V
Plädoyer für den Apotheker Dr. Capesius,
gehalten am 15. und 16. Juli 1965

1. Einleitung, S. 263

2. Zum Verhalten des Dr. Capesius im Verfahren, S. 266

3. Das Verhalten der Nebenklage im Falle des Dr. Capesius, S. 267

4. Ergänzungen zum Lebenslauf, S. 275

5. Die Apotheke in Auschwitz unter Leitung des Dr. Capesius, S. 281

6. Die Anschuldigungen gegen Dr. Capesius, S. 286

7. Die angebliche Bereicherung des Dr. Capesius, S. 338

8. Zur Beurteilung ausländischer Zeugen, S. 349

9. Schluß, S. 355


I

Hohes Gericht! Jeder Strafprozeß - und das ist sein einziges Ziel - darf nur der Durchsetzung des Rechts dienen. Andere Zwecke dürfen ihm nicht innewohnen, weil die Berücksichtigung anderer Ziele als die des Rechts dazu verleiten können, von dem wahren Recht abzulenken.

Diesem Strafverfahren sind von den verschiedenen Prozeßbeteiligten verschiedenste Ziele und Zwecke unterlegt worden:

So hat der 1. Nebenklagevertreter erklärt, ohne diesen Prozeß hätten die Unbelehrbaren die Bagatellisierungsversuche fortgesetzt, man habe nur darauf gewartet, bis die letzten Überlebenden nicht mehr bezeugen könnten, dann würde Auschwitz nur noch eine Legende sein. Und daß das nicht mehr möglich sei, betrachte er als den Hauptzweck dieses Verfahrens!

Andere Prozeßbeteiligte haben behauptet, die Jugend solle aus diesen Vorgängen lernen, es möge dieser Prozeß einer Wiederholung von Geschehnissen ähnlicher Art vorbeugen und manches andere mehr.

Ich sage immer und immer wieder, daß Prozesse allein und ausschließlich bestimmt sein dürfen durch den reinen Willen zum Recht, daß also ausschließlich der Maßstab des Rechts - des innerlich wahren Rechts - für Prozesse dieser Art maßgeblich sein dürfen.

Man hatte - wie ich bereits bei der Behandlung einer völkerrechtlichen Frage in meinem 1. Plädoyer gestreift habe - nach dem Kriege die Hoffnung, daß tatsächlich - wie es die Alliierten als eines ihrer Kriegsziele propagierten - das Recht der endgültige Maßstab für die Zukunft sein werde.

Nun, diese Chance, den Weg zum Recht zu finden, haben alle Siegerstaaten -weil sie eben auch andere Ziele im Auge hatten - vertan und damit der Verwilderung der Rechtsverhältnisse sowohl auf völkerrechtlichem als auch auf innerstaatlichem Gebiet Vorschub geleistet. Wie Schwellen in einem Leitartikel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 23. 6. 1961 sehr zutreffend ausführt, begann es mit dem Giftgas im ersten Weltkrieg, dann kam die physische Ausrottung von Mitgliedern bestimmter Gesellschaftsklassen in der bolschewistischen Revolution, dann sind die anerkannten Regeln zum Schutz der Zivilbevölkerung preisgegeben worden, das gegnerische Hinterland wurde in Schutt und Asche gelegt, ganze Bevölkerungen wurden vertrieben, in der Politik ist Vertragsbruch an der Tagesordnung und über der Menschheit schwebe die Gefahr totaler Ausrottung durch Atomwaffen und Raketen.

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1945 erlebte die Welt die Kriegsverbrecherprozesse in Nürnberg, Tokio, Frankreich, Belgien, den Niederlanden, Italien, Norwegen, vor den britischen, amerikanischen und französischen Gerichten in Deutschland und anderswo. Und die Rechtsgrundlage dieser Prozesse wurde zum größten Teil nachträglich geschaffen. Ich erinnere nur an das Londoner Statut vom 8. 8. 1945 und das Kontrollratsgesetz Nr. 10 vom 20. 12. 1945, obwohl - erst zwei Monate zuvor - derselbe Kontrollrat durch seine Proklamation Nr. 3 vom 20. 10. 1945 das Verbot rückwirkender Strafgesetze für unser Land, d. h. für unsere Gesetzgebung, vorgeschrieben hatte.

Dann schuf im August 1950 der Staat Israel sein »Gesetz zur Bestrafung der Verbrechen von Nationalsozialisten und ihrer Helfershelfer«. Es weist - ich zitiere hier wiederum den Leitartikel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung - alle fast nur möglichen Schwächen auf:

Einmal ist das Gesetz rückwirkend, weil es die Bestrafung von Handlungen ermöglicht, die zu einer Zeit begangen wurden, als der Staat Israel überhaupt noch nicht bestand; es gestattet die nochmalige Strafverfolgung von Taten vor einem israelischen Gericht auch beim Vorliegen eines vor einem nichtisraelischen Gericht vorher gefällten Urteils; schließlich hebt es die in der israelischen Strafprozeßordnung geltenden strengen Regeln auf.

Schwelien meinte dazu mit Recht: "Wenn Eichmann nach diesem Gesetz abgeurteilt werde - der Artikel stammt aus dem Jahre 1961, zu jener Zeit hatte das Verfahren noch nicht stattgefunden -, so ergebe sich, daß z. B. selbständig gewordene Kolonialvölker ihre ehemaligen »Kolonialherren« strafrechtlich zur Verantwortung ziehen können.

In der Tat bieten solche Rechtsgrundsätze - wenn man einmal dieses Wort dafür verwenden will - einem unabhängigen algerischen Staat die Handhabe, einen früheren französischen Generalgouverneur nachträglich mit einem rückwirkenden Gesetz wegen gewaltsamer Umsiedlung, Ausrottung usw. zu bestrafen.

Zwar gelangt dann Schwelien zu dem nach meiner Meinung unlogischen und für einen Juristen verblüffenden Ergebnis, alle diese Schwächen des Gesetzes änderten nichts an seiner Notwendigkeit und Berechtigung. Der Grundsatz, Recht bleibe Recht, genüge nicht mehr, er meint, aus Recht werde Recht, wenn - und das ist wieder ein unüberwindlicher Faktor - erwirkt werde, daß sich die Menschheit ihm unterwerfe!

Das alles haben wir ja seit 1945 erlebt, daß sich die Menschheit den z. B. in Nürnberg aufgestellten Prinzipien - ich sage ausdrücklich nicht Rechtssätzen - eben nicht unterworfen hat. Die Beispiele hierfür brauche ich wohl nicht aufzuzeigen.

Wie anders stellte sich da aber die niederländische Regierung in ihrer Note vom 21. 1. 1920, mit der sie die Auslieferung des früheren deutschen Kaisers ablehnte. Sie führte damals aus:

»Wenn in Zukunft durch den Völkerbund eine internationale Rechtsprechung geschaffen werden sollte, die befugt wäre, im Falle eines Krieges über Tatsachen Recht zu sprechen, die durch ein vorher ausgearbeitetes Statut zu Verbrechen

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gestempelt und als solche sanktioniert sind, dann werden die Niederlande sich der neuen Ordnung der Dinge anschließen.«

Sie sehen, man kann auch anders, falls man es aus Gründen des Rechts unter Umständen auch hinnehmen will, Unrechtshandlungen unbestraft zu lassen, weil die Rechtsgrundlagen für eine Bestrafung in nicht ausreichendem Maße gegeben sind. Die Einhaltung dieses Rechtsgrundsatzes scheint mir - eben aus Gründen des Rechts -höher zu stehen als die jeweilige Durchbrechung, falls man sie für notwendig oder auch nur für zweckmäßig hält.

Und das ist das, was ich für Sie, meine Damen und Herren Richter, als Vorschlag und als Bitte aus dem Vorgetragenen entnehmen möchte:

Geben Sie nicht dem allgemeinen Zug unserer Zeit nach - und damit komme ich wieder auf den Anfang zurück -, etwas anderes zu berücksichtigen als Ihren unerschütterlichen Willen zum Recht und nur zu ihm. Sie haben hier weder Geschichte zu machen, noch die Vergangenheit zu bewältigen, sie haben hier - und das ist schon sehr viel - nur Recht zu sprechen über die einzelnen hier angeklagten Personen und deren Taten, soweit sie zur Gewißheit des Gerichts nach zwanzig Jahren nachgewiesen worden sind.

Es ist wirklich an der Zeit, hierfür ein klares Beispiel für den ausschließlichen Willen zum Recht zu geben, wenn es auch gerade bei dem Auschwitzkomplex besonders schwer sein wird, all das Schreckliche, was sich dort ereignet hat, nur insoweit auf sich wirken zu lassen, als es eine bewiesene Verbindung mit einer der hier angeklagten Personen hat.

Lassen Sie sich nicht auch etwa beeindrucken von den Anträgen der Staatsanwälte und der Nebenkläger, die zum wesentlichen Teil Schulbeispiele für ein »Vorbieten« auf die Strafe darstellen.

Sie sind völlig frei und unabhängig in Ihrem Urteil. Und Sie müssen es nach bestem Wissen und Gewissen fällen, auch wenn Sie erwarten müssen, daß die in- und ausländische Presse über Sie herfällt. Das müssen Sie - im Namen des Rechts - auf sich nehmen und zu tragen wissen.

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2

Wenn ich mich den Einzelheiten des Falles Dr. Capesius zuwende - es wird hier sehr viel zu sagen sein -, so ist mir im Laufe des Verfahrens folgendes mit ganz besonderer Eindringlichkeit aufgefallen:

Obwohl es sich bei dem Falle Dr. Capesius um einen besonders tragischen und besonders zufällig liegenden Fall handelt, habe ich immer und immer wieder im Laufe des Verfahrens den Eindruck gehabt, daß das Gericht diesem Angeklagten gegenüber besonders kritisch eingestellt gewesen sei.

Besondere Gründe kann ich dafür allerdings nicht anführen. Sie können und müssen aber von mir erwarten - und das entspricht auch meiner Verpflichtung als Verteidiger -, daß ich meine Meinung und meinen Eindruck in voller Offenheit schildere.

Hohes Gericht! Bei seiner Vernehmung zur Sache hat der Angeklagte Dr. Capesius bisweilen gelächelt. Der Vorsitzende rügte das etwa mit dem Hinweis, die Dinge, die hier zur Verhandlung anstehen, seien nicht zum Lachen. Das trifft sicher zu. Ich bin der festen Überzeugung, daß der Angeklagte Dr. Capesius sich gar nicht bewußt geworden ist, gelächelt oder gar gelacht zu haben.

Dr. Capesius hatte an jenem Tage seiner Vernehmung damit gerechnet, gleich am Morgen des 27. 1. 1964 vernommen zu werden. Durch die vorherige Vernehmung des Dr. Lucas hatte sich die Spannung bei Dr. Capesius, sich bald selbst äußern zumüssen, besonders angestaut, so daß seine Antworten dann zerfahren und durch die vielen Details unübersichtlich wurden. Wenn er dann aus Verlegenheit gelächelt hat, dann wurde ihm das auf keinen Fall etwa bewußt.

Dr. Capesius spricht zwar gut Deutsch, aber die Universität hat er mit rumänischer Sprache absolviert. Dadurch ist seine Ausdrucksweise im Deutschen etwas ungelenk geworden.

Zum Zeitpunkt seiner Vernehmung vor Gericht war Dr. Capesius über vier Jahre lang in Einzelhaft. Dann sollte er seine Angaben in dem großen Saal im Römer machen, das starke Licht im Saal und die Menschenansammlung wirkten auf ihn -verständlicherweise - verwirrend. So verwirrend, daß er die große Chance, die darin besteht, bei einer zusammenfassenden Darstellung zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen auf das Gericht einen persönlichen Eindruck zu machen, infolge von Umständen, für die er nicht einzustehen hat, dem Gericht nicht vermitteln konnte. Vielleicht hat gerade dieser mangelnde persönliche Eindruck im Ablauf dieses Prozesses dem Gericht hinsichtlich dieses Angeklagten gefehlt. Ich bedaure das und bitte das Gericht, das, was ich in diesem Zusammenhang vorgetragen habe, entsprechend zu würdigen.

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3

Besonders auch von außen her - so von einem großen Teil der Presse - ist man dem Dr. Capesius mit besonderer Gehässigkeit entgegengetreten, und das, was sich der 1. Nebenklagevertreter an Kombinationen, Vermutungen und Annahmen unrichtiger Art diesem Angeklagten gegenüber geleistet hat, hat den Rahmen all dessen gesprengt, was sich bisher in diesem Verfahren ereignet hat. Von welchem, für objektive Feststellungen doch - wie sich zeigte - blind machenden Haß waren die Ausführungen des 1. Nebenklagevertreters geleitet!

Nun, wie ich im einzelnen noch aufzeigen werde, richten sich diese Ausführungen des 1. Nebenklagevertreters damit selbst, und es ist eigentlich nur gut - vom Standpunkt der Verteidigung aus -, wenn der 1. Nebenklagevertreter auf diese Weise die Katze aus dem Sack gelassen hat, besser ausgedrückt, wenn sie ihm auf diese Weise aus dem Sack geschlüpft ist.

Das ging sogar so weit, daß dem diabolischsten der Angeklagten, wie ihn der 1. Nebenklagevertreter genannt hat, zum Vorwurf gemacht wurde, einen Wahlverteidiger genommen zu haben! Ein wirklich einmaliger Vorgang in einem deutschen Gerichtsverfahren!

Wenn es tatsächlich so weit geht, wie es der 1. Nebenklagevertreter in dieser seiner Eigenschaft treibt, dann kann man wohl mit Recht die Frage erheben, ob einem Strafverfahren mit der für Fälle dieser Art erst nach dem Kriege geschaffenen Möglichkeit einer Nebenklage im Interesse der zu beobachtenden Objektivität eines Strafverfahrens gedient ist, der Staatsanwaltschaft noch einen Gehilfen, einen durch seine Gefühle vielfach ungeeigneten Gehilfen beizugeben.

Denn eines ist doch sicher: Auch vor 1953 sind die Staatsanwaltschaften in Deutschland mit der Anklagevertretung in Strafverfahren allein fertig geworden. Dazu bedurfte es keiner Helfer, sicherlich aber bedarf es keiner Helfer, deren Tätigkeit - wie die des 1. Nebenklagevertreters - von solchem Haß und dem Recht abträglichen Vergeltungsfieber getragen ist. Sie sehen ja, was dabei herausgekommen ist.

Die Nebenklagevertreter halten sich noch nicht einmal an die geltenden Bestimmungen der Strafprozeßordnung. Sie stellen Anträge, die dem Recht nicht entsprechen, für sie gilt die Strafprozeßordnung nur insoweit, wie sie ihnen bequem ist, sie erlauben sich Dinge, die sich ein Verteidiger ungerügt niemals erlauben würde oder gar dürfte. Was meinen Sie, wenn es in Verfahren dieser Art nur nach den Nebenklagevertretern ginge!

So viel - oder besser gesagt: so wenig - halte ich von der Beteiligung solcher

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Nebenklagevertreter an einem solchen Verfahren. Nun: Ich stehe nicht allein in der Ansicht, daß die Strafverfahren früher auch ohne die Nebenklage zweckmäßig haben durchgeführt werden können. Das letzte Wort wird in dieser Frage noch nicht gesprochen sein. Denn es hat sich bereits erwiesen - und davon bin ich vollkommen überzeugt -, daß die Nebenklage in Fällen dieser Art nicht der Objektivität und der Förderung der Verfahren dient, sie kompliziert vielmehr die Fälle, sie versucht auf jede nur mögliche Weise, Rachegefühle in die Verfahren zu mischen, und das hat noch nie dazu geführt, einem Strafverfahren zum richtigen Erfolg zu verhelfen. Das, was die Nebenklage auf eine solche Weise anrichtet, ist natürlich sehr schwer faßbar. Jedenfalls zeigt die Erfahrung, daß die Anklagevertretung allein in die Hände der Staatsgewalt gelegt werden müßte, die sich aber in einem höheren Maße, als es in diesem Verfahren geschehen ist, bemühen müßte, nicht nur die gegen die Angeklagten, sondern auch für die Angeklagten sprechenden Momente in das Verfahren einzuführen.

Ich habe jedenfalls nur ganz vereinzelte Versuche eines einzigen der vier Vertreter der Staatsanwaltschaft in dieser Hauptverhandlung feststellen können, die tatsächlich auch einmal zugunsten der Angeklagten sprechenden Momente ermitteln sollten, obwohl § 160 Abs. II StPO klar und eindeutig vorschreibt, daß die Staatsanwaltschaft nicht nur die zur Belastung, sondern auch die zur Entlastung dienenden Umstände zu ermitteln und für die Erhebung der Beweise Sorge zu tragen hat!

Wenn man die Erfahrung, die aus der Beteiligung der Nebenklage zu ziehen ist, ernsthaft würdigt und ihre Tätigkeit wieder - wie es früher der Fall war - beschränkt auf Fälle, in denen tatsächlich rein persönliche Interessen verfolgt werden - wie das z. B. bei Beleidigungen der Fall ist -, so ist natürlich wieder das gleiche Geschrei zu erwarten, wie es bei der Frage der Verlängerung der Verjährungsfristen erhoben worden ist. Aber das muß hingenommen werden!

Fahren wir nur so weiter fort in unserer äußeren Einflüssen so nachgebenden Rechtspolitik: Den ersten Anfang in der Frage rückwirkender Gesetze haben wir ja schon gemacht, die weiteren werden bei passender oder vielmehr bei unpassender Gelegenheit dann schon nachfolgen, und auch dann, wenn es die scheinbare Zweckmäßigkeit erfordert1, wobei dann die Zweckmäßigkeit immer von den Kreisen bestimmt werden wird, die den mit Gesetzesänderungen bezweckten Erfolg wünschen.

Wir sind eben eine Nation, die von einem Extrem ins andere fällt - einmal versuchen wir die Herrenmenschen zu sein, wenn wir in der Macht stehen, das andere Mal, wenn wir auf dem Boden liegen, kriechen wir dann dort recht servil auf dem Bauche vor den anderen herum. So ist es und nicht anders. Statt die gute Mitte zu suchen, die ruhige Art der überlegenden und überlegenen Politik des Rechts, wie sie z. B. in England herrscht. Nun, vielleicht kommen wir in einigen Jahrzehnten dorthin. Oder auch nie.


1 Siehe die erst kürzlich gemachten Versuche für eine Gewährung freien Geleits für den Redneraustausch mit der SBZ.

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Ich bin der Meinung, daß uns so ein Schritt - wie z. B. die sogenannte Verjährungsverlängerung oder vielmehr die willkürliche Verlegung des Beginns der Verjährungsfristen - jeweils um einige Jahrzehnte in der Rechtsentwicklung zurückwirft.

Was nützen uns eine hochentwickelte Gesetzgebung und Rechtsprechung auf zivilrechtlichem Gebiet, wenn in den großen Rechtsfragen, die in der Öffentlichkeit einen Maßstab für unser Rechtsdenken zeigen oder zeigen könnten, nicht rein rechtliche Gesichtspunkte entscheiden, man vielmehr ängstlich nach dem Ausland schaut -und man dann schließlich noch bestreitet, nach dem Ausland und dessen Meinung Ausschau gehalten zu haben?

Wie gehässig klang es z. B. aus dem Mund des 1. Nebenklagevertreters, die Frage des Befehlsnotstandes habe sich als eine Geschichtsfälschung erwiesen, die Verteidigung in Nürnberg sei von Lager zu Lager geeilt - »als alle hübsch in Lagern beisammen waren«, so äußerte sich der Nebenklagevertreter -, und man habe keinen Fall von Befehlsnotstand entdecken können. Aber man habe es dann - wie er sich auszudrücken beliebte - im Laufe der Jahre fertiggebracht und auch Gerichte dafür gefunden, die diesen Befehlsnotstand angenommen hätten. Von welchem Haß sind auch diese Ausführungen geleitet!

So kritisiert dieser i. Nebenklagevertreter die Rechtsprechung deutscher Gerichte, zu denen gerade in dieser Frage auch der Bundesgerichtshof gehört.

Und im Falle des Dr. Capesius behauptet der 1. Nebenklagevertreter einfach ins Blaue hinein, Dr. Capesius habe über beste Beziehungen zum leitenden Apotheker im Zentralsanitätslager verfügt und trotzdem nichts getan, um von Auschwitz wegzukommen. Es ist unwahr, was da der 1. Nebenklagevertreter behauptet.

So behauptet der 1. Nebenklagevertreter, es sei eine Verwechslungsmöglichkeit mit Dr. Klein »konstruiert« worden, ohne Ausnahme sei ein solcher Versuch zurückgewiesen worden. Er verschweigt dabei aber, daß gerade die 1. Zeugin, die sich hierzu äußerte, Frau Dr. Lingens, diese Verwechslungsmöglichkeit in besonderem Maße bejahte, eine Zeugin mit sicher besserem Urteil als die späteren Zeugen. Diese späteren Zeugen - aus Presse oder sonstwie orientiert - haben dann selbstverständlich diese Verwechslungsmöglichkeit verneint, und zwar jeweils mit einer solchen Schnelligkeit, daß die Frage gar nicht erst ganz gestellt zu werden brauchte, schon war die Antwort in negativem Sinne für Dr. Capesius gegeben. Das fiel doch ganz besonders auf.

Irgendein Gerücht - das in diesem Verfahren auch nicht die geringste Bestätigung gefunden hat - erfindet, Dr. Capesius habe sich an Zahngold und an anderen Dingen bereichert und daraus erkläre sich der Aufbau seiner Existenz nach dem Kriege. Für die Nebenklage ist er damit der diabolischste der Angeklagten, obwohl ein Beweis für eine Bereicherung in diesem Hauptverfahren in keiner Weise geführt worden ist. Einige Zeugen - auf die ich selbstverständlich noch ausführlich eingehen werde -haben zwar Hörensagen oder sonstige Dinge unwesentlicher Art in dieser Richtung behauptet, was nach meiner Meinung mit absoluter Gewißheit hervorgerufen worden ist aufgrund von Fragen, die der Nebenklagevertreter schon bei der Vernehmung

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des Angeklagten an ihn gerichtet hat, um ihn von vornherein herabzusetzen und um von vornherein für diese seine Vermutung, die durch keinerlei Tatsachen begründet war und werden konnte, eine Grundlage zu scharfen. Wir kennen ja die Entwicklung der Dinge in diesem Verfahren von anderthalb Jahren Dauer. Der Nebenklagevertreter handelte dabei nach dem Grundsatz, der in England nicht etwa gilt, sondernder verurteilt wird durch den Satz: »Give a dog a bad name, you can hang him« -»Gib einem Hund erst einmal einen schlechten Namen, dann kannst du ihn auch aufhängen.«

Was hat der Nebenklagevertreter nicht sonst noch an Abträglichem und sogar Beleidigendem im Falle Capesius behauptet:

1. So sei Dr. Capesius als Apotheker Ärztebesucher geworden, das sei zwar nicht standesgemäß gewesen, er wollte aber mehr Geld verdienen, das habe bei Capesius immer eine besondere Rolle gespielt. Als wenn die Tatsache, Vertreter für Bayer-Leverkusen in Rumänien zu sein, nicht eine besondere Position gewesen sei! Das sagt der Nebenklagevertreter aber nicht, für welche Firma Dr. Capesius tätig geworden ist.

2. Der Freund von Dr. Capesius, ein Herr Eisler, habe für Dr. Capesius kostspielige Ermittlungen unternommen und mit eindeutigen Hinweisen nicht gespart, für gewisse Zwecke seien Geldmittel vorhanden.

Selbstverständlich hat sich Herr Eisler, als echter Freund des Dr. Capesius und von dessen Unschuld überzeugt, bemüht, Entlastungszeugen ausfindig zu machen, ein Bestreben, das ihm das Gesetz nicht etwa verbietet. Was lediglich verboten ist - das müßte der Nebenklagevertreter eigentlich wissen -, ist die Beeinflussung von Zeugen. Irgendwelche Geldangebote sind in keinem einzigen Falle erfolgt. Wenn der Zeuge Wörl - zwar verschwommen - etwas anderes behauptet, so sagt er damit die Unwahrheit.

3. So sei nach der Ansicht des Nebenklagevertreters Dr. Capesius der diabolischste der Angeklagten. Wie kommt er dazu, eine solch beleidigende Behauptung aufzustellen? Der Zeuge Sikorski habe zwar ausgesagt, er sei ein guter Chef gewesen, der ihn menschlich behandelt habe, zu Frau Böhm und ihrer Tochter habe er gesagt, sprecht nicht, solange der - gemeint sei Dr. Mengele gewesen - da ist, der Zeuge Lill habe zwar gesagt, Dr. Capesius sei ein umgänglicher Mann mit Humor gewesen, und dann fügte der Nebenklagevertreter - mit besonderer Gehässigkeit - hinzu, er war überhaupt ein freundlicher Mann, wenn er auf der Rampe die Familienangehörigen in den Tod schickte!

Das bestreitet Dr. Capesius auf das entschiedenste, und das hat er - wie ich noch zeigen werde - in keinem einzigen Falle getan. Der Beweis dafür ist in dieser Hauptverhandlung nicht erbracht worden.

4. Dann versteigt sich der Nebenklagevertreter zu der unerhörten Behauptung, er habe manches Mal das Gefühl gehabt, als ob die Angeklagten sagen wollten, es sei falsch gewesen, sie - die Zeugen - am Leben gelassen zu haben, von Reue sei nichts zu spüren gewesen. Dr. Capesius weist eine solche Behauptung mit allem Nachdruck

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zurück. Wie kann und darf der Nebenklagevertreter ohne jegliche Beweise eine solche Behauptung aufstellen!

5. Wie voreingenommen der Nebenklagevertreter ist, sehen Sie auch daran, daß er von Broad wiederum bei seinen letzten Ausführungen vom »eleganten Tod mit Handschuhen« sprach, obwohl gerade dieser Zeuge Bodek, der das behauptet hat, ein absolut ungeeigneter Zeuge ist, weil er keinerlei Tatsachen anführt, die diesen Ausspruch überhaupt nur im entferntesten rechtfertigen könnten. Und so etwas verwertet der Nebenklagevertreter!

Sehen Sie, solche Beispiele zeigen, daß man die Erweiterung der Nebenklage-Bestimmungen in der Strafprozeßordnung vor ihrer Einführung zu wenig durchdacht hat.

6. Dann versteigt sich der Nebenklagevertreter zu der Behauptung, Dr. Capesius sei der Hauptrepräsentant für diese verschwiegene und verlogene Gemeinschaft der Angeklagten! Wie kommt er zu dieser Behauptung? Das kann er doch einfach gar nicht wissen! Aber an alledem sehen Sie, was Sie von den Ausführungen der Nebenklage zu halten haben werden.

Wenn der 1. Nebenklagevertreter das behauptet, dann müßten auch Sie - hohes Gericht! - das wissen, weil eben nur der Inhalt der Hauptverhandlung verwertbar ist.

Also der Angeklagte Dr. Capesius soll der Hauptrepräsentant für diese von der Nebenklage erfundene verschwiegene und verlogene Gemeinschaft sein. Und welche Mittel sie dazu noch anwendet: So trug der 1. Nebenklagevertreter in diesem Zusammenhang vor, daß der Angeklagte Baretzki sich davon frei gemacht habe. Er reizt nun den Angeklagten Kaduk, indem er von ihm behauptet, er habe sich bisher noch nicht durchringen können, die Mauer zu durchbrechen. Und nun folgendes: Wenn er, also Kaduk, eines Tages zur Einsicht komme, dann sei es für einen Gnadenerweis zu spät, und er hätte den Gnadenerweis dann schon verspielt.

Also mit einem Gnadenerweis, mit dem der Nebenklagevertreter überhaupt nicht im entferntesten etwas zu tun haben wird, winkt er dem Angeklagten Kaduk und reizt ihn, er möge die angebliche Mauer des Schweigens, die gar nicht existiert, durchbrechen. Auch eine Methode, die aber als besonders eigenartig zu bezeichnen ist.

7. Dann kommt die unglaubliche Behauptung, daß die Position des Dr. Capesius durch die großen Geldmittel, die ihm angeblich zur Verfügung stehen, gestärkt würde. Er stellt dann die Frage: Woher diese Geldmittel kommen?

Der Prozeß verlauf habe eine eindeutige Antwort auf diese Frage gegeben! Dr. Capesius habe nach nur - und nun hören Sie - dreijähriger Tätigkeit für sich ein Leben aufbauen können, das sich sehen lassen könne. Er zählte dann die sieben Punkte auf, nämlich

1. er besitze eine moderne Apotheke,

2. einen Kosmetiksalon in Reutlingen und

3. eine Eigentumswohnung, er habe

4. eine eigene Jagd gepachtet,

5. an einer Jagdsafari teilgenommen,

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6. sein Freund Eisler reise im Land umher und biete Geldmittel an,

7. ja, er habe sogar einen Wahlverteidiger!

Der Prozeß habe die Antwort darauf gegeben, woher die Geldmittel stammen. Dr. Capesius habe - man höre diese Behauptung ohne jeden stichhaltigen Beweis -Leichenfledderei im großen betrieben!

Nun, über die finanzielle Situation des Dr. Capesius ist in dieser Verhandlung auch gesprochen worden. Nur das läßt sich verwerten, oder es müßten in dieser Richtung weitere Beweise erhoben werden. Für die Erhebung solcher Beweise werde ich gleich einige Anträge stellen.

Was zunächst nicht zutreffend ist, ist die Behauptung des Nebenklagevertreters, Dr. Capesius habe sich nach nur dreijähriger Tätigkeit ein Leben aufbauen können, das sich sehen lassen könne. Das zunächst ist ein gewaltiger Irrtum.

Dr. Capesius hat im Jahre 1950 eine Apotheken-Konzession für Göppingen erhalten. Der Kosmetiksalon in Reutlingen gehört ihm seit 1955. Am 4.12.1959 wurde Dr. Capesius verhaftet. Dr. Capesius hat also seine Apothekertätigkeit nicht, wie der Nebenklagevertreter behauptet, drei Jahre, sondern fast neun Jahre, also dreimal so lange, wie der Nebenklagevertreter ausgerechnet hat, ausgeübt.

Und nun die Frage des Nebenklagevertreters: Woher die Mittel stammten, seine Existenz aufzubauen. Ich darf vorweg gleich bemerken - das ist ja gerichtsbekannt -, daß nach dem totalen Zusammenbrach und der so weitgehenden Zerstörung Deutschlands der Aufbau von Existenzen erforderlich war und wegen dieser Notwendigkeit er sich gänzlich anders vollzog, als z. B. unter den heutigen Verhältnissen. Wir wissen, daß nach dem Kriege in einer unbestimmten Vielzahl von Fällen - um diesen Ausdruck einmal in diesem Zusammenhang zu gebrauchen - ganz ungeheure Vermögen gebildet worden sind, was im übrigen auf den Angeklagten Dr. Capesius nicht im geringsten zutrifft. Das, was Dr. Capesius nach dem Kriege geschaffen hat, ist für die Verhältnisse eines Apothekers in dieser Aufbauzeit gar nichts Ungewöhnliches.

Ich glaube, daß dasjenige, was Dr. Capesius erreicht hat, den meisten der erfolgreich freiberuflich tätigen Akademiker, wie z. B. Ärzten, Zahnärzten, Apothekern, Anwälten und auch Nebenklagevertretern, gelungen ist - in einer Mehrzahl von Fällen sicher noch sehr viel weitgehender.

Aber weil dieses Thema immer und immer wieder in einer nach meiner Meinung unverantwortlichen und rufmordenden Weise in Verbindung mit dem Angeklagten Dr. Capesius berührt wird, muß ich - anhand der Angaben des Angeklagten in der Hauptverhandlung und mit Hilfsanträgen - diese Angelegenheit in allen Einzelheiten zu klären versuchen.

Was wurde in der Hauptverhandlung in dieser Richtung bekannt?

Frage des Staatsanwaltes: »Besitzen Sie Schmuck?«

Antwort: »Ich besitze einen Brillantring von meinem Schwiegervater, der als Hof- und Gerichtsadvokat kein armer Mann war. Er hat in seinem Leben schon einiges verdient, auch Schmuck für Frau und Töchter.«

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Frage: »Woher hatten Sie das Geld für die Apotheke?«

Antwort: »Von der Kreissparkasse in Göppingen erhielt ich zu einem Zinsfuß von 9 3/4 Prozent 45000,- DM Kredit. Das Land Baden-Württemberg übernahm die Ausfallbürgschaft.«

Frage: »Aber eine Apotheke kostet doch mehr?

Antwort: »Ja, 90000,- DM total. Es ist alles auf Heller und Pfennig gebucht. Nach meiner Verhaftung hatte die Betriebsprüfung des Finanzamts sich drei Tage lang bemüht, etwas zu finden. Es war alles in Ordnung. Ich hatte zunächst überall nur Anzahlungen gemacht und Raten vereinbart. Am 17. 1. 1956 hatte jeder Lieferant sein Geld.«

Ich darf bemerken, daß Dr. Capesius aus seinen Verdiensten bis 1956 die Gesamtsumme für den Aufbau der Apotheke im Betrage von 90000,- DM bestritten hat, eine Tatsache, die als durchaus normal zu beurteilen ist. Dann weiter:

Frage: »Was hat der Kosmetiksalon in Reutlingen gekostet?«

Antwort: »Der Kosmetiksalon in Reutlingen hat 1955 bis 1956 11000,- DM gekostet.«

Auch das ist sicher keine Besonderheit. Ich stelle nunmehr folgende Hilfsanträge:

1. Den Leiter der Kreissparkasse in Göppingen als Zeugen darüber zu vernehmen, daß

Dr. Capesius im Jahre 1950 von der Kreissparkasse einen Kredit im Gesamtbetrage von 45000,- DM zu 9 3/4 Prozent Zinsen erhalten hat, der zum Jahresbeginn 1956 gänzlich zurückgezahlt war.

2. Den die Betriebsprüfung der Markt-Apotheke in Göppingen im Jahre 1959 leitenden Beamten des Finanzamtes in Göppingen, den diese Dienststelle benennen mag, darüber zu vernehmen, daß

a) die Prüfung ohne Beanstandungen durchgeführt worden ist und

b) sich aus dieser Prüfung ergeben hat, daß der Aufbau der Apotheke insgesamt etwa 90000,- DM an Geldmitteln erfordert hat, die aus den Überschüssen in der Apotheke aus den Jahren 1951 bis 1956 bestritten worden sind, wie sich das aus der laufenden Aufzeichnung der Ein- und Ausgaben ergibt.

3. Einen Buchsachverständigen, den das Gericht ernennen mag, darüber zu vernehmen, daß

sich aus den für die Markt-Apotheke in Göppingen für die Jahre 1950 bis 1959 geführten Büchern folgendes ergibt:

a) Der Aufbau der Apotheke hat etwa 90000,- DM an Geldmitteln erfordert,

b) sämtliche Mittel sind aus den Überschüssen in der Apotheke laufend in den Jahren 1951 bis 1956 bestritten worden.

4. Einen Sachverständigen, den die zuständige Apothekerkammer benennen mag, darüber zu vernehmen, daß

der Aufbau der Markt-Apotheke in Göppingen in den Jahren 1950 bis 1956 keinen höheren Betrag als 90000,- DM erfordert hat.

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5. Den Verkäufer des Kosmetiksalons in Reutlingen, dessen Anschrift nachgereicht wird,

darüber zu vernehmen, daß er im Jahre 1955 diesen Kosmetiksalon zu einem Preis von 11000,- DM an Dr. Capesius verkauft hat.

6. Das Finanzamt in Göppingen - dem hiermit namens des Dr. Capesius die eventuell hierfür erforderliche Genehmigung erteilt wird - möge die von Dr. Capesius in den Jahren 1951 bis 1959 versteuerten Einkommensbeträge dem Gericht mitteilen.

Es wird sich dann ergeben, daß Dr. Capesius aus diesen Einnahmen in der Lage war,

a) eine Eigentumswohnung zu einem Preise von 35000,- DM zu erwerben,

b) gemeinsam mit anderen Pächtern eine Jagd zu pachten - nicht, wie der Neben-klagevertreter gesagt hat, eine eigene Jagd zu pachten, man kann eigene Sachen nicht pachten -,

c) an einer Safari nach Afrika teilzunehmen.

Es wird sich aus diesen Zahlenangaben dann schließlich auch ergeben, daß Dr. Capesius in der Lage ist, ohne Inanspruchnahme öffentlicher Mittel sich eines Verteidigers seiner Wahl zu normalen Bedingungen zu bedienen.

7. Ich beantrage ferner, durch eine Auskunft bei dem Finanzamt in Göppingen die Höhe des von Dr. Capesius erklärten Vermögens festzustellen.

8. Es bleibt vorbehalten, sämtliche Zulieferanten beim Aufbau der Apotheke als Zeugen dafür zu benennen, daß die in Rechnung gestellten Beträge der Höhe nach diejenigen sind, die dann tatsächlich von Dr. Capesius auch beglichen worden sind.

Das Gericht wird gebeten, in dieser Richtung für den Fall Anregungen für die Stellung von Beweisanträgen zu geben, falls es eine weitere Aufklärung in dieser oder auch in einer anderen Richtung noch für erforderlich hält.

9. Es wird ausdrücklich beantragt, den bereits vernommenen Zeugen Wörl eidlich darüber zu vernehmen, ihm sei persönlich aus eigenem Wissen nichts darüber bekannt, daß im Auftrage des Dr. Capesius irgendwelche Geldbeträge für den Fall einer Aussage in Aussicht gestellt oder angeboten worden sind.

10. Es wird weiter beantragt, den Kaufmann Hermann Eisler aus Göppingen als Zeugen darüber zu vernehmen, daß er in der Unterhaltung mit Personen, die als Zeugen für Dr. Capesius in Frage kommen konnten, niemals auch nur angedeutet hat, für den Fall der Bereitschaft ständen Geldbeträge zur Verfügung.

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4

Der Lebenslauf des Angeklagten Dr. Capesius bedarf einiger Ergänzungen: Der Angeklagte Dr. Capesius wurde am 7. 2.1907 in Reussmarkt, Kreis Hermannstadt in Siebenbürgen, geboren. Reussmarkt gehörte damals zur österreichischungarischen Monarchie, ab 1919 zu Rumänien.

Der Vater des Angeklagten Dr. Capesius war Dr. med. Viktor Capesius, er war vierzig Jahre lang als Kreis- und Amtsarzt in Reussmarkt tätig.

Das Gymnasium besuchte Dr. Capesius in Hermannstadt. Das Abitur machte er 1925. Anschließend studierte er Pharmazie in Klausenburg, die anschließende Praxis machte er in der elterlichen Realrecht-Apotheke in Schäßburg, wo auch sein Bruder, der ebenfalls in Klausenburg studiert hatte, als Leiter der Apotheke tätig war. Ab 1931 waren beide Brüder die Besitzer der Apotheke. Die Apotheke hieß immer »Dr. Viktor Capesius, Apotheke zur Krone«.

Seine Militärdienstzeit absolvierte Dr. Capesius vom 1. bis 31. 5. 1931 durch Besuch von Vorlesungen über Sanitätseinheiten. Eine Grundausbildung auf dem Kasernenhof hat er nie mitgemacht. Anschließend erhielt er elf Monate Studienurlaub. Er fuhr nach Wien, arbeitete dort im pharmakognostischen Institut vom 1. 10. 1931 bis 28. 10. 1933. Am 28. 10. 1933 promovierte er zum Dr. phil.

Dr. Capesius hat am 28. 1. 1934 geheiratet. Seine Gattin ist Halbjüdin. Ihr Vater, der Hof- und Gerichtsadvocat Dr. Fritz Bauer in Wien, war Jude. Seine Eltern, Alois Bauer und Fanny geb. Deutsch, sind auf dem israelitischen Friedhof in Wien begraben. Erst seit kürzerer Zeit wohnen seine Frau und seine drei Töchter sämtlich in der Bundesrepublik. Die eine Tochter studiert Pharmazie, die andere ist Biologiestudentin. Die älteste Tochter ist als Maschinenbauingenieur ausgebildet.

Am 1. 2. 1934 trat Dr. Capesius bei den Farbwerken Bayer-Leverkusen ein. Er machte zunächst einen dreimonatigen Kursus in Leverkusen. Ab Mai 1934 arbeitete er für die Bayervertretung in Bukarest. Nachdem die Firma Bayer in Klausenburg eine Filiale errichtet hatte, wurde er zu dieser versetzt.

Durch den Wiener Schiedsspruch vom 30. 8. 1940 fiel Nordsiebenbürgen mit Klausenburg an Ungarn. Infolgedessen wurde Dr. Capesius nach Bukarest zurückberufen. Dort übernahm er seine frühere Tätigkeit für Bayer-Leverkusen.

