussiedlung, sondern die Vernichtung der Juden war«, verliert die nationalsozialistische Politik der Abschiebung von Juden nach Osten vor der Fertigstellung der "Todeslager" jeden Sinn. Hilbergs Buch zufolge wurden die beiden ersten "Todeslager", Chelmno und Belzec, im Dezember 1941 bzw. im März 1942 in Betrieb genommen (S. 956). Wieso schickten die Deutschen dann ab Oktober 1941 massenhaft Juden in die als Wartestation bis zur Inbetriebnahme der "Todeslager" dienenden Ghettos, anstatt mit der Deportation noch zwei bis vier Monate länger abzuwarten und sich die ganzen organisatorischen Scherereien und das Chaos in den Ghettos zu ersparen? Auf naheliegende Fragen dieser Art erteilt Hilberg keine Antwort.

Der erste Band von Die Vernichtung der europäischen Juden stellt alles in allem eine sehr gut recherchierte Dokumentation über das jüdische Schicksal im Dritten Reich von 1933 bis 1941 dar. Über die Interpretation der Fakten kann man geteilter Meinung sein – uns interessieren in diesem Zusammenhang nur die Fakten selbst, und wir enthalten uns, im Gegensatz zu Hilberg, jeglichen Philosophierens. Mißbräuchlich ist Hilbergs Einstufung der von der NS-Regierung während dieses Zeitraums getroffenen diskriminierenden antijüdischen Maßnahmen als »Vernichtungspolitik« – mit einer solchen hatten sie nichts zu tun.


Anmerkungen

  1. Um die Anzahl der Fußnoten zu reduzieren, geben wir immer, wenn wir Hilberg zitieren, im Anschluß an das betreffende Zitat die Seitenzahl in Klammern wieder.

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