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Einleitung: Das Verfahren aus der Sicht der Verteidigung

1. Vorbemerkung

Schon kurz nach Beendigung der 1. Instanz des Auschwitz-Prozesses schien ein Wettlauf einzusetzen, um der Öffentlichkeit das erste Schriftwerk über dieses Verfahren vorzulegen. Alle bisherigen Veröffentlichungen haben den Standpunkt der Verteidigung, d. h. also »Die andere Seite im Auschwitz-Prozeß«, nicht ausreichend gewürdigt, so daß die Herausgabe des vorliegenden Werks notwendig erscheint.

Die Veröffentlichung meiner Schlußreden ist als Ergänzung bisheriger Schriftwerke gedacht, damit derjenige, der sich ein umfassendes und nicht einseitiges Bild über dieses einmalige Prozeßverfahren verschaffen will, hierbei auch den Standpunkt eines Verteidigers zum Prozeßgeschehen berücksichtigen kann. Mit der Veröffentlichung habe ich außerdem die Absicht, Dinge, die sich während des Verfahrens - insbesondere in prozessualer Beziehung - ereignet haben, festzuhalten, die ohne diese Veröffentlichung an anderer Stelle nicht niedergelegt werden, damit in Vergessenheit geraten und zu einem Urteil über das Prozeßgeschehen nicht mehr zur Verfügung stehen würden.

Von den bisherigen Werken über den Auschwitz-Prozeß ist dasjenige von Bernd Naumann1, der seine Berichte in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) veröffentlicht hat, das sicherlich zuverlässigste. Es hat nur den Nachteil, daß schon die in der FAZ erschienenen Berichte nicht vollständig waren. Diese Veröffentlichungen bezogen sich im wesentlichen auf die Vormittagssitzungen des Gerichts, während die Berichte über die Nachmittagssitzungen, insbesondere diejenigen über den späteren Nachmittag, nur unvollständig waren oder ganz fehlten. Das erklärt sich offensichtlich mit dem zeitlich frühen Redaktionsschluß der Tageszeitungen.

Erstaunlich ist es jedoch, daß schon kurz nach Beendigung des Verfahrens ein Theaterstück erschien2. Es ist bereits an einer größeren Anzahl von Bühnen des In-und Auslandes aufgeführt bzw. zur Aufführung angenommen worden. Erstaunlich deshalb, weil in diesem Stück z. B. die Namen der Angeklagten verwendet, ferner Aussagen oder Argumente von Prozeßbeteiligten in einem anderen Zusammenhange angeführt werden, als sie im Prozeß geschehen gestanden haben. Es wird also mit z. T. richtigen, ja sogar wörtlichen Anführungen - aber in unrichtigem Zusammenhang - ein fragwürdiges Ergebnis erzielt. Dabei liegt ein rechtskräftiges


1 Auschwitz, 1965, Athenäum Verlag.

2 »Die Ermittlung« von Peter Weiß, der einige Zeit zuvor vom Kulturkreis der Deutschen Industrie mit einem Betrag von 10000,- DM gefördert worden war. Peter Weiß wohnt jetzt in Schweden (vorher in der sowjetisch besetzten Zone Deutschlands).

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Urteil des Prozesses noch gar nicht vor. Es wird auch bis dahin noch lange Zeit vergehen, nachdem noch nicht einmal das schriftlich abgesetzte Urteil, also die endgültige Urteilsfassung selbst, zugestellt worden ist1. Es ist ein unhaltbarer Zustand, daß Personen, deren Schuld noch nicht rechtskräftig festgestellt ist, in unserem Staate z. B. unter der Kennzeichnung »Bestie in Menschengestalt« auf die Bühne gestellt werden können, was in einem Staate wie Großbritannien niemals möglich wäre. Sollte nun gar nach Aufhebung des Urteils ein als Geschworener berufener Richter die Aufführung des Bühnenstücks gesehen haben und durch sie beeindruckt worden sein, so ist er damit für eine objektive Ausübung des Richteramtes untauglich geworden.

