Der zweite Teil der Anklage betrifft die «Verbrechen gegen den Frieden».
Bekanntlich klagen die Vereinten Nationen die deutsche Regierung an, mit ihrem Einfall in polnisches Gebiet den Weltkrieg hervorgerufen zu haben. Ein Einfall, der Frankreich und England zwang, sich ihren Verpflichtungen entsprechend, als mit Deutschland im Kriegszustand zu erklären. Sie machen die deutsche Regierung ausserdem wegen ihrer Angriffe auf neutrale Länder für die Ausdehnung des Krieges verantwortlich. Weiter behauptet die Anklage, mittels zweier vertraulicher Schriftstücke, die in den deutschen Archiven gefunden wurden, die Vorsätzlichkeit festzustellen. Schriftstücke, deren Echtheit angesichts der Vorsicht, mit der sie geprüft wurden, nicht geleugnet werden kann. Das eine ist unter dem Namen Note Hossbach, das andere unter dem Namen Dossier Schmundt bekannt.
Die Note Hossbach ist das durch den Ordonnanzoffizier Hitlers aufgenommene Protokoll einer Konferenz, die in der Reichskanzlei am 5. November 1937 vor den hauptsächlichen nationalsozialistischen Leitern abgehalten wurde und die man als politisches Testament Hitlers hinstellt. Es ist eine übrigens sehr eindringliche Darlegung der Lehren vom
39
Lebensraum und ihrer Folgen: Hitler zeigt darin das dem Erstickungstod geweihte und zur Auffindung von Land verurteilte nationalsozialistische Deutschland. Er bezeichnet den Osten als den Weg zur notwendigen kolonialen Ausdehnung des Reiches. Und er erklärt, dass diese Ausdehnung nicht ohne eine Reihe von Kriegen geschehen kann, zu denen Deutschland sich unerbittlich gezwungen sieht. Wir werden weiter unten Anmerkungen zu dieser Darlegung machen. Wenn sie ausgelegt werden muss, wie die Anklage sie ausgelegt hat — die Angeklagten und vor allem Goering bestreiten aber diese Auslegung —, würde sie den Beweis erbringen, dass Hitler die Möglichkeit des Krieges sah und annahm.
Das Dossier Schmundt ist das, ebenfalls vom Ordonnanzoffizier Hitlers — zu diesem Zeitpunkt Oberst Schmundt — abgefasste Protokoll einer Konferenz, die in der Reichskanzlei am 28. Mai 1939 in Anwesenheit der Leiter der Partei und der Verantwortlichen des Generalstabes abgehalten wurde. Diese Konferenz besteht zur Hauptsache in einer Darlegung Hitlers, die die Unvermeidlichkeit eines Krieges mit Polen als ersten Schritt der Unternehmung zur kolonialen Ausdehnung bestätigt: bei Untersuchung der Folgen dieses Krieges sieht Hitler die Ausdehnung auf ganz Europa voraus. Und er gibt seinen Generälen durch eine ebenso packende Untersuchung wie die vorausgehende zu verstehen, dass der Krieg, der zu entstehen im Begriff ist, nicht ein lokales Unternehmen, sondern wahrscheinlich der Beginn eines Kampfes auf Tod und Leben mit England sein wird, dessen Ausgang niemand voraussehen kann. Auch hier drängen sich Einwände und Anmerkungen auf und die Verteidigung bestreitet ebenfalls die Tragweite des Dossiers Schmundt. Unter diesem Vorbehalt hat das Dossier Schmundt den gleichen Sinn wie die Note Hossbach, von der es imgrunde nichts anderes als eine Anwendung darstellt. Es würde auf gleiche Art beweisen, dass Hitler die Folgen seiner Politik keineswegs verkannte und mit der Möglichkeit des europäischen Krieges rechnete, auch wenn er die
40
Hoffnung hegte, ihm entrinnen zu können. Wenn diese Schriftstücke richtig ausgelegt worden sind, ist es schwer zu behaupten, dass Deutschland an der Verantwortung für den Krieg keinen Anteil hat.
Die Anklage legt weiter eine sehr grosse Zahl von Generalstabsbesprechungen, von Feldzugsplänen und Operationsstudien vor, deren Einzelheiten wir hier nicht wiedergeben können und in denen sie ebenfalls Beweise für die Vorsätzlichkeit sieht. Da diese Schriftstücke einen weniger Aufsehen erregenden Charakter haben als die Dossier Hossbach und Schmundt, und da es anderseits oft schwierig ist, die theoretische Untersuchung von einer taktischen Annahme und vom Operationsplan zu unterscheiden, den man als den Handlungsbeginn oder als eine ausgesprochene Vorsätzlichkeit bezeichnen kann, denken wir, dass es genügt, dem Leser das Bestehen dieser Schriftstücke anzuzeigen, ohne sie zu besprechen.
Die deutschen Geschichtsschreiber werden übrigens anerkennen müssen, dass die deutschen Armeen als erste in polnisches Gebiet eingedrungen sind, ohne dass die deutsche Regierung den schwebenden Verhandlungen Zeit gelassen hätte, sich zu entwickeln. Sie werden nicht verfehlen, die blutigen polnischen Herausforderungen ins Licht zu rücken, die die Anklage mit Stillschweigen übergeht, und den trügerischen Charakter der Verhandlungen hervorzuheben, die das englische Kabinett, wie es scheint, mit der Hoffnung führte, sie scheitern zu sehen. Sie werden auch sagen, dass die polnische Regierung sich angestrengt hat, die Verhandlungen und den Vergleich zu verhindern. Das sind da ganz wichtige Umstände, die kein Urteil über die Verantwortlichkeit des Krieges auslassen darf und die nicht zu erwähnen das Gericht von Nürnberg sicherlich Unrecht hat. Es ist ferner nicht weniger wahr, dass es die deutsche Armee ist, die die ersten Kanonenschüsse abgefeuert hat. Am 1. September 1939 konnte ein Telegramm noch alles retten: dieses Telegramm konnte nur von Berlin aus abgehen.
Nachdem das gesagt ist, beginnt hier nun aber der
41
schlechte Glaube. Auf der einen Seite durchblättert man alle Archive, tastet die Mauern ab, erforscht die Ratschläge, zieht Nutzen aus vertrauensvollen Mitteilungen: alles liegt zu Tage, die geheimsten Unterredungen der deutschen Staatsmänner sind auf dem Tisch der Beweisstücke ausgebreitet. Man hat selbst die telephonischen Abhörungen nicht vergessen. Auf der anderen Seite das Stillschweigen! Man wirft dem deutschen Generalstab Operationsstudien vor, die man in seinen Archiven gefunden hat: Ihr habt den Krieg vorbereitet, sagt man ihm. Wem wird man weis machen, dass in der gleichen Zeit die anderen europäischen Generalstäbe keinen irgendwelchen Plan machten? Sich nicht vorbereiteten, um irgendwelchem strategischen Fall begegnen zu können? Wem will man weis machen, dass die europäischen Staatsmänner sich nicht verabredeten? Wem will man weis machen, dass die Schubladen von London und Paris leer sind und dass die deutschen Vorbereitungen Lämmer überrascht haben, die nur vom Frieden träumten? Als die Verteidigung vom Gericht verlangt, ähnliche Schriftstücke einzulegen über die französische Politik der Kriegsausweitung, über die englische Politik der Kriegsausweitung, über die Pläne des französischen Generalstabes, über die alliierten Kriegsverbrechen, über die vom englischen Generalstab an die «Kommandos» gegebenen Anweisungen, über den Krieg der Partisanen in Russland, antwortet man ihr, dass das den Gerichtshof nicht interessiert und dass das gestellte Begehren «völlig ausserhalb des Gegenstandes liegt». Es sind nicht die Vereinten Staaten, die sich in Anklagezustand befinden, sagt man ihnen. Das ist sehr richtig: aber warum dann Geschichte nennen, was nur eine kunstvolle Szenenbeleuchtung ist? Auch hier wird nur die Hälfte der Erde beleuchtet. Auf solchen Schein stützte man sich, als man früher leugnete, dass die Erde rund sei. Die Geschichte beginnt, wenn man das Licht gleicherweise verteilt, wenn jeder seine Beweisstücke auf den Tisch legt und sagt: urteilt! Alles andere ist Propaganda! Ist es ehrlich, diese Vorlegung der Tatsachen abzulehnen? Ist es ehrenhaft, sie so zu verstümmeln?
42
Es ist gerechter und entspricht letztendlich dem Belang unserer eigenen Länder besser, sofort zu sagen, dass dieses Aufgebot der Hüter der Archive uns nicht täuscht.
