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9. Dr. Arthur Schopenhauer, 1788-1860 (Ein Frauenfeind?)
Hearst: „Herr Doktor Schopenhauer, es ist für uns recht schwierig, ein Interview mit einem weltberühmten Philosophen zu führen, wenn man sich mit einer Materie befassen soll, die mehr abstrakt als konkret ist, und von dessen Verfechter man kaum mehr weiß, als daß er ein Frauen feind gewesen sein soll. Sie sind ja auch nie verheiratet gewesen. Waren Sie ein Frauenfeind?"
„Ich weiß, es wird viel Unsinn verbreitet.
Zuerst einmal: So ganz abstrakt ist die Philosophie nicht. Sicher ist es beim ersten Hinsehen eine unwirkliche, nur gedachte Wissenschaft, aber wir Philosophen meinen das Recht zu haben, solange abstrakt zu denken, bis man an die Grenze kommt. Das heißt, wir denken in der Metaphysik bis wir bei der Physik angelangt sind. Und umgekehrt geht die Physik ihre eigenen Wege, in
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allen ihren Zweigen, bis auch sie an einem Punkt haltmacht, wo sie beim Metaphysischen angekommen ist. Hier sind ihre Erklärungen am Ende. Dieser Punkt ist eben das Metaphysische, welches sie als ihre Grenze, darüber sie nicht herauskann, wahrnimmt, dabei stehenbleibt und nunmehr ihren Gegenstand der Metaphysik überläßt. Sie können sich dabei folgenden Vergleich vorstellen: Der Metaphysiker gräbt sich von der einen Seite in einen Berg hinein, während der Physiker von der anderen Seite kommt. Irgendwo werden sich die beiden Bergleute in diesem Stollen treffen.
Was meine angebliche Frauenfeindlichkeit betrifft, so kann ich nur sagen: die Leute kennen mich nicht und waren vielleicht nur interessiert, etwas Sensationelles in die Welt zu setzen. Ich kenne ja die Journalisten, die ohne Sensation nicht leben können; das ist ihr tägliches Brot. Und wenn sie falsch berichtet haben, ja, mein Gott, wer ist später schon an einer Korrektur interessiert? Und wenn sie tatsächlich erscheint, dann höchstens an einer Stelle, die von den meisten Lesern nur überflogen wird.
Aber ich bin gern bereit, Ihnen meine grundsätzliche Einstellung zu erklären: So wie Fackel und Feuerwerk vor der Sonne blaß und unscheinbar werden, so wird Geist, ja sogar Genie, und ebenfalls die Schönheit, überstrahlt und verdunkelt von der Güte des Herzens. Daraus, meine Herren, können Sie nun wiederum ihre erweiterte Geschichte machen. Irgendwo sollte man auch einfachen Geistern noch einen Spielraum lassen.
Damit Sie nicht mit zu leeren Händen an die Öffentlichkeit gehen, will ich Ihnen noch mehr verraten. Auf meiner Reise nach Italien hatte ich das große Vergnügen, eine Dame kennenzulernen, deren Namen ich hier aber nicht preisgeben will. Ich erwähne dieses Erlebnis, das schon bei einigen Biographen erwähnt wurde, ohne daß sie in der Lage waren, Genaueres zu berichten. Und dabei, meine Herren, soll es auch bleiben.
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Ich sehe Ihren erwartungsvollen Gesichtern an, daß Sie noch weitere Offenbarungen wünschen. Denken Sie an Caroline Medau, die sich als Schauspielerin 'Medon' nannte? Cut, dann wissen Sie ja Bescheid, und ich ermächtige Sie, das zu bringen, was bereits bekannt ist. Genügt Ihnen dies?"
Hearst: „Wir danken Ihnen für Ihre Bereitwilligkeit, über diesen heiklen Punkt zu sprechen. Aber wir denken da an einen weiteren und hätten darüber gern aus Ihrem Munde etwas gehört."