Als am 21. 6. 1941 der Rußlandfeldzug begann, wurde auch Dr. Capesius zum Sanitätsdienst des rumänischen Heeres eingezogen. Er machte Dienst im Kriegslazarett in Cerna-Voda, und zwar vom 30. 6. 1941 bis 16. 6. 1942. Während dieser

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Zeit wurde er am 9. 5. 1942 als Apotheker zum Hauptmann der Reserve mit Rückdatierung der Beförderung auf den 24. 1. 1942 ernannt.

Da Dr. Capesius zwei Geschwister im Kriege verloren hatte und die von ihm vertretene Firma als wichtige Lieferantin von Medikamenten für Bevölkerung und Heer galt, wurde er »Unabkömmlich« (UK) gestellt.

Zur Einziehung zur Waffen-SS kam es auf folgende Weise: Am 29. 6. 1943 wurden die Volksdeutschen - aufgrund eines zwischenstaatlichen Abkommens - sämtlich gemustert. Dr. Capesius wurde als SS-untauglich befunden, jedoch als wehrmachts-verwendungsfähig erklärt. Mit diesem Musterungsbescheid und seiner rumänischen UK-Stellung fühlte er sich zunächst sicher. Aber die deutsche Kommission entschied, daß Dr. Gustav Sonntag, der schon am ersten Weltkrieg teilgenommen hatte und der ebenfalls für Bayer tätig war, UK gestellt werden sollte. Dafür sei die UK-Stellung des Dr. Capesius aufzuheben. Dann erhielt Dr. Capesius den Marschbefehl nach Wien. Mit dem letzten Transport, der am 29. 7. 1943 in Hermannstadt abging, wurde Dr. Capesius nach Wien gebracht.

Ich schalte hier folgendes ein: Am 30. 12. 1964 wurde der Pfarrer Schulery als Zeuge vernommen. Er war Pfarrer in Rumänien, sein Schwiegervater Stadtpfarrer in Schäßburg. Auch er wurde als rumänischer Hauptmann und Volksdeutscher durch den Staatsvertrag gezwungen, in die Waffen-SS einzutreten. Er selbst habe im Auftrag von mehreren Offizieren bei dem zuständigen Korpsgeneral vorgesprochen, damit sie in der rumänischen Armee verbleiben könnten. Das sei aber fehlgeschlagen. Man müsse sich, so lautete die Antwort, gegenüber Deutschland beugen. Sie seien dann, so gab der Zeuge weiter an, durch deutsche Stellen einberufen worden.

Am 29. 7. 1943 wurden sie in Hermannstadt verladen, und zwar in Güterwagen ohne Sitzgelegenheiten. Streng bewacht fuhr der Transport nach Wien, in dem sich auch Dr. Capesius befunden hat. Der Zeuge sagte, die sechs Pfarrer, die sich beim Transport befanden, sollten zur deutschen Wehrmacht kommen. Aber auch das wurde abgeschlagen. Sie hätten es aber erreicht, daß sie nicht gezwungen werden sollten, aus der Kirche auszutreten.

Der Zeuge könne mit bestem Gewissen sagen, daß Dr. Capesius einer kirchlichen Familie entstamme, die sehr viel Gutes getan habe. Er könne sich nicht vorstellen, daß Dr. Capesius sich jemals antisemitisch in Wort oder Schrift betätigt habe.

So also ist Dr. Capesius zur SS gekommen. Rumänische Freunde haben vergeblich versucht, ihn noch zum rumänischen Heer einziehen zu lassen. Als endlich der Einberufungsbefehl eintraf, war es zu spät. Der Abfahrtstermin war bereits festgesetzt worden. Gegen seinen Willen also, einwaggoniert und bewacht, ist Dr. Capesius mit seinen Kameraden nach Wien transportiert worden.

Es ist tatsächlich grotesk, auf welche Weise Dr. Capesius als damals rumänischer Bürger Volksdeutschen Herkommens zur SS eingezogen worden ist:

1. Erst mußte ein zwischenstaatliches Abkommen zwischen Deutschland und Rumänien ergehen,

2. es mußte ausdrücklich für Volksdeutsche ergehen,

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3. dann erst folgte die Musterung, in der Dr. Capesius für SS-untauglich, jedoch wehrmachtsverwendungsfähig befunden wurde.

4. Er wurde gleichwohl zum deutschen Waffendienst eingezogen,

5. einwaggoniert und streng bewacht nach Wien gebracht,

6. und kam dann trotz allem nicht etwa zur Wehrmacht, sondern zur Waffen-SS, für die er als untauglich gemustert worden war.

7. In Wien erhielten die Apotheker und Ärzte Marschbefehl zum Reichzeugmeister und General der Waffen-SS Dr. Blumenreuther. Dort wurden alle mit der Begründung, daß gerade die Sanitätsoffiziere knapp seien, zur Waffen-SS übernommen.

Der mit einer Halbjüdin verheiratete, als SS-untauglich gemusterte Dr. Capesius kam damit im letzten Kriegsjahr - ohne es zu wollen - zur Waffen-SS.

Dann war er vom 14. 9. bis 14. 10. 1943 beim SS-Zentralsanitätslager in Warschau, vom 15. 10. 1943 bis 9. 2. 1944 beim SS-Zentralsanitätslager in Dachau.

Zum 10. 2. 1944 wurde er zu Dr. Blumenreuther befohlen, von dort zu Dr. Lolling, dem Reichsarzt für die KZ, in Marsch gesetzt. Dort ist ihm in kurzen Worten Befehl zur Vertretung eines erkrankten Apothekers in Auschwitz erteilt worden. Die Weiterfahrt mußte sofort angetreten werden. Am 12. 2. 1944 vormittags kam Dr. Capesius in Auschwitz an.

Aber das nicht allein: Der erkrankte Apotheker in Auschwitz wurde nicht gesund, seine Erkrankung verschlimmerte sich gerade in dem Augenblick, in dem Dr. Capesius als Apotheker zur Verfügung stand. Dr. Capesius sollte ihn nur kurze Zeit - auf wenige Wochen - vertreten. Kaum war Dr. Capesius in Auschwitz, von dem er bis dahin nichts kannte und wußte, da verstarb der leitende Apotheker, Dr. Krömer, nach einer Woche Anwesenheit von Dr. Capesius, am 18. 2. 1944. Und schon am nächsten Tage wurde die Kommandierung des Dr. Capesius nach Auschwitz in eine Versetzung nach dort umgewandelt.

Damit saß Dr. Capesius Anfang Februar 1944, also zu einer Zeit, als der Krieg für jeden vernünftigen Beurteiler schon verloren war, als SS-untauglicher, rumänischer Hauptmann, der er bis kurz vorher gewesen war, mit einer Halbjüdin verheiratet, an einer sehr verantwortlichen Stelle in der Apotheke in Auschwitz, die gerade die Mängel und Schwierigkeiten des letzten Kriegsjahres ganz besonders schwer treffen mußte, also im KZ in Auschwitz, ohne daß er selbst das geringste dazu getan hatte.

Damit hatte ihn das Schicksal in die nächste Nähe des größten Verbrechens des nationalsozialistischen Systems geführt.

Kein einziger Zeuge, der Anspruch auf Glaubwürdigkeit erheben kann, hat irgendeine Grausamkeit oder auch nur eine rohe Handlung des Dr. Capesius bekunden können, nein, die Zeugen bekundeten, daß er anständig, höflich, korrekt und besonders freundlich war! Darauf komme ich noch im einzelnen zurück.

Am 18. 1. 1945 verließ Dr. Capesius in einem Sanka Auschwitz, er hatte den Befehl, sich bei Dr. Lolling m Berlin-Oranienburg zu melden. Am 3. 5. 1945 kam er

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in Kriegsgefangenschaft. Nach mehrmonatigen Untersuchungen im KZ Neuengamme kam er in ein Zeltlager in die Nähe von Brüssel. Im Frühjahr 1946 wurde ein Teil nach Munsterlager überführt, und von dort wurde er am 23. 5. 1946 entlassen. Er war also nahezu dreizehn Monate in Kriegsgefangenschaft.

Dr. Capesius wurde nach Stuttgart zu einem Vetter entlassen. Er besuchte dort die Technische Hochschule und arbeitete in elektrophysikalischer Chemie. Diese Tätigkeit dauerte nur kurz. Bei einem Besuch in München Ende Juli 1946 erkannte ihn der Zeuge Cekalski auf dem Hauptbahnhof und ließ ihn mit Hilfe der Militärpolizei festnehmen. Dr. Capesius kam ins Gefängnis Stadelheim, Abt. CIC. Er wurde dort ausführlich vernommen. An allen Toren der DP-Lager wurde sein Bild im Format DIN A 5 ausgehängt und in andere Länder verschickt. Der Text unter diesem Bilde lautete:

»Wer kennt den SS-Sturmbannführer Dr. Viktor Capesius, Apothekenleiter des KZ von Auschwitz ? Wer kann etwas über ihn aussagen?«

Belastungen scheinen nicht eingetroffen zu sein, denn er wurde dann in das Lager Dachau abgegeben, verhört und einmal auch vorgeführt. Aber es trat kein belastender Zeuge auf. Dann kam Dr. Capesius in das große Lager Dachau, TeilAibling. Kurz vor Weihnachten 1946, und zwar am 18. 12. 1946, wurde er nach Ludwigsburg verlegt. Am 2. 8. 1947 wurde er von Ludwigsburg mit Spruchkammerentscheid entlassen und in Stuttgart dann nochmals durch die Spruchkammer geschleust. Bei dieser zweiten Inhaftierung war Dr. Capesius von Ende Juli 1946 bis 2. 8. 1947 in Haft. Also ein weiteres Jahr.

Schon während seiner Haftzeit hatte Dr. Capesius mit dem jüdischen Häftlingsapotheker aus Auschwitz, Fritz Strauch, über die Lagerpost offiziell Verbindung aufgenommen. Er besuchte ihn nachher in München, Strauch besuchte ihn in Stuttgart und später in Göppingen. Es ist sicher bemerkenswert, daß der Häftlingsapotheker Strauch in seiner Pelikan-Apotheke in München den Dr. Capesius seinen Bekannten als seinen früheren Chef von Auschwitz vorstellte.

Bis September 1950 hatte Dr. Capesius vom 15. 9. 1947 ab in einer Notapotheke in Stuttgart gearbeitet und diese Apotheke mit aufgebaut, weil die Erbin noch keine Erfahrung in dieser Richtung hatte.

1950 erhielt Dr. Capesius dann eine Konzession für Göppingen. Seit dem 5. 10. 1950 war er dort tätig. Seit 1. 9.1956 hat er noch einen Kosmetiksalon in Reutlingen eröffnet.

Am 4. 12. 1959 wurde er verhaftet. Ich darf folgendes festhalten: Dr. Capesius war in Kriegsgefangenschaft vom 3. 5. 1945 bis 23. 5. 1946, also ein Jahr und 20 Tage. Er war dann von Ende Juli 1946 bis 2. 8. 1947, also ein volles Jahr, in Internierungshaft. In Untersuchungshaft befindet er sich seit dem 4.12.1959, also seit fünf Jahren, sieben Monaten und elf Tagen. An Freiheitsentzug hat er also bisher erlitten: Sieben Jahre, acht Monate und drei oder vier Tage.

Nach dem Krieg hat sich Dr. Capesius persönlich nie belastet gefühlt und hat sich deshalb auch nicht mit irgendwelchen Häftlingen zu dem Zweck in Verbindung ge-

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setzt, sich eine Bestätigung über seine Tätigkeit in Auschwitz geben zu lassen. Dr. Strauch, der ja Häftlingsapotheker in Auschwitz war, habe ihm immer gesagt: »Du mit deiner weißen Weste brauchst so etwas nicht.« Und er, Strauch, mußte es ja wissen, weil er ständig um Dr. Capesius gewesen war.

Übrigens hatte der Apotheker Strauch im Spätherbst 1946 an die Schwägerin des Dr. Capesius nach Eichgraben bei Wien geschrieben und angefragt, wo Dr. Capesius sei, er wolle ihm gerne helfen. Dadurch kam die Verbindung zwischen Strauch und Dr. Capesius wieder zustande.

Strauch siedelte später nach München über. Als Dr. Capesius ihn dort besuchte, wohnte er mit Fräulein Fanny Hermann - der hier vernommenen Zeugin - zusammen, die Hilfe auf der Zahnstation in Auschwitz gewesen war. Dr. Capesius hat die Auschwitz-Häftlinge nie gemieden. Trotz seiner Erfahrungen mit dem Zeugen Cekalski.

Auf der Dachauer Bühne im September 1946 waren viele Auschwitz-Häftlinge zugegen, aber keiner hatte etwas Nachteiliges gegen Dr. Capesius zu sagen, obwohl der Name und Dienstrang frei diskutiert wurde. Dr. Capesius hat sich damals so wenig belastet gefühlt wie heute, obwohl er in der Zwischenzeit feststellen mußte, daß die angeblichen Belastungen im Laufe der Jahre ständig zunahmen.

Alles, was Dr. Capesius getan hat - selbst seine Freundlichkeit und Höflichkeit -, werden ihm jetzt als diabolische Eigenschaften ausgelegt. Das ist für mich einfach unerklärlich. Ich verstehe auch nicht, daß solche Behauptungen sich so lange halten können, obwohl - wie diese Hauptverhandlung gezeigt hat - kein stichhaltiger - ich meine ernsthafter - Beweis dafür vorhanden ist.

Die Entstehung des Gerüchts, Dr. Capesius habe sich bereichert, wird sich nie aufklären lassen. Das ist ja die Besonderheit von Gerüchten. Und obwohl auch hierfür keinerlei stichhaltige Beweise vorhanden sind, kann es der 1. Nebenklagevertreter gleichwohl wagen, diese so abträgliche und den Angeklagten Dr. Capesius so beleidigende These aufrechtzuerhalten.

Damit aber nicht genug. Obwohl sich nach dem Kriege ehemalige Häftlinge der Frau Capesius gegenüber zunächst in Rumänien anboten, sie könnten für Dr. Capesius Entlastendes bekunden, schlägt diese Stimmung um. Er wird in Rumänien verfolgt, ein Abwesenheitsverfahren wird in Gang gesetzt, er wird zum Tode verurteilt, weil er in Auschwitz war. Irgend etwas Näheres konnte in diesem Zusammenhang bisher nicht ermittelt werden. Es ist uns nie bekanntgeworden, ob irgendwelche Beweise vor Erlaß dieses Urteils jemals vorgelegen haben.

Ob vielleicht dieses in Rumänien sicher bekanntgewordene Urteil den Anlaß für den Umschwung der Meinung bei den rumänischen Zeugen geboten hat? Ich weiß es nicht. Es ist doch sicher ein sehr gutes und auch sicheres Indiz, wenn der leider verstorbene jüdische Häftlingsapotheker Fritz Strauch nach dem Kriege laufende Beziehungen mit Dr. Capesius unterhalten hat.

Wäre Dr. Capesius derjenige gewesen, als der er jetzt hingestellt werden soll, so wäre es absolut ausgeschlossen, daß Strauch mit ihm nach dem Kriege laufend ver-

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kehrt hätte. Wenn es z. B. zuträfe, wie der Zeuge Wörl am 6. 4. 1964 ausgesagt hat, Strauch habe ihm immer gesagt, es dürfe nichts herausgegeben werden, obwohl Millionen an Zugängen vorhanden gewesen seien, so wäre diese Einstellung des Zeugen Strauch dem Dr. Capesius gegenüber nicht verständlich. Das allein beweist schon, daß der schlechte Schein, der auf Dr. Capesius projiziert werden soll, einfach nicht richtig sein kann.

Sehen Sie auch folgendes: Die Zeuginnen Dr. Böhm und Salomon waren alles andere als Dr. Capesius gegenüber unvoreingenommen, obwohl sie ihm sicher viel zu verdanken haben. In ihrer Aussage vor dem Untersuchungsrichter am 23. 5. 1962, Bl. 12496 ff., hatten sie noch ihre Verlegung ins Lager I auf den Einfluß des Dr. Capesius zurückgeführt, und auch die Zeugin Salomon hatte noch am 25. 5. 1962 erklärt, Dr. Capesius habe ihrer Mutter noch versprochen, sie - die Zeugin - nach Birkenau in eine einzurichtende Häftlingsapotheke zu nehmen, was dann auch geschehen sei. Nach dem Kriege hatte die Mutter von Frau Dr. Böhm, Frau Mendel, mehrfach geäußert - u. a. ihrer Freundin und Hausnachbarin Frau Letz gegenüber -: »Nur dem Dr. Capesius habe sie es zu verdanken, daß sie heute noch eine Tochter und ihr Enkel habe.« Das kann doch nur auf Angaben ihrer Tochter, der Zeugin Frau Böhm, zurückgeführt werden.

In der Zwischenzeit ist Frau Letz verstorben. Aber ihr Sohn, der Bauingenieur Letz, ist vor einiger Zeit nach München verzogen. Ich stelle in diesem Zusammenhang folgende Hilfsanträge:

1. Den Bauingenieur Letz, wohnhaft in München, als Zeugen darüber zu vernehmen, daß die Mutter der Frau Dr. Gisela Böhm seiner Mutter gegenüber geäußert hat: »Nur dem Dr. Capesius habe sie es zu verdanken, daß sie heute noch eine Tochter und ihr Enkel habe.«

2. Die Frau Girscht, wohnhaft in Winnenden, Bundesrepublik Deutschland, als Zeugin darüber zu vernehmen, daß sich Frau Böhm ihr gegenüber in dem gleichen Sinne - wie zu 1. - geäußert habe.

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5

Nach Schilderung des Lebenslaufes muß ich zeitlich wieder nach Auschwitz zurück.

Am 18. oder 19. 2. 1944 stand Dr. Capesius als verantwortlicher Apotheker in der Apotheke in Auschwitz - trotz seiner SS-Untauglichkeit, trotz seiner halbjüdischen Frau und trotz seiner damals rumänischen Staatsangehörigkeit. Er war dort hineinbefohlen worden!

Zunächst machte er Inventur. Die Fehlbestände meldete er über den Standortarzt an das Zentralsanitätslager (ZSL). Die erste Monatsbestellung zum ZSL wurde in der Apotheke mit den Häftlingsapothekern Sikorski und Strauch zusammengestellt. Das war vor der Ankunft des Dr. Capesius so gehandhabt worden, und es wurde auch daran nichts geändert. Nur bei wichtigen Präparaten, wie z. B. Sulfonamiden, bestellte Dr. Capesius unter verschiedenen Namen, damit es nicht so auffalle und um größere Mengen zu erhalten, denn es war Dr. Capesius bekannt, welche Mengen im ZSL lagerten. Auch war er durch seine Tätigkeit bei der Firma Bayer an entsprechende Mengen gewöhnt, im Gegensatz zu einem Apotheker, der z. B. aus seiner eigenen Apotheke gekommen war.

Dr. Wirths als Dienststellenleiter sah die Bestellungen durch, und schon bei der ersten Bestellung durch Dr. Capesius erhielt dieser von Dr. Wirths seinen ersten, damals noch mehr belehrenden Hinweis. Er bezeichnete die Bestellung als unverantwortlich im fünften Kriegsjahr und strich manches zusammen. Dr. Capesius versuchte demgegenüber dann trotzdem, die Mengen in Berlin durchzusetzen, und zwar durch Vermittlung seines Bekannten Becker, der im ZSL beschäftigt war. Er hatte damit auch teilweise Erfolg.

Bezeichnend ist z. B. folgendes: Bei der Ankunft der ersten Sendung aus Berlin trugen Dr. Capesius selbst und Sikorski die schweren Korbflaschen in den Bunker. Noch am selben Tage wurde dem Dr. Capesius durch Dr. Wirths jede körperliche Selbstbetätigung in der Apotheke verboten. Ich glaube, daß das allein schon die Einstellung des Dr. Capesius zu den Häftlingen klarer beweist, als alle Beteuerungen dies je können.

Die gesamte Situation im fünften Kriegsjahr war sehr schlecht geworden. Man konnte im fünften Kriegsjahr jedenfalls nicht erwarten, daß so viele Kräftigungsmittel und Vitaminpräparate heranzuschaffen seien, um die fehlenden Grundnahrungsmittel zu ersetzen.

Vom Internationalen Roten Kreuz hat Dr. Capesius nur einmal - und zwar im Anschluß an einen Besuch etwa September 1944 - eine Sendung erhalten. Die

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zwanzig Kartons eines Schweizer Ovomaltine-Ersatzpräparates, mit 100 Dosen je 100 g, waren für den eigentlichen Bedarf nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Siebzehn Kartons wurden sofort verteilt, die drei restlichen aus Sicherheitsgründen im Alkoholkeller verwahrt und nach einem weiteren Monat ebenfalls ausgegeben.

Etwa zwei Wochen nach seiner Ankunft bat Dr. Capesius den Dr. Fischer, ihn auf eine Fahrt in die Außenlager mitzunehmen, damit er sich einen Überblick verschaffen könne, wie er die Versorgung mit Medikamenten am besten organisieren könne. Zu diesem Zeitpunkt hatte Dr. Capesius noch nicht begriffen, daß man eine wirkliche Versorgung mit Medikamenten gar nicht wünschte. Er hatte bisher nur einmal das Stammlager betreten und nicht den fürchterlichen Eindruck gewonnen, den er erst von dieser Fahrt nach Monowitz erhalten sollte. Mit Dr. Fischer sah er sich das Lager an und mußte feststellen, daß es hier bedrückend primitiv war. Dr. Fischer fuhr den Dr. Capesius anschließend noch in zwei kleinere Außenlager. Die Häftlinge dort waren in einem viel besseren Zustande. Hier waren fast keine Kranken.

Nach Rückkunft von dieser Fahrt hatte sich Dr. Capesius im Führerheim - wenn auch sehr gemäßigt - über das Gesehene geäußert. Schon am folgenden Tage wurde ihm von Dr. Wirths jeder weitere Besuch der Außenlager untersagt. Es würde vollkommen genügen, wenn die Ärzte sich um die Außenlager kümmerten und die Apotheken nur die Medikamente abgäben!

Nun ist das zwar kein Anklagepunkt, aber für die Beurteilung des Falles Dr. Capesius spielt die Führung der Apotheke durch ihn sicher eine nicht unbedeutende Rolle: Sie wissen, wie z. B. der so offensichtlich voreingenommene Zeuge Wörl, der - wie er auf Fragen angab - so an die fünfzig Vorträge über Auschwitz gehalten hat, sich besonders gehässig über Dr. Capesius und seine Führung der Apotheke geäußert hat. Dr. Capesius sei wiederholt um Medikamente gebeten worden, er habe aber die Bittsteller hinausgeworfen und zur Bestrafung gemeldet. Peter Strauch habe ihm - dem Zeugen Wörl - immer gesagt, es dürfe nichts herausgegeben werden, obwohl Millionen an Zugängen vorhanden seien, Medikamente seien von Dr. Capesius nach Berlin geliefert worden, er könne nur betonen, daß Medikamente vorhanden waren, daß man aber den Kranken nicht habe helfen wollen. Die Wertsachen und Schmuck seien Dr. Capesius viel wichtiger gewesen als das Leben der Häftlinge, er habe viele Tausende von Häftlingen auf dem Gewissen.

In der Apotheke war dieser Zeuge Wörl niemals beschäftigt, eigenes Wissen kann er also damit nicht bekundet haben. Er gibt vor, sein ganzes Wissen von dem Häftlingsapotheker Strauch bezogen zu haben. Es ist nur bedauerlich, daß dieser Zeuge nicht mehr vernommen werden kann. Er stand - wie Sie wissen - auch nach dem Kriege in freundschaftlichem Verhältnis mit Dr. Capesius. Ein solches Verhältnis, dessen Grundlage schon im Lager gelegt worden war, würde sich niemals entwickelt haben, wäre Dr. Capesius derjenige gewesen, als den ihn der Zeuge Wörl hinstellt. Strauch hätte sich dieses Verhältnis den anderen Häftlingen gegenüber auch gar nicht leisten können, hätte Dr. Capesius nicht tatsächlich in jeder Beziehung eine weiße Weste gehabt.

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Es ist klar, daß Wörl bei seinen Vorträgen auch an dem Lagerapotheker nichts Gutes lassen kann. So griff er auch das sehr wirksame und besonders häßlich und abstoßend wirkende Gerücht auf, Dr. Capesius habe sich bereichert, die Wertsachen und der Schmuck seien ihm viel wichtiger gewesen, obwohl er selbst solche Feststellungen zu treffen niemals in der Lage gewesen ist. So mußte dieser Zeuge auch auf die Frage, was denn mit etwa festgestellten Schmucksachen gemacht worden sei, zugeben, das wisse er nicht. Damit wurde durch das eigene Zeugnis des Wörl dargetan, daß jedenfalls dieser Zeuge, der sicherlich in jedem Vortrag, den er gehalten hat, den sich bereichernden Apotheker mit besonderen Attributen bedacht haben wird, keinerlei Tatsachen festgestellt hat, die dieses Gerücht etwa rechtfertigen könnten.

Wie es in der Apotheke tatsächlich ausgesehen hat und in welchen Verhältnissen und mit welchen medizinischen Mitteln in ihr gearbeitet werden konnte, dafür sind die Häftlingsapotheker die maßgeblichen Zeugen.

Es kommen dafür in Betracht:

1. Der Zeuge Sikorski, selbst Apotheker, als Häftlingsapotheken-Leiter,

2. der leider 1957 verstorbene Häftlingsapotheker Fritz Strauch, der allein durch sein Verhalten nach dem Kriege den besten Beweis für seine Einschätzung des Dr. Capesius geliefert hat, und schließlich

3. der Zeuge Szewczik, von Beruf ebenfalls Apotheker, der etwa als der erste Gehilfe oder als Adjutant des Zeugen Sikorski beurteilt werden kann.

Hohes Gericht! Sie wissen, daß diese beiden Zeugen - ganz im Gegensatz zu den gehässigen Aussagen des Zeugen Wörl - gänzlich anders ausgesagt haben.

Sikorski erklärte:

»Ich habe bei Dr. Capesius gearbeitet, er hat mich menschlich behandelt. Er war ein guter Chef für mich. Er hat mich kollegial behandelt. Es wäre nicht schön von mir, wenn ich Unwahrheiten angebe. Das werde ich niemals tun. Ich werde nichts sagen, dessen ich nicht 100prozentig sicher bin.«

Der Zeuge führte weiter an: Dr. Capesius habe zwei Gänse mit nach Berlin genommen, um dadurch mehr Medikamente zu bekommen. Dr. Capesius sei ein guter Fachmann gewesen, Dr. Capesius sei nach Berlin gefahren, um Sulfonamide anzufordern. Ein höherer SS-Apotheker habe ihm dort gesagt, er habe für alle Lager so viel, wie Dr. Capesius allein für seine Apotheke angefordert habe. Das war ja schon im Laufe des Jahres 1944.

Dann kam die Frage des Staatsanwalts: »Hat Dr. Capesius Medikamente verweigert, obwohl sie benötigt wurden und vorhanden waren?«

Antwort: »Aus Boshaftigkeit hat er das nicht gemacht.«

Dann wurde der Zeuge vom 1. Nebenklagevertreter gefragt, ob nicht bei der Räumung des Lagers ungeheuerliche Vorräte vorhanden gewesen seien?

Antwort: »Nein, das ist nicht wahr. Am Ende war es mit Medikamenten nicht gut bestellt.«

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Dann weiterer Vorhalt des 1. Nebenklagevertreters, mehrere Häftlingsärzte hätten gesagt, es hätte mehr an Medikamenten gegeben werden können.

Antwort: »Ich war auch dabei. Wenn irgendwelche Möglichkeiten gewesen wären, hätte ich es erledigt. Für andere Häftlinge scheinen es große Mengen gewesen zu sein. Ein Vorrat muß immer gehalten werden.«

Dann der Vorsitzende: »Gegen Capesius wird der Vorwurf erhoben, daß die medikamentöse Versorgung so schlecht gewesen wäre; wenn er gewollt hätte, wäre es besser gewesen?«

Antwort: »Nein, das ist nicht wahr.«

Vorsitzender: »Hat er aus bösem Willen zurückgehalten?«

Antwort: »Nein, das hat er nicht getan.«

Vorsitzender: »Oder aus Bösartigkeit den Häftlingen nicht das hätte zukommen lassen?«

Antwort: »Nein, ich stand ihm am nächsten, ich schließe diese Möglichkeit aus.«

Vorsitzender: »Oder es wurde gesagt, daß für SS alles, für Häftlinge kaum etwas da war?«

Antwort: »Die SS-Männer waren in kleiner Zahl. Sie waren besser versorgt, ohne Zweifel. Sie haben auch mehr aus Berlin bekommen. Es gab wenig Medikamente, besonders wenig. Dr. Capesius hatte damals darauf keinen Einfluß.«

Vorsitzender: »Die Häftlingsärzte haben gesagt, daß sie sich die Medikamente nur im Wege des Organisierens besorgt hätten?«

Antwort: »Ja, die fehlenden«, so betonte der Zeuge. Die Mangelware!

Vorsitzender: »Wie war es mit Injektionsnadeln?«

Antwort: »Die kamen, normal angefordert, aus dem Sanitätslager in Berlin. Auf normale Anforderungen hin wurden sie verteilt. Später kamen sie in solchen Mengen mit den Transporten mit, daß man in Berlin gar nichts mehr anzufordern hatte.«

Dann legte das Gericht eine Pause ein.

Nach dieser Pause erklärte der Zeuge alsdann: »Dr. Capesius war kein Freund der Häftlinge. Wir haben ihn nicht für einen Banditen gehalten wie die anderen. Wir haben ihn 1944 kennengelernt. Damals ging der Krieg zu Ende. Er versicherte sich auf diese Weise, daß er manchem Häftling gegenüber freundlich war. In Gegenwart von Prokop sagte er zu mir: Jetzt ist Krieg, ihr seid Häftlinge, ich Offizier. In zwei Monaten kann es umgekehrt sein.‹«

Das war übrigens eine Bemerkung, die für die damalige Zeit besonders risikoreich war. Das hätte nur ein anderer SS-Führer hören und eine Meldung darüber machen müssen. Aber diese Bemerkung ist bezeichnend für den Angeklagten Dr. Capesius, und sie macht gerade sein höfliches, korrektes und freundliches Auftreten wahrscheinlich, wenn er von dieser, dem Sikorski und Prokop gegenüber geäußerten Einstellung ausging.

Ich habe bereits in meinem Plädoyer für Dr. Frank darauf hingewiesen, wie sehr der Zeuge Sikorski nach einer kurzen Gerichtspause nun in völlig anderem Sinne die letzten Bemerkungen über Dr. Capesius gemacht hat. Man sah also dabei,

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welchen Einfluß schon eine kurze Pause auf die Aussagen der Zeugen ausüben konnte.

Der am 27. 8. 1964 vernommene Zeuge Szewczik hat Dr. Capesius - im Gegensatz zu seiner früheren Vernehmung - in der Hauptverhandlung nicht belastet, ihm vielmehr ein besonders gutes Zeugnis ausgestellt. Dieser Zeuge sagte, Dr. Capesius sei ganz ruhig gewesen, er habe sich anständig benommen.

Wir wissen also jetzt, daß das Zeugnis Wörl in jeder Hinsicht unzutreffend ist.

Der hierfür wirklich kompetente Zeuge Sikorski hat bekundet - und so kann man fairerweise seine Aussage zusammenfassen -, daß Dr. Capesius unter den damaligen Verhältnissen das Menschenmögliche getan und sich seinen Mitarbeitern und Helfern gegenüber freundlich, korrekt und anständig benommen hat.

Das ist zunächst ein Ergebnis dieser Hauptverhandlung, nach meiner Meinung für den Angeklagten Dr. Capesius von großer Wichtigkeit.

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6

Die Anschuldigungen gegen Dr. Capesius bestehen laut Eröffnungsbeschluß aus vier Punkten, nämlich:

1. der allgemeine Vorwurf des Selektierens auf der Rampe in Birkenau, unter besonderer Anführung von fünf Einzelfällen,

2. der Beteiligung an Lagerselektionen, unter besonderer Anführung von fünf Einzelfällen,

3. die Beteiligung an medizinischen Versuchen und

4. die Anforderung, Verwaltung und Abgabe von Phenol.

Die Beweiswürdigung in den Punkten 3 und 4 des Eröffnungsbeschlusses wird mein Kollege Steinacker vornehmen. Was nun den allgemeinen Vorwurf des Selektierens anlangt (Ziffer 1 des Eröffnungsbeschlusses), so wissen Sie, daß Dr. Capesius diesen Vorwurf bestreitet. Er führt hierzu folgendes an:

Standortarzt und Dienststellenleiter in Auschwitz war der SS-Sturmbannführer Dr. Wirths. Dr. Capesius erklärt, daß bei seinem Eintreffen Dr. Wirths bereits Sturmbannführer gewesen sei. Falls er erst am 30. 1. 1944 zu diesem Rang befördert worden sein sollte, was ich nachzuprüfen anrege, dann wäre das ein weiterer Beweis für das Eintreffen des Dr. Capesius im Februar 1944. Ich glaube aber, daß sich das ernstlich nicht mehr im Streit befindet. Es kommt im übrigen darauf auch nicht so sehr an.

Den ersten Eindruck von Dr. Wirths hatte Dr. Capesius beim Zusammenstreichen seiner ersten Bestellung zum Zentralsanitätslager bereits bekommen. Ich habe das schon angeführt.

Die Ärztebesprechungcn fanden allmonatlich, am ersten Donnerstag eines Monats, statt. Zahnärzte und Apotheker wurden in der Regel nicht hinzugezogen. Entweder am 1. 6. - das war der erste Donnerstag - oder am 6. 7. - das war der erste Donnerstag im Juli 1944 - fand eine Besprechung statt - das genaue Datum wird sich nicht mehr feststellen lassen -, zu der auch die Zahnärzte und Dr. Capesius hinzugezogen worden sind. Dr. Wirths führte in dieser Besprechung aus, eine starke Beanspruchung des Personals sei beim Rampendienst eingetreten oder werde eintreten, so daß auch die Zahnärzte und Apotheker teilnehmen sollten. Aus Ungarn würden mehrere 100000 Juden eintreffen, andere Länder würden folgen und erst ein Teil sei eingetroffen. Über die Art des Einsatzes wurde, wie Dr. Capesius erklärt hat, nichts weiteres gesagt.

Nachdem diese Besprechung zu Ende geführt worden war, wartete Dr. Capesius auf Dr. Wirths, bis alle Teilnehmer den Raum verlassen hatten. Dr. Wirths wollte

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auch den Raum verlassen und so mußte Dr. Capesius ihn zwischen Tür und Angel ansprechen und ihm einen Schritt folgen, bis Dr. Wirths auf seine Anfrage hin antwortete. Dr. Capesius sagte sinngemäß dem Dr. Wirths, daß er den Rampendienst nicht machen könne. Er bat, ihn davon zu befreien. Dr. Wirths antwortete erregter, als es sonst seine Art war, und schnitt Dr. Capesius jedes weitere Wort ab.

Sie werden sich erinnern, daß auch Dr. Frank nach dieser Ärztebesprechung den Dr. Wirths angesprochen und ihm gesagt hatte, daß die Zahnärzte noch weniger als die Ärzte beurteilen könnten, ob die ankommenden Personen arbeitsfähig seien oder nicht. Dies könne man nur, wenn Menschen unbekleidet seien und in diesem Zustand eine ordnungsgemäße ärztliche Untersuchung stattfände. Wirths habe ihm, Dr. Frank, darauf geantwortet, dies sei ein Befehl und er müsse mit seinen Untergebenen teilnehmen. Vielleicht erklärt sich dadurch, daß Dr. Frank den Dr. Wirths bereits zuvor angesprochen hatte, seine sofort entstehende Erregung, als auch Dr. Capesius ihn beim Hinausgehen angesprochen hat. Jedenfalls äußerte Dr. Wirths nach der Einlassung des Dr. Capesius - die nicht widerlegt ist - folgendes:

»Wissen Sie, das ist Befehlsverweigerung, ich werde Sie im Weigerungsfalle ohne Gericht sofort erschießen lassen, ich habe Sondervollmachten im KZ.«

Dr. Capesius ging ohne Gruß weg.

Ich darf Sie daran erinnern, daß der Zeuge Jurasek hier als Zeuge bekundet hat, er habe durch die angelehnte Tür die Schlußdebatte zwischen Dr. Wirths und Dr. Capesius gehört. Sie wissen sicher noch, daß er ausdrücklich erklärt hat, er habe niemals wieder in seiner ganzen Laufbahn eine Besprechung dieser Art zwischen Führern gehört. Es sei ein Schreien und Brüllen gewesen. Er habe nachher Gerber gefragt, was los gewesen sei. Dieser habe ihm erklärt, Dr. Wirths habe dem Alten mit Erschießen gedroht.

Anschließend sei Dr. Capesius in seiner Ratlosigkeit in die Unterkunft gegangen und habe seinen um zwanzig Jahre älteren Landsmann Dr. Fritz Klein besucht. Er sei zu ihm gegangen, um ihn um Rat oder Hilfe zu bitten. Klein habe damals - aber auch bei anderer Gelegenheit, wenn er so vor sich hin sinnierte, gesagt »Vik« (Abkürzung für Viktor), »es wird ein fürchterliches Erwachen geben nach diesem verlorenen Krieg, denn die deutschen Gesetze sind hart und man wird Deutschland die Rechnung präsentieren. Also mir macht es schon nichts mehr aus, einmal mehr oder weniger. Ich werde mit Dr. Wirths reden und für Dich den Dienst übernehmen.«

Am Abend habe dann Dr. Klein dem Dr. Capesius gesagt, daß er sich mit Dr. Wirths geeinigt habe, den Dienst für ihn - Dr. Capesius - mit zu übernehmen.

Von sofort ab hat Dr. Capesius dem Dr. Klein seine Marketenderwaren-Bons überlassen. Das hat er übrigens auch noch beibehalten, als dann die Ungarntransporte zu Ende gegangen waren. Auch vom Gut der Familie Stoffel hat er öfter Alkoholika mitgebracht, um sie Dr. Klein, der eine gewisse übrigens hier bestätigte Neigung in dieser Richtung hatte, zu geben. Ebenso aus Wien.

Bemerkenswert ist folgendes: Von diesem Konferenzdatum ab hat Dr. Capesius niemals wieder das Führerheim in Auschwitz zum Essen betreten. Er hat sich auch

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niemals wieder bei den monatlichen Unterhaltungsabenden beteiligt, sondern jede Gelegenheit benutzt, um dieses Areal zu meiden.

Dr. Capesius bestreitet nicht, auf der Rampe in Birkenau gewesen zu sein. Er bestreitet nur, daß er dort zu dem Zweck war, etwa Selektionen vorzunehmen. Das habe er niemals getan. Er sei lediglich hingegangen, um dort auf der Rampe das mit den Transporten jeweils mitgekommene Ärztegepäck abzuholen. Das war sicher eine Angelegenheit, die für den Bestand in der Apotheke von großer Bedeutung war. Zur Frage dieser Gepäckabholung hat sich Dr. Capesius wie folgt eingelassen:

In der Zeit vom 15. 2. 1944 bis 24. 8. 1944 sei er selbst mehrere Male zur Abholung dieses Ärztegepäcks zur Rampe mitgefahren. Die übrigen Fahrten und alle nach dem 24. 8. 1944 seien nicht von ihm durchgeführt worden. Das haben dann jeweils Gerber, Jurasek oder Dobjanski getan. Nach dem Verlust der Familie und der Heimat - das erfolgte am 24. 8. 1944 - sei er nur noch innerhalb der Apotheke tätig geworden.

Das Ärztegepäck sei für die Abholung gewöhnlich neben dem Schilderhäuschen bei der Rampe abgestellt worden. Aber es sei auch vorgekommen, daß der bestellte Sanka (Sanitätskraftwagen) erst mehrere Stunden verspätet eingetroffen sei, weil z. B. die Abholung nicht als vordringlich galt und die Sankas anderweitig in Anspruch genommen waren. Es hätte also - wie Dr. Capesius sagt - schon vorkommen können, daß beim Erscheinen auf der Rampe zwar Gepäck bereits vorhanden gewesen sei, aber auch ein neuer Zug zur Ausladung bereitgestanden habe. Dann habe der selektierende Arzt durchgesagt, daß die Ärzte mit ihrem Ärztegepäck vorkommen sollten. Dieses Gepäck sei dann gleich auch noch mitgenommen worden. Und nur bei solchen Gelegenheiten habe Dr. Capesius dann Gelegenheit gehabt, mit Ärzten, die gerade eingetroffen waren, zu sprechen, wenn er entweder sie oder sie ihn kannten. Nahezu alle späteren Beschuldigungen stammen von Leuten, die wohl den Namen des Dr. Capesius kennen, aber nicht ihn selbst und die sich nach dem Krieg durch Gehörtes gegen ihn in immer stärkeren Haß redeten, besonders weil Dr. Capesius als einzige bekanntere Persönlichkeit geeignet erschien, belastet zu werden. Ich komme selbstverständlich im einzelnen darauf zurück.