Denn dieses Wissen um die Beleuchtung überwiegt keineswegs die Gewissheit. Es ist England, das sich am 3. September 1939, 11 Uhr vormittags als im Kriegszustand mit Deutschland befindlich erklärt hat. Es ist Frankreich, das die selbe Erklärung um 5 Uhr abends gemacht hat. England und Frankreich hatten Rechtsgründe, diese Erklärungen zu machen. Aber schliesslich ist es gewiss, dass sie sie gemacht haben. Man befindet sich in schlechter Lage, um jede Verantwortlichkeit an einem Kriege abzulehnen, wenn man als erster einem anderen Staat mitgeteilt hat, dass man sich als mit ihm in Kriegszustand befindlich betrachtet. Ausserdem gab es in Frankreich und in England eine Kriegspartei. Man verbirgt es uns heute nicht. Man wirft Staatsmännern vor, Anhänger von München gewesen zu sein, d. h. eine Verständigung gesucht zu haben: das heisst, man wollte keine Verständigung! Das heisst, man nahm diesen Krieg an, ja sogar, dass man ihn wünschte! Das wiegt wohl die Note Hossbach auf, scheint mir. Schliesslich weiss die ganze Welt, dass nach der Niederlage Polens, Deutschland Verhandlungen anzubahnen versuchte auf der Grundlage der vollendeten Tatsache. Das ist vielleicht unmoralisch. Aber es war noch ein Weg, einen europäischen Krieg zu vermeiden. Diese Eröffnungen wurden nicht angenommen. Man hielt auf diesen Krieg. Man war fest entschlossen, ihn nicht fahren zu lassen. Das sind ein wenig zu starke Augenscheinlichkeiten, als dass man sie schweigend übergehen kann. Trotz der Inszenesetzung von Nürnberg wird die Zukunft leicht die Wahrheit wieder herstellen: Hitler hat es auf sich genommen, für eine Eroberung, die er für lebenswichtig hielt, einen Krieg zu wagen. England hat beschlossen, ihm den Krieg als Preis dieser Eroberung aufzuzwingen. Hitler dachte höchstens eine örtliche militärische Unternehmung auszulösen. England hat daraus gewollt einen Weltkrieg hervorgehen lassen.
43
Ein Wort noch, um mit der Prüfung unserer Beschwerden zu schliessen. Die Anklage hat den Ueberfällen wichtige Darlegungen gewidmet, die während des Verlaufs der Kriegshandlungen stattfanden. In diesem Punkt ist die Stellung der Anklage, wenn man sich auf die Feststellung der Tatsachen beschränkt, sehr stark. Diese Ueberfälle sind sicher. Aber hat man das Recht, strategische Ueberfälle und die Entfesselung eines Weltkrieges genau auf die gleiche Ebene, genau als Unternehmen gleichen Gewichts hinzustellen? Es ist sicherlich wider das Recht, wider die Gerechtigkeit, wider die Verträge, vier Uhr morgens eine Panzerdivision in Kopenhagen oder Oslo auftauchen zu lassen. Ist es aber eine Handlung gleicher Grössenordnung, wie die Verantwortung, das Feuer an Europa zu legen? Die wahren Verantwortlichen des Krieges sind im gleichen Masse mittelbar für die örtlichen Angriffshandlungen verantwortlich, die der Verlauf des Krieges unvermeidlich machte. Wenn England nicht den Krieg erklärt hätte, wäre Norwegen niemals besetzt worden. Es ist der 3. September, an dem Kopenhagen und Oslo zu zittern begannen!
Und auch dann noch bringen einen, bei Ueberlegung, gewisse Vergleiche in Verlegenheit. Wenn ein englischer Diplomat Ränke schmiedet, um gewisse wirtschaftliche Zugeständnisse zu erhalten oder um eine gewisse politische Bereitschaft hervorzurufen oder aufrechtzuerhalten, dann ist das ein freies Spiel von Einflüssen. Es ist kein Ueberfall. Es ist kein Druck. Es ist nach dem Völkerrecht nichts Unzulässiges: und doch, ist es nicht eine Art Abstecken der politischen Karte? Die Schaffung einer Einflusszone ohne militärischen Eingriff? Und wenn die selbe Diplomatie sich nicht mehr damit zufrieden gibt, zu beeinflussen, zu raten, sondern gewaltsam eine Ministerkrise hervorruft, die zur Verabschiedung des deutschfreundlichen Ministers führt, dann ist das immer das selbe freie Spiel von Einflüssen. Das nennt sich ebenfalls nicht Tatbestand der Einmischung: und doch, ist es nicht ein verstecktes politisches Sicheinrichten, ähnlich jenen Einmischungen, die man jetzt dem Sowjet-
44
regime vorwirft? Und welche Gewähr hat man, dass dieses politische Sicheinrichten nicht ein militärisches Sicheinrichten vorbereitet und diesem vorangeht? Es ist so leicht, sich zu Hilfe rufen zu lassen! Die britische Presse, die sehr ungehalten ist über solche Verfahrensweisen, wenn sie von den sowjetischen oder deutschen Diplomaten geübt werden, neigt immer dazu, sie sehr nützlich zu finden, wenn sie von der britischen Botschaft angewandt werden. Es besteht da offensichtlich eine Lücke im Völkerrecht. Und eine Lücke, die sehr schwierig auszufüllen ist. Aber dann muss man die Folgerungen daraus ziehen. Die Ueberfälle, die man Deutschland vorhält (ich lasse den Angriff auf Russland bei Seite), sind in Wirklichkeit zuvorkommende Eingriffe. England hat z. B. nichts anderes getan in Syrien. Es besteht im Kriegsfall ein unentrinnbares Verhängnis der schwachen Zonen. Ein schlecht verteidigtes Gebiet wird zur Beute: es handelt sich, darum, der Erstbesetzende zu sein. Das unbedingt Richtige wäre ein völliges Abstandhalten: das ist der Geist des Völkerrechts. Aber das kann auf diesem Gebiet fast nicht angewandt werden. Die diplomatischen Methoden verdrehen das Gesetz, die strategischen gehen darüber hinweg. Aber all das kommt schlussendlich auf dasselbe hinaus. Es ist nicht gut, ein strategisch interessanter Neutraler zu sein!
So bemerkt man, dass auf diesem Gebiet, wo die Tatsachen die deutsche Regierung zu belasten scheinen, die Wirklichkeit nicht so einfach war. Die Tatsachen ohne die Umstände darstellen, ist eine Art zu lügen. Es gibt keine nackte Tatsache. Es gibt keinen Beweis ohne Umstände: diese Umstände planmässig übersehen, heisst die Wahrheit entstellen. Unsere Lügen dauern nicht ewig. Morgen wird das deutsche Volk seine Stimme seinerseits erheben. Und wir wissen bereits, dass die Welt gezwungen sein wird, dieser Stimme Rechnung zu tragen. Sie wird uns sagen, dass wenn Hitler tatsächlich Polen angegriffen hat, andere Leute diesen Angriff voll Bangen erwarteten, diesen Angriff wünschten und beteten, dass er stattfinden möge! Diese Leute
45
nannten sich Mandel, Churchill, Hore Belisha, Paul Reynaud. Die jüdisch-reaktionäre Allianz wollte «ihren» Krieg, der für sie ein heiliger Krieg war: sie wusste, dass nur ein ausgesprochener Ueberfall ihr erlaubte, die öffentliche Meinung mitzureissen. Die deutschen Archivare werden kaum Mühe haben, uns zu beweisen, dass sie kalt die Bedingungen dieses Ueberfalls vorbereiteten. Fürchtet den Tag, an dem die Geschichte dieses Krieges geschrieben wird! In diesem Augenblick werden die Umstände der örtlichen Ueberfälle klar zu Tage treten. Man wird sehen, dass sie unterlassen haben zu sagen, dass ihre Machenschaften und Ränke die Eingriffe unvermeidlich machten. Ihre Heuchelei wird in vollem Licht erscheinen. Und ihre gewaltige richterliche Maschine wird sich gegen sie selbst wenden, weil derjenige, der Gift eingiesst nicht weniger schuldhaft ist als derjenige, der zuschlägt! Aber die Methoden von Nürnberg sind eine schöne Sache. Das Fehlen jeglichen alliierten Beweisstückes erlaubt, das Gift zu leugnen. Und das Völkerrecht erlaubt, denjenigen als Schuldigen zu bezeichnen, der zuerst ankommt. Das ist die Verbindung einer zweifachen Unehrlichkeit: die eine, die sich auf die Untersuchung bezieht, die andere, die aus dem Strafgesetzbuch kommt. Wir wissen, dass man mit einem schlechten Recht und unehrlichen Polizisten weit gehen kann. Diese Wahrheit ist uns auf unsere eigene Rechnung bewiesen worden.
