Maurice Bardèche

Nürnberg oder das Gelobte Land


Man bedroht Euch nicht einmal. Es ist Eure eigene Stimme, die Euch bedroht. Denn das Weltgewissen, das ist jedermann, und das seid sogar Ihr. Seid Ihr ganz sicher, der Moral entsprechend gehandelt zu haben? Dieser Weltmoral, von der es heisst, dass wir alle sie in uns tragen und die am Tage des Gerichts aufwachen und von sich aus Züchtigungen verlangen wird? Seid Ihr ganz gewiss, in der Linie gewesen zu sein? Welche Linie? spricht der General: sie sprechen alle die gleichen Worte. Aber diese Worte wollen nicht die gleiche Sache sagen. Das macht nichts. Beschäftigt Euch nicht damit: habt Ihr ein Gewissen, ja oder nein? Jedermann, selbst ein General hat ein Gewissen. Dann verhaltet Euch den unwandelbaren Gesetzen des «Gewissens» entsprechend. Und allein ihnen entsprechend. Oder aber Ihr werdet gehängt. Erinnert Euch, dass es keine Infanteriereglemente gibt, dass es keine Felddienstreglemente gibt. Dass es keine höheren Befehle gibt. Dass nichts, was geschrieben ist, etwas bedeutet. Dass alle unsere Gesetze niedrigere Gesetze sind, die auf jeden Fall durch die grosse Stimme des Weltgewissens zugedeckt werden, die meistens durch den Rundfunk übermittelt wird. Dass die Einheit des Staates und der Bestand des Staates jeden Augenblick durch eine einfache Bulle als aufgelöst erklärt werden können. Und dass nichts besteht, reineweg nichts, ausser der Stimme, die von oben kommt. Das ist die Welt, die für uns gemacht worden ist. Ganz einfach, weil es notwendig war, dass die Deutschen Ungeheuer seien. Und weil denjenigen recht gegeben werden musste, die ihre Städte zermalmt hatten. Um die Zerstörung zu rechtfertigen, erfindet man die Dauerzerstörung. Um den Rundfunk zu rechtfertigen, erfindet man den Rundfunk für immer. Um die Alliierten zu rechtfertigen, schwört man, dass alle Kriege fortan wie der letzte geführt werden müssen. Unter dem Vorwand, eine aus eigener Machtvollkommenheit bestehende Herrschaftsordnung zu treffen, hat man jede Machtvollkommenheit zerstört. Und unter dem Vorwand Deutschland zu verurteilen, hat man die ganze Welt gefesselt. Wir lassen es uns im Namen der Tugend und der besseren Welt gefallen ohne zu sehen, dass dieser Ueberstaat,

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der aus Grundsatz gewisse Staatsformen verbietet, der die Verträge diktiert und die Politik lenkt, nichts anderes ist als ein namenloser Herrscher, der das Verhalten seiner Vasallen regelt. Die internationale Moral ist nur das Werkzeug einer Herrschaft. Sie ist unfähig, die Einzelwesen zu schützen, aber sehr bequem, um die Staaten zu beherrschen.

Es ist kaum von Nutzen, hier zu unterstreichen, wie viel diese schön vorbereitende Arbeit schliesslich der Weltherrschaft des Marxismus nützlich sein kann, dessen Gorgonisches Gesicht wahrzunehmen man heute vorgibt. Denn was anderes verficht der Marxismus — wenn auch mit anderen Worten? Für die Marxisten geht dem öffentlichen Recht in jedem Land tatsächlich die den Einzelnen obliegende Pflicht voraus, am Befreiungskampf des Proletariats teilzunehmen. Für sie gibt es tatsächlich über ihren Bürgerpflichten immer ein Weltgewissen, das nichts anderes ist als das Klassengewissen. Und dieses marxistische Gewissen rügt mit denselben Worten. Es ist ebenso unbestimmt. Es handelt sich ebenfalls darum, in der Linie zu sein. Die Theoretiker des Weltgewissens haben nicht erkannt, dass diese Waffe, der sie so viel Sorge widmen, dem Bumerang der Australier ähnlich sieht, der stets auf den Werfenden zurückfallen kann. Alles, was sie machen, kann wieder gegen sie gewendet werden. Alles, was sie bejahen, kann ihrem Feinde dienen. Und wir dürfen uns heute nicht wundern, wenn die kommunistische Partei uns darauf aufmerksam macht, dass «das französische Volk» am Krieg gegen Russland nicht teilnehmen wird: das ist eine Anwendung der Grundsätze von Nürnberg. Denn schliesslich zerstörte Nürnberg das Vaterland: wer zerstört es besser als der Kommunismus? Nürnberg errichtet eine internationale Instanz: ist Moskau nicht ebenfalls eine? Nürnberg schafft eine Kirche: es gibt eine weitere, die III. Internationale heisst. Nürnberg verordnet die Herrschaft des Weltgewissens: für den Bolschewismus genügt es, sich in diesen Balg zu stecken, um eine ebenso gute Gestalt zu machen wie sie. Unsere Theoretiker haben alle kommenden Kriege in Bürgerkriege verwandelt. Und in diesen Bürger-

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kriegen haben sie alles vorbereitet, was ihrem Gegner dienen wird. Mars ist nicht mehr der Gott des Krieges, sondern Janus bifrons, Janus mit den zwei Ohren, der nicht weiss, welchem Rundfunk er sich zuneigen soll. Sie haben uns gegenüber dem Ausland entwaffnet. Aber gegenüber welchem?

Ein anderes erzieltes Ergebnis ist die tatsächliche Absetzung der menschlichen Persönlichkeit, die untrennbar ist von der Absetzung der Vaterländer. Dieses zweite Ergebnis scheint vorerst erstaunlicher als das erste, weil das Gericht von Nürnberg die Verteidigung der menschlichen Persönlichkeit zum Gegenstand gewählt hat. Aber es ist leider trotzdem nicht weniger gewiss.

Verständigen wir uns über den Punkt. Es ist nicht die Rede davon, zu verneinen, dass die genauen Vorschriften und Verbote betreffend das Völkerrecht und die Kriegführung, die man im Urteilsspruch von Nürnberg findet und die fortan Rechtsprechung auf diesem Gebiet bedeuten, nicht für den Schutz der Einzelwesen grosse Dienste zu leisten vermöchten. Die Haager-Abkommen sind so durch zahlreiche Texte, die der neuzeitliche Krieg notwendig gemacht hatte, vervollständigt worden. Es hätte indessen im Interesse aller Welt gelegen, dass dieses neue Kriegsgesetzbuch unter anderen Umständen zustande gekommen wäre, im Gefolge einer aufrichtigen und vollständigen Zusammenarbeit zwischen allen Völkern. Und vor allem, dass es nicht als an eine politische Auffassung der Welt gebunden erschiene. Es wäre besser gewesen, sich dabei an praktische und klare Texte zu halten, anstatt eine ehrgeizige Philosophie des Völkerrechts zu verfassen, die Gefahr läuft, auf die seltsamste Weise ausgelegt zu werden. Es wäre auch nützlicher gewesen, sich eine vollständige Untersuchung der Verfahrensweisen des neuzeitlichen Krieges vorzunehmen, statt in unserer Rechtssammlung so schwere Lücken offen zu lassen wie die der Blockade und der Bombardierung von Zivilbevölkerungen, bloss weil diese Untersuchungsgegenstände ungelegen waren. Doch handelt es sich hier nicht darum. Wir verstehen den Ausdruck Verteidigung der menschlichen Persönlichkeit in dem allgemeineren Sinn, wie er im Laufe

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der kürzlichen Auseinandersetzungen gegeben worden ist. Um die Rechte, um die Freiheit des Menschen, darum sorgen sich jene, die diese Worte brauchen. Auch wir geben ihnen diesen Sinn.

