2. Deutsch-sowjetische Beziehungen verschlechtern sich

Der Wunsch nach guten Beziehungen zur Sowjetunion veranlaßt die deutsche Regierung, Molotow zur feierlichen Ratifizierung der Verträge Ende Oktober nach Berlin einzuladen. Der sowjetische Außenminister lehnt jedoch wegen dringender Staatsgeschäfte ab. Nach der Ratifizierung in den beiden Hauptstädten wurden die Vertragsurkunden über die jeweiligen Botschaften am 15. Dezember 1939 ausgetauscht.

Versuche Hitlers und Ribbentrops, Molotow über die weitere Ausgestaltung des deutsch-sowjetischen Freundschaftsvertrages in Gespräche zu ziehen, was eigentlich logisch war, scheiterten an der Aalglätte der Sowjets. Ihre Zurückhaltung war im höchsten Maße verdächtig, einem erfahrenen Diplomaten hätte das sowjetische Verhalten Anlaß zum Nachdenken gegeben.

Trotz erster Zweifel und erster Enttäuschungen glaubte die Reichsregierung, vor allem Hitler und Ribbentrop, an des Reiches Ostgrenzen eine Situation der Sicherheit geschaffen zu haben, die an eine lange Vertragsdauer mit den Sowjets denken ließ. Die Reichsregierung hatte sich dem trügerischen Wahn hingegeben, daß die Kommunistische Internationale, die ja eigentlich für sie der Anlaß zur Gründung der Antikomintern gewesen war, sich nach und nach in einen Nationalkommunismus wandeln würde. Die sowjetische Bereitschaft, mit dem sonst so wütend bekämpften Faschismus und Nationalsozialismus Völkerrechtsverträge abzuschließen, mag Anlaß zu dieser Selbsttäuschung gewesen sein. Daß der Kreml hingegen an eine lange Vertragsdauer dachte, war, wie sich bald zeigen sollte, ein historischer Irrtum.

Sie alle kannten eben Stalin noch lange nicht genug und ließen sich von Worten des Generalissimus blenden, die dieser zum Beispiel beim Abschluß des Vertrages am 23. August 1939 gesagt hatte: „Ich habe an einem starken Deutschland ein großes Interesse und würde es niemals dulden, daß Deutschland in eine schwierige Lage käme."

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Stalins Standpunkt war durchaus logisch. Ein langer, gegenseitig zermürbender Krieg kapitalistischer Staaten untereinander war sein Wunsch (auch Deutschland zählte in Stalins Augen zu den kapitalistischen Ländern), und das konnte nur dann so ablaufen, wenn Deutschland vorerst nicht unterging. Den Unterlegenen würde er dann auf den Schindanger werfen. Stalins Rechnung ging später im Sommer 1941 nicht auf, weil sich das Deutsche Reich vom roten Zaren nicht auf den Schindanger der Geschichte werfen lassen wollte.

Nach Beendigung des Polen-Feldzuges, der nicht einmal einen Monat dauerte, machte der Krieg zunächst mal eine Pause. Hitler machte England und Frankreich mehrere Friedensangebote, die alle abschlägig beschieden wurden. Darin wurde von deutscher Seite auch die Wiederherstellung eines polnischen Staates angeboten.

Die Flucht der polnischen Staats- und Militärführung nahm die Sowjetunion zum Anlaß, die Rote Armee in Ostpolen einmarschieren zu lassen, um „das Leben und Eigentum der Weißrussen und Ukrainer auf dem Gebiet Polens unter ihren Schutz zu nehmen". Im „Geheimen Zusatzprotokoll" zum Hitler-Stalin-Pakt vom 23. August 1939 war diese Besetzung Ostpolens durch die Sowjets und damit die vierte Teilung Polens beschlossen worden. Von diesem „Geheimen Zusatz-Protokoll" hat bereits am Tage seines Abschlusses der amerikanische Präsident Roosevelt durch einen geschwätzigen Attache der deutschen Botschaft in Moskau Kenntnis erhalten. Da Roosevelt Stillschweigen bewahrte und weder Polen noch die Anglo-Franzosen informierte, muß angenommen werden, daß er auf keinen Fall den Krieg verhindern wollte.

