Flucht vor der Deutschen

Kriegsanfang in Lemberg

Entsetzt fuhr ich aus tiefem Schlaf empor. Meine Ohren schmerzten. Im Nebenzimmer hörte ich die kleine Rachel laut weinen. Wieder dröhnte es ganz in der Nähe, und als ich den bedrohlichen Lärm der Motoren hörte, wußte ich es: Lemberg wurde bombardiert.

Ich tastete nach dem Lichtschalter, doch im nächsten Augenblick ließ ich es sein. Das durfte man doch nicht, wenn man nicht das ganze Haus gefährden wollte!

Verwirrt richtete ich mich auf. Im selben Moment krümmte ich mich zusammen und warf mich neben dem Bett nieder. Das Heulen der Bomben ging durch Mark und Bein. Wieder hatte es in der Nähe eingeschlagen, obgleich wir uns doch weit entfernt vom Stadtzentrum befanden.

Hastig kleidete ich mich, so gut es ging, an. Das Kind nebenan weinte noch immer, und die Eltern wußten ihm keinen Trost. Die Deutschen waren da!

Es war die Nacht zum 1. September 1939. Sie war nicht so ruhig gewesen wie die vorhergegangenen Nächte. Zwar hatte niemand so recht an den Krieg geglaubt, aber viele hatten dennoch im Unterbewußtsein davor gezittert.

Nun waren alle Lichter in der Stadt erloschen, und der Boden wankte. Ich ging eilig hinunter ins Erdgeschoß. Ich hatte keine Ahnung warum, doch ich fühlte mich unten sicherer. Aus allen Wohnungen strömten die Menschen, Männer und Frauen zum Teil in Nachthemden, und wenn es nicht so traurig gewesen wäre, hätte man eigentlich lachen müssen.

Irgendwo draußen in der Nacht lohte Feuerschein empor und sandte sein Licht bis in unser Gäßchen in der Nähe des alten Krakauer Marktes. Die Menschen um mich herum redeten wirr durcheinander. Die einen fluchten, die anderen beteten. Nur der alte David, der ganz im Gegensatz zu seinem Namen von fast hünenhafter Größe war, und ich blickten uns an und schwiegen. Denn wir waren Juden.

Was wird werden?" flüsterte ich. Was wird geschehen?"

Der Alte, der bereits in der Zarenzeit manche Pogrome hatte mitmachen müssen, ehe er im damals österreichischen Lemberg Zuflucht fand, entgegnete ebenso leise: Der ewig lebt, wird uns beschützen."

Ich war betroffen. David war kein orthodoxer Jude, im Gegenteil, er galt als Freigeist. Aber jetzt in der Stunde der Gefahr hatte er zurückgefunden zum Glauben und Vertrauen seiner Väter.

"Diese verdammten Deutschen!" schrie der Magistratsbeamte, der im zweiten Stock wohnte. "Mit denen wird unsere Armee bald fertig werden."

Die anderen schwiegen.

"Die Engländer und die Franzosen", nahm schließlich die Witwe eines Polizeikommissars, die in einem kleinen Nebenhaus wohnte und zu uns geflüchtet war, das Wort, "die werden es den Deutschen schon geben. Sie werden am Rhein angreifen und uns retten."

"Ob die sich wirklich um uns kümmern?" fragte eine jüngere Frau bange.

Der Magistratsbeamte fuhr sie böse an. "Soll sie der Teufel holen, wir besitzen die Garantie. Das mächtige England und das große Frankreich haben uns Schutz und Hilfe versprochen."

Ich wandte mich David zu, denn auch ich war völlig außer Fassung. Doch der Alte hatte sich von uns abgewandt und hörte gar nicht mehr her.

Unterdessen marschierten und rollten zweiundfünfzig deutsche Divisionen, Infanteristen, alle Panzerdivisionen, alle leichten und motorisierten Divisionen, welche die deutsche Armee zu diesem Zeitpunkt hatte, und eine Kavallerie-Brigade unter Generaloberst von Rundstedt' der die Heeresgruppe Süd führte, und unter Generaloberst von Bock, der die Heeresgruppe Nord befehligte, in Polen ein. Der Bombenangriff auf Lemberg hatte weder strategische noch taktische Bedeutung. Es gab auch nicht allzu viele Verluste Offensichtlich hatte die deutsche Luftwaffe nur ein Interesse: im polnischen Hinterland Furcht und Schrecken zu verbreiten und Panik zu erregen. Und das war ihr auch gelungen.

Als der Morgen graute, eilte ich zu einem meiner guten Bekannten, dem Bankbeamten Fergenthal, mit dem ich schon von Bukarest her befreundet war und dem ich es eigentlich verdankte, daß ich hier in Lemberg als Angestellter eines Industrieunternehmens in der Tribunalsgasse Beschäftigung gefunden hatte, während meine Frau und unser Söhnchen noch in Czernowitz lebten. Sie sollten erst später nachkommen, wenn ich meine Existenz richtig aufgebaut hatte.

Fergenthal war ein intelligenter, weitsichtiger junger Mann. Er hatte sowenig wie das ganze polnische Volk daran gedacht, daß der deutsch-polnische Krieg vor der Tür stehen könnte. Ja, die Oberen hatten irgendwelche Differenzen, und die Zeitungen schrieben aufgeregte Artikel. Allein, das gehörte doch zu ihrem Geschäft. Niemand hatte im Ernst an den Ausbruch eines Krieges geglaubt. Fergenthal war nicht zu Hause. Ich habe ihn nie mehr im Leben getroffen. Er verschwand still, aber unauffindbar, wie so viele, viel zu viele.

So irrte ich durch die Straßen und hatte den Eindruck, daß alle Behörden alles taten, um die Bevölkerung zu beruhigen. Der Schock des nächtlichen Bombenangriffes schien bald überwunden. Wildfremde Menschen redeten einander auf der Straße an.

"Das war auch schon etwas", höhnte ein Pole, der offenbar nicht daran dachte, zur Arbeit zu gehen, "wenn das die ganze Wirkung eines Luftangriffes ist, dann irren sich die Deutschen, wenn sie glauben, daß sie uns kleinkriegen.

An der Haustür unseres Wohnhauses traf ich den Magistratsbeamten. "Alle Männer zu den Kasernen!" sagte er scharf. "Das Vaterland ist in Gefahr, und jeder hat seine Pflicht zu tun."

In diesem Augenblick erinnerte er sich wohl daran, daß ich Jude bin. Er spuckte aus und blickte mich verächtlich an. "Wir werden sie wieder hinausjagen sagte er zuversichtlich und eilte davon.

