Rückkehr nach Deutschland

Unerträgliche Zustände

Nun wieder zurück zu meinem persönlichen Schicksal! Immer deutlicher erkannte ich, daß ich mir eine selbständige Existenz in Israel nicht aufbauen konnte. In eine Kooperative oder in einen Kibbuz einzutreten, dazu hatte ich weder Lust noch Möglichkeit, denn dazu war ich schon zu alt. Obendrein wurde das Leben in Israel in jener Zeit immer schwieriger und immer unerträglicher. Die Lebensmittel waren durch die Masseneinwanderung so knapp geworden, daß es die Juden, die noch in den deutschen Lagern zurückgeblieben waren, weit besser hatten. Auf allen Bus- und Bahnhaltestellen wurden von der israelischen Polizei strenge Kontrollen durchgeführt, um so den blühenden Schwarzen Markt zu unterdrücken. Die Leibesvisitationen, denen alle unterworfen waren, einerlei, ob Mann oder Frau, wurden nicht nur rigoros durchgeführt, sondern manchmal beinahe impertinent.

Der Kampf gegen den Schwarzen Markt ging so weit, daß die israelische Regierung alle Kinder aufforderte, bei den Eltern in den Eis- und Kühlschränken herumzuschnüffeln und den Kontrollbehörden zu melden, was sie dort vorgefunden hätten. Einer der bekanntesten Literaten und Journalisten Israels, Vater mehrerer Kinder und eifriger Mapai-Anhänger, empörte sich mir gegenüber: "Das mache ich nicht mit! Ich werde doch nicht die Kinder zur Denunziation ihrer eigenen Eltern auffordern." War auch die Erregung allgemein, so erfolgte doch keine konsequente Reaktion.

Mehr als unter all dem litt ich unter der maßlosen Überheblichkeit und dem offiziellen Chauvinismus, die mir auf Schritt und Tritt entgegentraten. Darum beschloß ich eines Tages, Israel zu verlassen. Im stillen hatte ich immer noch gehofft, daß sich die Dinge ändern würden, allein je länger ich im Lande war, desto mehr erkannte ich das System. Vorsichtig erkundigte ich mich zuerst einmal bei guten Bekannten und bei Ämtern, wie ich es anfangen sollte, um nach Deutschland zurückzugelangen. Ich hatte mich nämlich entschlossen, nach München zurückzukehren. Diesem Entschluß waren lange Überlegungen vorausgegangen. Im Grunde hätte ich ja auch ruhig nach Rumänien oder der Sowjetunion rückwandern können. Ich hatte schon 1938 von den Bemühungen Dr. Josef Rosens, des damaligen Leiters der amerikanisch-jüdischen Landwirtschaftsstiftung, um den Madagaskarplan gehört. Dr. Rosen hatte in der Sowjetunion zahlreiche Erfahrungen über jüdische Neusiedlungen gesammelt und wollte im Sommer 1938 mit seiner Kommission nach Madagaskar reisen, um an Ort und Stelle die Einwanderungsmöglichkeiten für die aus dem Deutschen Reich auswandernden Juden zu erkunden. Doch seine Bemühungen waren vergeblich. Einflußreiche zionistische Kreise in den USA sprachen sich dagegen aus und verhinderten die Realisierung des Madagaskarplanes.

Die amerikanisch-jüdische Landwirtschaftsstiftung hatte vorher Mitte der dreißiger Jahre tatkräftigst die Biro-Bidschan-Aktion in der Sowjetunion unterstützt.

Biro-Bidschan ist der Name zweier Flüsse westlich von Chabarowsk. Dieses Gebiet ist groß, reich an Natur- und Bodenschätzen und fruchtbar. Es ist — wie auch die Hauptstadt — nach den beiden Flüssen benannt.

Am 28. März 1928 erklärte die Regierung der UdSSR dieses Gebiet zur jüdisch-nationalen administrativen territorialen Republik. Bis zu diesem Tage lebten dort etwa 25 000 Einwohner, Russen, Ukrainer, Koreaner, Chinesen, Jakuten, Sibirier und andere. Obwohl die UdSSR den sowjetischen Juden alle nur erdenklichen Vergünstigungen zuteil werden ließ, um sie zur Übersiedlung nach Biro-Bidschan zu bewegen, gingen im ersten Gründungsjahr kaum 10 000 Personen dorthin.