So sind wir also zu diesem ersten Schluss geführt worden, dass der Prozess von Nürnberg kein reiner Kristall ist. Die nationalsozialistische Verschwörung endigte mit einem starken Deutschland. Aber dieses starke Deutschland führte nicht notwendigerweise zum Krieg. Es verlangte das Recht zu leben. Es verlangte es mit Verfahrensweisen, die aufreizend waren. Aber man konnte reden. Deutschland befand sich in einem Dauerzustand der Auflehnung gegen den internationalen Zwang. Es befand sich nicht in einem Dauerzustand des Verbrechens gegen den Frieden! An der Entfesselung des Krieges ist eine viel mannigfaltigere Mitwirkung von Umständen schuldig, als die amtliche Auffassung
46
Wort haben will. Jeder hat daran seinen Anteil gehabt. Und jeder hatte auch ausgezeichnete Gründe: die USSR, nur an sich zu denken und eine Falle zu vermeiden, England und Frankreich, ein endgültiges Halt zu gebieten, Deutschland, eine Politik der Erstickung zu brechen. Und jeder hatte auch Hintergedanken. Wäre es nicht vernünftiger, daraus ein allgemeines Geständnis zu machen? Niemand ist unschuldig in dieser Angelegenheit. Aber es gibt Dinge, die man nicht gerne ausspricht: es ist sehr viel bequemer, einen Verbrecher zu haben!
Unsere Propaganda hat bei der Beschreibung der Verantwortlichkeit für den Krieg also durch Auslassung und Abänderung gelogen. Und anderseits bemerkt man, wenn man von den Tatsachen zu den Grundsätzen aufsteigt, dass wir, um die Anklage fest zu gründen, dahin geführt worden sind, eine Denkweise wieder zu erwecken, die nie zur Ausführung ihrer Aufgabe fähig war und die durch die Tatsachen vielfach verurteilt worden ist, und eine hirnverbrannte und gefährliche Lehre, die uns in der Zukunft vor unlösbare Schwierigkeiten stellt, gegen die Erfahrung und die Natur der Dinge aufrechtzuerhalten. Diese Denkweise hat einen Vorteil: sie erlaubt uns, uns zu rechtfertigen. Aber um uns diese Befriedigung zu geben, nehmen wir alle tödlichen Folgen falscher Ideen in Kauf. Denn man kann die Geschichte fälschen: aber die Wirklichkeit lässt sich nicht so leicht vergewaltigen.
Diese Denkweise ist diejenige des unteilbaren Friedens und der Unabänderlichkeit der Verträge. Es ist eine Art geologischer Auffassung der Politik. Man nimmt an, dass die politische Welt, die während einer gewissen Zahl von Jahrhunderten in Fluss war wie die Oberfläche unseres Planeten, plötzlich ihren Zustand der Erkaltung erreicht hat. Sie hat ihn erreicht kraft eines Beschlusses der Diplomaten. Von der Masse der Kräfte wird angenommen, dass sie sich verdichtet hat. Sie hat sich nach gewissen endgültigen Kraftlinien verdichtet. Diese unveränderliche Erscheinungsweise der politischen Welt, dieser fortan feste und ewige
47
Lavastrom ist das, was man die Rüstung der Verträge nennt. Wenn eine Spalte sich auftut, wenn irgendwo ein Gleiten eintritt, müssen wir Alle zu Hilfe kommen, da die ganze Erdrinde bedroht ist. Die Geschichte der Reiche ist abgeschlossen. Von nun an gibt es nur noch fliegende Rettungsmannschaften, die man ruft für Ausebnungs- und Sicherungsarbeiten.
Dieser feierliche Stillstand der Geschichte, wie er allgemein am Morgen nach einem Zusammenbruch verkündet wird, zeitigt in Wirklichkeit folgendes: Ein Volk ist in einem Krieg besiegt worden. Man besetzt sein Gebiet. Man raubt seine Werkstätten aus. Man macht ihm jedes Leben unmöglich. Dann sagt man ihm: unterschreib nur diesen Vertrag, und wir gehen weg. Ihr seid für Euch. Das Leben beginnt von Neuem. Diese Beredsamkeit ist überzeugend. Man findet schliesslich immer einen Regierungschef, der unterzeichnet: er bestreut sein Haupt mit Asche. Er weint. Er schwört, dass seine Hand gezwungen ist. Er beruft sich auf die düstere Zukunft. Aber er unterschreibt! Von da an ist es aus. Shylok hält sein Pfund Fleisch in der Hand. Dieser Vertrag ist ohne Berufung. Dieser Vertrag ist das Gesetz. Ihr könnt lange flehen. Ihr könnt lange zeigen, dass diese Ketten Euch das Leben unmöglich machen: das ist alles vergebens! Dieser Vertrag ist die endgültige Grundlage Eurer Beziehungen mit der internationalen Gemeinschaft geworden. Er verpflichtet nicht nur diejenigen, die unterzeichnen mussten, sondern ihre ganze Nachkommenschaft. Niemand hat das Recht, zu sagen, er solle ihn zurückweisen. Wer ihn überschreitet, begeht ein Verbrechen. Dieses Verbrechen heisst Verbrechen gegen den Frieden. Und es gibt nicht eine einzige Verletzung des Versailler Vertrages, die nicht in dieser Kolonne auf die Rechnung der deutschen Leiter gesetzt worden wäre. Die Anklage drückt das so aus: an dem und dem Tag von dem und dem Jahr habt Ihr die und die Handlung im Widerspruch zum Versailler Vertrag, Paragraph so und so, begangen!
Verdichtet in ihrer unwiderruflichen Bestimmung, mit Ge-
48
walt in Stahllungen eingeschlossen, wo sie mit Mühe atmen, flehen die besiegten Völker. Sie verlangen zu leben. Hier zeigen sich die Vorteile der geologischen Starrheit. Man ist nicht unmenschlich, man hört auf sie: aber man gibt ihnen zu verstehen, dass der Vertrag für sie ein Gebiss ist. Wenn sie vernünftig sind, wenn sie das Fremde annehmen, wenn sie ihre Unabhängigkeit aufgeben, dann kann dieses Gebiss gelockert werden. Man kann von Entgegenkommen, vielleicht selbst von Abänderung reden. Kaffee und Orangen im Austausch gegen eine demokratische Regierung; ein Neger ein Schiff Reis; zwei Neger zwei Schiffe Reis; eine Synagoge ein ganzer Geleitzug! Aber wenn sie sich nach ihrem Gutdünken regieren wollen, das Gesetz! Wir werden keine anderen Beweisstücke wählen, um diese Lage zu erhellen, als dasjenige, das von der Anklage selbst angeführt wird: die dramatische Konferenz vom 5. November 1937, wie sie in der Note Hossbach beschrieben wird. Alle Ausführungen Hitlers haben diese Gegenüberstellung zur Grundlage: entweder geben wir die Macht auf und dann sind die Angelsachsen vielleicht bereit, Erleichterungen im Versailler Vertrag ins Auge zu fassen, die Deutschland zu leben erlauben, aber tributpflichtig zu leben — oder wir bleiben an der Macht und dann ist unsere Herrschaft dem Untergang geweiht, weil man uns die Rohstoffe, die Ausgänge und die Gebiete verweigert, die uns unentbehrlich sind. Dieser Erpressungsversuch ist völlig gesetzlich: dahin gelangt man mit dem Unabänderlichkeitscharakter der Verträge.
Dieses Ende ist logisch, aber es ist ungenügend, wie uns die Erfahrung gezeigt hat. Wenn man ruhig auf dem Eismeer gehen will, muss man unbedingt sicher sein, dass sich während dieser Zeit keine unterirdische Arbeit vollzieht. Die halbe Untertänigkeit ist eine Fehlrechnung. Wenn wir wollen, dass die Welt unbeweglich sei, muss man diese Unbeweglichkeit überwachen. Die vollständige und bewusste Anwendung dieser Denkweise hätte uns dahin führen müssen, die deutsche Industrie zu überwachen, die deutsche Arbeiterschaft, die deutsche Bevölkerung, die deutsche Nahrung, die
49
deutschen Wahlen, und diese Ueberwachung im Namen der in der Unteilbarkeit des Friedens einigen Völker zu bewerkstelligen. Wenn man das Leben bekämpft, muss man es bis zum Ende bekämpfen. Wenn Ihr nicht wollt, dass es seine Vergeltung nimmt, dann ist die einzige Lösung ein blutmässiger und wirtschaftlicher Malthusianismus, den man am besten durch die Auswanderung und die Ausfuhr erleichtern kann: die besiegten Völker stellen für die Anderen Waren und Sklaven her. Und es wird klug sein, sie während sehr langer Zeit durch eine verkappte Besetzung zu überwachen. Der Vertrag von Versailles verurteilte uns dazu, Deutschland in Sklaverei zu halten. Er auferlegte uns und der ganzen Welt eine dauernde Geschäftsführung, die wir nicht ausgeübt haben. Zwanzig Jahre politische Erfahrung haben uns mit Gewalt bewiesen, dass es keine mittlere Grenze gibt zwischen der völligen Freiheit und der Knechtschaft der Besiegten.