Bezüglich des allgemeinen Vorwurfs, sich an Selektionen beteiligt zu haben, hat Dr. Capesius Ihnen erklärt, daß er

1. an der Besprechung bei Dr. Wirths im Frühjahr 1944 teilgenommen habe, daß er sich aber

2. durch eine Vereinbarung mit Dr. Klein, der den Rampendienst für ihn übernommen habe, von diesem Dienst habe befreien können.

3. Falls Zeugen sagen, er habe selektiert, sei es entweder eine falsche - möglicherweise auch ein absichtlich falsche - Angabe oder auch eine Verwechslung mit Dr. Klein.

Hohes Gericht! In diesem Zusammenhang möchte ich mich zunächst nur mit der Frage befassen, ob eine Verwechslungsmöglichkeit zwischen Dr. Capesius und Dr. Klein bestanden hat.

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Die Staatsanwaltschaft selbst ist auf dieses Problem nur ganz kurz eingegangen - das ist übrigens nicht das einzige Problem, das die Staatsanwaltschaft nur so nebenbei behandelt hat. Diese Frage sei, wie die Staatsanwaltschaft meint, in der Hauptverhandlung ausgestanden worden. Es sei widerlegt, daß eine Verwechslung überhauptmöglich gewesen sei.

Der 1. Nebenklagevertreter hat dies etwa so ausgedrückt: Besonders markant sei der Versuch des Dr. Capesius gewesen, eine Verwechslungsmöglichkeit mit Dr. Klein zu konstruieren. Ohne Ausnahme hätten die Zeugen einen solchen Versuch zurückgewiesen.

Nun, dann scheint das Gedächtnis der Staatsanwaltschaft und des 1. Nebenklagevertreters für dieses Verfahren doch nicht ganz ausreichend zu sein, was ich ihnen aber nicht vorwerfen möchte, weil auch mir sehr vieles entfallen ist. Denn: Die Zeugin Dr. Ella Lingens, die am 2. 3. 1964 vernommen worden ist, ist als erste Zeugin danach befragt worden, ob sich Dr. Klein und Dr. Capesius geähnelt haben und ob eine Verwechslungsmöglichkeit bestanden habe. Diese Zeugin hat hierzu folgendes ausgesagt: Sie habe Dr. Klein, wie sie wörtlich sagte, besonders gut gekannt. Klein sei der grausamste und ärgste Selektierer gewesen, ihm sei kein Häftling zu entreißen gewesen.

Nach dem Aussehen von Dr. Klein befragt, sagte die Zeugin: Dr. Klein sei eher klein, untersetzt gewesen, Mitte 50, leicht angegrautes Haar, ein pyknischer Typ, d. h. kräftig, gedrungen, untersetzt.

Dann wurde Dr. Capesius in der Hauptverhandlung aufgefordert aufzustehen. Die Zeugin wendete sich - ich weiß das noch genau, es war im Römer - nach dem dann stehenden Dr. Capesius um, besah ihn und sagte dann: »Ja, ja, ein ähnlicher Typ.« Und hier setzte sie hinzu, sie habe Dr. Klein besonders gut gekannt. Sie führte dann weiter aus: Kopfform, Größe und Gestalt und Körperbau seien ähnlich gewesen. Sie wiederholte dann später, die ähnliche Statur könne sie bestätigen, die Gesichtszüge seien jedoch nicht ähnlich. Dr. Klein habe anliegendes, jedoch nicht schütteres Haar gehabt.

Nun, diese Verwechslungsmöglichkeit behagte dem 1. Nebenklagevertreter schon damals nicht. Er legte der Zeugin ein Buch vor, in dem sich ein Bild von Dr. Klein, aufgenommen während des Bergen-Belsen-Prozesses, befand. Aber auch hier erklärte die Zeugin, Dr. Klein sei zu erkennen, sie fügte dann hinzu: »Ja, aber sehr, sehr abgemagert.«

Auch dies Ergebnis behagte dem 1. Nebenklagevertreter nicht. Er selbst ging dann so weit, sich selbst als Zeugen dafür zu benennen, daß eine Verwechslungsmöglichkeit nicht bestanden habe. Und dies tat er, nachdem er - wie er damals sagte -Dr. Klein nur als Zuhörer im Bergen-Belsen-Prozeß gesehen hatte, und obwohl in der Zwischenzeit fast zwanzig Jahre vergangen waren!

Das spricht für sich und für die mangelnde Objektivität, mit der sich der 1. Nebenklagevertreter in diesem Verfahren betätigt hat. Bemerkenswert ist aber dabei sicher folgendes: Von diesem Verhalten des 1. Nebenklagevertreter ab wußte man - es

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wurde ja auch in der Presse behandelt -, daß eine Verwechslungsmöglichkeit zwischen Dr. Klein und Dr. Capesius nicht bestehen dürfe.

Trotzdem hat dann der danach vernommene Zeuge Dr. Münch zu der Verwechslungsmöglichkeit folgendes erklärt: Beide - Dr. Klein und Dr. Capesius - seien eng befreundet gewesen, sie seien Landsleute gewesen, der Zeuge hielt es - was er ausdrücklich sagte - für möglich, daß Dr. Klein für Dr. Capesius Dienst gemacht habe. Beide seien nicht groß gewesen, sie hätten im gleichen Jargon gesprochen. Das sind die Worte des Zeugen. Dr. Klein habe auf jeden Fall einen Akzent gehabt. Klein habe im übrigen getrunken.

Darauf wurde die Zeugin Dr. Lingens nochmals vorgerufen, um zu diesen Fragen gehört zu werden. Auch sie erklärte, was die Sprache des Dr. Klein anbelangt, folgendes : Dr. Klein habe so siebenbürgisch gesprochen, wie sie als Wienerin deutsch spreche. Auch der Zeuge Ontl, der am 4. 6. 1964 vernommen worden ist, hat übrigens diese ähnliche Sprache beider, also von Dr. Klein und Dr. Capesius, bestätigt.

Die Zeugin Lingens erklärte dann weiter, sie halte es - so fügte sie noch hinzu - für sehr wahrscheinlich, daß Dr. Klein den Dr. Capesius vertreten habe. Dr. Klein sei als glühender Antisemit sicher glücklich gewesen, wenn er habe Rauch aufsteigen sehen - das scheint mir weniger einzuleuchten -, aber folgendes: Dr. Klein sei für Schnaps sehr empfänglich gewesen. Vielleicht hat das ihn bewegen, Dr. Capesius zu vertreten.

Die späteren Zeugen - und zwar fast alle Ausländer - haben diese Verwechslungsmöglichkeiten dann ausgeschlossen, sie wußten aber, daß es für den Ausgang dieses Prozesses wohl besser sei, wenn diese Möglichkeit nicht bestehe. Im übrigen werden auch Sie, hohes Gericht, bemerkt haben, daß - nach der Verwechslungsmöglichkeit befragt - die Antworten der Zeugen in dieser Hinsicht wie aus der Pistole geschossen erteilt wurden. Sie wiesen eine solche Verwechslungsmöglichkeit nicht nur von sich, sondern taten das mit besonderem Nachdruck.

Ich erinnere in diesem Zusammenhang an den Zeugen Radvansky aus der Tschechoslowakei. Er wurde befragt, ob er Dr. Klein gekannt habe. Die Antwort war: Ja, er habe am selben Tag mit ihm Geburtstag gehabt. Bei seiner früheren Vernehmung hatte er allerdings gesagt, daß er mit Dr. Krämer am selben Tage Geburtstag gehabt habe.

Dann die nächste Frage: Wie sah Dr. Klein aus?

Die Antwort: 40 bis 45, er habe eine Glatze gehabt, er sei ein gemütlicher Bauer gewesen. Er habe langsam gesprochen, mit ungarischem Akzent. Er war mittelmäßig groß, man konnte ihn nicht mit Dr. Capesius verwechseln. Nun: Da scheint dem Zeugen ein erheblicher Fehler unterlaufen zu sein. Die Zeugin Dr. Lingens, die Dr. Klein, wie sie sagt, sehr gut gekannt hat, hatte erklärt, er habe eben kein schütteres Haar gehabt.

Dr. Capesius behauptet, er habe mit Dr. Klein vereinbart, daß dieser ihn bei dem Rampendienst vertrete, und Dr. Wirths sei, wie Klein ihm gesagt habe, damit einverstanden gewesen. Dafür gibt es folgende Beweise und Hinweise:

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1. Die Einlassung des Dr. Capesius, die dahin geht, daß er eine solche Vereinbarung mit Dr. Klein getroffen habe. Das ist nicht etwa ein Nichts, sondern immerhin die Einlassung eines Angeklagten, von der Sie auszugehen haben, solange sie nicht mit sicheren Beweisen widerlegt ist.

2. Der am 4. 6. 1964 vernommene Zeuge Ontl hat ausdrücklich bekundet, er wisse zwar, daß Dr. Capesius auf dem Dienstplan für die Rampe eingeteilt gewesen sei, ob er allerdings Dienst gemacht habe, das wisse er nicht. Dieser Zeuge - und das ist das wichtige an seiner Aussage in diesem Zusammenhang - erklärte dann weiter, daß Dr. Capesius zu ihm gekommen sei und ihm erklärt habe, daß Dr. Klein für ihn den Dienst mache. Das ist eine besonders wichtige Bekundung. Ich darf in diesem Zusammenhang vielleicht folgende Bemerkung anschließen: Auf mich machte dieser Zeuge Ontl wie auch einige andere SS-Zeugen, so der Zeuge Walter, der ja von der Staatsanwaltschaft festgenommen worden war, einen etwas eingeschüchterten Eindruck. Und wenn dieser Zeuge Ontl trotz der mindestens subjektiv vorliegenden Einschüchterung, die er sich möglicherweise selbst auferlegt hatte, aussagt, Dr. Capesius sei damals zu ihm gekommen und habe ihm mitgeteilt, daß Dr. Klein für ihn den Rampendienst mache, dann glaube ich, daß diese Aussage ein sehr wichtiges Indiz für die Bestätigung der Richtigkeit der Einlassung des Dr. Capesius ist. Es ist also eine besonders wichtige Bekundung, die ich Sie bitte, im Auge zu behalten.

3. Der am 16. 4. 1964 vernommene Zeuge Kulka, der allerdings etwas zu viel wußte, hat auf die Frage, ob er Dr. Klein auch auf der Rampe habe selektieren sehen, dies bejaht.

4. Wir haben dann am. 15. 1. 1965 die Zeugin Ley vernommen. Sie sagte aus, daß im Herbst 1944 Dr. Capesius, den sie seit ihrer Kindheit kenne, mit Dr. Klein nach Berlin zu Besuch gekommen sei. Sie war damals mit ihrem Manne, der ebenfalls Apotheker war, in Berlin. Dr. Capesius habe jede Gelegenheit genutzt, sie in Berlin zu besuchen. Die Zeugin erklärte, daß Dr. Klein ihr gesagt habe, er habe Dr. Capesius von schwierigen Aufgaben entlastet, ihm sei - und das hat sich ja später gezeigt - sowieso nicht mehr zu helfen. Er wolle nicht, daß sich auch Dr. Capesius mit irgendwelchen Sachen belaste. Die Zeugin wiederholte dann später, Dr. Klein habe dem Sinne nach erklärt, daß Dr. Capesius mit der Einteilung der ankommenden Menschen nichts zu tun gehabt habe.

5. Dann noch zwei Hinweise: Der Zeuge Ehrenfeld sagte hier vor dem Schwurgericht, der selektierende Offizier habe ein Motorrad bei sich gehabt. Klein besaß eins, Dr. Capesius erst sehr viel später. Er hatte es sich besorgt, um die Eheleute Stoffel, die einige Kilometer von Auschwitz entfernt ein Gut hatten, besser erreichen zu können. Dann der Zeuge Glück: Er hatte vor dem Untersuchungsrichter erklärt, Dr. Capesius habe im Waschraum mit einer Peitsche auf die Häftlinge eingeschlagen. Dr. Capesius hatte niemals eine Peitsche. Dr. Klein hatte eine, er ritt in Auschwitz.

6. Dr. Klein ist tot. Er kann leider als Zeuge für Dr. Capesius nicht mehr auftreten. Aber Sie werden schon die durch die Aussagen Ontl und Ley gestützte Einlassung des Dr. Capesius nicht ohne einen tatsächlich zwingenden Grund beiseite

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schieben können. Folgendes noch in diesem Zusammenhang: Während seiner Gefangenschaft im Lager in der Nähe von Brüssel - 2375 POW Camp - trafen einige Bauernsöhne aus Siebenbürgen ein, die zusammen mit Dr. Klein im Bergen-Belsen-Prozeß angeklagt waren. Durch seine ehrliche Aussage, daß nur die Ärzte die Entscheidung auf der Rampe gehabt hätten, habe er sie als Wachmannschaften vor Ärgerem bewahrt. Sie sollten in den Lagern nach Dr. Capesius Umschau halten und ihm sagen, er gehe ruhig in den Tod, er sei froh darüber, ihm die Tätigkeit auf der Rampe abgenommen zu haben. Ich stelle hiermit den Hilfsantrag, den Dr. Capesius hierüber zu hören.

Zum Vorwurf, selektiert zu haben: Die Staatsanwaltschaft sowohl als auch die Nebenklage entwerfen bei der Beweiswürdigung der rumänischen Zeugen ein völlig falsches Bild.

So hat die Staatsanwaltschaft vorgetragen, Dr. Capesius habe ein besonderes Pech deswegen gehabt, weil seine ehemaligen jüdischen Bekannten aus Rumänien angekommen seien, denen er plötzlich in Birkenau gegenübergestanden habe. Es sei fast ein gutes Dutzend Zeugen vernommen worden, die ihn angeblich wiedergesehen und auch wiedererkannt haben.

Nun, dieses Bild, das die Staatsanwaltschaft zu zeichnen versucht, ist mit Sicherheit nicht zutreffend. Gesetzt den Fall, Dr. Capesius habe diese von der Staatsanwaltschaft als Pech bezeichnete Situation vermeiden wollen, so wäre ihm das sicher gelungen. Er hätte - falls er tatsächlich zu einer Selektion eingeteilt gewesen wäre und falls die Vereinbarung mit Dr. Klein der Wahrheit nicht entspräche - unter irgendeinem Vorwand oder sogar unter Darlegung der wirklichen Sachlage sich vom Dienst dispensieren lassen können, um von seinen angeblichen Bekannten nicht erkannt zu werden.

Das von der Nebenklage gezeichnete Bild sieht noch wesentlich anders aus. Nach ihren Ausführungen sei die einmalige und ungeheuerliche Situation gegeben gewesen, daß es Dr. Capesius - als Selekteur, was noch zu beweisen ist - hier nicht nur mit einer namenlosen Masse zu tun gehabt habe, er habe die Leute, die er angeblich selektiert habe, von früher her gekannt.

Dann führte die Nebenklage weiter aus: Was muß Dr. Capesius für ein Mensch gewesen sein, zu wissen, daß die von ihm Selektierten noch zwei Stunden zu leben haben werden, und sie mit einem freundlichen Lächeln in den Tod schickte! Diese Zeichnung der Situation durch die Staatsanwaltschaft und Nebenklage entspricht in keiner Weise dem Ergebnis der Beweisaufnahme. Sie ist, wie ich zeigen werde, völlig unzutreffend dargestellt:

Die meisten Zeugen oder wohl alle haben bekundet, daß Dr. Capesius immer und überall höflich und freundlich gewesen sei. Diese Höflichkeit, die damals sicher gerne entgegengenommen wurde, wird ihm nunmehr als ein falsches Spiel hingestellt. Der Nebenklagevertreter maßt sich sogar an, dies als teuflisch und diabolisch zu bezeichnen, Dr. Capesius sei ein Unmensch gewesen. Diese ganzen Behauptungen des 1. Nebenklagevertreters zeigen mit Deutlichkeit, in welchem Ausmaß er die

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Objektivität und Nüchternheit, die er als Prozeßbeteiligter in der Würdigung des Ergebnisses der Hauptverhandlung zeigen müßte, verloren hat. Ich sage immer wieder, daß Sie das berücksichtigen mögen, wenn Sie seine Ausführungen beurteilen werden.

Die Situation für Dr. Capesius war doch folgende: Sie wissen ja, daß seine Frau Halbjüdin ist und daß aus der Ehe mit ihr drei Töchter hervorgegangen sind. Konnte damals Dr. Capesius nicht etwa auch damit rechnen, daß sich seine Frau möglicherweise unter den Ankömmlingen befinden werde ? Wird ein Mann in dieser Situation eine Höflichkeit spielen oder wird sie der Wahrheit entsprechen? Das frage ich Sie! Ich glaube, daß die Wahrscheinlichkeit eher dafür spricht, daß seine stetige Höflichkeit nicht gespielt war, sondern der Wahrheit entsprochen hat. Aber sowohl Staatsanwaltschaft als auch Nebenklage haben sich in dieser Richtung nicht die geringsten Gedanken gemacht: Sie haben die Tatsache, daß Dr. Capesius mit einer Halbjüdin verheiratet ist, noch nicht einmal erwähnt. Sie konnten sie auch nicht erwähnen, weil dann das ganze von ihnen gezeichnete Bild ins Wanken geraten wäre.

Was nun die rumänischen Zeugen betrifft, so bin ich der Meinung, daß sich Dr. Capesius hier - wie ich hoffe, Ihnen zeigen zu können - einer tatsächlich einverständlich handelnden Gemeinschaft oder sogar einer Verschwörung von Zeugen gegenübergestellt sieht. Das werde ich Ihnen später anhand einiger Beispiele dartun.

Der erste rumänische Zeuge, der erschienen war, ist der am 17. 8. 1964 vernommene Zeuge Dr. Berner aus Jerusalem gewesen. Das Schicksal dieses Zeugen ist sehr schwer. Er hat in Auschwitz seine Frau und seine drei Töchter, darunter Zwillinge im Alter von neuneinhalb Jahren, verloren. Das ist sicher ein ganz schweres Schicksal, über das dieser Zeuge wohl in seinem ganzen Leben nicht wird hinwegkommen können. Ich kann mich zwar des Zeugen der Person nach nicht mehr erinnern, ich weiß aber noch, daß er sehr erregt gewesen ist. Auch die Staatsanwaltschaft hat in ihren Schlußausführungen vorgetragen, daß dieser Zeuge eine gewisse Erregung nicht habe unterdrücken können. Das ist selbstverständlich bei dieser Situation, in der sich dieser Zeuge nach dem Verlust aller Angehörigen in Auschwitz befindet. Und trotz allem echten Mitleid, das man diesem Zeugen entgegenbringen muß, muß man bei logischer Würdigung seiner Aussage doch zu dem Ergebnis gelangen, daß es sich um eine Aussage handelt, auf die man ein Urteil nicht wird gründen können.

Der Zeuge sagte etwa folgendes aus - ich kürze natürlich: Nach einer viereinhalb-tägigcn Reise sei er mit seinem Transport am 29. 5. 1944, dem Pfingstmontag dieses Jahres, am frühen Morgen in Auschwitz angekommen. Man habe die Riegel der Wagentüren geöffnet, beim Aussteigen habe sich ein fürchterliches Bild für sie ergeben. Ein verlassener Zug habe dagestanden. Das Reisegepäck habe herumgelegen. Es seien dann Menschen in gestreiften Anzügen an die Ankömmlinge herangetreten und hätten sie aufgefordert, daß Gepäck abzulegen. Dagegen habe man sich zunächst gesträubt. Dann sei der Strom der Menschen vorwärts gegangen. Seine Familie, also er, seine Frau und seine Kinder, haben versucht, zusammenzubleiben. Dann sei aber der Befehl gekommen, Männer nach rechts, Frauen nach links. Man sei weiter vorangegangen. Beide Menschengruppen, also Männer und Frauen, parallel, aber getrennt

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voneinander. Er habe dann seine Familie aus den Augen verloren. Dann sei der Befehl erteilt worden, daß Ärzte und Apotheker sich zu sammeln hätten. Es seien allein 38 Ärzte aus seiner Stadt gewesen, insgesamt 50 bis 60 oder gar 70.

Die Ärzte hätten dann zusammengestanden. Zwei Offiziere seien gekommen. Der eine habe freundlich gefragt, wo sie studiert hätten. Der zweite Offizier sei, wie der Zeuge sagte, Dr. Capesius gewesen, der erste Offizier Dr. Mengele. Das letztere habe er aber damals nicht gewußt. Der Zeuge fügte dann an, daß »wir« den Dr. Capesius erkannt hätten. Er fügte weiter an, er - Dr. Capesius - habe sie als Ärzte besucht. Es sei dann ein freundliches Gespräch entstanden. Dr. Capesius habe dem ersten Offizier gesagt, die Herrschaften haben an deutschen Universitäten studiert. - Übrigens so nebenbei: Wer hat denn dann selektiert, als diese Unterhaltung mit den Ärzten stattgefunden hat? - Der Zeuge habe sich ermutigt gefühlt, Dr. Mengele zu fragen, ob er seine Diplome aus dem Gepäck holen könne. Mengele habe das erlaubt und ihn darauf hingewiesen, wie sehr er die Diplome vielleicht noch benötigen könne. Dann sei er zur Gruppe der Ärzte und Apotheker wieder zurückgetreten.

Schon hier darf ich folgendes einschalten: Wenn es zuträfe, daß der Zeuge Dr. Berner den Angeklagten Dr. Capesius erkannt hätte und daß tatsächlich auch Dr. Capesius anwesend gewesen wäre, so ist es eigentlich wenig erklärlich, daß er sich dann ermutigt fühlte - wie er sagte -, Dr. Mengele wegen der Diplome zu fragen, statt sich an Dr. Capesius zu wenden, den er doch persönlich kennen und angetroffen haben wollte. Das ist schon etwas, was ungereimt ist.

Nun sei Mengele weggegangen, er sei 20 bis 30 Meter entfernt gewesen. Er habe nach rechts und nach links gezeigt. Schon seien einige nach rechts oder links gegangen, Frauen und Kinder nach links. Er habe seine Frau und Kinder gesehen und sei dann zu Dr. Capesius gegangen und habe ihm die Bitte vorgetragen, es seien seine Zwillingskinder darunter, die der Schonung bedürfen. Dr. Capesius habe ihn sofort gefragt, ob tatsächlich Zwillingskinder dabei seien. Der Zeuge habe gezeigt, worauf Dr. Capesius gesagt habe: »Rufen Sie sie zurück.« Er habe laut gerufen. Sie kamen auch zurück. Dr. Capesius habe die Kinder an die Hand genommen und zu Dr. Mengele gebracht. Der Zeuge selbst - er ist also mit zu Mengele gegangen, der doch 20 bis 30 Meter entfernt war - habe dann Dr. Mengele gesagt, er habe zwei Zwillingskinder. Dr. Mengele habe geantwortet, er habe jetzt keine Zeit, und ihn weggeschickt. Alsdann habe Dr. Capesius gesagt, dann müssen sie wieder zurückgehen. Sie gingen dann diesen Weg weiter. Dr. Capesius habe noch in ungarisch hinzugefügt: »Weinen Sie nicht, sie gehen nur baden, in einer Stunde werden Sie sie wiedersehen.« Er habe sie, wie der Zeuge sagte, nie wiedergesehen. Später habe der Zeuge erfahren, was es bedeutet hatte, Zwillingskinder zu Dr. Mengele zu geben. Und er habe auch die Erklärung gefunden, warum Dr. Mengele die Zwillingskinder nicht haben wollte, sie seien nicht eineiig, sondern zweieiig gewesen!

Der Zeuge führte dann weiter an, er habe nach dem Kriege ein Buch in ungarischer Sprache geschrieben.

In Auschwitz habe er Dr. Capesius zwei- bis dreimal in Birkenau gesehen.

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Der Zeuge wurde dann noch gefragt, ob er Dr. Capesius von früher her kenne. Er erwiderte, daß er ihn von seiner Praxis her kenne. Dr. Capesius habe ihn selbst besucht. Er verneinte zunächst auch, daß es irgendeinen Zweifel daran gäbe, daß es Dr. Capesius gewesen sei, der in Auschwitz auf der Rampe gewesen sei.

Der Zeuge hat dann mit - wie er sagte - absoluter Sicherheit erklärt, daß er am 29. 5. 1944, dem zweiten Pfingstfeiertag, in Auschwitz angekommen sei. Sie seien am Donnerstag, dem 25. 5., einwaggoniert worden. Für eine Datenverwechslung gäbe es keinen Raum. An dieser Aussage ist folgendes auffällig:

1. Ich habe bereits darauf hingewiesen, daß es zumindest als ungereimt beurteilt werden muß, daß sich Dr. Berner, wie er behauptet hat, während des freundlichen Gesprächs mit den beiden SS-Führern nicht an Dr. Capesius, den er ja zu kennen vorgab, gewendet hat, sondern, wie er aussagte, sich ermutigt fühlte, sich an Dr. Mengele zu wenden, um ihn zu fragen, ob er seine Diplome aus dem Gepäck holen könne. Das ist schon die erste Auffälligkeit an dieser Aussage.

2. Der Zeuge hat erklärt, er habe Dr. Capesius noch zwei- bis dreimal in Birkenau gesehen. In einer früheren Vernehmung jedoch, die sich auf Blatt 13032 in den Gerichtsakten befindet und die ich hilfsweise zu verlesen beantrage, hatte er erklärt -und dieses ist ihm auch vorgehalten worden -, während seiner Inhaftierung den Dr. Capesius niemals wiedergesehen zu haben. Auf den Vorhalt, warum er heute etwas anderes sage, erklärte der Zeuge: »Mir ist jetzt eingefallen, daß ich ihn doch noch gesehen habe, mehr kann ich dazu nicht sagen.« Ihm ist also während der Vernehmung, in der er erregt gewesen ist, nach zwanzig Jahren noch eingefallen, daß er den Dr. Capesius trotz seiner früheren entgegenstehenden Aussage doch noch zwei- bis dreimal in Birkenau angeblich gesehen habe.

3. Nachdem die Vernehmung zu einem vorläufigen Ende gebracht worden war, gab Dr. Capesius die Erklärung ab, daß er Pfingsten 1944 in Berlin gewesen sei, und zwar zum Besuch des mit ihm befreundeten Apothekers Becker. 1945 seien eine Reihe von Häftlingen zu seiner Frau in Rumänien gekommen und hätten erklärt, sich für Dr. Capesius einsetzen zu wollen. Es habe damals niemand davon gesprochen, daß sich Dr. Capesius etwa bei Selektionen beteiligt habe. Dr. Capesius erklärte dann weiter, es müsse sich bei dieser Selektion zu Pfingsten 1944, als er - Dr. Capesius -in Berlin war, um Dr. Klein gehandelt haben. Das gehe auch aus dem Verhältnis Dr. Klein zu Dr. Mengele hervor. Dr. Klein habe fragen müssen, ob er die Zwillinge aus der Gruppe der Frauen und Kinder herausnehmen könne. Er - Dr. Capesius -hätte als Hauptsturmführer - also bei gleichem Rang mit Mengele - nicht zu fragen brauchen.

Hohes Gericht! Nun etwas Wichtiges: Als der Zeuge Dr. Berner hörte, daß Dr. Capesius behauptete, zu Pfingsten 1944 in Berlin gewesen zu sein, wurde er in seiner Aussage offensichtlich unsicher. Er begann und sprach einen unvollkommenen Satz, der so lautete - ich habe ihn stenografiert -: »Wenn er beweisen kann, daß er nicht in Auschwitz war ...«, und dann sprach er diesen Satz nicht weiter. Der Zeuge hat aber damit zu verstehen gegeben, daß er einen Irrtum in der Person nicht ausschließen

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wolle. Ich beantrage in diesem Zusammenhang, hilfsweise das hierüber aufgenommene Tonband entweder in dieser Hauptverhandlung ablaufen zu lassen oder hilfsweise es mir zur Überprüfung meiner Notizen in diesem Punkt zur Verfügung zu stellen.

4. Dann ein nach meiner Meinung ganz besonders wichtiger und auch ausschlaggebender Punkt: Ich fragte den Zeugen, ob er denn in seinem Buch den Dr. Capesius mit Namen erwähnt habe. Der Zeuge erwiderte zu meinem Erstaunen: Nein, ich habe im Buch überhaupt keine Namen erwähnt, auch Dr. Mengele nicht. Ich habe die Namen bewußt weggelassen. Warum denn die Namen weglassen? frage ich.

Ich habe dann den Zeugen gefragt, ob er das Buch bei sich habe. Er bejahte das. Ich bat darum, daß er die Stelle, die von diesem Ereignis handele, vorlesen möge. Das Buch wurde dem Gericht überreicht. Aus ihm ergibt sich - und zwar aus den Seiten 29 bis 33 -, daß der Zeuge, wie er dort ausführte, zu einem hochgestaltigen deutschen Offizier hingelaufen sei und ihn gebeten habe, mit seiner Familie zusammenbleiben zu dürfen, insbesondere mit seinen Zwillingen. Als der deutsche Offizier gehört habe, es handele sich um Zwillinge, habe dieser sofort erklärt: »Rufen Sie sie zurück.« Und dann wurde die Stelle weiter verlesen, aus der sich dann ergab, daß der Offizier sagte, er habe jetzt keine Zeit, und habe die Zwillinge zurückgewiesen. Der andere Offizier, an den er sich zunächst gewendet hatte, habe dann erklärt: »Weinen Sie nicht, in einer Stunde werden Sie sie wiedersehen.«

Ich stelle zunächst den Hilfsantrag, die Seiten 29 bis 33 des Buches Dr. Berner, das sich bei den Gerichtsakten befindet, in die deutsche Sprache zu übertragen. Aus den übersetzten Seiten 29 bis 33 wird sich also dann ergeben, daß der Zeuge in seinem Buch den Dr. Capesius nicht erwähnt hat.

Ich halte die Erhebung dieses Beweises für besonders wichtig, weil sich aus ihm folgendes ergibt: Es ist klar, daß der Zeuge in seinem Buch die schrecklichen Erlebnisse, die er in Auschwitz hatte, und insbesondere auch den Verlust seiner Familie, beschreibt. Ich will damit in keiner Weise den Zeugen herabsetzen, wenn ich sage, daß alle Bücher, die zu jener Zeit entstanden sind, die Ereignisse so schrecklich wie möglich schildern wollten. An sich ist an dem ganzen Geschehen, das dem Zeugen Berner widerfahren ist, gar nichts zu übertreiben, es ist sicher schrecklich genug, wenn seine ganze Familie umgekommen ist. Aber alles wäre noch schrecklicher, wenn der Zeuge im Zusammenhang mit der Schilderung des Untergangs seiner Familie hätte sagen können: Und an all' dem ist ein Landsmann aus derselben Stadt, der euch allen bekannte Apotheker Dr. Capesius, schuld, der als einer von den beiden Offizieren mich damals im Stich gelassen hat.

Ich halte es für eine absolute Unmöglichkeit, daß der Zeuge Dr. Berner damals Dr. Capesius gegenübergestanden hat, den er angeblich auch noch erkannt haben will, ohne ihn - wie er zunächst sagte - jemals in Birkenau wiedergesehen zu haben. Hätte er damals Dr. Capesius gegenübergestanden und hätte er ihn damals als solchen erkannt, dann ist mit absoluter Sicherheit anzunehmen, daß er ihn dann in seinem Buch erwähnt haben würde. Denn die Ereignisse und seine Erlebnisse wären dann noch um so schrecklicher und für die Leser noch eindrucksvoller gewesen.

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Sie werden also dieser Aussage schon allein aus diesem Grunde nicht folgen können. Es ist so völlig ausgeschlossen, daß dieser Zeuge den Namen desjenigen, den er für den Mord an seiner Familie für mindestens mitverantwortlich ansieht, falls er ihn dem Namen nach gekannt und auch erkannt hätte, etwa in seinem Buch nicht aufgeführt hätte. Für das Auslassen dieses Namens in einem solchen Buch liegt nicht die mindeste Erklärung einleuchtender Art vor. Ich behaupte sogar, es ist nicht zutreffend - wie der Zeuge behauptet hat -, daß er in seinem Buch überhaupt keine Namen angeführt habe. Das wird die Verlesung des gesamten Buches erforderlich machen, die ich hiermit hilfsweise zu diesem Zwecke beantragen muß.

Hohes Gericht! Sie wissen, Dr. Capesius behauptet, er sei Pfingsten 1944 in Berlin gewesen, und auch die Zeugin Ley hat erklärt, daß Dr. Capesius sooft wie möglich nach Berlin gekommen sei, um ihren Mann zu besuchen. Sie wisse es zwar nicht mit völliger Sicherheit, ob er Pfingsten 1944 tatsächlich ihren Mann besucht habe, sie nehme es aber als ziemlich sicher an.

Ich fasse noch einmal zusammen:

1. In seiner früheren Vernehmung sagte Dr. Berner, er habe Dr. Capesius in Birkenau nicht wiedergesehen. Hier vor Gericht hat er Ihnen erklärt, er habe ihn in Birkenau noch zwei- bis dreimal gesehen, das sei ihm jetzt - nach zwanzig Jahren - eingefallen.

2. Der Zeuge hat selbst zu zweifeln begonnen, als er die Erklärung des Dr. Capesius hörte, nach der er Pfingsten 1944 in Berlin gewesen sei. Er sagte darauf: Wenn er beweisen kann, daß er nicht in Auschwitz war, und dann vollendete er diesen Satz nicht mehr. Auf meinen Hilfsantrag in diesem Zusammenhang verweise ich erneut.

3. Die Tatsache, daß Dr. Berner den Dr. Capesius in seinem Buch nicht namentlich erwähnt hat, schließt es überhaupt aus, daß Dr. Capesius mit diesem Vorfall in irgendeinen Zusammenhang gebracht werden kann.

Zur Aussage Dr. Berner habe ich noch etwas hinzuzufügen: Selbst wenn man unterstellt, daß von dieser Aussage auszugehen wäre - was ich mir wirklich nicht mehr denken kann -, so ergäbe sich doch folgendes: Der SS-Führer hat, als er hörte, mit dem Zeugen Dr. Berner seien Zwillingskinder mitgekommen, sofort eingegriffen und wollte damit auch helfen. Dieser SS-Führer sagte dem Zeugen, er solle sich an Dr. Mengele wenden. Es war bekannt, daß Dr. Mengele für Zwillinge Interesse hat. Dieser SS-Führer wollte also helfen und die Zwillinge vor dem Gastod bewahren. Wenn nun diese Hilfsleistung - diese gewollte Hilfe - ohne Erfolg geblieben ist, dann ist das nicht das Verschulden dieses SS-Führers, denn auf der Rampe entschieden die Ärzte. Sein Hilfeversuch ist also dann leider erfolglos geblieben.

Es handelt sich hierbei um eine reine Hilfserwägung, denn Sie wissen, daß Dr. Capesius behauptet, Pfingsten 1944 in Berlin gewesen zu sein. Dr. Capesius meint ja -und das hat er während der Vernehmung des Zeugen Berner zum Ausdruck gebracht -, daß Dr. Klein derjenige gewesen sei, der sich wegen der Zwillinge an Dr. Mengele gewendet hat.

Und dann noch eines: Am Schluß seiner Vernehmung sagte der Zeuge, vor etwa

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dreieinhalb Monaten sei zu ihm zur Untersuchung eine Frau Nebel gekommen, die aus Bukarest stamme und von dort her den Dr. Capesius kenne. Diese Frau behaupte, daß sie ihn habe allein selektieren sehen. Frau Nebel habe das Gespräch so begonnen, sie habe gehört, daß der Zeuge zum Prozeß nach Frankfurt fahre. Sicher ist, daß der Zeuge Dr. Berner mit Frau Nebel gesprochen und sie möglicherweise unbewußt dazu gebracht hat, gegen Dr. Capesius auszusagen.

Es ist wohl zweckmäßig, wenn ich mich jetzt mit dem Zeugnis der Frau Nebel befasse, die auch in Jerusalem lebt und dort mit einem Rabbiner verheiratet ist. Ich will nicht etwa behaupten, daß diese Zeugin bewußt falsch aussagt, es mag aber doch so sein, daß der Zeuge Dr. Berner sie durch seine sicher eindrucksvolle Schilderung zu der Überzeugung geführt hat, auch bei ihrer Selektion sei Dr. Capesius tätig gewesen. Völlig unbeeindruckt oder gar unbeeinflußt kann ihr Zeugnis also nicht mehr sein.

Sie, die Zeugin Nebel, habe im selben Hause mit Dr. Capesius gewohnt. Sie habe dem Zeugen Dr. Berner nach dessen Angabe dann weiter gesagt, sie habe gesehen, wie Dr. Capesius allein selektiert habe. Die Zeugin wurde alsdann auf den 2. 10. 1964 geladen. Sie ist also auch eine sehr späte Zeugin. Sie selbst hatte sich nicht gemeldet, obwohl sie persönlich, wie sie hier ausgesagt hat, den Dr. Capesius angeblich allein habe selektieren sehen. Diese Tatsache schon ist auffällig. Hatte man vielleicht den Eindruck - ich meine in Israel -, daß die Zeugen Glück, v. Sebestyen, Ehrenfeld und die anderen sich doch in zu vielen Punkten widersprochen haben ?

Nun: Die Zeugin gab an, daß sie nach dreitägigem Transport am 3. 6. 1944 in der Nacht in Auschwitz angelangt sei. Die Frauen hätten auf die eine Seite, die Männer auf die andere Seite treten müssen. Es sei wohl mitten in der Nacht gewesen, aber trotzdem sehr hell, wie sie sagte. Es mußte ja sehr hell sein, sonst hätte sie Dr. Capesius auch nicht erkennen können, wie sie behauptet. Sehr viele SS-Soldaten und Häftlinge seien auf der Rampe gewesen, die zum Aussteigen aufgefordert hätten. Einige Soldaten und Häftlinge hätten dann den Herumstehenden gesagt, wo sie sich aufzustellen hätten. Man setzte sich dann in Bewegung. Es stand dort, wie die Zeugin sagte, ein Offizier, den sie sofort erkannt habe. Dr. Capesius sei es gewesen. Sie führte dann an: »Ich habe nicht mit ihm gesprochen.« Er habe sie gefragt: »Wie alt bist du?« -und dann zu den jüngeren für die Arbeit geschickt. Die Zeugin fügte dann an, daß Dr. Capesius sie selbst nicht erkannt habe. Das könne sie nicht sagen. - Vor allem kann sie das nicht wissen! - Er sei jedenfalls nicht überrascht gewesen, sie dort zu sehen.

Und nun kommt etwas sehr Wichtiges: Sie habe einen deutschen Soldaten gefragt, der ein Gewehr getragen habe und eine Mütze ohne Schirm (!), wer denn der Offizier sei. Der Soldat habe ihr geantwortet: »Das ist der Apotheker Dr. Capesius.«

Die Zeugin ist dann nach drei Tagen bereits nach Riga gekommen und von dort über andere Lager nach Leipzig.

Anschließend wurde die Zeugin wegen der Rampe befragt. Sie sei nie auf der Rampe gewesen, auch nicht zu dem Zweck der Selektion. Alsdann fragte der Kollege Steinacker die Zeugin, was denn die Rampe sei? Die Zeugin wußte es nicht!

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Die Zeugin war also in Auschwitz, zwar nur drei Tage. Sie weiß nicht, was Rampe ist, sie war, wie sie sagte, nie auf der Rampe, auch nicht zum Zwecke der Selektion. Aber eines weiß sie: daß sie in der Nacht einen Offizier gesehen habe, in dem sie den Dr. Capesius wiedererkannt haben will.

Die Staatsanwaltschaft hält es mit Sicherheit für ausgeschlossen, daß irgendwelche Gespräche schließlich zu ihrer Aussage beigetragen hätten. Das Gespräch mit Dr. Berner hat Staatsanwalt Kügler in diesem Zusammenhang jedenfalls nicht erwähnt. Er, Staatsanwalt Kügler, glaube ihr unbedingt. Sie sei für ihn von all den Zeugen die eindrucksvollste gewesen. Ich kann diese Meinung nicht teilen. Und zwar aus folgenden Gründen:

1. Die Zeugin ist erst aufgrund ihres Gesprächs mit Dr. Berner als Zeugin in Erscheinung getreten. Vorher hatte sie niemals irgendwelche Angaben zur Sache gemacht und hatte sich auch nicht als Zeugin gemeldet. Wäre sie schon damals der Überzeugung gewesen, daß es Dr. Capesius gewesen sei, der selektiert habe, dann hätte sie sich mit Sicherheit schon vorher als Zeugin gemeldet.