"Sie werden hinausjagen, diese Schlamassel", sagte hinter mir eine Stimme ironisch. "Sie werden gar nichts hinausjagen. Sie werden eins auf ihr großes Maul kriegen, die polnischen Kavaliere, und zwar nicht zu knapp, darauf kannst du dich verlassen. Wer will schon die Deutschen aufhalten?" Der alte David war nicht wiederzuerkennen. "Chaim!" schrie er, und von der gegenüberliegenden Straßenseite kam der Pferdehändler Feinberg herüber.

"Nu, ihr Hübschen", lachte er. Chaim Feinberg lachte immer. Es gehörte zu seinem Beruf. "Heute früh hat uns der Herr Hitler aber etwas unsanft aufgeweckt."

Der alte Dr. Katz, erst seit kurzem zugezogen, aber von uns allen wegen seiner Hilfsbereitschaft hoch verehrt, gesellte sich zu uns.

"Was sollen wir nur tun?" fragte er nervös.

"Was können wir tun?" entgegnete David resigniert. "Die Polen hassen uns, und die meiste Angst habe ich nicht vor den Deutschen, sondern vor den Ukrainern. Paßt auf, wenn es losgeht, wenn sie kommen, dann sind wir dran. Dann zahlen wir die Zeche von der Rechnung, die den Herren Politikern nicht aufgegangen ist.

"Wir können nicht warten", stieß ich hervor, "bis sie da sind."

"Wohin willst du?" Davids Augen flackerten. "Es gibt doch nur einen einzigen Fluchtweg: nach Rumänien. Aber zu diesen Ober-antisemiten? Da kommen wir vom Regen in die Traufe."

"Man sollte es wagen", stammelte ich, "und so schlimm ist das nicht. Ich stamme ja schließlich aus Czernowitz. Dort ist Friede, und hier ist Krieg. Das allein muß entscheiden."

Der rundliche Chaim Feinberg lachte über das ganze Gesicht. "Ihr seid alle meschugge. Ich kenne die Deutschen von 1914, mit denen werden wir die besten Geschäfte unseres Lebens machen. Die handeln nicht so wie diese Habenichtse hier. Das sind ganz andere Gojim. Ich denke gar nicht daran, fortzugehen. Ich habe alle meine Leute auf die Dörfer geschickt. Jetzt gehe ich auf die Bank und hebe den letzten Zloty ab. Ich kaufe Pferde, Pferde, nichts wie Pferde."

"Und?" fragte der alte Arzt verblüfft. "Wollen Sie eine Armee aufstellen?"

Der Pferdehändler grinste. "Ich nicht, aber die Deutschen. Und dazu brauchen sie sicher Pferde. Darauf könnt ihr euch verlassen." Er drehte sich um und ging eilig weiter, zur Bank.

"Das wird eine treifene Mezieh!" sagte Dr. Katz kopfschüttelnd, ein schlechtes Geschäft, meinte er damit.

"Ich riskiere es nicht", entschied ich. "Im Krieg, da ist immer der Teufel los. Und immer zahlen wir Juden, wenn die anderen nicht ein und aus wissen, das ist richtig."

"Ich bin zu alt", erwiderte David, "und zu müde. Der, der ewig lebt, ist auch der Gerechte. Wenn er mich hier nicht beschützt, wird er mich auch woanders fallen lassen. Und vielleicht", fügte er hinzu, "bin ich auch zu neugierig. Lange habe ich ja nicht mehr zu leben. Vielleicht kommt der Herr Hitler hierher. Ich möchte zu gerne diesen Herrn Hitler selber sehen."

"Da kann ich mich zurückhalten", lachte Dr. Katz. "Ich glaube, Sie haben recht", wandte er sich an mich. "Wir müssen packen, das Risiko ist zu groß. Auf die Hilfe der Franzosen und Engländer verlasse ich mich nicht. Stalin hat mit Hitler den Pakt geschlossen. Die Russen kenne ich. Wenn Polen abgeschlachtet worden ist, holen die sich ihren Teil. Überhaupt, wenn's ohne Gefahr geht."

Wortlos drehte er sich um und ging eilig weiter. Wir beide, der Alte und ich, hatten uns nichts mehr zu sagen. Alles war entschieden.

Meine Quartiersfrau wartete schon ungeduldig. "Der Bahnverkehr zwischen Lemberg und der rumänischen Grenze ist zum Teil unterbrochen", berichtete sie aufgeregt. "Ich wollte zu Sarah, jedoch die ganze Familie ist schon weg".

Sarah war ihre Freundin. Deren Mann war ein reicher Kaufmann, ich aber nur ein Arbeiter. "Der hat's leicht", murrte ich, "der fährt mit dem Auto davon."

"Wir haben dafür nicht viel fortzutragen", entgegnete die Frau ruhig. "Verlieren wir keine Zeit!"

In fieberhafter Eile begannen wir zu packen.

Unterdessen waren an den Grenzen die Kämpfe in vollem Ausmaße entbrannt. Die polnische Armee war nicht schwach. Vierzig Infanteriedivisionen, elf Kavallerie-Brigaden und zwei motorisierte Brigaden warfen sich den Deutschen entgegen. Die Regierung des polnischen Marschalls Rydz-Smigly und sein Außenminister Beck vertrauten zu dieser Stunde noch auf die Hilfe Englands und Frankreichs. Wir hingegen suchten unsere Rettung in der Flucht.

Längst hatten sich die Hauptausfahrtstraßen Lembergs mit einer unübersehbaren Menschenmenge gefüllt. Von den Dörfern strömten Flüchtlinge in die Stadt und suchten, wie in alten Zeiten, Schutz hinter den Mauern. Ihnen entgegen aber floh bereits ein Teil der jüdischen Bevölkerung. Während Gruppen galizischer Juden all ihre bewegliche Habe so schnell und so günstig wie nur möglich zu verkaufen suchten, um dafür Wertgegenstände einzuhandeln, die man auf der Flucht mitnehmen konnte, kauften andere das Eigentum der Flüchtenden zu günstigen Preisen auf.

Wir hatten nicht viel zu verkaufen. So zog auch ich mit meinen Quartiersleuten und der kleinen Rachel in der Masse mit. Mit Fahrrädern, mit Pferdefuhrwerken, mit Automobilen und selbst mit Handwagen strebten die flüchtenden Juden in Richtung Bukowina. Zu allem Unglück herrschte schlechtes Wetter, es war kalt, und vielfach regnete es. Trotzdem schwoll die Masse, die bereits unabsehbar war, immer mehr an. Längst waren es Zehntausende, die vor den Deutschen flohen.

Wir hatten zu viele Berichte gehört und gelesen. Zum Teil widersprachen sie sich, immer aber erschreckten sie uns. Wir wollten weder in ein Konzentrationslager kommen noch sterben. Wir wollten leben.