Trotzdem weigert der internationale Gerichtshof sich, das zu sehen. Die Logik macht ihm Angst. Er stellt die Vordersätze auf, weil sie ihm unentbehrlich sind für die Anklage. Aber hierauf verhüllt er sich das Gesicht und stimmt der Schlussfolgerung nicht zu. Er besteht eigensinnig darauf, wie ein Kind. Er antwortet wie ein Kind. Er flüchtet sich in das Ungewisse und schützt sich hinter Worten. Und alles was man aus den Klägern angesichts dieser schweren Frage herausziehen kann, ist dieser an Folgewidrigkeit und Kinderei erstaunliche Satz: «Es ist möglich, dass Deutschland von 1920 bis 1930 verzweifelten Fragestellungen gegenüber stand, Fragestellungen, die die kühnsten Massnahmen gerechtfertigt hätten, mit Ausnahme des Krieges. Alle anderen Verfahrensweisen, Ueberredung, Propaganda, wirtschaftlicher Wettbewerb, Diplomatie, waren einem verwundeten Volk offen, aber der Angriffskrieg blieb geächtet». Das ist wirklich das, was wir während zwanzig Jahren Deutschland und Italien wiederholt haben: häuft Euch, entwirrt Euch, aber kommt nicht unsere Gärten zertreten!
Unsere Rechtsgelehrten von Nürnberg sind also nicht einen
50
Schritt vorwärts gekommen. Indem sie die alte Lehre von der unwandelbaren Aufteilung der Welt aus ihrem Schlaf aufwecken, finden sie all deren Schwierigkeiten wieder. Und sie wagen nicht, ihre Denkweise zu Ende zu denken. Sie wagen nicht zu wählen. Sie können nicht wählen. Wenn sie für die dauernde Knechtschaft der Besiegten entscheiden, für eine eingestandene, erklärte Knechtschaft, setzen sie sich in Widerspruch zu ihrer Kriegsideologie. Wenn sie darauf verzichten, die Atmung und die Ausdehnung der Reiche mit Gewalt zu verhindern, die die Macht und den unverjährbaren Charakter von Lebensgesetzen haben, dann geben sie Deutschland recht und müssen die Verantwortung für den Krieg auf sich nehmen. Sie befinden sich vor dieser Augenscheinlichkeit: die alte Diplomatie hätte wahrscheinlich die Teilung Polens geduldet — es war nicht das erste Mal — und der Weltkrieg wäre vermieden worden. Waren die Angliederung Aethiopiens, das Verschwinden der Tschechoslovakei nicht unendlich weniger kostspielig für die Menschheit, als die Entfesselung eines Weltkrieges? Es war nicht gerecht? Aber ist die Abtrennung eines Viertels von Deutschland zugunsten des slawischen Imperialismus, die schreckliche Ueberführung von Millionen menschlicher Wesen, die man seit vier Jahren wie Vieh behandelt, gerecht? Die früheren Staatsmänner wussten, dass man einen allgemeinen Krieg nur aus unendlich schweren Gründen, die das Bestehen aller Völker in Gefahr bringen, wagen darf. Und sie wussten auch, dass man den unverjährbaren Gesetzen des Lebens etwas bewilligen muss. Waren wir durch die Teilung Polens einer tödlichen Gefahr ausgesetzt? Ist die Gefahr, die die demokratischen Staatsmänner mit ihren eigenen Händen hergestellt haben, nicht unendlich viel schwerer? Ist unsere Lage nicht unendlich viel ergreifender? Wer sagt sich heute nicht, dass Europa im Monat August 1939 schön war? Die Ereignisse haben Choiseul recht gegeben. Die politischen Kräfte sind Naturkräfte wie das Wasser und wie der Wind: man muss sie durch genaue und mächtige Einrichtungen kanalisieren. Oder man muss mit dem Segel
51
steuern. Wenn wir nach dem Kriege nicht die Knechtschaft, die eine der Formen des Naturgesetzes ist, auferlegen wollen, muss man die andere wählen, gangbare Verträge zu machen und die kräftigen Völker sich entwickeln zu lassen: die Nachteile, die aus ihrem Wachstum entstehen, sind schliesslich viel weniger schwer als das Ereignis eines allgemeinen Krieges, von dessen Ausgang nur diejenigen Nutzen ziehen, die unsere Zivilisation bedrohen.
In Verlegenheit zwischen Freiheit und Knechtschaft haben unsere neuen Rechtsgelehrten sich dann auf eine Zwischenlehre festgelegt, deren Vergangenheit ihnen Bestandteile bot und der sie einen erhabenen Geltungsbereich gaben. Die Verträge sind unwiderruflich, der Friede ist unteilbar: aber, sagen sie uns, beunruhigt Euch nicht über den Schein von Knechtschaft, der diesen Sätzen anhaftet, denn sie sind in Wirklichkeit die Grundlage einer demokratischen Welt, in der alle Völker gleiche Rechte und die Wohltaten der Freiheit geniessen werden. Gewiss werdet Ihr ein ganz wenig Sklaven sein. Aber das ist der beste Weg zu Euer Aller Freiheit.
Um zu dieser erfindungsreichen Lehre zu kommen, war die Anklage genötigt, den Versaillervertrag, den seine Gegner mit dem gemeinen Wort Diktat bezeichneten und der in der Tat nach dem Pulver des Stärkeren roch, ein wenig im Schatten zu lassen. Dafür gruben sie im diplomatischen Zeughaus eine Anzahl abgenutzter Verträge aus, die ein sehr friedliches Aussehen hatten und sich ungefähr mit dem Gedanken einer freiwilligen Zustimmung vertrugen. In der Tat, sagen unsere Rechtsgelehrten, haben die Deutschen nicht nur den Versailler Vertrag verletzt. Sie haben auch Verträge verletzt, die sie freiwillig unterzeichnet hatten, die Haager Abkommen, den Pakt von Locarno, den Völkerbundsvertrag, den Briand-Kellog Pakt. Wir werden uns hier nicht bei den Haager Abkommen aufhalten; sie sind, wenigstens was den Angriff anbetrifft, unklar. Und wir haben den Worten des britischen Staatsanwaltes Sir Hartley Shawcross nichts beizufügen: «Diese ersten Abkommen waren weit entfernt
52
davon, den Krieg ausserhalb des Gesetzes zu stellen und eine verbindliche Form des Schiedsspruchs zu schaffen. Ich werde sicherlich vom Gerichtshof nicht verlangen, zu erklären, dass durch die Verletzung dieser Abkommen irgend ein Verbrechen begangen wurde». Aber der Pakt von Locarno, aber der Briand-Kellog Pakt — man wiederholt es uns zwanzig Mal —, das ist etwas anderes! Das sind heilige Texte, das ist die Stiftshütte! Und derselbe Sir Hartley Shawcross umschrieb ihre wesentliche Bedeutung mit den Worten: Der Vertrag von Locarno «begründete den allgemeinen Verzicht auf den Krieg», und der Briand-Kellog Pakt begründete einen weiteren, so schweren und so feierlichen Verzicht, dass von diesem Zeitpunkt an «das Recht zum Krieg keinen Teil des Wesens der Selbständigkeit mehr bildete». Uebrigens befanden sich England und Frankreich in Anwendung dieses Vertrages im Krieg, fügt Sir Hartley Shawcross bei. Sie brauchten den Krieg nicht zu erklären. Sie waren im Krieg, weil «eine Verletzung des Vertrages gegenüber einem einzigen Unterzeichner einen Angriff gegen alle anderen Unterzeichner bildete; und sie waren im Recht, sie als solche zu behandeln».
Diese Erklärungen verdienen aus der Nähe betrachtet zu werden. Man wird sie vorerst wegen ihres Scharfsinns loben. Sie stellen eine sehr elegante Art dar, die Frage der Kriegserklärung zu lösen. Es ist sehr einfach: wer den ersten Kanonenschuss abfeuert, versetzt sich in Kriegszustand mit der ganzen Welt. Die deutschen Geschichtsschreiber werden uns vielleicht fragen, warum von allen Unterzeichnern allein England und Frankreich diesen Eifer gezeigt haben: wir werden ihnen antworten, dass sie übelwollende und persönliche Feinde von Sir Hartley Shawcross sind. Aber das ist nicht alles. Vor allem auf der politischen Ebene sind diese Sätze von einer grossen Schönheit und einer grossen Festigkeit der Lehre. «Ihr habt zugestimmt, sagt im wesentlichen unser Gesetzgeber, Teil eines Ueberstaates zu bilden. Ihr habt in dieser Hinsicht auf einen Teil Eurer Selbständigkeit verzichtet. Ihr habt nicht mehr das Recht, Euch davon loszusagen.