2. Die Zeugin sagte, daß sie mitten in der Nacht angekommen sei. Sehr viele SS-Soldaten und Häftlinge seien dort gewesen, und als man sie dann später fragte, wie es mit der Rampe gewesen sei, sagte sie: »Ich bin niemals auf der Rampe gewesen.« Und sie hat noch nicht einmal gewußt, um was es sich bei der Rampe überhaupt handelt.

3. Die Zeugin war sich damals ihrer Wahrnehmungen in der Nacht keineswegs sicher, insbesondere, ob es sich um Dr. Capesius gehandelt hat. Es wäre sonst nicht zu erklären, daß sie Dr. Capesius, mit dem sie in einem Haus in Bukarest gewohnt hat, nicht etwa angesprochen hätte. Das hätte sie auf alle Fälle tun können und hätte es auch getan, falls sie ihn erkannt haben würde. Aber der Beweis dafür, daß sie ihn tatsächlich nicht erkannt hat, ergibt sich aus ihrer eigenen Darstellung: Sie selbst hat nämlich vorgetragen, daß sie einen einfachen SS-Soldaten - und der sogar mit Gewehr und Mütze ohne Schirm - gefragt habe, wer denn der Offizier sei, und dieser Soldat soll ihr angeblich gesagt haben, das ist der Apotheker Dr. Capesius aus Rumänien. Es wäre für sie in ihrer damaligen Lage doch leichter gewesen, einen Bekannten anzusprechen, als einen ihr unbekannten Soldaten, der sogar noch ein Gewehr trug!

4. Die Zeugin hat selbst gesagt, daß beim Aussteigen sehr viele SS-Soldaten und Häftlinge anwesend gewesen seien. Sie sagt aber auch, es habe nur ein Offizier dagestanden, den sie als Dr. Capesius erkannt haben will. Wie kommt die Zeugin dazu, zu sagen, es habe lediglich ein Offizier dagestanden und das sei Dr. Capesius gewesen, obwohl sie andererseits sagt, es seien sehr viele SS-Soldaten anwesend gewesen, bei denen sie bei Nacht sicherlich nicht unterscheiden konnte, ob es sich um Offiziere gehandelt hat oder nicht ? Eine Zeugin, die lediglich drei Tage in Auschwitz war, die von sich sagt, sie sei nie auf der Rampe gewesen, die noch nicht einmal gewußt hat, was die Rampe ist, die sich niemals als Zeugin gemeldet hat, die aber sicher vor einigen Monaten mit Dr. Berner gesprochen hat, die auch tatsächlich den Dr. Capesius

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kennen mag, war für Dr. Berner sicherlich eine Frau, die als Zeugin gegen Dr. Capesius eben gerade aufgrund ihrer Bekanntschaft mit ihm in Frage kommen mußte. Und daß diese Angaben der Zeugin nicht sicher sind, ergibt sich daraus, daß sie nach ihren eigenen Angaben selbst einen einfachen SS-Soldaten mit Gewehr befragt hat, wer denn der Offizier sei. Dieser Soldat habe ihr dann gesagt, es handele sich dabei um den Apotheker Dr. Capesius aus Rumänien.

Eine Aussage, die auf diese Weise zustande gekommen ist und die so unsicher ist, kann man nach zwanzig Jahren unmöglich zur Grundlage für ein Urteil machen.

5. Und schließlich erhebt sich die Frage, wen von den Anwesenden meinte die Zeugin bei ihrer Frage an den Soldaten und wen meinte der Soldat bei seiner Antwort an die Zeugin Nebel, falls sich dies alles überhaupt so zugetragen haben sollte? Auch das birgt eine Unsicherheit in sich.

Der Zeuge Pajor wird mit demselben Transport wie die Zeugin Nebel am 4. Juni 1944 in der Nacht angekommen sein. Diese Aussage hat sich wie folgt entwickelt:

1. Ich verweise zunächst auf Blatt 13305 im 71. Band der Akten. Frau Dr. Gisela Böhm schickte in Form eines Briefes an den Untersuchungsrichter einen Auszug aus dem Buch von Katona Bela: Groß Wardein im Sturm, das 1946 erschienen ist. Ich stelle den Hilfsantrag, Blatt 13305 gemäß § 249 StPO zu verlesen. Dort ist folgendes ausgeführt - nach den Angaben der Frau Dr. Böhm -:

»Der Apotheker Pajor hatte bei seiner Ankunft in Auschwitz ein besonderes Erlebnis. Kaum ist er aus dem Deportierzug ausgestiegen, gelangte er vor den selektierenden SS-Arzt, dessen Gesicht ihm sehr bekannt schien. Pajor wurde aber im ersten Moment darauf aufmerksam, wie wohlmeinend dieser SS-Arzt sogar auch mit 60jährigen Männern umging. Als dann die Reihe an ihn kam, begann der deutsche Offizier - der gar nicht verheimlichte, daß er Pajor kennt - zu sprechen: Gehen Sie nur nach rechts, Herr Apotheker. Mehr Gutes als soviel konnte er nicht tun, aber jetzt kam auch der Apotheker darauf, wer dieser Bekannte ist. Der Betreffende war Dr. Capesius.«

Ich setze hinzu, der aber nicht Arzt, sondern Apotheker von Beruf ist. Und das wußte doch der Zeuge.

Diese Schilderung wäre also zunächst etwas, das - wenn sie zutreffend wäre - durchaus zugunsten des Dr. Capesius spräche. Pajor hat nichts davon gesagt, daß der Selekteur Leute nach links geschickt habe. Wenn in dem Text von dem selektierenden SS-Arzt die Rede ist, so erhebt sich die Frage, ob nicht noch ein Arzt, der die Selektion tatsächlich durchgeführt hat, zugegen war. Es erhebt sich die weitere Frage, was der Schreiber dieses Buches unter »Selektieren« überhaupt versteht. Das ist 1946 von ihm nicht erläutert worden. Dann erinnere ich Sie an Blatt 13615 im 73. Bande. Dort befindet sich ein Brief des Apotheker Pajor vom 15. 9. 1962 an den Untersuchungsrichter. In diesem Brief erklärt der Zeuge Pajor die Bereitschaft, eine Erklärung vor Gericht abzugeben. Seinen Brief beginnt er mit der Mitteilung, Dr. Ella Böhm und ihre Tochter haben ihm mitgeteilt, daß der Fall Dr. Capesius unter seiner - also des Adressaten - Untersuchung stehe. Auch in einem weiteren Schreiben an

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den Untersuchungsrichter vom 10. n. 1962 - Blatt 14196 - beruft er sich auf Frau Böhm und Tochter. Also immer wieder diese Verbindung unter den Zeugen, die dem Dr. Capesius allein deshalb, weil er in Auschwitz war, ans Zeug wollen.

Dann wurde der Zeuge Pajor am 16. 11. 1964 vor dem Schwurgericht vernommen. Er erklärte, am 4. 6.1944 an einem Sonntagabend gegen 24.00 Uhr in Auschwitz angekommen zu sein. Es habe beim Aussteigen ein heilloses Durcheinander bestanden. Die Männer hätten sich je zu fünf in einer Reihe aufstellen müssen. Er habe dann einen Offizier gesehen, der nach rechts und links gezeigt habe. Als er sich genähert habe, habe er - Pajor - ihn sofort erkannt, er sei aber nicht sicher gewesen, daß er es auch wirklich sei. Also hat er ihn nicht gleich erkannt, wenn er sich nicht sicher gewesen ist. Der Offizier habe ihn auf ungarisch mit den Worten angesprochen: »Sind Sie nicht ein Apotheker?« Er habe mit »Ja« geantwortet.

Ich füge hier ein: Hat die Frage so gelautet, wie der Zeuge angibt, oder ist vielleicht gefragt worden, ob überhaupt Apotheker oder Ärzte mit dem Transport mitgekommen seien, wie es ja bei jedem Transport gemacht worden war, wie wir wissen.

Anschließend habe der Offizier gefragt: »Sind Sie nicht aus Oradea?« Er habe wieder mit »Ja« geantwortet. - Das schon kann ein Zusatz des Zeugen sein. - Der Offizier habe daraufhin keine Bemerkung gemacht und gezeigt, er solle nach rechts gehen. Weitere Offiziere habe er angeblich nicht gesehen. Er sei nur vier Tage in Auschwitz gewesen. Danach sei er nach Oberschlesien abtransportiert worden.

Dann wurde der Zeuge gefragt, wer der Offizier gewesen sei. Der Zeuge antwortete: »Das war Dr. Viktor Capesius. Ich habe ihn erkannt. Ich habe ihn vor 1940 kennengelernt, als Propagandist von den Bayerwerken. «- Das hat sich kräftig herumgesprochen. Das wissen alle, und alle Zeugen führen es als Begründung dafür an, daß sie angeblich Dr. Capesius kennen! »Als er mich ungarisch ansprach«, so fuhr der Zeuge fort, »wußte ich sicher, daß er es ist.« Wenn man das richtig auslegt, dann hat also der Zeuge ihn nicht erkannt. Es war ja schließlich Nacht - der Transport ist um 24.00 Uhr angekommen -, und Uniformierte, insbesondere dann, wenn man sie vorher nie in Uniform gesehen hat, sind sehr schwer zu erkennen. Der Zeuge gibt also bei richtiger Auslegung seiner Aussage an, er habe ihn an der Sprache erkannt.

Ich darf hier auf folgendes aufmerksam machen: Dieser Zeuge hat erklärt, daß sein Transport nach der linken Seite ausgeladen worden sei. Es sei dort ein zementierter Perron gewesen, von drei bis vier Meter Breite. Diese Bekundung ist wichtig im Zusammenhang mit der Aussage Rosenstock im Falle Frank!

Der Zeuge war, wie er erklärt hat, lediglich vier Tage in Auschwitz, und er hat während dieses Aufenthalts Dr. Capesius nicht noch einmal gesehen. Es steht also nach diesem Zeugnis - falls es richtig sein sollte - folgendes fest:

1. Der Transport ist mitten in der Nacht in Auschwitz angekommen.

2. Es hat bei der Ankunft ein erhebliches Durcheinander bestanden.

3. Der Zeuge hat Dr. Capesius nicht gleich erkannt, sondern lediglich - wie er sagt -, als er ungarisch zu sprechen begonnen habe.

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4. Der Zeuge war nur vier bis fünf Tage in Auschwitz und hat

5. schließlich bekundet, daß er vier bis fünf Meter weit von dem selektierenden Offizier entfernt gestanden habe.

Ob das genügt, anzunehmen, Dr. Capesius habe selektiert, bezweifle ich unter den gegebenen Umständen - insbesondere nach zwanzig Jahren - ganz erheblich. Im übrigen hat der Zeuge erklärt, er habe ein Buch geschrieben. Die Darstellung, die er vor diesem Gericht gegeben habe, sei in diesem Buche enthalten.

Ich stelle den Hilfsantrag, den Zeugen aufzufordern bzw. zu bitten, ein Exemplar seines Buches dem Gericht zu übergeben bzw. den Verlag anzugeben, damit das Buch beschafft werden kann.

Sowohl der Zeuge Pajor als auch die Zeugin Nebel werden aber widerlegt durch das Zeugnis der Eheleute Stoffel, die ausgesagt haben, daß Dr. Capesius wahrscheinlich an den Wochenenden des 3. und 4. 6. und auch des 10. und 11. 6. auf ihrem Gut zu Gast war.

Ich stelle auch den Hilfsantrag, die Eheleute Rump zum Beweisthema meines Schriftsatzes vom 14. 10. 1964 zu Ziffer III nunmehr zu vernehmen, weil anzunehmen ist, daß die vermeintlichen Hindernisse für ihre Ausreise nach der Bundesrepublik inzwischen behoben sind.

In der Frage, ob Dr. Capesius nun auch wirklich selektiert hat, wird die Beurteilung der Zeugen Glück, Ehrenfeld und v. Sebestyen eine Rolle spielen. Die Staatsanwaltschaft selbst hat in ihren Schlußausführungen die Aussagen dieser drei Zeugen sehr zurückhaltend - anerkennenswerterweise zurückhaltend - beurteilt. Bei deren Aussagen seien, wie die Staatsanwaltschaft selbst vorgetragen hat, Widersprüche aufgetreten, so daß hier nicht mehr festgestellt werden könne, was sich mit absoluter Sicherheit zugetragen habe. Sogar die Staatsanwaltschaft hat Ihnen vorgeschlagen, diese Aussagen - sie meinte die Aussagen Glück, Ehrenfeld und v. Sebestyen - nicht zu berücksichtigen. Bezüglich der Aussage Ehrenfeld jedoch meinte sie es wohl nur im Zusammenhang mit dem Punkt 2 des Eröffnungsbeschlusses. In Verbindung mit der Frage, ob Dr. Capesius an der Rampe selektiert habe, hat sie zwar die Aussage Ehrenfeld berücksichtigt, nicht jedoch die Aussagen der Zeugen Glück und v. Sebestyen. Die Aussage Ehrenfeld hält die Staatsanwaltschaft im Falle der Selektionen an der Rampe also für voll gültig, im Zusammenhang mit Punkt 2 des Eröffnungsbeschlusses hat sie jedoch selbst vorgetragen, daß bei den Aussagen der genannten drei Zeugen auf Vorhalte der Verteidigung Widersprüche aufgetreten seien, die zwar nicht sehr groß seien - nein, nein, nicht sehr groß -, die aber dazu führen müßten, diese Aussagen nicht zu berücksichtigen.

Um was für Zeugen es sich aber bei diesen ehemals rumänischen Zeugen handelt, möchte ich Ihnen doch zusammengefaßt darstellen:

1. Aus der Aussage des Zeugen Glück ergibt sich, daß nach dem Kriege in Klausenburg ein Komitee gegründet worden war, um Material über Auschwitz zu sammeln. Das ist durchaus verständlich. Mit diesem Komitee haben, wie ich behaupte, alle rumänischen Zeugen unmittelbare oder mittelbare Verbindung gehabt. Nach

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Angaben von Glück sei ein Dr. Ionü in diesem Komitee tätig gewesen, von den Zeugen v. Sebestyen und Dr. Böhm wußte der Zeuge nicht, ob sie dort tätig waren, obwohl diese Angabe hinsichtlich des Zeugen v. Sebestyen sicher nicht zutreffend sein kann. Selbstverständlich weiß der Zeuge Glück das, falls es zutreffend ist.

2. Die Zeugen Berner, Glück, v. Sebestyen, Schlinger und Frau Nebel sind nach Israel, der Zeuge Ehrenfeld nach Schweden ausgewandert.

3. Ich glaube, daß der Zeuge Glück der zentrale Punkt unter diesen Zeugen ist. Ich will ihn erst behandeln:

a) Am 8. 8. 1960 schreibt er an Langbein (Blatt 6362 der Akten):

»Was Capesius betrifft, so hat er - wie ich bereits geschrieben habe - die Selektion an meinem Ankunftstage durchgeführt und nicht Mengele.«

Daraus ergibt sich schon, daß er damit eine frühere Angabe Langbein gegenüber korrigiert und somit in seinen Angaben gewechselt hat. Nicht Mengele, sondern jetzt hat Capesius selektiert. Im gleichen Schreiben vom 8. 8. 1960 schreibt Glück an Langbein:

»Mein Freund, Albert Ehrenfeld, der momentan noch in Rumänien ist, ... wurde von Capesius gefragt, ob er arbeiten will oder nicht. Capesius hatte im Namen der IG Farben die Firma Ehrenfeld besucht und Ehrenfeld daher persönlich gekannt.«

Das ist alles unwahr, Ehrenfeld selbst sagte hier vor dem Schwurgericht: Ich habe den Dr. Capesius von Person nicht gekannt. Er behauptete auch nicht, mit dem Selekteur gesprochen zu haben.

Zum Schluß schreibt Glück:

»Ich bin bereit, jederzeit, egal wo und wann, unter Eid das Obengeschriebene zu bezeugen.«

Dieses Angebot ist schon bedenklich in bezug auf die Angaben über Ehrenfeld. Dann schreibt er weiter:

»Auch mein Freund Dr. Rudolf Sebestyen, Haifa, ... ist dazu bereit. Zu weiteren Diensten gern bereit ...«

Der Zeuge v. Sebestyen kann gar nicht das Wissen haben, das Glück bekundet hat, er ist nämlich erst Anfang August 1944 nach Auschwitz gekommen.

Ich beantrage hilfsweise, dieses Schreiben des Zeugen Glück - Blatt 6362 - zu verlesen.

b) Am 11. 10. 1960 schreibt Glück an die Staatsanwaltschaft: »Sehr geehrter Herr Staatsanwalt!

... Nur von Klausenburg wurden ungefähr 15000 Juden nach Auschwitz deportiert und sind von dieser Anzahl kaum 10 Prozent am Leben geblieben. Von diesen 15000 Juden wurden in Birkenau selbst ungefähr 7000 bis 8000 Menschen vernichtet und war deren Mörder Dr. Josef Mengele. Die übrigen sind in anderen Lagern verstorben.«

Hier ist also wieder Dr. Mengele derjenige, den er für den Tod verantwortlich macht, und hier ist das Ankunftsdatum, das der Zeuge Glück angibt: Anfang Mai 1944 in Birkenau.

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Ich beantrage hilfsweise, dieses Schreiben vorn 11. 10. 1960 - Blatt 1047 - zu verlesen.

c) Vor dem Untersuchungsrichter - Blatt 10284 - hat der Zeuge Glück am 16. 10. 1961 folgendes ausgesagt: »Wir haben alle sofort Dr. Capesius auf der Rampe erkannt.« Mit »wir« meinte der Zeuge sich selbst, Ehrenfeld und Schul. Dann führte der Zeuge als erste Begründung für das Wiedererkennen an: »Capesius war Repräsentant der deutschen IG-Farben-Industrie in Rumänien und hatte in dieser Eigenschaft Ehrenfeld laufend besucht.« Das stimmt aber nicht.

Die Behauptung, Ehrenfeld habe Capesius persönlich gekannt, und zwar infolge seiner Besuche bei der Firma Ehrenfeld, trifft in keiner Weise zu. Ehrenfeld selbst hat hier als Zeuge ausdrücklich erklärt, er kenne den Dr. Capesius der Person nach nicht.

Zur Frage der Selektion hat - ich erinnere daran - der Zeuge Ehrenfeld erklärt, er sei mit dem Apotheker Deutsch auf den Selekteur zugegangen. Deutsch habe ihn gefragt: »Kennst du den nicht ?« Er habe geantwortet: »Woher soll ich ihn kennen?« Er kannte ihn also nicht! Dann habe Deutsch gesagt, das sei Dr. Capesius aus Klausenburg.

Das alles paßt nicht zueinander. Ehrenfeld selbst sagt nicht, daß er Dr. Capesius persönlich gekannt habe. Diese Bekanntschaft aber führt Glück wiederum dafür an, daß - wie er sagt - wir alle ihn sofort erkannt haben.

Die Sache mit dem Apotheker Deutsch führt Glück überhaupt nicht an, obwohl sie, wenn sie von Ehrenfeld richtig geschildert worden ist, wichtig wäre, denn nach der Angabe des Zeugen Ehrenfeld soll Deutsch zu Dr. Capesius gegangen sein und ihn befragt haben, was es bedeute, wenn man nach links oder rechts gewiesen werde.

Jedenfalls stelle ich fest, daß das wenige, was Glück dafür anführt, daß man Capesius sofort erkannt habe, nämlich daß Capesius Ehrenfeld laufend besucht habe, in keiner Weise zutrifft, das behauptet noch nicht einmal Ehrenfeld selbst, der ja, wie ich Ihnen bereits vorgetragen habe, den Dr. Capesius der Person nach überhaupt nicht gekannt hat.

Dann führt der Zeuge Glück weiter aus: Auch ich hatte mit Capesius dreimal in Rumänien persönlichen Umgang - mit »auch« meinte er »ebenso wie Ehrenfeld«, der diesen Kontakt ja nicht hatte. Er behauptete, er habe sich wegen Verzögerung von Lieferungen an die Firma in Frankfurt gewendet. Daraufhin sei er von einem deutschen Ingenieur besucht worden, den Dr. Capesius begleitet habe. Eine Erfindung dieses Zeugen, wie Dr. Capesius sagt.

Dieses Wiedererkennen auf der Rampe faßt der Zeuge Glück dann in seiner Vernehmung vom 16. 10. 1961 bei dem Untersuchungsrichter wie folgt zusammen: Wir drei haben Dr. Capesius auf der Rampe sofort wiedererkannt. Diese drei Personen sind also er, Glück, dann Ehrenfeld und Schul. Wie unsicher eine solche gesamte Feststellung ist, ersehen Sie aus folgendem:

1. Glück hatte zunächst an Langbein geschrieben, daß Dr. Mengele derjenige gewesen sei, der selektiert habe. Im Schreiben vom 8. 8. 1960 an Langbein schreibt er dann, was Capesius betrifft, so hat er die Selektionen an meinem Ankunftstage durch-

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geführt und nicht Mengele. Zunächst - und zwar nach dem Ablauf der Ereignisse selbst - war sich also Glück darüber nicht sicher, wer selektiert hatte.

2. Ehrenfeld hat erklärt, er habe Dr. Capesius persönlich gar nicht gekannt. Er behauptete zwar zunächst in seiner Vernehmung vor dem Untersuchungsrichter, er habe ihn auf die Bemerkungen des Apothekers Deutsch hin auch erkannt. Das hat er aber in der Verhandlung vor dem Schwurgericht so nicht aufrechterhalten.

3. Von Schul haben wir kein Zeugnis.

Wenn also der Zeuge Glück erklärt, wir drei, also er, Glück, Ehrenfeld und Schul, hätten Dr. Capesius auf der Rampe sofort wiedererkannt, so ist das eine Angelegenheit, die reine Behauptung geblieben ist. Dasjenige, was an Beweisen und Erklärungen dafür vorliegt, kann in keiner Weise ausreichen, etwa eine Bestätigung für diese Behauptung zu sein.

Auch zwischen dem Zeugen Glück und dem Zeugen Ehrenfeld haben Verbindungen nach dem Kriege bestanden. Zwar hat der Zeuge Ehrenfeld auf die Frage, ober nach dem Kriege mit dem Zeugen Glück Verbindung gehabt habe, mit »nein« geantwortet. Glück aber hat in seiner Vernehmung vor dem Untersuchungsrichter am 16.10. 1961, und zwar ganz am Schluß, gesagt: Auch mein Bekannter, Albert Ehrenfeld, lebt heute noch in Klausenburg. Seine Adresse lautet: Albert Ehrenfeld, Cluj. Strade Vasvari Pal. Bei seiner Vernehmung vor dem Schwurgericht hat der Zeuge Glück ausdrücklich erklärt, daß er Ehrenfeld nach dem Kriege in Klausenburg gesprochen habe. Er, Glück, sei Dezember 1959 ausgewandert. Ehrenfeld sei damals noch in Rumänien gewesen.

Es ist außerordentlich schwer, sich mit den einzelnen Zeugenaussagen - hier also mit den Aussagen Ehrenfeld und Glück - auseinanderzusetzen. Die Aussagen weichen nämlich in jeder Vernehmung voneinander ab, aber nicht nur von der Aussage des ändern, sondern auch in sich selbst. Ich will dafür ein Beispiel geben:

1. In seiner Vernehmung vor dem Untersuchungsrichter vom 16. 10. 1961 sagte Glück auf Blatt 10284 bis 10305 u. a. folgendes aus:

»Als erster von uns dreien passierte Schul den Angeschuldigten Capesius. Dieser redete Schul in deutscher Sprache an: ›Wollen Sie arbeiten?‹ Schul erwiderte sinngemäß: ›Ich kann nicht mehr arbeiten, ich bin schon zu alt.‹ Schul war damals tatsächlich schon 54 Jahre alt. Daraufhin zeigte der Angeklagte Capesius von uns aus gesehen auf die linke Seite. Schul, Ehrenfeld und ich waren die einzigen, an die der Angeklagte Capesius Fragen richtete. Bei den übrigen bei ihm vorbeimarschierenden Personen tat er nur durch eine Handbewegung kund, ob sie nach links oder rechts abzutreten hatten.

Nach Schul ging Ehrenfeld an Capesius vorbei. Diesen sprach er in ungarisch an. Er sagte: ›Na, sind Sie auch hier? Wollen Sie arbeiten?‹ Ehrenfeld antwortete: ›Ja. ‹ Capesius erklärte nichts mehr und schickte ihn auf die rechte Seite. Nun war ich an der Reihe. Auch mich sprach er in ungarisch an. Er sagte nur: ›Wollen Sie arbeiten?‹ Ich antwortete: ›Ja.‹ Er sagte sonst nichts mehr und schickte mich auch nach rechts ...«

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2. Vor dem Schwurgericht sagte der Zeuge Glück, ob auch Ehrenfeld Dr. Capesius erkannt habe, wisse er nicht. Vor dem Untersuchungsrichter hatte er erklärt, »wir alle« haben sofort Dr. Capesius an der Rampe in Birkenau erkannt und führt dann als Begründung für dieses sofortige Erkennen an, daß Ehrenfeld von Dr. Capesius laufend besucht worden sei. Diese Begründung trifft, wie bereits vorgetragen, nicht zu.

Sicher um zu zeigen, daß Dr. Capesius Ehrenfeld und ihn, den Zeugen Glück, erkannt habe, hatte er damals ausgesagt, Dr. Capesius habe sowohl ihn als auch Ehrenfeld in ungarisch angesprochen. So war die Aussage vor dem Untersuchungsrichter. In der Hauptverhandlung, von Staatsanwalt Kügler danach befragt, ob er sich daran erinnern könne, ob der Offizier auf der Rampe deutsch oder ungarisch gesprochen habe, antwortete der Zeuge: »Deutsch.« Wo man auch nur hinsieht, Widerspruch über Widerspruch.

3. In seiner Vernehmung vor dem Untersuchungsrichter hatte der Zeuge Glück erklärt: Nachdem die Selektion der Männer ihr Ende gefunden hatte, kamen die Frauen an die Reihe. Hier sagte er zu keiner der Eingelieferten etwas, sondern bestimmte nur durch Handbewegung, ob sie nach links oder rechts zu gehen hatte.

Hier entsteht die Frage: Ob der Zeuge nach der Selektion der Männer die Selektion der Frauen überhaupt hätte so beobachten können, daß er bekunden kann, der Selekteur habe nichts gesagt? Das ist also ganz offensichtlich eine Erfindung. Was sagte er hierzu in der Hauptverhandlung: Auf meine Frage, ob erst die Frauen selektiert worden seien und dann die Männer, antwortete der Zeuge nun: Erst die Frauen.

Auf meinen weiteren Vorhalt, welches denn nun richtig sei, erst die Frauen oder erst die Männer, antwortete er: Alle Antworten sind richtig, die Frauen seien eben dann auch von Dr. Capesius selektiert worden, es war nur eine Person da.

4. Dann die weitere Frage des Vorsitzenden in diesem Zusammenhang: Wie weit waren Sie entfernt, als Ihre Frau selektiert worden ist? Zeuge: Hundert Schritte. Sie erinnern sich doch, daß ich gerade eben die Aussage vor dem Untersuchungsrichter zitiert habe, nach der er behauptet hatte, der Selekteur habe zu keiner der Frauen etwas gesagt! Das will der Zeuge aus hundert Schritt Entfernung festgestellt haben!

5. Dann sagte der Zeuge in seiner Vernehmung vor dem Untersuchungsrichter: Ich kann mit absoluter Sicherheit bestätigen, daß der Angeklagte Dr. Capesius nach der Ankunft unseres Transportes m Birkenau allein bestimmte, wer nach links oder rechts zu gehen hatte. Das gleiche hatte er zunächst von Dr. Mengele gesagt. Es steht also nichts mit absoluter Sicherheit fest, was der Zeuge sagt, ganz im Gegenteil, alles was er sagt, widerspricht sich.

6. Ein weiterer Punkt, in dein sich dieser Zeuge widerspricht. In seiner Vernehmung vor dem Untersuchungsrichter am 16. 10. 1961 - Blatt 10284 - hatte der Zeuge folgendes ausgeführt:

»Der Angeklagte Capesius ist in dem Waschraum noch einmal erschienen. Er hat mit mir und auch mit Ehrenfeld nicht mehr gesprochen. Als er in der Tür des Waschraumes erschien, schrie er sofort: ›Los, los‹, und schlug auch auf einige

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Häftlinge ein, die sich in seiner unmittelbaren Nähe befanden. Er benutzte zum Schlagen auch eine Peitsche. Daß sich Capesius in dieser Weise benommen hat, weiß ich noch mit absoluter Sicherheit.«

Ich darf unterstreichen, daß der Zeuge mit absoluter Sicherheit gesehen habenwill, daß Capesius mit einer Peitsche geschlagen hat. Was hat nun der Zeuge hierzuvor diesem Schwurgericht ausgesagt:

Der Vorsitzende fragte den Zeugen: Wie war das im Baderaum?

Antwort des Zeugen: Dr. Capesius ist hereingekommen, ich habe aber nicht gesehen, daß er geschlagen hat.

Darauf hält der Vorsitzende ihm die eben zitierte Stelle aus der Vernehmung vordem Untersuchungsrichter vor. Darauf der Zeuge: Was er gemacht hat, weiß ich nicht. Mit der Reitpeitsche hat er jedenfalls nicht geschlagen, sondern nur »so« gemacht. Dabei machte der Zeuge eine Bewegung, der zu entnehmen war, daß Dr.Capesius - falls es dieser Angeklagte überhaupt war - mit einer Peitsche auf einen Häftling gedeutet hat. Wir stehen also in diesem Punkt, was das Schlagen betrifft, vorfolgender Situation:

1. In seiner Vernehmung vor dem Untersuchungsrichter hat dieser Zeuge ausgesagt, daß Dr. Capesius mit absoluter Sicherheit mit einer Peitsche auf die Häftlinge eingeschlagen habe.

2. Als der Vorsitzende hier in der Hauptverhandlung ihm das vorhält, hat er erklärt: Ich habe nicht gesehen, daß er geschlagen hat.

3. Nun hält ihm der Vorsitzende vor, daß er in der Vernehmung vor dem Untersuchungsrichter gesagt habe, Dr. Capesius habe mit einer Peitsche auf die Häftlinge eingeschlagen. Daraufhin der Zeuge: Was er gemacht hat, weiß ich nicht. Mit der Reitpeitsche hat er jedenfalls nicht geschlagen, sondern nur »so« gemacht. Wir haben also zu diesem Punkte drei verschiedene Aussagen, nämlich:

1. Er hat mit der Reitpeitsche geschlagen,

2. er hat überhaupt nicht geschlagen,

3. nach Vorhalt der Aussage zu 1, er wisse nicht, was er gemacht hat.

Welche der drei Antworten ist nun richtig? Ich sage, einem Zeugen, der sich derartig widerspricht, kann man auch nicht das geringste Wort glauben.

Ich darf in diesem Zusammenhang auch noch auf das Protokoll über die Gegenüberstellung des Dr. Capesius mit dem Zeugen Glück aufmerksam machen. Auf Blatt 10303, dessen Verlesung ich hilfsweise beantrage, ist folgendes niedergelegt:

»Dem Angeschuldigten Capesius wurde nun vorgehalten, daß er im Waschraum bei der Entkleidung der Häftlinge auf einige mit einer Peitsche eingeschlagen haben soll. Er erklärte: Ich habe nie eine Peitsche in der Hand gehabt, während der ganzen Zeit meiner SS-Tätigkeit. Ich habe auch nie mit der flachen Hand irgendeinem Häftling der Apotheke auch nur eine Ohrfeige gegeben. Auch außerhalb der Apotheke bin ich gegen Häftlinge nicht tätlich geworden.

Frage an den Zeugen: Was sagen Sie zu der Einlassung des Angeschuldigten?

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Antwort des Zeugen: Es kann möglich sein, daß er in der Apotheke niemand geschlagen hat. Ich bleibe dabei, daß der Angeschuldigte Capesius im Waschraum mit einer Peitsche auf Häftlinge eingeschlagen hat. An das genaue Aussehen der Peitsche kann ich mich nicht mehr erinnern. Meines Wissens hatte sie ein Aussehen, wie ich es auf der zu den Akten gegebenen Skizze dargestellt habe. Das eigentliche Schlagstück war meiner Erinnerung nach aus Leder. Als der Angeschuldigte Capesius den Waschraum betrat, hatte er eine Peitsche. Ob er eine solche auf der Rampe trug, kann ich mit absoluter Sicherheit nicht sagen.«

Nun: In dieser Hauptverhandlung hat der Zeuge, wie ich bereits ausgeführt habe, gesagt, er habe nicht gesehen, daß Dr. Capesius geschlagen habe. Das sind nun die Widersprüche, von denen die Staatsanwaltschaft gesagt hat, sie seien zwar vorhanden, aber sie seien nicht so groß. Was sind denn nach der Meinung der Staatsanwaltschaft große Widersprüche? Das würde mich interessieren!

Sehen Sie, das Verhalten des Zeugen in diesem Punkte allein stellt eine so faustdicke Lüge dar, daß man einen solchen Zeugen sofort zur Verantwortung ziehen müßte. Ein solches Verhalten darf man sich auch von einem ausländischen Zeugen nicht bieten lassen.

Es geht aber noch weiter: Bezüglich der Räumung des Zigeunerlagers hatte der Zeuge Glück vor dem Untersuchungsrichter folgendes ausgesagt:

»Auch hier kann ich mit absoluter Sicherheit bekunden, daß der Angeschuldigte Capesius bei Räumung des Zigeunerlagers zugegen war. Als die Räumung erfolgte, war ich noch nicht zur Arbeit eingesetzt. Aus diesem Grunde hatte ich Gelegenheit, den ganzen Vorgang zu beobachten.«

Jetzt vor dem Schwurgericht hat der Zeuge angegeben, daß er den Angeschuldigten Capesius bei der Räumung nicht gesehen habe, das sei bei der Auswahl der Zigeuner für das Militär gewesen. Da habe ja eine Selektion nicht stattgefunden. Dann weiter: Vor dem Untersuchungsrichter hat der Zeuge Glück gesagt, daß bei der Räumung des Zigeunerlagers die Kinder geschlagen und auf den Wagen geworfen worden seien. Dann wörtlich:

»Capesius stand während dieser Vorgänge neben Mengele. Mengele hat das Vorgehen dirigiert.«

Jetzt vor dem Schwurgericht:

»Capesius ist nicht dabeigewesen.«

Vor dem Untersuchungsrichter hatte der Zeuge bezüglich der Räumung des Kinderlagers folgendes ausgesagt:

»Ich weiß noch genau, daß auch der Angeschuldigte Capesius auf die jungen Ungarn jüdischer Abstammung eingeschlagen hat. Er schlug sie mit der Hand. Bei manchen hat er auch mit dem Fuß getreten. Auch Mengele beteiligte sich an diesen Ausschreitungen. Beide lachten noch dazu.«

Jetzt vor dem Schwurgericht hat der Zeuge erklärt, daß Capesius nicht geschlagen habe. Dann ein weiterer Punkt: Vor dem Untersuchungsrichter hatte der Zeuge erklärt:

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»Die jungen Leute wußten genau, daß sie sterben mußten, denn sie haben zum Teil noch an die Barackenwände von Block 11 ihre Namen mit Blut geschrieben. Ich bin selbst in Block n gewesen und habe die Namen an der Wand gesehen.«

Jetzt vor dem Schwurgericht schilderte der Zeuge die Geschichte seines Enkels, Andreas Rapaport, der sich den Arm aufgerissen habe und mit Blut an die Barackenwand geschrieben habe: »Andreas Rapaport, lebte 16 Jahre.« Wie kann der Zeuge so etwas sagen! Er behauptet noch nicht einmal, dabei gewesen zu sein.

Bei dem Abtransport der Kinder sei Mengele dabei gewesen, den Capesius habe er nicht gesehen, so sagte der Zeuge vor dem Untersuchungsrichter.

Jetzt vor dem Schwurgericht: Dr. Capesius war dabei.

Bei der Selektion gegen Ende Oktober 1944, bei der auch der Zeuge von Sebestyen zugegen war, habe Dr. Mengele ihm, dem Zeugen Glück, mit derartiger Wucht auf den Mund geschlagen, daß sämtliche Vorderzähne seines Oberkiefers mit Einschluß von vier Goldzähnen herausgefallen seien.

Jetzt vor dem Schwurgericht sagte der Zeuge, Mengele habe ihm eine Ohrfeige gegeben. Der Zeuge von Sebestyen weiß von den ausgeschlagenen Zähnen und der Ohrfeige übrigens nichts, obwohl er zugegen war.

Das sind nur die gröbsten Unwahrheiten. Und wenn man auf Kleinigkeiten achten würde, dann stellt man noch sehr vieles fest. Man weiß fast gar nicht, wo man anfangen soll. Das mag zunächst genügen für diesen Zeugen. Ihm ist kein Wort zu glauben.

Aber noch eins: Ich stelle den Hilfsantrag, aus Kostensonderband V Blatt 54 zu verlesen. Aus dieser Verlesung wird sich ergeben, daß dieser Zeuge folgende Beträge kassiert hat:

1. Für seine Vernehmung vor dem Untersuchungsrichter, die vom 16. 10. bis 17. 10., 16 Uhr, also zwei Tage, angedauert hat, erhielt er einen Gesamtbetrag von 5796,40 DM. Ich muß aber bemerken, daß in diesem Gesamtbetrag ein Betrag von 1795,- DM für die Fahrtkosten enthalten ist. Der Zeuge war aber für diese zwei Tage dauernde Vernehmung ganze 3 7 Tage unterwegs - er wohnt in Israel - und hat für 37 Tage die Tage- und Übernachtungsgelder und Vertretungskosten im Betrag von 2600,- DM erhalten.

2. Für seine Vernehmung vor dem Schwurgericht hat der Zeuge weitere 3374,40 DM erhalten, insgesamt also 9170,80 DM sind als Entschädigung für einen Zeugen gezahlt worden, dessen Aussagen von Unwahrheiten nur so strotzen. Und der Zeuge hat sich dann noch erlaubt, für sich und seine Ehefrau die Kosten für einen 14tägigen Erholungsurlaub vom Gericht zu beantragen. Das allerdings wurde ihm abgelehnt.

Mit den Angaben dieses Zeugen läßt sich ein Beweis dafür, Dr. Capesius habeselektiert, nicht führen.

Ich behandele nun die Aussage Ehrenfeld.

Es kann nach meiner Meinung nicht angehen, diese Aussage - je nachdem, wie

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man sie braucht - entweder zu verwerten oder nicht. Ich habe bereits darauf hingewiesen, daß die Staatsanwaltschaft sie in der Frage der Selektionen berücksichtigt wissen will, nicht jedoch in Verbindung mit Ziffer 2 des Eröffnungsbeschlusses.

Zunächst bin ich der Meinung, daß man die Aussage eines Zeugen wie die des Zeugen Ehrenfeld entweder verwerten kann oder man kann sie nicht verwerten. Ich halte nichts davon, zu sagen, in einer Aussage stecke immer ein wahrer Kern. Sobald sich erwiesen hat, daß unrichtige Punkte in einer Aussage enthalten sind, dann muß das zu dem Ergebnis führen, auf eine solche Aussage jedenfalls eine Verurteilung nicht gründen zu können, es sei denn, daß der Kern, von dem behauptet wird, er sei wahr, durch andere einwandfreie Beweismittel mit einer jeden Zweifel ausschließenden Sicherheit bestätigt wird.

Es wird von großem Interesse sein, aufzuzeigen, auf welche Weise die Aussage Ehrenfeld zustande gekommen ist. Man muß dabei in den gerichtlichen Akten chronologisch vorgehen. Alles das aber, was sich außerhalb der Akten durch den so guten Konnex der Belastungszeugen im Falle des Dr. Capesius getan hat, kann man nur erahnen!

Ich bitte Sie, zunächst von Blatt 6707 Kenntnis zu nehmen. Es handelt sich dabei um einen Fragebogen, den ich hilfsweise zu verlesen beantrage. Dr. Samu hat ihn ausgefüllt. Unter Ziffer 6 hat er folgendes ausgeführt:

»Bei Transporten hatte Dr. Capesius, den ich persönlich kannte, da er Repräsentant der IG-Farben-Industrie war und mehrmals in my Office in Klausenburg war, die Selektionen gemacht.«

Am 19. 12. 1961 - Blatt 10840 - schrieb der Untersuchungsrichter an Dr. Samu und fragte bei ihm an: Er - der Untersuchungsrichter - habe aus den Akten entnommen, daß sich Dr. Samu in einem Fragebogen, der der Staatsanwaltschaft über den World Jewish Congress zugegangen sei, über Dr. Capesius geäußert habe. Er -Dr. Samu - werde um die Angabe von Einzelheiten gebeten, die er in einem Protokoll bei der Auslandsvertretung der Bundesrepublik Deutschland in Toronto niederlegen könne.