Darum verließen wir Lemberg, die Stadt, die so oft als Vorbild für Czernowitz bezeichnet wurde. DieJuden mit ihren einhundertsechzigtausend Seelen stellten in Lemberg fünfundfünfzig Prozent der Gesamteinwohnerzahl. Lemberg hatte über vierhundert jüdische öffentliche Bethäuser. Die privaten konnten gar nicht gezählt werden. Jeder Rabbiner hatte bei sich zu Hause eines errichtet. Die überaus rührige jüdische Kultusgemeinde blickte auf eine sechshundertjährige Geschichte zurück. Hier in Lemberg beteten schon Juden gemeinsam zu Jehova, als die Gegend, in der später Czernowitz entstand, noch undurchdringlicher Urwald war.

Allein, was galt das alles? Die Deutschen kamen, rückten unaufhaltsam näher.

Unterwegs

In den Kolonnen und Gruppen entstanden wilde Gerüchte. Bald hieß es, die Polen hätten die deutschen Angriffsspitzen zurückgeschlagen, ja sogar über die Grenzen zurückgejagt, bald behauptete einer, daß die deutschen Panzer schon knapp vor Warschau stünden.

Eines war auf alle Fälle richtig: Die Russen machten mit den Deutschen gemeinsame Sache und waren ebenfalls in Polen eingerückt. Jeder, der Bekannte in der Gegend der polnisch-russischen Grenze hatte, zitterte um seine Freunde.

Kurz vor Kolomea traf ich zu meiner Freude Dr. Katz, der aus Lemberg nichts mitgenommen hatte als seine Arztetasche und einen Rucksack voll Arzneien. "Ich habe es aus sicherer Quelle", keuchte er, denn den alten Mann strengte der Marsch erheblich an, "es ist ein Befehl an die Juden ergangen, daß sie sich vor der Roten Armee eher in den Teil Polens retten sollen, in den die Deutschen eingedrungen sind."

"Wer sagt das?" forschte ich erstaunt.

Der Arzt zuckte die Achseln. "Die Weisung geht schon von der richtigen Stelle aus", beharrte er.

Ich stutzte, denn es war mir bekannt, daß Dr. Katz ein eifriger Zionist war. Ich wußte damals nicht, was ich davon halten sollte. "Wo haben Sie geschlafen die Nächte?"

Der alte Mann machte eine wegwerfende Handbewegung. "Am Straßenrand, in Heuschobern, einmal haben mich sogar Bauern aufgenommen."

Ich nickte. Mir war es nicht anders ergangen. Mir wäre das gleich gewesen, aber ich hatte die fremde Frau und das Kind bei mir. Der Mann war bei einer Rast verschwunden. Er hatte etwas Wasser holen wollen und war nicht wieder aufgetaucht. Er war ein ordentlicher Mann. Niemand wußte, wo er geblieben sein konnte. Erst über zwei Jahre später fand sich das Ehepaar wieder; ausgerechnet im Arbeitslager von Bershad. Rachel starb kurz danach. Sie ist verhungert. Rachel war bei der Flucht zehn Jahre alt. Sie klagte nicht und sie fragte nicht, doch ihre Blicke waren ein einziges Entsetzen.

Durch die Masse vor uns ging ein freudiger Ruf. "Kolomea!" In der Ferne tauchte wirklich die Turmspitze der berühmten kleinen Kirche auf, die nicht weit vom Marktplatz liegt und deren Kreuz eine hebräische Aufschrift trägt, welche Jehova bedeutet.

Vor vielen, vielen Jahren, als die Katholiken ihre Kirche erbauten und das Gotteshaus eingeweiht werden sollte, stellten die Baumeister und die Gemeinde voll Schrecken fest, daß die Kirche täglich ein Stückchen tiefer in die Erde sank. Weder der Pfarrer von Kolomea noch der Bischof wußten Rat. Endlich schlug einer vor, sich an den Rabbi Chaim Czernowitzer zu wenden, der als Führer des Chassidismus den Namen "Der Mann mit dem guten Ruf" erworben hatte.

"Ich kann dir auch nicht helfen, Bischof", soll Rabbi Chaim geantwortet haben, "hier kann nur der Allmächtige wirksam werden. Stell auf die Kreuzspitze den Namen Jehova' und wenn der so in aller Öffentlichkeit gepriesen wird, wird die Kirche aufhören zu sinken.

Um das Gotteshaus zu retten, versuchten es die Katholiken von Kolomea' und tatsächlich, die Kirche blieb stehen. Sie ist das einzige katholische Gotteshaus, das den Namen Jehova trägt.

Dr. Katz nickte wehmütig. Auch er kannte die Sage. Ob die Christen von Kolomea wohl jetzt, wenn die Deutschen kämen, den Namen Jehovas belassen würden?

Im Städtchen wurde gerade das jüdische Neujahr gefeiert, der zweitgrößte Feiertag der Juden. Kolomea, das 37000 Einwohner zählte, davon 24500 Juden, war von flüchtenden Menschen so überfüllt, daß man sich in den alten, engen Gassen kaum zu bewegen vermochte. In der Menge konnte man den hebräischen Dichter U. Z. Grünberg sehen sowie den bekannten polnischen Dichter jüdischer Abstammung Juliar Tuwim.

Plötzlich kam eine heimliche Parole auf, welche die Flüchtlinge zur Umkehr bewegen sollte. Immer wieder hieß es, vor allem von seiten der Zionisten, daß man den Kopf nicht verlieren dürfe und daß schließlich alles nicht so wild werden würde. Vieles sei doch nur Propaganda. Tatsächlich kehrten, auch durch die Unbilden der Witterung und der Flucht beeindruckt, große Teile der Flüchtlinge um und wanderten nach Lemberg zurück, unter ihnen der zwanzigjährige Mordechai Anilewitsch, der Jahre später im Aufstand des Warschauer Gettos als einer der Führer der kämpfenden Juden fiel.

Andere wieder, die Mehrheit der Flüchtenden, zogen weiter. Darunter auch ich. Wir hatten kein Vertrauen zu den Parolen und kein Vertrauen zu den Deutschen.

So ging es weiter, immer weiter. Und wie wir vor den Deutschen zu den Rumänen flohen, so waren im Osten Polens etwa 200 000 Juden aufgebrochen und flüchteten, gemäß den zionistischen Parolen, vor den Russen zu den Deutschen. Wir aber verließen Galizien, dessen jüdische Bevölkerung von 600 000 Seelen damals den vierzehnten Teil der Gesamtbevölkerung ausmachte.

