Die Russen kommen

Einmarsch der Roten Armee

Am 19. Juni 1940 gab es keinen Zweifel mehr. Schon tags zuvor hatte die Sowjetregierung der rumanischen Regierung ein Ultimatum gestellt und gefordert, daß innerhalb dreier Tage Bessarabien und die Hälfte der Bukowina bedingungslos der Roten Armee, die damals unter General Schukow vor Rumänien stand, zu übergeben wären. Eineinhalb Tage hatte die Regierung von Bukarest tatenlos verstreichen lassen und der Bevölkerung das Ultimatum unterschlagen. Der rumänische König Garol II., der sehr aktiv an der Politik seiner Regierung teilnahm, hatte sich vergeblich an England gewandt und namentlich an Frankreich, das sich durch Verträge verpflichtet hatte, die Souveränität Rumäniens zu schützen. Jedoch in Paris und London hatte man andere Sorgen.

England und Frankreich befanden sich mit Deutschland im Kriegszustand. Mit der Sowjetunion dagegen im Frieden. Außerdem stand Frankreich zu jener Zeit schon unmittelbar vor dem militärischen Zusammenbruch. Mitte der dreißiger Jahre hatte Rumänien auf Anraten Frankreichs diplomatische Beziehungen zur UdSSR aufgenommen. Die Frage Bessarabiens wurde dabei totgeschwiegen. Die Sowjetunion verzichtete nicht auf Bessarabien, das bis zum Jahre 1917 russisches Gebiet und später von Rumänien annektiert worden war, und Rumänien verzichtete auf die diplomatische Anerkennung Moskaus, Bessarabien als einen Teil Rumäniens zu bezeichnen. Dieser Ausweg erleichterte die Erfüllung des französischen Wunsches nach Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Moskau und Bukarest und ließ den Sowjets gleichzeitig die Möglichkeit, ihre Forderung später nachzuholen. Moskau verstand es ausgezeichnet, die internationalen Gegebenheiten in bezug auf Bessarabien zu seinen Gunsten auszuwerten.

Die Sowjetunion verlangte aber nicht nur das einst zu Rußland gehörende Bessarabien, sondern auch die Bukowina bis Suceava. Die Russen begründeten ihre Forderung damit, daß in diesem Teil der Bukowina die Mehrheit der Bevölkerung ukrainischer Nationalität war. Allerdings lebten dort auch starke jüdische, deutsche und rumänische Minderheiten. Die Forderung wurde auch nicht nur mit der Bevölkerungsverhältnissen begründet. Rußland verlangte vielmehr Entschädigung dafür, daß Bessarabien fast fünfundzwanzig Jahre lang unter rumänischer Herrschaft gestanden hatte. Offensichtlich wollte der Kreml verhindern, daß sich ukrainische Nationalisten außerhalb der UdSSR, wie seinerzeit in der Tschechoslowakei, zu Wortführern der in der Sowjetunion lebenden Ukrainer machten Mit der Erfüllung dieses Ultimatums brachte die Sowjetunion wieder einen Teil der restlichen europäischen Ukraine unter ihre Herrschaft. Vor dem ersten Weltkrieg hatte die Bukowina zur k. u. k Monarchie gehört, Bessarabien zum russischen Zarenreich. Hier lag auch der damalige russische Verschickungsort Kischinew, wo einst der Dichter Puschkin strafweise einige Zeit hatte verbringen müssen.

Bessarabien war von den Rumänen stets wie eine Kolonie behandelt worden. Die bukarester Regierung hatte die russische Bevölkerung von jeher mit Mißtrauen angesehen. Und in der Bukowina hatte man sich die ganze Zeit nach der alten österreichisch-ungarischen Monarchie zurückgesehnt. Rumänien hatte auch hier nichts investiert, keinen Meter Straße gebaut und keinen Leu angelegt.