Wir halten den Vertretern des Weltgewissens nicht ihr Unvermögen vor, die Achtung der menschlichen Persönlichkeit zu sichern, selbst nicht in den von ihnen überwachten Gebieten. Das wäre ein zu leichtes Spiel. Es gibt offensichtlich alle Arten von Einzelwesen, die gegenwärtig nicht behaupten können, als menschliche Wesen zu gelten: z. B. die Indochinesen, die wir in Indochina niedermetzeln. Die Malgaschen, die wir in Madagaskar gefangensetzen. Die Balten, die Sudetendeutschen, die Wolgadeutschen, die in den Hauptstellen der Displaced Persons grosse Reisen machen. Die Kleinen Nazis, die mittleren Nazis und die anderen Ungeheuer, die man in Dachau und Mauthausen einzusperren genötigt ist. Die Polen und Tschechen, die die sowjetische Herrschaft nicht lieben. Die Neger von Luisiana und Karolina. Die Franzosen, die «Es lebe der Marschall» gerufen haben. Die Araber, die «Es lebe der Sultan» gerufen haben. Die Griechen, die «Es lebe Griechenland» gerufen haben. Und die überlebenden Ukrainer, die man nach Sibirien verschickt, weil sie das Unglück haben, überlebende Ukrainer zu sein........ Ich gebe zu, dass das alles nichts beweist, obwohl ich diese Liste etwas lang finde. Ich bin bloss etwas in Verlegenheit, dass wenn man die Summe zieht, man schliesslich mehr Leichen, mehr Foltereien und Verschickungen auf der Rechnung der berufsmässigen Verteidiger der menschlichen Persönlichkeit findet als auf der Rechnung derjenigen, die sie Folterknechte und Mörder nennen.

Aber nehmen wir schliesslich an, dass das nichts beweist. Ich verstehe zwar nicht recht, warum das nichts beweist. Aber glauben wir es, da sehr ernste Leute es uns sagen. Im übrigen ist es nicht wichtig, zu zeigen, dass die Verteidigung der menschlichen Persönlichkeit sich jetzt in die Morde, die Foltereien und die Verschickungen schickt. Sondern wichtig ist zu zeigen, dass sie in Wirklichkeit nur mit der

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Absetzung der menschlichen Persönlichkeit enden kann.

Dieses Verhängnis ist immerhin in sehr deutlichen Worten niedergeschrieben, die wir alle mehr als einmal haben lesen können. Die Verteidigung der menschlichen Persönlichkeit ist nicht eine neue Religion. Man hat uns schon früher vorgeschlagen, diesen Gott anzubeten. Seine Erhebung findet immer inmitten der gleichen Feste statt: die Guillotine ist sein Oberpriester und man schneidet zur Ehre des Gottes einer grossen Anzahl von Unterdrückern den Hals ab. Worauf die heilige Handlung regelmässig mit einer schönen Herrschaftsordnung aus eigener Machtvollkommenheit abschliesst, die von Helmen, Stiefeln, Achselklappen glänzt und in Fülle mit Sklavenaufsehern verziert ist. Dieser geheimnisvolle Widerspruch ist oft angeführt worden: und schon vor diesem Krieg waren sich die ernsthaftesten Beobachter in der Feststellung einig (eine Meinung, von der man uns kaum mehr spricht), dass das Wort Freiheit dasjenige ist, das am liebsten die Spitzbuben nachsprechen. Und die Geschichte führt uns so zu einem ersten Widerspruch, der sich regelmässig den Handlungen aufprägt: die Verteidigung der menschlichen Persönlichkeit kann nur mit der Unterdrückung im Namen der Freiheit endigen oder mit heuchlerischen Herrschaftsordnungen, die die Freiheit nur retten, indem sie die Augen vor der Entwürdigung der Einzelwesen schliessen. Auch die Geographie ist nicht tröstlicher. Die Achtung vor der menschlichen Persönlichkeit besteht darin, eine gleiche menschliche Art und infolgedessen für den Neger von Duala und den Erzbischof von Paris gleiche Rechte anzuerkennen. Man streitet über die gleichen Rechte: man muss sie wohl eines Tages anerkennen oder dann hat unser Wahlspruch keinen Sinn mehr. Von diesem Tag an verteilt sich der freie Ausdruck der gleichen Rechte von zwei Milliarden menschlichen Wesen wie folgt: 600 Millionen Weisse, der Rest Neger, Asiaten oder Semiten. Durch was für einen Schluss werdet Ihr den Negern, Asiaten oder Semiten klar machen, dass ihre gleichen Rechte sich nur durch eine gleiche Vertretung ausdrücken lassen, und dass, wenn es sich um ernste Sachen handelt, die Meinung eines

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Weissen mehr wert ist als die von zehn Schwarzen? Es gibt nur einen Beweis, der eine so wenig offenbare Wahrheit eindringlich macht: die Anwesenheit der Flotte Ihrer Majestät, zu der man tatsächlich jedes Mal Zuflucht nimmt, wenn die Aussprache sich in Allgemeinheiten zu verlieren droht. So endet die Verteidigung der menschlichen Persönlichkeit auf diesem Gebiet abermals mit dem selben Widerspruch: sie führt sich mit Kanonenschüssen ein. Oder sie besteht darin, mit Unterwürfigkeit anzuhören, was den farbigen Ehrenmännern, den colored gentlemen beliebt, uns zu befehlen.

