9. Die Verteidigung

a) Die Verteidigung setzte sich im wesentlichen aus Anwälten zusammen, die für Prozesse dieser Art nicht die erforderliche Erfahrung mit sich brachten. Die einzelnen Verteidiger haben sich - auch hier von ganz vereinzelten Ausnahmen abgesehen - jede erdenkliche Mühe gegeben, ihre Pflichten so gut wie möglich zu erfüllen.

Eine Einigkeit innerhalb der Verteidigung in irgendeinem wichtigen Punkt, bei dem möglicherweise ein geschlossen eingenommener Standpunkt in einer prozessualen Frage zu einem Erfolg hätte führen können, hat es leider zu keiner Zeit gegeben. Falls ein Verteidiger einen Antrag stellte, schlössen sich dem ein oder zwei Verteidiger an, mindestens aber ein anderer Verteidiger stand auf, um einen gegenteiligen Standpunkt zu vertreten, so sich gegenseitig den Wind aus den Segeln nehmend. Dies ist zwar sicher auch für einen Nichtjuristen unverständlich; es war aber nicht zu ändern. Die Differenzen innerhalb der Verteidigung gingen teilweise so weit, daß manche Verteidiger das gemeinsame Anwaltszimmer gemieden und es vorgezogen haben, sich mit Staatsanwälten und Nebenklagevertretern - auch mit dem sowjetzonalen Nebenklagevertreter - zu unterhalten, obwohl ich darin keineswegs etwas Unerlaubtes sehe.

In keinem einzigen Punkt wurde jemals eine geschlossene Meinung der Verteidigung erzielt. Noch nicht einmal in der Honorarfrage (Pflichtverteidigerentschädigung) fand jemals - wie überhaupt in keiner anderen Frage - eine gemeinsame Besprechung sämtlicher Verteidiger statt.

Durch diese mangelnde Homogenität der Standpunkte - insbesondere in prozessualen Fragen - hat sich die Verteidigung selbst um eine stärkere Wirkung gebracht.

Wie anders in anderen Ländern:

In England werden sämtliche Fragen innerhalb einer Verteidigung gemeinsam besprochen und nach außen hin vertreten. Man steht dort - sehr zu Recht - auf dem Standpunkt, daß man sich nicht gegenseitig im Gerichtssaal aufhängen sollte. Ein sicher zutreffender Erfahrungssatz.

Ähnlich auch in den USA. In den Nürnberger Prozessen ging es sogar so weit, daß die jeweiligen Gerichtshöfe die Wahl eines sogenannten Speaker oder Spokesman of the defense wünschten. In gemeinsamen Fragen gab der gewählte Sprecher nach Besprechung mit den übrigen Kollegen den gemeinsamen Standpunkt der Verteidigung dem Gericht bekannt.

Bei uns scheinen solche Grundsätze nicht durchsetzbar zu sein. Das Gewicht einer Verteidigung nähme dadurch jedoch zu, insbesondere in den großen Verfahren.

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b) Bei der Vernehmung des Angeklagten Broad zur Person und bei dem Antrag auf Abtrennung des Verfahrens gegen den Angeklagten Dylewski wegen seines Gesundheitszustandes wurde der 1. Nebenklagevertreter wiederum unsachlich. So befragte er den Angeklagten Broad, warum er Deutschland nicht verlassen habe. Broad war zu jener Zeit, auf die sich die Fragen bezogen, 15-16 Jahre alt und ging noch zur Schule. Zum Antrag auf Abtrennung des Verfahrens gegen Dylewski äußerte sich der Nebenklagevertreter etwa in dem Sinne, diese Krankheit habe Dylewski in Auschwitz auch nicht gestört, an der dortigen Mordtätigkeit teilzunehmen. Der Verfasser hat daraufhin dem Gericht in der Sitzung vom 30. 12. 1963 -Schriftsatz vom 27. 12. 19631 - folgendes mitgeteilt:

»Die von mir vertretenen Angeklagten werden im weiteren Verlauf dieses Prozesses Fragen des Vertreters der Nebenkläger, Rechtsanwalt Ormond - mögen sie zur Person oder zur Sache gestellt werden -, nicht beantworten. Die Angeklagten üben damit ein ihnen zustehendes Recht aus.

Anlaß für diesen Entschluß geben verschiedene Fragen des Nebenklagevertreters, aus denen zu entnehmen war, daß sie nicht sachlich sind. So hat der Nebenklagevertreter z. B. den Angeklagten Broad befragt, warum er Deutschland nicht verlassen habe. Broad war zu jener Zeit 15 Jahre alt, ging zur Schule, hatte kein Geld und kannte die Anschrift seines in Brasilien lebenden Vaters nicht.

