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21. Jesus von Nazareth. (Wahrheit und Glaube)

Otto Schulz: „Herr Jesus Christ von Nazareth, ist meine Anrede so richtig?"

„Das möchte ich Ihnen überlassen. Jesus würde aber genügen. Jeder weiß, daß ich aus Nazareth komme, und Landadel kannten wir nicht. Den Christos können Sie sich auch sparen, denn ich bin Jude und kein Grieche. Außerdem bin ich kein Gesalbter. Genügt Ihnen diese Erklärung?"

Schulz: Ja, die genügt vollkommen. Ich danke Ihnen! Darf ich davon ausgehen, daß Sie auch Spaß verstehen ? Leider hört man darüber kein Wort in der Bibel."

„Natürlich habe ich auch Sinn für Humor. Ich denke, es sollte sich herumgesprochen haben, daß die Juden für Witze anfällig und aufgeschlossen sind. Allerdings muß ich einräumen, daß wir auch einige Leute unter uns haben, denen jeglicher Humor ab-


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geht. Also, haben Sie vielleicht einen Witz parat?"

Schulz: „Ich stamme aus Ostpreußen. Dort gab es einen Ort namens Pörschken, er ist der Geburtsort meines Vaters. Wenn man in Ostpreußen über einen Menschen sein Erstaunen zum Ausdruck bringen wollte, sagte man: Mann Gottes aus Pörschken! Es war ein geflügeltes Wort."

„Ha, ha! Sie wollen damit auf mich anspielen? Habe ich recht?" Schulz: „Genau so ist es! Und ich freue mich, daß Sie diese kleine Einlage nicht in den falschen Hals bekommen haben."

„Sie bringen schon wieder etwas, was ich nicht deuten kann. 'Falscher Hals', was ist das?"

Schulz: „Das ist so, als wenn jemand verärgert ist. Er bekommt die Worte in den 'falschen Hals', er verträgt sie nicht, er muß sich räuspern."

„Aha, ich verstehe. Und was haben Sie sonst auf dem Herzen?"

Schulz: „Die Bibel, das sogenannte 'Wort Gottes', ist sie Ihnen ein Begriff? Können Sie in wenigen Worten sagen, was Sie davon halten?"

„Ich will's versuchen. Das Alte Testament ist ein Geschichts- und Gesetzbuch der Juden. Der Mose hat den Grundstein dafür gelegt, andere haben ihm nachgeeifert und die Schriften erweitert. Aber was geht Sie die Thora an? Sie betrifft allein mein jüdisches Volk! Was in diesen Schriften nun Gutes und Schlechtes steht, darüber möchte ich mich hier nicht auslassen, denn dann wären wir mit unserem Gespräch über Jahre nicht fertig."

Schulz: „Uns interessiert vor allem, wie die grausamen Handlungen von Ihrem Gott gebilligt werden konnten."

„Es stimmt! Die Thora ist voller Grausamkeiten. Aber Sie müssen an die damalige Zeit denken! Mein Volk wollte sich einen Lebensraum erkämpfen. Und wenn Mose und seine Genossen und die Nachfolger sich nur auf ihren persönlichen Willen hätten berufen wollen, wäre ihnen doch kein Mensch gefolgt. Er, und die anderen auch, mußten also eine List anwenden, um das ganze Volk hinter sich zu bringen, um die Kämpfe zu gewinnen. Dazu mußte dann


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der 'Gott' Jahve herhalten, den Mose ersonnen hatte. Aber auch die Taktik, daß dieser Jahve mein Volk als das 'auserwählte' bestimmt hatte, war für die damalige Zeit genial. Alle folgten Mose. Die es nicht taten, hat er einfach töten lassen oder mit Hilfe seiner physikalischen Kenntnisse selbst vernichtet."

Schulz: „Gut, kommen wir zum Neuen Testament. Sie kennen es. Was halten Sie davon? War 'Gott' der Autor? Waren die Schreiber von 'Gott' inspiriert? Kannten Sie diese Leute?"

