ERSTER TEIL

I. Die Deutung Jean-Claude Pressacs

In seinem Buch Die Krematorien von Auschwitz packt Jean-Claude Pressac die dem Begriff „Sonderbehandlung" innewohnende Problematik an, indem er seine dokumentarische Entstehung und Bedeutung wie folgt darlegt und in den geschichtlichen Zusammenhang einbettet:[16]

»Himmler hatte die scheußliche und verbrecherische Arbeit einfach auf Höß abgewälzt, der - wenngleich ein abgebrühter Kerkermeister - diese zweifelhafte „Ehre", die ihm da zuteil wurde, in keiner Weise schätzte. Um dieses „Programm" sowie die Ausweitung des Lagers zu finanzieren, wurden erhebliche Mittel bewilligt. Kurz vor dem Besuch des Reichsführers SS hatte Bischoff einen - am 15. Juli abgeschlossen - ausführlichen Bericht über die im Stammlager vorzunehmenden Arbeiten verfaßt, demzufolge sich die voraussichtlichen Kosten auf 2.000.000 RM belaufen würden. Himmlers Besuch warf das gesamte Konzept über den Haufen. Bischoff überarbeitete seinen Bericht entsprechend den Wünschen des Reichsführers, der die Dinge in großem, ja sogar sehr großem Maßstab sah. Die Kosten betrugen jetzt 20.000.000 RM, also zehnmal mehr, und diese Summe wurde am 17. September vom SS-WVHA bewilligt. [...].

Aufgrund dieses unerwarteten Geldsegens und weil Himmler der Ansicht war, daß das Auskleiden der Juden im Freien unordentlich wirkte, beantragte Bischoff in seinem zweiten Bericht den Bau von vier hölzernen Pferdestall-Baracken in der Nähe der beiden Bunker, die als Auskleideräume für die „Arbeitsunfähigen" dienen sollten. Jede Baracke kostete 15000 RM. Der Antrag war folgendermaßen formuliert: „4 Stück Baracken für Sonderbehandlung der Häftlinge in Birkenau". In diesem Zusammenhang tauchte Ende Juli 1942 das Wort „Sonderbehandlung" zum erstenmal auf. Doch die Personengruppe, auf die sich diese Bezeichnung bezog, und ihre Bedeutung war nur der SS von Berlin und Auschwitz genau bekannt. Außerdem benötigte man für die „Sonderbehandlung", auch Judenumsiedlung genannt, Zyklon B. Diese vereinbarten Ausdrücke standen für die Liquidierung der „arbeitsunfähigen" Juden durch Gas in Birkenau. Um die „Umsiedlung" der Juden zu vereinfachen, beantragte die SS von Auschwitz Lastwagen. Fünf Wagen, die für „Sonderaktionen" bestimmt waren, wurden ihnen am 14. September vom SS-WVHA Berlin bewilligt. So wurde der eigentliche Akt der Tötung als „Sonderbehandlung" oder „Umsiedlung" deklariert, während der gesamte Vorgang (Selektion, Transport der „Unbrauchbaren" und die Tötung durch Giftgas eingeschlossen) als „Sonderaktion" bezeichnet wurde, ein Ausdruck, der nicht spezifisch auf ein Verbrechen verwies, da er sich auch auf eine nicht verbrecherische Handlung hätte beziehen können. Die Lastwagen dienten tatsächlich dazu, die „arbeitsunfähigen" Juden von der ersten „Rampe" des Güterbahnhofs Auschwitz, wo die Selektion der „Arbeitsfähigen" und „Arbeitsunfähigen" stattfand, zu den Bunkern 1 und 2 zu bringen.«

Im folgenden wendet sich Pressac der Frage ein zweites Mal zu; er schreibt:[17]

»Vornehmlich in der Zeit vom 10. bis 18. Dezember legte die Bauleitung das voraussichtlich erforderliche Material (Zement, Kalk, Ziegelsteine, Eisen, nichteisenhaltige Metalle, Holz, Steine, Kies, usw.) für die gesamten laufenden und künftigen Bauvorhaben im KGL von Birkenau fest. Einundvierzig Baustellen gingen in die Bestandsaufnahme ein. Sie waren vollkommen verschiedener Natur, etwa Häftlingsbaracken mit den dazugehörigen sanitären Anlagen, Krankenstationen und Entlausungsanlagen, die vier Krematorien, Stacheldrahtumzäunungen und Wachtürme, Ausstattung des Lagers für die SS-Wachmannschaften, die Kommandantur, die Bäckerei, Wohnbaracken für die Zivilarbeiter, Straßen und Eisenbahnlinien für die Strecke zwischen Birkenau und dem Bahnhof Auschwitz. Alle Baustellen, selbst die Sauna für die SS-Truppe, wurden folgendermaßen katalogisiert:

Betriff: Kriegsgefangenenlager Auschwitz

(Durchführung der Sonderbehandlung)

Das stellte eine ungeheuerliche „verwaltungstechnische Fehlleistung" dar, die noch dazu einhundertundzwanzigmal wiederholt wurde und ganz klar bestätigt, daß das KGL Birkenau seit Ende November/Anfang Dezember kein Kriegsgefangenenlager mehr war, sondern in seiner Gesamtheit zu einem Ort geworden war, an dem „Sonderbehandlungen" vorgenommen wurden.«

Unter „Sonderbehandlung" versteht Pressac, wie wir gesehen haben, »die Liquidierung der „arbeitsunfähigen" Juden durch Gas in Birkenau.«

Analysieren wir nun die wesentlichen Punkte dieser Deutung.

II. Kritische Analyse der Deutung Jean-Claude Pressacs

1. Die Erläuterungsberichte Bischoffs

Die Rekonstruktion des geschichtlichen Zusammenhangs, in den Pressac die Entstehung der „Sonderbehandlung" einbettet, wird gleich schon zu Anfang durch eine schwerwiegende Fehldeutung entwertet.

