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7. Karl May, 1842-1912. (Die Idee, zu schreiben.)
Hearst: „Herr May, wie kamen Sie auf die Idee, Reiseerzählungen zu schreiben?"
„Da muß ich weit ausholen. Ich wurde zwar nicht blind geboren, aber durch eine fehlerhafte medizinische Behandlung konnte ich bis zu meinem sechsten Lebensjahr nicht sehen. Erst zu dieser Zeit kam ich in die Hände eines ordentlichen Fachmannes, so daß ich mein Augenlicht wiederfand.
In diesen sechs Jahren war meine so sehr geliebte Großmutter mein täglicher Ansprechpartner. Sie hatte eine wunderbare Art, Märchen zu erzählen. Und wie es bei blinden Menschen gang und gäbe ist, waren all meine Sinne auf den einen besonders ausgerichtet: das Gehör. Ich saß da und lauschte den Erzählungen meiner Großmutter, die meine ganze große kleine Seele erfüllten und ergriffen. Und sie hatte Geduld und wohl nicht nur
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das, sondern die besondere Gabe, in und mit ihren Märchen zu leben.
Wir waren ganz arme Leute. Das Einkommen meines Vaters als Weber war äußerst gering; dazu noch unregelmäßig, denn die Fabrik, für die er arbeitete, suchte oft Gründe, an der abgelieferten Arbeit etwas zu bemängeln, um den Lohn runterzudrücken. Meine Mutter machte ebenfalls Heimarbeit und verdiente an manchen Tagen sogar 25 Pfennige. Armut und entsprechend bedrückte Stimmung beherrschten das Leben in der Familie.
So suchte ich, wie von einem Magnet angezogen, immer meine Großmutter auf. Nicht nur, weil ich mich bei ihr geborgen fühlte, sondern auch, um mit meiner geliebten Großmutter wie selbstverständlich Ausflüge in unsere Märchenwelt zu unternehmen. Wir waren beide so sehr darin verstrickt, daß wir jene Welt als real ansahen. Ich führte also ein richtiges Doppelleben; das der täglichen Armut, und eine Treppe höher bei meiner geliebten Großmutter das einer Scheinwelt.
Ich war nicht nur passiver Teilnehmer in dieser herrlichen Märchenwelt. Obgleich ich noch nicht zur Schule ging, wurde ich von 10- bis 13jährigen Kindern oft geholt, um in diesem Kreise meine Märchenwelt durch meine Erzählungen erstehen zu lassen. Das geschah nicht etwa selten, sondern recht häufig, besonders in der Sommerzeit, wenn wir Kinder irgendwo im Freien einen heimeligen Platz fanden, wo wir ungestört unseren Gedanken freien Lauf lassen konnten."
Hearst: „Sie sprachen von der Armut in Ihrer Familie. Heute geht es den Kindern doch sehr viel besser. Wie sehen Sie diese neue Zeit?"
„Um das Ergebnis des Vergleichens vorwegzunehmen: Ich glaube, die innere Armut ist für die heutige Jugend schlimmer als die äußere, wie ich sie damals kennenlernte und viele andere Menschen auch. Es ist gut, daß ich Ihre erste Frage mit Überzeugung beantworten konnte. Sie können daraus erkennen, mit wieviel in-
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nerem Reichtum ich durch meine Großmutter, die ich bis zum heutigen Tage verehre, beschenkt wurde.
Heutzutage bekommen die Kinder nach materiellem Vermögen der Eltern alles, was sie sich nur erdenken können. Es gibt doch Familien, in denen die Eltern und Verwandten gar nicht mehr wissen, womit sie die Kleinen erfreuen können. Wer spielt heute noch mit Bauklötzen aus Holz? Wer läuft noch hinter einem, wir sagten Kullerreifen hinterher? Wer schnitzt seinem Sohn noch eine Pfeife aus einem Weidenast? Sie werden dies nicht mehr finden. Teuer muß ein Geschenk sein! Einen Computer bekommt das liebe Kind und für sein Zimmer einen eigenen Fernseher! Vor diesem sitzt es dann stundenlang. Es braucht dabei nicht mehr selbständig zu denken. Das wird ihm von den Produzenten abgenommen. Das Kind wird innerlich leer, gefühllos, haltlos, übersättigt.