Der Nebenklagevertreter hatte in der Verhandlung vom 20. 12. 1963 mir gegenüber den ungerechtfertigten Vorwurf erhoben, ich versuche den Prozeß zu verschleppen. Die Tatsache jedenfalls, daß meine Mandanten die Fragen des Nebenklagevertreters nicht beantworten werden, führt zu einer erheblichen Beschleunigung des Verfahrens.«

Einige der anderen Verteidiger berieten ihre Mandanten im gleichen Sinne, andere wiederum nicht.

In allen wichtigen Fragen herrschte eben innerhalb der Verteidigung völlige Uneinigkeit. Man versuchte noch nicht einmal, eine Einigkeit zu erzielen. Allein eine Besprechung, an der alle Verteidiger teilgenommen hätten, war nicht erreichbar. Die Widersprüche innerhalb der Verteidigung traten in jeder vor Gericht erörterten Frage hervor. Das ging sogar so weit, daß beispielsweise ein Teil der Verteidiger der Vernehmung des von dem sowjetzonalen Nebenklagevertreter gestellten Sachverständigen Kuczinski2 nicht widersprachen, ein Verteidiger befürwortete sogar die Vernehmung dieses Sachverständigen3.

Welches Gewicht wäre aber der Verteidigung zugefallen, falls sie - wie es die Staatsanwaltschaft und die Nebenklage erfolgreich getan haben - einheitlich und geschlossen operiert hätte. Zum mindesten wären sich die ausländischen Zeugen - so-


1 Vgl. Anhang S. 409.

2 Er sollte ein Gutachten über die Verflechtung der wirtschaftlichen Interessen der IG-Farben-Industrie bei der Einrichtung und im Betrieb des Konzentrationslagers Auschwitz und seiner Nebenlager erstatten.

3 Gerichtliches Protokoll 226.

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weit dies erforderlich war - darüber klar geworden, für ihre Aussagen einstehen zu müssen.

c) Ein wichtiges Problem ergibt sich aus der Art der Zusammensetzung der Verteidigung für den einzelnen Angeklagten.

Den meisten der Angeklagten waren zwei Pflichtverteidiger bestellt worden, wenige der Angeklagten (zu Prozeßbeginn sechs, später drei) hatten Wahlverteidiger. Aber auch diesen bestellte das Gericht auf Antrag der Staatsanwaltschaft Pflichtverteidiger, damit sich in keinem Falle Schwierigkeiten für die Durchführung des Verfahrens ergeben konnten.

Wenn man schon ein so umfangreiches Verfahren aufzieht, wie es die Frankfurter Staatsanwaltschaft getan hat, so ist es immerhin verständlich, daß man gleichzeitig darauf bedacht ist, dieses Verfahren nicht etwa durch unvorhergesehene Erkrankungen von Richtern und Geschworenen scheitern zu lassen. Daher wurden, wie es das Gesetz vorsieht1, Ergänzungsrichter und -Geschworene hinzugezogen. Man versuchte sogar, noch weiter zu denken. Auch Anwälte könnten erkranken, und der dann neu zu bestellende Verteidiger hätte gemäß § 143 Abs. 3 Strafprozeßordnung die Aussetzung der Verhandlung beantragen können. Einem solchen Antrag ist nach dem Gesetz zu entsprechen. Infolgedessen bestellte der Vorsitzende des Schwurgerichts für jeden der Angeklagten zwei Pflichtverteidiger, von denen jeder selbständige Handlungsfähigkeit in bezug auf jede Prozeßhandlung hatte. Für diejenigen Angeklagten, die einen Wahlverteidiger hatten, wurde zusätzlich ein Pflichtverteidiger bestellt.

Nun ist es sicher keine Beschwer für einen Angeklagten, wenn er statt eines Pflichtverteidigers deren zwei hat. Das könnte nur von Vorteil sein - vorausgesetzt, die Homogenität der Verteidigung bleibt gewahrt. Es ist in mindestens einem Falle bekanntgeworden, daß erhebliche Differenzen unter Pflichtverteidigern, die gemeinsam einen Angeklagten verteidigten, bestanden haben. Zu der Frage jedenfalls, ob ein Angeklagter Anspruch auf eine homogene Verteidigung hat, liegen Entscheidungen bisher nicht vor, weil die Praxis, einem Angeklagten zwei Pflichtverteidiger zu bestellen, zweifellos eine Neuerung dargestellt hat.