Er nimmt an, Bischoff habe einen ersten Erläuterungsbericht über das Lager Auschwitz mit einem Kostenvoranschlag von 2 Millionen Reichsmark erstellt, den Himmler anläßlich seines am 17. und 18. Juli 1942 erfolgten Besuchs im Lager verworfen habe, weil der Chef der Zentralbauleitung »seinen Bericht entsprechend den Wünschen des Reichsführers« überarbeitet und den Kostenvoranschlag auf 20 Millionen Reichsmark erhöht habe.

In Wirklichkeit bezieht sich der erste Erläuterungsbericht Bischoffs auf die im ersten und zweiten Kriegswirtschaftsjahr durchgeführten Arbeiten.[18] Dies wird am Ende des Dokuments ganz unzweideutig festgehalten:[19]

»Der vorstehend beschriebene Ausbau des Konzentrationslagers wurde im 1. und 2. Kriegswirtschaftsjahr durchgeführt.«

Die bezüglich der Kriegswirtschaftsjahre geltenden Termine wurden so genau eingehalten, daß beispielsweise für das Krematorium des Stammlagers Auschwitz I nur der Einbau von zwei Öfen angegeben wurde, obschon der dritte Ofen bereits dreieinhalb Monate vor Erstellung des Berichts montiert worden war.[20]

Beim zweiten Bericht Bischoffs, der angeblich auf Anweisung Himmlers hin „korrigiert" worden sein soll, handelt es sich tatsächlich ganz einfach um den auf das dritte Kriegswirtschaftsjahr ausgedehnten Erläuterungsbericht, wie auch hier am Ende des Dokuments schwarz auf weiß geschrieben steht:[21]

»Bereits im 2. Kriegswirtschaftsjahr wurden eine Anzahl von Bauten durchgeführt, die anderen werden im 3. Kriegswirtschaftsjahr begonnen und unter größtmöglichem Einsatz der gesamten Bauleitung[22] und der ihr zur Verfügung stehenden Mittel vorangetrieben.«

Gerade weil hier das Bauprogramm des dritten Kriegswirtschaftsjahres mitberücksichtigt ist, wird - um das vorher erwähnte Beispiel wiederaufzugreifen - im Zusammenhang mit dem Krematorium des Stammlagers der Einbau des dritten Ofens erwähnt.[23] Daß Pressac diesen elementaren Unterschied nicht begriffen hat, mutet geradezu unglaublich an.

Wie unbegründet die Behauptung ist, wonach der neue Erläuterungsbericht als Ergebnis des Himmler-Besuchs vom 17. und 18. Juli entstanden sein soll, läßt sich daraus ersehen, daß das Programm in seinen Grundzügen schon im Juni 1941 vom Hauptamt Haushalt und Bauten gebilligt worden war, denn in einem von diesem Amt an den Lagerkommandanten gerichteten, mit 18. Juni 1941 datierenden Schreiben, das eine Liste der für das dritte Kriegswirtschaftsjahr (1. Oktober 1941 bis 30. September 1942) genehmigten Bauvorhaben enthält, werden bereits zwanzig solcher Vorhaben aufgezählt.[24] Die Verwirklichung der Bauvorhaben Konzentrationslager Auschwitz erfolgte auf der Grundlage dreier Kostenvoranschläge: Der erste, auf den 31. Oktober 1941 datierte, sah Ausgaben in Höhe von 2.026.000 RM vor; der zweite, dasselbe Datum aufweisende, nannte einen Kostenvoranschlag von 4.630.000 RM; im dritten, vom 31. März 1942 stammenden, wurde eine Summe von 18.700.000 RM genannt.[25] Pressac tut dem Text somit regelrecht Gewalt an, wenn er behauptet, der einschlägige Erläuterungsbericht sei »auf den 15. Juli 1942 vordatiert, da erst Ende Juli verfaßt und am 3. August 1942 nach Berlin übersandt«.[26]

Tatsächlich weist kein Dokument darauf hin, daß der betreffende Bericht Ende Juli abgefaßt worden wäre. Das einzige von Pressac in diesem Zusammenhang zitierte Dokument ist ein vom 3. August 1942 stammender Brief Bischoffs an das SS-Wirtschaftsverwaltungshauptamt (WVHA), in dem der Chef der Zentralbauleitung von Auschwitz dem Amt CV die Rahmenanträge[27] einschließlich des Erläuterungsberichts, den Kostenvoranschlag sowie den Bebauungsplan für die Bauvorhaben »Konzentrationslager Auschwitz«, »Landwirtschaftliche Betriebe« sowie »Bauhof Auschwitz« zustellte. Dies war vom Amt CV/1 des SS-WVHA in einem Brief vom 3. Juni 1942 angeordnet worden, auf den Bischoff in seinem einschlägigen Schreiben ausdrücklich Bezug nimmt.[28]

Daß der Erläuterungsbericht am 3. August an das SS-WVHA abging, beweist in keiner Hinsicht, daß er »Ende Juli abgefaßt« und »auf den 15. Juli 1942 vordatiert« worden war. Somit warf Himmlers Besuch gar nichts »über den Haufen«. Pressac hat hier einen kolossalen Bock geschossen.

2. Der Himmler-Besuch in Auschwitz

Im Rahmen seiner „geschichtlichen Rekonstruktion" konstruiert Pressac außerdem einen Zusammenhang zwischen den vier »Baracken für Sonderbehandlung« der Häftlinge in Birkenau und den sogenannten „Bunkern" 1 und 2, indem er die Entstehung der Baracken auf eine persönliche Intervention Himmlers bei Bischoff zurückführt; Himmler, so Pressac, habe nämlich gefunden, daß »das Auskleiden der Juden im Freien unordentlich wirkte«.