Dennoch ist hier der Grund, warum wir so viel Wesens machen von einer Freiheit, der wir nicht zur Herrschaft zu verhelfen vermögen, und von einer Gleichheit, die zu verwirklichen wir ablehnen. Verba et voces. Wir sind Anhänger der Verteidigung der menschlichen Persönlichkeit unter der Bedingung, dass sie nichts bedeutet. Wir sind Anhänger der Verteidigung der menschlichen Persönlichkeit. Aber wir wollen den Negern antun, was wir den Nazis vorwerfen, dass sie es den Juden angetan haben. Und nicht nur den Negern, sondern auch den Indochinesen, den Malgaschen, den Balten, den Wolgadeutschen usw. Und nicht nur all diesen Leuten, sondern auch dem Proletariat aller Völker, dem wir diesen amtlichen Begriff der menschlichen Persönlichkeit aufzudrängen willens sind. Und worauf uns das Proletariat antwortet, dass es darin nichts sieht, das die Achtung des Proletariats betrifft. So verteidigen und achten wir die menschliche Persönlichkeit. Aber eine ideelle menschliche Persönlichkeit. Eine menschliche Persönlichkeit in abstracto. Eine menschliche Persönlichkeit im Sinne, wie ihn der Gerichtshof versteht.

Ich weiss wohl, dass man hier bittet, sich nicht bei solchen Einzelheiten aufzuhalten. Das Inordnungbringen wird später kommen. Das Weltgewissen befindet sich jetzt gerade bei der Einrichtung seiner Büros. Aber gerade die an die Mauern gehefteten Zeichnungen, die Zeichnungen der künftigen Entwicklung beunruhigen mich noch mehr als die erhaltenen Ergebnisse. Diese menschliche Persönlichkeit ist

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völlig nackt. Sie hat kein Vaterland und sie ist gleichgültig gegenüber jedem Vaterland. Sie kennt die Gesetze des Gemeinwesens und den Geruch des Gemeinwesens nicht. Aber sie erfasst mit einem ganz persönlichem Instinkt die internationale Stimme des Weltgewissens. Dieser neue Mensch, dieser entwässerte Mensch ist es, den ich nicht anerkenne. Euer Weltgewissen beschützt eine Treibhauspflanze: dieses theoretische Erzeugnis, dieses Industrie-Erzeugnis hat nicht mehr Beziehung mit dem Menschen als eine Kalifornische Orange, die in ihr Celophanpapier eingewickelt und durch die Kontinente verschickt wird, Beziehung hat mit einer Orange auf dem Baum. Beides sind Orangen: aber die eine hat den Geschmack der Erde. Und sie wächst und besteht auf ihrem Baum der Natur der Dinge gemäss. Und die andere ist nur noch ein Verbrauchs-Erzeugnis. Ihr habt aus der menschlichen Persönlichkeit ein Erzeugnis für den Verbrauch gemacht. Es findet sich auf (übrigens falschen) Statistiken aufgeführt. Es wird gezählt. Es wird ausgeführt. Es wird transportiert. Es wird versichert. Und wenn es zerbricht, wird es bezahlt. Ich kann nichts dafür, aber das ist für mich keine menschliche Persönlichkeit.

Wenn wir an eine menschliche Persönlichkeit denken, wir, sehen wir einen Vater mit seinen Kindern um sich. Mit seinen Kindern um den Tisch, im grossen Zimmer des Hofes. Er teilt die Suppe und das Brot aus. Oder in seinem Vorstadthaus, und er fühlt sich nicht so wohl wie auf seinem Hof. Oder in seiner Wohnung im dritten Stock, und er fühlt sich nicht so wohl wie in einem Vorstadthaus. Und er kommt von seiner Arbeit zurück und fragt, wie der Tag vorbeigegangen ist. Oder in seiner Werkstatt, und er zeigt seinem kleinen Jungen, wie man ein Brett passend herstellt, wie man mit der Hand über das Brett fährt, um festzustellen, ob die Arbeit gut ist. Diese menschliche Persönlichkeit ist es, die wir verteidigen und achten. Allein diese menschliche Persönlichkeit und keine andere. Und alles was zu ihr gehört, ihre Kinder, ihr Haus, ihre Arbeit, ihren Acker. Und wir sagen, dass diese menschliche Persönlichkeit das Recht hat, dass das Brot ihrer Kinder gesichert

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sei. Dass ihr Haus unverletzlich, ihre Arbeit geehrt sei. Dass ihr Acker ihr gehört. Dass das Brot ihrer Kinder gesichert sei, will heissen, dass kein Neger, kein Asiate und kein Semite ihr den Platz streitig machen wird, auf den sie im Innern der Stadt Anrecht hat. Und dass sie nicht eines Tages genötigt sein wird, um leben zu können, der Handarbeiter oder Sklave des Fremden zu werden. Dass ihr Haus unverletzlich sei, will heissen, dass sie denken kann, was sie will und sagen, was sie will, dass sie Meister an ihrem Tisch und Meister in ihrem Haus sein wird. Dass sie beschützt werden wird, wenn sie den Erlassen des Herrschers folgt. Und dass der Neger, Asiate oder Semite nicht vor ihrer Tür erscheinen werden, um ihr zu erklären, was man denken müsse und sie aufzufordern, ihnen ins Gefängnis zu folgen. Dass ihre Arbeit geehrt werde, will heissen, dass sie sich mit den Männern ihres Berufes versammeln wird, mit denen, die sie ihre Amtsbrüder oder ihre Kollegen nennt, wie man will. Und dass sie das Recht haben wird zu sagen, dass ihre Arbeit hart ist. Dass der Stuhl, den sie macht, so und so viele Pfund Brot wert ist. Dass jede Stunde ihrer Arbeit so und so viel Pfund Brot wert ist. Dass auch sie das Recht hat zu leben, d. h. nicht schief getretene Schuhe und Kleider in Fetzen zu tragen. Ihren Rundfunk zu haben, wenn es sie gelüstet. Ihr Haus, wenn sie Geld dafür beiseite getan hat. Ihren Wagen, wenn sie in ihrer Arbeit Erfolg hatte. Und den Anteil an der Bequemlichkeit, die unsere Maschinen ihr schulden. Und dass der Neger, der Asiate und der Semite nicht in Winnipeg oder in Pretoria den Preis ihres Tagewerkes und die Speisenfolge ihres Tisches bestimmen. Und dass ihr Acker ihr gehört, will heissen, dass sie das Recht hat, sich Herr dieses Hauses zu nennen, das ihr Grossvater gebaut hat, Herr dieser Stadt, die ihr Grossvater und die Grossväter der anderen Männer der Stadt gebaut haben. Dass niemand das Recht hat, sie aus ihrer Wohnung noch aus dem Rathaus zu jagen. Und dass die fremden Arbeiter, deren Grossväter nicht dabei waren, als man den Glockenturm baute, die Neger, die Asiaten und die Semiten, die im Bergwerk arbeiten oder an den Strassenkreuzungen Ware

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feilhalten, nicht über das Schicksal ihres kleinen Jungen zu entscheiden haben. Das ist, was wir die Rechte der menschlichen Persönlichkeit nennen. Und wir sagen, dass die Pflicht des Herrschers tatsächlich nichts anderes ist, als die Achtung dieser Wesensrechte zu sichern und sein Volk gut zu lenken, als guter Familienvater, wie die Pächter sagen, wie der Vater seine Familie führt. Dass die Gesetze nichts anderes sind, als vernünftige Richtlinien, die alle kennen. Die niedergeschrieben wurden auf den Rat zuständiger Männer und die an die Mauern angeschlagen worden und unabhängig sind. Und dass diese Gesetze, ohne die es keine Gemeinwesen gibt, wenn nötig, mit Gewalt und auf jeden Fall durch einen wirksamen Schutz verteidigt werden müssen. Wie man sehen kann, sind auch wir Anhänger der Verteidigung der menschlichen Persönlichkeit. Aber mit diesen Worten. Und nicht in dem Sinne, wie ihn der Gerichtshof versteht. Es geht nur darum, sich zu begreifen.

