Zur deutschen Ausgabe

Erinnerungen und Autobiographien haben in der Geschichtswissenschaft stets einen großen Stellenwert, besonders dann, wenn die Berichtenden selbst hohe oder höchste Positionen eingenommen haben und wenn sie ohne Druck frei über ihr Tun berichten können. Dies gilt insbesondere für die Beurteilung der Zeit des Dritten Reiches und alle Deutschland betreffenden Probleme. Die Geschichtswissenschaft hat sich bis heute mit dem Dilemma herumzuschlagen, daß die Auswahl der Primärquellen im wesentlichen durch die Alliierten erfolgt ist. Sie entscheiden auch jetzt, welche Zeugnisse die Geschichtswissenschaft verwerten darf und welche nicht. Nicht wenige Dokumente sind immer noch verschlossen und werden vermutlich niemals der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Entscheidende Mitglieder der Funktionselite des Dritten Reiches wurden schließlich nach dem verlorenen Krieg entweder sofort liquidiert oder wie im Falle Rudolf Heß durch Inhaftierung mundtot gemacht und hatten deshalb kaum die Möglichkeit, ihre Sicht der Dinge für die Nachwelt zu erhalten. Erstaunlich ist schon, was die in Nürnberg Angeklagten und ermordeten deutschen Politiker und Wissenschaftler trotz dieses existentiellen Druckes noch ins Feld zu fuhren wußten - man denke etwa nur an Hermann Göring.

Der Historiker muß sich also heute, wenn er die Vorgange um das Dritte Reich erarbeiten will, darüber im Klaren sein, daß er in einem sicher nicht objektiv zusammengestellten Quellenfundus arbeitet, der im besten Fall nur einen Teilausschnitt der historischen Wirklichkeit repräsentiert. Ein direktes Berichten gibt daher die wichtige Möglichkeit die Ergebnisse der etablierten Geschichtsforschung auf fester und eingeschränkter Quellengrundlage abzugleichen und damit zu verifizieren. So unbestritten wie der Wert solcher historischen Primärquellen ist, so unbestritten ist auch der schwierige Umgang damit. Der

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Historiker und mit ihm der historisch interessierte Leser weiß, daß der Handelnde, der Geschichte machende immer bemuht ist, sein Tun und Lassen für die Vergangenheit im besten Licht erscheinen zu lassen - seine Sicht auf bestimmte Dinge ist immer eine subjektive. Dies, so mag man am Rande notieren, unterscheidet ihn allerdings in nichts von den meisten heutigen Lohnschreibern und Auftragshistorikern an Universitäten und in den Medien, die sich fast ausschließlich in der Zunft tummeln und sich von vornherein nicht um die historische Wahrheit kümmern wollen, sondern die Geschichtsschreibung zum Büttel ideologischer Voreingenommenheit machen.

Was die Memoirenliteratur anlangt gilt deshalb: Sie muß immer kritisch gelesen werden. Nicht jeder Sachverhalt ist wortwörtlich zu nehmen, aber auch geschonte Wahrheiten oder in direkte Schilderungen können zu greifbaren historischen Ergebnissen fuhren. All dies bezeichnet den schwierigen Prozeß einer wissenschaftlichen Quellenkritik. Um ein neutrales Beispiel aus der mittelalterlichen Geschichte zu wählen: Die frühen Reglementierungen bei Tisch, wie wir sie aus dem 14./15. Jahrhundert kennen geben uns nicht nur Auskunft über die Regeln als solche, sondern auch über die tatsächlichen Tischsitten. Denn nur was verboten wurde, kann auch tatsächlich so stattgefunden haben.

Auch die Müller-Gespräche aus dem Jahr 1948 müssen unter diesem Gesichtspunkt mit dem notwendigen Vorbehalt gesehen und gewichtet werden. Der Verlag ist überzeugt, daß Müller seine eigene Rolle in der Zeit des Dritten Reiches in besonders günstigem Licht erscheinen lassen wollte, plante er doch einen hochdotierten Neueinstieg in den Vereinigten Staaten. Andererseits waren gewisse amerikanische Kreise äußerst interessiert an jenem Mann, der zu den besten Kennern der europäischen Geheimdienstszene zahlte. Und schließlich ist zu berücksichtigen, daß Müller als freier Mann sprechen konnte. Ihm drohten weder Folterung noch der Galgen. Dem Verlag kam und kommt es darauf an, eine bislang verschüttete Quelle zu bemer-

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kenswerten zeitgeschichtlichen Vorgängen zu erschließen. Die Gewichtung mag forschenden Wissenschaftlern überlassen bleiben; der Stellenwert aber durfte unbestritten sein und hoher als bei den Goebbels-Tagebuchern liegen, die bekanntlich unter großem publizistischem Applaus erscheinen konnten.

Ebenso wie bei allen anderen zeitgeschichtlichen Zeugnissen stellt sich immer die Frage der Authentizität. Der erste Band der Müller-Gespräche in englischer Sprache wurde von der umstrittenen Journalistin Gitta Sereny im „Observer" am 21.4.1996 rezensiert. Dann behauptete die Zeitgeschichtlerin, Gregory Douglas habe Dokumente gefälscht. Diese Behauptung ist bereits Gegenstand einer juristischen Auseinandersetzung, dessen Ergebnis in Ruhe und Gelassenheit von Autor und Verlag abgewartet wird.