53
Dies ist unwiderruflich und Eure Unterschrift kann gegen Euch angerufen werden». Dazu wäre unter geschichtlichem Gesichtspunkt viel zu sagen. Deutschland hat sich aus dem Völkerbund zurückgezogen. Es war durch die Arbeiten und die Beschlüsse des Völkerbundes nicht mehr gebunden. Es hat den Pakt von Locarno, der 1934 ein erstes Mal für eine Zeitdauer von fünf Jahren erneuert wurde, abgelehnt und nach Ablauf dieser Zeitdauer nicht erneuert; es war also durch die Verpflichtung von Locarno nicht mehr gebunden. Es lehnte den Briand-Kellog Pakt nicht ab, der übrigens keine Auflösungsklausel zuliess. Aber wer konnte sich durch den Briand-Kellog Pakt wirklich gebunden fühlen, da dieser Pakt sich im Zusammenhang mit dem äthiopischen Krieg als unanwendbar erwiesen hatte? Das macht nichts aus, sagt die Anklage. Diese Widerrufe haben, da sie einseitig waren, keinerlei Wert für uns: Deutschland, das dem Völkerbund nicht mehr angehört, ist in unsern Augen genau so schuldig, wie wenn es ihm noch angehörte. Der Vertrag von Locarno hat für uns den gleichen Wert, wie wenn er nie gekündigt worden wäre. Und der Briand-Kellog Pakt, der keine Bedeutung hat, wenn es sich um Aethiopien handelt, verpflichtet Europa gebieterisch, Krieg zu beginnen, wenn es sich um Polen handelt. Die zwischenstaatlichen Verträge haben etwas von priesterlichem Wesen an sich: sie weihen für die Ewigkeit!
Aber nicht der geschichtliche Gesichtspunkt der Angelegenheit geht uns in diesem Augenblick an. Lassen wir zu, dass der Briand-Kellog Pakt ein Vertrag ist, im gleichen Sinne wie Versailles ein Vertrag ist. Lassen wir zu, dass er von der Oeffentlichkeit und von den Mächten ernst genommen wird und lassen wir zu, dass dieser Vertrag von Deutschland verletzt worden sei. Wichtig, eine gründliche Veränderung ist die Bedeutung, die dieser Vertrag plötzlich unter den anderen Verträgen bekommt, ist die plötzliche Beförderung, die Wesensveränderung, die aus ihm nicht einen Vertrag wie die andern macht, sondern ein Gesetz, ein endgültiges Urteil Gottes.
54
Hier tritt die Denkweise, die der Anklage als Grundlage dient, und im besonderen die Einheit dieser Denkweise in Erscheinung. Im ersten Abschnitt der Anklageakte versichert der Ankläger, dass ein Weltgewissen, eine internationale Moral besteht, die sich allen auferlegt und dass diese internationale Moral bestimmte Formen politischen Handelns verbietet. Hier versichert er nicht nur, dass die internationale Moral besteht, sondern dass sie Organe hat, berufene Wortträger und eine gesetzgebende Gewalt, die die gleiche zwingende Kraft besitzt wie die nationalen, gesetzgebenden Gewalten. Ihr hattet nicht das Recht, sagt die Anklage, Krieg zu machen. Denn der Völkerbund verbietet ihn auf Grund eines gesetzgebenden Textes, unter dem sich die Unterschrift Eurer Vertreter befindet. Nur unter diesem Gesichtspunkt hört der Briand-Kellog Pakt auf, eine blosse Erklärung zu sein, die behauptet, dass der Krieg eine höchst gemeine Sache ist, und wird ein Erlass, der den Krieg verbietet. Damit der Briand-Kellog Pakt diese Bedeutung hat, muss man zulassen, dass der Völkerbund Richelieu war: er verbietet den Krieg, wie Richelieu das Duell verbietet. Und er hat Ribbentrop hängen lassen, wie Richelieu Montmorency-Boutteville den Kopf abschlagen liess. Der Völkerbund war also eine Macht, deren Verfassung Deutschland verletzt hat. England und Frankreich, und nicht nur England und Frankreich, sondern alle Staaten, die den Völkerbund anerkannt haben, befinden sich selbsttätig im Krieg gegen es, wie alle Staaten die den amerikanischen Bundesstaat bilden, sich im Krieg mit Kalifornien befinden würden, wenn Kalifornien sich gegen die Bundesgewalt erhöbe.
So werden die Einheit und die Macht der internationalen Moral wahrnehmbar. Das Weltgewissen, oder wenn man will, die internationale Moral wird eine Gewalt. Sie verbietet den Nationalismus aus eigener Machtvollkommenheit wie die Bundesrechte den Schleichhandel mit Alkohol verbieten. Und sie bestraft den Krieg wie eine Meuterei. Diese Beförderung des Weltgewissens gestattet uns, weiter in den Geist unserer neuen Gesetzgeber einzudringen. Alles liegt
55
bei ihnen und die zweite Abteilung der Anklageakte ist vollständig auf die erste abgestimmt.
Die Haltung der Anklage besteht darin, das Bestehen dessen zu verneinen, was besteht und das Bestehen dessen zu versichern, was nicht besteht. Für sie besteht die internationale Moral und sie hat die Gewalt, geschriebene Gesetze zu machen oder nicht zu machen, die den geschriebenen Gesetzen der Völker vorangehen. Und ebenso besteht der Völkerbund, der nicht mehr besteht, und seine Polizeigewalt, die nie bestanden hat, besteht irgendwo im Grenzenlosen. Sie ist die Hand Gottes. Und ihr Hoheitsrecht besteht, obschon es nie irgendwo bestätigt worden ist. Diese Betrachtungsweise ist eine noch scharfsinnigere Form von rückwirkender Kraft, als die anderen: denn im ganzen urteilt der Gerichtshof im Namen eines Ueberstaates, der 1945 ein gewisses Dasein hat, vorausgesetzt dass man an die UNO glaubt, der aber 1939 kein Dasein hatte. Es ist ein Erwachen der Hirngespinste. Aber vor allem der Sieg der reinen Wesen. Alle allgemeinen Gedanken sind im Begriff, ein Schwert zu haben. Die Wolken machen das Gesetz. Sie sagen, dass sie bestehen und dass sie allein bestehen. Es ist die Höhle Platos: unsere Wirklichkeiten sind nur noch Schatten. Unsere Gesetze sind nur noch Schatten. Und die Schatten sagen, dass sie die Wirklichkeit und die wirklichen Gesetze sind. Es ist der Sieg der Weltalle. Und wir, die wir an das glauben, was besteht, betrachten betäubt die Entfesselung des Ungreifbaren.
Denn schliesslich muss man sehen, wohin uns das führt. Ich spreche hier nicht von dem schändlichen Gebrauch, der im Prozess von Nürnberg vom Briand-Kellog Pakt gemacht worden ist, in dessen Namen man gefordert hat, alles in gemeinrechtliche Verbrechen umzuwandeln, was die deutschen Heerführer getan hatten, unter dem Vorwand, dass, da ihr Krieg ungesetzlich war, es von ihrer Seite keine Kriegshandlungen mehr gab und geben konnte. Ich denke hier an die Folgen dieser Herrschaft der Wolken. Die hauptsächlichste ist auf Seite aller Völker, ob sie Vertrags-
56
teilhaber sind oder nicht (da sie immer Teilhaber an der Moral sind), ein Verzicht auf die Selbständigkeit zugunsten der internationalen Gemeinschaft. Dieser Gedanke ist als Begründung der kommenden Welt so weit verbreitet, dass man uns alle Tage einlädt, uns daran zu gewöhnen. Und er ist so offensichtlich, dass Litwinow ihn schon vor zwanzig Jahren wie folgt formulierte: «Die unbedingte Selbständigkeit, die volle Handlungsfreiheit kommt nur denjenigen Staaten zu, die keine internationalen Verpflichtungen unterschrieben haben».
Wie geschieht diese Uebertragung der Selbständigkeit? Bemerken wir vorerst, dass es kein gewöhnlicher Verzicht auf die Selbständigkeit ist. Es kommt vor, dass ein Volk auf gewisse Souveränitätsrechte verzichtet. Zum Beispiel überträgt es jemand anderem die Aufgabe, seine Angehörigen im Heiligen Land zu beschützen, seine Rechte an der Verwaltung des Suezkanals zur Geltung zu bringen oder die Schifffahrt auf der Donau zu regeln. Nicht um das handelt es sich hier. Wir sind weit entfernt davon. Die Völker werden zu dem einzigartigen, unglaublichen Rücktritt eingeladen; sie treten das Recht, zu sagen, was erträglich und was unerträglich, die Grenzen festzusetzen zwischen dem, was sie dulden und was sie nicht dulden werden, an eine höhere Gewalt ab, d. h. sie entsagen in Wirklichkeit jeder obersten Gewalt. Denn was ist ein Gewaltinhaber, den man beschimpft, den man prellt und der nicht das Recht hat, sich zu erheben und zu sagen: es ist genug? Ein solcher Gewaltinhaber hört auf, die Eigenschaft der Souveränität zu besitzen. Er handelt wie eine Privatperson, die antwortet: «Mein Herr, es gibt Gerichte; es gibt die Gerichte des Königs». Er ist nicht mehr Gewaltinhaber, da er einen König anerkennt. Die Völker geben also nicht einen Teil ihrer Gewalt auf. Sie verzichten auf ihre Gewalt überhaupt. Jedes unter ihnen ist nur noch ein Bürger eines Weltreiches. Und diese Lage ist so klar, dass jedes Volk nicht nur Bürgerrechte annimmt, sondern auch Bürgerpflichten übernimmt. Es übernimmt besonders die eigentliche Bürgerpflicht, diejenige, die man
57
dem Gewaltinhaber unerlässlich schuldet, die Militärdienstpflicht. Es nimmt an, aufgeboten zu werden. Es wird Weltbürger und verpflichtet sich, seinerseits auf Befehl des Rates auf die Wache zu ziehen und auf Kommando seinen Helm aufzusetzen. Jedes Volk ist fortan ein Nationalgardist, wie die Zeitgenossen Louis-Philipps.