Darauf soll Bischoff die Bestellung solcher Baracken in seinen zweiten Bericht eingefügt haben, um Himmlers Wunsch zu erfüllen.

Diese Interpretation geht von der - unablässig wiederholten und niemals bewiesenen - Hypothese aus, Himmler habe bei seinem Auschwitz-Besuch vom 17. und 18. Juli 1942 einer Menschenvergasung bei einem der beiden Bunker beigewohnt. Diese Hypothese, die einzig und allein durch die in einem polnischen Kerker entstandene Beschreibung des Himmler-Besuchs von Rudolf Höß gestützt wird, ist von Danuta Czechs Kalendarium übernommen worden. Angesichts der großen Bedeutung dieser Frage gebe ich die Aussagen von Höß hier ungeachtet ihrer Länge vollständig wieder:[29]

»Die nächste Begegnung war im Sommer 1942, als Himmler zum zweiten und letzten Mal Auschwitz besuchte. Die Besichtigung dauerte zwei Tage, und Himmler sah sich alles gründlich an. Bei der Besichtigung waren u.a. Gauleiter Bracht, Obergruppenführer Schmauser, Dr. Kammler anwesend. Nach dem Eintreffen im Lager hatte ich erst im Führerheim an Hand von Karten den Stand des Lagers zu erläutern. Anschließend ging es zur Bauleitung, wo Kammler an Hand von Karten, Bauplänen und Modellen die beabsichtigten oder im Bau befindlichen Bauvorhaben erklärte, dabei aber nicht verschwieg, welche Schwierigkeiten der Ausführung entgegenständen, bzw. [daß] sie [sich] gar nicht durchführen ließen. Himmler hörte interessiert zu, erfragte einige technische Details, war mit der Gesamtplanung einverstanden, auf die von Kammler immer wieder vorgetragenen Schwierigkeiten ging er nicht ein. Hiernach Fahrt durchs ganze Interessen-Gebiet. Zuerst die landwirtschaftlichen Höfe und Meliorationsarbeiten, den Dammbau, die Laboratorien und die Pflanzenzucht in Raisko, die Viehzuchten und Baumschulen. Dann Birkenau, das Russenlager, den Zigeunerabschnitt, einen Judenabschnitt. Vom Eingangsturm aus ließ er sich die Lage-Einteilung und die im Bau befindlichen Be- und Entwässerungsanlagen erklären, ebenso die beabsichtigten Erweiterungen. Er sah die Häftlinge bei der Arbeit, besichtigte Unterkünfte und Küchen und Krankenreviere. Von mir wurde er dauernd auf alle Mißstände hingewiesen. Er sah sie auch. Sah die ausgemergelten Seuchenopfer - die Ärzte gaben rücksichtslos und eindeutig die Erklärung -, sah die Kindersterblichkeit Noma; Himmler sah weiter die - damals schon - überbelegten Baracken, sah die primitiven und nicht zureichenden Abort- und Waschanlagen. Er hörte von den Ärzten die hohen Kranken- und Todesziffern und vor allem deren Ursachen. Er ließ sich alles genauestens erklären, sah alles genau und richtig, kraß und wirklichkeitsgetreu - und schwieg dazu. Mich selbst fuhr er in Birkenau sehr heftig an, als ich gar nicht mehr aufhörte, die miserablen Zustände zu erklären: Ich will von Schwierigkeiten nichts mehr hören! Für einen SS-Führer gibt es keine Schwierigkeiten, seine Aufgabe ist stets, auftretende Schwierigkeiten selbst zu beseitigen! Über das Wie zerbrechen Sie sich den Kopf, nicht ich! Auch Kammler und Bischoff bekamen Ähnliches zu hören. - Nach der Besichtigung in Birkenau sah er sich den gesamten Vorgang der Vernichtung eines gerade eingetroffenen Juden-Transportes an. Auch bei der Aussonderung der Arbeitsfähigen sah er eine Weile zu, ohne etwas zu beanstanden. Zu dem Vernichtungsvorgang äußerte er sich in keiner Weise, er sah nur ganz stumm zu. Dabei beobachtete er mehrere Male unauffällig die bei dem Vorgang beteiligten Führer und Unterführer und mich.

Weiter ging die Besichtigung zum Buna-Werk; er sah sich die Bauten genauso gründlich an wie die Häftlinge und die Arbeiten, die sie verrichteten. Sah und hörte deren Gesundheitszustand. Kammler bekam zu hören: Sie klagen über Schwierigkeiten, sehen Sie sich das an, was die IG Farben-Industrie in einem Jahr geschaffen hat unter denselben Schwierigkeiten! Über welche Kontingente und Möglichkeiten, über [welche] Tausende von Fachkräften die IG verfügte - es waren ca. 30.000 zu der Zeit - sagte er nichts. Himmler frug nach den Arbeitsleistungen der Häftlinge, hörte von seiten der IG Ausweichendes. Darauf sagte er mir, daß ich auf alle Fälle die Leistungen zu steigern hätte! Wie, war wiederum meine Sache, obwohl er kurz zuvor vom Gauleiter und von der IG gehört hatte, daß in Kürze mit erheblichen Kürzungen der Rationen für alle Gefangenen zu rechnen sei und er auch den Allgemeinzustand der Häftlinge sah. Vom Buna-Werk ging es zur Faulgas-Anlage, wo es aus wirklich nicht zu behebenden Materialschwierigkeiten nicht vorwärtsging.