Bei dem Dörfchen Sniatin-Grigore Gica Voda erreichten wir endlich die rumänische Grenze. Die rumänischen Grenzer versahen ihren Dienst in diesen Tagen nur symbolisch. Sie machten keinerlei Schwierigkeiten, und so konnten wir in Massen die Grenze ohne weiteres überschreiten. Nun gab es wieder Züge und normale Verkehrsmittel, und mit riesiger Erleichterung bestiegen wir die rumänische Eisenbahn. Wenige Stunden später langten wir in Czernowitz' der Hauptstadt der Bukowina' an. Es war meine Heimatstadt. Hier lebte meine Familie.

Mit wie vielen Hoffnungen war ich von hier ausgezogen, mit wie vielen Plänen! Nun kehrte ich zurück, gehetzt, verzweifelt und nahezu ohne Habe. Indessen - ich war am Leben geblieben.

Viele andere hatten dieses Glück nicht.

David hatte sich in Sorge um seine Tochter und um seine Enkelkinder, die nahe der russischen Grenze in einem Dorfe lebten, doch aufgemacht. Er war von Ukrainern kurzerhand erschlagen worden, als er sich weigerte, seine Uhr herzugeben. Auch die Spekulationen des Pferdehändlers Chaim Feinberg gingen nicht auf. Die Deutschen kamen gar nicht nach Lemberg, wohl aber die Russen. Die nahmen die Pferde weg, und Feinberg verging das Lachen. Er konnte froh sein, mit dem Leben davonzukommen. Das verlor er erst später, als nach dem deutschen Einmarsch in Lemberg am 30. Juni 1941 die Ukrainer ihren Pogrom begannen. Unter den Toten befand sich auch der Pferdehändler. Doch das erfuhren wir erst viel später. Erst wurden wir einmal von meiner Familie mit offenen Armen aufgenommen. Meine Frau hatte sich mit unserem kleinen Sohn schon fast zu Tode geängstigt.

Überhaupt die ganze Bevölkerung von Czernowitz, nicht nur die Begüterten, sondern auch die Armen, tat, was in ihren Kräften stand, um das Los der Flüchtlinge, deren Zahl von Tag zu Tag anwuchs, zu erleichtern.

Die Flut der Flüchtlinge stieg so unerhört, daß ganz Czernowitz buchstäblich von Polen überschwemmt wurde. Längst schon hatten nicht nur Juden das Land verlassen, sondern in immer stärker werdendem Maße auch Polen, vor allem Angehörige der besitzenden Klasse. Sie hatten selbst in der Katastrophe ihren Hochmut und ihren Stolz nicht abgelegt. Und auch nicht ihren Haß gegen uns Juden.

Oftmals mußten gutmütige Czernowitzer Juden, welche die Flüchtlinge, besonders jene mit Familien und Kindern, ins Haus baten, erleben, daß die Polen hochfahrend fragten, ob die Helfer Juden seien. Meist wandten sie sich, wenn dies bejaht wurde, schweigend ab und zogen das naßkalte Straßenpflaster einem schützenden Dach vor, nur, um keinem Juden dankbar sein zu müssen. Bald stellte sich heraus, daß sich unter den Flüchtenden auch der Marschall Rydz-Smigly und sein Außenminister Beck befanden. Polen war nun doch verloren.

Und mit ihm die Juden. Bis zum 1. September 1939 zählte Polen rund dreieinhalb Millionen Juden. Sie waren nun in höchster Gefahr.

Nur ein Bruchteil hatte das Land verlassen können.

Allmählich normalisierte sich die Lage; die polnischen Flüchtlinge verteilten sich auf das ganze Land. Nachdem sich die erste Aufregung gelegt hatte, war ich eigentlich ganz froh, wieder in meiner Heimat zu sein. Ich bekam in meinem Beruf Arbeit und begann von neuem, für unsere kleine Familie eine Heimstatt aufzubauen.

Czernowitz

Diese Stadt, in der etwa 120 000 Menschen lebten, von denen rund 70000 Juden waren, kannte keinen Rassenhaß. Juden, Deutsche und Ukrainer lebten friedlich nebeneinander. Die k. u. k. Monarchie hatte Czernowitz als "Fenster nach dem Osten" ausgebaut, und so kam es, daß wir schon sehr früh eine Universität besaßen und daß das Schiller-Theater, das später in National-Theater umgetauft wurde, ein besonders hohes Niveau aufwies. Erst als die Rumänen kamen, wurden im Theater deutsche Stücke verboten, und nur Moissi konnte durch Intervention der Königin Maria in deutscher Sprache auftreten, als er einmal in der rumänischen Zeit ein Gastspiel gab. Der Pruth fließt an der Grenze zwischen Czernowitz und Sadagura, der einstigen Hauptstadt der Bukowina.

Alles war in diesem Czernowitz anders als ringsum. Lange vor Bukarest hatte diese Stadt eine elektrische Straßenbahn, die übrigens die größte Steigung aller Straßenbahnen in Europa überwindet und von der Pruthbrücke über den Ringplatz bis zum Volksgarten führt. Da die ganze Umgebung reich an Wäldern ist - die bedeutendsten sind der Cecina-Wald und der Horetcea-Wald -, hat die Stadt ein gesundes Klima, und da sie auf einer Anhöhe liegt, kann man von ihr weit hinaus ins Land sehen.

Nicht nur wegen des starken jüdischen Bevölkerungsanteils' sondern auch weil Czernowitz dynamischer und kosmopolitischer als Lemberg war, wurde 1908 hier der erste jüdische Sprachenkongreß der Welt abgehalten, zu dem aus Warschau der größte Klassiker der jüdischen Literatur, J. L. Peretz, kam, ebenso Salomon Asch, der erfolgreiche Autor des Romans "Der Mann von Nazareth", dessentwegen er von jüdisch-chauvinistischen Kreisen boykottiert wurde, der weltbekannte jüdische Lyriker A. Raisen und aus den USA der russische Emigrant Dr. Ch. Jitlowski, bis heute der größte Denker in jüdischer Sprache, dessen Devise lautete: "Je mehr Jude, desto mehr Mensch." Er übersetzte u. a. auch Nietzsches "Zarathustra" ins Jiddische. Den Vorsitz dieses Kongresses führte der aus Wien stammende Nathan Birnbaum (1884-1936), Schriftsteller und Denker, der sich vom Zionismus losgesagt hatte und für das Jiddische als einzige Nationalsprache eintrat. Nach dem ersten Weltkrieg fiel er von dem einen Extrem - seinen materialistisch-atheistischen Anschauungen - in das andere, einen religiös-orthodoxen Wahnsinn.

Hier in Czernowitz hatte Joseph Schmidt im Tempel als Kind im Chor mitgesungen; natürlich gab es Tempel, Synagogen und ein halbes Dutzend Bethäuser, außer der katholischen und der orthodoxen Kirche.

