Die Erstausgabe des Rudolf Gutachtens auf vho.org/D/rga1
Vgl. auch die revidierte Fassung dieses Abschnittes, Stand Frühjahr 1999
3.2. Verdampfungscharakteristik
von Zyklon B
Blausäure in flüssiger Form ist nicht sehr langzeitresistent und wegen ihrer schlechten
Handhabbarkeit sehr gefährlich. Schon am Ende des 1. Weltkrieges brachte man die
Blausäure in leichter zu handhabenderer und sichererer Form auf den Markt: Man tränkte
poröse Materialien mit Blausäure unter Zusatz eines Stabilisators und eines Reizstoffes,
der die Menschen schon bei geringen Konzentrationen vor dem nur schwach riechenden Giftgas
warnt, und verpackte dieses Produkt sicher in Blechbüchsen, die nur mit einem speziellen
Werkzeug geöffnet werden konnten. Das von der in Frankfurt ansässigen Firma DEGESCH
produzierte und lizensierte Präparat »Zyklon B« stellte diese leicht handhabbare Form
der Blausäure dar. Es spielte bis zum Ende des 2. Weltkrieges eine außerordentlich
wichtige Rolle bei der Bekämpfung von Insekten und Nagern[152-154] in Lebensmittellagern,
Großraumtransportmitteln (Züge, Schiffe), öffentlichen Gebäuden, Kasernen,
Kriegsgefangenenlagern, Konzentrationslagern[155-157] und natürlich allgemein bei der Hygiene und Seuchenbekämpfung[140,158-161] in vielen Ländern der Erde. Freilich gab es neben Zyklon B noch
etliche andere gasförmige Rottizide[162,163]. Auch
nach dem Kriege spielte Zyklon B noch eine Zeit lang eine bedeutende Rolle, bevor es vom
DDT und dessen Nachfolgern verdrängt wurde[164,165].
[!!!-->] Zyklon B konnte damals in drei
Formen bezogen werden: Pappscheiben aus
porösem Fasermaterial, ähnlich Bierdeckeln mit Lochung in der Mitte, einem
körnigen Trägermaterial aus Gips (Erco) und Kieselgur
in gekörnter Form, Korndurchmesser kleiner als 1 cm (Diagrieß). Heute ist
das Erco-Produkt nicht mehr erhältlich; der Produktname wurde in »Cyanosil®«
umgeändert. Das angeblich zur Menschenvergasung verwendete Zyklon B bestand aus
dem Diagriße-Produkt, 5 bis 10 mm großen, mit Blausäure getränkten
Klümpchen aus Diatomeenerde (Kieselgur), wobei ungefähr 60% der Masse des Produktes auf die Trägermasse
entfällt[166,167]. Die Verdunstung des
Giftgases vom Träger erfolgt recht langsam. Dies war durchaus erwünscht, da bei Raumbegasungen das Personal, mit
Gasmasken ausgestattet, das Präparat in den Räumen verteilen mußte. Da ein Schutzfilter
ab einer bestimmten Konzentration unsicher wird (siehe Abschnitt
3.4.2.3., S. 73) und auch eine Vergiftung durch die Haut erfolgen kann, ist die langsame
Freisetzung des Gases Voraussetzung für den sicheren Rückzug des Personals nach
Auslegung des Präparates.
Grafik 12: Verdampfungsgeschwindigkeit von Blausäure vom Trägermaterial nach US-Army Chmical Corps[168]. |
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| Grafik 13: Verdampfungsgeschwindigkeit von Blausäure vom Trägermaterial bei mehr als 20°C und feiner Verteilung des Präparates, nach Detia Freyberg GmbH[167]. |
[!!!-->]Die Verdampfungscharakteristik der Blausäure von Trägermaterialien wird in
zwei Quellen angegeben [167, 168] Die
Information der zweiten, von den US-Army Chemical Corps stammenden, ist der
Grafik 12 zu entnehmen. Leider wird in der Quelle nichts
ausgesagt über die Art des Trägermaterials und die Anhäufung des Präparats bei der
Anwendung. Bei einer Raumtemperatur von etwa 26°C, der Siedetemperatur der Blausäure,
dauert danach der Vorgang bis zur Abdampfung von 80 bis 90% der Blausäure rund 9 Stunden.