Der Angriff der Wehrmacht auf Norwegen im April 1940 beendete die friedliche Phase nach dem Polen-Feldzug und war eindeutig eine präventive Aktion mit dem Ziel, den Westalliierten zuvorzukommen, die in Nordirland bereits Landetruppen für die Invasion in Skandinavien bereitgestellt hatten. Deutschland sollte von der so wichtigen Erzzufuhr abgeschnitten werden.

In einem kühnen Unternehmen der Marine und des Landheeres gelang es den Deutschen, den Engländern nur um einige Stunden zuvorzukommen und trotz der Überlegenheit der britischen Flotte die Landung der Truppen erfolgreich durchzuführen und nach harten Kämp-

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fen gegen Engländer und französische Fremdenlegionäre Norwegen zu erobern.

Die gleichzeitige Besetzung Dänemarks verläuft fast kampflos. Die Regierung befiehlt die Waffenstreckung, und der dänische König bleibt im Land. Bei diesen Operationen hatten sowohl England und Frankreich als auch Deutschland die Neutralität Dänemarks und Norwegens verletzt bzw. hatten es vorgehabt.

Der am 10. Mai 1940 erfolgte Einmarsch deutscher Truppen nach Holland und Belgien - ohne vorherige Kriegserklärung wie im Ersten Weltkrieg - aber war unverkennbar eine Verletzung internationalen Völkerrechts. Beide Operationen wurden übrigens - wie spätere Archiv-Funde bewiesen haben - auch von den Alliierten ins Auge gefaßt.

Das unaufhaltsame Vorwärtsstürmen der deutschen Panzer bei gleichzeitiger Ausführung des berühmten „Sichelschnitts" bewirken das Abschneiden und damit die Einkesselung des britischen Expeditionskorps von fast 350000 Mann bei Dünkirchen. Den Briten droht die Vernichtung oder die Gefangennahme.

Im Vertrauen auf den deutsch-sowjetischen Freundschaftsvertrag stehen während des Feldzuges gegen Frankreich nur sechs deutsche Divisionen an der deutsch-sowjetischen Grenze. Es ist oft die Frage gestellt worden, warum die Deutschen den über den Kanal bei Dünkirchen flüchtenden Briten, unter Ausnutzung des Chaos, nicht nachgesetzt sind. Die Antwort auf diese Frage lautet: Zu diesem Zeitpunkt nahmen bei der deutschen Führung die Zweifel an der sowjetischen Vertragstreue ständig zu. Ein deutsches Landungsunternehmen wäre somit zu einem unkalkulierbaren Risiko geworden.

Nachdem die Sowjetunion im Anschluß an die Beendigung der Feindseligkeiten in Polen den baltischen Staaten unter Anwendung von Druck und Repressionen „Bündnis- und Beistandspakte" aufgezwungen und in diesen Ländern militärische Stützpunkte errichtet hatte, sah die UdSSR nun während des Frankreich-Feldzuges der Deutschen Wehrmacht den Zeitpunkt der eiskalten Annexion der baltischen Staaten gekommen.

Die Brutalität des sowjetischen Vorgehens gegen die baltischen Staaten zum Zwecke der Annexion erregte in der deutschen Reichs-

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führung sofort Aufsehen und machte sowohl Hitler, wie auch die Wehrmachtführung äußerst stutzig. Es wurde bekannt, daß Tausende, ja Zehntausende und Hunderttausende von Bürgern aus Litauen, Estland und Lettland in den kommenden Wochen und Monaten den Weg in die sibirische Verbannung antreten mußten und Abertausende dabei den Tod fanden.

Bei der Besetzung des Baltikums durch die Rote Armee wurde freimütig antideutsche Stimmung verbreitet und deutsche Aussiedler versuchte man zu überreden, doch dazubleiben, da in nächster Zeit Deutschland sowieso von den Sowjets besetzt werden würde.

Gleichzeitig begann, und das war wohl der schwerwiegendste Vertragsbruch, eine immer stärker werdende Truppenkonzentration der Sowjets an der deutsch-russischen Grenze.

