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8. Jungfrau Maria". (Wer ist der Vater von Jesus?)
„Erlauben Sie, gnädige Frau, daß wir uns vorstellen: Mister Ford aus Amerika, Herr Schulz aus Deutschland, und ich, Randolph Hearst, ebenfalls aus Amerika.
Sie sind eine außergewöhnliche Persönlichkeit. Sicher wären viele Menschen erfreut, wenn sie von Ihnen Aufklärung über all das bekämen, was man von Ihnen erzählt. Würden Sie uns bitte sagen, wie alt Sie waren, als Sie Josef, Ihren Mann, heirateten?"
„Sie kommen aus Amerika und Deutschland. Davon habe ich nie etwas gehört. Sind das Städte? Liegen sie hinter Ägypten?"
Hearst: „Amerika ist ein riesiges Land, das hinter einem großen Meer liegt. Deutschland ist ein sehr kleines Land, aber man kennt es in der ganzen Welt, und alle Menschen lieben es. Deshalb wollen so viele Menschen dort leben. Vielleicht ergibt es sich, daß wir Ihnen mehr darüber erzählen. Vergessen Sie bitte meine Frage nicht!"
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„Ich glaube, ich war damals 13 oder 14 Jahre alt, als ich zu Josef in die Hütte zog."
Hearst: „Die nächste Frage ist mir sehr peinlich, aber die Neugier-de aller Menschen, und auch meine, ist so stark, daß ich sie nicht unterdrücken kann: Wer ist der Vater von Jesus, Ihrem Erstgeborenen? Wenn Sie diese Frage nicht beantworten wollen, so haben wir dafür Verständnis/'
„Sie können ruhig fragen, mir macht das nichts aus. Ich weiß es aus meiner Verwandtschaft, daß man sich darum keine Gedanken gemacht hat, wenn mal ein Kind vor der Zeit zur Welt kam. Warum ist für Sie diese Antwort so wichtig?"
Hearst: „Das liegt daran, weil viele sagen, der 'Heilige Geist' sei der Vater des Kindes; der Kirchenvater Origenes dagegen vermutet einen römischen Soldaten als Vater, und, last but not least, käme ja auch Josef noch in Betracht."
„Ist das nicht eine reine Familienangelegenheit? Wenn mein Mann, der Josef, keinen Verdacht hatte, dann genügt mir das. Und der hat mir niemals Vorhaltungen gemacht. Warum wollen Sie nun von mir etwas hören, was keinen etwas angeht? Im übrigen, 'Heiliger Geist'? dieser Herr ist mir völlig unbekannt."
Hearst: „Es gibt nämlich Leute, die steif und fest behaupten, daß Ihr Jesus vom 'Heiligen Geist' gezeugt wurde. Das ist das Problem!"
„Was gehen mich die Leute an, die vom 'Heiligen Geist' reden?"
Hearst: „Diese Leute sind deshalb so hartnäckig, weil sie damit eine Religion verbinden, die den Menschen angeboten wird. Vielleicht können Sie uns doch noch einen Schritt entgegenkommen?"
„Was soll ich darunter verstehen, daß man den Menschen eine Religion anbietet? Wie kann man eine Religion anbieten? Und wer diese Religion nicht kaufen will, der kann es doch lassen, nicht wahr?"
Hearst: „Das ist so mit der Religion: Sie wird nicht zum Kaufangeboten, sondern sie wird seit langer Zeit den Menschen eingeredet.
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Sie wird den Menschen sogar mit Gewalt beigebracht. Den Kindern wird sie zum Teil eingeprügelt. Sie müssen irgendwelche Dinge, Geschichten, Lieder, Gebete und viel Hokuspokus lernen. Bereits die Säuglinge werden durch die Taufe in den Kreis dieser Religionsanhänger hineingezwungen; und sie bleiben aus Gewohnheit dabei bis zu ihrem Lebensende."
„Und was hat das damit zu tun, wer der Vater von meinem Jesus ist?"
Hearst: „Die Leute, die diese bestimmte Religion lehren, sagen nämlich, daß Sie Ihren Jesus als Jungfrau zur Welt gebracht haben und der 'Heilige Geist' der Vater sei."
„Bevor die Leute solch einen Unsinn behaupten, sollten sie zuerst einmal mit mir sprechen. Und, ich sage es noch einmal: Was geht es diese Leute überhaupt an?!"
Hearst: „So kommen wir nicht weiter, Frau Maria. Ich möchte zwar nicht aufdringlich sein, aber diese Grundsatzfrage bewegt die Menschen seit zweitausend Jahren. Können wir bitte noch weiter versuchen, hinter dieses Geheimnis zu kommen?"
„Wenn Ihnen dieses Fragespiel nicht langweilig wird, dann können wir es noch eine Weile fortsetzen. Ich habe zwar keine Schule besucht, aber ich bin eine Jüdin, und wir sind allgemein bekannt dafür, daß wir es in Gesprächen mit allen aufnehmen können. Uns kann man nicht so schnell in die Enge treiben. Wir wissen meisten einen Ausweg. Also, wie war Ihre letzte Frage?"
