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23. Marcus Tullius Cicero, 106-43 v.d.Zw. (Nichts hat sich geändert)

Cicero: „Sie kommen zu spät, meine Herren!" Hearst: „Das heißt, wir haben etwas verpaßt? Aber was?"

Cicero: „Es gab hier eine spontane Versammlung mit interessanten Diskussionen."

Henry Ford: „Und Sie traten natürlich als Hauptredner auf! Schade! Da haben wir wirklich etwas versäumt! Ich habe nämlich Ihre Reden gelesen. Brillant! Man kann Sie mit einem Maler vergleichen, der mit Hilfe der Farben die herrlichsten Bilder hervorzaubern kann oder mit einem Komponisten, dem mit Tönen die schönsten Kompositionen gelingen, die ins Ohr gehen, aber auch den Bildhauer muß ich erwähnen, der in der Lage ist, mit Meißel und Marmor die göttliche Aphrodite zu gestalten! Sie, Mister Cicero, schaffen all dies zusammen mit dem Spiel von Worten und Re-


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dewendungen."

Cicero: „Genug, genug, mein Herr! Sie bringen mit soviel Lob einen alten Mann in Verlegenheit! Sie vergessen, daß es Menschen gab, die gar nicht mit mir zufrieden waren: Ich wurde nämlich ermordet!"

Otto Schulz: „Darf ich Sie fragen, welches Thema auf dieser Veranstaltung, an der wir nicht teilnehmen konnten, behandelt wurde?"

Cicero: „Es ging um einen angeblich neuzeitlichen Lebensgrundsatz, der aber verschmäht wird, weil man ihn mit einer Aera zusammenbringt, die von bestimmten Leuten verpönt wird. Es widerspricht zwar jedem gesunden Verständnis, aber in ihrer Dummheit sind die Menschen eben nicht zu übertreffen. Nur weil ein Mensch, den sie für ihren Gegner halten, etwas getan hat oder zu seiner Lebensphilosophie machte, wird etwas verworfen, obgleich es sich um eine begründete Weisheit handelt. Leider sind diese Menschen so kurzsichtig, dem Ursprung dieser Weisheit nicht auf den Grund zu gehen. Dann hätten sie nämlich die Möglichkeit, nach dieser Erkenntnis ihr Leben zu gestalten. Und wenn sie schon einen dauerhaften Gegner nicht verlieren wollen, so könnten sie deshalb durchaus dabei bleiben und darüber hinaus den Spieß umdrehen und ihm nachsagen, er hätte alles nur verkehrt angepackt. Allerdings wären diese Leute damit auch in Zugzwang, alles besser, also richtig zu machen. In dem Falle erhebt sich die Frage: Wollen sie es überhaupt besser machen?"

Otto Schulz: „Womit wir noch am Anfang meiner Frage wären: Wie hieß das Thema?"

Cicero: „Bonum commune est melius quam bonum unius."

Otto Schulz: „Es tut mir leid, als überzeugter Junggermane bin ich kein Lateiner geworden. Würden Sie helfen?"

Hearst: „Lassen Sie mich mal! Ich bin Humanist. Mal sehen, ob ich es noch schaffe: 'Gemeinnutz geht vor Eigennutz'. Ist das richtig, Meister Cicero?"


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Cicero: „Ausgezeichnet! Ich gratuliere Ihnen! Ja, meine Herren, und daran erhitzten sich die Gemüter. Nun, schließlich ist die Debatte in ruhigen Bahnen verlaufen, denn Sie kennen ja hier die Regeln, alles in friedlicher und ehrlicher Weise abzuwickeln. Aber es fanden sich ein paar Spaßvögel, die versuchten, die Positionen der irdischen Gegner zu vertreten. Das alles gab der Veranstaltung die richtige Würze."

Otto Schulz: „Würden Sie die Güte haben und in etwa die verschiedenen Cedankengänge wiederholen?"

Cicero: „Vor allem wurde der Standpunkt vertreten, daß das, was die Deutschen auf ihre Fahne geschrieben hatten, also Ordnung, Sauberkeit, eine Kunst, welche die Menschen zu einem Glücksempfinden bringt, Würdigung der menschlichen Arbeitskraft, Verbundenheit mit der Natur, vor allem sorgfältiges Umgehen mit Natur und Kreatur und nicht zuletzt der Grundsatz 'Gemeinnutz geht vor Eigennutz'. Hier, beim letzten Punkt, da wurde doch so allerhand Staub aufgewirbelt, als ich erklärte, daß dies ja nun absolut keine Erfindung der Nazis sei, sondern bereits vor meiner Zeit von griechischen Philosophen als die Voraussetzung für ein gedeihliches Leben eines Volkes gelehrt wurde. Aber meine Behauptung brachte die Opposition besonders in Rage, weil zu erkennen war, daß sie dieser Weisheit im Grundsatz zustimmen müßten, aber aus politischen Gründen ihn nicht gelten lassen dürften. Es waren schon verrückte Gedankengänge, die sich da durch die Diskussion schlängelten. Mich brachte am meisten in Erstaunen, daß der Eifer der Redner, die ja anfangs alles nur als eine amüsante Redeschlacht gedacht hatten, so in Wallung gerieten, daß ich mir gut vorstellen konnte, wohin die unvorstellbarsten Behauptungen letztlich führen können. Am Ende war ich doch recht froh, daß sich die Sprecher der unterschiedlichsten Rollen wieder beruhigten. Es wäre sonst zu einer Revolution in diesen heiligen Gefilden gekommen. - Nun, ich


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habe damit natürlich übertrieben. Ich wollte mit dieser Darstellung nur zum Ausdruck bringen, wie "überzeugend" argumentiert wurde."