Es war einer der wundesten Punkte von Auschwitz von Allgemein-Interesse: Die Abwässer vom Stammlager wurden, ohne nennenswerte Reinigung, unmittelbar in die Sola geleitet. Durch die fortgesetzt im Lager wütenden Seuchen war die Bevölkerung der Seuchengefahr dauernd ausgesetzt. Der Gauleiter schilderte sehr eindeutig diesen Zustand und bat in nicht mißzuverstehender Weise um Abhilfe. Kammler wird sich mit aller Energie dafür einsetzen, war Himmlers Antwort. Die darauf besichtigten Kok-saghyz-Pflanzungen (Naturkautschuk) interessierten ihn viel mehr.

Stets war es Himmler interessanter und angenehmer, Positives zu hören als Negatives. Glücklich zu schätzen und beneidenswert der SS-Führer, der nur Positives zu melden hatte oder es geschickt verstand, Negatives als Positives darzustellen!

Am Abend des ersten Besichtigungstages fand ein gemeinsames Essen mit den Gästen und allen Führern des Standortes Auschwitz statt. Himmler ließ sich vorher alle vorstellen, einige ihn Interessierende sprach er näher über Familienverhältnisse und dienstliche Verwendung an. Ich nahm die Gelegenheit wahr und schilderte ihm meine Personal-Nöte, die Unfähigkeit und Unmöglichkeit eines großen Teils der Führer für den KL-Betrieb bzw. Truppenführung und bat um Austausch und um Verstärkung der Wachtruppe. „Sie werden sich wundern", war seine Antwort, „mit welch unmöglichen Führergestalten Sie noch fertig werden müssen! Ich brauche jeden frontverwendungsfähigen Führer, Unterführer und SS-Mann an der Front. Eine Verstärkung der Truppe ist aus denselben Gründen nicht möglich. Ersinnen Sie jedes nur technische Mittel, um Wachmänner einzusparen. Setzen Sie noch mehr Hunde zur Bewachung ein. Mein Beauftragter für das Hundewesen wird nächstens auch bei Ihnen den neuartigen, postensparenden Einsatz von Hunden einführen. Die Fluchtzahlen von Auschwitz sind ungewöhnlich hoch und im KL noch nie dagewesen. Jedes Mittel", er wiederholte, „jedes Mittel ist mir recht, das Sie anwenden, um vorzubeugen und Fluchten zu verhindern! Die Fluchtseuche von Auschwitz muß verschwinden!"

Nach diesem gemeinsamen Essen hatte der Gauleiter den RFSS, Schmauser, Kammler, Caesar und mich zu sich in seine Wohnung bei Kattowitz gebeten. Himmler sollte auch dort wohnen, da er anderentags mit dem Gauleiter früh noch wichtige Fragen der Volksliste und Umsiedlung besprechen wollte. Auch meine Frau sollte auf Himmlers Wunsch zum Gauleiter mitkommen. - Während Himmler tagsüber doch zeitweise mißgelaunt, heftig, ja sogar oft sehr abweisend war, war er an diesem Abend bei dieser kleinen Gesellschaft wie ausgewechselt. Bester, strahlender Laune führte er die Unterhaltung und war äußerst liebenswürdig, besonders den beiden Damen, der Frau des Gauleiters und meiner Frau gegenüber. Er sprach über alle möglichen Themen, die gerade aufgeworfen wurden, sprach über Kindererziehung und neues Wohnen, über Bilder und Bücher. Er erzählte von Erlebnissen bei den Divisionen der Waffen-SS an der Front und von Frontfahrten mit dem Führer. Er vermied geflissentlich - auch nur mit einem Wort -, auf das tagsüber Geschehene oder sonst eine dienstliche Frage zurückzukommen. Versuche des Gauleiters, da anzuknüpfen, überhörte er.

Es wurde ziemlich spät aufgebrochen. Während des Abends wurde wenig getrunken. Himmler, der sonst kaum Alkohol zu sich nahm, trank einige Glas Rotwein und rauchte, was er gewöhnlich sonst auch nicht tat. Alles war im Bann seiner frischen Erzählungen und seiner Aufgeräumtheit. Ich hatte ihn so nie erlebt!

Am zweiten Tag holte ich ihn mit Schmauser beim Gauleiter ab, und die Besichtigung ging weiter. Er sah sich das Stammlager an, die Küche, das Frauenlager - das damals die erste Reihe der Blocks von der Kommandantur bis Block 11 umfaßte -, die Werkstätten, die Ställe, „Kanada" und DWA, Fleischerei und Bäckerei, Bauhof und Truppenwirtschaftslager. Er sah alles genau, sah genau die Häftlinge, erkundigte sich genau über alle Haftarten und Zahlen. Er ließ sich nicht führen, sondern an diesem Morgen verlangte er einmal dies, einmal jenes zu sehen. Er sah im Frauenlager die engste Belegung, die unzureichenden Abortanlagen und den Wassermangel, ließ sich vom Verwaltungsführer die Bekleidungs- und Wäschebestände sagen, sah den Mangel an allem. Er ließ sich bis ins kleinste die Verpflegungssätze und die Schwerarbeiterzulagen erklären. Im Frauenlager ließ er sich die Durchführung einer Prügelstrafe an einer Berufsverbrecherin (Prostituierten), die laufend einbrach und stahl, was sie erreichen konnte, vorführen, um die Wirkung festzustellen. Die Genehmigung von Prügelstrafen an Frauen hatte er sich persönlich vorbehalten. Einige vorgestellte Frauen, die wegen geringfügiger Vergehen inhaftiert waren, entließ er. Unterhielt sich mit einigen Bibelforscherinnen über ihren fanatischen Glauben. Nach der Besichtigung ging er zur abschließenden Besichtigung auf mein Dienstzimmer. Dort sagte er mir im Beisein Schmausers ungefähr folgendes:

„Ich habe mir nun Auschwitz gründlich angeschaut. Ich habe alles gesehen, habe alle Mißstände und Schwierigkeiten genügend gesehen und von Euch gehört. Ändern kann ich daran auch nichts. Sehen Sie zu, wie Sie damit zu Rande kommen. Wir sind jetzt mitten im Krieg und müssen auch kriegsmäßig denken lernen. Die von mir angeordneten sicherheitspolizeilichen Aktionen dürfen auf keinen Fall abgestoppt werden, am allerwenigsten durch den mir vorgeführten Mangel an Unterkunft usw. Eichmanns Programm geht weiter und wird von Monat zu Monat gesteigert. Sehen Sie zu, daß Sie mit dem Ausbau von Birkenau vorwärtskommen. Die Zigeuner sind der Vernichtung zuzuführen. Ebenso rücksichtslos vernichten Sie die arbeitsunfähigen Juden. In nächster Zeit werden die Arbeitslager bei den Rüstungsindustrien die ersten größeren Kontingente von arbeitsfähigen Juden aufnehmen, dann bekommen Sie auch wieder Luft. Auch in Auschwitz soll die Rüstung im Lager ausgebaut werden, bereiten Sie sich dazu vor. Kammler wird Sie baulicherseits weitgehendst unterstützen. Die landwirtschaftlichen Versuche werden intensiv weiter vorwärtsgetrieben. Ich brauche die Ergebnisse notwendigst. Ihre Arbeit und Leistung habe ich gesehen, ich bin zufrieden und danke Ihnen, ich befördere Sie zum Obersturmbannführer".

So endete Himmlers Besichtigung in Auschwitz. Er sah alles und die Folgen wissend [sic!]. War sein „Ich kann auch nicht helfen!" Absicht? Nach der Besprechung auf meinem Dienstzimmer besichtigte er noch meine Wohnung und Einrichtung, war davon begeistert und unterhielt sich noch einige Zeit mit meiner Frau und den Kindern: angeregt und in bester Stimmung. Ich fuhr ihn zum Flugplatz, wo er sich ganz kurz verabschiedete und nach Berlin zurückflog.«

In seinen in polnischer Kerkerhaft niedergeschriebenen Aufzeichnungen ging Rudolf Höß noch zwei weitere Male auf den Himmler-Besuch ein:[30]

»Es kam der RFSS-Besuch im Juli 1942. Ich zeigte ihm das Zigeunerlager eingehend. Er sah sich alles gründlich an, sah die vollgestopften Wohnbaracken, die ungenügenden hygienischen Verhältnisse, die vollbelegten Krankenbaracken, sah die Seuchenkranken, sah die Kinderseuche Noma, die mich immer erschaudern ließ, sie erinnerte mich an die Leprakranken, an die Aussätzigen, die ich in Palästina einst sah, diese abgezehrten Kinderkörperchen mit den großen Löchern in der Backenhaut, durch die man durchsehen konnte, dieses langsames Verfaulen bei lebendigem Leibe. - Er hörte die Sterblichkeitsziffern, die, gesehen am Gesamtlager, noch relativ niedrig waren. Doch die Kindersterblichkeit war außerordentlich hoch. Ich glaube nicht, daß von den Neugeborenen viele die ersten Wochen überstanden haben. Er sah alles genau und wirklichkeitsgetreu - und gab uns den Befehl, sie zu vernichten, nachdem die Arbeitsfähigen wie bei den Juden ausgesucht.«

In seiner Niederschrift Die Endlösung der Judenfrage erzählt Höß:[31]

»Der Reichsführer SS sah sich anläßlich seines Besuches im Sommer 1942 den gesamten Vorgang der Vernichtung genau an, angefangen von der Ausladung bis zur Räumung des Bunkers II. Zu der Zeit wurde noch nicht verbrannt. Er hatte nichts zu beanstanden, hat sich aber auch nicht darüber unterhalten. Zugegen waren der Gauleiter Bracht und Obergruppenführer Schmauser.«

Das Kalendarium gibt den wichtigsten Abschnitt der Schilderung des Himmler-Besuchs durch Höß wie folgt wieder:[32]

»Während der Inspektion in Birkenau beobachtet Himmler die Häftlinge bei der Arbeit, besichtigt Unterkünfte, Küchen und Krankenreviere und sieht die ausgemergelten Seuchenopfer. Nach Besichtigung des Lagers Birkenau nimmt er an der Tötung eines eben eingetroffenen Transportes von Juden teil. Er ist beim Ausladen, bei der Selektion der Arbeitsfähigen, bei der Tötung durch Gas im Bunker Nr. 2 und bei der Räumung des Bunkers zugegen. Zu der Zeit werden die Leichen noch nicht verbrannt, sondern in Gräben zusammengetragen und vergraben.«

Daß der Reichsführer-SS, wie von Höß behauptet, »an der Tötung eines eben eingetroffenen Transportes von Juden« teilnahm, wird durch eine unanfechtbare und fraglos authentische Quelle kategorisch widerlegt, nämlich Himmlers eigenes Tagebuch. Bezüglich der beiden uns hier interessierenden Tage heißt es dort nämlich:[33]

»Freitag, 17. Juli 1942
12.00 Fahrt Friedrichsruh-Flugplatz Lötzen
12.45 Start Lötzen
RFSS, Prof. Wüst, Kersten, Grothmann, Kiermeier
15.15 Landung Kattowitz
Abholung d. Gauleiter Bracht, O'Gruf. Schmauser
u. Stubaf. Höß

Fahrt nach Auschwitz

Tee im Führerheim
Bespr. mit Stubaf. Caesar u. O'Stubaf. Vogel,
Stubaf. Höß

Besichtigung der landwirtschaftl. Betriebe
Besichtigung des Häftlingslagers u. des FKL
Essen im Führerheim

Fahrt Auschwitz-Kattowitz
zur Wohnung von
Gauleiter Bracht
Abends bei Gauleiter Bracht

