Die Erstausgabe des Rudolf Gutachtens auf vho.org/D/rga1
Vgl. auch die revidierte Fassung dieses Abschnittes, Stand Frühjahr 1999

3. Verfahrensweise der HCN-Begasungen
3.1. Toxikologische Wirkung von HCN
Der biochemische Wirkungsmechanismus von Blausäure beruht auf der reversiblen Anlagerung des Cyanids an das Fe3+ des Atmungsenzyms Cytochromoxidase in den Zellen des Körpers. Dadurch wird die Sauerstoffzufuhr der Zelle unterbrochen, wodurch die für die Zelle lebenswichtigen Oxidationsprozesse unterbunden werden. Der Mensch erstickt quasi durch die Erstickung der lebenswichtigen Zellfunktionen.
Die Aufnahme von Cyanid kann sowohl oral, durch Atmung als auch durch die Haut in tödlichen Dosen erfolgen. [!!!-->] Während orale Vergiftungen mit hohen Konzentrationen (z.B. durch Zyankali, KCN) durch Erstickungskrämpfe der Muskulatur sehr schmerzhaft sind, fällt das das Opfer bei Inhalation hoher Blausäurekonzentrationen schneller in Ohnmacht. Dies is der Grund für die Anwendung der schmerzlosen Blausäuregas-Exekutionen in einigen Staaten der USA. Tödlich gilt allgemein eine Dosis von 1 mg CN- pro kg Körpergewicht. Nicht tödliche Mengen an Cyanid werden im Körper durch Bindung an Schwefel (zum Rhodanid) rasch unschädlich gemacht und ausgeschieden. Als Leichenbefund gilt allgemein u.a. die hellrote Färbung des Blutes wie der Totenflecken, bedingt durch die Sauerstoffübersättigung des Blutes, das den Sauerstoff nicht mehr an die Zellen abgeben kann[146-149]. Bezeugungen von qualvollen Todeskämpfen bei rasch verlaufenden Hinrichtungen und blau angelaufenen Opfern können somit nicht der Wirklichkeit entsprechen.
Die Aufnahme über die Haut wird besonders gefördert, wenn die Haut z.B. durch Arbeit feucht geschwitzt ist. Allgemein rät man, bei Umgang mit Blausäure darauf zu achten, daß man nicht schwitzt. Hier werden Konzentrationen ab 6000 ppm (0,6 Vol.%) gesundheitsschädlich, bei 10000 ppm (1 Vol.%) kann nach wenigen Minuten ernste Lebensgefahr bestehen[150]. (ppm steht für englisch 'parts per million', Teilezahl pro Million Bezugsteile; hier entspricht ein ppm HCN 1 ml HCN pro m3 (1000000 ml) Luft.)

Die Wirkungen verschiedener Blausäurekonzentrationen in der Luft werden in der Literatur wie folgt beschrieben[80]:

2 bis 5 ppm

merklicher Geruch

10 ppm

maximal zulässige Arbeitsplatzkonzentration (MAK)

20 bis 40 ppm

leichte Symptome nach einigen Stunden

45 bis 54 ppm

tolerierbar für ½ bis 1 Stunde ohne signifikante unmittelbare oder verzögerte Effekte

100 bis 200 ppm

tödlich innerhalb ½ bis 1 Stunde

300 ppm

schnell tödlich

Anmerkungen

  1. W. Wirth, C. Gloxhuber, Toxikologie, Georg Thieme Verlag, Stuttgart 1985, S. 159f.
  2. W. Forth, D. Henschler, W. Rummel, Allgemeine und spezielle Pharmakologie und Toxikologie, Wissenschaftsverlag, Mannheim 1987, S. 751f.
  3. S. Moeschlin, Klinik und Therapie der Vergiftung, Georg Thieme Verlag, Stuttgart 1986, S. 300.
  4. H.-H. Wellhöner, Allgemeine und systematische Pharmakologie und Toxikologie, Springer Verlag, Berlin 1988, S. 445f.
  5. F. Flury, F. Zernik, Schädliche Gase, Dämpfe, Nebel, Rauch- und Staubarten, Berlin 1931, S. 405.
  6. F. A. Leuchter, Boston, FAX an H. Herrmann vom 20.4.1992 sowie mündliche Mitteilung von Herrn Leuchter.


Nächstes Kapitel

Vorheriges Kapitel

Zurück zum Inhaltsverzeichnis