Als die Judenverfolgungen in Deutschland begannen und damit die Juden zur Auswanderung veranlaßt wurden, eröffnete die UdSSR in verschiedenen europäischen und amerikanischen Staaten Werbebüros, die für die Auswanderung nach Biro-Bidschan Propaganda trieben. Nur sehr wenige Juden nützten die Gelegenheit und wanderten aus Rumänien, Argentinien, den USA dorthin aus. Im Jahre 1939 zählte Biro-Bidschan aber doch 45 000 jüdische Einwohner.

Es ist sehr zu bedauern, daß kein einziger Staat dem Beispiel der Sowjetunion folgte und daß so wenige Juden die dargebotene rettende Hand ergriffen, da sie ja damals ihr tragisches Schicksal — die Vernichtung — nicht ahnen konnten.

Inzwischen wurden dort Städte gegründet, Wahlheim, Birofeld und andere. Die öffentlichen Gebäude, wie Bahnhöfe, Postämter, Theater, Schulen, erhielten jiddische Aufschriften. Die Gründung Biro-Bidschans bezweckte natürlich, dem Zionismus Einhalt zu gebieten und den Juden ein eigenes Land zuzuweisen, wo sich jüdisches Wesen weiter entfalten und jüdische Tradition gepflegt werden konnte. Die sowjetischen Juden, die ja erst nach 1917 in jeder Hinsicht zur freien Entfaltung gelangen konnten und sich inzwischen überall gute Existenzen gegründet hatten, zogen es vor, zu bleiben, wo sie waren, statt nach Biro-Bidschan umzusiedeln und dort Pionierarbeit zu leisten. Genau dieselbe Haltung nehmen die Juden in den USA und im übrigen Galuth gegenüber Israel ein. Es ist eine Illusion der Israelpolitiker, zu glauben, daß, wenn das Judentum in der UdSSR freie Auswanderungsmöglichkeiten hätte, die dortigen Juden ihre gesicherten Positionen aufgeben und nach Israel kommen würden. Die gleiche Illusion wie vorher jene, daß nach Gründung des Israelstaates das Galuthjudentum nach Israel strömen würde.

Die einzige Möglichkeit, die mir blieb, war eben Deutschland. Doch der Verwirklichung dieser Rückkehr stellten sich gewaltige Schwierigkeiten entgegen. Da die Rückwanderung der Juden aus Israel schon in jener Zeit sprunghaft anstieg, versuchten die Behörden mit allen möglichen und unmöglichen Methoden, diese Rückwanderung zu verhindern. Trotzdem wurden die Ostkonsulate sowie das französische Konsulat von Bittenden, die in ihre Heimatländer zurückwollten, beinahe belagert. Eine Vorsprache bei dem USA-Konsulat war überflüssig, denn allgemein hieß es, daß die Quote der jüdischen Rückwanderer für Amerika bereits für die nächsten hundertfünfzig Jahre erschöpft sei.

Am allerschwersten war die Lage jedoch für solche Rückwanderer, die in die Bundesrepublik Deutschland zurückkehren wollten. Die Bundesrepublik selbst war überhaupt nicht vertreten, das britische Konsulat in Haifa besorgte ihre diplomatischen Geschäfte. Wer einen israelischen Reisepaß erhielt, sah sofort, daß er den ausdrücklichen Vermerk "Gültig für alle Staaten außer Deutschland" enthielt. Die meisten kümmerten sich aber wenig darum, besorgten sich zuerst einen Paß und überschritten dann auf Schmuggelpfaden illegal die Grenzen der Bundesrepublik.

Das wollte und konnte ich nicht tun. Ich hatte die Absicht, vorauszureisen und später meine Familie ordnungsgemäß nachkommen zu lassen. Mit unsagbarer Mühe glückte es mir schließlich durch Hilfe einiger Bekannter, einen Reisepaß ohne den bewußten Vermerk zu erhalten. Ich hatte den Nachweis erbringen können, daß ich in der Bundesrepublik noch Eigentum hatte, welches ich liquidieren wollte. Die Geschichte, wie ich zu dem Paß kam, würde beinahe die Seiten eines Romanes füllen. In ganz Tel Aviv gab es nur eine einzige Paßanmeldestelle, und diese amtierte wiederum nur vormittags.