Diese Abdankung der Völker sehen wir in ihrer ganzen Ausdehnung nur, wenn wir uns dessen erinnern, was im ersten Abschnitt der Anklageakte gesagt worden ist. Denn man stellt fest, dass die Völker nicht nur auf das Recht verzichten, selbst zu unterscheiden, was erträglich und was unerträglich ist. Sie übertragen in Wirklichkeit das Recht, zu sagen, was gerecht und was ungerecht ist. Es kommt jemand anderem zu, nicht nur sagen, ob sie verletzt sind, sondern ob sie der Moral gemäss leben. Sie fragen für alles um Erlaubnis. Dafür, Krieg zu führen oder nicht Krieg zu führen. Dafür, stark zu sein nach dieser oder jener Methode. Dafür, die Regierung zu wechseln. Dafür, über dieses Gesetz oder jene Kontingentierung abzustimmen. Und es ist nicht erstaunlich, dass man ihnen jetzt Empfehlungen über ihr Geld, über ihren Handel, über ihren Haushalt, über ihre Bewaffnung, über ihren demokratischen Stimmaufwand macht. All das war im Geist von Nürnberg enthalten. Und erstaunlich wäre, wenn man es ihnen nicht machte!
So wird die Einmischung, die zuerst versteckt und rein geistig war, wenn es sich um politische Rechte handelte, genau, rechtlich, bedingt durch Einrichtungen und Texte, wenn man auf das internationale Gebiet hinübergeht. Die Annäherung des Briand-Kellog Paktes an einen Erlass lässt so recht den gerichtsbarkeitlichen Charakter der internationalen Gewalt erkennen, und die Annäherung der Staaten an den Stand des Bürgers lässt recht ihre Entthronung erkennen. Der packende Uebergang, dem wir beiwohnen, hat alle Merkmale der Entstehungsabschnitte neuer Gewalten. Die gleichen Erscheinungen sind in dem Italien des 16. Jahrhunderts aufgetreten, als die Staaten ihre rechtliche Gewalt den Lehensfürsten aufdrängen wollten. Die Orsini, die
58
Malatesta, die Colonna behaupteten, die Rechtsgewalt über ihre Länder zu haben. Sie verstanden nichts von den Strafprozessen, die die Republik von Venedig oder der Papst ihnen anhängig machten. Und sie starben von ihrem guten Recht überzeugt. Und überzeugt, dass ihre Feinde sich ihrer entledigten (was wahr war), indem sie ihnen Albernheiten erzählten. Man könnte aus diesem Vergleich schliessen, dass der Prozess von Nürnberg die erste Bekundung eines neuen Rechts ist, das in zweihundert Jahren selbstverständlich erscheinen wird. Das ist möglich. Aber noch sicherer ist, dass die Orsini, die Malatesta und die Colonna sofort nachher als selbständige Gewalten verschwunden und ihre Kinder gehorsame Untergebene des Papstes und des Grossherzogs von Toscana geworden sind. Wenn Nürnberg das Recht für die Zukunft spricht, wenn das internationale Recht sich endgültig seinen Platz, der gegenwärtig von ihm gefordert wird, sichert, werden unsere Völker wie die italienischen Lehensfürsten enden. Diese Texte verewigen ihre Unterwerfung und ihr Verschwinden.
An diesem Punkt unserer Untersuchung sehen wir das Panorama der neuen Ordnung sich aufbauen. Es ist im ganzen eine Art Umstellung. Die Unwiderruflichkeit der Verträge und die Unteilbarkeit des Friedens führt uns nicht zur Knechtschaft und zu all ihren abstossenden Folgen wie Malthusianismus, Ueberwachung, Besetzung. Aber sie gewöhnen uns ganz allmählich an einen gemässigten Grad dieser Erscheinungen, an eine erträgliche Uebersetzung dieses Wortschatzes der Unterwerfung. Es handelt sich nicht mehr um Knechtschaft, sondern um Einmischung. Es ist nicht die Rede von Ueberwachung, sondern von Planung. Nicht weiter von Malthusianismus, sondern von Organisation der Ausfuhren. Und noch weniger von Besetzung, als blos von internationalen Konferenzen, die wie ärtzliche Untersuchungen über unsere demokratische Temperatur sind. Die ganze Welt ist um den Tisch versammelt. Jeder hat seinen Stimmzettel. Es gibt nicht Sieger noch Besiegte. Die Freiheit herrscht und jeder atmet: nicht wie man in einer künst-
59
lichen Lunge atmet, sondern wie man in der Kabine eines Unterseebootes oder eines Luftschiffes atmet, wo der Sauerstoffgehalt durch einen sinnreichen Zutrittsmechanismus geregelt wird. Jedermann hat beim Eintritt eine gewisse Zahl falscher Ideen und überflüssiger Ansprüche abgelegt, wie die Mohammedaner ihre Pantoffeln ablegen, bevor sie die Moschee betreten. Jedermann ist frei, weil jeder vor dem Eintritt geschworen hat, dass man für ewig die demokratischen Grundsätze hochhalten wird, d. h. dass man vor allen Dingen ein ewiges Abonnement auf die Verfassung der Vereinten Nationen zeichnet. Ist das nicht das Glück auf dieser Welt? Ist es nicht ein glücklicher Ausgleich zwischen den zwei Schwierigkeiten, die uns soeben aufhielten? So wird die Quadratur des Zirkels gelöst. Deutschland wird nicht nur verurteilt, weil es den Versailler-Vertrag verletzt hat, sondern im wesentlichen, weil es wider den Geist und die Befehle des Weltgewissens, d. h. der Demokratie gehandelt hat: und es nimmt seinen Rang unter den Völkern wieder ein, vorausgesetzt, dass es der Göttin, die es verletzt hat, Treue schwört!
Nur muss man diese neuen Anordnungen in allen ihren Folgen sehen. Diese Zurückführung der Staaten auf den Stand von Privatpersonen hat zum ersten Ergebnis, die gegenwärtige Verteilung der Reichtümer der Welt zu verewigen. Die gesellschaftliche Ungleichheit wiederholt sich auf der Stufe der Staaten und im gleichen Verhältnis mit den rechtlichen Einrichtungen. Das heisst, dass der Bürger zum Wächter über die Ungleichheit ernannt wird, die ihn zu Boden drückt. Nun wird in den Gemeinwesen die statische Lage ständig durch die politischen Kämpfe geändert. In regelmässigen Zeitabständen lässt der Bürger wissen, und oft mit einer gewissen Gewaltsamkeit, dass er seine Wächterrolle nur weiter spielen will, wenn die anfängliche Ungleichheit zu seinen Gunsten verbessert wird. Der Gesellschaftsvertrag wird so ständig einer Durchsicht unterzogen. Aber was für eine Entsprechung hat dieses Mittel, das die politische Tätigkeit den Bürgern verleiht, auf der
60
Stufe der Staaten? Aller politische Kampf in diesem Bereich ist Krieg oder Vorspiel zum Krieg. Und dieser Krieg kann in der neuen Ordnung nur noch ein Weltkrieg sein.
Ihr seid frei, sagt man uns, aber frei unter der Bedingung, dass Ihr Euer Los anerkennt. Ihr habt gleiche Rechte wie die andern. Aber man muss eben wissen, dass die andern darauf verzichtet haben, das Wesentliche noch in Frage zu stellen. Das ist eine versteckte Art, den Malthusianismus wieder einzuführen. Die Verfassungsurkunde der Vereinten Nationen sichert die Massenarmut, wie der Briand-Kellog Pakt Versailles sicherte. Es sind sogar keine Annexionen mehr nötig. Es ist kein Zwang mehr nötig. Es genügt, den demokratischen Geist zur Annahme zu bringen, der denselben Dienst leistet wie alle Zwangsnahmen. Die Reichen schreien «Hosianna». Sie danken, nachdem sie Lobgesänge auf die Potomac gesungen haben. Und sie verkünden, dass ihr Sieg der Sieg der Gerechtigkeit und des Friedens ist. Das ist bewundernswert. Es ist nicht einmal mehr notwendig, von Ungeheuern zu sprechen. Die Ungeheuer sind verschwunden. Das ist fertig. Man hat nicht nötig, ihnen ihre Kolonien wegzunehmen — um sie an ihrem Platz auszubeuten. Sie haben keine Kolonien mehr, noch ihre Handelsflotte — um ihnen Schiffe vermieten zu können. Sie haben keine Schiffe mehr, noch ihre Industrie — um sie die in Detroit, oder in Essen von den Kapitalisten von Detroit, hergestellten Töpfe höchst teuer zahlen zu lassen. Sie haben keine Fabriken mehr. Es genügt, sie zu überreden, den gegenwärtigen Zustand der Dinge vorzüglich zu finden. Ihn als eine dieser Schicksalsfügungen zu betrachten, gegen die man nichts vermag. Die Verfassungsurkunde der Vereinten Nationen besorgt die Ordnung eines Diktates. Versailles ist eine Kinderei, da wir den Briand-Kellog Pakt haben. Demokratie und Unbeweglichkeit ist unser Kampfruf: mit dem man, da in der besten aller Welten alles zum Besten bestellt ist, die Gerupften einlädt, vor dem Erbe der Gerechten die Wache aufzuziehen!