Kaum wurde in Czernowitz die Wahrheit bekannt, so begannen chaotische Zustände zu herrschen. Wir wohnten in der langen Russischen Gasse, und durch die Häuser fraß es sich wie ein Lauffeuer. Ich war wie gelähmt. War alles vergebens gewesen? Wir waren in Lemberg vor dem Krieg geflohen. Und jetzt hatte uns der Krieg in Czernowitz eingeholt.

Tausende von Familien wurden durch die neuen Demarkationslinien auseinandergerissen. Selbst Arbeitsstellen gingen verloren. In wenigen Stunden brachen aus allen größeren Ortschaften, vor allem aus Kischinew und Czernowitz, Menschenmassen auf. Die größeren Geschäfte, die Betriebe und die Banken schlossen sofort. Mit äußerster Geschwindigkeit versuchten besonders die begüterten Familien ihr Hab und Gut in Sicherheit zu bringen. In hellen Scharen flüchteten sie in Richtung Rumänien. Diesmal aber waren die Rumänen nicht mehr so zugänglich wie ein Jahr zuvor gegenüber den polnischen Flüchtlingen. Die Masse der Flüchtenden wurde von der rumänischen Polizei und dem rumänischen Militär wieder zu den Russen zurückgeschickt, nachdem ein Erlaß die Flucht aus Bessarabien und der nördlichen Bukowina erschwert hatte.

Die rumänischen Behörden, die Polizei und vornehmlich das Sicherheitsamt, die Siguranta, verschwanden mit Windeseile und ließen zum Teil ganze Archive voll geheimer Dokumente zurück. Alle Züge, die nach Rumänien führten, waren brechend voll.

Wir dagegen blieben in Czernowitz. Ich hatte mich mit meiner Familie und in erster Linie mit meiner Frau besprochen. Wir hatten kein Kapital. Ich hatte mich mein ganzes Leben lang von meiner Hände Arbeit ernähren müssen und tue das, nebenbei bemerkt, heute noch. Mir konnten die Russen nichts wegnehmen als höchstens mein Leben. Und warum sollten sie das? dachte ich. Ich bin ein Arbeiter. Also blieben wir diesmal und warteten der Dinge, die da kommen sollten.

Am dritten Tag begann die Rote Armee in Bessarabien und in der Bukowina einzumarschieren. Die russische Bevölkerung Bessarabiens, die von den Rumänen unterdrückt worden war, jubelte. Es gab Blumen und Teppiche. In der Bukowina freilich wurden die Rotarmisten lediglich höflich empfangen. Die Rote Armee öffnete augenblicklich alle Gefängnisse und Zuchtbäuser und befreite alle Gefangenen, unter denen sich eine kleine Anzahl Kommunisten befand, denn die Kommunistische Partei war ja in Rumänien illegal gewesen.

In Czernowitz rückten die Sowjetarmisten mit Panzern ein, die Infanterie marschierte in Achterreihen und machte einen bestechenden Eindruck. Es handelte sich offenbar um Elitetruppen, die alle überaus sauber waren und ein tadelloses Benehmen an den Tag legten. Es gab keinerlei Ausschreitungen, niemandem wurde ein Haar gekrümmt. Allerdings blieben die Truppen in den Kasernen, und es bestand nicht der geringste Kontakt mit der Bevölkerung.

Unter sowjetischer Verwaltung

Die Zivilverwaltung hatte die Rote Armee gleich mitgebracht. Nur die aus den Gefängnissen entlassenen Kommunisten wurden als Helfer aufgenommen. In einem Ukas verkündete General Schukow der Bevölkerung der Bukowina, daß das Leben in normalen Bahnen weiterlaufen würde, daß niemand Angst zu haben brauche, denn die Rote Armee wäre als Befreier gekommen.