Diesen Menschen der Erde und der Gemeinwesen, diesen Menschen, der der Mensch ist, seitdem es Völker und Gemeinwesen gibt, gerade diesen verurteilt und verstösst Nürnberg. Denn das neue Gesetz sagt: «Du wirst Bürger der Welt sein. Auch Du wirst verpackt und entwässert werden. Du wirst nicht mehr das Rauschen Deiner Bäume und die Stimme Deiner Glocken hören. Aber Du wirst lernen, die Stimme des Weltgewissens zu hören. Klopfe die Erde von Deinen Schuhen, Bauer. Diese Erde ist nichts mehr. Sie beschmutzt. Sie verwirrt. Sie hindert, hübsche Verpackungen zu machen. Die modernen Zeiten sind angebrochen. Höre die Stimme der modernen Zeiten. Der polnische Taglöhner, der im Jahr zwölfmal den Arbeitsplatz wechselt, ist der gleiche Mensch wie Du. Der jüdische Trödler, der soeben von Korotscha oder Shitomir angekommen ist, ist der gleiche Mensch wie Du. Sie haben die gleichen Rechte auf Deine Erde und auf Deine Stadt wie Du. Achte den Neger, o Bauer! Sie haben die gleichen Rechte wie Du und Du wirst ihnen Platz machen an Deinem Tisch. Und sie werden in den Rat einziehen, wo sie Dich lehren werden, was das Weltgewissen sagt, auf das Du noch nicht so gut

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hörst wie Du solltest. Und ihre Söhne werden Herren sein. Und sie werden zu Richtern eingesetzt werden über Deine Söhne. Sie werden Deine Stadt regieren und Deinen Acker kaufen, da das Weltgewissen ihnen ausdrücklich alle diese Rechte gibt. Was Dich anbetrifft, Bauer, wenn Du geheime Zusammenkünfte mit Deinen Kameraden abhältst, und wenn Du der Zeit nachtrauerst, wo man nur junge Leute aus der nächsten Umgebung am städtischen Feste sah, dann wisse, dass Du gegen das Weltgewissen sprichst und dass das Gesetz Dich dagegen nicht schützt».

Denn das ist in Wahrheit der Zustand des Menschen nach der Absetzung der Vaterländer. Man unterstützt durch Druck jene Herrschaftsordnungen, die das Gemeinwesen dem Fremden weit öffnen. Man fordert, dass diese Fremden die gleichen Rechte erhalten, wie die Einwohner des Landes und verdammt feierlich jeden Versuch ihrer Verächtlichmachung. Dann anerkennt man nur eine rein zahlenmässige Abstimmungsart als richtig an. Welches Gemeinwesen wird nicht mit dieser Ordnung zu gegebener Zeit durch eine friedliche Eroberung unterworfen, von einer Besetzung ohne Uniform überschwemmt und schliesslich der Herrschaft des Fremden ausgeliefert werden?

Hier wird der Schlusspunkt erreicht. Die nationalen Verschiedenheiten werden nach und nach ausgeplättet. Das internationale Gesetz wird sich umso leichter einrichten, als das eingeborene Gesetz keine Verteidiger mehr hat. Die nationale Lebensführung, die wir soeben beschrieben, nimmt in dieser Aussicht ihre wahrhafte Bedeutung an: die Staaten werden nur noch Verwaltungskreise eines einzigen Reiches sein. Und von einem Ende der Welt zum andern, wird in völlig gleichartigen Städten, da man sie nach einigen Bombardierungen wieder aufgebaut haben wird, und unter gleichen Gesetzen eine Mischbevölkerung leben, eine unbestimmbare, trübsinnige Sklavenrasse ohne Schöpfergabe, ohne Instinkt und ohne Meinung. Der von Ansteckungsstoffen gereinigte Mensch wird sich über eine nach gesundheitlichen Gesichtspunkten eingerichtete Welt ausdehnen. Unermessliche Kaufläden, die von Pick-up widerhallen, wer-

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den diese Einheitspreisrasse sinnbildlich verkörpern. Rollsteige werden die Strassen durchlaufen. Sie werden jeden Morgen die lange Reihe von Menschen ohne Gesicht zu ihrer Sklavenarbeit bringen und sie am Abend wieder zurückführen. Und das wird das gelobte Land sein. Die Benutzer des Rollsteiges werden nicht mehr wissen, dass es früher einen menschlichen Stand gab. Sie werden nicht mehr wissen, was unsere Gemeinwesen waren als sie unsere Gemeinwesen waren: nicht mehr als wir uns noch vorstellen können, was Gent und Brügge zur Zeit der Schöffen waren. Sie werden staunen, dass die Erde einmal schön war und dass wir sie leidenschaftlich geliebt haben. Das saubere, theoretische, in runden Stücken ausgeschnittene Weltgewissen wird ihren Himmel erleuchten. Aber es wird das gelobte Land sein.

Und darüber wird sich tatsächlich die menschliche Persönlichkeit erstrecken. Diejenige, für die man diesen Krieg geführt hat. Diejenige, die dieses Gesetz erfunden hat. Denn schliesslich kann man lange sagen, es gibt eine Menschliche Persönlichkeit. Das sind wohlverstanden nicht die Wolgadeutschen, nicht die Balten, nicht die Chinesen, nicht die Malgaschen, nicht die Annamiten, nicht die Tschechen, nicht die Proletarier. Wir wissen sehr gut, was das ist: die Menschliche Persönlichkeit. Dieses Wort bekommt seine ganze Bedeutung, man kann sogar sagen, dass es in dem Sinne, wie ihn der Gerichtshof versteht, keine Bedeutung hat, erst wenn es auf ein vaterlandsloses Wesen angewandt wird, das in einer Vorstadt von Krakau geboren wurde. Das unter Hitler litt, verschickt wurde, nicht gestorben ist. Sogar wiederauferstanden ist in der Gestalt eines französischen, belgischen oder luxemburgischen Patrioten, auf den unsere ganze Hochachtung und Bewunderung zu übertragen wir aufgefordert werden. Die Menschliche Persönlichkeit ist übrigens gewöhnlich mit einem internationalen Pass, mit einer Ausfuhrerlaubnis, einer Steuerbefreiung und dem Recht der Wohnungsbeschlagnahme versehen. Fügen wir hinzu, dass die so bestimmte Menschliche Persönlichkeit ganz besonders ein Sachwalter des Weltgewissens ist: sie ist sozu-

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sagen seine Wahlurne. Sie besitzt dazu die Organe eines ausserordentlichen Empfindungsvermögens, das den anderen Menschen fehlt: so bezeichnet sie in dem Land, wo sie soeben angekommen ist, mit Sicherheit die wirklichen Patrioten und stellt auf grosse Entfernung die Körper fest, die für die Schwingungen des Weltgewissens unempfänglich sind. Auch werden diese kostbaren Gaben, wie es sich gehört, auf die öffentliche Meinung angewandt. Alle ihre Schwingungsausschläge werden sorgfältig aufgezeichnet und die Summe dieser Schwingungen bildet das, was man in einem gegebenen Augenblick die Empörung oder die Billigung des Weltgewissens nennt. Sie verfassen schliesslich die Zwangslehre, die wir schon erwähnt haben und die die Ueberschrift trägt: Verteidigung der menschlichen Persönlichkeit.