Hearst: „Haben Sie, nach dieser Erfahrung die Hoffnung, daß die Menschen auf der Erde in Zukunft zu klaren Erkenntnissen und Schlüssen kommen werden?"

Cicero: „Da habe ich erhebliche Zweifel. Auch als ich erwähnte, daß Thomas von Aquin, der 1.000 Jahre nach mir gelebt hat, vorgeschlagen habe, dem griechischen Grundsatz 'Gemeinnutz geht vor Eigennutz' wieder Geltung zu verschaffen, waren die Schreier nicht zu besänftigen. Auch auf Friedrich den Großen machte ich aufmerksam, der in abgewandelter Form sagte, er sei der erste Diener seines Staates."

Otto Schulz: „Was forderten denn die Schreier?"

Cicero: „Nieder mit den Faschisten!"

Hearst: „Haben Sie selber auch eine Rede gehalten?"

Cicero: „Meine Ansprache war nur eine Einleitung, um diese Diskussion mit verteilten Rollen in Gang zu setzen. Mir kam es mehr darauf an zu hören, welche Richtungen vertreten werden."

Ford: „Zu welchem Schluß sind Sie gekommen?"

Cicero: „Daß die Menschen seit über 2.000 Jahren sich wenig verändert haben. Auch die verschiedensten Hilfsmittel, wie unter anderem Religionen, bewirkten keinerlei Fortschritt. Im Gegenteil! Organisationen brachten auch die organisierte Umkehr des Grundsatzes 'Gemeinnutz geht vor Eigennutz' bis hin zum offenen Verbrechen, zur Mafia, hervor. Die Umkehr des für alle Gemeinschaften so wichtigen Grundsatzes lautet: Der Einzelne ist alles, die Gemeinschaft ist nichts. Das endet beim Faustrecht und dem Zusammenschluß krimineller Kräfte. Es kommt zur unvermeidlichen Entwicklung der krassesten Gegensätze: hier die Reichen, dort die Armen. Da den Reichen die Mittel zur Verfügung stehen, um ihre Macht spielen zu lassen, werden die Armen die Dummen bleiben.


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Wer es also von den Machtausübenden wirklich ehrlich meinen sollte, der kann nur nach dem Grundsatz 'Gemeinnutz geht vor Eigennutz' handeln. Tut er es nicht, so lebt er nach der Devise 'Nach uns die Sintflut!' und man sollte ihn schnellstens zum Teufel jagen."

Hearst: „Sie sprechen vom Teufel. Glauben Sie an ihn?"

Cicero: „Der Teufel ist ein imaginärer Komplize derjenigen, die ihn brauchen und gebrauchen, um ihre persönliche Macht zu erweitern. Er wurde in Palästina erfunden und in meiner Heimat, in Rom, versucht man ihm seit 2.000 Jahren Leben einzuhauchen."

Schulz: "Da haben wir etwas versäumt, aber Ihre Schilderung der Situation war so anschaulich, daß Sie, Herr Cicero, uns entschädigt haben. Vielen Dank!"

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Henry Ford: „Meine Herren, wir haben nun mit einer ganzen Reihe erlauchter Persönlichkeiten gesprochen, und wir waren wohl alle ziemlich beeindruckt, was wir zu hören bekamen.

Heute möchte ich Sie beide, Mister Hearst und Mister Schulz mit einer neuen Idee bekanntmachen. Was halten Sie davon, wenn wir ein 'round table talk' für unsere deutsch sprechenden Freunde: ein Gespräch am 'Runden Tisch' führen, und zwar mit mehr als nur einem Partner?"

Hearst: „Ein ausgezeichneter Vorschlag, Mister Ford! Ich bin sofort dabei! Was meinen Sie dazu, Mister Schulz?"

Otto Schulz: „Es kommt darauf an, wer daran teilnehmen soll. Haben Sie alles schon in Ihrem Hinterkopf, Herr Ford?"

Ford: „Natürlich! Aber ich habe noch eine andere Überraschung: Das Thema möchte ich erst am Tage unserer Zusammenkunft bekanntgeben, damit alle gezwungen werden, aus dem Stegreif zu sprechen und keiner die Möglichkeit hat, sich besonders darauf vorzubereiten. Die Einladungen an die Gesprächspartner werde ich heute ausgeben, und wir treffen uns dann morgen früh zur gewohnten Stunde hier zum 'round table talk'. Solong, meine Herren!"

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