1. Der deutsch-sowjetische Vertrag vom 23. August 1939

Schlüsselfiguren beim Einfädeln der deutsch-sowjetischen Verträge waren die sowjetischen Diplomaten Astachow und Atanasow von der sowjetischen Botschaft in Berlin. Bei einem Essen mit dem bulgarischen Gesandten im Hotel Adlon ließ man während des Gespräches so nebenbei die Bemerkung einfließen, „daß es an der Zeit wäre, die alten Gegensätze zwischen Rußland und Deutschland zu begraben".

Wie üblich und gewollt, sprach sich diese Äußerung der sowjetischen Diplomaten, die man als sensationell bezeichnen konnte, bald herum und erreichte natürlich auch die Wilhelmstraße. Daß eine so radikale Wende der sowjetischen Außenpolitik eigentlich höchst verdächtig sein mußte, hätte der Reichsregierung unbedingt auffallen müssen. Aber die Verschärfung der Lage mit Polen und die Einkreisungspolitik der Westmächte ergab, daß das plötzliche Entgegenkommen der Sowjetunion als wirkungsvoller Bruch der Einkreisung gegen Deutschland empfunden wurde und gleichzeitig hoffte man, daß Polen unter dem Druck der Verträge doch noch einlenken würde. Es darf auch nicht vergessen werden, daß zu gleicher Zeit eine englisch-französische Militärmission in Moskau bemüht war, Verträge mit der Sowjetunion abzuschließen, die gegen das Deutsche Reich gerichtet waren. Sie scheiterten schließlich an der polnischen Weigerung, den Sowjets eine Durchmarscherlaubnis zu geben, falls es zwischen Polen und den englisch-französischen Garantiemächten einerseits und dem Deutschen Reich andererseits zu einem Krieg kommen sollte.

Von Anfang an bedeutete die Unterzeichnung der Verträge für Stalin in Wahrheit nur eine Täuschung des Deutschen Reiches, um seine Regierung gegenüber England und Frankreich dem Scheine nach in Sicherheit zu wiegen. Doch davon wußte die Reichsführung nichts. Sie lebte zunächst in dem irrigen Glauben, die Gefahr eines Zweifrontenkrieges gebannt zu haben.

Besonders bei der Abfassung der „geheimen Zusatzverträge" tappten die Deutschen in eine regelrechte Falle. In Bezug auf die baltischen Staaten wurde nur die Abgrenzung von „Interessensphären" festge-

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legt, mit keinem Wort aber eine „Annexion", wie es dann während des Frankreich-Feldzuges von Seiten der Sowjets unter brutalstem Verhalten gegen die Bevölkerung geschah. Es zeigte sich nun, daß vom deutschen Außenminister und der Rechtsabteilung des Auswärtigen Amtes der Begriff der Interessensphäre und des deutschen Desinteressements zu sorglos und juristisch - das darf man sagen - zu schlampig formuliert wurde.

Die Schlauheit der Sowjets bestand wohl darin, daß es ihnen gelang, in den Verträgen unkorrekte Formeln und vage Definitionen festzuschreiben, um wohl hinterher in mehrfacher Weise Auslegungen bei der Hand zu haben. Daß die baltischen Staaten auf keinen Fall mit Vorbedacht an die Sowjets ausgeliefert wurden, steht fest. Als die Deutsche Wehrmacht nach dem 22. Juni 1941 das Baltikum von sowjetischer Herrschaft befreit hatte, wurden dort die Grundbuchämter wieder eröffnet. Den von den Sowjets enteigneten litauischen, lettischen und estnischen Haus- und Grundbesitzern und Landwirten wurde das Eigentum wieder zurückgegeben.

Durch das britisch-sowjetische Abkommen vom 12. Juli 1941 und den britisch-sowjetischen Bündnisvertrag vom 26. Mai 1942, mit dem dazugehörigen Geheimprotokoll, wurden das Baltikum, die osteuropäischen Staaten Polen, Tschechoslowakei, Ungarn, Rumänien, Bulgarien, der Balkan und Ost- und Mitteldeutschland pacta expressis verbis der politischen und militärischen Herrschaft der UdSSR überantwortet.