Sonnabends 18. Juli 1942
9.00 Frühstück m. Gauleiter Bracht u. Frau
Fahrt nach Auschwitz
Bespr. mit O. Gruf. Schmauser
" Stubaf. Caesar
" der Leiterin des FKL
Besichtigung des Fabrikgeländes der Buna
Fahrt Auschwitz-Kattowitz
13.00 Flug Kattowitz-Krakau-Lublin
15.15 Ldg. Lublin
Abholung d. O.Gruf. Krüger u.
Brigf. Globocnik Tee bei Globocnik
Bespr. mit Staf. Schellenberg
Fahrt zum Obstgut Jastrow
21.00 Bespr. bei Globocnik mit SS-O'Gruf. Krüger, SS-O'Gruf. Pohl, SS-Brigf. Globocnik, SS-O'Stuf. Stier.«

Es gilt hervorzuheben, daß Himmlers Besuchsplan nur eine »Besichtigung des Häftlingslagers u. des FKL« erwähnt. Unter dem »Häftlingslager« verstand man das Stammlager Auschwitz I, in dem sich zum damaligen Zeitpunkt auch das Frauenkonzentrationslager (FKL) befand. Birkenau hieß hingegen »Kriegsgefangenenlager«, und somit ist klar, daß Himmler es nicht besucht hat. Wieso fehlt denn sonst in seinem Besuchsplan jeder Hinweis auf eine Besichtigung des Kriegsgefangenenlagers?

Das Fehlen eines solchen Hinweises erklärt sich aber leicht, denn aufgrund der damals in Birkenau wütenden Flecktyphus- bzw. Fleckfieberepidemie sowie anderer Seuchen waren die hygienischen und sanitären Zustände dort weitaus bedrohlicher als im Stammlager.

Im übrigen schließt auch der Zeitplan des Himmler-Besuchs kategorisch aus, daß er »an der Tötung eines eben eingetroffenen Transportes von Juden« teilnahm.

Das Niederländische Rote Kreuz hat die Abschrift eines Ausschnitts aus dem Original-Stärkeregister veröffentlicht, aus dem die Mannschaftsstärke des Männerlagers im Jahre 1942 hervorgeht. Für den 17. und 18. Juli finden sich dort folgende Angaben:[34]

 

Datum

Stärke

Tote

Registrierte

Freigelassene und Geflohene

Herkunft
des
Transports

Reg.-Nr.

     

40

22

     

Morgen-appell

16.7.42

16246

         
     

100

131

     

Abend-appell

16.7.42

16277

         
     

30

601

 

Westerbork 15.7.42

47087-47687

Morgen-appell

17.7.42

16848

         
     

83

185

 

Versch. Nationalitäten

47688-47842

Abend-appell

17.7.42

16950

         
     

25

977

 

Westerbork 16.7.42

47843-48493

           

Slowaken

48494-48819

Morgen-appell

18.7.42

17902

101

46

1

   

Abend-appell

18.7.42

17846

18

24

     
           

Versch. Nationalitäten

48820-48901

Morgen-appell

19.7.42

17852

         

Diese Angaben werden durch das Stärkebuch voll und ganz bestätigt. Diesem lassen sich nämlich identische Schwankungen der Lagerstärke entnehmen:[35]

 

Datum

Stärke

Tote

Registrierte

Freigelassene und Geflohene

     

40

22

 

Morgenappell

16.7.42

16246

     
     

100

131

 

Abendappell

16.7.42

16277

     
     

30

601

 

Morgenappell

17.7.42

16848

     
     

83

185

 

Abendappell

17.7.42

16950

     
     

25

977

 

Morgenappell

18.7.42

17902

101

46

1

Abendappell

18.7.42

17846

18

24

 

Morgenappell

19.7.42

17852

 

Aus den Dokumenten geht demnach hervor, daß die registrierten Häftlinge aus dem am 15. Juli vom holländischen Westerbork abgefahrenen Judentransport beim Morgenappell des 17. Juli in Auschwitz bereits in den Lagerbestand aufgenommen worden waren. Somit war der Transport zwischen dem Abendappell des 16. und dem Morgenappell des 17. Juli eingetroffen.

Dementsprechend waren die registrierten Häftlinge aus den von Westerbork sowie aus der Slowakei abgegangenen Transporten beim Morgenappell des 18. Juli schon im Lagerbestand verzeichnet, was bedeutet, daß diese beiden Transporte zwischen dem Abendappell des 17. und dem Morgenappell des 18. angekommen sein mußten.

Zu jener Zeit galt für die Häftlinge die von Rudolf Höß im Sonderbefehl vom 17. April 1942 festgelegte Arbeitszeit von 6 bis 19 Uhr, mit einer Stunde Pause für das Mittagessen.[36] Berücksichtigt man die Zeit, welche die Rückkehr der Außenkommandos ins Lager beanspruchte, kann man mit Sicherheit davon ausgehen, daß der Abendappell nicht vor 20 Uhr stattfand. Daraus läßt sich folgern, daß der erste Transport nicht vor 20 Uhr des 16. und nicht nach 6 Uhr des 17. Juli in Auschwitz angelangt sein kann und daß die beiden anderen Transporte nicht vor 20 Uhr des 17. und nicht nach 6 Uhr des 18. Juli angekommen sein können.

Himmler landete am 17. Juli um 15.15 Uhr auf dem Flugplatz Kattowitz und kann daher den ersten Transport holländischer Juden nicht gesehen haben, falls dieser, wie behauptet, vor sechs Uhr vergast worden ist. Sein Besuch in Auschwitz endete aller Wahrscheinlichkeit nach um 20 Uhr mit einem Abendessen im Führerheim im Kreise der höheren Lagerfunktionäre.[37] Nach dem Abendessen begleitete man Himmler nach Kattowitz, wo er die Nacht als Gast von Gauleiter Bracht verbrachte. Am 18. befand er sich um neun Uhr morgens immer noch in dessen Haus und fuhr erst nach dem Frühstück wieder nach Auschwitz. Somit kann er auch die beiden anderen Transporte ganz unmöglich gesehen haben, wenn diese - wie behauptet - zwischen 20 Uhr des 17. und 6 Uhr des 18. Juli vergast worden sind.