„Ach, meinen Sie den Brief, den mir meine Schwester geschrieben hat, in dem sie, feinfühlend wie sie eben war, von meiner Zuneigung, oder man kann auch sagen Liebe, redet? Der Brief ist so erfrischend, daß ich ihn schon oft gelesen habe und ihn immer in meinem Herzen trage:
'Da schreibst Du närrischer Mensch, außer mir hättest Du nie eine Frau ohne Sinnlichkeit geliebt. Ich habe sehr gelacht. Möchte aber fragen, ob Du mich denn wohl, wenn ich nicht Deine Schwester wäre, hättest lieben können; denn am Ende gibt's Frauen genug, die höher stehen als ich. Wenn also mein eigentliches Wesen und nicht der Schwestername mir Deine Neigung gab, könntest Du eine andere lieben fast - sieh, ich sage fast, ebenso lieben? Das Mädchen, die Du nennst, jammert mich sehr, ich hoffe zu Gott, Du hast sie nicht betrogen; denn Du bist ja gegen alles wahr, warum denn gegen so ein armes Ding nicht? Was Du für Kleinigkeiten von einer Frau forderst! Nur eben alles, wie alle. Doch wäre, dünkt mich, sehr leicht ein Mädchen zu finden, die einem großen Teil Deiner Wünsche entspräche, der Zufall walte nur - ihr findet eher zehn Frauen als wir einen Mann. Häusliches Glück ist wohl das Schönste, was uns dies Dasein gibt, und die meisten gehen stumm, ohne Klage hin und haben es nicht und dürfen es nicht einmal suchen.'
Ich hoffe, meine Herren, ich habe Ihre Wünsche damit erfüllt."
Hearst: „Noch nicht ganz, wenn's erlaubt ist. Haben Sie nicht eine
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unangenehme Erfahrung 'mit Frauen' gemacht, die Sie jahrelang daran erinnerte?"
„Muß das wirklich sein? Ich habe mich immer bemüht, diese dumme Geschichte aus meinem Gedächtnis zu verdrängen, aber es gelang mir nicht. Ich will versuchen, mich kurzzufassen.
In Berlin hatte ich eine Wohnung, die einen Vorraum besaß. Dieser war freigegeben, damit auch andere hindurchgehen konnten. Dann erlebte ich eines Tages, als ich nach Hause kam, daß sich dort ein paar Frauen häuslich niedergelassen hatten. Ich forderte sie auf, den Raum zu verlassen, da ich ihn gemietet hätte. Sie taten dies jedoch nicht. Sie lamentierten und gebärdeten sich wüst. Es gab ein wortreiches Gezanke, das in Handgreiflichkeiten ausartete. Ich wollte die Frauen vor die Tür setzen. Dabei stürzte eine von ihnen. Sie lief zum Arzt, ließ sich behandeln und schaltete auch einen Rechtsanwalt ein. Dessen Geschick ist es zu verdanken, daß ich der Frau 300 Taler zahlen mußte und eine Rente von jährlich 60 Talern. Ihr Zittern in einem Arm hat sie dann lebenslang gepflegt, so daß ich 20 Jahre hindurch diese Rente zahlen mußte. Ist es da verwunderlich, daß man mich zum Weiberfeind abgestempelt hat, und daß man es nicht wirklich wird?"
Henry Ford: „Eine letzte Frage, Herr Doktor Schopenhauer: Die Philosophie ist eine brotlose Kunst, sagt man, wenn man nicht gerade eine Professorenstelle hat. Und die hatten Sie ja nicht/'
„Mein Vater hat mir durch sein Kaufmannsgeschäft und seinen Nachlaß finanziell ermöglicht, mich meiner Leidenschaft widmen zu können. Ich war also unabhängig. Ansonsten hätte ich hungern müssen, oder ich wäre auf einen Mäzen angewiesen gewesen."
***
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