Die andere Quelle stammt von der Detia Freyberg GmbH, einer
Nachfolgegesellschaft der DEGESCH, die bis Kriegsende der Hauptlieferant für
Blausäure-Produkte war[167]. Da die Gasfreisetzung von Temperatur und
Luftbewegung abhängig ist, gibt die Detia Freyberg GmbH nur eine Faustregel an.
Danach gibt der Träger bei einer Temperatur von mehr als 20'C und
gleichmäßiger Verteilung des Präparates innerhalb von 120 min 80 bis 90 % der
Blausäure ab, siehe Grafik 13.
Nach 48 Stunden sind im Träger keine oder nur vernachlässigbare
Blausäurereste nachzuweisen. Bei niedrigeren Temperaturen soll sich dieser
Vorgang entsprechend dem fallenden Dampfdruck von Blausäure verlangsamen.
Danach ist mit 50% Blausäure-Abgabe nach 40 bis 45 Minuten zu rechnen (120/3
min). G. Peters[153] gibt für eine 50%ige Freisetzung der Blausäure ½
Stunde an, bei einer Verteilung des Präparates von 0,5
bis 1 cm Schichtdicke. Damit liegt dies ungefähr in dem von der Detia Freyberg
GmbH genannten Zeitbereich. Für spätere Feststellungen ist es hier notwendig
festzuhalten, daß während der ersten fünf, wahrscheinlich sogar zehn Minuten
der Präparatauslegung bei einer Temperatur größer 20'C maximal 10% der
Blausäure den Trägerstoff verlassen haben.
Bei einer Erniedrigung der Temperatur vom Siedepunkt der Blausäure auf 0°C
würde sich die Verdampfungsdauer etwa verdreifachen (siehe Grafik 1, S. 38).
Nach einer Quelle aus der Kriegszeit wird die Abdampfung der Blausäure vom
Träger auch bei Minustemperaturen nur unerheblich verzögert[169]. Gegen Ende
der Verdampfung ist bei niedrigen Temperaturen mit einer zunehmenden
Verzögerung zu rechnen, da hier die Adsorptionskräfte des Trägers auf die
Blausäure stärker zum Tragen kommen.
Zwischen der amerikanischen und den beiden deutschen Quellen liegt also etwa
ein Faktor 4. Da die deutschen Entlausungsprozeduren in der Regel im Bereich einiger
weniger Stunden liegen (siehe weiter unten), ist der letzten Quelle eher zu trauen, zumal
hier auch die Verteilung des Präparates angegeben ist. Peters[153]
erwähnt außerdem, daß die Amerikaner fast ausschließlich Scheiben aus pappe
als Träger verwenden, die die Blausäure wesentlich langsamer abgeben als das
Diagrieß-Produkt.
Wird das Präparat nicht gleichmäßig verteilt, sondern gehäuft ausgelegt, so kommt es
naturgemäß zu einer Verzögerung der Abdampfung. Dabei sind zwei Effekte zu beachten:
Während das Volumen der zu verdampfenden Blausäure in einer Präparateanhäufung mit der
3. Potenz der Größe wächst, wächst die Oberfläche des Haufens, über die die
Verdampfung abläuft, nur quadratisch. Damit hat man mit einem zu der Anhäufung
proportionalen Wachstum der Verdampfungszeit zu rechnen. Weiterhin wird sich bei
größeren Anhäufungen durch den starken lokalen Wärmeentzug die Temperatur in und um
das Präparat verstärkt erniedrigen und damit die Verdampfung zusätzlich bremsen. Eine
leicht überproportionale Zeitdehnung mit der Größe der Anhäufung des Präparates ist
also gegeben.[<--!!!]
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