Sehr interessant und aufschlußreich für die schon 1939 auf sowjetischer Seite begonnenen langfristigen Vorbereitungen einer gegen Deutschland gerichteten Militäroffensive ist die eidesstattliche Versicherung von Dr. Wolfgang Mommsen, der von 1939 bis Mitte 1941 der deutschen Gesandtschaft in Reval unterstellt, in der Kommission zur Sicherstellung deutschen Kulturguts und bei der zweiten Baltenumsiedlung tätig war. Da Dr. Mommsen bei den Nürnberger Prozessen 1946 nicht angehört worden war, reichte sein Rechtsanwalt dessen eidesstattliche Versicherung bei dem Siegergericht ein, wo diese jedoch ebenfalls unberücksichtigt blieb. Sie hatte folgenden authentischen Wortlaut:

„ . . . aus den unendlich vielen Nachrichten, die damals an mich gelangten, hebe ich folgende hervor: Immer wieder, und dies schon im September 1940, wurden uns durch Einheimische und Volksdeutsche Äußerungen russischer Offiziere und Kommissare hinterbracht, die gesagt hatten, der Nationalsozialismus werde bald unter den Schlägen der siegreichen sowjetrussischen Armee und Luftwaffe zusammenbrechen. Derartige Dinge wurden sogar gelegentlich in der estnischen Presse erörtert.

Ich entsinne mich auch, daß ich mehrmals davon hörte, daß Russen Volksdeutschen, die nach Deutschland umsiedeln wollten, gesagt haben, sie sollten doch dableiben, denn im nächsten Sommer würde

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der Russe sowieso in Berlin sein. Dementsprechend hörte man, daß innerhalb der russischen Armee die Offiziere von einem Krieg zwischen Deutschland und Rußland sprachen.

So wurde mir etwa Anfang 1941 berichtet, daß in einer Versammlung einer Rigaer Bank ein Major der Roten Armee eine Rede gehalten und ausgeführt habe, daß der Faschismus zu stark geworden sei und deshalb eine Gefahr darstelle, der die Sowjetunion entgegentreten müsse. Den russischen Angriff prophezeite er für den Sommer des gleichen Jahres 1941.

Es kann meines Erachtens kein Zweifel darüber bestehen, daß große Teile der Russen im Baltikum damals davon überzeugt waren, daß Sowjetrußland in Deutschland einbrechen würde. Übrigens war auch ich, nach allem was ich hörte, derselben Ansicht. Derartige Äußerungen wurden von der estnischen Bevölkerung kommentiert, und zwar mit sehr geringen Ausnahmen in der Weise, daß man sich an dem Glauben, Deutschland werde Rußland besiegen und noch einmal nach Estland kommen, aufrichtete." (Ende der eidesstattlichen Versicherung Mommsens.)

Daß die UdSSR mit ihrem Ultimatum an Litauen vom 15. Juni 1940 bei einem Staat beginnt, der gemeinsame Grenzen mit dem Deutschen Reich hat (hier mit Ostpreußen und dem Generalgouvernement Polen), ist ein erstes Indiz und ein erster Beweis, daß die UdSSR in Verfolgung der stalinistischen Linie hier ein strategisches Vorfeld aufbaut, daß später folgerichtig in einen für den 10. Juli 1941 geplanten sowjetischen Großangriff auf Deutschland einmünden soll. Man sichert zuerst zur deutschen Grenze hin ab - man ist zunächst noch defensiv eingestellt -, zugleich aber auch für den Eventualfall schon offensiv-operativ vorbereitet.

Erst als zur deutschen Grenze hin abgesichert war, kommen mit der sowjetischen Annexion Estland und Lettland an die Reihe, und mit dem rumänisch-bessarabischen Abenteuer ließ der ICreml auch nicht lange auf sich warten.

Bei den nun stattfindenden sowjetischen Truppenkonzentrationen muß beachtet werden, daß bereits im September 1939 im Westen der UdSSR zunächst 65 Divisionen, aber schon drei Monate später im gleichen Aufmarschgebiet zirka 119 Divisionen stationiert

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waren. Angesichts der geringen deutschen Militärverbände an der sowjetischen Grenze war diese Entwicklung rational nicht erklärbar.