Aus diesen Gründen kann Himmler in Auschwitz am 17. und 18. Juli keiner Menschenvergasung beigewohnt haben.

Die von Rudolf Höß gelieferte Schilderung des Himmler-Besuchs in Auschwitz ist auch in anderen wichtigen Punkten unzuverlässig. Er kehrte die Reihenfolge der Inspektionen Himmlers um, indem er schreibt, dieser habe die Betriebe von Monowitz am 17. und das Stammlager einschließlich des Frauenlagers am 18. aufgesucht, während es in Wirklichkeit umgekehrt war: Am 17. besuchte Himmler Stammlager und Frauenlager, am 18. inspizierte er Monowitz.[38]

Einen krassen Anachronismus begeht Rudolf Höß bei der Beschreibung des Zigeunerlagers (und der Krankheit Noma, welche die Zigeunerkinder befiel), denn im Juli gab es noch gar kein Zigeunerlager. Der erste Zigeunertransport traf nämlich erst Ende Februar 1943 in Auschwitz ein.[39] Hingegen berichtet Höß nichts davon, daß Himmler - wie Pressac behauptet - »der Ansicht war, daß das Auskleiden der Juden im Freien unordentlich wirkte«, sondern behauptet, der Reichsführer SS »sah nur ganz stumm zu«, so daß der obige Satz schlicht und einfach eine Erdichtung des französischen Historikers ist.

Pressacs Deutung ist somit auch bezüglich der vier »Baracken für Sonderbehandlung der Häftlinge« historisch falsch.

3. Das Geheimnis der Bunker von Birkenau

Pressac behauptet, die Existenz der Bunker 1 und 2 als mit Menschentötungsgaskammern ausgestatteter Einrichtungen dokumentarisch aus dem Hinweis auf vier Baracken für „Sonderbehandlung" ableiten zu können, die als BW 58 im zweiten Erläuterungsbericht Bischoffs vom 15. Juli 1942 figurieren - doch warum werden die beiden Bunker in diesem Bericht dann überhaupt nicht erwähnt? Wie erklärt man sich, daß in diesem zwar Hilfseinrichtungen mit genauer Bezeichnung des Bauwerks vermerkt sind, die Haupteinrichtungen hingegen keiner Erwähnung für würdig befunden werden? Weshalb fehlen die Bunker auch im »Kostenüberschlag für das Bauvorhaben Kriegsgefangenenlager Auschwitz«, in dem der Ausdruck »Durchführung der Sonderbehandlung« dem Lager Birkenau angeblich offiziell die Funktion eines Vernichtungslagers zuweist? Und warum findet sich zu guter Letzt in keinem einzigen Dokument der Zentralbauleitung auch nur der geringste Hinweis auf die Bunker?

Wie in der Einleitung angedeutet, greift Pressac dieses Problem noch nicht einmal auf, was Bände spricht. Doch das Problem existiert, und es ist bedeutend schwerwiegender, als es auf den ersten Blick erscheinen mag.

Schon am 31. März 1942 wurde jeder Baustelle des Bauvorhabens »Konzentrationslager Auschwitz« eine Identifizierungsnummer zugeteilt, dem das Kürzel BW (Bauwerk) voranging. Alle administrativen Akte hinsichtlich eines Bauwerks mußten den Vermerk »BW 21/7b (Bau) 13« tragen, bei dem »21/7b« für die Detailkosten eines Projekts und »(Bau) 13« für die Gesamtkosten stand. Für jedes Bauwerk mußte obligatorisch ein Bauausgabenbuch geführt werden, in dem sämtliche am betreffenden Bauwerk ausgeführten Arbeiten sowie alle dabei vollzogenen Zahlungen verzeichnet waren und das gewissermaßen die administrative Biographie eines Bauwerks darstellte.[40] Unter diesen Umständen bedeutet bereits die Tatsache, daß für die beiden Bunker keinerlei Bauwerksnummer existierte, daß sie administrativ nicht vorhanden waren; wenn man die Funktionsweise der Zentralbauleitung kennt, ist dies allein schon ein entscheidendes Argument.

Obwohl es keinerlei dokumentarischen Beleg für die Existenz der Bunker als menschenmörderische Einrichtungen gibt, gehe ich in meiner Analyse nicht von der Annahme ihrer Nichtexistenz aus, sondern erläutere den Sinn der Dokumente, indem ich sie in ihren geschichtlichen Zusammenhang einfüge.

4. Die vier Baracken »für Sonderbehandlung« und die Bunker von Birkenau

Betrachten wir nun, wie Pressac den sich auf die vier Baracken »für Sonderbehandlung« beziehenden Abschnitt deutet. Laut ihm

»beantragte Bischoff in seinem zweiten Bericht den Bau von vier hölzernen Pferdestall-Baracken in der Nähe der beiden Bunker, die als Auskleideräume für die „Arbeitsunfähigen" dienen sollten

Es sei gleich darauf verwiesen, daß die von mir hervorgehobenen Wörter des Zitats nicht im betreffenden Dokument stehen, sondern von dem französischen Historiker willkürlich hinzugefügt worden sind. Der vollständige Text des von Pressacs zitierten Abschnitts lautet wie folgt:[41]

»BW 58 5 Baracken für Sonderbehandlung u. Unterbringung von Häftlingen, Pferdestallbaracken Typ 260/9 (O.K.H.)
4 Stück Baracken für Sonderbehandlung der Häftlinge in Birkenau
1 Stk. Baracken zur Unterbringung v. Häftl. in Bor
Kosten für 1 Baracke: RM 15.000, -
mithin für 5 Baracken: Gesamtkosten z.B.N
[42] RM 75.000.«