Die Antwort des Zeugen ist vom 20. 1. 1962. Sie befindet sich auf Blatt 11323 der Akten. Ich beantrage hilfsweise, auch diesen Brief zu verlesen. Nunmehr schreibt Dr. Samu folgendes:

»In Beantwortung des Inhalts ihres Werten kann ich Ihnen nur mitteilen, daß seit der Zeit ca. zwanzig Jahre vergangen sind, und ich kann mich nicht mehr erinnern, ob ich den betreffenden Dr. Capesius gesehen habe oder irgendwo mit ihm mich getroffen habe.«

Darauf schreibt der Untersuchungsrichter erneut Dr. Samu an, und zwar am 29. 1. 1962, Blatt 11324. Ich beantrage hilfsweise, auch dieses Schreiben zu verlesen. Der Untersuchungsrichter schreibt, daß er ihn - Dr. Samu - deshalb angeschrieben habe, weil er sich in einem Fragebogen vom Oktober 1960 über Dr. Capesius geäußert hatte. Er habe damals folgendes angegeben:

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»Bei Transporten hatte Dr. Capesius, den ich persönlich kannte, da er Repräsentant der IG-Farben-Industrie war und mehrmals in my Office in Klausenburg war, die Selektionen gemacht.«

Dann der Zusatz des Untersuchungsrichters:

»Ich darf mir die nochmalige Anfrage erlauben, ob Ihnen die zitierte Antwort nicht einen Fingerzeig gibt.«

Und nun kommt die weitere Antwort des Dr. Samu vom 22. 2. 1962, Blatt 11616 im 62. Bande. Ich beantrage hilfsweise, auch dieses Schreiben zu verlesen. Dort schreibt Dr. Samu folgendes:

»Als ich Ihnen schon mitteilte, es ist alles so verschwommen, daß ich nicht die Verantwortung tragen kann, einen Menschen zu beschuldigen mit etwas, wovon ich nicht ganz sicher bin. Ich bin ganz sicher, es werden viele andere sein, die Ihnen in dieser Angelegenheit mehr sagen können. Ich weiß ganz genau, daß ein Freund, der jetzt in Cluy, Rumänien, wohnt, Mr. Albert Ehrenfeld, Mitglied des einstmaligen Rozsa Royal Drogisten en gros Hauses, mir gesagt hatte, daß Dr. Capesius an den Selektionen teilgenommen hat.«

Da taucht also der Zeuge Ehrenfeld als Informant auf. Dr. Samu weiß nichts, er hatte es von Ehrenfeld gehört und als eigene Kenntnis weitergegeben. Anerkennenswert, daß dieser Zeuge Dr. Samu die frühere Angabe angeblich eigenen Wissens auf das zurückführt, was sie nur war: Hörensagen, und zwar Hörensagen von dem Zeugen Ehrenfeld, der selbst vor diesem Schwurgericht gesagt hat, er habe den Dr. Capesius der Person nach nicht gekannt.

Man sieht aber wenigstens schon die Zusammenhänge. Hohes Gericht! Was meinen Sie, was alles herauskäme, wenn wir Verteidiger die gleichen Mittel hätten - ich denke an die Möglichkeiten für Rechtshilfeersuchen, Vorladung von Zeugen und die staatlichen finanziellen Mittel - wie die Staatsanwaltschaft in diesem Verfahren!

Und nun weiter in der zeitlichen Folge: Am 14. 1. 1962 schreibt Ehrenfeld an den Untersuchungsrichter nach Frankfurt folgendes:

»Ich erhielt ihr wertes1 vom 20. 10. 1961 erst in diesen Tagen und teile Ihnen höflich mit, daß ich ihren Wünschen nachkommen gerne bereit bin. Vorher möchte ich jedoch ausführlich wissen, daß mein Aushören worüber sich handelt, ob ich auch die vor fünf zehn Jahren geschehenen Erlebnisse erinnern kann? Ich ersuche sie höflich, ihre werte Rückäußerung auf folgende Adresse senden zu wollen usw.« Dieses Schreiben befindet sich auf Blatt 11323 im 61. Bande. Am 29. 1. 1962 antwortete der Untersuchungsrichter an den Zeugen Ehrenfeld -Blatt 11321 -. Ich beantrage hilfsweise, dieses Schreiben des Untersuchungsrichters zu verlesen:

»Sehr geehrter Herr Ehrenfeld! In der Auschwitzangelegenheit bestätige ich den Erhalt Ihres Briefes. Ihrem Wunsche entsprechend möchte ich Sie darüber informieren, daß ich veranlaßt habe, Sie als Zeugen für dieses Verfahren in Betracht zu


1 So im zitierten Schreiben.

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ziehen. Angeschuldigt ist u. a. ein Dr. Viktor Capesius. Capesius war vor dem Kriege Repräsentant der IG-Farben-Industrie in Rumänien. Capesius war dann 1944 als SS-Offizier in Auschwitz tätig. Ich habe bereits einen Zeugen, Josef Glück, der jetzt in Haifa wohnt und früher in Klausenburg ansässig war, vernommen. Der Zeuge Glück hat bekundet, bei seiner Ankunft in Auschwitz sei Dr. Capesius auf der Rampe in Birkenau als selektierender Offizier hervorgetreten. Der Zeuge Glück hat weiter ausgeführt, daß er mit Ihnen zusammen in Auschwitz angekommen sei und daß Sie ebenso wie er Dr. Capesius erkannt hätten. Ich darf Sie zunächst informatorisch bitten, mir mitzuteilen, ob Sie sich an diese Vorfälle noch erinnern. Falls dies zutreffen sollte, würde ich mir vorbehalten, Sie zu bitten, zu einer zeugenschaftlichen Vernehmung nach Frankfurt a. M. zu kommen ...«

Ein sicher sehr bedenkliches Schreiben des Untersuchungsrichters. Nun war es dem Zeugen Ehrenfeld klar, Capesius hatte selektiert. Er kannte damit den wesentlichen Inhalt der von Glück - diesem unglaubwürdigen Zeugen - gemachten, für Dr. Capesius so belastenden Aussagen! Ein solcher Fehler dürfte eigentlich einem Untersuchungsrichter, der über das Zustandekommen von Aussagen - und gerade in diesem schwierigen Falle des Dr. Capesius - besonders gut orientiert sein müßte, nicht unterlaufen. In dem Schreiben liegt eigentlich die gesamte Antwort, die der Zeuge Ehrenfeld geben mußte, wenn er die Angaben des Zeugen Glück bestätigen wollte. Und das wollte er doch sicher tun!

Nun geht es wie folgt weiter: Am 24. 2. 1962 - vgl. Blatt 11681 im 63. Bande -erbittet der Zeuge Langbein von dem Untersuchungsrichter Dr. Düx die Adresse von Ehrenfeld. Mit Schreiben vom 5. 3. 1962 bekommt er sie auch - vgl. Blatt 11679 - und erst am 24. 3. 1962, also etwa zwei Monate nach der Anfrage des Untersuchungsrichters, antwortet dann der Zeuge Ehrenfeld dem Untersuchungsrichter mit handfesten Belastungen gegen Dr. Capesius. Ich verweise auf das Schreiben des Zeugen Ehrenfeld vom 24. 3. 1962, Blatt 12009 im 64. Bande. Ich stelle in diesem Zusammenhang folgende Hilfsanträge:

1. die Schreiben Blatt 11681, 11679 und 12009 gemäß § 249 StPO zu verlesen,

2. den Zeugen Langbein zu bitten, er möge die Schriftwechsel mit den Zeugen Ehrenfeld, Glück und v. Sebestyen, die er vom Januar bis März 1962 geführt hat, vorlegen. Aus diesen Schriftwechseln wird sich ergeben, daß der Zeuge Ehrenfeld die Einzelheiten, die er in seinem Schreiben vom 24. 3. 1962 anführt, über den Zeugen Langbein von den Zeugen Glück und v. Sebestyen erhalten hat.

3. Wieder hilfsweise beantrage ich, den Zeugen Langbein nochmals vorzurufen und über das Beweisthema zu 2 unter Vorlage des vorbezeichneten Schriftwechsels zu vernehmen.

Am 28. 3. 1962 war dieses Schreiben des Zeugen Ehrenfeld vom 24. 3. 1962 bei dem Untersuchungsrichter eingegangen. Bereits am 29. 3. 1962 antwortete ihm der Untersuchungsrichter und teilte ihm mit, daß seine Mitteilungen im vorgenannten Schreiben von außerordentlicher Bedeutung seien und daß an einer baldigen Vernehmung des Zeugen Ehrenfeld ein großes Interesse bestehe. Diese Vernehmung des

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Zeugen Ehrenfeld vor dem Untersuchungsrichter fand dann am 2. 7. 1962 in Frankfurt am Main statt. Sie befindet sich auf Blatt 12892 bis 12900. Dort sagte der Zeuge Ehrenfeld folgendes:

»Der SS-Offizier kam mir sehr bekannt vor. In meiner Nähe befand sich Herr Deutsch aus Klausenburg. Dieser wies mich darauf hin, daß es sich bei dem SS-Offizier um den früheren Propagandisten der IG-Farben-Industrie in Klausenburg handele. Ich habe ihn daraufhin auch erkannt.«

Jetzt vor dem Schwurgericht hat der Zeuge erklärt, er habe den Angeklagten Dr. Capesius der Person nach überhaupt nicht gekannt, obwohl er zuvor in dem Schreiben an den Untersuchungsrichter vom 24. 3. 1962 es so dargestellt hatte, als wenn er Dr. Capesius von früher her genauestens kenne. Die Verlesung dieses Schreibens habe ich mit dem vorhin gestellten Hilfsantrag beantragt.

Vor dem Schwurgericht schilderte der Zeuge Ehrenfeld den Verlauf der Selektion etwa wie folgt: Er sei von der Menge fortgetrieben worden, plötzlich sei vor ihm ein SS-Offizier mit Motorrad gestanden, der nach links oder rechts gezeigt habe. Dann die Frage des Vorsitzenden: Wer war das? Die Antwort war zunächst ausweichend. Der Zeuge erklärte dann: Erst möchte ich Ihnen etwas erzählen. Neben ihm, so sagte der Zeuge, habe ein Apotheker namens Deutsch gestanden, der ihn gefragt habe: Kennst du den nicht? Er habe geantwortet: Woher soll ich ihn kennen?

Er hat ihn also nicht gekannt!

Dann habe Deutsch ihm gesagt, es sei Capesius, den er aus Klausenburg kenne.

Nun zur Beurteilung und Bewertung des Zeugen Ehrenfeld ein weiteres ganz wichtiges Indiz. Wie Sie aus den Akten Blatt 12 892 bis 12900 im Bande 69 feststellen können, ist im Verlaufe der Vernehmung vom 2. 7. 1962 Dr. Capesius dem Zeugen Ehrenfeld gegenübergestellt worden. Ich will nur eines dort herausgreifen:

Frage an den Angeschuldigten: Kannten Sie aus der Firma Royal AG das Direktionsmitglied Franz Hartmann und den Oberbuchhalter mit Zeichnungsrecht Josef Abraham ?

Antwort des Angeschuldigten: Die beiden Vorgenannten habe ich nicht gekannt.

Dem Angeschuldigten wurde nunmehr zur Kenntnis gebracht, daß er nach der Darstellung des Zeugen Ehrenfeld Franz Hartmann und Josef Abraham aus Konkurrenzgründen nach links selektiert habe. Er, also der Angeschuldigte, erklärte dazu: Ich bestreite, antisemitische Propaganda betrieben zu haben. Das bezieht sich sowohl auf die geschäftliche als auch auf die private Sphäre. Und weiter: Ich bin in derartiger Weise nicht tätig geworden. Ich bestreite hier die mir insoweit zur Last gelegte Handlung...

Und was hatte Ehrenfeld in dieser Beziehung insbesondere bezüglich Hartmann und Abraham zuvor gesagt - also in der Vernehmung vom 2. 7.? Ich zitiere daraus:

»In dem angekommenen Transport befanden sich auch zwei Herren von der Firma Royal. Es handelte sich um Franz Hartmann, der Direktionsmitglied war, und Josef Abraham, der als Oberbuchhalter fungierte und Zeichnungsrecht besaß. Die beiden waren im Zeitpunkt der Ankunft etwa 42 oder 43 Jahre alt. Die beiden

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waren von kräftiger Konstitution. Sie waren kräftiger als ich. Trotzdem sind sie nicht nach rechts, sondern nach links selektiert worden. Ich nehme an, daß bei dieser Entscheidung seitens des Selekteurs Capesius folgende Motive maßgebend gewesen sind:

Capesius hat in den Jahren vor 1943 Propaganda gegen jüdische Arzneimittelfirmen gemacht. Von dieser antisemitischen Propaganda war auch meine Firma, die Royal AG, betroffen, obwohl sie kein rein jüdisches Unternehmen war. Es waren dort Christen und Juden tätig. Ich weiß mit Sicherheit, daß Capesius in dieser Weise gegen unsere Firma hervorgetreten ist. Christliche Kunden erzählten uns, daß Capesius entsprechende Propaganda gemacht habe.

Ich habe daraufhin mit dem Chef von Dr. Capesius, Dr. Wagner, selbst gesprochen und mich gegen derartige Praktiken verwahrt. Dr. Wagner versprach mir, daß er Capesius wegen seines Verhaltens rügen werde. Ich nehme an, daß dieses auch geschehen ist.«

Und jetzt:

»Ich schließe, daß Capesius über diese Rüge erbost war«

- von der der Zeuge gar nicht wußte, ob Capesius sie je bekommen hat -

»und daraufhin in Auschwitz Hartmann und Abraham, die nach ihrer körperlichen Verfassung an sich nach rechts gehört hätten, nach links selektierte. Ich weiß bestimmt, daß Capesius Hartmann und Abraham gekannt hat.«

Das war also die Angabe vor dem Untersuchungsrichter. Jetzt vor dem Schwurgericht : Abraham und Hartmann habe ich in Auschwitz nicht gesehen, auch nicht beider Ankunft. Ich weiß nicht, ob Abraham und Hartmann von Capesius selektiert worden sind. Das sind doch unglaubliche Widersprüche, nach dieser äußerst gehässigen Anschuldigung.

Dann hatte vor dem Untersuchungsrichter der Zeuge Ehrenfeld gesagt:

Mit dem Zeugen von Sebestyen sei er im selben Transport nach Auschwitz gekommen! Vor dem Schwurgericht hat er diese Angabe wiederholt.

Der Zeuge v. Sebestyen sagt zwar ebenfalls - Blatt 10306 bis 10324 -, auch er habe Ehrenfeld in Birkenau gesehen. Wenn beide das sagen und beide damit eine faustdicke Unwahrheit sagen, dann kann das doch nur abgesprochen sein! Wenn bei zwei verschiedenen Personen über denselben Punkt der gleiche »Irrtum« entsteht, den sie dann auch noch vor Gericht bekanntgeben, dafür ist doch eine Absprache zwischen den beiden die einfachste und natürliche Erklärung.

Ehrenfeld kam im letzten Drittel Juni 1944 von Auschwitz weg - er blieb nur etwa eine Woche dort -, v. Sebestyen kam erst Anfang August 1944 hin. Wie sollen sich die beiden Zeugen dann dort in Birkenau gesehen haben?

Es ist wirklich unverständlich, wie Zeugen sich in diesem hohen Maße widersprechen können. Und noch eins: Wie sich aus dem Protokoll vor dem Untersuchungsrichter ergibt, ist dem Zeugen Ehrenfeld Bildmaterial vorgelegt worden. Er erklärte, er nehme von einem bestimmten Bild an, daß es sich bei der abgebildeten Person um Capesius handeln könne. Das hatte ziemliche Zeit in Anspruch genom-

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men, obwohl er vor dem Schwurgericht erklärt hatte, er habe den Dr. Capesius bei dem Untersuchungsrichter sofort erkannt.

Sowohl in seiner Vernehmung vor dem Untersuchungsrichter als auch vor diesem Gericht hat der Zeuge Ehrenfeld erklärt:

1. Beim Untersuchungsrichter: Ich meine, Capesius nur einmal, und zwar auf der Rampe, gesehen zu haben. Ich bin nur etwa eine Woche im Lager geblieben, in Birkenau. Ich wurde dort nicht zur Arbeit eingeteilt.

2. Vor dem Schwurgericht hat er erklärt, er habe Capesius später nicht mehr gesehen. Nicht im Lager und auch nicht nach dem Kriege.

3. Vor dem Schwurgericht hat er erklärt, er habe Dr. Capesius auch nicht vor Auschwitz der Person nach gekannt.

Wie will er ihn nach zwanzig Jahren auf einem Bilde wiedererkennen, obwohl er ihn zugestandenermaßen nur einmal in seinem Leben auf der Rampe gesehen haben will, was Dr. Capesius auf das entschiedenste bestreitet. Capesius war bei Ankunft des Transportes am u. 6. 1944 nicht auf der Rampe.

Wenn man alles zusammennimmt aus dieser unglaublichen Aussage des Zeugen, so ergibt sich doch folgendes:

1. Der Zeuge hat in seinem Schreiben an den Untersuchungsrichter vom 24. 3.1962 -Blatt 12009 - den falschen Eindruck erweckt, er kenne Dr. Capesius persönlich.

2. In seiner Vernehmung vom 2. 7. 1962 hat er erklärt, der SS-Offizier sei ihm sehr bekannt vorgekommen, er habe ihn aufgrund der Bemerkung des Herrn Deutsch aus Klausenburg auch erkannt. Er hat also in seiner Vernehmung vom 2. 7. erklärt, daß auch er den Dr. Capesius erkannt habe.

3. Vor dem Schwurgericht hier hat der Zeuge mit Deutlichkeit erklärt, daß er ihn der Person nach nicht gekannt habe. Er habe ihn nur vom Hörensagen gekannt.

4. Nun kommt der Zeuge nach Auschwitz-Birkenau. Dort will er denjenigen, der angeblich selektiert hat, als Dr. Capesius erkannt haben, jedenfalls nach seiner Vernehmung vor dem Untersuchungsrichter - obwohl er ihn nach seiner eigenen Angabe der Person nach überhaupt nicht gekannt hat.

5. Nach seiner eigenen Angabe hat er den Selektierer von damals nur einmal auf der Rampe und später im Lager und nach den Kriege nicht mehr gesehen.

6. Es ergibt sich also, daß er denjenigen, den er hat selektieren sehen, in seinem Leben ein einziges Mal - und zwar in dieser erregten Szene auf der Rampe - gesehen hat.

7. Und bei der Gegenüberstellung im Verlaufe der Vernehmung vom 2. 7. 1962 erklärte der Zeuge: Ich erinnere mich mit Sicherheit daran, daß Dr. Capesius die Selektion durchgeführt hat. Ich erinnere mich mit Sicherheit daran, daß Herr Deutsch mit Dr. Capesius gesprochen hat.

Ein Zeugnis, das von hinten bis vorn den Stempel der Unwahrheit trägt. Diesem Zeugen ist kein Wort zu glauben, insbesondere wenn man noch die ungeheuerliche Darstellung des Falles Hartmann/Abraham in der Vernehmung vom 2. 7. 1962 berücksichtigt und seine jetzigen Angaben hierüber vor dem Schwurgericht sowie die Absprache mit dem Zeugen v. Sebestyen, die sich gegenseitig in Birkenau mit

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Sicherheit gesehen haben wollen, obwohl sie nach ihren eigenen Angaben niemals zur selben Zeit in Birkenau gewesen sind.

Ich komme nun zur Würdigung der Aussage v. Sebestyen.

Die Aussagen Glück und v. Sebestyen haben sicher - wie ich Ihnen zeigen werde -einen besonderen Zusammenhang miteinander. Beide Zeugen leben in Israel, und zwar in Haifa.

Den Brief des Zeugen Glück an Langbein vom 8. 8. 1960, der sich auf Blatt 62/63 im 37. Bande der Akten befindet, habe ich bereits im Wege des Hilfsantrags beantragt zu verlesen. Im letzten Absatz schreibt er:

»Ich bin bereit, jederzeit, egal wo und wann, unter Eid das Obengeschriebene zu bezeugen.«

»Auch mein Freund, Dr. Rudolf Sebestyen, Haifa, Feyzner Straße 42, ist dazu bereit.«

Einen Monat später, am 3. 9. 1960, schrieb auch der Zeuge v. Sebestyen an den Zeugen Langbein. Dieses Schreiben befindet sich auf Blatt 6511 im 37. Bande der Akten. Ich beantrage hilfsweise, es gemäß § 249 StPO zu verlesen. Gleich zu Beginn schreibt der Zeuge v. Sebestyen folgendes:

»Ihre Korrespondenz mit meinem Freunde Glück, Josef, ist mir bekannt, da Herr Glück alle Antworten zu Ihnen vorher auch mit mir besprochen hat.«

Man weiß tatsächlich nicht, wo man damit anfangen soll, die Widersprüche dieser Zeugen aufzuzeigen. Ich glaube, es ist am besten, ich numeriere sie:

1. In diesem Schreiben vom 3. 9. 1960 des Zeugen v. Sebestyen an Langbein schreibt er dann weiter:

»Da ich in Auschwitz-Birkenau mit Glück in derselben Baracke zusammen war, kann ich alle seine Angaben, wie 1. Capesius, 2. Mengele, 3. Kinderverbrennungen ohne Selektionen l00prozentig bestätigen.«

Wie kann der Zeuge etwas, was Dr. Capesius anbelangt, zu 100 Prozent bestätigen, wenn er selbst in diesem Schreiben erklärt, er sei am 6. 8. 1944 in Birkenau eingetroffen, und er sei von einem Offizier selektiert worden, von dem er nachträglich erfahren habe, daß es Dr. Capesius gewesen sei ? Also hat der Zeuge v. Sebestyen den Dr. Capesius nicht gekannt. Gleichwohl schreibt er am 3. 9. 1960 an Langbein, er könne alles das, was Glück hinsichtlich Dr. Capesius aussagt, bestätigen, wobei noch folgendes zu berücksichtigen ist: Glück ist, wie er angibt, am u. 6. 1944 in Birkenau angekommen und behauptet, von Dr. Capesius selektiert worden zu sein. Wie sollte das der Zeuge v. Sebestyen bestätigen können, selbst wenn es zutreffend wäre? Der Zeuge v. Sebestyen ist am 6. 8. 1944 in Birkenau angekommen, kann also - obwohl er sich dazu bereit erklärt - nicht bestätigen, daß Dr. Capesius derjenige ist, der am 11. 6. 1944 selektiert habe. Er kann es ja noch nicht einmal von seiner eigenen Selektion am 6. 8. 1944 behaupten, er behauptet nur - und ich behaupte, das ist abgesprochen-, daß er von dem Offizier, der selektiert habe, nachträglich erfahren habe, es sei Dr. Capesius gewesen.

Man sieht doch an all dem, welche Zusammenhänge zwischen den Zeugen bestehen und wie sie bestrebt sind, den Dr. Capesius auf alle Fälle zu belasten.

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2. Vor dem Untersuchungsrichter hatte der Zeuge v. Sebestyen am 19. 10. 1961 folgendes ausgesagt - Blatt 10306 bis 10324 -:

»Der SS-Offizier hatte ein stockartiges Gebilde in der Hand. Meine Bekannten aus Klausenburg machten mich sofort darauf aufmerksam, daß es sich um eine Person handelte, die aus Schäßburg stammte. Ich erkannte den Betreffenden auch.«

Zuvor in dem Schreiben vom 3. 9. 1960 hatte der Zeuge geschrieben, er habe nachträglich erfahren, daß Dr. Capesius der Selekteur gewesen sein soll. Jetzt vor dem Untersuchungsrichter weiß er es schon genauer. Jetzt hat auch er ihn erkannt. Er sagt dann allerdings in der Vernehmung vor dem Untersuchungsrichter schon im drittnächsten Absatz: »Meine Leidensgenossen nannten mir dann seinen Namen.« Also wiederum: Er hat ihn eben nicht erkannt.

3. In diesem Zusammenhang erhebt sich folgende Frage: Welche Bekannten aus Klausenburg haben dem Zeugen gesagt, daß es sich um Dr. Capesius handeln solle? Es waren ja keine Klausenburger bei dem Transport, mit dem er ankam. Man braucht nur den Beginn der Vernehmung vor dem Untersuchungsrichter nachzulesen. Dort ergibt sich ganz klar, daß der Zeuge mit seiner Verhaftung gerechnet hatte. Er war dann nach Budapest geflohen, wo er am 16. 6. 1944 von der ungarischen Polizei verhaftet wurde. Dann sei er in das Familienlager Sarwar eingeliefert worden. Und Anfang August 1944 sei er dann in einem Sammeltransport nach Auschwitz-Birkenau gebracht worden.

Nun frage ich, welche der Budapester Juden, die mit dem Zeugen zusammen nach Birkenau gekommen sind, haben ihm sagen können, daß es sich bei dem Selekteur um Dr. Capesius handele, der angeblich diese Selektion vornehme? Wir haben also folgende Situation:

1. In dem Schreiben an Langbein vom 3. 9.1960 schreibt er, die Selektion am 6. 8. 1944 habe ein Offizier vorgenommen, von dem er nachträglich erfahren habe - also nicht während der Selektion -, daß es Dr. Capesius gewesen sei.

2. In der Vernehmung vor dem Untersuchungsrichter sagt dann der Zeuge v. Sebestyen: »Ich erkannte den Betreffenden auch. Es handelte sich um den Apotheker Capesius.«

3. Dann sagt er, schon zwei Absätze weiter, meine Leidensgenossen nannten mir seinen Namen.

4. Schließlich führt der Zeuge in derselben Vernehmung an: Nachzutragen ist noch, daß bei der Selektion auf der Rampe neben mir der Direktor Johann Farkas stand. Es ist möglich, daß dieser mir zuerst den Namen des mir vom Sehen her bekannten Capesius nannte. Es kann allerdings auch möglich sein, daß der Name erst von einem anderen Häftling genannt worden ist.

Was sich aus alledem ergibt: Der Zeuge weiß nicht, was er weiß. Im Jahre 1960 will er später erfahren haben - er sagt allerdings nicht, von wem -, daß Capesius bei seiner Ankunft die Selektion vorgenommen habe. Bei dem Untersuchungsrichter war dann seine Kenntnis schon besser geworden - er hatte sich ja mit dem Zeugen

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Glück besprochen. Da will er den Capesius auch erkannt haben. Dann weiter in derselben Vernehmung sagt er, daß die Leidensgenossen ihm. den Namen genannt haben. Ich glaube, daß das der Zeuge Glück war, der ihm alles gesagt hat und mit dem er ja, wie er selbst in dem Schreiben an Langbein vom 30. 9. 1960 schreibt, alles besprochen habe. Daraus allein erklärt sich die jeweilige Verbesserung in seiner Aussage, natürlich zu Lasten des Angeklagten Dr. Capesius.

Wenn ein Zeuge seine Aussagen in diesem Maße ändert, und wenn er nachgewiesenermaßen dem Gericht eine so faustdicke Unwahrheit vorgesetzt hat, wie das der Zeuge v. Sebestyen getan hat - ich erinnere daran, daß er den Zeugen Ehrenfeld in Birkenau gesehen haben will, und Ehrenfeld will den Zeugen v. Sebestyen in Birkenau gesehen haben, obwohl das unmöglich ist -, dann kann einem solchen Zeugen kein Wort geglaubt werden.

Erinnern Sie sich: Als ihm in dieser Verhandlung der Brief vom 3. 9. 1960 - Blatt 6511 - vorgehalten wurde, in dem er erklärt hatte, er habe später erfahren, daß der Selektierende der Offizier Dr. Capesius gewesen sei, war seine Antwort: »Was ich dem Langbein geschrieben habe, ist eine private Information.« Ich schließe daraus, daß dieser Zeuge die Meinung vertritt, private Informationen müßten der Wahrheit nicht entsprechen.

Aber auch schon 1960 kam es dem Zeugen darauf an, den Dr. Capesius zu belasten. Im Laufe der Zeit wuchsen diese Belastungen. Einem solchen Zeugen ist nicht das geringste zu glauben.

4. Alle anderen Aussagen, die dieser Zeuge gemacht hat, vergleichen Sie mit den Aussagen des Zeugen Glück. Sie sind in den meisten Punkten fast gleich, von kleinen Abweichungen abgesehen. Vergleichen Sie aber auch die Protokolle über die Vernehmung dieser Zeugen vor dem Untersuchungsrichter, deren Verlesung ich hilfsweise beantrage. Nun, sie waren auch zusammen gereist und über einen Monat unterwegs. Dann kann es tatsächlich nicht wundernehmen, wenn Aussagen so übereinstimmen, wie es hier der Fall ist.

5. Dann weise ich noch auf einen Punkt hin: Die Vernehmung vor dem Untersuchungsrichter befindet sich auf Blatt 10306 bis 10324. In dem Protokoll heißt es folgendermaßen. Ich zitiere jetzt wörtlich:

»Dem Zeugen wurde eine Person vorgestellt. Die vorzustellende Person und der Zeuge wurden darüber belehrt, daß während der Begegnung kein Wort gewechselt werden sollte. Die Gegenüberstellung dauerte ca. eine Minute. Die vorgestellte Person wurde alsdann wieder aus dem Vernehmungszimmer herausgeführt. Der Zeuge wurde nun gefragt, ob er die ihm vorgestellte Person kenne. Er erklärte: Die mir vorgeführte Person ähnelt Dr. Capesius.«

Nun lasse ich etwas aus. Und weiter:

»Dem Zeugen wurde nun eröffnet, daß es sich um Capesius handelte.

Der Angeschuldigte Capesius wurde nun wieder in das Verhandlungszimmer hereingeführt. Er wurde befragt, ob er den anwesenden Zeugen kenne. Der Angeschuldigte erklärt: ›Ich erkenne den mir vorgestellten Zeugen nicht.‹

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Das Gericht eröffnete dem Angeschuldigten, daß es sich um Herrn Rudolf v. Sebestyen handelt. Der Zeuge ist in Klausenburg/Rumänien geboren.«

Das war wieder einmal ein kriminalistisches Meisterstück:

1. Dem Zeugen wurde eine - also eine einzige - Person vorgestellt, obwohl nach kriminalistischer Erfahrung immer mehrere Personen gleichzeitig vorgeführt werden sollen. In Italien ist das Gesetz.

2. Der Zeuge weiß, daß er nach Frankfurt gekommen ist, um über den Komplex Dr. Capesius auszusagen.

3. Dem Zeugen ist es bei der Behandlung, die ihm zuteil geworden ist, sicher nicht in den Sinn gekommen, man wolle ihn etwa täuschen. Infolgedessen mußte es Dr. Capesius sein. Das konnte doch gar nicht anders sein. Besonders deshalb nicht, weil der Zeuge

4. im übrigen von dem Zeugen Glück, mit dem er zusammen in Frankfurt war, wußte, daß diesem zwei Tage vorher der Angeschuldigte Dr. Capesius gegenübergestellt worden war. Solche Gegenüberstellungen sind selbstverständlich ohne irgendeinen Wert.

Auf Zeugen, die sich derartig widersprechen, wie der Zeuge v. Sebestyen es getan hat, kann ein Urteil niemals gegründet werden. Ein solcher Zeuge muß ausscheiden.

Übrigens war dieser Zeuge zweimal hier in Frankfurt erschienen. In der Voruntersuchung war er für die Vernehmung, die vom 17. 10. bis zum 18. 10. 1961 stattfand, 32 Tage unterwegs. Ich beantrage, hilfsweise Blatt 55/56 im Sonderkostenband V zu verlesen.

Er erhielt für sich an Entschädigung 4856,20 DM, für seine Frau 3451,20 DM, so daß also die 1. Vernehmung Kosten im Betrage von 8307,40 DM verursachte. Für die Vernehmung vor dem Schwurgericht erhielt er für sich und seine Frau weitere 3080,80 DM, insgesamt also 11388,20 DM.

Die darüber hinaus noch in Höhe von 3626,91 DM beantragte Entschädigung hat das Schwurgericht nur im Betrage von 80,80 DM bewilligt. Das Zeugnis ist aber für die Urteilsfindung nicht verwertbar.

In der Frage der Selektion auf der Rampe in Birkenau habe ich die Aussagen der Zeugen Dr. Berner, Frau Nebel, Pajor, Glück, Ehrenfeld und v. Sebestyen schon gewürdigt. Ich wende mich nunmehr der Würdigung der Aussagen von Frau Dr. Gisela Böhm und ihrer Tochter, Ella Salomon, zu. Sie waren aus Rumänien erschienen. Sie wissen, welche Schwierigkeiten aufgetreten sind, bis sie ihre Ausreisepapiere erhalten haben. Ich darf vorweg betonen, daß nach meiner Meinung die Vernehmung dieser beiden Zeuginnen irgendeine Belastung des Angeklagten Capesius nicht ergeben hat. Eher das Gegenteil ist der Fall.

Ich mache aber zunächst auf folgendes aufmerksam: Ziemlich zu Beginn ihrer Vernehmung hat Frau Dr. Gisela Böhm erklärt, daß der Zeuge Dr. Berner ihr aus Israel geschrieben habe. Er habe mitgeteilt, daß er sich bei der Ankunft in Birkenau bei Dr. Capesius gemeldet habe. Und daß er diese Aussage hier vor dem Schwur-

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gericht gemacht habe. Auf die Frage, ob Berner etwas davon geschrieben habe, daß Dr. Capesius ihn ausgewählt habe, erklärte die Zeugin, nein, das sei nicht der Fall.

Beide Zeuginnen sollen nach Angabe der Zeugin Böhm Ende Mai 1944 nach Auschwitz gekommen sein. Übrigens soll im selben Waggon auch Dr. Berner gewesen sein. Nach Angaben der Frau Dr. Böhm seien sie unterwegs nicht verpflegt worden. Es sei nur manchmal möglich gewesen, etwas Wasser zu erhalten. Ihre Tochter, Frau Salomon, stellt das etwas anders dar. Sie sagte, daß man während der Fahrt Urin getrunken habe, weil weder Verpflegung noch Wasser verteilt worden wären. Einige Häftlinge hätten sich Goldzähne ausgerissen, um dafür Wasser zu erhalten. Das ist zunächst doch ein sehr erheblicher Unterschied in den Aussagen, obwohl doch die Zeugin Salomon mit ihrer Mutter zusammen war.

Nach Ankunft in Auschwitz seien nach den Bekundungen der Frau Dr. Böhm die Männer von den Frauen getrennt worden. Dann hätte man an einer Kommission von SS-Leuten vorbeimarschieren müssen. Dort seien sie in marschfähige und nicht marschfähige Personen eingeteilt worden. Dieser Kommission habe auch Dr. Capesius angehört, der ihr von ihrer Heimat aus gut bekannt gewesen sei. Der Kommission hätten auch Dr. Mengele und Dr. Klein angehört, die ihr allerdings bis dahin unbekannt gewesen waren. Erst später habe sie deren Namen erfahren und sie als Lagerärzte kennengelernt. Sie selbst war ja als Häftlingsärztin tätig.

Bei ihrer Bekundung vor dem Schwurgericht hat sich ergeben, daß Dr. Mengele sie befragt habe: »Wie alt bist du?« Sie habe dann ein etwas geringeres Alter angegeben. Dr. Mengele habe dann erklärt: »Dann kannst du laufen.«

Die Zeugin wurde alsdann befragt: Was hat Dr. Capesius gemacht? Die Antwort: Ich weiß es von Berner, daß dieser sich bei ihm meldete. Mir schrieb er nach Israel, daß er eine solche Aussage hier gemacht habe. Dann die nächste Frage: Hat Berner etwas gesagt, daß Dr. Capesius ihn ausgewählt habe. Antwort: Nein. Nun, aus diesen Angaben der Zeugin ergibt sich, daß Dr. Capesius selbst nicht selektiert hat.

Durch Landgerichtsdirektor Hummerich ist sie ausdrücklich befragt worden, welche Tätigkeit Dr. Capesius ausgeübt habe? Die Antwort der Zeugin: Das konnte ich nicht feststellen, er stand da.

Bezüglich der Zeugin Ella Salomon kann ich mich ganz kurz fassen. Sie bestätigt im wesentlichen die Darstellung ihrer Mutter über die Vorgänge auf der Rampe. Sie bemerkte: Ich war müde und wollte auf ein Auto steigen. Meine Mutter hat gesagt: Komm, du gehst zu Fuß. Dadurch sei Dr. Mengele auf sie aufmerksam geworden. Er fragte, wie alt? Ihre Mutter habe sich ein paar Jahre jünger gemacht, dann habe Dr. Mengele gesagt: Lauf mit.

Die Zeugin Salomon wurde sodann weiter durch den Vorsitzenden befragt: Haben Sie Dr. Capesius gesehen? Antwort der Zeugin: Ja, aber ich habe ihn nicht in Tätigkeit gesehen. Er stand mit zwei Offizieren, und zwar Dr. Mengele und Dr. Klein, zusammen. Dr. Mengele hat eingeteilt.

Die Zeuginnen gingen vor dem Schwurgericht nicht so weit, zu behaupten, Dr. Capesius habe selektiert. Man verspürt aber in der Vernehmung vor dem Unter-

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suchungsrichter den Versuch hierzu. Sie wissen ja, daß ich durch weitere Hilfsanträge unter Beweis gestellt habe, daß beide sich nach ihrer Rückkehr aus Auschwitz in Klausenburg zunächst so erklärt haben, ihr Leben verdankten sie dem Dr. Capesius.

Ich beantrage hilfsweise, Blatt u 570 der Akten zu verlesen.

Es handelt sich dabei um einen Brief, den der Zeuge Langbein am 15. 2. 1962 geschrieben hat. Er teilte damals mit, daß Frau Dr. Ella Böhm ihm geschrieben habe. Bei der Auswaggonierung habe sie Dr. Capesius gesehen. Dem rumänischen Untersuchungsausschuß habe sie bereits einen Bericht geschrieben, den ich hiermit hilfsweise beantrage, beizuziehen. Auch aus ihm wird sich ergeben, daß die Zeugin Böhm 1946 nicht behauptet hat, Dr. Capesius habe selektiert.

Dann die Zeugin Szabo:

Diese Zeugin behauptet, mit den Zeuginnen Böhm und Salomon im selben Transport in Birkenau angekommen zu sein. Das alles schon trifft nicht zu. Die Zeugin, die nach 1945 nach Schäßburg kam, hatte die Häftlingsnummer A 11937. Mit dieser Nummer ist sie aber nicht am 29. 5., sondern erst am 26. 7. 1944 in Auschwitz angekommen.

Hilfsweise beantrage ich, hierüber ein Sachverständigengutachten einzuholen. Die Auswahl des Sachverständigen überlasse ich dem Gericht.

Bei ihrer Vernehmung am 24. 9. 1962 in Wien sprach sie von der Anwesenheit von SS-Offizieren - sie sprach also in der Mehrzahl -, die die Selektion durchgeführt hätten. Jetzt vor dem Schwurgericht sagte sie - im Gegensatz zu den Zeuginnen Böhm und Salomon -, es sei nur ein Offizier auf der Rampe gewesen. Sie habe zwar den Dr. Capesius nicht gekannt, später aber seinen Namen erfahren.

Auf die weiteren Einzelheiten dieser unglaubhaften und zum Nachteil des Angeklagten Dr. Capesius veränderten Aussage brauche ich nur kurz einzugehen.

Diese Zeugin sprach dann noch von einem »Sport« wegen eines Stücks Margarine, den Dr. Capesius angeblich veranstaltet haben soll. Vergleichen Sie einmal diese Aussage mit der der Zeugin Levi, Blatt 13 568. Beide sagen - und dadurch lernen sie auch den Namen kennen-, Dr. Capesius habe erklärt, er sei der Capesius aus Siebenbürgen, und sie würden heute den Teufel kennenlernen.

Als ob der leitende Apotheker Zeit und Lust gehabt habe, mit diesen Frauen »Sport« zu machen. Frau Levi bezeichnet diesen Führer, der den Sport gemacht habe, als blond, mager, ziemlich groß! Capesius sei den Sporttreibenden mit dem Fahrrad gefolgt und habe auf sie eingeschlagen. Von dem Fahrrad weiß wieder die Zeugin Szabo nichts. In ihrer Aussage vor dem Untersuchungsrichter sagte die Zeugin Szabo, wer erschöpft war, blieb am Boden liegen. Jetzt vor dem Gericht sagte sie, niemand sei liegengeblieben. Und anderes mehr. Es lohnt sich wirklich nicht, sich mit den Aussagen dieser beiden Zeuginnen weiter zu befassen.

