Vorwort

Bei der Veröffentlichung dieses Werkes drängt es mich klarzustellen, daß sie nicht etwa erfolgt, um die in Wahrheit unermeßlichen und auch unfaßbaren Verbrechen, die Hitler mit seinem Regime begangen hat, auch nur im geringsten zu verkleinern. Jeder Versuch in dieser Richtung wäre angesichts der Geschehnisse zwecklos. Das Ergebnis dieses einmaligen Regimes war ein Meer von Tränen und Blut, Gebirge von Trümmern und Asche. Millionen Unschuldiger sind gefallen und ermordet worden.

Die ungeheuerlichsten Leiden hat die jüdische Bevölkerung in Europa getragen. Sie waren nicht unmittelbare Folgen des Kriegsgeschehens, sondern das Ergebnis eines verbrecherischen Entschlusses von Hitler und Himmler. Die jüdische Bevölkerung ist auf das grausamste behandelt und zum weit überwiegenden Teil ermordet worden. Sie sollte ohne jede Gnade und ohne jede Ausnahme auf besonders ausgeklügeltem, mechanischem Wege ausgerottet werden, so, wie wenn sie nicht zur Menschheit gehörte. Daß dieses Verbrechen nicht zur restlosen Vollendung gekommen ist, ist nur auf den Kriegsverlauf zurückzuführen und nicht etwa auf einen freiwilligen Verzicht seiner Ausführung. Das alles ist schon unbestreitbare Geschichte geworden.

Es ist ein ungeheuerlicher Vorwurf, an einem Verbrechen dieser Art, nämlich der planmäßigen Vernichtung von Menschen, in vorwerfbarer Weise beteiligt gewesen zu sein. Einem Vorwurf dieser Art heftet sich zudem eine solche Fülle von leidenschaftserfüllten Begleiterscheinungen an, daß diese allein es schon in Frage stellen, die etwaige Schuld des einzelnen Angeklagten, um die es in einem Strafverfahren allein geht, über jeden vernünftigen Zweifel hinaus festzustellen. An diejenigen, die als Richter, Ankläger oder Verteidiger in Prozeßverfahren stehen, in denen nach dem Ablauf von 20 und mehr Jahren über solche Schuldvorwürfe entschieden werden soll, werden außergewöhnliche und zum Teil unerfüllbare Anforderungen gestellt. Sie müssen - trotz aller Angriffe und Anfeindungen, die je nach der Stellung im Prozeßverfahren gradmäßig nicht vergleichbar sind - den ihnen gestellten Aufgaben um so unabhängiger nachkommen, je schwerwiegender die Vorwürfe sind, die einer so späten Nachprüfung unterzogen werden sollen. Die Prozeßbeteiligten - und dabei insbesondere die Verteidiger - standen dabei in der Brandung der öffentlichen Meinung, der häufig die Grundlagen für ein gerechtes Urteil über das Verhalten der am Prozeß beteiligten Personen gefehlt hat.

Um zu einem gerechten Urteil über das Prozeßgeschehen - das von den Gescheh-

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nissen in Auschwitz deutlich zu unterscheiden ist - beizutragen, habe ich mich verpflichtet gefühlt, dieses Werk herauszugeben. Es konnten sich Bedenken gegen die Herausgabe daraus ergeben, daß es sich bei dem Auschwitz-Prozeß um ein noch nicht rechtskräftig abgeschlossenes Verfahren handelt. Solche Bedenken habe ich mit Rücksicht auf die bereits erschienenen Veröffentlichungen zurückstellen müssen. Ich darf an dieser Stelle betonen, daß die veröffentlichten Plädoyers vor einem aus sechs Laien- und drei Berufsrichtern bestehenden Schwurgericht zu halten waren. Danach hatte sich die Abfassung zu richten.

Frankfurt/Main, im November 1966

Hans Laternser

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