Treten innerhalb einer Gemeinschaft von zwei Pflichtverteidigern über die Vornahme einer Prozeßhandlung oder deren Unterlassung Meinungsverschiedenheiten auf, so kann der Angeklagte - wie er es bei einer Gemeinschaft von Wahlverteidigern durch Mandatsentziehung tun könnte - keinen Einfluß auf die Lösung dieser Kollision nehmen, weil jeder der Pflichtverteidiger kraft seiner Ernennung zur selbständigen Wahrnehmung der Rechte des Verteidigers befugt ist. Das geht sogar so weit, daß der eine Pflichtverteidiger einen Antrag stellen kann, dem der andere widerspricht oder ihn gar zurücknimmt, eine Situation, die allerdings in dieser schroffen Form während der Hauptverhandlung nicht zutage getreten ist.

In einem Fall jedoch haben der Wahl- und der Pflichtverteidiger, die für einen der Angeklagten nebeneinander tätig waren, in der Hauptverhandlung sich wider-


1 § 192 Gerichtsverfassungsgesetz.

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sprechende Standpunkte eingenommen. Ich bin der Meinung, daß ein Angeklagter, der sich gegen diese Zusammensetzung seiner Verteidigung im Augenblick der entstandenen Kollision nicht wehren kann1, einen Anspruch auf eine kollisionsfreie Verteidigung haben muß. Er kann sich erheblich beschwert fühlen, falls der von ihm gewählte Verteidiger und der ihm bestellte Pflichtverteidiger seine Verteidigung uneinig führen. Hier kann dann nur noch von einem Versuch einer Verteidigung die Rede sein.

Selbst in den Fällen, in denen die Angeklagten zunächst Wahlverteidiger hatten, wurden ihnen - sicher nicht deshalb, um ihnen weiteren Schutz zu gewähren, sondern nur, um die Durchführung dieses Monsterprozesses sicherzustellen - Pflichtverteidiger beigeordnet. Der Verfasser hatte bei Prozeßbeginn fünf Wahlmandate. Jedem dieser Mandanten wurde ein weiterer Pflichtverteidiger bestellt, obwohl das Gesetz eine solche Möglichkeit gar nicht zuläßt. Im Gegenteil: In § 143 Strafprozeßordnung ist ausdrücklich bestimmt, daß die Bestellung eines Pflichtverteidigers sogar zurückzunehmen ist, wenn demnächst ein anderer Verteidiger gewählt wird und dieser die Wahl annimmt. Von der Bestellung dieser Pflichtverteidiger neben dem Wahlverteidiger hat der Verfasser zu seiner Überraschung durch die Angeklagten selbst erfahren, und zwar etwa acht bis zehn Tage vor Verhandlungsbeginn. Die Angeklagten wunderten sich übrigens, plötzlich kurz vor Prozeßbeginn von fremden Rechtsanwälten zur Besprechung ihres Falles im Gefängnis aufgesucht zu werden. In einem Falle hat der bestellte Pflichtverteidiger ohne Benachrichtigung des Wahlverteidigers dessen Mandanten im Gefängnis besucht! Mit der aus dem Anhang2 ersichtlichen Begründung hat der Verfasser die sofortige Aufhebung dieser Pflichtverteidigerbestellungen beantragt. Die Bestellungen wurden aufgehoben. Würde eine solche Praxis - nämlich die Bestellung eines Pflichtverteidigers neben einem Wahlverteidiger - möglich sein, so wäre die Selbständigkeit eines Wahlverteidigers gefährdet und sogar untergraben. In politisch schwierigen und gefährdeten Zeiten könnte auf diese Weise ein unbequemer Wahlverteidiger z. B. durch einen politisch genehmen Pflichtverteidiger lahmgelegt oder gar überwacht werden. Ein unmögliches Ergebnis, an das wohl weder das Gericht noch die Staatsanwaltschaft in ihrem Bestreben, nur nicht den Prozeß auch nur teilweise scheitern zu lassen, gedacht haben. Es handelte sich also um eine wirklich gefährliche Entscheidung3. Sie wird nicht Schule machen, weil sie dem Gesetz nicht entspricht.

Ich weise noch auf folgendes hin: In einem Falle blieb neben dem Wahlverteidiger die Pflichtverteidigung aufrechterhalten. Mir ist nicht bekannt, ob der Wahlverteidiger einen Antrag auf Aufhebung der Pflichtverteidigung gestellt hat, wozu er nicht verpflichtet war. Es fragt sich dann, ob man in der Unterlassung dieses Antrages


1 Er könnte allenfalls den Antrag auf Abberufung des Pflichtverteidigers stellen, dem vermutlich zu keinem Zeitpunkt stattgegeben worden wäre, um die Unterbrechung des Verfahrens auf alle Fälle zu vermeiden.