Es ergibt sich daraus, dass die Verteidigung der menschlichen Persönlichkeit in dem Sinne, wie der Gerichtshof sie versteht, eine Art mathematische Wahrheit ungefähr gleich dem Dreisatz ist. Man kann das so ausdrücken: «Wer vaterlandslos und in Krakau geboren ist, hat seinen Wohnsitz in der Brust der Weltgemeinschaft. Und jede Handlung, die ihn verwundet oder verletzt, hallt tief in der Brust des Weltgewissens wieder. In dem Masse, in dem Eure artliche Bestimmung Euch dem vaterlandslosen, aus Krakau gebürtigen Wesen entfremdet, entfremdet Ihr Euch ebensosehr der Weltgemeinschaft. Und was Euch verletzt, hat keinen entsprechenden Widerhall im menschlichen Gewissen mehr. Wenn Ihr dem vaterlandslosen, aus Krakau gebürtigen Wesen entschlossen feindlich seid, bildet Ihr keineswegs mehr einen Bestandteil der Weltgemeinschaft. Und man kann alles gegen Euch unternehmen, was man will, ohne dass das menschliche Gewissen sich im geringsten verletzt fühlt».

Diese Konfirmanden der neuen Menschheit haben ihre heiligen Gebräuche. Sie bebauen die Erde nicht. Sie erzeugen nichts. Die Sklaverei ist ihnen zuwider. Sie mischen sich nicht unter die Menschen des Rollsteiges. Sie zählen sie und lenken sie auf die Aufgaben hin, die ihnen bestimmt sind. Sie machen keineswegs Krieg. Aber sie lieben es, sich in Lä-

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den einzurichten, die von Licht glänzen, wo sie abends dem Rollsteigmenschen sehr teuer verkaufen, was er am Tage hergestellt hat und das sie ihm sehr billig abgekauft haben. Niemand hat das Recht, sie Sklavenhändler zu nennen. Und trotzdem arbeiten die Völker, in deren Mitte sie sich eingerichtet haben, nur für sie. Sie bilden einen Orden. Das haben sie mit unserem alten Rittertum gemein. Und ist es nicht gerecht, dass sie von den andern Menschen unterschieden werden, da sie die für die Stimme des Weltgewissens am meisten Empfänglichen sind und für uns das Vorbild abgeben, nach dem wir uns richten sollen? Sie haben auch ihre Oberpriester in fernen Hauptstädten. Sie verehren in ihnen die Vertreter jener berühmten Familien, die sich dadurch bekannt gemacht haben, dass sie viel Geld verdienten, indem sie grosse Reklame machten. Und sie freuen sich, auf den Wappen dieser Helden die Zeichensprache ihrer Dividenden zu lesen. Aber diese Grossen haben grosse Sorgen. Sie brüten über der Weltkarte und beschliessen, dass dieses Land fortan Apfelsinen, jenes Kanonen hervorbringen soll. Ueber Zeichnungen gebeugt, lenken sie Millionen von Rollsteigsklaven und setzen in ihrer Weisheit die Zahl der Hemden fest, die im Jahre zu kaufen ihnen erlaubt sein wird, und die Zahl der Kalorien, die ihnen, damit sie leben können, zugeteilt werden. Und die Arbeit der andern Menschen kreist und zeichnet sich auf den Mauern ihres Arbeitszimmers auf, wie auf jenen Bildern mit durchscheinenden Oeffnungen, auf denen ununterbrochen verschieden gefärbte Säfte fliessen. Sie sind die Maschinenmeister der Welt. Wer sich gegen sie empört, redet gegen die Götter. Sie verteilen und beschliessen. Und ihre Diener an den Kreuzwegen nehmen ihre Befehle mit Dankbarkeit entgegen. Und sie weisen dem Rollsteigmenschen seine Richtung. So arbeitet die Welt ohne Grenzen. Die Welt, in der jedermann zuhause ist. Und die sie das gelobte Land genannt haben.

* * *

Das ist es, was im Wahrspruch von Nürnberg geschrieben steht.

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Und heute wenden sich selbst jene, die diesen Wahrspruch verfasst haben, an die deutsche Jugend: «Deutsche, gute Deutsche, sagen sie zu ihnen, liebt Ihr nicht sehr die Sache der Freiheit? Seid Ihr nicht bereit, die Welt mit uns gegen die bolschewistische Barbarei zu verteidigen? Deutsche, junge Deutsche, wärt Ihr nicht schön auf langen Shermantanks, finsteren Kampfgöttern ähnlich?» Und die Augen mit Entzücken auf ein zugleich Weimarisches und unbesiegliches, friedliebendes und trotzdem bis an die Zähne bewaffnetes Deutschland gerichtet, hätscheln sie den Traum eines Stosstrupps der Demokratie, einer Sturmgarde der Freiheit. Gefühlvoll und unerschrocken, blond und muskelstark, vernünftig wie junge Mädchen, ewig der Demokratie des Rechts verbunden und bereit, für den Kongress, für das Abendland, für die Y. M. C. A. zu sterben. Eine riesige Armee von Eunuchen, die durch ein Wunder im Kampf die Kraft der Germanen wiederfände.

Man muss wissen, was man will. Wir werden uns nicht für Wolken schlagen. Die Deutschen offensichtlich auch nicht. Das Gegengift gegen den Bolschewismus hat in der Geschichte einen Namen getragen. Hören wir auf, diesen Namen mit Entsetzen auszusprechen und diese Fahne mit Schrecken zu betrachten. Alle Ideen enthalten etwas Richtiges. Fragen wir uns, auf was diese ihre Macht gründete. Anstatt zu ächten, versuchen wir zu verstehen. Wenn Millionen Menschen sich unter dieser Fahne haben töten lassen, die wir so niedrig mit Füssen treten, brachte diese ihnen dann nicht ein Geheimnis des Lebens und der Grösse, das nicht wissen zu wollen unsinnig ist?