Wenn es dabei bliebe, dann wäre es ja noch nicht so schlimm. Es kommen aber noch andere Schäden hinzu. Durch den angebotenen Schund werden die lieben Kleinen schon bald auf die Idee gebracht, daß die Gewalt der richtige Weg ist, um zu einem Leben in irdischen Freuden zu gelangen. Das Schlimmste ist die Verkümmerung des eigenen Denkens und die Manipulation in ganz bestimmte Richtungen, die absolut negativ für das heranwachsende Leben ist.
Und die Eltern? Sie haben keine Zeit, darüber nachzudenken. Und eine Großmutter gibt es in den heutigen Familien nicht mehr. Die alten Leute stören nur, sie passen angeblich nicht in die neue Zeit, sie sind 'Gruftis'. Man möchte sie lieber heute als morgen loswerden; möglichst bald beerben. Ehrfurcht vor dem Alter ist unmodern, nicht fortschrittlich. Sie kennen ja auch nur die alte Art der Erziehung und verstehen nichts von einer neuen, modernen, antiautoritären Erziehung. Ich halte diese Einstellung für eine Ausrede. Man glaubt, mit dem Begriff 'antiautoritär' kann man sich vor der Verantwortung drücken. Und mit Geld, meint man, alles be-
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gleichen zu können, auch die Freistellung von der Verantwortung. Nun zum Kern Ihrer Frage: Mit Geld und materiellen Dingen kann man ebensoviel, wenn nicht noch mehr zerstören, als wenn es daran mangelt."
Hearst: „Sie haben im Gefängnis und Zuchthaus gesessen. Wie kam es dazu?"
„Damit hat das Schicksal der negativen Richtung für mich seinen Lauf genommen. Ich war Lehrer an einer Fabrikschule geworden. Mein Zimmer mußte ich mit einem Buchhalter teilen, der ältere Rechte hatte. Dieser Mann hatte zwei Taschenuhren, während ich keine besaß. Um aber meine Unterrichtsstunden pünktlich absolvieren zu können, brauchte ich eine Uhr. Geld hatte ich keines, um sie mir anzuschaffen. Da die zweite Uhr, ein älteres Stück, immer nur unbenutzt an der Wand hing, bat ich meinen Zimmergenossen, sie mir auszuleihen. Das tat er auch. Als die Weihnachtsferien kamen, ging ich nach dem Unterricht zu meinen Eltern in mein Heimatdorf Ernstthal. Da ich noch kleine Geschenke machen wollte, hielt ich mich im Ort auf. Eine Bekannte sagte mir, ich würde bereits vom Gendarm gesucht. Ein Buchhalter hätte mich angezeigt, seine Uhr gestohlen zu haben. Ich war völlig kopflos. Als der Gendarm erschien, bestritt ich die Anschuldigung, auch daß ich die Uhr überhaupt hätte. Bei der Leibesvisitation kam die Uhr zum Vorschein und ich ins Gefängnis; für sechs Wochen. Als ich später meinen Zimmergenossen traf, sagte er, daß ihm alles leid täte. Es war jedoch zu spät.
In Dresden habe ich Rauchwaren - Pelze - eingekauft, aber sie nicht bezahlt. Dafür bekam ich rund vier Jahre Gefängnis. Ich habe meine Arbeit, die mir als Gefangener aufgetragen wurde, gemacht, aber es blieb mir noch soviel Zeit, um meine Märchen zu schreiben, die ich auch bei Verlegern später unterbringen konnte.
Seelisch war ich nach der Entlassung krank geworden. Ich irrte manchmal tagelang umher. Eines Tages kam ich ziemlich verdreckt
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nach Hause. Meine Mutter empfing mich mit der schrecklichen Mitteilung, daß man mich suchen würde, weil ich ein Haus angezündet und andere Verbrechen begangen hätte. Zwar konnte ich das alles nicht begreifen, denn ich war ja unschuldig, aber ich zog mich um und verschwand. Nachdem man mich gefunden und verhaftet hatte, wurde ich zu viereinhalb Jahren Zuchthaus und zwei Jahren Polizeiaufsicht verurteilt.