Von deutscher Seite waren keine Maßnahmen gegen die UdSSR ergriffen worden, die eine derartige Erhöhung der sowjetischen Streitkräfte rechtfertigten. Diese Militärpolitik der Sowjets veranlaßten Hitler und das OKW zur besonderen Aufmerksamkeit. Von Konteradmiral Karl Jesco von Puttkammer, der von 1935 bis Kriegsende Marineadjutant bei Hitler war und mit diesem fast täglich auch im Führerhauptquartier persönlichen Kontakt hatte, wissen wir folgendes:

Hitlers Aufmerksamkeit wandte sich seit Mitte Mai 1941, seit Eintreffen der sowjetischen Aufmarschmeldungen, Rußland zu, wo ihn offensichtlich Entwicklungen bewegten oder beunruhigten. Seine ersten Äußerungen in dieser Hinsicht fielen im August 1940 nach Beendigung des Frankreich-Feldzuges. Hitler sprach immer, wenn ihn Staatssorgen bedrückten, die Dinge zu seiner nächsten Umgebung an. Hitler sprach davon, daß er sich bedroht fühle, daß für Deutschland kriegswichtige Rohstoffbasen durch den sowjetischen Aufmarsch gefährdet werden könnten.

Hitler sprach den Problemkreis immer wieder an, so daß man den Eindruck gewinnen konnte, daß er sich etwas von der Seele reden müsse. Nach einiger Zeit sagte Hitler, der russische Angriff kommt bestimmt, man weiß nur nicht, wann. Man konnte so Hitlers wachsende Entschlüsse beobachten . . .

Das weitere Ansteigen der sowjetischen Truppenstärke muß Hitler jedoch wieder auf die Lage im Osten aufmerksam gemacht haben, die eine Invasion Englands zwangsläufig in den Hintergrund drängen mußte. Hitler sprach immer wieder davon, daß England seine Kontinentalkriege mit Hilfe eines „Festlanddegens" geführt hatte. Es sei kein Zweifel mehr, daß England auf Rußland hoffe, und habe unter der Decke vielleicht schon Fühler ausgestreckt. Angesichts des russischen Aufmarsches sei zu befürchten, daß wir eines Tages eiskalt erpreßt oder angegriffen werden würden. Jesco von Puttkammer schließt seine eidesstattliche Erklärung mit folgenden Worten: „Hitlers Gedankengänge waren so folgerichtig und

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eindrucksvoll, daß sich niemand ihrer Beweiskraft entziehen konnte. Wann er den Entschluß endgültig gefaßt hat, kann ich nicht sagen, und ich glaube, daß das niemand sagen kann. Jedenfalls hatte alles seit dem Molotow-Besuch schon ein Aussehen, daß man nunmehr immerhin damit rechnen mußte, daß aus seinen Gedanken vielleicht Wirklichkeit werden würde."

Damit zeigt sich anders, als die heute gängige Geschichtsschreibung glauben machen will, daß der deutsch-russische Krieg - das Unternehmen Barbarossa - nicht wie ein Blitz aus heiterem Himmel, als eine übermütige Laune Hitlers gekommen war, aber auch nicht von Anfang an geplant, sondern daß die UdSSR, strategisch und militärisch sich Monat um Monat steigernd, ein Offensivpotential aufgebaut hatte, das als das größte aller Zeiten anzusehen war. Nicht Hitler und nicht die Deutsche Wehrmacht haben als erste bedrohliche und an staatliche Nötigung grenzende Truppenmassierun-gen an den gemeinsamen Grenzen zur UdSSR aufziehen und aufmarschieren lassen, sondern umgekehrt hat die UdSSR durch die von ihr erzeugte B indungs Wirkung auf deutsche Truppen verbände an ihrer feindseligen Haltung und Absicht gegenüber dem Deutschen Reich keinen Zweifel gelassen.

Die später aus diplomatischen Kanälen kommenden zusätzlichen Beweismittel haben im Grunde den wahren militärischen Sachverhalt nur noch bestätigen können. Am Ende der sowjetischen Zielsetzung hätten dann Ultimaten und Forderungen an die Reichsregierung gestanden, gestützt auf das Mehrfache sowjetischer Panzer-Artillerie und einer Luftwaffenüberlegenheit, wie sie jetzt den baltischen Staaten widerfuhren.

Genau auf den Tag, ein Jahr vor Ausbruch des deutsch-sowjetischen Rußlandfeldzuges kündigte sich das nächste Annexionsvorhaben der Sowjets an - Bessarabien! Rumänien sollte das nächste Stalinopfer werden.

Bemerkenswert dabei ist, daß die sowjetische Regierung deutsche Mißstimmung über die bolschewistische Annexionsvorhaben bemerkt hat und eine Trübung des deutsch-sowjetischen Verhältnisses dementiert. Das Stalin-Dementi hatte den Zweck, alle weiteren Aggressionsvorhaben des Kreml gegen das Reich zu verschleiern.

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