Pressacs Interpretation erweist sich hiermit als eindeutig willkürlich: Nicht nur stützt dieser Text die These von der kriminellen Bestimmung der vier »Baracken für Sonderbehandlung« in keiner Hinsicht, sondern schließt sie ganz im Gegenteil aus: Die Erwähnung der Baracke zur Unterbringung von Häftlingen in Bor,[43] die zum selben Bauwerk gehörte und zusammen mit den vier anderen, angeblich für die arbeitsuntauglichen Juden bestimmten in derselben Rubrik angeführt wurde, zeigt, daß dem Begriff „Sonderbehandlung" in diesem Dokument keine kriminelle Bedeutung innewohnen kann.

Ganz offensichtlich hat Pressac, indem er lediglich einen Teil des Dokumentes zitierte, vermeiden wollen, daß der Leser diesen Schluß zieht.

Die Richtigkeit meiner Schlußfolgerung läßt sich durch andere Dokumente belegen, die Pressac nicht kannte und die es erlauben, die Entstehung des Begriffs Sonderbehandlung in Auschwitz zu rekonstruieren und seine wirkliche Bedeutung zu erhellen. Diesem konstruktiven Aspekt der Lagergeschichte ist der zweite Teil der vorliegenden Studie gewidmet.


Anmerkungen

[16]Jean-Claude Pressac, Die Krematorien..., aaO. (Anm. 10), S. 56f.
[17]Ebenda, S. 77f.
[18]Laut den Anordnungen des Amtes II des Hauptamtes Haushalt und Bauten endete das zweite Kriegsfinanzjahr am 30. September 1941.
[19]»Erläuterungsbericht zum prov. Ausbau des Konzentrationslagers Auschwitz O/S [Oberschlesien]«. RVGA, 502-1-223, S. 1-22, Zitat auf S. 9.
[20]Ebenda, S. 6 und 16.
[21]Erläuterungsbericht zum Bauvorhaben Konzentrationslager Auschwitz O/S, 15. Juli 1942. RGVA, 502-1-220, S. 1-52, Zitat auf S. 19.
[22]Die Bauleitung der Waffen-SS und Polizei Auschwitz, K.L. Auschwitz und Landwirtschaft Auschwitz, welche das Bauvorhaben SS-Unterkunft und Konzentrationslager Auschwitz sowie die Landwirtschaftlichen Betriebe Auschwitz leitete. Man vergleiche hierzu das 6. Kapitel des 2. Buchteils.
[23]Ebenda, S. 10 und 23.
[24]RGVA, 502-1-11, S. 37.
[25]RGVA, 502-1-24, S. 318.
[26]Jean-Claude Pressac, Die Krematorien..., aaO. (Anm. 10), S. 137, Fußnote Nr. 144.
[27]Die Anträge für die Eingliederung der Bauvorhaben im Rahmen des GB-Bauvolumens im 3. Kriegswirtschaftsjahr. Vgl. hierzu den Brief Kammlers an die Zentralbauleitung vom 14. Juni 1942. RGVA, 502-1-319, S. 189.
[28]Brief Bischoffs an das SS-WVHA vom 3. August 1942. RGVA, 502-1-22, Seitenzahl unleserlich.
[29]Martin Broszat (Hg.), Kommandant in Auschwitz. Autobiographische Aufzeichnungen des Rudolf Höß, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1981, S. 181-185.
[30]Ebenda, S. 109.
[31]Ebenda, S. 161.
[32]Danuta Czech, Kalendarium..., aaO. (Anm. 12), S. 250f.
[33]Himmlers Tagebuch, NA, RG 242, T-581/R 39A, 17. und 18. Juli 1942. Siehe Dokument 1 im Anhang.
[34]Nederlandsche Roode Kruis (Hg.), Auschwitz, Band II: »De deportatietransporten van 15 juli tot en met 24 augustus 1942«, 's-Gravenhage 1948, S. 11. Siehe Dokument 2 im Anhang.
[35]APMO, Stärkebuch, D-AuI-3/1/5, Band 2, S. 163-176. Siehe Dokument 3 im Anhang.
[36]Sonderbefehl für KL und FKL vom 17. April 1942. RGVA, 502-1-36, S. 121.
[37]In Himmlers Tagebuch ist die Zeit des Abendessens nicht verzeichnet. Doch wurde bei einem Besuch Oswald Pohls in Auschwitz am 23. September 1942 das Abendessen um 20 Uhr aufgetischt. RGVA, 502-1-19, S. 86.
[38]Bei diesem Anlaß wurden wenigstens 30 Fotos aufgenommen, die mit dem Hinweis auf das Datum - eben den 18. Juli - beim Höß-Prozeß vorgelegt wurden (Band 15, S. 21-30).
[39]Danuta Czech, Kalendarium..., aaO. (Anm. 12), S. 426.
[40]Man vergleiche hierzu meine Studie La „Zentralbauleitung der Waffen-SS und Polizei Auschwitz", Edizioni di Ar, Padua 1998, S. 38 und 45.
[41]Kostenvoranschlag für das Bauvorhaben Konzentrationslager O/S. RGVA, 502-1-22, S. 36. Siehe Dokument 4 im Anhang.
[42]Das Kürzel bedeutet »zur besten Näherung«.
[43]Im Raum Bor-Budy - zwei Dörfern rund 4 km südlich von Birkenau - gab es den sogenannten »Wirtschaftshof Budy«, ein Nebenlager, in dem hauptsächlich landwirtschaftliche Arbeiten verrichtet wurden. Das eigentliche Lager (Männer- und Frauen-Nebenlager) befand sich in Bor.

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