Im Oktober und November 1944 wurden aufgefrischte Divisionen der Waffen-SS unter dem Kommando des Generaloberst der Waffen-SS Sepp Dietrich im Rahmen der 6. Panzer-Armee westlich Köln-Bonn versammelt, um am 16. Dezember zusammen mit Truppen des Heeres und der Luftwaffe zur Ardennen-Offensive anzutreten.
Anfang Dezember 1944 erfolgte die mündliche Einweisung der Oberbefehlshaber (von Rundstedt, Model, Sepp Dietrich, von Manteuffel), der Kommandierenden Generäle und der Divisionskommandeure für die geplante Offensive durch den Obersten Befehlshaber Adolf Hitler. Hierbei wurde die kriegsentscheidende Bedeutung der Offensive hervorgehoben und betont, daß ihr Erfolg von der Schnelligkeit der Durchführung abhinge. Der 6. Panzer-Armee wurden in diesen Tagen Divisionen des Heeres und der Luftwaffe unterstellt.
Der am 11. Dezember 1944 ergangene Operationsbefehl des I. SS-Panzerkorps verlangt von den unterstellten Heeres-Divisionen den Durchbruch durch die amerikanischen Stellungen und von der 1. SS-Panzer-Division LAH und der 12. SS-Panzer-Division "HJ" den unmittelbar anschließenden raschen Durchstoß zur Maas bei Lüttich, und zwar ohne Rücksicht auf Gefährdung der eigenen Flanken und auf den Anschluß der nachfolgenden Truppen. Dieser Befehl enthält die Anordnung, daß Gefangene von den vorn eingesetzten Panzertruppen durch nachfolgende Infanterie-Einheiten zu übernehmen und nach rückwärts abzutransportieren seien.
Ein am Vortage der Offensive (15. Dezember) an alle unterstellten Truppen der Waffen-SS, des Heeres und der Luftwaffe ergangener Tagesbefehl des Armee-Oberbefehlshabers Sepp Dietrich fordert angesichts der kriegsentscheidenden Bedeutung der Offensive höchsten Einsatz vom letzten Mann. Dieser Befehl enthält keinerlei kampftechnische Anweisungen oder
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Anordnungen über die Behandlung von Kriegsgefangenen und Zivilpersonen.
Bei der 1. SS-Panzer-Division LAH führt Oberst Peiper die vorn eingesetzte gepanzerte Kampfgruppe mit dem Auftrag, von Stadtkyll aus über Stavelot südlich Malmedy so rasch wie möglich zur Maas durchzustoßen. Angriffsbeginn für die Infanterie-Divisionen des Heeres 16. 12. 05.00 Uhr. Antreten der gepanzerten Gruppe Peiper 16. 12. 10.00 Uhr zur Mitwirkung beim noch nicht vollendeten Durchbruch durch die amerikanischen Stellungen bei Büllingen. Hier wird ein Feldflugplatz mit startbereiten Flugzeugen genommen; der nach heftigem Kampf aus Büllingen geworfene Feind wird am 17. 12. nach Westen verfolgt. In Engelsdorf wird ein amerikanischer Stab vom deutschen Vorstoß überrascht und flieht.
Am 18. 12. früh wird Stavelot gegen amerikanische Panzer-Abwehr im Panzer-Sturmangriff genommen und unverzüglich bis La Gleize—Stoumont vorgestoßen. Hier muß angehalten werden, weil der Betriebsstoff-Nachschub über die schlechten und inzwischen verstopften Straßen nicht folgen kann. Ebenso konnte das über Amel nachfolgende SS-Panzer-Grenadier-Regiment 2 den Anschluß an die gepanzerte Gruppe nicht halten und traf erst am 19. 12. vor Stavelot ein.
Inzwischen hatten amerikanische Reserven, von Norden herangeführt, Stavelot wieder in Besitz genommen, so daß die Verbindung zur gepanzerten Gruppe abgeschnitten und eine Betriebsstoff- und Munitions-Zufuhr nicht mehr möglich war.
Am 20. und 21. 12. wurde die Gruppe Peiper auch von Norden, Westen und schließlich von Süden umfaßt und nun laufend von amerikanischen Panzerkräften angegriffen. Am 22. 12. war die gepanzerte Gruppe Peiper im Raume La Gleize—Stoumont eingeschlossen. Die Versuche, den Einschließungsring von außen her zu öffnen, scheiterten.
Der Abwehrkampf der eingeschlossenen Gruppe Peiper wurde im Laufe des 22. und 23. 12. immer härter und schwieriger, da nun auch die Munition ausging und die Panzer ohne Betriebsstoff völlig unbeweglich feststanden, während die konzentrischen amerikanischen Angriffe mit überlegenen Panzerkräften und starker Artillerie an Heftigkeit ständig zunahmen.