Jedoch nicht nur in religiösem und kulturellem Sinne war Czernowitz für das Judentum von größter Bedeutung, sondern auch politisch. Hier war die Zentrale der jüdischen Arbeiterbewegung "Der Bund", und als 1908 die ersten Parlamentswahlen in der österreichisch-ungarischen Monarchie stattfanden' wurde der Czernowitzer sozialistische Kandidat Grigorowitsch der erste Bukowiner Vertreter im Wiener Parlament. Grigorowitsch hatte eine russisch-jüdische Frau, eine bekannte Marxistin. Doch als er sich nach dem Anschluß der Bukowina an Rumänien positiv für diesen aussprach, verlor er in der sozialdemokratischen Partei an Einfluß. 1938 trat er aus und schloß sich der "Front der nationalen Erneuerung" an, die von König Carol II. gegründet wurde.

Aber nicht nur in der k. u. k. Monarchie, auch in Rumänien stellte Czernowitz den einzigen sozialdemokratischen Abgeordneten, Dr. Pistiner. Die Zionisten wurden von Dr. Ebner geführt, und in dieser orthodoxen, strenggläubig jüdischen Stadt lebte sogar der Leiter der atheistischen Bewegung des Landes, Dr. Rosenblatt, der sich weigerte, seine Jungen beschneiden zu lassen. Auch die Kommunisten hatten in Czernowitz einen bedeutenden Fuhrer gefunden, den aus Altrumänien stammenden Rechtsanwalt Dr. Patrascanu, der später von seinen eigenen Parteigenossen hingerichtet wurde.

Czernowitz war also ein geistiges Zentrum der Juden im Südosten. Manche, die zwar nicht dort geboren wurden, kamen nach dem furchtbaren Pogrom 1903 in Kischinew und anderen Orten hierher. Vorübergehend wirkte hier, aus Galizien nach Rumänien ziehend, der jüdische Dramaturg Roman Ronetti. Der Lyriker Eminescu' der sich damals noch Eminowitsch nannte, besuchte hier das Gymnasium. Der russische Emigrant Katz machte hier Station, der sich später Dobrogeanu-Ghera nannte und der die erste rumänische Grammatik schuf. Sein Sohn wurde der Gründer der rumänischen kommunistischen Partei. Abraham Goldfaden (1840 in Rußland geboren, 1908 in New York gestorben), Dramaturg, Dichter, Artist und Gründer des ersten jiddischen Theaters, redigierte längere Zeit die Czernowitzer Zeitung "Israelisches Volk".

Rastlosigkeit liegt im Wesen des jüdischen Temperamentes. Daher haben jüdische Kaufleute und jüdische Händler es in der Welt stets zu etwas gebracht und automatisch Neid und Haß erweckt. Auch Czernowitz hatte als Stadt schon im ersten Weltkrieg Schweres mitmachen müssen. 1914 kamen die Russen über die Stadt und 1917 gleich zweimal. Immer wieder wogten die Kämpfe hin und her, wurden die versperrten Läden geplündert, Frauen vergewaltigt und Männer erschlagen. Nur dem orthodoxen Bischof Scepta ist es zu danken, daß viele gerettet wurden, denn er trat seinen russischen Glaubensgenossen mutig entgegen und hielt viele zurück.In der alten k. u. k. Monarchie war Czernowitz ein Lieblingskind derWienerVerwaltung,undHunderteAnekdoten waren in meiner Kindheit im Umlauf, die zeigen sollten, wie gut es den Juden in der österreichischen Monarchie ging; ein wehmutvolles Erinnern sicherlich, durch die Sehnsucht verklärt.

Eines Tages soll Kaiser Franz Joseph an einem Samstag den amtierenden Rabbiner Dr. A. H. Weiß zu sich gerufen haben, um etwas mit ihm zu besprechen.

Auch der katholische Bischof der Diözese war bei der Audienz zugegen. Der Kaiser, der schmunzelnd die beiden Konkurrenten betrachtete, bot ihnen besonders feine Havannazigarren an. Geschmeichelt entzündete der Bischof das kostbare Kraut, während der Rabbiner - es war ja Sabbat und daher der Genuß von Nikotin streng verboten - die Zigarre umständlich in sein Taschentuch wickelte und einsteckte.

Der Bischof ergriff sofort die Gelegenheit, um dem Rabbiner eins auszuwischen. "Majestät", bemerkte er anklagend, "dem Rabbiner paßt Eurer Majestät Zigarre nicht."

Der Kaiser stutzte: "Was ist los, warum blamierst du mich?"

"Niemals fiele mir so etwas ein, Majestät", wehrte Rabbi Dr. Weiß gefaßt ab, "es wäre eine Sünde, Eurer Majestät wunderbares, erhabenes Geschenk in wenigen Minuten in Rauch aufgehen zu lassen. Majestät muß mir erlauben, daß ich es der ganzen Gemeinde zeige, ehe die Zigarre, in Gold gefaßt, unterm Glasrahmen bei mir aufgehängt wird."

Der Kaiser, der sehr wohl wußte, warum der Rabbiner die Zigarre nicht entzündete, lachte schallend, und selbst der Bischof mußte schmunzeln. Ein Beispiel vom Geist des alten Österreich mit der Parole "leben und leben lassen".

Die Deutschen bewohnten in Czernowitz die Vorstadt Rosch. Man nannte sie Roscher Schwaben. Sie waren hauptsächlich Handwerker und Bauern. Das Verhältnis zwischen den Roscher Schwaben und uns Juden war keineswegs schlecht.

Dieses, man kann ruhig sagen friedliche Dasein war nach dem ersten Weltkrieg mit dem Einmarsch der Rumänen in die vorher österreichische Bukowina schlagartig zu Ende. Die rumänische Armee, die in Czernowitz einrückte, machte auf uns einen niederschmetternden Eindruck. Wir waren die disziplinierte und immer sauber uniformierte k. u. k. Armee gewöhnt. Nunmehr rückten die rumänischen Soldaten in zerlumpten Uniformen ein, die meisten hatten nicht einmal Schuhe an den Füßen, sondern nur Opanken.

Die erste Aktion der Rumänen war die sofortige Umbenennung all jener Gassen in der Stadt, die deutsche Namen trugen; fast alle trugen nämlich deutsche Namen.

Einer der maßgebenden rumänischen Beamten wurde dabei von der Bevölkerung gebeten, doch wenigstens die Namen Heinrich Heine und Johann Wolfgang von Goethe zu belassen, die doch auch in der rumänischen Literatur längst zum Begriff geworden waren. Hochmütig blickte der Rumäne auf die Bittsteller und sagte barsch:

"Wir kamen ohne Heine und Goethe, wir brauchen sie auch weiterhin nicht."