Unsere Weigerung, die Worte von vorne zu betrachten, ist nicht nur unsinnig. Sie ist auch unendlich gefährlich. Die ideologischen Ruinen sind nicht wie die Ruinen der Städte: man sieht sie nicht und die Reisenden schütteln nicht ernst die Köpfe, wenn sie an diesem Schutt vorbeifahren. Und doch sind sie schwerwiegender. Sie sind tödlich. Die Lehren, die unsinnigerweise mit Fluch belegt worden sind, sind die einzigen, die der kommunistischen Ueberschwemmung ein Wehr entgegen-

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setzen können. Wir haben dieses Wehr in die Luft springen lassen und wundern uns jetzt, dass die Flut die Mäuerchen davon trägt, mit denen wir sie einzudämmen versuchten. Und doch genügt es, die Karte zu betrachten. Es ist unvernünftig, zu hoffen, dass die gewaltige Fläche, die sich von Asien bis zur Elbe erstreckt, den zerbrechlichen Kahn des Abendlandes lange verschonen wird. Wir werden mit Sicherheit überschwemmt werden, wenn nicht ein mächtiges Bauwerk aus der Halbinsel Europa eine uneinnehmbare Festung, eine Art Gibraltar der weissen Rasse des Abendlandes macht.

Aber man muss an solche Aufgaben mit einem gerechten und vernünftigen Geist herangehen. Man muss hier ohne Leidenschaft und auch ohne Heuchelei handeln. Wir müssen diesen Krieg und die Leiden, die er uns gebracht hat, vergessen. Wir müssen unsere Ansprüche, uns Sieger zu nennen, vergessen. Die Zukunft baut sich nicht aus Hass und Furcht, noch auf der Erniedrigung der Andern auf. Wir müssen uns an das neue Deutschland mit Aufrichtigkeit und als ehrliche Leute wenden. Unsere erste Aufgabe ist der Verzicht auf die Fälschung der Geschichte, die wir der Welt aufbinden möchten. Es ist nicht wahr, dass Deutschland für diesen Krieg verantwortlich ist: die Verantwortlichkeit der Kriegstreiber in England und in Frankreich ist zum mindesten ebenso schwer wie die Verantwortlichkeit Hitlers. Es ist nicht wahr, dass die nationalsozialistische Partei eine Vereinigung von Uebeltätern gewesen sei: sie war eine Partei von Kämpfern wie die andern Parteien von an der Macht befindlichen Kämpfern. Sie sah sich genötigt, zur Gewalt Zuflucht zu nehmen, um ihr Werk und ihre Wirksamkeit zu verteidigen, wie es in bewegten Verhältnissen alle Parteien machen, die sich für die Zukunft mit einer grossen Aufgabe betraut glauben. Es ist nicht wahr, dass die Deutschen «Ungeheuer» waren. Die Völker, die nicht gezögert haben, ihren Sieg mit dem Leben von 2.650.000 deutschen Zivilpersonen zu bezahlen, d. h. mit dem Leben von 2.650.000 deutschen Arbeitern, Greisen, Frauen und Kindern, haben nicht das Recht, ihnen diesen Vorwurf zu machen. Eine unehrliche Untersuchung und eine riesige

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Propaganda haben einige Zeit lang die Gewissen täuschen können. Aber der Tag wird kommen, wo selbst die Feinde Deutschlands ein Interesse haben, die Tatsachen wiederherzustellen. Das blinde Schicksal wird die Wahrheit bei der Hand nehmen und sie an den Tisch des Abendmahles setzen. Dann werden wir eingestehen, dass es uns nicht erlaubt war, aus gelegentlichen und meist persönlichen Fehlern eine Verurteilung des ganzen Regimes abzuleiten. Dass die Feinde Deutschlands in der Kriegführung ebenfalls Handlungen begangen haben, die man aus dem gleichen Grund verfolgen müsste wie die, die wir verurteilt haben. Und dass wir einer schändlichen Geschichtsfälschung die gemeinste und gefährlichste ideologische Lüge beigefügt haben.

Wir beginnen heute die Grösse unseres Fehlers einzusehen. Die ganze Welt wird verrückt vor dieser Leere, vor diesem klaffenden Loch in der Mitte Europas. Und wir sehen mit Schrecken, was wir selbst angerichtet haben, jetzt wo Europa schwankt wie der blinde Cyklop. Die ganze Welt kann diese ungeheuerliche Verstümmelung sehen: eine zweite Leere ist aber nicht weniger schwerwiegend. Ein zweiter Abgrund besteht, den wir dadurch geschaffen haben, dass wir die einzige revolutionäre Ordnung gewaltsam von der Erdoberfläche austilgten, die man dem Marxismus gegenüberstellen konnte. Die Welt der Ideen ist eine Welt, die ihre Gesetze und ihre Geographie hat. Es ist ebenso gefährlich, ein ganzes ideologisches Gebiet gewaltsam dem Erdboden gleichzumachen, wie ein Volk auszurotten. Wir haben plötzlich ein ideologisches Gleichgewicht umgestürzt, das die Zeit hergestellt hatte und das für die politische Gesundheit Europas nicht weniger notwendig war als das Bestehen Deutschlands für seine strategische Verteidigung notwendig ist.

Was wir zerstört und verurteilt haben, war, und das dürfen wir nicht vergessen, nicht nur für die Deutschen, sondern für Millionen Menschen im Abendland die einzige dauerhafte Lösung im Drama der neuzeitlichen Welt. Die einzige Art und Weise, der kapitalistischen Sklaverei zu entrinnen ohne die sowjetische Sklaverei anzunehmen. Was wir im Denken dieser Menschen zerstört haben, war nicht

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die rückschrittliche und militärische Gewaltherrschaft, um deren Blosstellung wir uns so eifrig bemühten. Sondern ein unermessliches Meisterstück von Befreiung der Arbeiter. Ihre rote Fahne, mit dem Zeichen ihres Vaterlandes versehen, war das Wahrzeichen der Revolution des Abendlandes. Wir sagen, dass sie Sklaven waren. Und sie hatten den Blick derjenigen, die mit Freude arbeiten. Der Blick der Arbeiter ist ein Zeugnis: wenn sie Stalingrad unter Gesang wieder aufbauen, lügen unsere antibolschewistischen Blätter. Ihr wisst genau, dass die deutschen Arbeiter vom Baltikum bis zum Brenner glücklich waren. Und nicht nur die deutschen Arbeiter: nein im ganzen Abendland war diese Revolution ein Signal und eine unermessliche Hoffnung. Sie war nicht überall verwirklicht. Sie war nicht überall gelungen. Aber in allen Ländern stellte sie eine Möglichkeit für die Zukunft dar, die die Möglichkeit des Abendlandes selbst war, die Verkündigung an die Arbeiter von einem frohen und starken Leben. Sie täuschten sich, haben wir gesagt, sie wurden getäuscht. Was wissen wir davon? Gewiss ist, dass sie heute im verödeten Abendland nirgendwo anders den revolutionären Inhalt finden, den die neuen nationalen Gedanken ihnen brachten. Dieser Kampf war für sie die Grösse, die Brüderlichkeit, das vergossene Blut, die Gerechtigkeit: ja, die Gerechtigkeit war in ihren Herzen, was unsere Gerichte darüber auch sagen mögen. Das dürfen wir nicht vergessen, wir, die wir zu ihnen sprechen. Diese Worte, die uns erbittern, diese riesenhaften Blöcke von Wille und Hoffnung, die wir wie ein Stück Kontinent in die Luft gesprengt haben, waren gestern noch für Millionen Menschen der ununterdrückbare Aufruf zum Adel, zum Opfer. Sie stellten diese endlich gefundene Gerechtigkeit dar, für die zu sterben sich lohnt. Wir haben für die Herzen eine Wüste geschaffen. Unserer Politik in Europa ist es gelungen, aus der revolutionären Begeisterung eine sowjetische Ausschliesslichkeit zu machen. Nach zehn Jahren unserer Tränke wird die ganze Jugend der Welt unter der roten Fahne eingereiht sein: um gegen die Ungerechtigkeit zu protestieren, haben wir ihr nur diese gelassen.