Hier wird unserer gesetzgebenden Körperschaft eine echte Lücke auf gewiesen, die auf alle Fälle geschlossen werden müßte. Es dürfte auch in Deutschland nicht erlaubt sein, schwebende Prozesse zum Gegenstand von Theaterstücken zu machen. Lediglich eine rein berichtende Tätigkeit über das laufende Verfahren dürfte zulässig sein. Von den Berichterstattern müßte man die Fähigkeit erwarten können, daß sie richtig, das heißt wahrheitsgemäß und sachlich, berichten. In England hat ein Berichterstatter richtig zu verstehen. Berichtet er falsch, so ist er wegen »contempt of court« strafbar. Dieser Grundsatz hebt das Niveau der Berichte.

Eines sei schon an dieser Stelle hervorgehoben:

Daß dieser Prozeß über dieses ungeheuerlichste aller nationalsozialistischen Verbrechen stattfinden mußte, darüber kann unter rechtlich denkenden Menschen kein Zweifel herrschen. Die deutschen Anklagebehörden sind zum Einschreiten gegen ihr bekannt gewordene Verbrechen solange verpflichtet, wie diese nicht verjährt sind oder unter eine etwaige Amnestie fallen.

Auf welche Art und Weise Prozesse dieser Art jedoch durchgeführt werden können oder müssen, das ist die große Frage. So jedenfalls, wie dieser unübersehbare Prozeß von der Staatsanwaltschaft in Frankfurt und der den Eröffnungsbeschluß erlassenden Strafkammer aufgezogen worden ist, brachte er ganz ungewöhnliche, einfach nicht zu behebende Gefahren mit sich. Ein aus drei Berufs- und sechs Laienrichtern bestehendes Schwurgericht kann einen in einer Beweisaufnahme von zwanzig Monaten Dauer aufgehäuften Prozeßstoff in der für die Beratung des Urteils zur Verfügung stehenden Zeit (gleichgültig, ob dies vier oder zehn Tage sind2) mit der hierfür erforderlichen Gewissenhaftigkeit nicht beraten und damit so sorgfältig wie möglich beurteilen. Was Staatsanwaltschaft und eröffnende Strafkammer zur Beurteilung gestellt haben, übersteigt menschliche Fähigkeiten. Das Gericht befand sich in einer objektiv ausweglosen Lage, und damit stand auch die Gerechtigkeit, was die sorgfältige Beurteilung der etwaigen Schuld der einzelnen Angeklagten anlangt,


1 Übrigens bestand die Absicht, das nicht rechtskräftige Urteil in Druck zu geben. Auf meine schriftliche Anfrage, ob ein Druck des Urteils erfolge und wieviel Exemplare gedruckt worden, wurde mir mitgeteilt, daß das Urteil in 100 Exemplaren vervielfältigt werde.

2 Vgl. § 268 Abs. 2 und § 229 Strafprozeßordnung (StPO).

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in einer nicht übersehbaren Gefahr. Wie wenig die Staatsanwaltschaft1 das Verfahren schon seinem Umfange nach übersehen hat, zeigt allein ihre Schätzung der Prozeßdauer. Der Prozeß sollte zunächst drei bis vier, später sechs bis acht Monate dauern. In Wirklichkeit dauerte er dann zwanzig Monate!

Der Leser möge sich einmal die Situation vorstellen, in der sich jeder einzelne Angeklagte in einem derartigen Monster-Prozeß befindet. Gerade in schwieriger Beweissituation, die nach Ablauf von zwanzig Jahren seit dem Tatgeschehen ohne weiteres gegeben ist, kommt es - wie in jedem anderen Strafverfahren nichtpolitischer Art - auf jede Feinheit und Einzelheit einer Zeugenaussage an. Wie sollen sich aber die Richter nach der Vernehmung von über 350 Zeugen, deren erste bei der Urteilsberatung bis zu eineinhalb Jahren zurückgelegen haben, der besonderen Einzelheiten dieser Vernehmungen noch erinnern können, um darauf ein Urteil, ein möglicherweise existenzvernichtendes Urteil aufzubauen! Noch nicht einmal der Person des einzelnen Zeugen, von wenigen markanten Ausnahmen abgesehen, wird sich das Gericht erinnern, geschweige denn an die wichtigen Einzelheiten seiner Aussage, ob sie z. B. einen sicheren Eindruck gemacht hat oder ob sie unsicher war, was ihre Verwertung ausschließen müßte usw. Wie soll überhaupt die Glaubwürdigkeit eines Zeugen nach eineinhalb Jahren Prozeßdauer noch beurteilt werden können ? In einer solchen Prozeßsituation ist die Gerechtigkeit und damit jeder einzelne Angeklagte in höchster Gefahr.

