Das Rudolf Gutachten auf http://www.vho.org/D/rga/rga.html
3.3. Sachentlausungsanlagen
Für die Sachentlausungsanlagen ist aus der
Kriegs- und Vorkriegszeit eine Fülle von Veröffentlichungen zugänglich[166,188-193,213,214,215,216], auf die verwiesen
wird. Daneben gibt es aus damaliger Zeit Richtlinien zur Begasung von Gütern und Räumen,
die die Vorgänge bis ins Detail be- und vorschreiben[217,218]. Diese unterscheiden sich im wesentlichen nicht von den heutigen
Vorschriften[219]. Auf dieser Grundlage soll die Technik und
Verfahrensweise hier nur kurz erläutert werden.
Anfänglich wurden für die Sachentlausung einfache Räume (10 bis 30 m2 Grundfläche)
provisorisch umgebaut, indem man Fenster und Türen möglichst gasdicht machte, für eine
gute Heizung des Raumes sorgte sowie eine Lüftungsmöglichkeit vorsah. Das Zyklon B wurde
von Arbeitern mit Schutzmaske gleichmäßig am Boden des mit dem Entlausungsgut versehenen
Raumes verteilt. Diese Prozedur ähnelte den damals üblichen Begasungen normaler Räume
zur Ungezieferbekämpfung. Noch heute sind im Stammlager Auschwitz I solche umgebauten
Räume zu sehen. Das Betreiben provisorisch abgedichteter Räume zur Begasung ist nicht
ohne jedes Risiko, zumal das Abdichten nur selten vollkommen gelingt.
Zur Verdeutlichung der Problematik undichter, mit Blausäure begaster Räumlichkeiten
seien neben dem bereits angeführten Befehl des Lagerkommandanten Höß zur Vermeidung von
Vergiftungsunfällen bei Entlausungen[38] zwei Fälle aus der
Literatur zitiert:
»Fallbeispiel
. J. M., 21jährige Tapeziererin. Die Frau arbeitete im Keller des Hauses, in
dem gerade im 2. Stock eine Wohnung wegen Ungeziefer mit Cyangas desinfiziert wurde, wobei
durch ungenügenden Abschluß Gas in den Korridor drang, dort den Desinfektor vergiftete,
und dann durch einen Schacht auch in den Keller gelangte. Frau M. spürte bei der Arbeit
plötzlich ein auffallendes Kratzen im Hals und bekam Kopfweh und Schwindel. Zwei
Mitarbeiterinnen bemerkten ebenfalls die gleichen Erscheinungen und verließen deshalb mit
ihr den Keller. Nach einer halben Stunde kehrte sie wieder in den Keller zurück und
stürzte jetzt plötzlich bewußtlos zusammen. Wird zusammen mit dem bewußtlosen
Desinfektor in das Spital eingeliefert. Die Patientin erwacht schon im Lift des Spitals,
fühlt sich wieder vollkommen wohl und zeigt bei der Untersuchung keine
Vergiftungserscheinungen mehr. Der Desinfektor dagegen stirbt im Moment der
Einlieferung.«[178]
»Das ging gründlich daneben. Drei vergiftete Ortsbewohner und eine Reihe
überlebender Holzwürmer waren das Fazit einer gründlich verpatzten Aktion gegen die
Schädlinge in einer Kirche im kroatischen Urlaubsort Lovran bei Rijeka. Wegen der
unsachgemäßen Arbeit der Kammerjäger mußten mehrere hundert Einwohner des Ortes
sicherheitshalber evakuiert werden.
Die Kammerjäger wollten in der Nacht mit hochgiftigem Gas gegen die Holzwürmer in der
Kirche des Heiligen Juraj in Lovran vorgehen. Da sie das Gebäude jedoch nicht fachgerecht
versiegelt hatten, entwich das Gas in die umliegenden Häuser, in denen die Menschen
bereits schliefen. "Wegen der plötzlich einsetzenden Übelkeit sind die Menschen zum
Glück gleich aufgewacht, das hat sie vor dem sicheren Tod gerettet", schrieb die
Zeitung "Vecernji List". Dennoch erlitten drei Bewohner schwere Vergiftungen.
Der Bürgermeister entschloß sich zur Evakuierung des Ortskerns. Die Kammerjäger wurden
festgenommen. Die Holzwürmer überlebten. dpa«[220]
Eine Reiher weiterer
Bespiele wurde von K. Naumann beschrieben[221].