Hearst: „Wir sind immer noch beim rätselhaften Vater Ihres Kindes Jesus."
„Was genau ist rätselhaft?"
Hearst: „Zum Beispiel die Sache mit dem 'Heiligen Geist'."
„Für mich auch!"
Hearst: „Aber in einem Buch, das man 'Bibel' nennt, stehen noch mehr Geschichten darüber, daß Frauen vom 'Heiligen Geist'
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schwanger wurden. Ist denn das immer nur eine Ausrede oder Vertuschung der Wahrheit?"
„Es kommt doch darauf an, ob jemand glaubt, was ihm erzählt wird. Ich kann mir vorstellen, daß im Falle einer Schwangerschaft die Frauen eher bereit sind, daran zu glauben. Den Männern fällt das Glauben diesbezüglich sicher schwerer."
Hearst: „Warum soll es denn den Frauen leichterfallen, an eine Schwangerschaft durch den 'Heiligen Geist' zu glauben als den Männern? Ist das vielleicht eine Eigenart der Juden?"
„Ich denke, Sie machen sich über mich lustig. So dumm kann doch eigentlich kein Mann sein, oder? Nicht zu begreifen, warum die Frauen für diese Möglichkeit anfälliger sind! Es liegt doch klar auf der Hand, daß eine Frau bei einem solchen Problem, nämlich ein Kind zur unpassenden Zeit zu bekommen, nach allen nur denkbaren Ausreden Umschau hält. Da versucht man schon mal sein Glück mit einem Engel oder mit dem Teufel oder auch mit dem 'Heiligen Geist', wie Sie ihn nennen. Aber, wie ich schon sagte, es kommt immer darauf an, ob diejenigen, denen das erzählt wird, auch tatsächlich daran glauben. Oder soll ich sagen: darauf hereinfallen?"
Hearst: „Kommen wir noch einmal auf den Punkt zurück! Wie war es bei Ihnen ? Sie waren noch sehr jung, als sich Jesus bei Ihnen anmeldete."
„Ja, das stimmt. Als Josef mich zu sich nahm, war ich so 13 oder 14 Jahre alt. Ich denke, diese Frage hatte ich schon beantwortet?" Hearst: „Wir treten auf der Stelle. Ich meine, wer ist denn nun der Vater? War es Josef, ein römischer Soldat, oder der 'Heilige Geist'?"
„Wie war doch Ihr Name?"
Hearst: „Hearst, Randolph Hearst."
„Mister Hearst, Sie sind ein Mann, und ich habe eben schon gesagt, wie ich in diesem Fall über die Männer denke. Meinen Sie, die persönliche Ansicht eines Menschen über die Vaterschaft mei-
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nes Jesus gehört sogar zum religiösen Glauben?"
Hearst: „Verehrte Madonna, wenn ich mich dem jüdisch-christlichen Glauben zugehörig fühlte, dann müßte ich glauben, daß Sie vom 'Heiligen Geist'geschwängert wurden."
„Gehören Sie diesem Glauben an, Mister Hearst?"
Hearst: „Was ich glaube, tut nichts zur Sache! Wir möchten nur gern wissen, wer der Vater von Jesus ist!"
„Wenn Ihnen die Vaterschaft meines Sohnes Nebensache ist, dann verstehe ich nicht, warum Sie so sehr auf dieser Frage herumreiten?"
Hearst: „Liebe Frau Maria, wenn Sie zweitausend Jahre später zur Welt gekommen wären, hätte ich Sie sofort als Journalistin angestellt. Ohne daß man es richtig merkt, drehen Sie den Spieß um und interviewen mich. Wollen Sie meine Frage nicht beantworten, oder wie sehe ich den weiteren Verlauf unserer Unterhaltung?"
„Von mir aus können Sie mich ruhig weiter fragen. Ich bin gern bereit, zu antworten. Ob Sie allerdings mit meinen Antworten zufrieden sein werden, das ist letzten Endes Ihr Problem. Aber ich muß eine grundsätzliche Frage an Sie richten: Wer hat denn überhaupt diese verrückte Idee gehabt, sich für die Vaterschaft meines Kindes so zu interessieren und dazu gleich drei Möglichkeiten anzubieten? Sie brauchen nicht zu antworten, wenn Sie nicht wollen, mich interessiert dieses Geschwätz eigentlich nicht, es amüsiert mich höchstens. Sie sagten mir, Mister Hearst, wenn ich 2000 Jahre später zur Welt gekommen wäre, hätten Sie mich als Journalistin angestellt. Und ich sage Ihnen, wenn Sie 2000 Jahre früher zur Welt gekommen wären, hätten Sie nur rumzuhören brauchen, was man über meine erste Schwangerschaft gesprochen hat. Damals war es absolut kein Geheimnis! Zufrieden?"
Hearst: „Lady, das Gespräch mit Ihnen war uns ein außergewöhnliches Vergnügen! Zwar sind wir nun so klug als wie zuvor, aber
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unseren Spaß haben wir dennoch gehabt, und dafür danken wir Ihnen ganz aufrichtig! Dürfen wir die Hoffnung hegen, uns vielleicht einmal wiederzusehen?"
„Aber gern, meine Herren. Schalom!"
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