Es lief alles wie am Schnürchen. Überrascht beobachteten wir alle, wie die zivile Verwaltung zu amtieren begann. Als erstes nahm sie den Bestand an freigewordenen Wohnungen, Geschäften und sonstigen Unternehmungen, deren Inhaber geflüchtet waren, sowie an deren zurückgelassenem Eigentum auf. Die Grenze blieb inzwischen offen. Wer hüben oder drüben arbeitete, konnte ungehindert die Demarkationslinie passieren, und überdies kehrten laufend Bessarabier und Bukowiner aus Rumänien zurück, auch solche, die nunmehr vom Militärdienst entlassen wurden. Lediglich von seiten der aus der Bukowina Geflüchteten kam es zu einigen Gewalttaten gegen jene Bukowiner, die Rumänien verließen, um in die Heimat zurückzukehren. Die Rote Armee schaltete sich überhaupt nicht ein. Nur die rumänische Regierung, unterstützt von der Presse, ersuchte die Bevölkerung, Ausschreitungen zu unterlassen, um Moskau keine Handhabe für Anschuldigungen zu geben.

Die Bukarester Regierung ließ das sowjetische Konsulat, das in einem der schönsten und teuersten Gebäude der Kisselew-Allee lag, durch Militär schützen. General Kisselew war vor rund einhundert-fünfzig Jahren der russische Statthalter in dem nachmaligen Rumänien gewesen. Für uns änderte sich zunächst nichts.Du wirst sehen, es wird alles so bleiben", sagte meine Frau hoffnungsvoll, als ich wieder einmal nach Hause kam. Schon waren vierzehn Tage vergangen, und Bessarabien und die Bukowina, wie ein Jahr zuvor Galizien, ein Teil der Sowjetunion geworden. Bessarabien wurde mit der sowjetischen Moldau-Republik vereinigt, und Kischinew wurde die Hauptstadt. Die Bukowina kam zur Sowjetukraine. Wenn ich in Lemberg geblieben wäre, wäre es nicht anders geworden.

Vier Wochen nach dem Sowjeteinmarsch begann die Zivilverwaltung das Privateigentum zu sozialisieren. Von dieser Maßnahme wurden in erster Linie der Hausbesitz, der Grundbesitz, die Geschäfte und die Industrie betroffen. Schlauerweise ließ man die Bauern vorläufig völlig aus dem Spiel. Es wurden eigene Kommissionen errichtet, die auch Einheimische mit ukrainischen oder russischen Sprachkenntnissen als Angestellte bei der Bestandsaufnahme beschäftigten.

Die Verstaatlichung ging vorerst ganz einfach vor sich. Es wurde jedes Vermögen sozialisiert, das nicht aus persönlicher Arbeit stammte. Beispielsweise wurde ein Häuschen oder ein Geschäft, das der Besitzer mit Hilfe bezahlter Angestellter oder anderer Arbeitskräfte erworben hatte, verstaatlicht. Daneben wurde zunächst ein dreistöckiges Haus, das sich der Besitzer durch seine eigene Arbeitskraft oder durch Mitwirkung seiner Familienangehörigen erworben hatte, nicht beschlagnahmt. Alles wurde nach sowjetischem Muster organisiert. Kleinere Unternehmungen wurden in Genossenschaften zusammengelegt und erhielten eine zentrale Führung.

Das Straßenbild von Czernowitz verwandelte sich schlagartig. Hüte und Krawatten verschwanden ebenso wie Halbschuhe. Plötzlich trugen alle Männer Mützen jeder Form und Farbe. Während die größeren Geschäfte, wie Delka-Schuhe oder das Textilhaus Dr. Schnee, geschlossen wurden - natürlich wurden auch alle Banken, soweit sie noch bestanden, geschlossen und eine Staatsbank errichtet -, konnten kleine Läden offenhalten. Der Einzelhandel wurde einstweilen von den Maßnahmen nicht berührt.