Die Zeugin Dr. Kraus, die jetzt in den Vereinigten Staaten lebt, kann nichts zu der Frage bekunden, ob Dr. Capesius tatsächlich selektiert hat. Diese Zeugin, die aus Klausenburg stammt, kannte den Angeklagten Dr. Capesius nicht.

Ihr Transport, der aus etwa 3000 Menschen bestanden habe, sei im Juni 1944

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zwischen drei und vier Uhr in der Nacht in Auschwitz angekommen. Es sei ganz dunkel gewesen, Lichter hätten gebrannt. Männer und Frauen bildeten je eine besondere Reihe. Beim Vorgehen habe ihre Mutter erklärt: Da ist ja Dr. Capesius aus Klausenburg. Die Mutter hätte noch hinzugefügt, ich glaube, scheinbar ja.

In der Reihe der Männer sei ein Ingenieur Adler aus Klausenburg mit ihrem Vater gewesen. Wie Adler später erzählt habe, habe auch ihr Vater den Dr. Capesius erkannt.

Nun eines ist bei dieser Darstellung, die auf Hörensagen beruht, nicht verständlich : Wenn zwei Reihen, also die Reihen der Männer und Frauen, vorgegangen sind, dann konnte, wenn man den Dr. Capesius noch so stark belasten will, er nicht beide Reihen selektieren, falls er es überhaupt getan hat, was er ja bestreitet.

Dann aber noch folgendes: Ein Bekannter mit Namen Adler habe erzählt - er, der Dr. Capesius selbst nicht gekannt hat -, er habe das Gespräch zwischen dem Vater der Zeugin und Dr. Capesius angehört. Wieso konnte aber dieser Adler wissen, daß der Vater mit Dr. Capesius gesprochen hatte, wenn Adler den Dr. Capesius selbst nicht kannte ?

Dann wurde diese Zeugin gefragt, ob sie Dr. Capesius später noch einmal gesehen habe. Sie antwortete: Am selben Tage seien sie durch verschiedene Räume gekommen, so zum Haarschnitt, zum Duschen, zur Kleiderausgabe. Wie sie in der Reihe gestanden habe, sei Dr. Capesius durchgegangen. Sie selbst habe mit einer Frau Stark zusammengestanden. Diese Frau Stark habe angeblich den Dr. Capesius erkannt. Sie habe ihn angesprochen. Er habe sie weggestoßen. Wie die Zeugin weiter anführte, habe dieser SS-Führer, den Frau Stark als Dr. Capesius bezeichnete, anscheinend Aufsicht gehabt. Das sei das letzte Mal gewesen, daß sie diesen SS-Führer gesehen habe.

Auch die Staatsanwaltschaft hat auf das Zeugnis dieser Zeugin Kraus keinen Wert gelegt.

Nun der Zeuge Schlinger:

Der Zeuge behauptet, Dr. Capesius als Propagandisten für die Firma Bayer seit 1939 gekannt zu haben. Das hat bis jetzt jeder Zeuge im Falle des Dr. Capesius gesagt ! Dr. Capesius habe ihn zwei- bis dreimal besucht.

Der Zeuge sei im Juni 1944 in Auschwitz angekommen. Es könne, wie er sagte, der 11. 6. 1944 gewesen sein. Es sei angeblich die letzte Gruppe gewesen, die von Klausenburg noch abtransportiert worden sei. Zwölf Ärzte haben sich im Transport befunden. Der Transport sei nachts in Auschwitz eingetroffen. Die Waggons seien geöffnet worden, so etwa zwischen vier Uhr und fünf Uhr morgens. Es sei eine höllische Situation gewesen. Als er, der Zeuge, aus dem Waggon gekommen sei, habe er sich umgeschaut und zu seiner großen Freude den Dr. Capesius auf der Rampe gesehen. Er sei auf ihn zugelaufen, habe ihn begrüßt und ihn befragt, wo sie jetzt seien. Er habe dann Capesius erzählt, daß seine Frau nicht gesund sei. Dr. Capesius habe erklärt, sie solle sich dann dort hinstellen. Er sei zu seiner Frau gelaufen und habe ihr gesagt, wohin sie gehen müsse. Seine Frau habe ihre Nichte dabeigehabt und dann seien sie zu der bezeichneten Stelle gegangen. Danach habe er sie nicht mehr gesehen. Die ganze Kolonne habe sich in Bewegung gesetzt.

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Der Zeuge hat aber nicht gesagt, wohin Dr. Capesius gewiesen habe, also wo sich die Stelle befunden habe, zu der seine Frau habe gehen sollen. Der Zeuge weiß nicht einmal, ob diese Kolonne mit Lastkraftwagen abtransportiert worden sei.

Das Gericht wird daher nicht feststellen können, welche Stelle Dr. Capesius tatsächlich dem Zeugen gewiesen hat, falls er es überhaupt getan hat, was er selbst bestreitet.

Der Zeuge selbst war nur sechs Tage in Auschwitz. Er hat sich dann, wie er sagt, zu einem Transport gemeldet und sei nach Kaufering gekommen.

Auf eine weitere Frage hat der Zeuge auch erklärt, daß er nicht gesehen habe, ob die Kolonne an Dr. Capesius vorbeigegangen sei. Seine Tochter sei auch im Transport gewesen. Sie habe das Lager überlebt.

Der Zeuge hat alsdann eine Visitenkarte mit dem Bemerken vorgelegt, diese Visitenkarte habe Dr. Capesius ihm persönlich anläßlich seines letzten Besuches im Jahre 1941 übergeben. Es ist richtig, daß Dr. Capesius, nachdem er sich die Visitenkarte angesehen hatte, zunächst erklärt hat, es sei seine Handschrift. Der Zeuge sagte dann aber noch, daß Dr. Capesius die Worte La multi ani in seiner Gegenwart auf die Karte geschrieben habe. Dem widersprach Dr. Capesius ganz entschieden, es sei völlig unlogisch gewesen, diese Karte in Gegenwart des Zeugen zu beschreiben.

Später erklärte dann Dr. Capesius, es sei nicht seine Schrift. Daraufhin stellte die Verteidigung den Antrag, ein Sachverständigengutachten einzuholen. Das Ergebnis des Gutachtens, das der Sachverständige Mühlhausen erstattet hat, besteht in folgendem : Es ist unwahrscheinlich, daß der Angeklagte der Schreiber dieser Worte ist. Ausschließen könne man so etwas natürlich nicht, das fügte der Sachverständige noch hinzu.

Ich beantrage hilfsweise, das Schreiben des Zeugen an den Zeugen Ehrenfeld -Blatt 13269 - zu verlesen. Aus ihm wird sich ergeben, daß der Zeuge in ihm nicht behauptet hat, Dr. Capesius habe diese Worte in seiner Gegenwart geschrieben, obwohl er ihn über diese Visitenkarte orientiert.

Selbst wenn man von dem Zeugnis des Dr. Schlinger ausgeht, dann hat Dr. Capesius auf die Frage des Zeugen erklärt, seine Frau solle sich »dort« hinstellen. Was aber mit dem »dort« gemeint gewesen ist und welche Stelle Dr. Capesius - falls er es überhaupt getan hat, was er bestreitet - damit bezeichnet hat, das wissen wir nicht. Der Zeuge hat auch nicht gesehen, ob diese Kolonne, bei der sich seine Frau befunden hat, etwa mit Lastkraftwagen abtransportiert worden sei. Das hätte dann unter Umständen bedeuten können, daß sie zu den Gaskammern gebracht worden ist.

Der Zeuge ist aber nur sechs Tage in Auschwitz geblieben. Von seiner Frau und seiner Nichte hat er in dieser kurzen Zeit nichts mehr gehört. Das Schicksal der beiden kennt er also selbst nicht. Jedenfalls kann bei dieser Sachlage eine Verantwortung für das Schicksal dieser beiden, also der Frau Schlinger und ihrer Nichte, den Angeklagten Capesius nicht treffen. Davon übrigens, daß sich bei der Frau des Dr. Schlinger die siebzehnjährige Nichte befunden hat, hätte der Angeklagte Dr. Capesius auch nach Angaben des Dr. Schlinger nichts gewußt. Er hatte es ihm nicht gesagt. Nichts dafür ergibt sich aus der Aussage des Zeugen.

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Bezüglich des Vorwurfs gegen Dr. Capesius, er habe auf der Rampe selektiert, sind noch verschiedene andere Zeugen gehört worden. Ich behandele sie - um vollständig zu sein - jetzt im einzelnen, aber kurz.

1. Der Zeuge Erich Kulka, vernommen am 16. und 23. 4. 1964, ist ein Zeuge aus der Tschechoslowakei. Er hat unter anderem bekundet, den Dr. Capesius in SS-Offiziersuniform beim Selektieren gesehen zu haben.

Hohes Gericht! Das, was der Zeuge gesagt hat, ist zu allgemein gehalten. Wenn Bekundungen so allgemein gehalten sind, wie diese, dann sind sie mehr ein Urteil als die Bekundung einer Tatsache.

Es ist außerdem nicht festgestellt worden, wann etwa diese Selektionen stattgefunden haben, um was für Transporte es sich gehandelt hat und ob noch andere SS-Führer bei der Selektion zugegen waren usw.

Kulka ist übrigens der Zeuge, der behauptet hat, Broad habe einem Zeugen namens Neumann aus Amerika einen oder zwei Finger in der Tür abgeklemmt und durch anschließendes Abhacken schwer mißhandelt. Dieser Zeuge Kulka hat weiter erklärt, er habe ständig eine Zyankalikapsel im Mund gehabt. Dies hätten auch viele andere gehabt, um sich jederzeit vergiften zu können. Solche Märchen hat er sich erlaubt, Ihnen aufzutischen.

Bei seiner früheren richterlichen Vernehmung in Prag hat er von der Geschichte, mit der er Broad belastet hat, nichts bekundet, auch nicht in seinem Buche, das er geschrieben hat oder haben will. Es handelt sich also um eine sehr fragwürdige Aussage, die schon wegen der allgemeinen Art, in der sie gemacht worden ist, einem Urteil auf keinen Fall zugrunde gelegt werden kann. Die Zeugen aus der Tschechoslowakei wollten eben auf alle Fälle etwas bieten.

2. Am 17. 4. 1964 wurde der Zeuge Beranowsky, ebenfalls aus der Tschechoslowakei, vernommen. Dieser Zeuge behauptet, Dr. Capesius einige Male in Birkenau gesehen zu haben, und zwar 1944 anläßlich der Ankunft ungarischer Transporte. Das mag durchaus möglich sein, daß er Dr. Capesius dort gesehen hat. Danach befragt, was Dr. Capesius dort getan habe, erklärte der Zeuge, er habe ihn dort nur gesehen. Er habe jedoch nicht sehen können, was Dr. Capesius im einzelnen getan habe.

3. Dem Zeugen Ontl gegenüber, am 4. 6. 1964 vernommen, hat Dr. Capesius, wie ich bereits ausgeführt habe, erklärt, daß Dr. Klein für ihn den Rampendienst mache. Das hat dieser Zeuge in einem Falle bestätigt. Ob Dr. Capesius jemals selektiert habe, weiß dieser Zeuge nicht.

4. Dann der Zeuge Golik, der am 8. 6. 1964 vernommen wurde. Bezüglich der Selektionen auf der Rampe bekundet dieser Zeuge, er selbst habe niemals eine solche Selektion miterlebt. Der Vorsitzende hielt dem Zeugen dann vor, er habe früher -Blatt 2396 - gesagt, Dr. Capesius habe an drei bis vier Selektionen teilgenommen. Die Antwort des Zeugen: Das könne er nicht mehr aufrechterhalten.

Ich darf vielleicht hier noch folgendes anfügen: Der Vorsitzende hat diesen Zeugen Golik auch danach gefragt, ob er Anhaltspunkte dafür habe, daß sich Dr. Capesius

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bereichert habe. Der Zeuge antwortete: »Ich weiß es nicht, ich habe es auch nichtgesehen.«

5. Auch der Zeuge Sikorski weiß nichts darüber zu bekunden, ob Dr. Capesius an Selektionen an der Rampe teilgenommen hat. Dieser Zeuge hat außerdem erklärt, er erinnere sich nicht, daß ihm irgend jemand von Selektionen erzählt habe. Der Zeuge sagt, Dr. Capesius habe davon gesprochen, daß er auf der Rampe gewesen sei, um dort Koffer abzuholen. Das habe er ganz offiziell getan. Die Koffer seien in die Sortierräume gekommen, dort seien die Medikamente und Instrumente ausgewählt worden, um zu verhindern, daß sie gestohlen würden. Dr. Capesius habe es erreicht, daß diese Sachen durch die Apotheke abgeholt und sichergestellt werden konnten. Sie wissen, daß Sikorski, selbst von Beruf Apotheker, eine umfassende Darstellung über die Verhältnisse in der Apotheke gegeben hat. Das habe ich schon ausgeführt.

6. Der Zeuge Jurasek war ab Frühjahr 1943 in die Apotheke in Auschwitz gekommen. Es sei, wie er sagte, seine Aufgabe gewesen, die Arbeit der Häftlinge zu überwachen. Im September 1944 ist er nach Landsberg gekommen. Der Zeuge hat erklärt, daß er etwa zehnmal auf der Rampe gewesen sei. Zwei- bis dreimal sei Dr. Capesius anwesend gewesen, als er - der Zeuge - dort gewesen sei. Einmal habe Dr. Capesius in seiner Gegenwart mit Leuten gesprochen, und zwar in seiner Landessprache. Der Zeuge habe nichts verstanden.

Wichtig ist bei diesem Zeugen folgendes: Der Zeuge hat bekundet, daß er im Sommer 1944 - den genauen Zeitpunkt könne er allerdings nicht angeben - eine Auseinandersetzung zwischen Dr. Capesius und Dr. Wirths teilweise miterlebt habe. Es sei ein einziges Schreien und Brüllen gewesen. Er, der Zeuge, habe zwar nicht verstanden, um was es gehe. Er habe aber in seiner ganzen Laufbahn nicht gehört, daß ein SS-Führer einen anderen so fertiggemacht habe. Nachher habe er den Zahnarzt Gerber gefragt, was los gewesen sei. Dieser habe ihm erklärt, daß Dr. Wirths »dem Alten« mit Erschießen gedroht habe.

7. Der Zeuge Bard, der aus Frankreich gekommen war, hat am 17. 8. 1964 einige Aussagen gemacht, die aber für die Frage, ob Dr. Capesius selektiert hat, ohne Belang gewesen sind.

Von besonderer Bedeutung war aber folgender Vorfall während dieser Vernehmung: Ein Fotograf aus Klausenburg war anwesend, der verschiedene Aufnahmen gemacht hatte. Er wurde aufgefordert, den Film dem Gericht abzuliefern. Ob das geschehen ist und ob der Zeuge vorher vielleicht schon einen anderen Film verwendet hatte, weiß ich nicht. Der Fotograf hat anscheinend mit Leichtigkeit eine Ausreisegenehmigung erhalten. Die Zeuginnen Böhm und Salomon hatten diese Genehmigung bis dahin jedenfalls noch nicht. Vielleicht wollte der rumänische Sicherheitsdienst die Bilder abwarten und dann erst den Zeugen die Ausreisegenehmigung erteilen.

Nun noch zur Aussage Bard: Der Zeuge hat bei seiner Vernehmung erklärt, daß er von seiner Stelle aus - es war das Lager B II d, übrigens von der etwa gleich

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gelegenen Stelle aus will Rosenstock im Falle Dr. Frank beobachtet haben - unmöglich habe feststellen können, ob Dr. Capesius selektiert habe. Ich darf aber auf folgendes mit Nachdruck verweisen: Im 67. Band der Akten, Blatt 12432, befindet sich ein als Aussage bezeichneter Vermerk, der diesen Zeugen Daniel Bard betrifft, den ich hilfsweise zu verlesen beantrage.

In diesem Vermerk ist folgendes wörtlich ausgeführt:

»In Auschwitz war er als Schreiber in der Ambulanz des Männerlagers Birkenau B II d bis zur Evakuierung von Auschwitz tätig. Als solcher hatte er vor allem mit SS-Ärzten und Sanitätsdienstgraden zu tun. Er kann sich an folgende noch namentlich erinnern: Den leitenden Apotheker Dr. Capesius. Da Capesius öfter in der Ambulanz war und Bard mehrmals in der SS-Apotheke neben dem Stammlager, kannte er Capesius persönlich. Bard hat gesehen, daß Capesius bei ankommenden Transporten auf der Rampe selektiert hat. Daß Dr. Capesius in großem Maßstab für sich gestohlenes Häftlingsgut organisiert hat, weiß Bard ebenfalls aus eigener Anschauung.«

Sie wissen, daß der Zeuge nichts von alledem bestätigt hat. Nach der Vernehmung des Zeugen vor Gericht auf das auffällige Mißverhältnis zwischen der schriftlichen Mitteilung hingewiesen, erklärte die Staatsanwaltschaft, sie wolle das feststellen und aufklären. Man hat jedoch nie wieder etwas davon gehört. Wahrscheinlich hat sie nichts in dieser Richtung getan.

Ich aber mache erneut mit Nachdruck darauf aufmerksam und stelle hierzu folgenden Eventualantrag:

1. Den Zeugen Langbein darüber zu vernehmen, daß die Aufzeichnung Blatt 12432 im 67. Band der Akten von einer ihm bekannten Person stammt, evtl. von ihm selbst,

2. den Zeugen Bard darüber zu vernehmen, daß er die Angaben, er habe selbst gesehen, wie Dr. Capesius selektiert und sich Häftlingsgut in großem Maßstab angeeignet habe, zu keiner Zeit gemacht hat.

Wenn schon die Staatsanwaltschaft die zugesagte Aufklärung nicht vorgenommen hat, möchte ich sie durch solche Hilfsanträge jedenfalls sicherstellen.

Nachdem Beweise in dieser Richtung erhoben worden sind, wird es sich zeigen, in welchem Maße von außen her Einfluß auf das Ermittlungsverfahren genommen worden ist, und zwar unter Anwendung unwahrer Angaben.

Bei dem Zeugnis Bard ist folgendes noch interessant: Man vergleiche es mit dem Zeugnis Rosenstock, das ja für den Fall Dr. Frank von so großer Bedeutung sein könnte. Dieser Zeuge Bard bekundet nämlich, daß er den Dr. Capesius auf der Rampe habe stehen sehen, er - der Zeuge - habe im Krankenblock B II d, dritter Block, gestanden. Auf die Frage, was Dr. Capesius gemacht habe, sagte der Zeuge, das habe man nicht sehen können. Das sei unmöglich gewesen zu sehen. Man habe nicht feststellen können, was die einzelnen Personen gemacht haben. Das sei vom Lager aus nicht feststellbar gewesen. Nun, worauf bisher noch nicht hingewiesen

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worden ist: Zwischen den Beobachtern Bard/Rosenstock und Rampe befand sich noch ein Drahtzaun, der für die Sicht auch ein gewisses Hindernis bildete.

Ich bin der Meinung, man kann dieses Zeugnis Bard sehr wohl mit dem Zeugnis Rosenstock in Verhältnis setzen und aus ihm zusätzlich schließen, daß der Zeuge Rosenstock - wie ich auch durch eine erneute Ortsbesichtigung unter Beweis gestellt habe - etwas zuviel Phantasie entwickelt hat.

8. Nun der Zeuge Dr. Löbner. Er kommt aus Haifa in Israel. Zu der Frage der Selektionen auf der Rampe hat er nichts bekunden können. Aus dieser Aussage muß ich hier aber folgendes einschalten: Vor dem Untersuchungsrichter wurde der Zeuge am 26. 2. 1962 vernommen - Blatt 11600 bis 11614 im 62. Bande -. Hilfsweise beantrage ich die Verlesung dieser Aussage. Damals hat er u. a. folgendes ausgesagt: Er habe einmal in Budy - das ist wohl ein Außenlager gewesen - eine größere Anzahl von Malariakranken zu behandeln gehabt und habe aus diesem Grunde von Dr. Capesius Chinin haben wollen. Dr. Capesius habe diese Chininlieferung mit dem Bemerken abgelehnt: »Du willst ja dieses Medikament lediglich für Abtreibungszwecke bei den Huren in Harmense haben.«

In Wahrheit habe der Zeuge dieses Medikament für Malariakranke haben wollen. Das habe er aber nicht sagen können. Von den von ihm behandelten Malariakranken seien 30 bis 50 Personen verstorben. Der Zeuge ist der Auffassung, daß sie im Falle einer Behandlung durch Chinin hätten gerettet werden können. Diese 30 bis 50 Personen seien nämlich infolge ihres Zustandes einer Selektion für die Gaskammer zum Opfer gefallen.

Die Aussage vor diesem Schwurgericht war dann etwas anders: Der Zeuge sagte hier aus, er sei einmal mit dem Küchenwagen zur Medikamentenanforderung in die Hauptapotheke in Auschwitz gefahren. Dort habe er Dr. Capesius getroffen. Im weiteren Verlauf der Vernehmung erklärte der Zeuge im übrigen, er habe dem Dr. Capesius nur einmal gegenübergestanden. Ich muß hier folgendes einschieben: Obwohl er also Dr. Capesius nur einmal in seinem Leben gegenübergestanden hat, hat er im weiteren Verlauf der Vernehmung vor dem Untersuchungsrichter im Jahre 1962 zu einem ihm vorgelegten Bild unter 2087/60 erklärt, dabei müsse es sich um Dr. Capesius handeln.

Vor dem Untersuchungsrichter hat der Zeuge zugegeben, daß er vor etwa einem Monat mit dem Zeugen Josef Glück gesprochen habe. Er habe mit ihm auch über die Vernehmung in Frankfurt gesprochen. Glück habe ihm aber eine Personenbeschreibung von Dr. Capesius nicht gegeben! Nun, ich glaube ihm das nicht. Vielleicht, sogar höchstwahrscheinlich, kannte Glück das Bild und seine Nr. 2087/60. Vergleichen Sie doch nur einmal Blatt 13534. Dort befindet sich ein Brief des Untersuchungsrichters an den Polizeimajor Liff in Israel, den ich hilfsweise zu verlesen beantrage. In diesem Brief schreibt der Untersuchungsrichter nach Israel: »Ich hoffe, Ihnen auch in absehbarer Zeit das fotokopierte Bildmaterial der Angeschuldigten zur Erleichterung Ihrer Vernehmungstätigkeit übersenden zu können.« Dazu brauche ich wohl nichts mehr zu sagen.

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Ich weiß nicht, ob dieses Bildmaterial abgesandt worden ist. Aber besonders glücklich ist das nicht, um ein objektives Ermittlungsergebnis zu erzielen.

Vor dem Schwurgericht erklärte der Zeuge, daß etwa 250 Malariakranke zugrunde gegangen seien, weil die Chininabgabe abgelehnt worden sei. Beim Untersuchungsrichter hatte er noch von 30 bis 50 Opfern gesprochen! Dem Zeugen wurde dieser erhebliche Unterschied dann vorgehalten. Als der Zeuge darauf aufmerksam gemacht wurde, daß er jetzt vor dem Schwurgericht von 250 Toten und damals vor dem Untersuchungsrichter von 30 bis 50 Toten gesprochen habe, erklärte er, die Zahl nicht mehr in Erinnerung zu haben. Welche seiner drei Antworten soll nun Gültigkeit haben? Doch wohl keine!

Allerdings erklärte der Zeuge ausdrücklich - und das ist in diesem Zusammenhang allein entscheidend -, daß Dr. Capesius keine Ahnung davon gehabt habe, es habe sich um Malariafälle gehandelt; das habe er ihm nicht sagen können und wollen.

Als dem Zeugen dann weiter vorgehalten wurde, er habe bei der Vernehmung vor dem Untersuchungsrichter - Blatt 11606 - erklärt, zu wiederholtem Male mit dem Hauptapotheker Dr. Capesius im Stammlager zu tun gehabt zu haben, während er kurz zuvor dem Schwurgericht erklärt hatte, nur einmal dem Dr. Capesius gegenübergestanden zu haben, erklärte er, wenn er bei seiner Vernehmung vor dem Untersuchungsrichter erklärt habe, zu wiederholtem Male mit Dr. Capesius zu tun gehabt zu haben, so habe er nicht ihn selbst gemeint, sondern die Hauptapotheke.

Noch eins: Der Zeuge hat dem Dr. Capesius nur ein einziges Mal gegenübergestanden. Trotzdem will er ihn vor dem Untersuchungsrichter auf dem ihm vorgelegten Bild wiedererkannt haben. Den Dr. Klein allerdings, den er sehr gut gekannt haben will und der sein Lagerarzt gewesen ist, hat er auf einem ihm vorgelegten Bilde nicht erkannt. Nun, das war auch nicht so wichtig, denn Dr. Klein ist schon tot, erwurde nach dem Bergen-Belsen-Prozeß hingerichtet.

Von Interesse bei dieser Vernehmung könnte noch folgendes sein: Der Zeuge wurde befragt, ob Dr. Klein ein auffälliges Merkmal im Gesicht gehabt habe. Er erklärte daraufhin, er könne sich nicht erinnern, obwohl er ihn gut gekannt haben will. SS-Leuten sei man immer mit gesenktem Gesicht gegenübergetreten. Wenn dieser Zeuge also nur einmal dem Dr. Capesius gegenüberstand, und außerdem nur mit gesenktem Blick, dann konnte er ihn - nach zwanzig Jahren - ausgeschlossen auf dem Bild, das ihm bei seiner Vernehmung vor dem Untersuchungsrichter vorgelegt worden war, erkennen. Es ist daher nur noch die Möglichkeit gegeben, daß er die Nummer des Bildes von Glück, die diesem - wie ich behaupte - bekannt war, erhalten hat.

9. Auch der am 27. 8. 1964 vernommene Apotheker Szewczyk, der ab zweiter Hälfte 1943 in der SS-Apotheke beschäftigt worden war, hat zur Frage der Selektion nichts Wichtiges aussagen können.

10. Sie erinnern sich der Zeugin Rosenberg, wenigstens was deren einmaligen Redefluß betrifft. Es war die Zeugin aus der Sowjetzone, die ständig die Ausdrücke gebraucht wie »Freunde der Sowjetunion«, »Paradies der Sowjetunion« usw. Diese Zeugin sagte aus, ein SS-Führer habe sie bei der Ankunft von der Seite ihrer Mutter

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gerissen und mit Fäusten geschlagen. Im Lager habe sie gefragt, wer das gewesen sei, dort sei ihr erklärt worden, das sei Dr. Capesius gewesen.

Auf die Frage des Landgerichtsdirektors Persecke, was Dr. Capesius denn gemacht habe, antwortete die Zeugin selbstverständlich, er habe ausgesucht, wer ins Lager kommen und wer ins Gas gehen solle. Auf die weitere Frage, wer ihr denn gesagt habe, daß es Dr. Capesius gewesen sei, bekundete sie, eine Frau, die schon längere Zeit im Lager gewesen sei, habe ihr das in der Baracke später gesagt, der Name der Frau sei ihr aber unbekannt.

Wir hatten hier eine offensichtlich geschulte Zeugin vor uns, die im übrigen reines Hörensagen bekundet hat.

11. Dann wäre noch der Zeuge Mikolaiski zu erwähnen, der auch den Versuch unternommen hat, Dr. Capesius zu belasten. Dieser Zeuge ist aus den verschiedensten Gründen, die sowohl mein Kollege Steinacker und ich Ihnen schon dargetan haben, unglaubwürdig. Ich brauche mich mit ihm nicht nochmals zu befassen.

12. Der Zeuge Paisikovic war derjenige Zeuge, der zwei Monate vor seiner Vernehmung bereits in der Verhandlung war und sich von der Pressebühne aus hat fotografieren lassen. Es wurde dann ein Artikel in der Revue veröffentlicht, der sich in der Hauptsache mit Dr. Capesius befaßte, obwohl dieser Zeuge den Dr. Capesius nicht kannte, ihn vielmehr bei der Gegenüberstellung als »Arzt« bezeichnete. Sie werden sich dieses Vorgangs sicher noch erinnern. Dieser Zeuge hat Ihnen im übrigen verschiedene falsche Angaben gemacht, so daß sein Zeugnis von keinerlei Gewicht sein kann. So hat er zum Beispiel den Angeklagten Stark erkannt, der zu jener Zeit überhaupt nicht mehr im Lager war.

13. Der Zeuge Gibian aus der Tschechoslowakei - vernommen am 13. u. 1964, also aus der Herbstserie - hat bei der Gegenüberstellung angegeben, den Dr. Capesius zu erkennen. Er habe ihn häufig auf der Rampe gesehen. Er habe an Selektionen teilgenommen, er habe aus Koffern schöne und wertvolle Sachen herausgenommen.

Dieser Zeuge hat aber bei seiner Vernehmung in der Tschechoslowakei Angaben dieser Art nicht gemacht. Befragt, wie es komme, daß er nunmehr viel weitgehendere Angaben als vor dem Bezirksgericht in Prag mache, erklärte der Zeuge: Der Vernehmende habe wenig Zeit gehabt, er habe erklärt, es sei eine zusätzliche Belastung für ihn. Die Aussage des Zeugen ist so allgemein, daß darauf ein Urteil nicht gegründet werden kann. Bezüglich Dr. Capesius sagte er, er habe ihn auf der Rampe gesehen. Das mag zutreffend sein. Dr. Capesius habe an Selektionen teilgenommen. Ich weiß nicht, was dieser Zeuge unter Selektionen versteht und was in diesem Zusammenhang Dr. Capesius überhaupt gemacht haben soll. Das hat er nicht gesagt. Wenn der Zeuge im übrigen dann sagt, Dr. Capesius habe aus den Koffern schöne und wertvolle Sachen herausgenommen, so müßte er im einzelnen sagen, um was für Sachen es sich dabei gehandelt hat. So allgemein, wie er das ausgedrückt hat, kann es tatsächlich nicht entgegengenommen werden. Wenn es nämlich wahr wäre, daß sich Dr. Capesius an solchen Dingen bereichert hätte, dann hätte er sie doch nicht in aller Öffentlichkeit auf der Rampe sich angeeignet!

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14. Bezüglich der Selektionen ist auch noch die Aussage der Zeugin Mariana Adam aus Oradea in Rumänien zu behandeln. Die Zeugin ist im Juni 1944 in Auschwitz angekommen. Bei ihrer Erklärung, die sie in Rumänien am 20. 2. 1963 abgegeben hatte - ich verweise auf Blatt 15727 -, hatte die Zeugin erklärt, sie sei erst gegen Ende Juli nach Auschwitz gekommen. Von Auschwitz sei sie dann nach Krakau gekommen, wo sie etwa fünf bis sechs Wochen geblieben sei. Von dort aus sei sie wiederum nach Auschwitz gekommen. Das zweite Mal sei sie dort im August 1944 eingetroffen.

Die Zeugin ist sich also zunächst einmal nicht im klaren, wann sie nach Auschwitz gekommen ist, denn vor dem Schwurgericht sagte sie, sie sei im Juni 1944 nach Auschwitz gekommen. Bei ihrer Ankunft in Auschwitz - sie meint wohl die zweite -haben sich Männer und Frauen getrennt aufstellen müssen. Ein dicker, breitschultriger SS-Offizier, der tadellos ungarisch gesprochen habe und außergewöhnlich gemütlich und liebenswürdig gewesen sei, habe erklärt, wer müde und schwach sei, solle auf die andere Seite gehen. In ihrer rumänischen Erklärung sprach sie von einem SS-Offizier, außergewöhnlich beleibt, blond, der ungarischen Sprache mächtig. Die Zeugin hat diesen SS-Offizier jedoch nicht gekannt. Sie habe ihn in ihrem Leben noch nie gesehen gehabt. Die Zeugin hat also damals nicht gewußt, wer der SS-Offizier war.

Im Häftlingsblock habe dann eine junge Medizinerin mit Namen Lilli Blum ihr erzählt, daß dieser Offizier aus Siebenbürgen sei, deshalb habe er so gut ungarischgesprochen. Er sei Apotheker, auch sein Vater sei Apotheker. Das letztere stimmt übrigens nicht, er war Mediziner.

Die Zeugin wurde dann befragt, wie das mit der Lilli Blum gewesen sei. Die Zeugin antwortete, sie habe sie vorher nicht gekannt und erst einige Tage nach der Ankunft im Lager getroffen. Auf die Frage, wieso die Lilli Blum den Dr. Capesius gekannt habe, antwortete die Zeugin: Ich habe ihr erzählt, daß ein SS-Offizier dagewesen sei, der so gut ungarisch gesprochen habe. Sie habe darauf geantwortet, das sei Dr. Capesius. Also allein die Tatsache, daß dieser SS-Offizier ungarisch gesprochen hat, hat die Lilli Blum dazu geführt, der Zeugin zu erklären, es sei Dr. Capesius gewesen. Die Zeugin hat ausdrücklich auf Befragen erklärt, daß sie den Namen Dr. Capesius erstmals von der Lilli Blum gehört habe. Und dies nach einigen Tagen, nachdem sie im Lager eingetroffen war, und allein aufgrund der Angabe, daß der SS-Offizier so gut ungarisch gesprochen habe.

Und dann ereignete sich noch folgendes: Die Zeugin erklärte, daß sie ihren Wohnsitz nach Schäßburg verlegt habe, wo ihr Mann als Arzt tätig sei. Sie habe beim Ordnen der Schubfächer des Verwaltungsbüros des Krankenhauses zufälligerweise ein Lichtbild des Apothekers Viktor Capesius gefunden. Sie habe ihn auf diesem Lichtbild sofort und mit völliger Sicherheit als denjenigen erkannt, der auf der Rampe über Leben oder Tod entschieden habe!

Nun, die Geschichte mit dem Auffinden dieser Fotografie ist etwas geheimnisvoll. Ich nehme an, daß ihr die Fotografie irgendwie von anderer Seite zur Verfügung gestellt worden ist. Dann konnte sie doch erklären, das ist derjenige, der damals selek-

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tiert hat. Der Zufall jedenfalls, den sie schildert, scheint mir doch sehr weit hergeholt zu sein. Wie will die Zeugin nach zwanzig Jahren auf einem Bilde den Dr. Capesius wiedererkannt haben, den sie ein einziges Mal in ihrem Leben gesehen hat und den sie in ihrer Aussage vor diesem Schwurgericht wie folgt beschrieben hat: Er hatte rote Backen, wahrscheinlich von der Sonne. Ich hatte den Eindruck gehabt, die Haare seien blond, wegen der Hautfarbe.

Es ist sicher, daß in Rumänien in erheblichem Maße gegen Dr. Capesius gehetzt worden ist. Das kann doch nur eine gestellte Aussage sein.

Das beendet die Beweiswürdigung zu dem allgemeinen Vorwurf, selektiert zu haben.

Die Staatsanwaltschaft hat dem Angeklagten Dr. Capesius aber nicht nur den allgemeinen Vorwurf des Selektierens gemacht. Dr. Capesius habe vielmehr insbesondere an folgenden Daten, nämlich April 1944, 5. 5. 1944, 25. 5. 1944, 11. 6. 1944 und schließlich August 1944 auf der Rampe teils allein, teils in Gemeinschaft mit anderen selektiert.

In ihren Schlußausführungen hat sich die Staatsanwaltschaft lediglich mit dem allgemeinen Vorwurf befaßt, an Selektionen beteiligt gewesen zu sein, obwohl es immer nur bestimmte einzelne Vorgänge, also geschichtliche Ereignisse, geben kann, die einzeln einem Angeklagten zur Last gelegt werden können. Diese besonderen Ereignisse, nämlich die Selektion an fünf bestimmten Transporten durchgeführt zu haben, hat die Staatsanwaltschaft in ihren Schlußausführungen nicht mit einem Wort erwähnt. Sie hat also noch nicht einmal die Beweismittel danach geordnet vorgetragen, die etwa geeignet sein könnten, diese einzelnen fünf Vorwürfe zu begründen, wie sie im Eröffnungsbeschluß aufgeführt sind.

Es handelt sich bei den Transporten um folgende:

1. einen RSHA1-Transport im April 1944, angeblich gemeinschaftlich mit Dr. Mengele und Dr. Klein selektiert,

2. einen RSHA-Transport aus Rumänien am 5. 5. 1944, den er selbständig selektierthabe,

3. einen RSHA-Transport aus Rumänien am 25. 5. 1944, den er gemeinschaftlich mit Dr. Mengele selektiert habe,

4. einen RSHA-Transport aus Ungarn, den er am 11. 6. 1944 selbständig selektiert habe, und schließlich

5. einen RSHA-Transport aus Rumänien im August 1944, den er selbständig selektiert habe.

Für die Vorwürfe bezüglich der Transporte im April 1944 und am 5. 5. 1944 liegen irgendwelche Beweise überhaupt nicht vor. Das hat die Hauptverhandlung nicht ergeben. Diese Punkte entfallen also.

Was nun den behaupteten Transport aus Rumänien betrifft, der am 25. 5. 1944 in Birkenau eingetroffen sein soll, so handelt es sich dabei zunächst um einen offensicht-


1 RSHA ist die Abkürzung für Reichssicherheitshauptamt.

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lichen Datumsfehler. Es muß wohl 29. 5. 1944 heißen. Dr. Berner sowie die Zeuginnen Böhm, Salomon und Szabo behaupten, an diesem Tage in Birkenau eingetroffen zu sein. Die Zeugin Szabo scheidet hierbei schon aufgrund ihrer Häftlingsnummer aus. Sie wissen, daß Dr. Berner gerade ausgesagt hat, der Tag seiner Ankunft sei mit Sicherheit der 29. 5. 1944, der Pfingstmontag des Jahres 1944, gewesen.

Sie wissen, daß Dr. Capesius behauptet, Pfingsten 1944 in Berlin gewesen zu sein. Diese Einlassung, die durch das Zeugnis der am 15. 1. 1965 vernommenen Zeugin Ley gestützt wird, wäre zu widerlegen. Die Aussagen derjenigen Zeugen, die über die Ankunft des Transportes am 29. 5. 1944 Angaben gemacht haben, genügen nicht für eine solche Widerlegung:

1. Der Zeuge Dr. Berner hat bezüglich des 29. 5. 1944 nicht behauptet, daß Dr. Capesius selektiert habe, das habe Dr. Mengele damals getan.

2. Die Zeugin Szabo konnte Dr. Capesius gar nicht erkennen, weil sie ihn niemals kennengelernt hat. Sie hat nach ihren eigenen Angaben später gehört, daß Dr. Capesius der Offizier gewesen sein soll, der selektiert habe. Ich habe im übrigen bereits Beweis dafür angetreten, daß diese Zeugin aufgrund ihrer Häftlingsnummer nicht am 29. 5. 1944 in Auschwitz eingetroffen sein kann. Sie widerspricht sich im übrigen: Bei ihrer Vernehmung vor dem Untersuchungsrichter am 24. 9. 1962 in Wien - Blatt 13616 -hat sie erklärt, der gesamte Transport an der Rampe sei gleich bei der Ankunft von SS-Offizieren - sie verwendete also Mehrzahl - selektiert worden, keineswegs hat sie damals den Dr. Capesius erwähnt.

3. Die Zeuginnen Dr. Gisela Böhm und Ella Salomon, geb. Böhm, die sich noch 1945/1946 sehr positiv über Dr. Capesius geäußert hatten, sahen zwar nicht selbst, daß Dr. Capesius selektiert habe, sie bekunden lediglich, daß er anwesend gewesen sei, als der Transport angekommen sei. Nun, die Zeugin Salomon kannte den Dr. Capesius von Ansehen sicher nicht. Sie soll ihn im Alter von zwölf, dreizehn Jahren einmal gesehen und dann in Auschwitz wiedergesehen haben. Das reimt sich sicher nicht zusammen.

Auch die Zeugin Dr. Böhm hat ausdrücklich erklärt, sie habe seinen Namen gekannt und gewußt, daß er mit seinem Bruder in Schäßburg eine Apotheke gehabt habe. Die einzige Begegnung habe in Auschwitz in der Lagerapotheke stattgefunden. Also beide Zeuginnen können jedenfalls mit diesen Angaben die Einlassung des Dr. Capesius, er sei am 29. 5. 1944, also Pfingsten, in Berlin gewesen, nicht mit der Sicherheit widerlegen, die für ein Strafverfahren erforderlich ist.

Und selbst wenn Sie diese Widerlegung durch die Zeuginnen Böhm und Salomon annähmen, so ergäbe sich aus dem Zeugnis dieser beiden Zeuginnen jedenfalls nicht, daß Dr. Capesius selektiert hat. Die Zeugin Dr. Böhm erklärte auf die Frage, was denn Dr. Capesius gemacht habe, sie wisse von Dr. Berner, daß er sich bei ihm gemeldet habe. Die weitere Frage, ob denn Dr. Berner etwas davon gesagt habe, daß Dr. Capesius ausgewählt habe, beantwortete sie mit »Nein«.