2 Siehe Anhang S. 389 ff.

3 Von den Wahlverteidigern ist übrigens keiner erkrankt.

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auf Aufhebung der Pflichtverteidigung eine Genehmigung dieser Prozeßsituation erblicken kann und ob insbesondere ein solches Nebeneinander überhaupt genehmigungsfähig ist. Im besprochenen Falle war die Situation sogar so, daß Wahl- und Pflichtverteidiger sich gegenseitig nicht gegrüßt und gesprochen haben. Eine so zusammengesetzte Verteidigung muß bei dem Angeklagten den Eindruck entstehen lassen, daß er nicht nach besten Kräften verteidigt worden ist.

d) Noch eines muß bei der Behandlung des Komplexes Verteidigung angeführt werden:

Es scheint sich bei uns - aber auch im Ausland, soweit es diesen Prozeß betroffen hat - noch nicht die Meinung durchgesetzt zu haben, daß jeder Angeklagte Anspruch darauf hat, verteidigt zu werden. Gerade bei so schwerwiegenden Anschuldigungen, wie sie im Auschwitz-Prozeß erhoben worden sind, bedarf jeder Angeklagte einer besonders intensiven Verteidigung. Es verträgt sich nicht mit dieser Auffassung, daß die Verteidiger mit einer großen Zahl von Drohbriefen und anonymen Anrufen eingeschüchtert, bedroht und beleidigt werden. Ein wirklich beängstigendes Anzeichen für die Unkenntnis über Sinn und Zweck des Rechtsinstituts der Verteidigung.

Sogar ein Rechtsanwalt aus Köln ließ mir folgendes Schreiben vom 11. 6. 19651, eingegangen am 22. 6. 1965 - die Absendung war also lange überlegt -, zugehen:

»Sehr geehrter Herr Laternser!

Soeben habe ich im Kölner Stadtanzeiger vom 11. 6. 1965 einen Bericht über Ihr Plädoyer im Auschwitz-Prozeß gelesen und bin beschämt darüber, daß Sie dem gleichen Berufsstand angehören wie ich ...

Lediglich damit möchte ich mich befassen, daß Sie - laut Bericht des Kölner Stadtanzeigers - die Auffassung vertreten haben, das Selektieren sei als eine wertneutrale, wenn nicht sogar als eine positive Handlung‹ zu betrachten. Wer bei dem Selektieren zur Arbeit ausgewählt wurde, hatte eine, wenn auch geringe, Chance zu überleben; demjenigen aber, der zum sofortigen Tode in der Gaskammer ausgewählt wurde, ist auch diese Chance noch genommen worden. Es ist mir deswegen geradezu unfaßbar, wie ein Mensch eine Auffassung vertreten kann, wie dies in Ihrem im Stadtanzeiger wiedergegebenen Plädoyer geschehen ist ...

Ich habe, wie Sie aus dem Brief ersehen, die üblichen Höflichkeitsfloskeln verwendet, muß allerdings gestehen, daß mir dies Ihnen gegenüber sehr schwer gefallen ist ...«

Der weitere Verlauf dieser Angelegenheit, in der ich mich mit meiner Beschwerde an die Anwaltskammer in Köln gewendet hatte, mag aus dem Anhang entnommen werden. Die Anwaltskammer hat meiner Beschwerde stattgegeben.

Von einem Strafantrag wegen Beleidigung habe ich abgesehen.


1 Vollständiger Wortlaut, Anhang S. 428 und 429 ff.

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f) Vor kurzer Zeit hat mich einer der Angeklagten im Auschwitz-Prozeß, der zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt worden ist, gebeten, seine Vertretung zu übernehmen. Dieser Angeklagte hatte in der Hauptverhandlung immer wieder behauptet, sich an Erschießungen an der sogenannten Schwarzen Wand nicht beteiligt zu haben. Er habe niemals geschossen. Gegen Ende des Prozesses gestand er einige Fälle solcher Erschießungen ein. Unter starker Bewegung hat mir dieser Angeklagte nunmehr erklärt, das sogenannte Geständnis über die Beteiligung an Erschießungen sei nicht richtig. Er habe in Auschwitz niemals einen Menschen erschossen. Das Geständnis habe er nur abgegeben, weil ihm sein Verteidiger geraten habe, einige Erschießungen zuzugeben, um damit dem Gericht »goldene Brücken« dafür zu bauen, ihn lediglich wegen Beihilfe zum Morde zu bestrafen! So jedenfalls hat mir dieser Angeklagte berichtet. Ich selbst kann allerdings nicht beurteilen, welches die wahre Sachlage ist. Ich neige aber dazu, den Angaben dieses Angeklagten zu glauben. Die Lage des Falles bedarf noch weiterer Nachprüfung1.

l Auch der andere Angeklagte, den dieser Verteidiger vertreten hat, hat etwa zur gleichen Zeit ein Geständnis abgelegt, das wohl alle Prozeßbeteiligten überrascht hat.

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