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Kommen wir also auf die Gerechtigkeit und Aufrichtigkeit zurück. Wie viele Erfahrungen werden wir machen müssen, um zu erkennen, dass die gerechten Verträge allein die dauerhaften Verträge sind. Dass der gerechte und aufrichtige Friede der alleinige Friede ist. 1918 haben unsere Staatsmänner gelehrtenhaft die Geographie umgestürzt. Und sie waren erstaunt, daraus einen Krieg entstehen zu sehen. Heute geben sich dieselben Schulfüchse alle schlechte Mühe, um das ideologische Gleichgewicht Europas zu zerstören: werden sie verstehen, dass dieser Anschlag nicht weniger schwerwiegend ist und dass der Krieg ebenso sicher daraus entstehen wird? Es ist unerlässlich, dass es in Europa eine dynamische Zone sozialer Gerechtigkeit gibt, die die Willen bindet, die der marxistischen Einverleibung widerstehen. Einzelne Männer haben heute verstanden, was für einen unermesslichen Fehler sie mit der Zerstörung der deutschen Armee und Industrie begangen hatten: sie sagen sich, dass die Halbinsel Europa eines Bollwerkes bedarf. Aber sie bedarf auch einer Seele. Das Abendland muss dem Zornschrei, den die Menschen unserer Zeit gegen die gesellschaftliche Ungerechtigkeit, gegen die Fäulnis, gegen die Lüge ausstossen, einen Widerhall geben. Dieser revolutionäre Wille, diese Freude an der auf dem Marsch befindlichen Revolution müssen von neuem in uns sein. Die gesellschaftliche Gerechtigkeit ist für das Abendland nicht weniger notwendig als Eisen und Stahl. Wenn wir den Arbeitern unserer Aecker und unserer Städte nichts anderes zu bieten haben als die gewöhnlichen demokratischen Lügen, wird kein Vernunftschluss der Welt sie hindern, mit Hoffnung nach dem Land zu blicken, das ihnen von der Befreiung und der Macht des Proletariats redet. Wir haben nicht das Recht, zu vergessen. Und es wäre verrückt zu vergessen, dass der Traum eines von der Nation stolz bejahten Sozialismus der Traum von Millionen von Menschen in Europa war. Die Wahrheiten sind wie die Vaterländer: man zermalmt sie nicht mit einem Stiefeltritt. Ob wir es wollen oder nicht, dieser Gedanke, der die grosse Hoffnung von gestern war, diese ganz nahe Kampfgemeinschaft ist heute die natürliche

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Grundlage einer abendländischen Gemeinschaft.

Zur Rettung des neuen Europa, zu unserer Rettung müssen sich daher unsere Willen gegen dieses ideologische Diktat von Nürnberg einigen, das für den Weltfrieden nicht weniger tödlich ist als das politische Diktat von Versailles. Wir müssen den Vaterländern ihre Krone und ihr Schwert wiedergeben. Wir müssen die einfachen und natürlichen Grundsätze der politischen Vernunft wiederherstellen und verkünden. Wir müssen den Fährleuten der Wolken in Erinnerung rufen, dass die Selbständigkeit der Gemeinwesen, und dass alles was damit unzertrennlich ist, das Versammlungsrecht und das Verbannungsrecht, das Vorrecht der Mannszucht im Staat, die unbeschränkte Pflicht des Gehorsams bei denen, die im Dienste des Herrschers stehen, die Balken sind, die tragen und die immer die Völker getragen haben. Wir müssen die feierliche Anerkennung dieser ersten Wahrheit verlangen, die die erste Steinschicht jeder Gewalt ist, dass wer dem Herrscher und den Erlassen des Herrschers gehorcht, nicht verfolgt werden darf, da es ohne das keinen Staat, keine Regierung gibt. Wir dürfen nicht Angst haben vor den starken Staaten. Und wir haben nicht das Recht, zu verlangen, dass der Bau dieser Staaten demokratisch sei in dem Sinne, wie man es in London oder in Washington versteht, wenn diese Staaten es vorziehen, unter anderen Gesetzen zu leben. Wenn die Einheit des Abendlandes nicht anders errichtet werden kann als um einen Block sozialistisch-autoritärer Staaten herum: ist diese Lösung nicht besser als der Krieg oder die Besetzung?

Denn darum handelt es sich endgültig. Im gegenwärtigen Europa sind solche Staaten die einzige Gewähr des Friedens. Sicherlich hängen in diesem Augenblick Friede und Krieg nicht von den europäischen Staaten ab: aber sie können der Anlass zum Krieg werden. Und was man von ihnen verlangen kann, ist, diesen Anlass nicht zu geben. Nun ist aber nur einem Westblock gegenüber die kommunistische Aufwiegelung unmöglich, wie es die demokratische Aufwiegelung in der USSR ist, und wäre der Kommunismus unmöglich, weil der Nationalsozialismus verwirklicht