So sah sich Oberst Peiper gezwungen, die wertlos gewordenen Panzerfahrzeuge zu sprengen und in der Nacht vom 23. zum 24. 12. den Ausbruch aus dem amerikanischen Einschließungsring zu wagen.
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Über den Ambleve-Fluß gelang der Ausbruch nach Süden und Oberst Peiper konnte mit seinen Männern das in Gegend Wanne eingesetzte SS-Panzer-Grenadier-Regiment 1 erreichen. Eigene Verwundete und gefangene Amerikaner wurden vor dem Ausbruch im Ort La Gleize dem amerikanischen Captain Chrisenger in schriftlicher Verhandlung übergeben und der deutsche Arzt Dr. W. Dittmann zur ärztlichen Versorgung der übergebenen verwundeten Deutschen und Amerikaner befohlen.
Zwei Tage zuvor waren bei der Aufgabe des Ortes Stoumont deutsche und amerikanische Verwundete unter einem deutschen und 2 amerikanischen Sanitätsdienstgraden zurückgelassen worden.
Die eigenen Verluste waren in dem konzentrisch geleiteten Artilleriefeuer und unter den energischen Panzerangriffen der Amerikaner in den Kämpfen um Stoumont und La Gleize sehr hoch. Über die letzte Phase des Kampfes, wo nur noch Keller Deckung boten, berichtete der amerikanische Oberstleutnant McGown 1946 als Zeuge in der Hauptverhandlung. Als Stabsoffizier in der 30. amerikanischen I. D. geriet er bei La Gleize in deutsche Gefangenschaft. Er sollte als einziger, weil besonders wertvoller Gefangener beim Ausbruch mitgeführt werden, konnte jedoch in der Nacht vom 23./24. 12. 1944 entkommen. Sofort nach Rückkehr zu seinem Regiment hat er in einem schriftlichen Bericht über seine Erlebnisse als Gefangener die korrekte Behandlung der Gefangenen und die saubere Haltung der SS-Truppe hervorgehoben.
Außer den etwa 140 Gefangenen, die in La Gleize übergeben wurden, hatte die Pz.-Gruppe Peiper vom 16.—18. 12. etwa 400 Gefangene an die Sammelstellen der Division überwiesen. Die Namen einer größeren Zahl von verwundeten Gefangenen hat der damals behandelnde Arzt festgehalten. Die Liste wurde später durch Dr. Leer bei Judge Advocate Office vorgelegt.
Am 19. Dezember war die Offensive bei der 6. Pz.-Armee gescheitert, der Ring um die Pz.-Gruppe Peiper konnte von Osten her nicht mehr aufgebrochen werden.
Am 20. Dezember hörte der I c beim Stab der 6. Pz.-Armee vom amerikanischen Sender Calais diese Meldung :
"Bei Malmedy wurden amerikanische Kriegsgefangene durch deutsche Soldaten erschossen."
Sepp Dietrich wollte wissen, ob das wahr sei. Eine sofortige Umfrage bei allen unterstellten Truppen, ob über einen solchen Vorgang etwas bekannt sei, brachte verneinende Antworten.
In der Hauptverhandlung 1946 wurde ein Bericht der 1. amerikanischen
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Armee vom Februar 1945 vorgelegt. Darnach waren an der Straßenkreuzung SO Malmedy 71 Leichen amerikanischer Soldaten auf begrenztem Raum aufgefunden worden. Das medizinische Gutachten enthält im einzelnen die Schuß- und Splitterverletzungen der Toten, außerdem den Inhalt der Taschen, weiteres persönliches Eigentum, Wertsachen usw. und stellt fest, daß die Toten nicht beraubt worden seien. Die einzelnen Befunde wurden jeweils durch eine fotografische Aufnahme unterstützt.
Die Meldung des Senders Calais und die Nachforschungen der 1. US-Armee waren veranlaßt durch einige amerikanische Soldaten, die am 17. Dezember 1944 von der Straßenkreuzung entkommen waren. Ihre Aussagen vor Gericht, der Bericht der 1. US-Armee, die Fotos vom Befund an der Straßenkreuzung und die Aussagen von Verurteilten und Zeugen aus der Pz.-Gruppe Peiper sind die Grundlagen für die folgende Darstellung des Vorganges an der Straßenkreuzung :
Im Kampf um Büllingen war Peiper aufgehalten worden und drängte nun am 17. 12. vorwärts, um den geglückten Durchbruch auszunützen. Er selbst fuhr mit dem Kommandeur des SPW-Bataillons, Diefenthal, in der Spitzengruppe. Um die Mittagszeit wurde eine von Norden kommende amerikanische Lastwagenkolonne gesichtet und sofort, schon auf größere Entfernung mit den Panzerwaffen beschossen. Die völlig überraschten Amerikaner — eine kampfungewohnte Beobachtungsbatterie — wurden kopflos. Fahrer sprangen in voller Fahrt ab, die Fahrzeuge fuhren ineinander, stürzten oder liefen sich an Bäumen oder im Straßengraben fest, einzelne brannten. Die amerikanischen Soldaten suchten teilweise Deckung und schossen nach den Panzern, andere rannten nach dem nahen Waldrand, ein Teil ergab sich bei Annäherung der deutschen Panzer und wurden von den Panzerführern in Richtung Osten gewiesen.