Verblüffi ging die Deputation, bis schließlich einer der Bürger in lautes Gelächter ausbrach. Er hatte das Rätsel gelöst. Der rumänische Beamte, der sein Leben lang noch nie etwas von den Dichtern Goethe und Heine gehört hatte, hatte nur heine verstanden; heine heißt im Rumänischen Kleider. Bei Goethe hatte er gete gehört; das heißt im Rumänischen Schuhe.

Die Rumänen führten die Prügelstrafe ein. Wegen geringfügiger Vergehen gab es fünfundzwanzig Hiebe mit der Peitsche, und auch andere Maßnahmen zeigten, daß sich die Rumänen als Kolonialherren fühlten. Sie mühten sich, die Verhältnisse um hundert Jahre zurückzuschrauben. Der bisherige Frieden war zu Ende. Auf den Ämtern wurden Schilder angeschlagen: "Hier wird nur rumänisch gesprochen." Die erdrückende Mehrheit der Bevölkerung, vor allem in Czernowitz, sprach aber nur deutsch beziehungsweise jiddisch. Das gab manche Reibereien.

Es zeigte sich in den folgenden Jahren immer deutlicher, daß die Klassengegensätze, die nun einmal auch hier in Czernowitz die Menschen in reich und arm teilten, auch vor den Juden nicht haltmachten. Wenn man in der Welt das Wort Jude hört, denkt man unwillkürlich an Bankiers, reiche Kaufleute und Händler. Nur die wenigsten wissen, daß die große Mehrheit der Juden in Polen, in Rußland und natürlich auch in der Bukowina arm war. Das jüdische Proletariat stellte die Masse. Die jüdische Bourgeoisie machte nur einen Bruchteil des Ost- und Südostjudentums aus.

Die besitzenden Juden vertrugen sich gut mit den Rumänen, und es entstanden bald mancherlei Auswüchse. Mitte der dreißiger Jahre wurde im Zentrum von Czernowitz von der Polizei ein Klub ausgehoben, in dem sich Töchter reicher Juden im Evakostüm mit rumänischen Offizieren und anderen Christen, die im Adamskleid erschienen waren, ein Stelldichein gaben. Lediglich die rumänischen Offiziere behielten zur Kenntlichmachung der Standesunterschiede ihre Mützen auf. Die einflußreichen und sicherlich entsetzten Väter der gelangweilten weiblichen jüdischen Jugend von Czernowitz konnten aber erreichen, daß dieser Skandal unterdrückt wurde. Für die ärmere Bevölkerungsschicht gab es zwei jüdische Prostituierte in dieser Zeit - ein großes Ereignis für die ganze Umgebung. Die eine war die Nichte des getauften gerichtsmedizinischen Sachverständigen Dr. Zuf, die zweite ein bildhübsches Mädchen mit dem Namen Schuß, die später ein furchtbares Ende nahm. Sie wurde von einem Sexualmörder zerstückelt, der nie gefaßt werden konnte.

Nur ein geringer Teil der jüdischen Bevölkerung hatte Zeit für Ausschweifungen. Die armen Juden hatten andere Sorgen: Sie mußten ihre Frauen und ihre meist zahlreichen Kinder sattbekommen. So kam es, daß sich unter dem jüdischen Proletariat sowohl in den Reihen der sozialdemokratischen Partei, im "Bund", als natürlich auch in der kommunistischen Partei immer mehr Juden für die sozialpolitischen Probleme interessierten. Besser als alles andere skizziert eine Anekdote die Situation, die allmählich die geschlossene Einheitsfront der Juden erschütterte und sie schließlich ganz zum Einsturz brachte:

Zu einem Rabbi kam einst ein junger Mann mit der Bitte, ihn von einer großen Sünde freizusprechen.

Sprich nur, mein Sohn", sagte der Rabbi, "damit du deinen Seelenschmerz erleichterst."

"Rabbi", seufzte der junge Mann, "ich habe ein Verhältnis mit einer jungen verheirateten Frau gehabt."

Der alte Rabbi wiegte mißbilligend den Kopf und bestätigte:

"Das ist eine Sünde." Er nahm ein Stückchen Kreide und machte auf die Tafel, die vor ihm lag, ein Zeichen. "Sprich weiter, mein Sohn."

"Rabbi", gestand der junge Mann, "die Sünde habe ich begangen an einem Freitagabend."

Finster blickte der Rabbi den jungen Mann an. "Dann ist die Sünde ja noch viel schlimmer. Am Freitagabend müßte doch die Frau ihrem Ehemann gehören." Er nahm erneut die Kreide und machte zwei Striche auf die Tafel. "Nun weiter, mein Sohn, wer war die Frau?"

"Das kann ich doch nicht sagen", stammelte der Gefragte.

"Du mußt es", beharrte der Rabbi.

"Na gut", flüsterte der junge Mann, "sie ist die Frau des Kantors vom Neuen Tempel, des Redners der sozialistischen Partei."

Der Rabbi sah ihn durchdringend an, nahm behutsam den Schwamm und wischte gemächlich alle Zeichen von der Tafel ab. "Der, der ewig lebt, wird helfen", sagte er leise. "Geh, mein Sohn, nach Hause, du hast nicht gesündigt!"

Diskussion um den Zionismus

Angesichts der großen Bedrohung des Judentums durch Adolf Hitler, der zwar keinesfalls der Vater des Antisemitismus war, sondern dem in den Völkern seit Jahrhunderten schwelenden Antisemitismus nur neuen Auftrieb verlieh, schienen einige Zeit die Gegensätze innerhalb der Juden zurückzutreten und so etwas wie eine jüdische Einheit zu entstehen. Jedoch, auch das war nur eine Illusion. Von Polen kamen sonderbare Nachrichten: Die Deutschen organisierten dort jüdische Gettos mit jüdischer Verwaltung. Es schien, als ob die Greuelnachrichten doch etwas übertrieben hätten.

Gleichzeitig durchliefen wieder zionistische Parolen die Gassen der Stadt. In den von den Sowjets besetzten polnischen Gebieten sollten die Juden keine russische Staatsbürgerschaft annehmen, die Annahme der sowjetischen Pässe verweigern. Wenn irgend möglich, sollten die Juden in das von den Deutschen besetzte polnische Gebiet hinüberwechseln.

Vergebens zerbrach ich mir den Kopf, welchen Zweck es wohl haben könnte, den Menschen solche Weisungen zu geben. Eines Abends saßen wir, ein paar Arbeitskollegen und ich, beisammen, als ich seltenen Besuch bekam. Der alte Dr. Katz stand plötzlich im Zimmer. Ich hatte ihn monatelang nicht gesehen und war sehr erfreut. "Wie geht es, Herr Doktor?" fragte ich neugierig.

Dr. Katz lächelte ironisch: "Mir geht es sehr gut. Ich verdiene tausend Gulden am Tag."