Kein Wunder, wenn die Schlange der Ansuchenden oft hundert Meter Länge erreichte. Um acht Uhr wurde das Büro geöffnet, und die am weitesten vorne Stehenden bekamen Nummern, wenn ich mich richtig erinnere, bis zu fünfzig, ausgehändigt, und die anderen Hunderte mußten unverrichteter Dinge heimgehen. Die Masse stellte sich schon ab zwei Uhr morgens an, und als ich trotzdem dreimal leer ausgegangen war, verbrachte ich die ganze Nacht auf der Straße vor dem Büro und konnte endlich eine Nummer ergattern, Einlaß finden und die Formalitäten erledigen. Die Behandlung durch die Paßbeamten war alles eher als freundlich. Wenn mir nicht noch einer der leitenden Beamten, ein deutscher Jude, am Schluß geholfen hätte, wäre alles mißlungen.

Wieder mußte ich einige Wochen warten, denn nun wurden die Unterlagen von Tel Aviv nach Jerusalem geschickt, wo die Pässe ausgestellt wurden. Endlich wurde mir durch die Behörde in Tel Aviv mein Paß zugeleitet. Dann erst fing der Kampf um die Ausreisegenehmigung an, und erst als ich diese hatte, konnte ich um das österreichische und Schweizer Visum ansuchen.

Ein Vertreter einer Schiffsgesellschaft, den ich kennengelernt hatte, machte mich darauf aufmerksam, daß sein Büro mir das deutsche Einreisevisum verschaffen könnte, doch würde das fünfzig Pfund kosten. Ich hatte aber die fünfzig Pfund nicht mehr, und ich hoffte nun auch, nachdem ich so weit gekommen war, die letzte Hürde nehmen zu können. Zu diesem Zweck mußte ich nach Haifa fahren, um beim britischen Konsulat um das deutsche Einreisevisum anzusuchen. Der Beamte behandelte mich überaus freundlich und riet mir, in zwei Tagen wieder nachzufragen. Doch als ich nach zwei Tagen wiederkam, wurde ich zu einem anderen Beamten geführt, der mir den Rat gab, ich möchte in der Woche darauf wieder vorsprechen.

Allmählich verlor ich die Nerven. Ich erklärte dem Beamten, daß ich extra aus Tel Aviv hierher gekommen wäre, nur um das Visum zu erhalten. Das bedauerte der Mann und verlangte von mir Unterlagen, die wahrscheinlich nicht einmal in Jahren aufzubringen gewesen waren.

Ich hielt ihm vor, daß ich ohne weiteres von dem Schweizer und Österreicher Konsulat die Visen erhalten hätte, was doch aus meinem Paß zu ersehen wäre, und bemerkte, daß man mir in Tel Aviv das deutsche Einreisevisum für fünfzig Pfund angetragen hätte. Ich wolle jedoch nichts auf die krumme Tour unternehmen, und ich sei auch gar nicht mehr in der Lage dazu.

Der Mann lächelte und vertröstete mich, und ich erkannte, daß mein Fall nur hinausgeschoben werden sollte. So entschloß ich mich, Israel ohne das deutsche Visum zu verlassen.

Zu guter Letzt bekam ich noch von Bekannten einen sehr wohlgemeinten Rat. Die Kontrollen vor dem Einschiffen wurden bei den Rückwanderern, aber auch bei den Ausreisenden – als solcher galt ich ja nur – sehr rigoros gehandhabt. Da ich indessen unbedingt meine Tagebuchaufzeichnungen und sonstige schriftliche Unterlagen mitnehmen wollte, ließ ich sie bei der Hauptzensurstelle in Tel Aviv kontrollieren. Von meinen Freunden aufmerksam gemacht, war der betreffende Kontrolleur recht großzügig, so daß ich meine Notizen und Unterlagen wieder in einem versiegelten Paket zurückerhielt, Beim Einschiffen war ich sehr froh darüber, denn ich sah, wieviel der Zensur zum Opfer fiel.

Geld durfte man aus Israel nicht herausnehmen. Das war streng verboten. Man erhielt für fünf Dollar Scheine, die man auf dem Schiff für Lebens- und Genußmittel umtauschen konnte.