Auch die Zeugin Salomon hat auf die Frage, was Dr. Capesius getan habe, ausgesagt, sie habe ihn nicht in Tätigkeit gesehen.

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Damit ist aber die Einlassung des Dr. Capesius, am 29. 5. in Berlin gewesen zu sein, sicher nicht widerlegt.

Dr. Capesius soll dann laut Eröffnungsbeschluß am n. 6. 1964 selbständig einen Transport aus Ungarn selektiert haben, mit dem die Zeugen Ehrenfeld und Glückangekommen seien. Dr. Capesius sagt, er sei sowohl am Wochenende vom 3. auf den 4. 6. 1944 als auch am Wochenende vom 10. auf 11. 6. 1944 auf dem Gute der Eheleute Stoffel in der Nähe von Auschwitz gewesen. Das haben die Zeugen Stoffel im wesentlichen auch hier vor Gericht bestätigt.

Das Apothekerehepaar Rump, das für dasselbe Beweisthema benannt worden war, konnte bisher nicht als Zeuge erscheinen, weil nach den Angaben des ostzonalen Generalstaatsanwalts Streit ein Ermittlungsverfahren gegen sie wegen Begünstigung laufe. Dieses Verfahren wird in der Zwischenzeit zum Abschluß gekommen sein.

Ich habe bereits erneut hilfsweise beantragt, das Ehepaar Rump gemäß unserem Schriftsatz vom 14. 10. 1964 zu den unter III dieses Schriftsatzes angeführten Beweisthemen als Zeugen zu vernehmen.

Daß die Zeugen Ehrenfeld und Glück keine glaubhaften Zeugen sind, habe ich Ihnen schon zur Genüge dargetan1. Die Einlassung des Angeklagten Dr. Capesius bezüglich des Transportes vom 11. 6. 1944 kann jedenfalls mit solchen Zeugen nicht widerlegt werden.

Dann soll Dr. Capesius laut Eröffnungsbeschluß im August 1944 einen Transport aus Rumänien, der 1000 Personen umfaßt habe, selektiert haben. Das sollte der Zeuge v. Sebestyen bezeugen, der mit diesem Transport angekommen sei. Ich verweise zunächst auf Blatt 6511 der Akten. Dort befindet sich ein Brief dieses Zeugen an Langbein, in dem er schreibt, er sei mit seinem Transport am 6. 8. 1944 in Birkenau selektiert worden, und zwar von einem Offizier, von dem er nachträglich erfahren habe, es sei Dr. Capesius gewesen. Er selbst kannte ihn also nicht. Hörensagen, unkontrollierbares Hörensagen, von einem Zeugen überbracht, der sich selbst nach der Meinung der in diesem Punkt nicht sehr empfindlichen Staatsanwaltschaft so widersprochen hat, daß man ihm - ebenfalls nach der Meinung der Staatsanwaltschaft - nicht folgen sollte, kann nicht zur Widerlegung der Einlassung des Dr. Capesius geeignet sein.

Abgesprochen mit dem Zeugen Ehrenfeld sagt der Zeuge von Sebestyen, ihn in Birkenau gesehen zu haben, obwohl Ehrenfeld Ende Juni 1944 dort weggekommen und er selbst dort erst Anfang August 1944 eingetroffen ist. Feine Zeugen!

Die einzelnen Vorwürfe, wie sie in Punkt 1 des Eröffnungsbeschlusses - Dr. Capesius betreffend - aufgeführt sind, können daher nicht als nachgewiesen angesehen werden.

Wohl müßte hier noch ein Transport erwähnt werden, der zwar im Eröffnungsbeschluß unter den besonders aufgeführten Transporten nicht angeführt worden ist. Ich möchte aber so vollständig wie möglich sein.

Der Zeuge Pajor und die Zeugin Frau Nebel scheinen am 3. oder 4. 6. 1944 in Birkenau angekommen zu sein. Auch hier läßt sich Dr. Capesius dahin ein - er hat es


1 Vgl. S. 303 ff., 309 ff.

333


auch durch die Vernehmung der Eheleute Stoffel und der Eheleute Rump unter Beweis gestellt -, daß er am 3. oder 4. 6. 1944 gar nicht in Auschwitz war, sondern zu Besuch bei den Eheleuten Stoffel. Die Zeugin Nebel hat allerdings nicht mit der Sicherheit ausgesagt, die man zur Widerlegung der Einlassung eines Angeklagten nach zwanzig Jahren für erforderlich halten muß. Sie war sich nicht sicher - sie war ja mitten in der Nacht, wie sie sagte, in Birkenau eingetroffen, wo sie übrigens nur drei Tage verblieb -, ob sie den angeblich selektierenden Offizier kenne. Sie fragte deshalb einen deutschen Soldaten, mit Gewehr und Mütze - ohne Schirm, wie sie sagte -. Dieser Soldat habe ihr auf diese Frage hin gesagt, es sei der Apotheker Dr. Capesius. Es ist sicher gleichgültig, wie die Frage gelautet hat. Sie zeigt immer, daß sich die Zeugin nicht sicher war. Wenn sie dann auch festgestellt haben will, der Soldat habe große Augen gemacht, dann zeigt das ihre Phantasie. Vielleicht hatte dieser Soldat, den sie nur einmal gesehen hat, von Natur aus große Augen; es war immerhin Mitternacht. Wenn die Zeugin sagt, der Soldat habe große Augen gemacht, dann sage ich, das hat sie nicht feststellen können und das kann man unter den gegebenen Umständen überhaupt nicht feststellen. Und dann noch: Wissen Sie, wie viele Offiziere damals auf der Rampe waren? Und welchen Offizier meinte die Zeugin bei der Frage und welchen meinte der Soldat »mit Gewehr und Mütze ohne Schirm« bei seiner Antwort? Die Zeugin hatte nämlich gesagt, daß sehr viele SS-Soldaten beim Ausladen zugegen gewesen seien. Das ist kein vollgültiger Beweis für die Widerlegung der Aussage eines Angeklagten nach zwanzig Jahren!

Und nun nochmals der Zeuge Pajor. Auf Blatt 13615 und 14196 der Akten befinden sich jeweils Briefe des Zeugen Pajor, aus denen sich ergibt, daß er in laufender Verbindung mit den Zeuginnen Böhm und Salomon stand. Ich hatte hilfsweise beantragt, diese Briefe zu verlesen. Im Brief vom 15. 9. 1962 spricht Pajor jeweils von dem SS-Sturmbannführer Capesius. Pajor, der nur vier Tage in Auschwitz geblieben war, irrt sich da. Capesius war zu jener Zeit - 4. 6. 1944 - nur Hauptsturmführer. Davon kann Pajor nur von anderer Seite her gehört haben. Es kann also auf keinen Fall eine eigene Feststellung sein. Das ist in diesem Zusammenhang keine Kleinigkeit. Wenn der Zeuge schon einen Dienstgrad angibt und dabei einen falschen verwendet, dann kann dieser nicht auf seiner eigenen Feststellung beruhen, er muß ihm von anderer Seite bekanntgegeben worden sein und er hat ihn als eigene Kenntnis verwertet. Ein solches Zeugnis vermag aber die Einlassung des Angeklagten nicht zu widerlegen.

Ich stelle fest, daß die Einlassung des Dr. Capesius, er sei zwar wiederholt auf der Rampe gewesen, um dort ärztliches Gepäck für die Apotheke abzuholen, niemals habe er aber dort selbst selektiert, aufgrund der Beweisaufnahme vor diesem Schwurgericht nicht widerlegt worden ist, falls es überhaupt darauf ankommen sollte. Es kommt im übrigen auf diese Beweise nur dann an, falls in dem Selektieren überhaupt eine strafbare Handlung gesehen werden kann, was ich, wie Sie wissen, mit großem Nachdruck bestreite.

Nun zu Punkt 2 des Eröffnungsbeschlusses:

Danach soll Dr. Capesius in mindestens fünf Fällen bei Aussonderungen im Lager

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Birkenau mitgewirkt haben. Im Eröffnungsbeschluß werden die Fälle angeführt, die ich jetzt im einzelnen behandeln werde.

1. So soll Dr. Capesius während einer Selektion im Frauenlager Birkenau in einem Block nach sich versteckt haltenden Frauen gesucht und hierbei eine Frau gefunden haben, die alsdann vergast worden sei. Zu diesem Punkt kommen zwei Zeuginnen in Frage:

a) Die Zeugin Szabo. Sie sagt, sie habe einmal gesehen, wie ein Offizier, dessen Name sie erst später erfahren habe, eine Frau aus Block 27 herausgejagt habe. Bei ihrer Vernehmung in Wien am 24. 9. 1962 hatte sie davon nichts gesagt.

b) Die Zeugin Salomon hat hier vor diesem Schwurgericht erklärt, an einem Morgen sei Dr. Capesius mit einem Stock in Block 27 erschienen. Er habe eine Frau zum Zählappell hinausgejagt, die sie dann nie mehr gesehen habe.

Der Vorsitzende hielt dieser Zeugin vor, Dr. Capesius sei doch Apotheker gewesen, was sollte er auf Block 27 tun?

Die Darstellung der Zeuginnen ist völlig unglaubhaft. Was sollte tatsächlich Dr. Capesius in Block 27? Er hat doch nicht bei Zählappellen mitgewirkt oder dazu beigetragen. Aber selbst wenn es wahr wäre, dann würde die Tatsache, daß Dr. Capesius eine Frau zum Zählappell geschickt hat, noch lange nicht deren Tod bedeutet haben. Und selbst wenn es richtig wäre, daß die Zeugin Salomon diese Frau nicht mehr gesehen hat, so braucht das einmal gar nicht zu stimmen und konnte - falls es stimmte - eine Verlegung oder sonst etwas anderes bedeutet haben. Jedenfalls kann von dem Beweis dieses Punktes im Eröffnungsbeschluß nicht die Rede sein.

2. Dr. Capesius soll an zwei verschiedenen Tagen im Sommer 1944 gemeinsam mit Dr. Mengele in einer Baracke des Frauenlagers bei Selektionen in der Form mitgewirkt haben, daß er die Aufforderung des Dr. Mengele, kranke Frauen sollten sich melden, in die ungarische Sprache übersetzt habe, und daß diejenigen Frauen, die sich daraufhin meldeten, vergast worden seien. Ein sehr magerer Beschuldigungspunkt, der doch nur dadurch strafrechtliche Bedeutung für dieses Verfahren erlangen kann, wenn der Nachweis geführt würde, daß die selektierten Frauen dann tatsächlich auch vergast und nicht etwa in einen Krankenbau gekommen sind. Das läßt sich auf keinen Fall ausschließen, und das beendet schon diesen Punkt.

Als Beweismittel kommt nur die Zeugin Szabo in Frage. Mit ihrem Zeugnis läßt sich nichts beweisen. Vor dem Schwurgericht sagte sie aus: Den SS-Offizier von der Rampe habe sie im Lager noch zwei- bis dreimal gesehen. Daß es Dr. Capesius gewesen sei, habe sie später von ihm selber, bei einem anderen Anlaß, gehört. Vorher habe sie nicht gewußt, wer er war. Nach zwei Monaten sei Dr. Mengele mit demselben Offizier, der ungarisch gesprochen habe, im C-Lager erschienen. Sie habe ihn immer noch nicht gekannt. Von einem Übersetzen desjenigen, was Dr. Mengele gesagt habe, hat sie in dieser Hauptverhandlung nichts gesagt. Ich beantrage hilfsweise, das Tonband für diesen Punkt innerhalb dieser Verhandlung abspielen zu lassen, weiter hilfsweise es mir zur Überprüfung zu überlassen.

Dr. Klein ist der Zeugin dem Namen nach bekannt, sie hat ihn aber - wie sie sagt -

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nie gesehen oder - wie ich hinzufüge - nur ihn hat sie gesehen und nicht den Dr. Capesius.

Nach ihren früheren Bekundungen hat diese Zeugin eine schwere Krankheit gehabt. Sie wurde befragt, ob irgend etwas zurückgeblieben sei. Sie bestritt, an Gedächtnisschwund zu leiden, sie fügte aber an, an bestimmte Einzelheiten könne sie sich nicht mehr erinnern.

Dieser Punkt des Eröffnungsbeschlusses ist also in keiner Weise bewiesen. Im übrigen ist auch in höchstem Maße unwahrscheinlich, daß man den leitenden Apotheker zu Übersetzungsdiensten heranzieht, obwohl Dr. Klein, der Dr. Mengele häufig assistierte, die ungarische Sprache ebenso beherrschte wie Dr. Capesius.

Ich darf bei dieser Zeugin nochmals auf ihre Aussage in Wien vom 24. 9. 1962 -Blatt 13616 - verweisen, die ich hilfsweise zu verlesen beantrage. Am Schluß ihrer Aussage hat sie nämlich folgendes angeführt:

»Wie ich gehört habe, wurde Dr. Capesius im Jahre 1946 vom Militärgericht in Klausenburg in Abwesenheit zum Tode verurteilt. In Bukarest wurde mir jetzt gesagt, daß das Gericht aufgrund einer offiziellen Anforderung eine Abschrift des Klausenburger Todesurteils erhalten könne.«

Interessant wäre es, wer dieser Zeugin diese Auskunft gegeben hat. Ich behaupte, es war der rumänische Sicherheitsdienst, von dem sie vor ihrer Ausreise vernommen worden ist.

3. Nach Punkt 2 des Eröffnungsbeschlusses soll Dr. Capesius weiter im August 1944 gemeinsam mit Dr. Mengele und zwei weiteren SS-Führern jüdische Knaben aus Ungarn, die in der Kinderbaracke untergebracht waren und die zu fliehen versuchten, mit Schlägen in die Baracken zurückgetrieben haben. Alle Kinder seien vier Tage später in die Gaskammern abtransportiert worden. Hierfür stehen drei Zeugen zur Verfügung, und zwar die Zeugen Glück, v. Sebestyen, Ehrenfeld und aber auch der Zeuge Dr. Bejlin, den die Staatsanwaltschaft allerdings in diesem Zusammenhang nicht erwähnt hat. Sogar die Staatsanwaltschaft meint, man solle die Zeugen Glück, Ehrenfeld und v. Sebestyen in diesem Zusammenhang nicht berücksichtigen, es hätten sich gewisse Widersprüche ergeben, die allerdings nicht sehr groß gewesen seien. Dieser Meinung bin ich auch, allerdings mit dem Zusatz, daß ich diese Widersprüche der Zeugen für so faustdick halte, daß man tatsächlich Angst für den Bestand sämtlicher Balken dieses Hauses haben mußte! Ich gehe auf diese drei Zeugen nicht mehr ein.

Nun aber folgendes: Am 28. 8. 1964 wurde Dr. Bejlin, ebenfalls aus Israel, vernommen. Er hat ausgesagt, daß die Kinderselektion von Dr. Mengele und Dr. Klein ausgeführt worden sei. Dr. Klein sei der Assistent von Mengele gewesen. Capesius war für ihn »kein Begriff«.

Es liegt also keinerlei stichhaltiger Beweis dafür vor, daß Dr. Capesius an der Kinderselektion teilgenommen hat.

4. Dr. Capesius soll dann weiter am 13. 10. 1944 gemeinsam mit Dr. Mengele sämtliche weiblichen Häftlinge, die im Revier des Frauenlagers lagen, zur Vergasung bestimmt und deren Abmarsch zu den Gaskammern überwacht haben.

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Auch hier steht nur der Zeuge Glück zur Verfügung. Der Zeuge ist, wie ich bereits aufgezeigt habe, in keiner Weise glaubhaft. Der Zeuge v. Sebestyen, der laufend mit Glück alles besprochen hat, wie sich aus deren Korrespondenz ergibt, bestätigt im wesentlichen die Angaben des Zeugen Glück, er - Glück - habe ihm diesen Vorfall so geschildert. Es ist also, was den Zeugen v. Sebestyen betrifft, reines Hörensagen. Also kein ausreichender Beweis für die Beteiligung des Dr. Capesius an dieser Selektion vom 13. 10. 1944.

5. Schließlich soll Dr. Capesius am 31. 7. 1944, gemeinsam mit Dr. Mengele die Liquidierung des Zigeunerlagers überwacht haben. Ebenfalls ist es hier nur der Zeuge Glück, der in seiner 1. Vernehmung vor dem Untersuchungsrichter dazu folgendes ausgesagt hat: »Auch hier kann ich mit absoluter Sicherheit bekunden, daß der Angeschuldigte Dr. Capesius bei der Räumung des Zigeunerlagers zugegen war.«

Zu demselben Punkt wurde dann der Zeuge vor dem Schwurgericht vernommen:

Frage des Vorsitzenden: Wie war das mit der Räumung des Zigeunerlagers? Wer war dabei?

Zeuge: Ich habe nicht gesehen, daß Dr. Mengele dabei war. Es war Blocksperre.

Vorsitzender: Haben Sie Dr. Capesius gesehen?

Zeuge: Das ist nicht bei der Räumung, sondern bei der Auswahl für das Militär gewesen. Da hat ja keine Selektion stattgefunden.

Es steht demnach mit absoluter Sicherheit fest, daß die Einlassung des Angeklagten Dr. Capesius, er habe an Selektionen innerhalb des Lagers nicht teilgenommen, durch Zeugen wie Glück usw. nicht widerlegt worden ist.

Die Zeugin Alexander, die am 6. 4. 1964 vernommen worden ist, hat sich allerdings auch noch zu Lagerselektionen geäußert: Dr. Capesius sei einmal dazugekommen, als eine Schwangere gerade im Block 11 entbunden habe. Er habe die Geburt nicht gesehen, aber alle Begleitumstände mitbekommen. Die Frau sei dann abgeholt worden und auf den Revierblock gekommen. Sie meine - also die Zeugin meint das -, daß Dr. Capesius dies veranlaßt habe. Dr. Capesius sei einige Male bei ihnen erschienen, um Frau Dr. Böhm zu besuchen. Dies habe die Tochter von Frau Dr. Böhm erzählt. Selbst habe sie das allerdings nicht gesehen. Die Aussage dieser Zeugin wird durch die Aussage der Frau Dr. Böhm selbst widerlegt. Auf Vorhalt des Landgerichtsdirektors Perseke hat die Zeugin Böhm erklärt, Dr. Capesius habe das Lager nicht besucht, sie könne sich genau daran erinnern. Sie könne sich auch daran erinnern, daß eine Frau ein Kind geboren habe, und zwar bei einem Appell. Sie selbst habe geholfen. Dr. Capesius habe mit dem ganzen Vorgang mit Sicherheit nichts zu tun.

Das beschließt den Punkt 2 des Eröffnungsbeschlusses. Die Einlassung des Dr. Capesius, er habe zu keiner Zeit an Lagerselektionen teilgenommen, ist somit nicht widerlegt.

Kollege Steinacker wird die Beweiswürdigung für die Punkte 3 und 4 des Eröffnungsbeschlusses vornehmen1.


1 Diese Ausführungen liegen in den Einzelheiten nicht vor. Damit waren alle Punkte des Eröffnungsbeschlusses behandelt.

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7

Und jetzt ist ein besonders wichtiger Punkt zu behandeln:

Gegen Dr. Capesius ist die so tief beleidigende Behauptung aufgestellt worden, er habe sich an Gold und Wertsachen der Opfer bereichert. Mit diesem Komplex habe ich mich mit besonderem Nachdruck auseinanderzusetzen. Keiner von allen Angeklagten habe diese Sitte der Bereicherung - wie der 1. Nebenklagevertreter behauptet - in so reichlichem Maße praktiziert wie der Angeklagte Dr. Capesius. Er habe daher an dem weiteren Mordgeschehen ein höchst persönliches Interesse gehabt. Daraus ergebe sich der Täterwille des Dr. Capesius. Solche Behauptungen stellt der Nebenklagevertreter auf, ohne dafür auch nur im entferntesten die entsprechenden Beweise anführen zu können. Und diese den Dr. Capesius so herabsetzenden Ausführungen hat der 1. Nebenklagevertreter auch noch im Druck erscheinen lassen! Und verbreitet sie nun, bzw. er läßt sie verbreiten1.

Alles, was in dieser Beziehung gegen Dr. Capesius in dieser Hauptverhandlung vorgebracht worden ist, besteht entweder aus Annahmen, Vermutungen, böswilligen Unterstellungen, aber nicht aus klaren Tatsachen, aus denen allein es sich ergeben könnte, er habe sich irgendwelche Gegenstände persönlich angeeignet. Ich habe in diesem Zusammenhang schon eine Reihe von Eventualanträgen stellen müssen, dazu hat mich dieses unglaubliche Vorbringen genötigt.

Für die angebliche Bereicherung des Dr. Capesius in Auschwitz haben sich Staatsanwaltschaft und Nebenklage auf verschiedene Zeugen berufen, deren Aussagen ich jetzt überprüfen werde. Diese Überprüfung wird, wie Sie sehen werden, ein erstaunlich eindeutiges Ergebnis haben.

1. Zunächst der Zeuge Prokop, auf den sich sowohl Staatsanwaltschaft als auch Nebenklage berufen haben. Die Staatsanwaltschaft behauptet, dieser Zeuge habe geschildert, Dr. Capesius sei einmal mit Koffern von der Rampe gekommen. In zwei Koffern hätten sich gute Anzüge befunden. Diese beiden Koffer seien für Capesius zur Seite gestellt worden. Der Zeuge habe erklärt, Capesius habe ihm in diesem Zusammenhang gedroht, er solle den Mund halten. Der Nebenklagevertreter wertet dieses Zeugnis wie folgt:

Es habe sich um zwei neue Lederkoffer gehandelt, in denen sich erstklassige neue Anzüge befunden haben. Dr. Capesius habe dem Prokop gesagt: Sie wissen, wozu Sie da sind, Sie sind Kandidat des Todes. Ich hoffe, Sie haben mich verstanden.


1 Hier verließ der 1. Nebenklagevertreter den Sitzungssaal. Das Gesetz schreibt im übrigen seine Anwesenheit nicht vor.

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Der Nebenklagevertreter behauptet weiter, dieser Zeuge habe ausgesagt, daß Dr. Capesius aus anderen Koffern massenweise Geld entnommen habe. Gerade zu diesem letzten Punkt möchte ich mit allem mir zur Verfügung stehenden Nachdruck erklären, daß dieser Zeuge kein einziges Wort darüber gesagt hat, Dr. Capesius habe aus anderen Koffern massenweise Geld entnommen.

Gerade mit dieser Aussage werde ich mich mit besonderer Ausführlichkeit befassen müssen, damit der insbesondere von der Nebenklage hervorgerufene Eindruck, Dr. Capesius habe sich bereichert, entzaubert wird.

Sie werden sich erinnern, daß der Nebenklagevertreter bereits bei der Vernehmung des Angeklagten Dr. Capesius zur Sache durch an ihn gestellte Fragen über den Aufbau seiner Apotheke in Göppingen den Eindruck erwecken wollte, als habe er diesen Aufbau der Apotheke aus Mitteln bestritten, die er durch Verwertung von Gegenständen aus Auschwitz erzielt habe. Mit allem Nachdruck weise ich darauf hin, daß der Angeklagte Dr. Capesius in der Lage ist, durch Auskünfte seiner Bank und Vorlage aller Rechnungen, die im Zusammenhang mit dem Aufbau der Apotheke entstanden sind, unter Beweis zu stellen, aus welchen Quellen der Aufbau dieser Apotheke gespeist worden ist. Kein Wort davon ist wahr, was der 1. Nebenklagevertreter in diesem Zusammenhang tatsächlich aus der Luft gegriffen hat1.

Wir wollen uns einmal die Entstehung der Aussage Prokop und ihre Fortentwicklung näher ansehen.

a) Der Zeuge wurde erstmals vor dem Kreisgericht in Wodzislaw am u. 8. 1962 vernommen. Seine Vernehmung befindet sich auf den Seiten 13900 bis 13904 im Band 74, die ich hilfsweise zu verlesen beantrage. Bevor ich jedoch auf diese Aussage eingehe, möchte ich das Gericht darauf hinweisen, daß dieser Zeuge Prokop zwei Briefe an den Zeugen Langbein vom 4. und 17. 7. 1962 gerichtet hatte. Sie befinden sich auszugsweise auf Blatt 13 087 im Band 70 der Akten. Ich beantrage, Blatt 13 087 hilfsweise zu verlesen. In diesen Briefen schreibt der Zeuge an Langbein, er habe des öfteren gesehen, wie Dr. Capesius mit Klehr in den Keller des SS-Reviers gegangen sei, um ihm dort aus einem Mauerschrank die erforderliche Menge von Zyklongas zu geben. Hierzu hat Kollege Steinacker Stellung genommen.

Nun aber zur Aussage dieses Zeugen vor dem Kreisgericht in Wodzislaw. Der Zeuge sagte, er sei eines Tages auf dem Dachboden, im sogenannten Magazin, gewesen, um dort Arzneimittel zu sortieren. Dr. Capesius sei erschienen, der die dort aufbewahrten Koffer kontrolliert habe, »welche den bereits erwähnten Gefangenen gehörten«. Irgendwelche Gefangene hatte der Zeuge in seiner Vernehmung bis dahin jedoch noch nicht erwähnt. Der Zeuge behauptete weiter, Dr. Capesius habe diese Koffer selbst aus dem Lager Birkenau gebracht. Woher weiß der Zeuge das? Er war doch nicht dabei!

Nun fährt der Zeuge weiter fort: Er habe während seiner Arbeitszeit auf die Tätigkeit des Dr. Capesius geachtet. Er habe dabei gesehen, wie Capesius »wertvolle Gegen-


1 Hier verließ der 2. Nebenklagevertreter den Sitzungssaal.

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stände sortierte« und »kostbare Stücke« aus den Koffern »herausnahm« und sie in die besten ledernen Koffer packte, die er später mitgenommen habe. Plötzlich habe Capesius gemerkt, daß der Zeuge ihn beobachtet habe. Er habe sich daraufhin an ihn gewandt mit etwa folgenden Worten:

»Von dir, Prokop, hängt es ab, wie lange du am Leben bleibst. Du hast nichts gesehen, solltest du jedoch etwas bemerkt haben, so kann dich das treffen, was sowieso auf dich wartet!«

Der Zeuge erklärte in seiner Vernehmung alsdann, er habe sofort gewußt, er sei verloren, falls er jemand etwas davon sagen würde. In seiner Vernehmung vom 11. 8. 1962 in Polen hat der Zeuge dann weiter wörtlich folgendes ausgesagt:

»In einem Raum erblickte ich 25 bis 40 verschiedene Koffer mit Tausenden von herausgerissenen Zähnen und ganzen Prothesen. Diese Zähne stammten von den vergasten Gefangenen ...«

Eines Tages sei während der Arbeitszeit Dr. Capesius erschienen, der mit entblößten Händen in diesen Goldzähnen herumwühlte und sich welche »aussuchte«. Dieser Anblick sei für ihn unerträglich gewesen, so daß er, um sich nicht zu übergeben, schnellstens davongegangen sei. Es sei dann schließlich dazu gekommen, daß man kein Gebiß mehr habe finden können, welches noch Spuren von Gold oder Platin auf gewiesen habe.

Am 18. 6. 1964 wurde der Zeuge Prokop vor dem hiesigen Schwurgericht gehört. Die Aussage vor dem Schwurgericht weicht in wesentlichen Punkten erheblich ab. Zunächst wurde der Zeuge gefragt, was er mit Dr. Capesius erlebt habe. Die Antwort lautete: Als er Dr. Capesius zum ersten Male gesehen habe, habe er den Eindruck eines Menschen gehabt, für den der Häftling eine Nummer gewesen sei, die eines Tages ausgelöscht werde. Daraus ersehen wir schon, um was für einen voreingenommenen Zeugen es sich handelt. Dann weiter: Eines Tages habe sich Dr. Capesius auf die Rampe nach Birkenau begeben, um dort die Medikamente für die SS-Apotheke sicherzustellen. Zwei Stunden später sei er zurückgekommen. Er habe Koffer, Pakete und Taschen mitgebracht. Er habe befohlen, diese Sachen sofort auf den Speicher zu bringen. Dort sei eine Sortierstube gewesen, die von ihm - dem Zeugen - geleitet worden sei. Sie hätten den Befehl erhalten, die Koffer abseits zu stellen. Sobald sie mit dieser Arbeit fertig gewesen seien, sei Dr. Capesius erschienen, um beim Auspacken dabei zu sein. Er habe begonnen, sich an eine Kofferkiste heranzumachen. Er habe sie geöffnet, der Zeuge habe gesehen, daß diese Kiste mit sortierten Medikamenten gefüllt gewesen sei. Der Zeuge habe dabei gedacht: »Da ist eine ganze Apotheke drin.« Sie sei ausgepackt und der Inhalt in das Magazin gebracht worden. Das sei der erste Koffer gewesen. Dann sei die Reihe an Lederkoffer gekommen. Zwei wunderschöne Lederkoffer, wie der Zeuge sagte. Diese Koffer habe Dr. Capesius auf die Kiste gelegt. Er habe sie geöffnet, und zu des Zeugen Erstaunen habe er gesehen, daß in diesen Koffern erstklassige neue Anzüge gewesen seien. Capesius habe sie zufrieden angesehen und mit zufriedenem Gesicht abseits gelegt. - Auch diese Bemerkung zeigt die Voreingenommenheit des Zeugen! - Er habe sie dann

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zusammengelegt und sie wieder in den Koffer hineingetan. Der zweite Koffer habe Wäsche enthalten, Schuhwerk und andere Sachen, keine Medikamente. Er, der Zeuge, habe das alles aus einer Entfernung von drei Metern gesehen. Er habe »dummgeschaut«, so sagte der Zeuge, das habe Capesius gesehen. Völlig unerwartet habe er sich an ihn gewandt und folgendes gesagt:

»Prokop, Sie wissen, wozu Sie da sind. Früher oder später sind Sie ein Kandidat des Todes. In Ihrer Hand liegt es, wann dieser Augenblick eintritt. In Ihrem Interesse liegt es, diesen Zeitpunkt möglichst weit hinauszuziehen. Sollten Sie etwas bemerkt oder Sie etwas gesehen haben, so kann dieser Augenblick eher eintreten. Ich hoffe, Sie haben mich richtig verstanden.«

Nun: Bis dahin war aber nichts geschehen, was der Zeuge etwa nicht hätte sehen dürfen. Der Zeuge fügte dann hinzu, das wichtigste sei gewesen, daß Dr. Capesius die beiden Koffer abgeschlossen und ihm, dem Zeugen, den Befehl gegeben habe, sie so zu stellen, daß sie anderen nicht vor Augen kommen. Am nächsten Tage seien die Koffer verschwunden gewesen.

In Polen hatte der Zeuge aber gesagt, Dr. Capesius habe die Koffer mitgenommen. Jetzt - vor dem Schwurgericht - blieben sie stehen! Wer sie mitgenommen hat, ist in keiner Weise festgestellt worden.

Auf die Frage des Vorsitzenden, ob es öfter vorgekommen sei, daß Dr. Capesius zur Rampe gefahren sei und Koffer mitgebracht habe, antwortete der Zeuge:

»Ich habe nur einmal beobachten können, wobei ich die Sachen nach oben bringen mußte.«

Der Zeuge bemerkte noch, daß er nie auf der Rampe gewesen sei und nie die Tätigkeit des Dr. Capesius dort gesehen habe.

Nun weiter: Eines Tages sei Dr. Capesius auf dem Boden erschienen, um eine Inspektion vorzunehmen. Der Zeuge habe die Aufgabe gehabt, ihn auf dem Boden herumzuführen und ihm alles zu zeigen, was zur Apotheke gehöre. Er habe alles gezeigt, auch die Koffer mit den Medikamenten. Der Zeuge fuhr dann fort, daß Dr. Capesius auf der rechten Seite des Bodens - anscheinend zum ersten Male - Koffer bemerkt habe, die angeblich mit Prothesen, Kiefern und einzelnen Zähnen gefüllt waren. Es seien mindestens 50 bis 100 dieser Koffer gewesen. Dr. Capesius habe den Zeugen gefragt, was das sei? Der Zeuge habe geantwortet, das gehöre nicht zu uns, also der Apotheke, sondern zum Zahnrevier. Dr. Capesius sei dann auf diese Koffer zugegangen und habe mit eigenen Händen darin herumgewühlt. Er habe eine Prothese herausgezogen, sie so abgeschätzt, wieviel Wert sie habe - wie wenn man so etwas sehen könnte! -, und dann, fügte der Zeuge hinzu, sei er davongelaufen, er habe das nicht aushaken können.

Die nächste Frage an den Zeugen: Was geschah mit den Koffern?

Die Antwort: Ich beobachtete diese Koffer tagtäglich. Ich mußte feststellen, daß der Inhalt täglich abnahm. Ich habe nun nichts mehr gesehen.

Also nun brauchte er nicht mehr davonzulaufen, sondern hat die Koffer sogar täglich selbst beobachtet und dabei festgestellt, daß der Inhalt täglich abgenommen

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habe. Durch wen der Inhalt allerdings abgenommen hat, konnte der Zeuge nicht angeben.

Der Zeuge wurde dann gefragt, wie lange die Koffer dort gestanden hätten. Er antwortete: »Die ganze Zeit, während ich mich dort befand.«

Dann die Frage: Wie kamen die Koffer hin? Antwort: Sie waren bereits dort, als ich hinkam. Neue Koffer habe er nicht gesehen.

Wer hatte darüber zu befehlen? Der Zeuge antwortete, seines Erachtens unterlag es den Zahnärzten.

Ich bemerke, daß der Zeuge am 6. 7. 1943 nach Auschwitz gekommen war und dort bis Oktober 1944 verblieben ist. Er kam dann nach Sachsenhausen.

Bei beiden Aussagen fällt doch folgendes auf:

1. Die Aussage vor dem Schwurgericht geht in viel mehr Einzelheiten und ist auch noch gehässiger als die Aussage, die der Zeuge vor dem Kreisgericht in Polen gemacht hatte. Ich weise aber auf folgende Gegensätze hin:

a) In seiner ersten Vernehmung führte er an, er habe gesehen, wie Dr. Capesius wertvolle Gegenstände sortiert, kostbare Stücke aus den Lederkoffern herausgenommen, sie wieder in die ledernen Koffer gepackt und später mitgenommen habe. Bei seiner Vernehmung vor dem Schwurgericht aber klang das ganz anders. Er sprach nicht von wertvollen Gegenständen, die Dr. Capesius sortiert habe, und kostbaren Stücken, die er herausgenommen habe, sondern lediglich von guten Anzügen, die man sicherlich nicht mit wertvollen Gegenständen und kostbaren Stücken vergleichen kann. Der Zeuge wird auch nicht Zeit und Gelegenheit gehabt haben, aus der Entfernung von drei Metern festzustellen, ob es sich tatsächlich, wie er vor dem Schwurgericht behauptet hat, um erstklassige neue Anzüge gehandelt hat. Es zeugt auch ferner von keiner unvoreingenommenen Aussage, wenn der Zeuge zweimal in diesem Zusammenhang gesagt hat, Dr. Capesius habe die Anzüge »zufrieden« angesehen und sie dann »mit zufriedenem Gesicht« abseits gelegt. Nach der Aussage vor dem Schwurgericht sollen in dem zweiten Koffer Wäsche, Schuhwerk und andere Sachen enthalten gewesen sein. Auch diese Dinge kann man nicht als wertvolle Gegenstände und als kostbare Stücke bezeichnen, wie er es in der ersten Aussage getan hat.

Auch das, was Dr. Capesius ihm gesagt haben soll, als er sich von ihm beobachtet fühlte, weicht in beiden Vernehmungen voneinander ab. Es wird sich dabei um dasjenige handeln, was Dr. Capesius in Gegenwart von Sikorski sagte und das ich bereits behandelt habe. Nach Sikorski soll Dr. Capesius gesagt haben, jetzt seien sie Häftlinge und er Offizier. In zwei Monaten könne es umgekehrt sein.

b) Ein weiterer Unterschied in den Aussagen: In Polen hatte der Zeuge ausgesagt, Dr. Capesius habe die zwei besten ledernen Koffer »mitgenommen«. In seiner Aussage vor dem Schwurgericht hat der Zeuge jedoch gesagt, er habe den Befehl erhalten, die Koffer so zu stellen, daß sie anderen nicht vor die Augen kommen. Das scheint mir doch schon ein wesentlicher Unterschied zu sein. Von einem Mitnehmen der Koffer, und insbesondere durch Dr. Capesius, hat er hier vor dem Schwurgericht

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nichts gesagt. Was mit den Anzügen geschehen ist, werden Sie noch aus dem Zeugnis Sikorski hören!

c) Auch mit den Koffern, die mit Zähnen angefüllt gewesen sein sollen, sind erhebliche Unterschiede gegeben: In der ersten Vernehmung in Polen spricht der Zeuge von 25 bis 40 Koffern. Vor dem Schwurgericht spricht er schon von 50 bis 100 Koffern. Sie werden also immer mehr. Nach Sikorski waren es etwa fünfzehn! In der ersten Vernehmung sagte der Zeuge, Dr. Capesius habe in den Goldzähnen herumgewühlt und sich welche ausgesucht. Das soll doch wohl bedeuten, daß er sie an sich genommen habe! In der zweiten Vernehmung schildert er das auch wieder anders. Dr. Capesius habe eine Prothese herausgezogen, habe sie, wie der Zeuge gehässigerweise hinzufügt, abgeschätzt, wieviel Wert diese wohl habe. Der Zeuge sei dann davongelaufen. Nichts hat er davon gesagt, er habe gesehen, daß Dr. Capesius irgendein Stück Gold an sich genommen habe.

d) In seiner ersten Vernehmung sagte er hinsichtlich dieser Zähne, es sei schließlich dazu gekommen, daß man kein Gebiß mehr habe finden können, welches noch Spuren von Gold oder Platin auf gewiesen habe. Das scheint doch eine völlig unwahre Angabe gewesen zu sein. Das kann der Zeuge doch nur dann aussagen, wenn er selbst nachgesehen hat, ob sich noch solche Prothesen mit Gold oder Platin unter den vorhandenen Gebissen befunden haben. Wenn er das behauptet, muß er das also selbst getan haben. Auf der anderen Seite jedoch behauptete er, er sei davongelaufen, als Dr. Capesius eine Prothese herausgenommen habe, um sich nicht übergeben zu müssen. Das paßt doch nicht zusammen!

e) Vor dem Schwurgericht hat dann der Zeuge gesagt, daß er diese Koffer tagtäglich beobachtet habe. Er habe feststellen müssen, daß der Inhalt täglich abgenommen habe. Wenn das zutreffend sein sollte, was ich nicht weiß, dann hat der Zeuge aber nicht gesagt, wer sich für die Koffer interessierte und wer ihnen Goldplomben entnommen hat. Das hat der Zeuge nicht gesehen und konnte es daher auch nicht angeben.

Wer also die Goldprothesen und Goldzähne an sich genommen hat, kann der Zeuge nicht bekunden, er hat es auch nicht gesehen. Die Vermutung, daß sich etwa Dr. Capesius diese Prothesen angeeignet haben soll, ist doch völlig absurd. Wie sollte er sich den Inhalt von 100 Koffern - wenn ich einmal von 100 Koffern ausgehe -unbemerkt aneignen? Man sieht schon aus dieser Erwägung, daß es dem Zeugen nur darum zu tun war, den Angeklagten Dr. Capesius zu belasten. Liegt es denn nicht am nächsten, daß z. B. die Zahnstation orientiert worden ist und daß das Häftlingskommando, das die Goldkronen und Prothesen eingeschmolzen hat, sich dieser Gegenstände angenommen und sie auch eingeschmolzen hat? Was sollte denn Dr. Capesius damit machen? Bei ruhiger Abwägung zeigt es sich, daß die Vermutung des Zeugen, die doch nur darin besteht, den Dr. Capesius zu belasten, praktisch gar nicht realisierbar gewesen wäre, selbst wenn Dr. Capesius die Absicht gehabt haben würde, sich die Prothesen anzueignen!

Was soll nun angenommen werden bezüglich der beiden Lederkoffer? Nach des

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Zeugen Angaben in Polen habe der Angeklagte Capesius sie mitgenommen, und nach der Aussage vor dem Schwurgericht hat er diese Aussage nicht aufrechterhalten, sondern lediglich gesagt, sie seien am nächsten Tage verschwunden gewesen, nachdem er - der Zeuge - sie auf dem Dachboden abgestellt hatte.

Zusammenfassend: Der Zeuge Prokop hat also

a) weder gesehen, daß der Angeklagte Dr. Capesius sich auch nur eine Goldprothese angeeignet hat,

b) noch gesehen, daß er die Anzüge mitgenommen hat.