So treffen und durchdringen sich zwei Bereiche, die ein-
61
ander vorerst fremd erscheinen, die Moral und die Wirtschaft. Nürnberg gibt vor, den Frieden sicherzustellen. Es findet sich, dass der Friede und das Weltgewissen, trotzdem sie im Himmel sitzen, wie Könige sind, von denen Montaigne sagt: trotzdem sie auf Thronen sassen, sassen sie doch nur auf ihrem Hintern. So müssen die reinen Ideen, die ungreifbaren Ideen, die sich an Stelle der Gewaltinhaber in Fleisch und Blut verwandeln, Hand anlegen an die unreinen Arbeiten der Kunst des Fürsten. Ihre Regierung besteht letztlich darin, Reichtümer auszuteilen. Man kann die Regierung des Geistigen nicht übernehmen, ohne die Regierung des Zeitlichen zu überragen. Man kann die Gewalten des Geistigen nicht entthronen, ohne auch einen Teil des Zeitlichen zu entthronen, das mitkommt, wie die Erde mit den Wurzeln mitkommt. Also können wir ihnen sagen: «Reine Ideen, unangreifbare Ideen, welches sind Eure Diener? Welchen Statthaltern, welchen Kanzlern, welchen Junkern Eurer Gewalt, habt Ihr die Regierung des Zeitlichen übertragen, mit der Ihr Euch nicht befasst? Welche Ordensgemeinschaft herrscht über uns? Wenn Ihr von uns verlangt, die Wache aufzuziehen, möchten wir gerne wissen, vor wem wir die Wache aufziehen? Wenn Ihr von uns verlangt, am Tore zu grüssen, möchten wir gerne wissen, wer in Euren Kutschen sitzt?» Aber der Gerichtshof antwortet im zweiten Abschnitt seiner Anklageakte noch nicht auf diese Frage. Er gibt sich zufrieden, die Grundsätze aufzustellen, die wir beschrieben haben und aus welchen wir unsere Zukunft zu lesen versuchen.
Denn wir, die die Gärten des neuen Eden durchschreiten, sehen die Formen und den Umriss der künftigen Welt sich etwas genauer abzeichnen. Dieses neue Gesetz ist bestimmt eine schöne Sache. Der erste Abschnitt der Anklageakte verjagte uns aus dem Gemeinwesen. Er verjagte uns zunächst praktisch daraus. Der zweite Abschnitt verjagte uns rechtlich daraus, indem er uns den Titel eines Weltbürgers gab. Wir haben vorerst gehört, dass wir nicht mehr das Recht haben, uns auf dem Platz vor dem Haus des Kadi zu ver-
62
sammeln und zu sagen: diese Stadt gehörte unsern Vätern und sie gehört uns. Diese Aecker gehörten unsern Vätern und sie gehören uns. Und jetzt hat der Kadi nicht mehr das Recht, mit dem Schwert vor sich einherzuschreiten: er hat seine Gewalt aufgegeben. Es kommen schöne Beamte mit einer weissen Mütze auf dem Kopf, die den Frieden und den Wohlstand verkünden. Willkommen, Ihr schönen Beamten unseres Herrn! Ihr wacht nicht nur über unsern Schlaf. Ihr regelt alle Arten verschiedenartigen Verkehrs, den unserer Maschinen, den unserer Gedanken, den unseres Geldes und bald den unserer Truppen. Unser Kadi tritt jeden Tag von seinen schönen Reitern begleitet aus seinem Palast hervor, um zum Gebet zu gehen. Er tut so, als ob er Euch nicht sähe. Und wir denken, indem wir einen Rückblick auf uns selbst werfen, mit Bitterkeit an die Sultane, die wir so vor uns vorbei marschieren liessen.
Die Welt, die wir eben noch so flüssig, sich jeder Bestimmung, jeder Sicherheit entziehend empfanden, hat also schliesslich etwas Beständiges, Bestimmtes, Unwiderrufliches: die Gesetze machen uns abgabepflichtig. Bei uns, in unsern Gemeinschaften, nichts mehr Sicheres, keine sichern Grenzen zwischen Gut und Böse mehr. Keine Erde mehr, auf der unsere Füsse ausruhen können. Aber was für eine kräftige Baukunst beginnt sich über uns abzuzeichnen. Der französische, der deutsche, der spanische, der italienische Bürger weiss nicht recht, was für ein Geschick ihm beschieden ist. Aber der Bürger der Welt weiss, dass der harmonische Gerüstbau der Verträge sich für ihn erhebt. Seine Person ist geheiligt, seine Waren sind geheiligt. Seine Herstellungskosten sind geheiligt. Seine Gewinnanteile sind geheiligt. Die Weltrepublik ist die Republik der Händler! Das Glücksspiel der Geschichte ist ein für allemal eingestellt. Es gibt nur noch ein Gesetz, dasjenige, das die Erhaltung der Gewinne gestattet. Alles ist erlaubt, ausser was darin besteht, darauf zurückzukommen. Die Verteilung der Lose ist endgültig. Ihr seid Verkäufer auf ewig oder Käufer auf ewig. Reich oder arm für immer. Herr oder Abgabepflichtiger
63
bis an das Ende der Zeiten. Da wo die nationalen Gewalten auslöschen, beginnt die wirtschaftliche Weltherrschaft zu leuchten. Ein Volk vermag nichts gegen die Händler, nachdem es auf das Recht verzichtet hat, zu sagen: hier sind die Verträge so, die Gebräuche so. Und Ihr zahlt einen so und so hohen Zehnten, um Euch niedersetzen zu dürfen. Die Vereinten Staaten der Welt sind nur zum Schein eine politische Auffassung: in Wirklichkeit ist es eine wirtschaftliche Auffassung! Diese unbewegliche Welt wird nur noch eine gewaltige Börse sein: Winnipeg bestimmt den Kurs des Getreides, New York den des Kupfers, Pretoria den des Goldes, Amsterdam den des Diamanten. Was für eine Berufungsmöglichkeit haben wir, wenn wir nicht einig gehen? Die Auseinandersetzung zwischen Reich und Arm? Wir wissen, was das gibt. Die schlechte Laune, das Verschliessen der Häfen? Man hat hundert Mittel, es uns bereuen zu lassen. Wer auf das Recht verzichtet, den Ausländer zu besteuern, ihn aus der Stadt hinauszuweisen mit seinen Waren, seine Häfen den Missionaren zu verschliessen, verzichtet auf die Freiheit und alle ihre Güter. Was ist ein Streik, was ist eine soziale Errungenschaft in einem Land, das gezwungen wird, seine Preise denen des Auslandes anzupassen? Diese Frage gibt uns den Schlüssel zu unsern gegenwärtigen Schwierigkeiten: man sichert seinem eigenen Volk das Leben nur, wenn man Meister im eigenen Haus ist und den Fremden höflich hinauskomplimentiert. Aber die neue «Verfassung der Welt», wie Präsident Truman sich ausdrückt, fordert uns auf, das Gegenteil zu tun. Diese Politik hat einen Namen: vor dreiviertel Jahrhunderten nannte man sie züchtig «die Politik der offenen Türe». Wir sind China geworden. Die Wahl des Präsidenten der Vereinigten Staaten bedeutet mehr für uns, als unsere eigenen Ministerkrisen.