Wieder in München

Bei der Einschiffung wurde ich im Gegensatz zu anderen, die zum Teil buchstäblich entkleidet wurden, nahezu unbehelligt durchgelassen. Bei Verdächtigen wurden sogar die mosaischen Gebetsriemen auseinandergerissen. Keine christliche Polizei der Welt würde sich so etwas erlauben, ein Sturm des Protestes würde durch die jüdische Welt gehen. Die Zollbeamten waren anscheinend sehr gut informiert, bei wem sie Geldschmuggel erwarten konnten und bei wem nicht. Am 30. August 1950 fuhr mein Schiff aus Haifa aus. Ich wußte, daß ich nach Israel nie mehr zurückkehren würde.

An der Schiffsbar konnte man für die Geldbons Zigaretten einkaufen, und ich legte nahezu mein ganzes Geld in Zigaretten an, um diese dann in Marseille zu verkaufen. Sonst hatte ich ja kein Geld mehr. Alles, was ich aus Deutschland mitgebracht hatte, war in Israel verlorengegangen. Ich kehrte genauso mittellos zurück, wie ich im Jahre 1946 von meiner Flucht aus dem Osten nach München gekommen war.

Mein erstes Ziel war Paris. Dort wußte ich einen Jugendfreund, mit dem ich in Korrespondenz stand und der mich eingeladen hatte. Einer meiner Fahrtgenossen, ein jüdischer Tourist aus Brasilien, lieh mir am Schluß das Geld für die Fahrkarte Marseille – Paris, und so langte ich schließlich wohlbehalten bei meinem Jugendfreund an, der mich entsetzt anstarrte. Die meisten Israelrückwanderer sahen aus, als ob sie aus einem KZ kämen, denn die Hungerrationen waren nicht ohne Wirkung geblieben. Mein Jugendfreund und seine Frau ließen mich gar nicht weiterfahren, sondern brachten mich in einen Kurort bei Paris, wo ich mehrere Wochen bleiben und mich erholen konnte. Im Jahre 1947, als mein Freund von Rumänien über München nach Südamerika auswandern wollte, hatte ich ihm fünfzig Dollar gegeben. Das hatte ich schon lange vergessen, er aber nicht. Nun gab er mir mit Dank die fünfzig Dollar zurück, und ich konnte mir damit die Fahrkarte nach München kaufen.

Das amerikanische Konsulat in Paris, das damals für die Bundesrepublik zuständig war, gab mir ohne weiteres ein deutsches Einreisevisum. So fuhr ich nach München, suchte meine alte Quartierfrau auf, die mich sogleich wieder aufnahm, obwohl ihre Wohnung überfüllt war. Nahezu zwei Monate beherbergte und verpflegte mich die Frau, denn erst dann konnte ich ausziehen und meine Schulden bezahlen.

Guter Rat war teuer. Ich mußte zuerst einmal alles unternehmen, damit meine Frau und mein Sohn wieder mit mir vereint würden. Doch das war gar nicht so leicht. Die beiden jüdischen Organisationen, die nun in München arbeiteten, waren der Joint und die HIAS. Beide lebten von amerikanisch-jüdischen Unterstützungen. Die Aufgabe dieser Institutionen war, Juden zur Auswanderung zu verhelfen. Die Freundlichkeit verwandelte sich jedoch schnell, wenn die Funktionäre erfuhren, daß einer der Hilfesuchenden aus Israel zurückkam.

Die beiden Stellen, die an und für sich gar nicht zionistisch sein durften, begünstigten nämlich Auswanderungen nach Israel sehr und erschwerten sie systematisch in andere Länder.

Trotzdem war für die amerikanischen und deutschen Behörden die Stellungnahme der HIAS in jedem einzelnen Fall von ausschlaggebender Bedeutung. Wer sich mit dieser Hilfsorganisation (Hebrew Immigrant Aid Society), die 1887 in New York gegründet wurde, überwarf, hatte es mit den deutschen und amerikanischen Stellen sehr schwer. Wer zum Beispiel angab, einmal Angehöriger der jüdischen Arbeitervereinigung "Bund" oder in Israel bei der Mapam gewesen zu sein, wurde schon zurückgesetzt. Praktisch erledigt war auch, wer auf die Frage, ob er während der Ausreise koschere oder nichtkoschere Verpflegung wünsche, antwortete, daß ihm das gleichgültig sei. Wer erklärte, er sei Kriegsdienstverweigerer, bekam, auch wenn er aus der Sowjetunion geflüchtet war, prinzipiell kein Einreisevisum in die USA. Kriegsdienstverweigerer aus Israel gab es und gibt es ja überhaupt nicht. Dort kann nämlich niemand Kriegsdienst verweigern.