Später ging man zum Bau spezieller fensterloser, gasdichter Anlagen über, die mit
leistungsfähigen Heizungen und Lüftungssystemen, später auch mit Umluftsystemen (sog.
»Kreislaufverfahren«) zur schnelleren Verteilung des Gases im Raum versehen waren. Hier
wurden zunehmend die Zyklon B-Dosen durch einen von außen bedienbaren Mechanismus
geöffnet, so daß sich die Arbeiter keinerlei Gefahren mehr aussetzten. Dabei fiel beim
automatischen Aufschneiden des Dosenbodens das Präparat in einen Korb, über den ein
Heißluftstrom, vergleichbar einem Fön, geleitet wurde. Diese Anlagen mit der sogenannten
Kreislaufeinrichtung hatten ein relativ kleines Volumen von wenigen m3 zur
Vermeidung von nicht für das Entlausungsgut benötigtem Totraum, also zur Einsparung des
recht teuren Schädlingsbekämpfungsmittels.
Die Anwendungskonzentrationen können je nach Ungezieferart und äußeren Bedingungen
recht unterschiedlich sein und lagen zumeist im Bereich zwischen 5 bis 30 g Blausäure pro
m3 Luft. Die Anwendungszeit variierte ebensostark von unter 2 Stunden bis zu 10
Stunden und mehr. Bei den moderneren Anlagen mit Heizung (größer als 25°C) und
Kreislauf-/Umlufteinrichtung konnten mit Konzentrationen von 20 g pro m3 schon
nach 1 bis 2 Stunden gute Erfolge verbucht werden.
Die längere Begasungsdauer bei Insekten und deren Eiern gegenüber Warmblütern liegt zum
einen an deren größerer Resistenz gegen das Giftgas, zum großen Teil aber auch daran,
daß das Gas bis in den engsten Winkel und letzten Kleidersaum des Begasungsgutes in
tödlicher Konzentration eindringen muß, um z.B. auch jede versteckte Laus zu töten.
Warmblüter sind dagegen nicht nur aufgrund ihrer Größe, sondern vor allem wegen ihrer
Lungenatmung recht rasch den großen Konzentrationen des Gases ausgesetzt.
Wie im Abschnitt 1.4. angesprochen, findet sich in dem auf den
Plänen als 'Gaskammer' (!) deklarierten Raum des Bauwerks 5b im Lager Birkenau keinerlei
Ausrüstung mehr. Der Raum hat eine Grundfläche von ungefähr 130 m2, er ist
bis zum Dachstuhl offen, hat somit einen Rauminhalt von mindestens 400 m3,
wobei der gesamte Bereich ab 2 m Höhe als nicht nutzbarer Totraum angesehen werden muß.
Eine Nutzung des gesamten Raumes als Entlausungskammer setzt den Einsatz einer Zyklon
B-Menge mit mindestens 4 bis 5 kg (10 g pro m3) Blausäure-Gehalt voraus, egal
ob der Raum nur mit wenigen Gütern beladen wird oder ob er im zugänglichen Bereich
gefüllt wird. Damit sind z.B. bei je 100 Begasungszyklen jährlich (alle 3 bis 4 Tage
einer) allein durch diese Anlage und durch das Bauwerk 5a rund 0,8 Tonnen Zyklon B verbraucht
worden entsprechend 10 % der gesamten Zyklon B-Lieferungen an das Lager Auschwitz im Jahre
1942, bei einer Gesamtlieferung von 7,5 Tonnen[222]. (Die Massenangaben
beziehen sich immer auf den HCN-Nettogehalt des Präparates.)
Zieht man in Betracht, daß es in Birkenau neben diesen Gebäuden weitere
Blausäure-Entlausungsanlagen verschiedener Größen gab[35],
die Lieferungen an das Lager Birkenau auch die angegliederten Arbeitslager versorgten,
weit über 30 an der Zahl, sowie daß ab und zu Häftlingsbaracken mit diesem Insektizid
begast wurden[38] (pro Baracke, ungefähr 40×12×3,5 m > 1500
m3, 15 kg Zyklon B, bei 100 Baracken im Lager Birkenau schon ein Bedarf von 1,5
Tonnen), erkennt man, daß die an das Lager Auschwitz gelieferten Zyklon B-Mengen
tatsächlich mit normalen Entlausungsaktionen erklärt werden können.