Fieberhaft versuchten die Kaufleute noch vor der Beschlagnahme Waren von größeren Geschäften in kleinere Läden zu schieben. Auch die Handwerker, soweit es sich um Kleinbetriebe handelte, konnten weiterarbeiten. Nach kurzer Zeit wurden sie jedoch zu Genossenschaften zusammengeschlossen. Zwar wurde niemand gezwungen, aber wer der Genossenschaft nicht beitrat, erhielt bald wenig oder gar kein Arbeitsmaterial. Bevor die Handwerker verhungerten, beugten sie sich. Das Geld wurde sehr günstig umgetauscht. Für einen Leu gab es einen Rubel.

Trotz alledem war die jüdische Bevölkerung bis zu diesem Zeitpunkt glücklich, daß die Rote Armee und nicht die Deutsche Wehrmacht gekommen war. Man hoffte, auch die Sowjetisierung überstehen zu können. In dieser Zeit wurden viele Witze gemacht, und die Zurückgebliebenen nahmen das Ganze nicht recht ernst.

Parallel mit den wirtschaftlichen Umwälzungen setzte eine politische Schulung der Bevölkerung ein. Hauptbestandteil dieser Umschulung war das Studium der neuen kommunistischen Verfassung. Vom Lande strömten riesige Menschenmassen in die Stadt, und Czernowitz hatte seit seinem Bestehen noch nie eine so hohe Einwohnerzahl erreicht wie in jenen Tagen: rund 200 000, davon etwa 150000 Juden. Die Kommunisten richteten im Rathaussaal seit Arbeitsvermittlungsamt ein, und die Verbindungen dieses Amtes erstreckten sich bis weit in die Sowjetunion. Wer Arbeit wollte, er hielt sie schnell. Allerdings nicht immer in der Heimat.

Wieder vergingen einige Wochen in verhältnismäßiger Ruhe, um gerade als wir uns an die neue Ordnung zu gewöhnen begannen fing die polizeiliche Erfassung der Bevölkerung an. Gleichzeitig wurden Kennkarten ausgegeben, welche die neue Staatszugehörigkeit bestätigten.

Die Kennkarten waren es, welche die erste große Unruhe hervorriefen. Im Betrieb redete mich ein Arbeitskollege, gleich mir Jude und Sozialist, an:

Hast du schon deine Kennkarte?"

Ich bejahte. Er wollte sie sehen. Erstaunt reichte ich sie ihm. Tief aufseufzend gab er sie mir zurück.

"Was hast du?" fragte ich.

Schweigend zeigte er mir seine Kennkarte. Sie hatte einen winzigen Kreis in der oberen Ecke. "Es gibt auch noch andere Zeichen flüsterte er. "Weißt du, was sie bedeuten?"

Ich verneinte.

Diese Zeichen sagen, daß der Träger entweder politisch nicht verläßlich ist oder sein Vermögen verstaatlicht wurde."

"Was soll das alles?" widersprach ich. "Du hast kein Vermögen, und du bist genauso wie ich Sozialist."

Er blickte sorgenvoll zur Seite. Eben schloß er das Gespräch, "das meine ich ja."

Dann entstand das Gerücht, daß diese Zeichen durch einen Irrtum der Polizei auf die Kennkarten gesetzt worden wären, ja, daß sie gar nicht auf diese Ausweise hätten gelangen dürfen, da sie die Einstufung der Bürger verraten hätten.

Bei der Arbeitsvermittlungsstelle wurden die Inhaber solcher gezeichneter Kennkarten nicht vermittelt. Einige Entschlossene verfaßten ein gemeinsames Schreiben und sandten es direkt an Stalin.

Zur allgemeinen großen Überraschung, selbst sowjetischer Beamter, kam tatsächlich eine Antwort, unterzeichnet von Malenkow. Er schrieb, daß es nach der sowjetischen Verfassung keine Diskriminierung eines sowjetischen Bürgers geben könne und jeder einzelne berechtigt sei, Arbeit zu verlangen und zu erhalten. Die Arbeit sei im Interesse des Staates und übrigens sozialistische Pflicht jedes einzelnen.

Blitzschnell erhielten die Protestierenden Arbeit zugewiesen.

Auch dieser Vorfall bestärkte den Optimismus in uns.