„Das sind eine Menge Fragen auf einmal. Da muß ich Sie fragen: Wissen Sie denn nicht, daß das Neue Testament ursprünglich sehr viel umfangreicher war? Da gab es ja eine Flut von Schriften, und viele widersprachen sich. Der Rest tut es übrigens ebenfalls noch heute. Wissen Sie eigentlich, daß man diese Schriften dann auf einer Tagung der Bischöfe selektiert hat? Stellen Sie sich vor: Man legte all das Geschreibsel unter einen Altar, und die Bischöfe beteten eine Nacht lang, damit der 'liebe Gott' selber entscheiden sollte, was er verfaßt hat und was nicht. Und irgendein pfiffiger Priester hat dann über Nacht all das verschwinden lassen, was verschwinden mußte. Und die übrigen Bischöfe nahmen diese 'Entscheidung' als von Gott gewollt hin. Also, wenn Sie mich fragen, wer sich so am Nasenring herumführen läßt, der verdient es nicht besser! Wenn er obendrein auch noch Prügel bekommt oder, wie es später kam, unter der Inquisition und der Hexenverfolgung zu leiden hatte, dann geschieht den Menschen doch recht für soviel Dummheit!

Zur zweiten Frage: Selbstverständlich ist diese Sache mit dem 'Wort Gottes' ein Schwindel, der zu damaliger Zeit glaubhaft dargestellt werden konnte! Wenn schon von einem persönlichen Gott die Rede ist, dann muß man diesem Gott alles, ohne Ausnahme, als sein Wort zugestehen. Aber kann man sich einen 'Gott' vorstellen, der sein eigenes Werk zerstört? Das wäre doch absolut widersinnig!


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Zur dritten Frage: Keiner dieser Herren Matthäus, Lukas, Markus und Johannes ist mir je über den Weg gelaufen. Sollte also einer behaupten, mich gekannt zu haben, dann handelt es sich um einen Betrüger."

Schulz: „Ich darf die nächste Frage stellen: Sie werden bildlich am Kreuz hängend dargestellt, und zwar so, daß man Ihnen Nägel durch Hände und Füße geschlagen hat. Hat man es so mit Ihnen getan?"

„Auch das ist Unsinn! Versuchen Sie einmal derartiges! Es läßt sich ja mit Gewichten und entsprechendem Material die Zerreißfestigkeit eines menschlichen Körpers simulieren. Sie werden leicht feststellen, daß die Hände aufreißen und der Oberkörper herabfallen wird. Die Folge wird sein, daß auch die Füße keinen Widerstand leisten und alles herunterfällt. Das wußten übrigens die Menschen damals schon. Daß es im Neuen Testament anders steht, liegt vermutlich daran, daß die Theologen, die im Mittelalter das Alte und das Neue Testament bearbeitet haben und auf einen Nenner bringen wollten, sich die Gedanken, ob eine Kreuzigung überhaupt so möglich war, gar nicht machten. Da sieht man, welche Folgen eine unüberlegte Behauptung haben kann! Es ist genauso, wie mit der Sonne, die sich unbedingt um die Erde zu drehen hatte. Das hatte ja die katholische Kirche über Jahrhunderte so befohlen!

Ich weiß, daß es auf der Erde ein paar Verrückte gibt, die diese angeblichen Wundmale am eigenen Körper erleben, und sie lassen sich von einer Menge bewundern.

Zu meiner Zeit war es üblich, die Todesstrafe am Kreuz zu vollziehen. Die Leute wurden an Armen und Beinen am Kreuz festgebunden und starben einen jämmerlichen Tod. Zum Glück war es Sabbat, und ein reicher Mann bewirkte durch Bestechung bei der römischen Behörde, daß er mich vor der Zeit vom Kreuz befreien durfte. Ich war jedoch bereits ohnmächtig geworden. Man hat mich dann weggeschafft und in einer Grabhöhle abgelegt. Damit


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war für die Menschen dokumentiert: Der Kerl ist tot und erledigt. Aber Freunde haben mich herausgeholt, mich gesundgepflegt und die Mär verbreitet, ich sei gen Himmel gefahren. Und da damals, und ich möchte sagen, wie heute!, alles geglaubt wurde, besonders dann, wenn es von maßgeblichen Leuten befohlen wurde, um damit Vorteile zu erheischen oder Nachteile zu vermeiden, so glaubte man auch an meine Himmelfahrt. Das ist die ganze Geschichte."