Es ist die Aufgabe der Verteidigung, auf solche Umstände mit aller Eindringlichkeit, die ihr zur Verfügung steht, aufmerksam zu machen, auch wenn der Prozeßgegenstand dies mitunter besonders schwer gemacht hat. Aber hier geht die Pflicht des Verteidigers, sich für seinen Mandanten einzusetzen, in jedem Falle vor. Bei einem gewissen Teil der Prozeßbeteiligten, bei einem Teil des Publikums und auch der Presse hat das notwendige Verständnis für diese Stellung und diese Aufgaben eines Verteidigers gefehlt.

Um eine wirkliche Sicht vom Standpunkt der Verteidigung aus zu geben, noch folgende Vorbemerkung:

Alle Verteidiger2 waren sich der Tatsache bewußt, daß sie an einem Verfahren mitwirkten, welches das größte Mordgeschehen zum Gegenstand hatte, das je vor einem Gericht verhandelt worden ist, ein Geschehen, das den Entschluß, die Rolle eines Verteidigers zu übernehmen - jedenfalls von außen her gesehen -, besonders schwer gemacht hat und vielleicht sogar, wie manche meinen, hätte verhindern sollen. Ich bin oft gefragt worden, aus welchen Gründen ich Verteidigungen in diesem Verfahren übernommen habe. Meine Antwort war fast immer die gleiche:

Stellen Sie sich einmal vor, welches Schicksal z. B. einem Angeklagten wie Dr. Capesius zugefallen ist. Er war Rumäne, bis Ende 1943 als Apotheker Hauptmann in


1 Die Sachbearbeiter bei der Staatsanwaltschaft waren junge, bis dahin in größeren Prozessen unerfahrene Staatsanwälte.

2 Ich berichte hier nur, alle folgenden Ausführungen sind selbstverständlich nur in eigenem Namen gemacht, worauf ich ausdrücklich hinweisen möchte.

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der rumänischen Armee, verheiratet mit einer Halbjüdin. Auf Grund eines zwischenstaatlichen Abkommens zwischen Deutschland und Rumänien wird er auf die SS-Tauglichkeit untersucht, für dienstuntauglich befunden, gleichwohl aber zur SS eingezogen. Anfang Februar 1945 wurde er als Vertreter für den erkrankten Lagerapotheker nach Auschwitz kommandiert. Der zu vertretende Apotheker stirbt nach 14 Tagen. Capesius muß in Auschwitz bleiben, seine als vorübergehend gedachte Kommandierung wurde in eine Versetzung umgewandelt. Auf diese Weise kam dieser Apotheker in die Nähe dieses eminenten Verbrechens von Auschwitz! Muß ein solcher Angeklagter, dem noch gerüchtweise eine behauptete Bereicherung am Häftlingsgut zur Last gelegt wird, nicht gerade mit ganz besonderer Sorgfalt verteidigt werden? Jedenfalls entspricht diese Meinung meiner Auffassung von den Berufspflichten eines Anwalts. Der Anwalt muß sich hier mit allem ihm zur Verfügung stehenden Nachdruck für seinen Mandanten einsetzen. Ich halte nichts von Verteidigern, die sich in jeder Phase des Verfahrens von ihrem Mandanten distanzieren, nur um der Möglichkeit zu entgehen, bei Menschen ohne Verständnis für solche gerichtlichen Dinge falsch beurteilt zu werden. Verteidiger, die sich von ihren Mandanten distanzieren, sollten besser Verteidigungen dieser Art nicht übernehmen, weil sie mit dieser Distanzierung ihren Mandanten nicht nur nicht helfen, sondern ausschließlich und bisweilen sogar sehr nachhaltig schaden. Man denke nur an den Eindruck, den ein solches Verhalten des Distanzierens auf die sechs Geschworenen macht. Der Angeklagte verliert dadurch jede Chance für einen günstigen Ausgang des Verfahrens.

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