Die Panzer-Spitzengruppe fuhr weiter, ohne sich um den Verbleib der überrumpelten Amerikaner zu kümmern. (Sie hatte frontalen Widerstand zu brechen und Gefährdung der Flanken in Kauf zu nehmen.)
Mit einem Abstand von 5—10 Minuten folgte die Vorhut der Panzergruppe, geführt vom Kommandeur der I. Pz.-Abt., Poetschke. Aus den gefechtsbereit fahrenden Panzern wurden die amerikanischen Soldaten bei der Straßenkreuzung auf weite Entfernung erneut als Feindtruppe angesprochen und beschossen.
Der amerikanische Leutnant Lary hat nach seiner eigenen Aussage beim ersten Zusammenstoß mit der Panzer-Spitzengruppe seine Männer aufgefordert, sich zu verteidigen und sich zunächst nicht zu ergeben. Offenbar schlossen sich nach dem Weitermarsch der Pz.-Spitze die am Kampfplatz
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verbliebenen Amerikaner zusammen und wurden dann erneut beschossen. Der nähergekommenen Panzer-Vorhut haben sie sich ergeben. Darnach fiel, nach Darstellung amerikanischer Zeugen, von deutscher Seite ein Pistolenschuß. Die Amerikaner warfen sich zu Boden. Ein zweiter Pistolenschuß fiel. Ein Teil der Amerikaner sprang auf und versuchte zu fliehen. Auf sie schoß ein Maschinengewehr. Alle warfen sich zu Boden. "Jemand sagte : 'Los geht's !' Das gab eine fast einmütige Reaktion. Wer überhaupt konnte, sprang auf und wir machten einen Ausbruch" berichtet Lary. Daraufhin eröffnete ein weiteres Maschinengewehr das Feuer auf die Amerikaner. 4 von ihnen traten im Prozeß als Zeugen auf; ihnen ist es damals mit anderen gelungen, sich totzustellen und später zu entkommen.
Die Fotografien vom Februar 1945 zeigen 71 tote Amerikaner in auseinanderliegenden kleinen Trupps. Die Kolonne soll etwa 200 Mann umfaßt haben.
In höchstens 12 Minuten hat sich der "crossroads incident" abgespielt. Allein die Schnelligkeit des Verlaufs bei beiderseits höchster Spannung erklärt die Schwierigkeit, diesen Verlauf klar zu rekonstruieren und darüberhinaus eine etwaige Schuldfrage zu klären.
Für die Amerikaner war es unmöglich, zu einem einheitlichen Verhalten zu kommen : Widerstand leisten ? sich ergeben ? eine Waffe ergreifen ? fliehen ? schießen oder Deckung suchen ?
Für die Deutschen kam es darauf an, den Weg frei zu machen, ohne Zeit zu verlieren : Erkannter Feind wird beschossen; wo noch ein Feindsoldat schießt, haben sich nicht alle ergeben; wer aber mit erhobenen Händen dasteht, hat sich ergeben und auf den ist nicht zu schießen !
Ob die Darstellung mit dem Pistolenschuß zutreffend ist, das ist nicht sicher geklärt.
Wer von den 71 Amerikanern beim gefechtsmäßigen Zusammenprall gefallen ist, wer von ihnen sich eindeutig ergeben hatte, wer durch schuldhaft kriegsrechtswidriges Schießen getötet wurde, wer beim Wegrennen durch das MG-Feuer gefallen ist, das ist nicht mehr zu klären.
Noch Stunden später wurde der verurteilte Briesemeister an derselben Straßenkreuzung von Amerikanern beschossen.
Es liegt nun nicht nur an der Kampfsituation und an der daraus resultierenden Unzuverlässigkeit der Aussagen von beiden Seiten, wenn die Frage nach Schuld und Schicksal um die Malmedy-Straßenkreuzung nicht beantwortet ist — es liegt auch an der schuldhaft falschen Art der Untersuchungsführung :
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