Irgendein Beweis für eine Bereicherung ist durch diese Aussage jedenfalls in keiner Richtung erbracht. Und selbst wenn er gesehen hätte, daß Dr. Capesius die Anzüge in den beiden Koffern mit sich genommen hat - das hat er vor dem Schwurgericht nicht gesagt -, so weiß er immer noch nicht, was dann Dr. Capesius mit diesen Anzügen gemacht hat.

Auf jeden Fall ist aber durch dieses Zeugnis, das sich in wesentlichen Punkten und auch mit der früheren Aussage widerspricht, keinerlei Beweis dafür erbracht, daß sich Dr. Capesius in irgendeiner Weise bereichert hat. Ich muß hier erneut, wenn ich mich jetzt abschließend zu dieser Aussage Prokop geäußert habe, dagegen wenden, daß der Nebenklagevertreter zu behaupten wagte, Prokop habe bekundet, daß Dr. Capesius aus den Koffern massenweise Geld entnommen habe.

Das ist nicht wahr! Und nicht bewiesen!

2. Der Zeuge Sikorski, der von Ende Juni 1941 bis zum Schluß in der Apotheke tätig war, hat in seiner ersten Vernehmung durch Staatsanwalt Kügler - Blatt 5537 bis 5543 der Akten -, die ich hilfsweise zu verlesen beantrage, folgendes angegeben: In meinen Augen war Dr. Capesius ein guter Geschäftsmann. Ich kann mich noch erinnern, daß er einmal vier Liter Spiritus für einen Brillanten hergegeben hat. Ich habe die Transaktion mit einem griechischen Häftling verdolmetscht. Der Häftling hatte den Vornamen Aron, er stammte aus Saloniki. Das war alles, was der Zeuge Sikorski bei dieser ersten Vernehmung durch Staatsanwalt Kügler bezüglich der behaupteten Bereicherung überhaupt ausgesagt hatte.

Bei seiner Vernehmung vor dem Schwurgericht hier, die am 19. 6. 1964 stattgefunden hat, wurde dieser Zeuge, der im übrigen einen besonders guten Eindruck gemacht hat, von dem Herrn Vorsitzenden wie folgt befragt:

Vorsitzender: Wie war das mit den Koffern auf dem Boden der Apotheke? Es sollen Goldzähne gewesen sein.

Zeuge: Ja, die Koffer standen dort. Ich habe sie selbst gesehen.

Vorsitzender: Was ist aus diesen Koffern geworden?

Zeuge: Ja, vielleicht standen sie noch dort, aber es war kein Gold mehr drin. Es wurde abgeholt. Auf Anordnung von Dr. Capesius wurde das geordnet, sortiert.

Der Zeuge meinte, es seien etwa fünfzehn Koffer gewesen. Sie hätten ein bis zwei Monate dort gestanden. Prokop meinte im Gegensatz hierzu, daß die Koffer, als er zur Apotheke kam, schon dort waren und sich auch noch dort befanden, als er weggekommen sei, also vom 6. 7. 1943 bis Oktober 1944!

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Dann die weitere Frage: Was geschah mit Gold, das sortiert war?

Antwort: Ja, ich habe natürlich nicht gesehen, ob sich Dr. Capesius das in die Tasche gesteckt hat. Ob es dann eingeschmolzen wurde, weiß ich nicht.

Der Zeuge fügte dann weiter an: Eines Tages habe ihn Dr. Capesius gefragt, ob der Zeuge die Möglichkeit habe, eine Brosche oder einen Stein zu kaufen. Aron, der Grieche, habe ihm gesagt, er besitze eine goldene Brosche. Diese gab er Dr. Capesius und erhielt dafür drei bis vier Liter Spiritus. Dann wurde der Zeuge Sikorski durch Staatsanwalt Kügler hierüber befragt.

Staatsanwalt: Können Sie etwas darüber sagen, ob sich Dr. Capesius an den Wertgegenständen der Häftlinge bereichert hat?

Zeuge: Mir ist nur die Sache mit der Brosche und mit dem Brillanten bekannt.

Staatsanwalt: Ob er sonst etwas organisiert hat, haben Sie das selbst beobachtet?

Zeuge: In den Koffern waren Herrenanzüge, Dr. Capesius hat diese Herrenanzüge in Kartoffeln für die Häftlinge umgetauscht.

Und was hatte Prokop dazu gesagt? Er wollte die Sache so hinstellen, als ob Dr. Capesius sich diese Anzüge selbst angeeignet hätte!

Der Zeuge Sikorski führte dann weiter aus: Das mit der Brosche habe ich gesehen. Ich habe auch einmal Gold gesehen. Ich glaube, man hat Dr. Capesius das gegeben. Das war einmal in seinem Zimmer. Ob er es behalten hat, weiß ich nicht.

Nach der Vernehmung des Zeugen Sikorski hat Dr. Capesius auf die Frage von Staatsanwalt Kügler die Erklärung abgegeben, er habe sich keinerlei Wertsachen angeeignet, ausgenommen die Brosche, die habe er für den Apotheker im Ort Auschwitz getauscht. Sonst habe er nichts erworben.

Auch die Aussage des Zeugen Sikorski beweist also nichts für die behauptete Bereicherung. Sie ergänzt zunächst einmal - und das ist sehr wichtig - die Aussage des Zeugen Prokop in einem wichtigen Punkte, der behauptet hatte, Dr. Capesius habe sich zwei gute Herrenanzüge angeeignet. Aus der Aussage des Zeugen Sikorski, der hier vor Gericht einen sehr guten Eindruck gemacht hat, ergibt sich aber, daß er diese beiden Anzüge dazu verwendet hat, um für die Häftlinge Kartoffeln einzutauschen. Er hat sich also bezüglich dieser Anzüge nicht selbst bereichert.

Was nun das Gold aus den 15 bis 100 Koffern - Prokop bis 100, Sikorski will fünfzehn beschwören - anlangt, so mag es durchaus sein, daß Dr. Capesius es hat sortieren und alsdann einschmelzen lassen. Oder daß diese Anordnung von der Zahnstation gekommen ist. Es liegt aber keinerlei Beweis dafür vor, daß Dr. Capesius das Gold nicht etwa, so wie es vorgeschrieben war, der Verwaltung zur weiteren Verwendung abgeliefert hat.

3. In seinen Schlußausführungen hat der 1. Nebenklagevertreter für die angebliche Bereicherung des Dr. Capesius auch noch den Zeugen Klodzinski angeführt. Dieser Zeuge ist hier vor dem Schwurgericht vernommen worden. Er hat erklärt, den Dr. Capesius nicht zu kennen. Auf die Frage, was er über ihn wisse, hatte er erklärt, seine Tätigkeit sei ihm nicht mehr bekannt, er habe aber gehört, daß er der Lagerapotheker gewesen sei und Gold organisiert habe. Es handelt sich also bei dieser Aussage um

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reines Hörensagen, auf das nicht das geringste zu geben ist, zumal der Zeuge auch nicht angegeben hat, von wem er dieses Hörensagen erfahren haben will. Es besteht also keinerlei Nachprüfungsmöglichkeit, so daß dieses Hörensagen auf alle Fälle nicht verwertbar ist. Also auch bei der Nachprüfung dieses dritten Zeugen ist noch keinerlei Beweis dafür festgestellt worden, daß sich Dr. Capesius etwa an Häftlingseigentum bereichert hat.

4. In diesem Zusammenhang habe ich auch die Aussage des Zeugen Sewzyk zu überprüfen, den der 1. Nebenklagevertreter zu berücksichtigen übersehen hat. Dieser Zeuge wurde am 27. 8. 1964 vernommen. Er hat unter anderem ausgesagt, daß er auf Anweisung von Dr. Capesius einige Koffer aus dem Sanka herausgeholt habe. Es seien Handkoffer in verschiedenen Größen gewesen, die in das Magazin gebracht worden seien. Es seien etwa fünfzehn Koffer gewesen. Dann wurde der Zeuge befragt, was mit den Koffern gemacht worden sei. Er antwortete:

»Wir haben sortiert: Kleidung, Anzüge, Hemden, kosmetische Erzeugnisse, Geld. Dr. Capesius sortierte die Sachen; die besseren Kleidungsstücke in bessere Koffer. Was dann damit gemacht worden ist, kann ich schwer sagen. Das Geld, das in fremder Währung gewesen sei, habe Dr. Capesius in die Tasche gesteckt. Das deutsche Geld sei in den Koffern geblieben. Wertgegenstände, Uhren, alles tat Dr. Capesius in die neuen Koffer, aber auch in die Tasche. Es waren aber auch Medikamente drin, die gingen zur Sortierung auf den Boden.«

Das letztere war auch der Grund, weshalb die Koffer zur Apotheke gekommen waren. Die Medikamente sollten alle erfaßt werden.

Der Zeuge wurde dann gefragt: Wieviel Koffer waren auf dem Speicher ? Er antwortete: Zwölf Koffer.

Nächste Frage des Vorsitzenden: Waren auch Zahnprothesen und Goldarbeiten dabei?

Zeuge: In diesen Koffern, die wir erhalten haben, waren sie nicht. Es gab einige Fälle, wo der Sanka Koffer gebracht hatte, die voll davon waren. Wir hatten nichts damit zu tun, das ging an die Zahnstation. Einige Male haben die Sankas solche Koffer mitgebracht. Zusatz des Zeugen: Wahrscheinlich auf Dr. Capesius' Anweisung. Die Häftlinge mußten sie sortieren, das habe der Häftling Sulikowski vorgenommen. Er habe sie Dr. Capesius geben müssen.

Dann die entscheidende Frage des Vorsitzenden: Wissen Sie, was Dr. Capesius mit dem Gold machte ?

Zeuge: Es ist mir nicht bekannt.

In der weiteren Vernehmung ging es dann etwas durcheinander.

Vorsitzender: War es nicht so, daß das Gepäck, bevor es vom Kanada-Kommando ausgesucht wurde, direkt zur Apotheke kam, und zwar sofort von der Rampe, und dann erst nach Kanada ging?

Zeuge: Soweit ich weiß, kam es erst zu Kanada und dann in die Apotheke.

Vorsitzender: Waren Devisen, und Wertgegenstände dabei? Was geschah damit?

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Zeuge: Ja, in den Medikamenten waren Wertgegenstände versteckt. Bei der Sortierung auf dem Speicher habe ich sie Dr. Capesius übergeben.

Vorsitzender: Wurden diese in besondere Behälter einsortiert?

Zeuge: Eine verschlossene Kiste stand gegenüber der SS-Apotheke. Sie wurden in die Kiste getan. Ich war selbst Zeuge, als Krömer1 sie reinlegte. Der Inhalt der Kiste - soweit mir bekannt - wurde von Leuten der Lagerverwaltung abgeholt. Die Kiste wurde zu diesem Zweck geöffnet.

Was wollen Sie diesem Zeugnis entnehmen? Nichts kann daraus entnommen werden für eine etwaige Bereicherung von Dr. Capesius. Wenn z. B. Wertgegenstände oder Geld oder Devisen bei der Sortierung von Koffern, in denen sich Medikamente befanden, anfielen und Dr. Capesius bei dieser Sortierung gerade zugegen war, so war es doch als Leiter der Apotheke seine Pflicht, diese Wertgegenstände in Verwahrung zu nehmen. Dabei ist doch nicht entscheidend, ob er sie z. B. in der Hand behielt oder ob er sie - was das Geld anlangt - in die Tasche steckte. Er mußte doch das Geld entgegennehmen, um es später der Verwaltung abgeben zu können. Er konnte es auch so lange nicht sichtbar in der Hand behalten, bis ein Beauftragter der Kommandantur erschienen war, um dieses Geld in Empfang zu nehmen. Die Tatsache also, daß Dr. Capesius das Geld in seine Tasche gesteckt hat, beweist noch keineswegs, daß er es zu dem Zweck in die Tasche gesteckt hat, es für persönliche Zwecke zu verwenden. Das gleiche hat natürlich auch von dem von Sulikowski übergebenen Gold zu gelten. Niemand weiß und kein Zeuge hat darüber irgendwelche Angaben gemacht, was mit dem Gold geschehen ist. Es muß daher davon ausgegangen werden - im Zweifel für den Angeklagten -, daß es den damals vorgeschriebenen Weg der Abgabe an die Lagerverwaltung gegangen ist.

Also auch das Zeugnis Sewzyk ergibt keine Belastung für Dr. Capesius, er habe sich persönlich bereichert.

6. Sowohl der Nebenklagevertreter als auch Staatsanwalt Kügler haben in ihren Schlußausführungen, soweit sie Dr. Capesius betroffen haben, das Zeugnis Sulikowski erwähnt, und zwar jeweils zum Schlüsse ihrer Ausführungen, und sie behaupteten beide, daß dieser Zeuge die fremde Währung an Dr. Capesius habe geben müssen. Er habe auch die Weisung bekommen, darüber nicht zu sprechen.

Der Zeuge Sulikowski ist weder hier vor Gericht erschienen, noch hat eine Vernehmungsniederschrift, die etwa verlesen worden wäre, vorgelegen. Nur die Staatsanwaltschaft hat fairerweise in ihrem Plädoyer angeführt, daß dieser Zeuge nicht vernommen worden sei. Das Zeugnis oder das behauptete und gar nicht vorliegende Zeugnis des Sulikowski kann also keinerlei Verwertung finden. Das ist sicherlich klar.

Ich beantrage, im Protokoll zu vermerken, daß ich den Schlußvortrag des l. Nebenklagevertreters insoweit beanstande, als er einen von ihm als Zeugen bezeichneten Sulikowski und seine angeblichen Angaben verwertete.

Damit habe ich alle Beweise - ohne Ausnahme - gewürdigt, die die Staats-


1 Vorgänger von Dr. Capesius.

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anwaltschaft und die Nebenklagevertreter zu dem Ergebnis - zu dem erstaunlichen Ergebnis - führen, der Angeklagte Dr. Capesius habe sich in Auschwitz bereichert.

Eine solche Bereicherung ergibt sich aus keinem der angeführten Zeugnisse. Kein Zeuge hat auch nur im entferntesten behauptet, daß Dr. Capesius irgend etwas für eigene Zwecke an sich genommen habe. Zwar hat man den Eindruck, daß die zu diesen Punkten vernommenen Zeugen den Dr. Capesius in dieser Richtung gerne belasten möchten, aber das, was sie gesagt haben, reicht in keinem Falle aus. Es läßt sich auch nicht aufeinander setzen, um mit der Summe dieser unzureichenden Beweise einen vollen Beweis für eine etwaige Bereicherung zu erbringen. Ich habe bereits darauf hingewiesen, daß die Summierung schlechter Beweise keinen guten Beweis ergeben kann. Zehn mal null ist nicht fünf, sondern nach Adam Riese null.

Es ist aber mehr als erstaunlich, daß der Nebenklagevertreter es wagt, bei einem solchen Beweisergebnis von einer Leichenfledderei im großen zu sprechen, womit er, wie er sagt, die eindeutige Antwort darauf geben könne, aus welchen Gründen die finanzielle Situation des Angeklagten Dr. Capesius nicht ungünstig sei.

Ich möchte vollständig sein: Zur Frage der angeblichen Bereicherung ist dann auch der Zeuge Bard, vernommen am 17. 8.1964, befragt worden, ob er irgend etwas darüber wisse.

Die Frage lautete: Wissen Sie, ob sich Dr. Capesius bereichert hat?

Die Antwort: Das weiß ich nicht.

Es sei Gespräch gewesen, daß Dr. Capesius große Pakete nach Wien geschickt habe. Man habe aber nicht wissen können, was darin war. Der Zeuge selbst weiß also nichts, gar nichts, er gibt nur Hörensagen an.

Und selbst wenn es richtig wäre, daß Dr. Capesius große Pakete nach Wien geschickt hätte. Eines ist dann doch aber sicher: Voll Gold konnten diese großen Pakete nicht gewesen sein. Man hätte sie nämlich nicht von der Stelle bewegen können, so schwer wären sie gewesen. Die »großen« Pakete sind also eine schlechte Erfindung. Ich bitte das Hohe Gericht, sich von Eindrücken dieser wirklich unbewiesenen Art, die sonst bei keinem der Angeklagten ins Feld geführt worden sind, völlig frei zu machen. Sie müssen alles, was Dr. Capesius Ihnen in seiner Einlassung gesagt hat, vorurteilslos entgegennehmen und es mit voller Objektivität würdigen.

Nun noch ein weiteres Beispiel für die Übertreibungen in diesem Zusammenhang: Es wird immer davon gesprochen, Dr. Capesius habe sich für einige Liter Alkohol eine Brillantbrosche eingetauscht. Das trifft nicht zu, so wie es behauptet wird. Wenn Sie sich die Aussage des Zeugen Sikorski genau ansehen, so hat er folgendes bekundet:

Eines Tages fragte mich Dr. Capesius, ob ich die Möglichkeit habe, eine Brosche oder einen Stein zu kaufen. Aron sagte mir, er habe eine goldene Brosche. Er gab die Brosche Dr. Capesius und erhielt dafür drei bis vier Liter Alkohol. Aus der goldenen Brosche wird dann eine Brillantbrosche. Auch das zeigt, wie wenig genau man bei der Beurteilung der Vorgänge in dieser Hauptverhandlung vorgeht.

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Und wenn Sie die erforderlich vorsichtigen Maßstäbe im Falle des Dr. Capesius an die vorhandenen Beweise anlegen, so müssen Sie zu dem Ergebnis gelangen, daß sie nicht ausreichend sein können, die Einlassung des Angeklagten zu widerlegen.

Gerade bei den ausländischen Zeugen, die im Laufe des Prozesses so nach und nach und in Serien die Belastungen für die einzelnen Angeklagten erbrachten, haben sich Kräfte ausgewirkt, die der Kenntnis und daher auch der Beurteilung des Gerichts entzogen sind.

Sie wissen, daß in der Tschechoslowakei Komitees zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen gegründet wurden, von denen die tschechischen Zeugen mit Sicherheit ihre Informationen erhalten haben werden. Sie erinnern sich dieser so übertriebenen und daher schon unglaubwürdigen Angaben einer Reihe von tschechischen Zeugen, die sogar in Frankfurt mit der VVN Verbindung aufgenommen haben und sich nicht scheuten, dies dem Kostenbeamten mitzuteilen.

Sie wissen, daß auch in den anderen Ländern, wie Polen, Rumänien und Israel, solche Organisationen bestehen, die sicher auch dem Austausch von Informationen dienen,

Sie wissen - ich habe das unter Beweis gestellt -, daß die rumänischen Zeugen vor ihrer Ausreise von dem Sicherheitsdienst vernommen worden sind,

Sie wissen ferner, daß auch die polnischen Zeugen, zumindest teilweise, Vorvernehmungen im polnischen Justizministerium unterzogen worden sind.

Und bei all diesen Zeugen kommt dann noch die Einstellung hinzu, daß es bei diesen Angeklagten auf eine Belastung mehr oder weniger sowieso nicht mehr ankommen kann.

Die ausländischen Zeugen tragen keinerlei Verantwortung für ihre Aussagen, jedenfalls nach außen hin.

Ich habe Ihnen Beispiele gegeben, in welchem Maße sie sich widersprechen, ohne auch nur die geringsten Bedenken zu haben, von den dafür zuständigen Stellen zur Rechenschaft gezogen zu werden. Das ziehen die Zeugen gar nicht in den Kreis ihrer Betrachtungen. Das würden sie sogar als ein Unrecht empfinden. Sie hätten keinerlei Verständnis dafür, daß etwa ein Häftling für eine falsche Aussage in diesem Prozeß - auch unter Eid - zur Rechenschaft gezogen würde.

Das Gefühl, es kommt bei diesen Angeklagten sowieso nicht so genau darauf an, hat eben dazu geführt - und das ist mein fester Eindruck -, das sonst bei den Zeugen übliche Verantwortungsgefühl zu verdrängen.

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Es ist in diesem Prozeß gerade die wohl letzte Gelegenheit, für die zweifellos erlittenen Leiden auf diese Weise Rache zu nehmen.

Daß in den Ostblockstaaten ein gehöriger Einfluß auf die Zeugen ausgeübt wird und daß die Erteilung der Ausreisevisen von einer vorherigen Besprechung oder Vernehmung abhängig gemacht worden ist, kann einem ruhigen Beurteiler der gesamten Situation nicht zweifelhaft sein. Ich darf gerade in diesem Zusammenhang auf folgendes aufmerksam machen - das betrifft die polnischen Zeugen -:

Ein Dr. Sehn, hoher Beamter im polnischen Justizministerium, ist viele Male in Frankfurt gewesen. Allein bis zu diesem Prozeß - soweit ich aus den Kostenakten feststellen konnte - sechsmal. Bei den letzten beiden Besuchen hat er sogar noch einen Begleiter mitgebracht.

Bis zum 29. 11. 1963 haben er und sein Begleiter 7244,65 DM als Zeugengebührenvereinnahmt.

Haben Sie hier einen Zeugen Sehn oder Smulewski erlebt ? Ich nicht.

Der Zeuge Sehn war - wie ich durch die hiermit hilfsweise beantragte Verlesung von Kostenband II Seite 360, III Seite 22, IV Seite 38, V Seite 26, VI Seite 203, VI Seite 205 sowie V Seite 26, VI Seite 188, VI Seite 205 unter Beweis stelle - in den Zeiten 29. 2. 1960 bis 10. 3. 1960, 18. 6. 1960 bis 29. 6. 1960, 18. 11. 1960 bis 25. 11. 1960, 5. 7. 1961 bis 16. 7. 1961, 26. 11. 1962 bis 7. 12. 1962, 18. 11. 1963 bis 29. 11. 1963 in Frankfurt und hat für diese Besuche ständig steigende Entschädigungen entgegengenommen.

Bei den ersten vier Besuchen ging es noch ohne Verdienstausfall. Beim fünften Besuch wurde ein Verdienstausfall für 120 Stunden je 3,- DM, also 360,- DM gefordert und gewährt. Beim sechsten Besuch waren es schon 120 Stunden je 5,- DM, also 600,- DM.

Dr. Sehn hat allein Zeugengebühren im Betrage von etwa 5000,- DM vereinnahmt. Was er bei späteren Besuchen vereinnahmt haben sollte, weiß ich nicht. Haben Sie einen Zeugen Sehn erlebt? In diesem Prozeß jedenfalls nicht.

Schon nach dem ersten Besuch mußte die Staatsanwaltschaft doch wissen, daß Dr. Sehn als Zeuge nicht in Frage kommt. Und dann noch die weiteren Besuche mit Aufenthalten von jeweils mehr als einer Woche in Frankfurt! Also Zeuge war Dr. Sehn nicht. Was war er denn? Informant? Ein Informant erhält doch keine Zeugengebühren! Für wen? War er Zuträger für die polnischen Zeugen? Wollte er sich selbst orientieren, um seinerseits die polnischen Zeugen orientieren zu können?

Das ist doch eine Frage, die man stellen muß. Was war der Zweck seiner jeweiligen Besuche? Im Verlaufe der ihm bezahlten Aufenthalte wurden doch Besprechungen mit der Staatsanwaltschaft geführt. Zu welchem Zweck?

Nach der Einschätzung, die die Staatsanwaltschaft den polnischen Behörden gegenüber vornimmt - Staatsanwalt Vogel hatte bedauert, daß nicht mehr Anwälte zu den Vernehmungen in Polen mitgefahren waren, in deren Verlauf sogar die Dolmetscherin einen Anwalt angeschrien hat -, waren es doch sicher freimütige

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Unterhaltungen, in denen der Stand des Verfahrens dem Besucher bekanntgegeben worden ist.

Staatsanwälte, die die Ostblockmethoden so einschätzen wie Staatsanwalt Vogel, sind doch ziemlich harmlos gegenüber polnischen Besuchern. Dr. Sehn wußte also jeweils über den Stand des Verfahrens genauestens Bescheid. Sicher wollte er sich doch nicht persönlich informieren. Und solche persönlichen Auskünfte hätte die Staatsanwaltschaft sicher nicht erteilt, weil sie nicht erlaubt sind. Sie wissen doch, daß jeder polnische Zeuge, der nach Deutschland reiste, zuvor ins Justizministerium gehen mußte, um dort seinen eigenen Paß abzugeben und den Auslandspaß entgegenzunehmen. Sie wissen, daß jeder Zeuge mindestens zwei- bis dreimal bis zu siebenmal im Justizministerium war und die dafür entstandenen Kosten sich aus unserer Gerichtskasse hat geben lassen. Und Sie wissen, da die Zeugen das selbst angegeben haben, daß Vorvernehmungen im polnischen Justizministerium stattgefunden haben. Wer führte sie denn durch? Doch jemand, der Bescheid wußte? Wer außer Dr. Sehn wußte denn dort Bescheid?

Ich glaube, daß Dr. Sehn die Zeugen orientiert hat und dies mit den Kenntnissen tat, die er von unserer Staatsanwaltschaft bei seinen ihm dafür noch bezahlten Besuchen in Frankfurt erlangt hatte.

Wie kommt es, so frage ich weiter, daß ein höherer Beamter des polnischen Justizministeriums hier bei uns Verdienstausfall für solche Besuche geltend macht, durch die er Orientierungen für sich und seine Behörde oder seinen Staat einholen wollte? Ist ihm denn überhaupt ein Verdienstausfall entstanden? Doch sicher nicht! Und wenn nicht, was bedeutet dann die Geltendmachung eines solchen, in Wirklichkeit nicht entstehenden Verdienstausfalls?

Und wie kommt es, daß die Staatsanwaltschaft einen höheren Beamten des polnischen Justizministeriums, nach dessen ersten Besuch doch feststand, daß er als Zeuge nicht fungieren wird, bei noch weiteren fünf Besuchen - oder waren es noch mehr? - als Zeugen entschädigte? Auf Zeugenentschädigung hat doch nur ein geladener oder vernommener Zeuge einen Anspruch.

Überlegen Sie doch mal, was der eigentliche Zweck der Besuche des Dr. Sehn gewesen sein kann. Doch sicher die Orientierung für das polnische Ministerium selbst. Sonst geben die Ostblockstaaten - so auch die Ostzone - doch nur Material und Orientierung, wenn sie glauben, daß es zu diesem Zeitpunkt politisch gerade paßt.

Dr. Sehn kam doch nicht im Interesse der Staatsanwaltschaft nach Frankfurt. Das haben die Staatsanwälte nur angenommen in ihrer Harmlosigkeit den Ostblockstaaten gegenüber!

Solche Dinge - wenn sie nach ihrem wirklichen Gewicht geprüft werden - setzen in einem Prozeß diese Art Zeugen, die aus den feindselig eingestellten Ostblockstaaten kommen, eigentlich völlig außer Kraft.

Sicher wird Dr. Sehn den Zeugen gesagt haben: Sie können da ruhig hinfahren, dort passiert Ihnen nichts, da brauchen Sie keine Bedenken zu haben. Nur ordentlich

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auspacken, dann sind die schon zufrieden. Das wird die vorbereitete Einstellung jener Zeugen sein, die wir aus den Ostblockstaaten gesehen und gehört haben.

Und wenn dann noch hinzukommt, daß es sich um den Auschwitzkomplex handelt, dann gelten überhaupt keine Regeln mehr, diesen Angeklagten gegenüber ist dann alles erlaubt.

Zum Problem der Zeugenaussage in Prozessen dieser politischen Art möchte ich Ihnen ein sehr treffendes und lehrreiches Beispiel geben. Es hat sich im Bergen-Belsen-Prozeß ereignet, der im November 1945 in der Lüneburger Turnhalle stattgefunden hat. Es waren dort 47 Personen angeklagt, darunter auch der Arzt Dr. Fritz Klein aus Auschwitz.

Sie kennen sicher - dem Namen nach - Richard Tüngel, den Begründer der Wochenzeitschrift »Die Zeit«, er war auch deren erster Chefredakteur.

Ich habe vor mir liegen das von Richard Tüngel und Hans-Rudolf Berndorff 1958 herausgegebene Buch mit dem Titel: »Auf dem Bauche sollst du kriechen.« Sein Mitverfasser, der vor zwei Jahren verstorben ist, war Ullstein-Redakteur und Autor.

Ich möchte Ihnen aus diesem "Werk auszugsweise ein Kapitel zitieren, weil es m. E. zu dem Problem der Beurteilung von Zeugenaussagen erheblich beiträgt. Es zeigt nämlich, wie in Prozessen politischer Art, in dem Haßgefühle zur Auswirkung kommen, der Wert der Zeugenaussage normalerweise fast auf ein Nichts herabgedrückt wird.

Richard Tüngel hat mich ermächtigt, ausdrücklich zu erklären, daß es sich bei dem Bericht, den ich Ihnen nur auszugsweise zitiere, um einen authentischen Bericht handelt.

Hilfsweise beantrage ich, Richard Tüngel als Zeugen darüber zu vernehmen, daß es sich bei dem auf Seite 101 beginnenden Kapitel um einen authentischen Bericht über diese Situation im Bergen-Belsen-Prozeß handelt. Unter den Angeklagten befand sich ein deutscher Häftling Schmitz, von dem die Anklage behauptete, auch er habe zu den Wachmannschaften des Konzentrationslagers gehört und sich an allen Grausamkeiten gegen die Insassen des Lagers beteiligt. Ich zitiere nun auszugsweise :

Der Ankläger: »Schmitz, dem Gericht kommt es darauf an, zu erfahren, wann Sie in die SS eingetreten sind.«

Schmitz: »Ich han meinem Verteidiger doch schon jesagt, daß ich nie in meinem Leben in die SS eingetreten bin und auch nicht in der SS war.« Der Ankläger: »Wie sind Sie denn zu der Wachmannschaft in Bergen-Belsen gekommen?«

Schmitz: »Ich war überhaupt nicht unter der Wachmannschaft von Bergen-Belsen.«

Der Ankläger: »So plump, Schmitz, wird es nicht gehen. Sie sind zusammen mit allen Angehörigen der SS, die hier in der Anklagebank sind, in der SS-Baracke festgenommen und dann in Untersuchungshaft abgeführt worden. Wir werden ja bald durch die Zeugen feststellen, was an Ihren Behauptungen wahr ist. Also

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dann berichten Sie einmal dem Gericht, wie Sie zur SS-Mannschaft gekommen sind.«

Aber schon kommt der erste Zeuge. Ein Mann aus Polen. Wird auf Schmitz hingewiesen und sagt: »Jawohl, der Mann hat der Wachmannschaft Bergen-Belsen angehört.«

Der Verteidiger nimmt ihn ins Kreuzverhör. Der Pole bleibt bei seiner Aussage.

...

Es kommen viele Zeugen. Jawohl, sie haben alle Schmitz unter den Wachmannschaften gesehen. Es kommen zwei Zeuginnen, die Schmitz an den Galgen bringen können. Sie haben ihn auch in Auschwitz gesehen. Sie haben ihn gesehen und sind dabeigewesen, wie Schmitz Leute für die Todeskammern, für die Gaskammern ausgesucht hat. Er trug eine lange Peitsche, sagt die eine, und schlug auf die armen, alten, ausgehungerten Häftlinge in Auschwitz ein. Er trieb sie in die Todeskammern. Und auch in Bergen-Belsen trug er ein Gewehr und schoß auf die Menschen, die Verhungerten, die sich Rüben oder Kartoffeln holen wollten, und zwei hat er erschossen.

...

Der Verteidiger von Schmitz steht auf und bittet das Gericht, man möge dem nach seiner Meinung vollkommen unschuldigen Manne seine Erregung zugute halten.

Er nimmt die letzte gefährliche Zeugin ins Kreuzverhör.

Die aber bleibt immer mit denselben Wendungen bei ihrer Aussage.

Aus - vorbei! Der nächste Fall.

Schmitz sitzt vollkommen zusammengebrochen, kreidebleich auf der Anklagebank. Er versteht die Welt nicht mehr. Er beugt sich zu seinem Verteidiger vor. Der schüttelt den Kopf. Er kann jetzt nicht mit ihm reden. Schmitz sinkt langsam mit geschlossenen Augen an die Schulter seines Nebenmannes. Mich überkam das große Mitleid mit diesem Manne, mit diesem - meinem Landsmanne -, den ich für vollkommen unschuldig hielt. Wir Rheinländer haben ein Gehör für den Ton, den unsere Landsleute sprechen. Dieser Mann hatte die Wahrheit gesagt, dessen war ich sicher. Trotzdem stand sein Leben auf dem Spiel; denn die Zeugenaussagen waren so präzise und so genau, daß das Kriegsgericht ihn eigentlich zum Tode verurteilen mußte.

...

Da - an einem der nächsten Tage -, die Vernehmung eines Zeugen vor Gericht war gerade zu Ende gegangen, erschien mit einem Male unerwartet der Court Marshai in der Mitte des Gerichtssaales. Das war noch nicht geschehen. Er nahm Front zu den Richtern und vermeldete, draußen warte, von dem Kommandierenden General der britischen Armee am Rhein gesandt, ein Zeuge mit einem Schreiben dieses Generals. Der General bitte das Gericht, den Sergeanten zu vernehmen. Der General bitte weiter, das sofort zu tun, damit der Mann keine Zeit verliere und

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schnell wieder zu seiner Einheit ins Rheinland zurückkehren könne. Die britische Armee habe dem Sergeanten einen Dienstwagen gestellt.

Der General sah auf, überlegte einen Augenblick und befahl dann, man solle den Sergeanten vor das Gericht bringen.

In voller vorschriftsmäßiger Equipierung erschien der Mann. Er war groß, füllig, und kaum trat er in den Saal, da rief Schmilz mit unterdrücktem Jubel: »Da isser ja! Da isser ja! Dat is ja meine Sergeant! Oh, wat is dat für ne liebe Sergeant!«

Der Dolmetscher zischte: »Halten Sie den Mund, Schmilz!«

Der General sah drohend zur Anklagebank, blickte dann aber zu dem Sergeanten und sagte: »Der kommandierende General wünscht, daß Sie vernommen werden. Was haben Sie auszusagen?«

»Meine Einheit, Sir, liegt im Rheinland. Ich habe Deutsch gelernt und es so weit gebracht, daß ich deutsche Zeitungen lesen kann. Ich las, daß ein Häftling im Zeugenstand folgendes aussagte: In der Nacht, die dem Tage der Befreiung folgte, sei er, ein deutscher Häftling, von den anderen Häftlingen angefallen worden. Man habe ihm die Kleider vom Leibe gerissen und ihn nackt zu Boden geworfen. Ein britischer Sergeant habe ihn dergestalt gerettet, daß er ihn in das SS-Quartier brachte und der SS befahl, ihm Kleider zu geben.

Dieser Sergeant, Sir, war ich! Der Mann hat die Wahrheit gesagt. Das hat sich ereignet.«

Schmitz sprang auf, breitete die Arme aus.

Der Dolmetscher sah ihn strafend an. Schmitz sank wieder auf seinen Sitz.

Kurzes Verhör durch den General.

Längeres Verhör durch den Verteidiger des Oskar Schmitz.

Aus und vorbei! Schmitz war gerettet.

Hocherhoben saß er strahlend auf seinem Platz und lächelte den Dolmetscher an. Der Dolmetscher lächelte zurück. Er sah auf seinen Anwalt, der sich zu ihm wandte und lächelte. Schmitz lächelte über das ganze breite Gesicht. Schmitz versuchte, den General anzulächeln, und ich hatte den Eindruck, daß über dessen strenges Gesicht auch ein leichtes Lächeln glitt...

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Worte vermögen es nicht, in solcher Eindringlichkeit wie dieser Bericht zu zeigen, was man von Zeugenaussagen in Prozessen dieser Art halten darf. Und das war im Jahre 1945! Und wir haben jetzt 1965, also zwanzig Jahre danach.

Ich sage - und dies mit besonderem Nachdruck -, daß Sie bei der Bewertung von Aussagen eine Vorsicht anwenden müssen, die jede bisher in einem Gerichtsverfahren angewendete Vorsicht zu übertreffen haben wird.

Wenn Sie all das berücksichtigen - insbesondere aber auch das erwägen, was sich zwischen den Zeugen selbst abgespielt hat und das Sie nie werden feststellen können -, daß diese Zeugen nie eine Verantwortung für ihre Aussagen zu tragen haben werden, dann zeigt dieser Prozeß erneut mit besonderer Eindringlichkeit, daß man auf Zeugenaussagen als den schlechtesten Beweismitteln in Prozessen dieser Art so gut wie nichts mehr geben kann, insbesondere nach dem Ablauf von zwanzig Jahren.

Hohes Gericht! Was wollen Sie nun als das Ergebnis dieser Hauptverhandlung feststellen ?

Sicherlich sind die fürchterlichsten Verbrechen begangen worden, die ich in keiner Weise verkleinern möchte, ebenso sicher ist es aber, daß Sie, meine Damen und Herren Richter und Geschworenen, nicht mehr in der Lage sind, diese Verbrechen tatbestandsmäßig festzustellen, wie es für den Erlaß eines Urteils erforderlich ist.

Wie wollen Sie den ganzen Prozeßstoff in zehn Tagen, die Ihnen zur Verfügung stehen, bewältigen und abwägen in einer Weise, die es ausschließt, daß Sie nichts außer acht gelassen haben, was für den jeweiligen Angeklagten sprechen könnte! Denken Sie doch dabei daran, welche Sorge Sie selbst haben würden, falls Sie als Angeklagter in einer solchen Situation vor Gericht stünden! Würden Sie nicht bei dem Gedanken verzweifeln, wie soll ein Gericht aus all dem, was hier verhandelt worden ist, meinen von zwanzig Fällen so genau kennen, daß es zu einem gerechten Urteil kommen kann!

Eine tatsächlich unmögliche Aufgabe, vor die Sie der Staat durch die Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main gestellt hat, deren Schwierigkeit die der Verteidigung während dieses Prozeßverfahrens bei weitem übertrifft.

Sie wissen, daß ich den Standpunkt vertrete - ein anderer läßt sich rechtlich gar nicht halten -, daß alle nicht verjährten Straftaten zu verfolgen sind. Darüber gibt es keinen Zweifel.

Sie müssen aber verfolgt werden in einer Weise, die die Gerechtigkeit nicht gefährdet, in einer Weise, die dem Gericht die ruhige Überlegungszeit für seinen mög-

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licherweise folgenschweren Spruch läßt. Und diese ruhige Überlegungszeit haben Sie nicht.

Man hat von seilen der Staatsanwaltschaft und der eröffnenden Strafkammer die Justiz in einer unbedachten und objektiv frevelhaften Weise - ohne jeden Überblick -in Gang gesetzt.

Frevelhaft deshalb, weil die Art und der Umfang dieses Verfahrens es ausschließen, daß ein mit drei Berufs- und sechs Laienrichtern1 besetztes Gericht in der ihm zur Verfügung stehenden Beratungszeit sein gerecht sein sollendes Urteil ohne Hast und mit weiser Überlegung beraten kann. Das Strafverfahren konnte eben nicht groß genug sein!

Sollten Sie, Hohes Gericht, mit der Beratungszeit nicht auskommen, so bleibt Ihnen nichts anderes übrig, als nur über die klarliegenden Fälle zu entscheiden, und diejenigen Fälle, zu deren gründlicher Beurteilung Ihnen die erforderliche Zeit nicht mehr zur Verfügung steht, abzutrennen und auf unbestimmte Zeit zu vertagen.

Diese abgetrennten Fälle mag dann ein zukünftiges Schwurgericht - ohne die zusätzliche Belastung durch die schon entschiedenen Fälle - zu einem Ende führen. Das wird nach meiner Meinung die einzige Möglichkeit zur Lösung des Konfliktes sein, in dem Sie sich, Hohes Gericht, zu meinem großen Bedauern in Wirklichkeit befinden.

Ich bin sicher, daß Sie diesen Weg auch wählen werden und wählen müssen, falls Sie erkennen, daß Sie nicht in der Lage sind, die Ihnen zugefallene Entscheidung nach den Grundsätzen des Rechts und der Gerechtigkeit zu fällen.«

Den Angeklagten Dr. Capesius müssen Sie, ebenso wie die übrigen von uns verteidigten vier Angeklagten, unter Auferlegung der Kosten auf die Staatskasse freisprechen2 und den Haftbefehl aufheben.


1 Unter den sechs Geschworenen waren zwei Männer und vier Frauen. Bei der Urteilsverkündung weinten alle vier weiblichen Geschworenen, als der Vorsitzende davon sprach, in welch' hohem Maße die Richter beansprucht gewesen seien.

2 Dr. Capesius wurde wegen Beihilfe zum gemeinschaftlichen Mord in mindestens vier Fällen an mindestens je 2000 Menschen zu einer Gesamtzuchthausstrafe von neun Jahren verurteilt.

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