Die Rezensentin genießt nicht erst seit ihrem langatmigen Elaborat über Albert Speer, in dem sie außer persönliche Befindlichkeit nichts substantielles zu Tage gefordert hatte, als Fachhistorikerin keinen guten Ruf. Nach äußerst deliziösen Berichten der britischen Presse, mochte man sich über die persönliche Integrität ebenfalls lieber ausschweigen.

Wenige Wochen nach den Enthüllungen der Gitta Sereny hielt es auch Hans Dietrich Sander in seinen „Staatsbriefen "für nützlich sich mit „Geheimakte Gestapo-Müller" zu befassen.

Steffen Werner breitet dem Leser sein nur mäßiges journalistisches Können aus. Historiographie verwechselt er mit einem unverkennbaren Hang zum Detektivischen. Aufgrund phantasievoller Indizienschlusse versucht er nachzuweisen, daß die Schilderung Müllers von seiner Flucht faktisch nicht möglich gewesen ist. Abgesehen davon, daß ihm selbst dabei peinliche Fehler unterlaufen sind, übersieht er schlicht die naheliegende Möglichkeit, daß Müller vor seinen Befragern auch bewußt in die Munchhausenrolle geschlüpft sein konnte. Quellenkritik ist hierfür der offenbar unbekannte geschichtswissenschaftliche Begriff für ein Journal, dem es auf sachliche Argumente in der Diskussion sehr wenig ankommt.

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Weniger wegen des an sich unseriösen Inhaltes des Aufsatzes, der überdies in einer Zeitschrift mit sektiererischem Geist erschienen war, sondern vielmehr wegen den sich nach Erscheinen des Pamphletes ergebenden Entwicklungen war hier von dieser Sache die Rede. Bereits kurz nachdem die Zeitschrift auf dem Markt war, meldete sich die Staatsanwaltschaft. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Die Beschlagnahme erfolgte nicht wegen falscher Dokumente oder Fälschung des Buches nach sattsam bekannter Kujau-Methode, sondern wegen Minimalisierung des Holocausts und anderer angeblicher Vergehen im Zusammenhang mit § 130 StGB. Es fehlt hier der Platz und angesichts des schwebenden Verfahrens soll auch von unserer Seite nicht in das Verfahren eingegriffen werden, aber es befremdet doch, wenn einerseits sämtliche Hitler-Reden veröffentlicht, die Goebbels-Tagebücher unter großem Beifall publiziert, wenn Himmlers Geheimreden schon vor Jahren erscheinen konnten, ausgerechnet aber die Müller-Dokumente, müssen und sollen vom Markt verschwinden. Hier stellen sich nicht nur dem aufmerksamen Historiker Fragen die jenseits der Strafgesetzbücher liegen, sondern ausschließlich auf dem im Grundgesetz festgelegten Recht auf Freiheit von Lehre und Forschung beruhen.

Hier wird deutlich, daß dieser Bereich mehr denn je gefährdet ist, der Verlag wird daher zu gegebener Zeit an die Menschenrechtskommission der Europäischen Gemeinschaft und an die entsprechenden Kommissionen der Vereinten Nationen herantreten und sein Recht gegen die Bundesrepublik Deutschland als Staat einzuklagen versuchen. Bei den Vereinten Nationen hat die weiße Weste der Bundesrepublik als „freiester Staat der deutschen Geschichte" längst schwarze Schmutzflecken bekommen. Hier wird ein steiniger, aber notwendiger Schritt zu unternehmen sein.

Was die vorliegende Ausgabe betrifft, so wird der Leser leider feststellen müssen, daß der Verlag an manchen Stellen sich zu „Schnitten" veranlaßt sah. Im Gegensatz zu Geist und Buch-

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staben der grundgesetzlich proklamierten Wissenschaftsfreiheit ist es heutzutage leider schon empfehlenswert, manche Passagen historiographischer Texte vor ihrer Veröffentlichung auf einen möglichen Straftatbestand hin zu überprüfen lassen - ein fast entwürdigender Zustand, der aber ganz offenkundig nicht mehr zu vermeiden ist.

Eine Gruppe befreundeter Historiker, Presserechtler und Verfassungsjuristen ist das Manuskript mit großer Sorgfalt durchgegangen und hat sich dieser peinlichen Aufgabe in ebenso taktvoller wie freundlicher Weise unterzogen. Aus verständlichen Gründen sollen ihre Namen nicht preisgegeben werden. Umso mehr ist ihnen der Verlag zu Dank für ihre uneigennützige Arbeit verpflichtet.

Es bleibt abzuwarten, ob dieser 2. Band der Müller-Dokumente erneut die bayerische Justiz auf den Plan ruft, nachdem der 1. Band im Hoheitsgebiet der Bundesrepublik Deutschland z. Zt. nicht mehr vertrieben werden kann. Alle Dokumente, auf Mikrofiche gespeichert, sind dem Zugriff übereifriger deutscher Beamten entzogen und an neutralem Ort sichergestellt.

Berg, den 9. November 1996

Dr. Gert Sudholt

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