Aber wir haben einen Trost: es ist das Weltgewissen, das uns regiert. Vollkommen geschliffene Rechtsgelehrte bringen uns fixfertige Gesetze. Sie sind die Hüter der Vestalin Demokratie. Aehnlich den dicken Eunuchen, die die Strasse zum Harem bewachen, haben sie ein unbekanntes Gesicht
64
und sprechen eine Sprache, die wir nicht verstehen! Sie sind die Ausleger der Wolken. Ihre Tätigkeit besteht darin, die kostbaren Geheimnisse der Freiheit, des Friedens, der Wahrheit in unsere Reichweite zu bringen: sie erklären uns, was die Vaterlandsliebe ist, worin der Verrat besteht, der Mut, die Bürgerpflicht. Sie erklären uns unsere neue Ehre und das Gesicht unseres neuen Vaterlandes. O Gesetz des Gemeinwesens, Gesetz unserer Stadt! Volle und reiche Gesetze, Gesetze, die nach unserem Fleisch, nach unserem Geruch riechen! Gesetze unserer Erde! O Gesetze des Fürsten, die der Herold in den Flecken ausrief! Verordnungen, über die die Räte, die viereckige Mütze in der Hand, ihre Meinung äusserten! O altes Königreich, Zeit der Korsaren, wo seid Ihr? O kriegerische Gesetze, mörderische Gesetze, wir wissen jetzt, dass Ihr Gesetze des Friedens und der Liebe wart! O ungerechte Gesetze, Ihr wart Gesetze der Gerechtigkeit! O Gesetze der Aechtung, Ihr wart Gesetze des Heils! O Gesetze der Plünderung, Ihr wart Gesetze der Vormundschaft! O Gesetze, Ihr wart unser eigenes Leben und unser Atem. Ihr wart das Mass unserer Kraft. Und selbst im Schlechten noch blieb unser Schwung aufbehalten. Ihr wart unser eigenes Blut und Ihr wart unsere Seele. Ihr wart unser Gesicht. Und wir erkennen Euch wieder. Ja wir erkennen Euch wieder: und selbst die gewaltsamsten, selbst jene, die wir heute ungerecht nennen, selbst der Widerruf des Ediktes von Nantes, das man uns zu verfluchen lehrt, wie erscheinen sie uns Gesetze der Mässigung und der Weisheit im Vergleich zu den Gesetzen des Auslandes! Jetzt ist die Zeit des Gesetzes ohne Gesicht gekommen, die Zeit der Fälschungen und des Gesetz genannten Mörders. Heute hat eine Maschine zur Fabrikation der Welt den Platz unserer Räte eingenommen. Von Zeit zu Zeit setzt sie ein ungeheurliches, trockenes, hygienisches, unmenschliches Erzeugnis in Umlauf, das wir betäubt betrachten wie einen Meteorstein. Und unsere neuen Gesetzgeber erklären uns, dass man alle deutschen Soldaten als gemeinrechtliche Mörder hätte hängen und alle französischen Bürger wegen Einverständnisses mit
65
dem Feind hätte erschiessen können, aber dass man einen Beweis von Nachsicht geliefert hat. O barbarische Gesetze des 13. Jahrhunderts, Gebrauch von Poitou, Duell mit dem Knüppel, Kongress, Gottesurteil; heute strahlt die Gerechtigkeit, die Gerechtigkeit und die Milde auf Euren Gesichtern. Unsichtbare Baumeister entwerfen unsere Welt mit der Messchnur! Wir hatten ein Haus. Wir werden an seiner Stelle einen schönen Entwurf haben. Ein Auge in der Mitte eines Dreiecks, wie auf dem Einband des Katechismus, regiert die neue politische Schöpfung. Die Idealisten sind entfesselt. Alles was Ungeheuer geboren hat, hat das Wort. Unsere Welt wird weiss sein wie eine Klinik, schweigsam wie ein Leichenschauhaus. Es ist das Jahrhundert des Albdruckes. Ich hasse Euch, Idealismen!
Denn man kann uns lang bei allen Gelegenheiten hohle Worte über unsere Unabhängigkeit machen, die Wirklichkeit ist so. Die Sieger, heute durch die Folgen dessen, was sie getan haben, tief erschreckt, können uns lange versichern, dass all das nicht so schwer ist. Dass man die Städte wieder aufbauen wird. Dass man Kohle, Maschinen, Treibstoff, Baumwolle verteilen wird — nicht den Bösen, wohlverstanden, nicht den spanischen Faschisten zum Beispiel —. Dass wir das Recht haben werden, Nationalisten zu sein, so viel uns gefällt. Schlechte Köpfe, wenn wir wollen. Gegner von wem wir wollen. Dass nichts geändert ist: wir wissen, wir, dass das nur eine Augentäuschung ist. Und dass alle wirtschaftlichen Pläne der Welt die politischen Rechte nicht ersetzen können, die man uns genommen hat.
Die Völker sind entmannt. Die Lehre von den Vereinten Staaten der Welt ist ein Betrug, solange sie sich auf eine politische Forderung gründet. Und die Behauptung von der Vortrefflichkeit der Demokratie ist eine Behauptung, die genau derjenigen von der Vortrefflichkeit des Marxismus gleicht. Auch sie ist ein Mittel zur Einmischung genau wie der Marxismus. Wir sind keine freien Menschen mehr: und wir sind es nicht mehr, seit der Gerichtshof von Nürnberg verkündigt hat, dass es über unserem nationalen Willen einen
66
Weltwillen gebe, der allein das Vermögen habe, die wahren Gesetze zu schreiben. Nicht der Marshall-Plan bedroht unsere Unabhängigkeit. Es sind die Grundsätze von Nürnberg. Jene, die heute den Marshallplan angreifen, wissen es nicht oder wollen es nicht sagen, aber in Wirklichkeit greifen sie die Moral von Nürnberg an: die Hälfte des französischen Volkes erhebt heute, ohne es zu wissen, Einspruch dagegen, dass Goering gehängt worden ist,
Wir wissen übrigens, wohin das führt. Um sich ihre Anklage bequem zu machen, haben die Vereinten Nationen eine zweideutige Lehre verkündet, die sie heute vor die grössten Schwierigkeiten stellt. Jene, die überzeugt sind von dem guten Glauben der Sowjets, haben nicht Unrecht. Ist dieser gute Glaube grundsätzlich nicht augenscheinlich? Man verlangt von ihnen, Deutschland des Verbrechens gegen die Demokratie anzuklagen. In diesem Punkt waren sie völlig einig. Man schlägt ihnen vor, zu verkünden, dass in Zukunft die Welt im Geiste der Demokratie regiert werde. Das passte ihnen vollständig. Man bemerkte die Zweideutigkeit erst, als man zur Anwendung übergehen wollte. Die Russen dachten offensichtlich, dass sie sich verpflichtet hätten, die sowjetische Verfassung auszuführen, die nach ihren Gesichtspunkten die demokratischste der Welt ist. Sie waren durchaus Anhänger der Einmischung, aber durch die Vermittlung der kommunistischen Parteien. Sie wollten durchaus Pläne, unter der Bedingung, dass sie dreijährig, vierjährig, fünfjährig seien. Ausfuhren, vorausgesetzt, dass sie nach dem Osten geleitet würden. Und internationale Konferenzen, wenn sie folgsam auf Herrn Wyschinski hörten. Sie hatten verstanden, dass der demokratische Geist, von Moskau ausgehend und sich in Gegenuhrzeigerrichtung bewegend, über die Welt zu wehen begann. Als man ihnen erläuterte, dass es sich nicht um das handelte, sondern dass man die amerikanische Verfassung zu verbreiten, den Dollar und die Wahl mit geheimen Stimmzetteln auszubreiten, die Inspektionen des Roten Kreuzes zu begünstigen und sich im Esszimmer von Herrn Marshall zu versammeln beginne, er-
67
klärten sie, dass es sich um ein schweres Missverständnis handle. Versetzt Euch an ihren Platz! Sie hatten den Krieg nicht geführt, damit der amerikanische Botschafter in Warschau den Regen und das schöne Wetter machen konnte.
Das ist die Gefahr der unbestimmten Formulierungen und der falschen Ideen. Wir bemerken heute, dass der harmlose Briand-Kellogg-Pakt viel Explosivstoffe enthielt, die man nicht darin vermutete. Er war vorzüglich, um Deutschland zu verurteilen. Aber er war sehr schlecht, um die Welt zu regieren. Heute müssen die Richter von Nürnberg, wenn sie sich selbst gegenüber logisch sein wollen, die Staaten, die bei sich nicht die Demokratie nach amerikanischem Muster anwenden, als Feinde des Weltgewissens zur Anzeige bringen. Sie müssen sie aus der internationalen Gemeinschaft ausschliessen. Und das Weltgewissen muss selbstherrlich den Bann gegen die Rebellen schleudern! So stellen uns die Grundsätze von Nürnberg nicht nur unter Vormundschaft, sondern verurteilen uns auch zu einem weiteren Krieg. Zu einem dem vorhergehenden ganz gleichen Krieg. Zu einem Krieg ohne Notwendigkeit. Zu einem ideologischen Krieg. Sozusagen zu einem Krieg um das Recht. Darum werden vielleicht in einigen Monaten Tausende junger Franzosen und junger Deutscher denselben runden Helm zu Ehren einer höheren Moral tragen, die für sie und für uns darin besteht, nicht mehr Meister im eigenen Haus zu sein. Es ist wahr, dass wir im Austausch gegen diese Wirrkopfpolitik die Genugtuung haben werden, zu wissen, dass der Bolschewismus und der Nationalsozialismus zwei Seiten der selben Ungeheuerlichkeit waren. Ich weiss nicht, ob die Amerikaner wirklich gesehen haben, dass diese zusätzliche Verkündigung kaum dazu beitrug, die Dinge zu vereinfachen.
* * *
68
Zurück zum ersten Abschnitt
Zum nächsten Abschnitt
Zum vorhergehenden Abschnitt
Zurück zum Archiv