"Das ist aber ausgezeichnet!" rief ich aus. Auch meine beiden Arbeitskollegen nickten zustimmend. Meist nannten wir die Lei in Anlehnung an die alte Zeit noch immer Gulden.

Dr. Katz schmunzelte verschmitzt. "Aber nicht jeden Tag ist Purim."

Wir lachten schallend. Purim ist nach dem Buch Esther ein Fest. Wir Juden gedenken an diesem Tag, der jeden März sich jährt, der Errettung der Juden zur Zeit König Ahasveros und Hamans.

An diesem Purim-Tag ist es üblich, daß die Bettler in jeder jüdischen Familie reich beschenkt werden. Sie erhalten an diesem einen Tag meist mehr als im ganzen Jahr. Einst warb ein junger Schnorrer um die Tochter eines reichen Mannes und erhielt sie auch, weil er sagte: "Ich verdiene tausend Lei am Tage."

Das junge Paar heiratete und lebte von der Mitgift. Der Mann brachte nur sehr wenig Geld nach Hause. Ungeduldig drängte ihn schließlich die junge Frau: "Was ist los? Wo bleibt das Geld? Was ist denn mit deinen tausend Lei, die du am Tag verdienst?"

Der junge Schnorrer grinste und zuckte die Schultern: "Nicht jeden Tag ist Purim." Denn nur an diesem Tag im Jahr hatte er tausend Lei verdient.

"Um ehrlich zu sein, mir geht es schlecht", gestand der alte Arzt bekümmert. "Die Wulechs lassen mich nicht verdienen, und unsere Leute sind versorgt." Wulechs nannten wir die Rumänen, da einst ganz Rumänien Walachei hieß.

Nun", sagte ich schließlich ernst, "lieber Doktor, Sie ernten ja das, was eure Führer gesät haben."

Meine Arbeitskollegen, die gleich mir für die Zionisten nicht viel übrig hatten, nickten.

Dr. Katz fuhr entrüstet auf. "So ist es richtig", sagte er, "die ganze Welt verfolgt uns. Wir Juden werden ans Kreuz geschlagen, und ihr fangt nun an, den Keil zwischen uns immer tiefer zu treiben."

"Wenn jemand den Keil zwischen uns Juden getrieben hat", entgegnete Isidor heftig, "dann waren es wohl die Zionisten und nicht die anderen Juden." Isidor war ein junger, intelligenter Arbeiter, der sich viel mit Politik beschäftigte. "Als 1936 aus Palästina die zionistischen Führer Ben Gurion, Dr. Grünbaum und andere nach Warschau kamen, hielten sie bekanntlich ihre Pressekonferenz ab, die ausschließlich für christliche Zeitungen bestimmt war. Nachdem euer Dr. Grünbaum schon 1928 mit seiner Erklärung: ,Die Juden verpesten die Luft in Polen' den Antisemiten klassischen Propagandastoff lieferte, bestätigte er auf dieser Pressekonferenz unter anderem: ,Die Juden sind wirklich ein Stein im Wege des polnischen Bauern und der Frau des polnischen Unteroffiziers!'

Ben Gurion aber meinte, der einzige Ausweg aus diesem Dilemma sei: die totale Emigration aus Polen."

"Was sollen diese alten Kamellen", entrüstete sich Dr. Katz.

"Verzeihen Sie, Herr Doktor", mischte ich mich nun ein, "so etwas kann man nicht bagatellisieren. Nicht nur die polnischen Zeitungen, allen voran natürlich die antisemitischen, veröffentlichten lobend diese Erklärungen jüdischer Staatsmänner, sogar der ärgste Judenhetzer in Deutschland, Julius Streicher, publizierte 1936 die Erklärung Dr. Grünbaums in seinem Hetzblatt 'Der Stürmer' und fügte zum Schluß lobend hinzu: Grünbaum ist ein anständiger Jude.'"

"Und was ist mit unserem Professor Reifer?" fragte Isidor scharf.

Der alte Arzt machte eine wegwerfende Bewegung und klopfte mit dem Zeigefinger auf die Stirne.

Isidor lachte. Seine dunklen, mandelförmigen Augen funkelten. "Der ist nur konsequent weitergegangen auf dem Weg, den ihr Zionisten eingeschlagen habt. Professor Manfred Reifer, Zionisten-Führer von Czernowitz, Abgeordneter des rumänischen Parlaments, schrieb ganz klar und deutlich, als er von der Makkabiade in der Tschechoslowakei zurückkam: ,Der neue deutsche nationalsozialistische Staat wird helfen, zu einem Judenstaat zu gelangen.' Habt ihr widersprochen?" Der junge Arbeiter blickte den alten Zionisten durchdringend an. "Ihr habt es nicht. Erst als der Dr. Goebbels, wohl wissend, was dieser Satz für seine Propaganda wert war, die Reiferschen Konsequenzen über seinen Rundfunk in die Welt hinaussandte, wurde der arme Professor Reifer für irrsinnig erklärt. Dabei hat er nichts getan, als folgerichtig weitergedacht."

"Es ist schwer", seufzte Dr. Katz und fuhr sich mit der Hand über sein graues Haar, das sich an den Schläfen immer stärker weiß verfärbte. "Sicher wurden auch Fehler gemacht."

"Von Fehlern", entgegnete ich, "kann man doch wohl hier nicht sprechen. Es handelt sich um die Grundauffassung. Unser Genosse H. Ehrlich hat schon im Oktoberheft 1938 der New Yorker jüdisch-sozialistischen Monatszeitschrift ,Die Zukunft' ganz unmißverständlich geschrieben, was wir denken. Hier", ich hielt das Blatt, das mir Freunde des "Bundes" schon vor mehr als einem Jahr aus Amerika geschickt hatten, in der Hand: "Was kann im besten Fall ein jüdisches Palästina sein?" las ich vor. "Ein Staat vom kleinsten hebräischen Stamm des jüdischen Volkes. Wenn die Zionisten zu den Glaubensbrüdern reden, sind sie gewichtige Demokraten und stellen die Verhältnisse im heutigen und im kommenden Palästina als Muster von Freiheit und Fortschritt vor. Jedoch, wenn in Palästina ein jüdischer Staat entstehen wird, wird sein geistiges Klima ein ewiger Schrecken für den äußeren Feind, den Araber, sein, ein ewiger Kampf um jeden Fußbreit Erde, um jeden Brocken Arbeit für den inneren Feind, den Palästina-Araber, und ein unermüdlicher Ausrottungskampf gegen Sprache und Kultur der nicht-hebräischen jüdischen Einwohner in Palästina. Ist das ein Klima, in welchem Freiheit, Demokratie und Fortschritt gedeihen können? Ist das nicht ein Klima, in welchem Reaktion und Chauvinismus blühen?"

