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5. Charles de Gaulle, 1890-1970. (Kriegeserklärung an Deutschland.)
Otto Schulz: „Herr General, welchen Grund hatte Frankreich, am 3. September 1939 dem Deutschen Reich den Krieg zu erklären?" „Lassen Sie mich nachdenken. - Es ist schon eine eigenartige Frage, die Sie mir da stellen. Leider habe ich hier keine Möglichkeit, mich diplomatisch aus der Affäre zu ziehen. So muß ich die allgemeine Erkenntnis preisgeben, daß Frankreich eigentlich gar keinen Grund für eine Kriegserklärung hatte und sie auch nicht wollte. Hitler hatte ja feierlich erklärt, daß er grundsätzlich den alten Zankapfel um Elsaß-Lothringen beseitigen wolle. Er verzichtete auf dieses Gebiet, so daß es zwischen Deutschland und Frankreich keine Differenzen mehr gab. Wir waren um so mehr von Hitlers Ehrlichkeit überzeugt, da er auch auf Südtirol verzichtet hatte und dabei blieb. Auch verzichtete er auf den Anspruch der nach
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dem I. Weltkrieg abgenommenen deutschen Kolonien. So war die Lage.
Allerdings waren die Hintergrund mächte in den USA und England laufend dabei, Störfeuer zu schießen. Es ging sogar soweit, das man mehrfach öffentlich erklärte, das Deutsche Reich müßte mit Krieg überzogen werden, weil es einen besonderen Wirtschaftsweg ging, der den internationalen Bankiers nicht paßte. Sie können das alles unter anderem auch in Churchills Erinnerungen nachlesen, oder ihn auch selbst befragen.
Als dann Hitlers Geduld immer wieder durch Mordanschläge auf deutsche Minderheiten in Polen auf die Probe gestellt wurde, sah er sich gezwungen, reinen Tisch zu machen. Im übrigen hätten sich die USA, England und auch Frankreich keine ähnliche Behandlung Angehöriger ihres Volkes gefallen lassen, wie es die Polen mit den Deutschen taten.
Das Bündnis, das bei den Verhandlungen der westlichen Alliierten mit der Sowjetregierung angestrebt wurde, richtete sich nicht etwa auf den Schutz Polens aus, sondern war allein gegen Deutschland gedacht. Man hoffte, hier den Anstoß zu der gewünschten Auseinandersetzung zu finden. Dazu kam es jedoch nicht. Die Sowjets verhandelten plötzlich mit Hitler, und es kam zu dem bekannten Pakt, der zum Krieg gegen Polen führte. Aber das alliierte Ziel wurde später doch erreicht.
Die Sorge der USA und Englands hing allein daran, daß der Krieg durch Hitlers Angebote an Polen verhindert werden könnte. Aber die Polen waren in ihrer bekannten Großmannssucht nicht mehr zu bremsen. Sie gingen auf kein Angebot Hitlers ein, und England bestärkte Polen in dieser Haltung, die der englischen Taktik sehr entgegenkam. Letzten Endes gab England den Polen eine Blanko-Garantie für den Kriegsfall, egal, wer den Krieg beginnen würde.
Am 30. August 1939 war es dann soweit. Die Polen meldeten in ihrer Spätsendung im Radio Warschau, daß sie in breiter Front die
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deutsche Grenze überschritten hätten und gedachten, innerhalb einer Woche in Berlin einmarschieren zu können.
Als dann am 1. September Hitler mit seiner Armee antwortete, begann unter den Westmächten eine fieberhafte diplomatische Tätigkeit. Die USA und besonders England drängten darauf, daß nun eine Kriegserklärung Frankreichs und Englands an das Deutsche Reich zu erfolgen habe. Frankreich hat sich zwar gesträubt, aber es half alles nichts, der Zweite Weltkrieg begann am 3. September mit unseren Kriegserklärungen."
Otto Schulz: „Sie, als General, waren gewiß im Bilde über die politischen und militärischen Absichten der Sowjets. Warum haben Frankreich und England nicht auch der Sowjetunion den Krieg erklärt, da diese doch ebenfalls Polen 'überfallen' hatte?"
„Abgesehen davon, daß der Bolschewismus die Weltrevolution wollte und dies notfalls auch mit Gewalt durchzusetzen gedachte, wußten wir über eine Sitzung des Politbüros unter dem Vorsitz Stalins Bescheid, was in allernächster Zeit zu erwarten war. Es war eine französische Zeitung, die einen Bericht über die Beschlüsse des Politbüros vom 19. August 1939 brachte. Stalin wollte nach Herstellung einer gemeinsamen Grenze zu Deutschland einen Waffengang mit dem Dritten Reich. Das entsprach dem alten Leninschen Gedankengang, sobald Deutschland bolschewistisch wäre, müßte der Rest der Welt unaufhaltsam folgen. Wir hatten die Gefahr auch für Frankreich erkannt. Es kam also nur darauf an, rechtzeitig Gegenmaßnahmen zu treffen.
Allein aus diesen Erkenntnissen heraus konnten wir nicht auch der Sowjetunion den Krieg erklären. Wir hegten die stille Hoffnung, daß sich Deutschland und die Sowjets gegenseitig aufreiben würden, so daß alle Gefahr für Westeuropa ausgeschaltet wäre." Otto Schulz: „Nun erfuhren Sie aber, wie Hitler nach dem 22. Juni 1941 die sowjetischen Streitkräfte vernichtend schlug. Wie sahen Sie die mögliche Entwicklung?"
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„Unsere ganze Sorge war: Wer wird zuerst losschlagen? Sollten die Sowjets die Initiative ergreifen und Hitler mit ihrem Angriff überraschen? So, wie die sowjetische Rüstung und Strategie aufgezogen war, sahen wir für diesen Fall keine Hoffnung für Westeuropa. Wären die Sowjets zuerst über Hitlers Angriffsverbände hergefallen, wäre der restliche Westen überlaufen worden. Deshalb waren wir heilfroh, als wir die Nachrichten vom 22. Juni hörten. Der Krieg zwischen Deutschland und der Sowjetunion war ausgebrochen."
Otto Schulz: „Herr General, warum gibt der Westen nicht öffentlich diese Erkenntnisse zu, daß der Krieg Deutschlands gegen die Sowjets ein notwendiger Präventivkrieg war?"
„Sehen Sie, das wiederum hat nichts mehr mit militärischen Dingen zu tun. Das ist große Politik. Es genügt, wenn wir wissen, daß Hitler den ganzen europäischen Westen und vielleicht sogar die ganze Welt vor der Bolschewisierung gerettet hat. Aber warum müssen dies auch die Völker wissen? Damit wären ja nicht wir die Retter Europas gewesen, sondern Hitler. Können Sie sich denn gar nicht vorstellen, wer eine solche Aufklärung auf keinen Fall zugelassen hätte?"
Otto Schulz: „Herr General, wir freuen uns, dies gerade von Ihnen
zu hören. Wir danken Ihnen für dieses Gespräch."
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