Daneben meldeten sich aber in wachsendem Maße Denunzianten zu Wort. Sie gruben alle möglichen Vorkommnisse aus, auch solche, die schon Jahrzehnte zurücklagen, und erstatteten Anzeigen. In der Hauptsache waren es die ehemals verfolgten Kommunisten, die hier ein weites Betätigungsfeld fanden, und jene Querulanten, die bei jedem Umsturz ihr unheilvolles Spiel treiben. In aller Heimlichkeit fing man an, Listen solcher Personen aufzustellen, deren Vermögen bereits verstaatlicht war und die daher dem Regime unzuverlässig erschienen, und solcher, die als Gegner des Kommunismus bekannt Waren.

Eines Tages erschien im Deutschen Haus in der Herrengasse, die man nach einer in der Bukowina lebenden Schriftstellerin in Kobilanskygasse umbenannt hatte, eine deutsche Kommission zur Erfassung der volksdeutschen Bevölkerung, die gewillt war, nach Deutschland auszuwandern. Anfänglich unternahmen uniformierte deutsche Kommissionsmitglieder mit Hakenkreuz-Armbinden Spaziergänge durch Czernowitz, was besonders bei uns Juden Verwirrung und Erregung hervorrief. Anscheinend gaben die Russen den Deutschen einen Wink, denn mit einemmal unterblieben diese Spaziergänge. Viele Roscher Schwaben meldeten sich; selbst einige ukrainische Familien, die unter dem Kommunismus nicht leben wollten, schmuggelten sich ein. Auch ehemalige sozialdemokratische Führer ließen sich in die Liste aufnehmen, wie z. B. Gaidosch.

Allerdings waren nicht alle Roscher Schwaben bereit, nach Deutschland umzusiedeln. Eine Reihe von ihnen blieb mit uns zurück. Nachdem die deutschen Transporte abgegangen waren, stabilisierte sich die Lage bald, da die deutsche Bevölkerung vornehmlich Gartenbauwirtschaft getrieben hatte. Die alte und die neue Bevölkerung begann ein neues Zusammenleben, und wir alle verfolgten mit ständig zunehmender Sorge die Entwicklung auf den europäischen Schlachtfeldern.

Wann immer man mit geschulten kommunistischen Agitatoren, die in der Hauptsache aus Kiew oder aus Moskau zu uns gekommen waren, in Einzelgesprächen Unterhaltungen führte, konnte man hören, daß es früher oder später zu einer Auseinandersetzung zwischen Deutschland und der Sowjetunion kommen müsse. Die UdSSR habe eine andere Möglichkeit als den Abschluß des Molotow-Ribbentrop-Paktes gar nicht gehabt, da weder England noch Frankreich gewußt hätte, was es wolle, und beide als ernsthafte Verhandlungspartner nicht in Betracht kamen. Daher habe die Sowjetunion das kleinere Übel gewählt. Trotzdem gäbe man sich in Moskau keinen Illusionen hin, und man sei überzeugt, daß Deutschland eines Tages die Sowjetunion angreifen würde.

Ich war überwältigt von der Ruhe und Kälte, mit der die sowjetischen Agitatoren diese Fragen, bei denen es auf Leben und Tod ging, behandelten. Offenbar wußten sie genau, was sie wollten. Nichtsdestoweniger glaubte niemand von uns an den Krieg. Wir hofften so sehr auf den Frieden, daß wir all die Gerüchte und Diskussionen weit von uns wiesen.

Da wurde im Mai 1941 unsere Illusion, daß wir noch einmal ohne Opfer davongekommen wären, wie unter der Gewalt einer Lawine begraben. In einer einzigen Nacht wurden in der ganzen Bukowina, in Stadt und Land, alle jene, die man auf den schwarzen Listen erfaßt hatte, aus den Betten heraus verhaftet und in geschlossenen Waggons gesammelt.