Zuerst war ich im Zuchthaus zu keinerlei Arbeit fähig. Nach einer gewissen Zeit wurde ich in die Bibliothek beordert. Dort habe ich selbständig walten können. Auch die Ausgabe der Bücher unterstand mir. Dabei stellte ich fest, daß man den Gefangenen wahllos irgend welche Literatur in die Hände gab, ohne dabei die Persönlichkeit des Betreffenden zu berücksichtigen. Ich hielt nämlich jeden Gefangenen für eine Persönlichkeit.
Ich kam in dieser Zeit zu einer besonderen Erkenntnis: Man kann durch Literatur die Menschen beeinflussen, sie in eine bestimmte Richtung geistig dirigieren.
Dies ist ein gewaltiger Erfahrungswert, den ich Zeit meines Lebens nicht vergessen habe. Wenn ich mir heute die Literatur und all die anderen Medien betrachte, dann ist mir klar, daß dies nur eine von unheimlichen Kräften gesteuerte Macht sein kann, der allein daran liegt, die Menschen auf einen ganz bestimmten Weg und damit in ihre Gewalt zu bringen. Dies können Sie auf allen Gebieten der Publikation feststellen, ob damit Werbung für Dinge, die man gar nicht braucht, gemeint ist, oder die politische internationale Macht ihre unsichtbaren Muskeln spielen läßt.
Nehmen Sie die Schundliteratur, die allein auf materiellen Gewinn bedacht ist, oder das Fernsehen, und Sie werden feststellen, wie die Menschen nicht nur verdummt, sondern verdorben und mißbraucht werden. Es wird hierbei schwarz zu weiß gemacht und umgekehrt. Die Grunderkenntnis, die ich im Zuchthaus gewann, wurde durch die Entwicklung bis heute bestätigt.
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Zwar haben es schon andere Menschen vor mir und auch nach mir erkannt, aber man will ihnen bis heute nicht glauben.
Übrigens, der Brandstifter, dessen Tat mir damals angehängt wurde, ist später gefaßt und abgeurteilt worden."
Hearst: „Ihre literarischen Werke sind weltbekannt Ich möchte Sie darüber nicht befragen. Man hat Ihnen auch später ziemlich mitgespielt. Wessen bösartiges Verhalten liegt Ihnen besonders im Magen?"
„Ich möchte niemandem etwas nachtragen. Alle Menschen haben ihre speziellen Fehler, und ich glaube, es gibt keinen, der ganz ohne Makel durchs Leben kommt. Wenn Sie mich allerdings so direkt fragen, kann ich die Wahrheit nicht unterdrücken.
Rudolf Lebius war so um die Jahrhundertwende als begabter Journalist tätig. Er hielt sehr viel von meinen literarischen Werken. Er sah eine Möglichkeit, mit mir zusammen ein Geschäft daraus zu machen. Das heißt, ich sollte ihm ein Honorar von 10.000 Mark für seine Reklame bezahlen. Er kam nämlich mit dem Vorschlag, meine Literatur zu 'vermarkten', würde man heute sagen. Davon hielt ich nun aber gar nichts. Meine Arbeiten fanden auch so reißenden Absatz. Zuerst nahm er meine Ablehnung für veränderbar an und meldete sich wieder. Als ich aber hartnäckig ablehnte, veröffentlichte er Artikel gegen mich und gegen meine Art zu schreiben. Dabei kamen auch meine Strafen zur Sprache, und das nach einer Zeit von vierzig Jahren. Das muß man sich einmal vorstellen! Damit hatte er aber noch nicht genug Unheil angestellt. Er besprach in seinen Blättern auch noch die Probleme meiner Scheidung, also absolut private Dinge. Mit allen Mitteln versuchte er, mich kleinzukriegen.
Obgleich ich durch nichts zu bewegen war, mit ihm zusammenzuarbeiten, wir auch die Krachs durch seine Veröffentlichungen schon hinter uns hatten, hielt er es immer noch für angebracht, erneut bei mir anzufragen, ob ich jetzt bereit sei, mit ihm über die
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Publizierung meiner Werke zu sprechen. Ich blieb aber hart in meiner Ablehnung.
Da dieser Mann sich als Sozialdemokrat bekannte und hervortat, können Sie sich vorstellen, was ich von solchen Leuten und seiner Partei zu halten hatte."
Hearst: „Herr May, wir danken Ihnen für dieses überaus interessante Gespräch und möchten Ihnen sagen, daß Ihre Bücher bisher von allen Generationen mit heißen Herzen gelesen wurden. Danke!"
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