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sein würde. Nur vor einem solchen Block kann der Krieg zum Stillstand kommen. Wir bedürfen eines eisernen Vorhanges um das Abendland. Denn die Kriegsgefahr liegt nicht im Vorhandensein von mächtigen und verschiedenpoligen Staaten, wie den Vereinigten Staaten und Russland. Sie besteht im Gegenteil im Vorhandensein von schwachen Zonen, die dem Wettstreit dieser beiden Grossmächte offen stehen. Oder, mit anderen Worten, die Kriegsgefahr wächst mit den Möglichkeiten zur Einmischung. Der Krieg wird von den Vertretern des Auslandes, die unter uns arbeiten, hervorgerufen. Wenn umgekehrt ein Westblock sich bilden könnte, der aus sich selbst lebt und dem amerikanischen Einfluss ebenso streng verschlossen ist, wie dem kommunistischen, dann würde dieser neutrale Block, diese undurchdringliche Festung eine Kraft des Friedens und vielleicht der Verbindung sein. Wenn Westeuropa eine abschüssige Insel werden könnte, die unter ihren eigenen Gesetzen leben würde und wo weder der demokratische Geist amerikanischer Einfuhr noch der Kommunismus sowjetischer Einfuhr landen könnten. Wenn diese Insel den Ruf hätte, unersteiglich und tödlich zu sein. Wenn sie stark würde: wer hätte ein Interesse, sie anzugreifen? Schliesslich hat Westeuropa kein grundlegendes strategisches Interesse (andere Zonen haben viel mehr ein solches). Es ist vor allem von politischem Interesse für die Kriegführenden. Es ist für den Augenblick ein Niemandsland, das dem Schlaueren oder dem Schnelleren gehören wird. Wenn wir diesen Wettstreit zum Verschwinden bringen. Wenn wir dazu gelangen, uns dieser oft interessierten Begriffe zu entledigen, die die Bomben anziehen wie der Magnet das Eisen: sind das für uns und für die ganze Welt nicht die besten Bedingungen für den Frieden?

Wenn Amerika morgen Krieg machen will, bedeuten diese Ueberlegungen nichts: aber dann hat sich Amerika eigentümliche Kriegsbedingungen geschaffen. Wenn es uns aber erlaubt ist, mit der Zeit zu rechnen, in was sind diese Aussichten ungereimter als andere? Diese Insellage des Abendlandes beruht gesamthaft auf einer grundlegenden Voraus-

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setzung. Die Amerikaner müssten einsichtig genug sein, um zu verstehen, dass es in ihrem Interesse ist, Westeuropa zu bewaffnen, ohne von ihm im Austausch irgendeine demokratische Untertänigkeit zu verlangen. Es ist viel, ihnen zu sagen: gebt uns Flugzeuge und Tanks, doch regt Euch nicht auf, wenn wir die Vertreter Amerikas ebensogut wie die Vertreter Moskaus vor die Türe stellen. Werden sie verstehen, dass sie aus dem gleichen Grund wie die Russen ein Interesse haben an der Bildung eines Westeuropa, das zugleich antidemokratisch und antibolschewistisch, stark und eifersüchtig auf seine Unabhängigkeit ist? Werden sie verstehen, dass es ein grosses Sinnbild von Klugheit und der Beginn einer grossen Friedenshoffnung wäre, wenn man gleicherweise diejenigen ausschliessen würde, die, nachdem sie die Agenten Englands gewesen sind, heute die amerikanischen Unterstützungen erbetteln, und diejenigen, die ihre Befehle und ihre Unterstützungen von der Kominform erhalten?

Wenn die Amerikaner das Uebel auslöschen wollen, das sie geschaffen haben, dann mögen sie es in den Seelen auslöschen, wie sie es heute in den Städten wiedergutzumachen suchen. Wenn sie wollen, dass das Abendland stark sei, dann muss es das Abendland sein und nicht die Verlängerung Amerikas. Nur unter dieser Bedingung wird es eine politische Wirklichkeit werden. Denn das amerikanische Vorwerk in Europa kann nur ein schlecht verteidigter und im Kriegsfall rasch geräumter Boden sein. Aber das Reich des Abendlandes kann bestehen und sich verteidigen oder wenigstens seine Neutralität durchsetzen.

Man beginnt diese Dinge zu verstehen. Aber man versteht sie schlecht. Frau Roosevelt wendet sich mit Beredsamkeit an die deutschen Frauen, um sie wissen zu lassen, dass sie ihren Mut bewundert. Das sind gute Mitleidsbezeugungen, wenn man an die von ihrem verstorbenen Gemahl befohlenen Bombardierungen denkt. Diese späte Ehrerweisung unterrichtet uns indessen genügend über den Irrtum der amerikanischen Politik: «Ich schlage tot, dann bewaffne ich. Ich verurteile, dann richte ich auf». Blonde Deutsche, liebt Ihr

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nicht heiss die Bank Lazard? Beisst in die Erde mit Euren blutenden Mündern, indem Ihr die beiden Namen von Oppenheim und Kohn aussprecht. Aber glaubt Ihr, dass die Freiwilligen zahlreich sein werden, um hinter General de Gaulle eine neue antibolschewistische Legion, oder hinter Marschall Montgomery die letzte SS-Brigade zu bilden?

Die Russen sind weniger einfältig. Sie haben sich ihrer gefährlichen Konkurrenten entledigt. Sie drängen uns durch die Vermittlung der kommunistischen Parteien eine unerbittliche Verdammung der verfluchten Lehren auf. Gleichzeitig rufen sie die deutschen Generäle zu sich, um sich von ihnen eine nationale Armee aufbauen zu lassen. Und sie stellen Herrn Wilhelm Pieck auf eine Rednertribüne und lassen ihn dem deutschen Volk die Entstehung einer «zugleich nationalen und sozialistischen» neuen Partei verkünden. Nicht ich habe die Worte in diese Ordnung gestellt: die kommunistische Propaganda hat diese Fassung gefunden.

An uns ist es zu wissen ob wir den Kommunismus mit seinen eigenen Waffen schlagen werden oder ob wir immer einen Krieg und eine Idee im Rückstand sein werden. Ich habe keine Meinung über den dritten Weltkrieg: er hängt übrigens nicht von uns ab. Aber ich glaube an einen kalten Krieg um die Ueberwachung des Abendlandes. Der Sieger dieser Schlacht wird wie früher derjenige sein, den die Franken aus Germanien auf ihre Schilder erheben.

Was uns anbetrifft, ist auch unsere Vorstellungskraft immer glänzend. Unsere Wochenschriften stellen Untersuchungen an, um uns zu fragen, was wir tun werden, wenn wir von den Russen besetzt werden. Wir sind schöne Optimisten. Wir haben noch nicht gesehen, dass wir im Gang der Dinge ebenso ernsthafte Aussichten haben, von Truppen besetzt zu werden, die wir schon kennen. Blicken wir der Zukunft, die unser wartet, ins Auge. Wir können alles retten, wenn wir das Abendland schaffen. Wir sind nichts mehr, wenn sich gegen uns eine kommunistische Führung des Abendlandes bildet. Unser Geschick spielt sich zur Zeit in Deutschland ab. Wir müssen wählen, die SS mit uns oder bei uns zu haben!

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Für diese elektronische Auflage wurden die folgenden Korrekturen vorgenommen :

S. 4 : hasserfülten — hasserfüllten
S. 5 : Superieur — Supérieure
S. 80 : Urkraine — Ukraine
S. 122 : Ukraier — Ukrainer
S. 127 : Geisseln — Geiseln
S. 142 : Displeaced — Displaced
S. 146 : ihre Tisches — ihres
S. 148 : abhälst — abhältst


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