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3. Königin Luise von Preußen, 1776-1810. (Das bewegendste Ereignis.)

Otto Schulz: „Majestät, wir möchten Sie bitten, uns über das Ereignis zu berichten, welches Sie am meisten bewegt hat."

„Ich glaube, ich stehe nicht allein da, wenn ich Ihnen diese Frage als Mutter beantworte. Es sind die Geburten meiner Kinder. Sie haben in mir eine solche Menge von unbeschreiblichen Empfindungen hervorgerufen, daß ich heute immer noch nicht in der Lage bin, sie umfassend in Worten auszudrücken. Es ist mir bis heute unbegreiflich, daß die Natur in der Lage ist, einen neuen Menschen hervorzuzaubern, der ein selbständiges Leben führen wird und auch wiederum eines Tages seinen Teil dazu beitragen kann und muß, um die Kette nicht abreißen zu lassen. Dieses Erlebnis der Geburt eines Menschen ist für mich das alles überwältigende Ereignis meines Lebens. Es schenkt mir eine tiefe Ehrfurcht vor der Natur."


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Otto Schulz: „Wir sind ergriffen von Ihren Gefühlen und Ihrer Verbundenheit zum Wunder der Natur, Majestät, in die Sie uns einen kurzen, zu kurzen Blick haben werfen lassen. Wir dürfen in diesem Zusammenhang sagen, daß Sie bei den Menschen in Preußen und auch im gesamten Deutschland, die sich noch ein Körnchen von Tradition und Stolz auf ihre Abstammung bewahrt haben, in ihren Herzen weiterleben. Jetzt haben Sie auch unsere Gefühle durch Ihre Worte bestätigt.

Dennoch muß ich leider sagen, daß wir an die Geburt Ihrer Kinder nicht gedacht haben. Welches war ein ähnlich großes Erlebnis?"

„Auch auf die Gefahr, Sie wieder zu enttäuschen - und Sie sehen es an meinem Lächeln, daß ich Ihre Fragen nicht übel vermerke -werde ich bei der Wahrheit bleiben. Das nächstgrößte Ereignis in meinem Leben war meine Heirat mit Friedrich Wilhelm III. Sind Sie nun sehr enttäuscht?"

Otto Schulz: „Aber Majestät, wie könnten wir von einem Gespräch mit Ihnen enttäuscht sein?! Wir schätzen uns glücklich, von einer so volkstümlichen Monarchin empfangen zu werden und dabei Worte zu hören, um die uns gewiß viele beneiden.

Dürfen wir trotzdem hartnäckig weiter fragen? Denn wir hatten eigentlich an ein ganz anderes Erlebnis gedacht."

„Endlich sind Sie an dem Punkt angekommen, den ich von Anfang an vermutet hatte. Aber ich betone nochmals: Sie wollten die Reihenfolge wissen, und deshalb mußte ich bei der Wahrheit bleiben.

Sie wollen etwas über meine Begegnung mit Napoleon hören, nicht wahr? Gut, ich will versuchen, dieses historische Ereignis so wiederzugeben, wie es sich zugetragen hat, soweit es mir erinnerlich ist. Ich werde am besten bei unserem Dialog bleiben.

Das Treffen fand am 7. Juli 1807 in Tilsit in Ostpreußen statt, wohin mein Mann, die beiden Kinder und ich geflohen waren. Napoleon bot mir seinen Arm, und wir gingen, ich glaube, es war


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im Rathaus von Tilsit, durch einige Räume, als man hinter uns plötzlich, aber von mir erhofft und deshalb erwartet, die Tür schloß. Wir waren allein. Ich hegte nämlich die Hoffnung, den Kaiser zu einem erträglichen Frieden für Preußen umstimmen zu können.

„Majestät," begann Napoleon das Gespräch. Danach sagte er weiter nichts, sondern sah mir lange in die Augen. Ich hatte das Gefühl, er sähe mir nicht nur in die Augen, sondern nahm mich in meiner vollen Größe wahr. - Ich muß dazu sagen, daß man mich, entsprechend der damaligen Mode, sehr körperbetont und mit einem tiefen Dekollete gekleidet hatte. Obgleich mein Mann für Garderobe kein Interesse zeigte, wußte ich doch, daß die Mehrzahl der Männer, gerade auch aus den gehobenen Kreisen, einen Blick dafür hatten. Es war also nichts Ungewöhnliches an meinem Äußeren, aber ich spürte jetzt, welchen Eindruck ich auf Napoleon machte. Vielleicht habe ich in dieser Erkenntnis etwas die Farbe gewechselt. Napoleon schien sich wieder gefangen zu haben. Er begann das Gespräch erneut:

„Madame, erlauben Sie mir" - und er sprach trotz seines korsischen Temperaments sehr langsam - „erlauben Sie mir, daß ich Sie so anspreche. 'Majestät' können heutzutage in Europa viele Menschen werden. Ich spreche da aus Erfahrung! Aber Sie, Madame, verkörpern mehr als eine Majestät. Sie könnten für mich eine Weltanschauung sein."

Es folgte jetzt wieder eine Pause. Ich überlegte, was hinter seinen Worten stecken könnte. Da er nicht sprach, antwortete ich ihm: „Sire, Sie stehen im Zenit Ihres Ruhms und Ihrer Macht. Da fällt es Ihnen leicht, Komplimente zu machen. Ich habe viel von Ihnen gehört und weiß, daß Sie in besonderen Lebenslagen einen kühlen Kopf bewahren. Nehmen Sie die Begegnung mit mir etwa auf die leichte Schulter, oder verbergen sich hinter Ihren Worten folgernde Gedanken?"


