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22. Woodrow Wilson, 1856-1924 (28. Präsident der USA)
Henry Ford: „Mister Wilson, Sie haben schon einmal mit Ihren Versprechungen die Welt reingelegt. Verstehen Sie auch etwas von Wirtschaftspolitik?"
„Well, darum habe ich mich schon sehr früh gekümmert. Schon 1907 habe ich in einer Rede zum Ausdruck gebracht, daß der Handel keine Grenzen kennen darf. Der Hersteller von Waren muß darauf bestehen, die ganze Welt zu m Markt zu haben. Daher muß ihm die Fahne der Nation folgen, und die Türen solcher Nationen, die sich vor ihm verschließen, müssen eingetreten werden. Haben die Finanzleute einmal Zugeständnisse erreicht, muß die Verwaltung des Staates sie sichern, auch wenn dabei die Unabhängigkeit unwilliger Nationen gröblich verletzt wird."
Ford: „Was Sie soeben sagten, ist ein Widerspruch! Zuerst machen Sie den Eindruck, als sollte der freie Welthandel für alle Nationen gelten, dann jedoch kommt heraus, daß alles nur für die USA gel-
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ten soll. Wie wollen Sie dies vereinbaren?"
„Well, jede Nation wird die Politik machen, die ihr von den anderen Nationen eingeräumt wird. Im übrigen ist es doch so, daß der Stärkere immer siegen wird, weil er auf der anderen Seite genug korrupte Gehilfen findet, die den Wünschen des Kapitalkräftigeren gefügig sind. Daher konnte ich es mir leisten, bereits 1907 unsere Marschroute offen auszusprechen.
Ein Beweis für die Richtigkeit meiner Ansichten ist das GATT. Gatt steht für 'Welthandelskonferenz'. Früher studierten die jungen Leute Volkswirtschaft, heute studieren sie Weltwirtschaft. Bei einer Volkswirtschaft liegt der Schwerpunkt darauf, die Nation in ihren wirtschaftlichen Grundlagen abzusichern. Das heißt, wer zum Beispiel wenig oder keine Grundstoffe hat, der muß sich auf qualifizierte Waren verlegen, diese hervorragend herstellen und in den Handel bringen, auch international. Jede Nation hat also die Aufgabe, seine Menschen gleichberechtigt am Handel teilnehmen zu lassen. Wo es Probleme gibt, falls Billigwaren eingeführt werden sollen und damit die einheimischen Arbeiter brotlos machen könnten, hat die Regierung Zölle zu erheben oder auch die eigene Herstellung entsprechender Waren zu subventionieren, also finanziell zu unterstützen."
Ford: „Gut, Mister Wilson, das wird jeder Mensch verstehen, auch wenn er kein Wirtschaftsfachmann ist. Aber warum lassen es die USA nicht zu, daß dieser Wettbewerb des nationalen Handels sich so einpendelt, daß keine Nation, sprich kein Volk, zu kurz kommt?"
„Well, im Handel gibt es kein Fairplay. Im Handel geht man über Leichen. Wir, die USA, haben ein sehr großes Land und die Rohstoffe dazu. Das ist unser Vorteil. Außerdem sitzen bei uns die internationalen Kapitalisten. Wenn diese Leute woanders säßen, würden sie eben dort ihre Trümpfe ausspielen. Zu ihrem Glück leben sie bei uns, also profitieren wir davon.
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Sehen Sie, den internationalen Geldsäcken ist es völlig egal, was mit den Menschen der einzelnen Nationen passiert. Sie lassen ihr Geld dort 'arbeiten', wo sie den höchsten Profit erzielen. Deshalb sind sie auch niemals daran interessiert, eine Volkswirtschaft gesund zu erhalten. Sie werden, wenn sie billige Arbeitskräfte in Süd- oder Mittelamerika finden, dort ihre Waren herstellen lassen und die anderen Länder damit überschwemmen."
Ford: „Aber dann werden die Länder, in denen die Arbeiter bereits einen gewissen Wohlstand und auch eine bessere soziale Absicherung gefunden haben, auf ein niederes Niveau absinken! Besteht denn nicht die Gefahr, daß die Menschen dieser Länder, die in der Produktion stehen, dies merken und rebellieren werden?"
„Aber Mister Ford, die Arbeiter in jenen Ländern, die durch das GATT die Dummen sein werden, sind doch fest in den Händen der Gewerkschaften. Und die führenden Leute der Gewerkschaften sind wieder Handlanger des internationalen Kapitalismus, soweit sie nicht bereits zum engeren Kreis gehören.
Wie dumm ihre Gefolgsleute sind, haben Sie kürzlich daran feststellen können, daß sie in Bremen auf den Straßen wegen der Mißwirtschaft bei der Vulkan-Werft lauthals protestierten. Aber sie haben nicht einmal mitbekommen, daß diese Mißwirtschaft von einem ihrer Gewerkschaftsbosse ausging. Die deutschen Arbeiter haben doch damit bewiesen, daß sie Spitzenleute sind, was die Dummheit betrifft. Da gibt es ein deutsches Sprichwort: Nur die allerdümmsten Kälber wählen ihre Metzger selber."
Ford: „Der deutsche Wirtschaftsminister lobt aber das GATT zum Vorteil der deutschen Verbraucher in den Himmel."