Damit kann Großbritannien den zweifelhaften Ruhm für sich in Anspruch nehmen, alle diese Länder für fast ein halbes Jahrhundert der bolschewistischen Gewaltherrschaft ausgeliefert zu haben. Genauso wurde den Sowjets von den Anglofranzosen auch nicht der Krieg erklärt, als sie am 17. September 1939 das ostpolnische Gebiet besetzten, wie man es Deutschland gegenüber nach Beginn des Polen-Feldzuges tat.

Beim Besuch Molotows im November 1940 in Berlin wurden ähnliche Gebietsforderungen der Sowjetunion, die damals schon ein Siebentel der Welt-Erdoberfläche beherrschte, von der Reichsregierung abgelehnt. Unter anderem beanspruchte Molotow ganz Finnland, Annexion der Süd-Bukowina und Stützpunkte am Bosporus und in Bul-

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garien. Dieser wichtige Molotow-Besuch in Berlin wird später noch genau beschrieben.

Aus einer Gesprächsaufzeichnung des Gesandten Hewel, geheime Reichssache, Aktenzeichen Füh 43/41, über eine Aussprache Hitlers mit Marschall Kvaternik im Führerhauptquartier in Anwesenheit von Generalfeldmarschall Keitel am 22. Juli 1941 (Mikrofilmband F/0119-08) geht hervor, wie sich Hitler von den Sowjets durch deren Baltikum-Annexion überrumpelt fühlte. Hitler sagte zu Marschall Kvaternik:

... in Litauen habe man feststellen können, wie die Bolschewisten das getan hätten: Am zweiten Tag, nachdem sie dort einmarschiert waren, seien alle Geschäftsleute um 7 Uhr früh auf die Straße befohlen worden, um diese zu reinigen. An den Straßenecken hätten Maschinengewehre gestanden, die dann diese Menschen zusammengeschossen hätten . . . Auch hätten die Sowjets aus all diesen Gebieten die Kinder weggetrieben, das Merkwürdige und Unerklärliche dabei sei, daß sie dies in eigenen Gebieten auch getan hätten. Hitler fuhr dann in bezug auf den deutsch-sowjetischen Paktabschluß vom August und September 1939 fort:

. . . Der Not gehorchend, habe er sich vor zwei Jahren entschlossen, den Weg mit Rußland zu gehen. Er, Hitler, habe zwar nie geglaubt, daß ein Zusammenleben mit der Sowjetunion möglich sei, doch habe er wenigstens ein Nebeneinanderleben versucht. Dies habe sich jedoch als unmöglich herausgestellt. Die Bolschewisten hätten jede Abrede gebrochen, schon die Art und Weise, wie sie die Baltenstaaten übernommen hätten, wie sie ganz Litauen plötzlich entgegen unserer Verabredung verlangt hätten, wie sie dann in dem Augenblick, als unsere Verbände im Westen waren und in Ostpreußen nur drei (deutsche) Divisionen standen, 22 Divisionen in den Baltenstaaten konzentrierten, wie sie mit den Finnen umgesprungen seien, dies alles sei ein Beweis für die Unmöglichkeit einer Zusammenarbeit. Aus allen deutschen und internationalen Staatsurkunden geht immer wieder klar hervor, daß Stalin und Molotow bei Abschluß der Verträge mit Deutschland im August und September 1939 den Wunsch nach Stützpunkten in den baltischen Staaten geäußert hatten, im übrigen aber diese Staaten zu garantieren wünschten, was die deutsche

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Reichsregierung auch wörtlich garantierte. Eine Annexion der Baltenstaaten, zumal in der erfolgten stalinistischen Art, hat die Reichsregierung nie und nimmer vereinbart.


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