Schulz: „Wissen Sie, daß man auch Ihre Mutter hat gen Himmel fahren lassen?"

„Die Dummheit der Menschen ist grenzenlos!"

Schulz: „Was halten Sie davon, daß man das Kruzifix, also Sie am Kreuz hängend, als Ehrerbietung forderndes Symbol als Schmuck herumträgt, oder als anzubetendes Gebilde in Holz und anderem Material aufhängt und sogar Gesetze darüber erläßt?"

„Ja, sind denn die Menschen alle von der 'Heiligen Krankheit' befallen?"

Schulz: „Was haben Sie nach Ihrer 'Himmelfahrt'gemacht?"

„Ich habe schleunigst das Weite gesucht und bin nach Osten ausgewandert, unerkannt und unbehelligt. In Indien habe ich eine neue Heimat gefunden, geheiratet und eine Familie gegründet."

Schulz: „Kennen Sie das Gebet des Herrn, das Vater unser'?"

„Aber sicher werde ich es kennen! Es handelt sich doch um ein altes jüdisches Gebet: Der Kadisch."

Schulz: „Ein gewisser Paulus hat mit Ihrem Namen eine neue Religion geschaffen. Kennen Sie Ihren Landsmann, und was halten Sie von seiner Aktion?"

„Dieser Mann ist mir persönlich nie begegnet. Allerdings habe ich später, sehr viel später, von ihm gehört. Er soll Epileptiker gewesen sein, aber ein kluger Mann, bestens geeignet, irgendwelche verschrobenen Ideen unters Volk zu bringen. Diese Kranken wurden ja früher als mit der 'Heiligen Krankheit' Behaftete bezeichnet.


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Paulus hat einen Geschäftszweig unter meinem Namen entwik-kelt, wozu er von mir nie ermächtigt wurde. Er hat den Sinn meines damaligen Lebens gar nicht verstanden. Ich wollte die Juden vom römischen Joch befreien. Das war damals unsere Aufgabe. Auch hatte ich mich den Essenern angeschlossen, die sich dieses Ziel gesetzt hatten, aber außerdem eine religiöse Erneuerung des Mosaismus verfolgten.

Was dann später aus dem sogenannten Christentum weiterentwickelt wurde, spottet jeder Zumutung. Da wurden doch am Ende dieses 30jährigen Weltkrieges sogar Atombomben in meinem Namen gesegnet. Das ist doch wirklich der Höhepunkt jeder Niedertracht! Das hat nichts mehr mit einem 'Gott' zu tun, von dem sie reden! Vielleicht mit dem grausamen Gott aus der Thora. Das ist ein wahres Werk des Teufels!"

Schulz: „Glauben Sie denn, daß es Teufel gibt? Leute, die in Ihrem Namen predigen, glauben jedenfalls daran und treiben ihn gelegentlich auch aus."

„Ich glaube ebenso wenig an Teufel wie an Engel. Alle zusammen sind Hirngespinste der armseligen Menschen."

Schulz: „Im Neuen Testament werden Ihre letzten Worte am Kreuz erwähnt. Leider gibt es drei verschiedene Versionen. Eine kann aber nur richtig sein. Welche ist es?"

„Ich bin da nicht im Bilde. Wollen Sie mir sagen, um welche Worte es sich handelt?!"

Schulz: „Bei Matthäus 27,46 steht: 'Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?'

Bei Lukas 23,46 steht: Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände.' Und bei Johannes 19,30 liest man: 'Es ist vollbracht!'"