"Ich sagte schon", erwiderte Dr. Katz müde, "Fehler werden gemacht aber was ist das alles, wenn wir Juden endlich eine Heimstatt bekommen, ein Vaterland?"

"Nun", sagte Isidor gelassen, "gegen dieses Streben ist nichts einzuwenden. Allein auch die Territorialisten haben schon lange vor dem Zionismus solches angestrebt. Haben Sie noch nie etwas von der Baron-Hirsch-Siedlung in Argentinien gehört?"

Dr. Katz lächelte überheblich. "Mit Philantropen können wir Weltprobleme nicht lösen. Als Theodor Herzl kam, verschwanden alle diese Hirngespinste im Nu."

"Doktor, Doktor", sagte ich traurig, "es ist doch furchtbar! Man kann mit einem Zionisten über alles diskutieren, nur nicht über den Zionismus. Dann bekommt er gleich einen gläsernen Hintern."

Alle lachten. Selbst Dr. Katz lächelte mit. Es gab in Kischinew einen sehr intelligenten Mann, der überaus belesen war. Man konnte mit ihm über Literatur und Wissenschaft diskutieren, und er hatte ein Wissen, das bewundernswert war. Niemand hätte geahnt. was mit ihm los war, nur wenn man ihn aufforderte, sich zu setzen, wurde er verlegen und abwechselnd rot und weiß. Unsicher gestand er, daß er unglücklicherweise gerade das nicht tun könnte: Sich setzen, denn sein Hinterteil wäre aus Glas.

Die Arzte waren machtlos, jedoch, da er sonst völlig harmlos war, ließ man ihn gewähren. Er schadete niemand, er nützte niemandem. Nur sein gläsernes Hinterteil bereicherte unseren Anekdotenschatz.

"Dr. Theodor Herzl", fuhr ich fort, "ist kein gutes Beispiel. Es ist doch bekannt, daß der politische Begründer des Zionismus nach seiner ersten Palästinareise, die er wenige Jahre vor seinem Tod unternahm, tief enttäuscht und verwirrt zurückkam. Er spielte sogar mit dem Gedanken, in Uganda einen Judenstaat zu errichten. Ich glaube, es war ein Glück für die chauvinistischen Zionisten, daß ihr geistiger und ideologischer Begründer 1904 so jung verstarb. Ich fürchte, sie hätten sonst ihren obersten Führer sowieso frühzeitig verloren. Nicht einmal sein Sohn Hans ging nach Palästina."

"Ganz im Gegenteil", lachte Isidor, "er ließ sich gemeinsam mit seiner Schwester Pauline taufen, obgleich sein Vater einst so sehr hoffte, daß er seine Arbeit weiterführen würde. Und wie war das im September 1937 beim Völkerbund in Genf? Damals überreichten die Delegierten des jüdischen Weltkongresses dem Völkerbund ein Memorandum, in welchem eine Reihe Vorschläge gemacht wurde, wie man England unter Druck setzen sollte, damit es eine größere Einwanderungsquote von Zionisten nach Palästina gestatte. Kein Wort des Protestes gegen jene Staaten, in denen sich der Antisemitismus immer deutlicher und drohender bemerkbar machte! In Deutschland konnte man längst klar erkennen, wohin der Kurs führte. In Polen fanden Pogromausschreitungen statt, und die rumänische Regierung Goga-Cuza drohte mit der Ausbürgerung der rumänischen Juden. So mußte sogar das ,Zionistisch-israelische Wochenblatt' in Zürich im September 1937 halb ironisch, halb erbittert schreiben, ,man müsse einmal zusehen, wie Dr. Nachum Gold-mann seriös mit Vertretern der antisemitischen Staaten verhandele und dabei keine Möglichkeit finde, ein Wort des Protestes gegen die Judenverfolgungen vorzubringen'."

"Und der polnische Außenminister Oberst Beck", fügte ich hinzu, "erklärte nach einer Konferenz mit dem Führer des Weltzionismus Professor Chaim Weizmann: ,Wir kamen mit dem Professor über alle Fragen der jüdischen Auswanderung offen überein.' Nicht umsonst haben Weizmann, Goldmann, Schertok' der sich nun Scharet nennt, und andere versichert: ,Sollte es zu einem Zusammenstoß zwischen den Interessen des jüdischen Staates und jenen der Juden im Galuth [Verbannung] kommen, müßten die letzteren geopfert werden.'"

"Na also", Isidor stand auf, "deutlicher könnt ihr es ja gar nicht haben. Und wir wurden eben geopfert. Der Zionismus ist nicht nur geistig verwandt mit dem Antisemitismus, er kann ohne ihn überhaupt nicht leben. Das Furchtbare ist, daß gerade die Zionisten allergrößtes Interesse am Antisemitismus haben. Je mehr Unrecht die Juden in der Welt erleben müssen, je mehr sie verfolgt werden, desto besser stehen die Chancen der Zionisten."

"Hört endlich auf!" schrie der alte Doktor. "Ihr redet und redet und redet, aber ändern könnt ihr nichts."

"Wenn wir es auch nicht ändern können", widersprach ich, "so wollen wir doch wissen, was gespielt wird. Wir alle haben allmählich das Gefühl, daß wir nur Marionetten sind. Wir werden hin und her geschoben, und an ganz anderer Stelle werden die Drähte gezogen. Ich fürchte, nicht einmal immer in Berlin."

Die anderen schwiegen.

"Und es ist unser Leben", sagte Isidor leise. "Und wir können aus diesem Teufelsspiel nicht mehr heraus. Es ist zum Ersticken."

"Nu, Jüngelchen", Dr. Katz erhob sich, "mach nur nicht gleich in die Hose. Die werden droben schon wissen, was sie wollen. Und merkt euch: Was wir sind, sind wir. Aber Juden sind wir."

Ich seufzte. "Das haben wir nie bestritten, Doktor", schloß ich müde die Diskussion, "doch schließlich sind wir deshalb nicht verpflichtet, jeden Wahnsinn zu erdulden, und auch nicht, jeden Wahnsinn mitzumachen."

Wir schieden zwar nicht feindlich, aber uneins.

Natürlich verfolgten wir mit Anteilnahme die Weltpolitik, und lange bevor die rumänischen Zeitungen oder das rumänische Radio die Dinge veröffentlichten, wußte die jüdische Gemeinde von den Ereignissen. Auf geheimnisvollen Wegen kamen die Nachrichten, die sich auch meist später als richtig bestätigten. Wir waren daher sehr beunruhigt, als etwa ein Jahr nach unserer Flucht aus Lemberg plötzlich neue Gerüchte entstanden: Jenseits der bessarabisch-russischen Grenze wären starke Sowjettruppenverbände aufmarschiert. Kein Mensch konnte sich das alles erklären.


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