„Ja, der deutsche WM ist ein Liberaler. Die Liberalen sind für grenzenlose Freiheit im doppelten Sinne. Sie sind der Nährboden für die Kriminalität. Und das GATT ist kriminell! Die Liberalen sind auch die Nährmutter aller sonstigen Kriminalität. Wo jede ordnende Hand vermieden wird, sprießt die Unordnung. Dazu gehören
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der erpresserische freie Welthandel des GATT und der internationale Drogenhandel. AI Capone und Dillinger waren echte Liberale."
Ford: „Hat es denn einen Sinn, wenn zum Beispiel die deutschen Arbeiter und Angestellten auf die Straße gehen, um für höhere Löhne zu demonstrieren?"
„Sie meinen damit den Streik. Ein Streik ist immer ein Verlustgeschäft für die nationale Wirtschaft; und zu ihr gehören auch die Arbeiter und Angestellten. Sehen Sie sich einmal die großen deutschen Firmen an! Sie werden durch die Beteiligung des internationalen Kapitals immer weniger ein nationales Unternehmen. Was stört es den Kapitalisten in Amerika, wenn die Firma in Deutschland, an der er beteiligt ist, außerhalb Deutschlands ihre billigen Produktionsstätten hat, das deutsche Mutterwerk langsam abstirbt, weil hier die Arbeitskräfte nicht mehr zu bezahlen sind?
Ein weltweiter gesunder Handel kann nur dann bestehen, wenn die Wirtschaft in nationalen Händen bleibt. Sie muß durch Sicherungsmaßnahmen, wie Zölle und Subventionen, die Lebensfähigkeit des Volkes erhalten. Das, was der deutsche Wirtschaftsminister preisend verkündet, daß durch Billigeinfuhren der Konsument den Vorteil haben wird, ist hinterhältiger Betrug. Zuerst wird es tatsächlich so aussehen, als ob der Konsument in den Genuß der Billigerzeugnisse kommt. Wenn er aber merkt, daß er seine eigene teure Ware nicht mehr los wird, ist der Zeitpunkt gekommen, wo der Monopolinhaber die Preise diktiert."
Ford: „Wenn ich Sie richtig verstehe, so wünschen die USA die Durchsetzung des GATT, aber sie selber möchten anders behandelt werden. Ist das richtig?"
„Genau! Denken Sie einmal an den Hähnchenkrieg zwischen Westdeutschland und den USA! Zu der Zeit war Ludwig Erhard Wirtschaftsminister. Die billigen Hähnchen wurden schon damals für den freien Welthandel propagiert. Erhard wehrte sich dagegen,
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aber er mußte schließlich nachgeben, weil die USA einen Krieg geführt hatten, um ihre Wirtschaft zu sanieren. Diesen gewonnen Krieg wollte man sich nachträglich nicht nehmen lassen. Und heute ist es ebenso. Sie wollen billig ausführen, um ihre Wirtschaft zu retten - und weil die Geldsäcke dort sitzen. Gleichzeitig sperren sie sich aber gegen Billigeinfuhren aus Japan zum Beispiel."
Ford: „Sie, Mister Wilson, waren früher auf der Seite der Plutokraten; das sind diejenigen, die Macht durch Reichtum ausüben. Heute fühlen Sie sich anscheinend gezwungen, sich mehr Ehrlichkeit in der Beurteilung aufzuerlegen. Deshalb meine Frage: Was kann man machen, um den verhängnisvollen Lauf unter der Flagge des GATT zu bremsen?"
„Es müßten nationale Wirtschaftskammern dafür sorgen, daß die Belange des Staatsvolkes abgesichert werden. Natürlich wird es immer einen Wettbewerb geben zwischen den einzelnen Ländern. Das wäre die natürlichste Sache der Welt. Die Tatsache dieses Wettbewerbs darf jedoch nicht dazu führen, daß man als Gegenargument beim GATT landet. Gesunder Wettbewerb wird immer von Vorteil sein. Dagegen würde beim absoluten Erfolg des GATT jeder Wettbewerb ausgeschlossen. Es würde zu einem Diktat der Plutokraten kommen. Eine Hebung des sozialen Standards der nachhinkenden Nationen wäre nicht möglich, sondern die zwangsläufige Folge wäre eine Nivellierung des Standards der fortschrittlichen Nationen nach unten.
Um diese Katastrophe zu verhindern, müßten mutige Männer mit Verantwortungsgefühl aus allen Nationen, aber in ihrem nationalen Bereich, die Menschen über diesen verhängnisvollen Weg aufklären. Ich weiß, daß es nicht einfach ist, dies zu erreichen, denn die Fäden der Geldsäcke laufen bis in die Medien, die eine Aufklärung der Völker unterbinden wollen. Und in den Medien selbst sitzen viele Handlanger, die man durch einfache Korruption, wie Sicherung ihrer Posten, für ihre verbrecherische Tätigkeit
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an sich gebunden hat. Gefragt werden für die Zukunft sein: Charaktervolle Persönlichkeiten, die begriffen haben, daß Geld nicht alles im Leben ist."
Ford: „Wir danken Ihnen für dieses aufklärende Gespräch, Mister Wilson!"
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