Nach einer Aussage des ehemaligen Häftlings C.S. Brendel wurden die
Baracken häufig mit Lysoform (2 bis 3%igen Formaldehydkaliseifenlösung) desinfiziert[223]. Da Lysoform nicht insektentötend ist, kann diese Aussage nicht
stimmen. Nach Pressac soll diese »präparierte« Aussage als Beweis dienen, daß die
Zyklon B-Lieferungen an das Lager überwiegend für Menschenvergasungen eingesetzt wurden.
Dies ist nach Pressacs Meinung unhaltbar[224]. Offensichtlich war die
jährliche Liefermenge sogar zu gering, um mit ihr eine gänzliche Entlausung aller Güter
und Gebäude in allen Lagern des Komplexes Auschwitz durchzuführen, da die Typhus-Seuchen
nie ganz unterbunden werden konnten. Daraus ergibt sich auch, daß die bei der Simulation der Entlausungskammern auf gemachte Annahme des
oberen Grenzfalles der täglich Benutzungshäufigkeit bezüglich der Bauwerk 5a und 5b
viel zu hoch ist. Die dort angenommene dreifache Benutzung täglich entspräche allein
für die Bauwerke 5a und 5b einer Bedarfsmenge an Zyklon B von insgesamt 24 bis 30 kg
täglich oder ca. 9 bis 11 Tonnen jährlich, also ungefähr der gesamten Liefermenge an
das Lager. Eine maximal einmalige tägliche Benutzung dieser Entlausungsanlagen erscheint
daher realistisch.
Anmerkungen
G. Peters, »Gefahrlose Anwendung der hochgiftigen Blausäure in
Entlausungskammern«, Arbeitsschutz, 1942, 5 (III), S. 167 f.
F. Puntigam, »Raumlösungen von Entlausungsanlagen«, Gesundheitsingenieur,
Juni 1944, 67 (6), S. 139-180.
E. Wüstinger, »Vermehrter Einsatz von Blausäure-Entlausungskammern«, Gesundheitsingenieur,
Juli 1944, 67 (7), S. 179.
Eine Zusammenfassung zum Thema neueren Datums ist erschienen von F.P. Berg, »The
German Delousing Chambers«, J. Hist. Rev., Spring 1986, 7 (1), S. 73-94.
Entseuchungs- und Entwesungsvorschrift für die Wehrmacht, H. Dv. 194, M. Dv.
Nr. 277, L. Dv. 416, Reichsdruckerei, Berlin 1939.
Richtlinien für die Anwendung von Blausäure (Zyklon) zur Ungeziefervertilgung
(Entwesung), Gesundheitsanstalt des Protektorats Böhmen und Mähren, Prag o.J.;
Dokument No. NI-9912 (1) im Nürnberger Prozeß.
Technische Regeln für Gefahrstoffe, TRGS 512, Begasungen, BArbBl. Nr.
10/1989, S. 72, in: Kühn, Brett, Merkblätter Gefährlicher Arbeitsstoffe, ecomed,
Landsberg 1990.
dpa, »Dilettantische Kammerjäger«, Kreiszeitung, Böblinger Bote,
16.11.1995, S. 7. Trotz Recherchen war bisher nicht zu eruieren, um welches Giftgas sich
es dabei handelte. Da Blausäure aber mit das giftigste und sich am schnellsten
ausbreitende Gas ist, das bei Entwesungen zur Anwendung kommt, wäre der berichtete
Schaden, selbst wenn es in diesem Fall nicht Blausäure war, mit Blausäure wahrscheinlich
mindestens genauso groß gewesen.
K. Naumann, »Die Blausäurevergiftung bei der Schädlingsbekämpfung«, Zeitschrift
für hygienische Zoologie und Schädlingsbekämpfung, 1941, S. 36-45
Office of Chief of Counsel for War Crimes, Britisches Militärgericht, Verfahren
gegen B. Tesch et al., hier eidesstattliche Erklärung von A. Zaun, Hamburg 24.10.1945,
Document No. NI-11 396; zitiert nach U. Walendy, Auschwitz im IG-Farben-Prozeß,
Verlag für Volkstum und Zeitgeschichtsforschung, Vlotho 1981, S. 62.
Office of Chief of Counsel for War Crimes, hier Vernehmung von C.S. Brendel, Hamburg
2.3.1946, Document No. NI-11 953; zitiert nach U. Walendy, aaO. (Anm. 222),
S. 57.
J.-C. Pressac, Auschwitz: Technique
aaO. (Anm. 28),
S. 471f.
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