Die so überfallartig Festgenommenen waren vor allem ehemalige Grundeigentümer, Geschäftsleute, Groß- und Mittelbauern, und nur wenige, die zufällig in dieser Nacht nicht in ihrer Wohnung waren, entgingen ihrem Schicksal. Die Verhaftungen wurden so rigoros durchgeführt, daß außer der bürgerlichen Schicht nahezu alle sozialdemokratischen Funktionäre und auch die Führer des "Bundes" daran glauben mußten.

Unter den Verhafteten befand sich der jüdische sozialistische Lehrer Gilischenski, der geistige und organisatorische Motor der jüdisch-sozialistischen Arbeiterpartei "Bund", was mich besonders erschütterte. Gilischenski war wiederholt nach Amerika gereist und hatte bei den amerikanischen Juden große Geldsummen gesammelt, so daß der "Bund" in Czernowitz Schulen, Werkstätten, Kinos, Büchereien und eine Arbeiterküche erbauen und in der jüdischen Bildungsstätte "Morgenrot" wirklich Hervorragendes für die Ausbildung und Schulung der jüdischen Arbeiter leisten konnte. In der Zeit des russischen Einmarsches war Gilischenski, gerade aus London gekommen, in Bukarest. Trotzdem kehrte er sofort nach Czernowitz zurück. Ich traf ihn auf der Straße, als er ankam, und stürzte auf ihn zu:

"Warum sind Sie nur gekommen?"

Er sah mich groß an. "Hier ist meine Aufgabe", erwiderte er.

Die Aktion wurde so lückenlos durchgeführt, daß sogar aktive Kollaborateure, die sich längst bewährt hatten, wie der junge Leopoldstadt, mit verhaftet und verschleppt wurden. Die NKWD, die ihre Zentrale im Hauptquartier der ehemaligen Siguranta gegenüber dem Volksgarten aufgeschlagen hatte, arbeitete auf Hochtouren. Das Zentralgefängnis am Austriaplatz, die Keller des Residenzpalastes waren mit Verhafteten überfüllt.

Von auswärts kamen Tausende von Männern und Frauen mit Lastwagen angefahren. Sie wurden in Viehwaggons verladen und rollten in Richtung Sibirien. Unter ihnen befand sich auch der langjährige Funktionär und Führer des "Bund" der Bukowina, Kasswan.

Viele von ihnen kehrten nie mehr zurück.

Immer häufiger kamen nun Nachrichten, daß ein Kriegsausbruch zwischen Deutschland und der Sowjetunion bevorstünde. Während die einen diesen Kriegsausbruch herbeisehnten, um gegen das verhaßte Hitlerregime vorgehen zu können, fürchteten die meisten von uns - wie wir später sahen, nicht mit Unrecht -, neuerlich in die Kriegswirren hineingerissen zu werden. Viele von uns schenkten den Kriegsgerüchten keinen Glauben. Denn weder strategisch noch politisch konnten sich die Deutschen einen Zweifrontenkrieg leisten. Wir hielten die Deutschen für viel zu klug, als daß sie noch einmal in dieselbe Situation hineinschlittern würden wie im ersten Weltkrieg.

Beunruhigt beobachteten wir von Zeit zu Zeit am Himmel von Czernowitz Flugzeuge mit deutschen Hoheitszeichen, die sich aber anscheinend nur verirrt hatten. Sehr bald kam es zu Sabotageprozessen vor sowjetischen Gerichten, die überaus nervös geworden waren. Der volksdeutsche Bäckereiarbeiter Schmied, der im Gegensatz zu seinen Landsleuten in Czernowitz zurückgeblieben war, wurde von den Kommunisten beschuldigt, ins Brot Glasscherben gemengt zu haben. Seine Unschuldsbeteuerungen halfen ihm wenig; er wurde verurteilt. Für die Sabotageurteile hatten die sowjetischen Gerichte eine Norm- Sie verurteilten die Angeklagten kurzerhand zu zehn Jahren Zwangsarbeit.


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