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„Ihre Antwort und Ihre Frage, Madame, bestätigen meine Worte. Auch ich habe schon viel von Ihnen gehört. Heute habe ich die Ehre, Sie zu sehen, Ihre Art zu erleben. Sie haben Ihre historische Aufgaben bisher meisterhaft und ohne Makel bewältigt. Haben Sie einmal darüber nachgedacht, ob dies alles gewesen sein muß? Empfinden Sie vielleicht eine noch größere Aufgabe, von der Sie noch keine rechte Vorstellung haben?"

Wieder wußte ich nichts mit seinen Worten anzufangen. Worauf wollte er hinaus? Es folgte dann ein regelrechtes Wortgefecht.

„Sire, Sie sprechen in Rätseln. Helfen Sie mir, hinter den Sinn Ihrer Worte zu kommen! Sie sprechen von noch größeren Aufgaben, von denen ich noch nichts ahne. Nun, ich bin nicht nur Königin von Preußen, sondern ich habe auch einen Mann und eine Familie. Sind das nicht Aufgaben genug?"

„Ach, Madame, lassen wir doch die Familie aus dem Spiel! Wer große Aufgaben zu erfüllen hat, wird sich nicht die Selbstbeschränkung durch die engen Grenzen einer Familie auferlegen."

„Sire, es wundert mich, dies gerade aus Ihrem Munde zu hören. Geben Sie damit nicht zu, selber so zu handeln, wie Sie es von anderen nicht wünschen? Soweit ich aus den Tatsachen schöpfe, weiß ich doch, daß gerade Sie so sehr an Ihrer Familie hängen und alles mit Hilfe Ihrer Politik tun, um diese Familie zu fördern. Sie haben Ihre Brüder zu Königen gemacht. Sehen Sie dies jetzt bei sich selber oder bei anderen Menschen eventuell als eine Behinderung an?"

„Madame, ich glaube nicht, daß man bei Ihnen alles mit Worten aussprechen muß. Ich halte Sie für sehr klug, um auch zwischen den Worten zu erfahren, was gemeint ist. Was allerdings nicht ausschließt, daß Sie zu klug sind, um all diese Möglichkeiten auch erfassen zu wollen. Wir werden sehen, Madame, inwieweit wir beide in der Lage sind, in höheren historischen Dimensionen zu denken und zu handeln."


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„Ich habe Ihren Weg der Eroberungen genau verfolgt. In diesem Zuge haben Sie, Sire, mein Land unterworfen und sind jetzt dabei, es zu zerstückeln. Gehört dies zu Ihren höheren historischen Dimensionen?"

„Bleiben wir bei dem einfachen Begriff der Dimensionen. Leider bin ich gezwungen, die französischen Interessengebiete auszudehnen, da es an Verständnis bei denjenigen fehlt, die mit mir zusammen eine neue Welt errichten könnten.

Ich weiß, daß ich als der Antichrist bei vielen verschrien bin, vielleicht auch bei Ihnen. Und dabei halte ich es, sofern es die Religion betrifft, mit Frederic le Grand: 'Jeder soll nach seiner Fagon selig werden.' Sehen Sie, Madame, ich würde mich also sehr gern mit jemandem verbünden, der meinen Ruf verbessert, der dazu in der Lage wäre, die Atmosphäre zu reinigen und auch die militärische Macht zu vergrößern. Mein Ziel geht weiter als bis zur russischen Grenze. Auch Alexander der Große wollte bis zum indischen Ozean. Und für diese Aufgaben, Madame, brauche ich einen Bundesgenossen. Verstehen Sie mich, Madame!"

„Sire, wenn Sie Preußen als Ihren Bundesgenossen im Auge haben, so lassen Sie meinem Land auch das Gebiet westlich der Elbe und die Festung Magdeburg."

„Es geht mir dabei nicht um Preußen. Ich glaube Ihnen nicht, Madame, daß Sie mein Ziel nicht kennen sollten. Sie sind mir eine zu kluge Frau. Auch ich habe Prinzipien über den Haufen werfen müssen. Wir sollten darum nicht über solche Probleme sprechen, wie sie in jeder einfachen Familie üblich sind. Vergessen Sie nicht die höheren Aufgaben, Madame! Denken Sie nicht nur an Preußen und Ihren Mann!"

„Sire, sobald ich durch Ihr Handeln erfahren habe, daß Sie bereit sind, Ihre familiären Prinzipien aufzugeben und nicht auch nur an Frankreich denken, sondern an wirklich höhere Dimensionen, so bin ich gern bereit, mit Ihnen über die Zukunft zu sprechen. Im


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Augenblick, Sire, sollten wir beide auch daran denken, daß wir bereits seit einer Stunde hier unsern Dialog führen. Mein Mann dürfte langsam ungeduldig werden."

So ungefähr verlief unsere Unterhaltung. Was Sie nun daraus zu erkennen vermögen, muß ich ganz allein Ihnen überlassen. Für mich war es jedenfalls das drittgrößte Erlebnis."

Otto Schulz: „Majestät, wir möchten uns Ihrem Schlußwort anschließen und den Menschen überlassen, wohin sie ihre Gedanken wandern lassen wollen."

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