„Ich gehe davon aus, daß man keinen Scherz damit treibt. Sachlich möchte ich dazu sagen, daß der Tod am Kreuz eine furchtbare und langwierige Tortur ist. Man stirbt ganz langsam. Nicht nur die


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Kräfte verlassen den Menschen langsam, sondern auch der Geist verkümmert in dieser Weise. Ich glaube, daß man dabei manches unkontrolliert sagt. Andere mögen vielleicht gar nicht sprechen, sondern nur hinüberdämmern. Sie sind gewiß nicht mehr bei Sinnen. Was ich in dieser Phase gesprochen haben soll, ist mir nicht bewußt. Ich kann mir jedoch vorstellen, daß manche Berichterstatter irgend etwas erzählt haben, was sie sich selber ausgedacht haben. Wenn allerdings drei verschiedene Versionen meiner letzten Worte aufgeschrieben wurden, dann können Sie getrost davon ausgehen, daß es sich niemals um das sogenannte 'Wort Gottes' handeln kann. Wie überall auf der Erde, wo die Menschen ihre Hände im Spiel haben, ist auch hier manipuliert worden. Wem damit geholfen werden soll, ist mir ein Rätsel."

Schulz: "Sie sprachen davon, den Mosaismus zu erneuern, wäre eines Ihrer Ziele gewesen. Was wollten Sie erneuern?"

"Der wichtigste Punkt war, das abzuschaffen, was gegen jede Vernunft spricht. Ich meine die angebliche "Auserwähltheit" der Israeli-ten. Für Mose war es seinerzeit ein Mittel, sein Volk führen zu können. Die Macht Jahves, die von ihm selber ausgeübt wurde, reichte nicht aus. So mußte das Volk auch eine Art Leckerbissen bekommen, wonach sich alle sehnen sollten. Das geschah in der Form der "Auserwähltheit". Ganz offensichtlich fehlte Mose der Überblick dafür, was er damit heraufbeschwor, wenn dieses Vorrecht gegenüber allen anderen Völkern nicht wieder beseitigt wird. Dieses Versäumnis hat sich als Last bis in die jüngste Zeit ausgewirkt. Eine Last, mit der sich das Volk Israel bis heute herumquälen muß.

Ich gehörte zu den ersten Reformern, die wieder normale Verhältnisse schaffen wollten: Alle Völker sollten gleichberechtigt sein. Noch heute gibt es Bestrebungen in diesem Sinne. Leider sind die Drahtzieher des völkerverachtenden Vorrechts bisher die Stärkeren. Sie verfolgen alle Reformer. Dieser Völkerhaß kann eines Tages zum Untergang meines Volkes führen, wenn es nicht


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rechtzeitig zum Grundrecht der Gleichberechtigung aller Menschen und aller Völker zurückfindet.

Daß in all den Jahren keine Änderung erzielt wurde, liegt daran, daß bereits die Kinder der Juden im Sinne dieses Vorrechts bewußt erzogen und daran gewöhnt werden, diesen Vorteil zu nutzen. Aber auch die unbedachte Gewohnheit der Nichtjuden ist schuld daran.

Auf eins muß ich Sie, Herr Schulz, besonders aufmerksam machen: Die damaligen Führer meines Volkes waren strikte Gegner meiner Reformpläne. Aus diesem Grunde scheuten sie sich nicht, meine Verurteilung durch die feindliche Besatzungsmacht zu erwirken. Sie verbanden sich lieber mit dem Feind unseres Volkes, den Römern, um ihren persönlichen Vorteil zu sichern, als ihren Volksgenossen vor dem Tod zu retten. Sie sehen mich so fragend an, Herr Schulz. Glauben Sie mir etwa nicht?"

Schulz: „Nein, nein, nicht fragend! Ich überlege nur: Das war vor 2.000 Jahren die Lage in Palästina. Sie erinnert mich in gewisser Weise an die heutige Zeit in meinem Vaterland. Dies möchte ich mit meinen Freunden erst einmal besprechen und bitte Sie um Verständnis.

Sie haben uns mit Ihren Worten eine echte Offenbarung beschert, für die ich Ihnen von Herzen danke! Ich hoffe, Sie geben uns später wieder eine Gelegenheit, Sie um Ihre Lebenserfahrungen zu bitten, damit wir unseren Horizont erweitern können!"

„Mit dem größten Vergnügen! Endlich habe ich einen Menschen getroffen, von dem ich das Gefühl habe, er raspelt mir kein Süßholz vor. Bis später!"

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