Doch alle Schwierigkeiten, welche die HIAS machte, wurden durch die steigende Zahl der Rückwanderer aus Israel, die durch die Bank illegal kamen, hinweg geschwemmt. Die anfänglichen Versuche, diesen Israelrückwanderern den Beistand zu verweigern, mußten bald eingestellt werden. Einige Zeit half nur das orthodoxe Rabbinat, welches den armen Rückwanderern aus Israel wenigstens die Synagoge in der Möhlstraße mit sämtlichen Räumlichkeiten zur Übernachtung zur Verfügung stellte. Männer, Frauen und Kinder schliefen dort unter den armseligsten Umständen am Boden. Doch sie hatten immerhin ein Dach über dem Kopf.

Häufig kam die deutsche Polizei und machte in der Menge dieser verzweifelten Menschen Razzien. Nur wer Protektion hatte, konnte im Lager Föhrenwald bei Wolfratshausen unterkommen. Zuletzt schwoll die Masse der illegalen Rückwanderer so an, daß die HIAS der Situation nicht mehr ausweichen konnte und sich zur Hilfe entschloß.

Als die Juden aus den Hitlerschen Lagern 1945/46 hier zusammengeströmt waren, hatten sich alle Stellen geregt, um ihnen zu helfen.

Jetzt, als sie genauso mittellos aus Israel zurückkamen, dauerte es Monate, bis es endlich gelang, die HIAS zu einer Hilfeleistung zu bewegen.

Tatsächlich befand sich die HIAS in einer argen Klemme. Die Rückwanderer hatten ja bereits einmal ihre Auswanderung nach Israel finanziert erhalten, und obendrein bestand die Gefahr, daß dieses Beispiel in Israel Schule machen würde. Wenn es sich in Israel herumsprach, daß den Rückwanderern neuerlich Hilfe geleistet wurde, mußte automatisch der Strom der Rückwanderer anschwellen.

Eine andere Schwierigkeit lag auch darin, daß die USA und Kanada jetzt nur solche Rückwanderer aus Israel in ihre Länder lassen wollten, die mindestens zwei Jahre in einem Lande außerhalb Israels verbracht hatten. Der Grund wurde uns nicht mitgeteilt. Schließlich kam eine jüdische Delegation aus Argentinien, die ein Verzeichnis jener aufstellte, die für würdig befunden wurden, nach Argentinien auszuwandern. Es ging zu wie beim Menschenhändler. Am Ende verlief die Sache im Sande.

Unterdessen war die HIAS gezwungen, jene Rückwanderer, die keine polizeiliche Aufenthaltsgenehmigung besaßen, zu sammeln. Daraufhin erteilte die Münchener Polizei diesen Menschen die Aufenthaltsgenehmigung mit dem Vermerk "Bis zur Auswanderung".

Ganz anders ging es jenen Rückwanderern, denen es gelungen war, illegal Kapital aus Israel zu transferieren, oder die so klug gewesen waren, einen Teil ihres Kapitals in Europa zurückzulassen. Sie fanden bald einen Weg, um die Aufenthaltsgenehmigung auch ohne diesen Vermerk zu erhalten. Zudem sprach es sich herum, daß man bei der Kanadischen Ausreisemission in Karlsruhe für hundert Dollar ein kanadisches Visum erhalten konnte. Nach Brasilien sollte man angeblich ohne weiteres ein Einreisevisum bekommen, wenn man anhand eines Taufscheines nachwies, daß man entweder zur römisch-katholischen oder zur griechisch-katholischen Kirche gehörte. Solche Taufscheine konnte man schwarz für zwanzig Dollar erwerben. Es scheint, daß die Weltorganisation HIAS mit der Brasilianischen Gesandtschaft nicht den richtigen Kontakt hatte, denn offiziell wurden von einem Mittelsmann brasilianische Einreisevisen auf Israelpässen für fünfzig bis hundertfünfzig Dollar erteilt.

Unter solchen Umständen war es nicht zu verwundern, daß die Unzufriedenheit unter den jüdischen Rückwanderern ständig wuchs. Sie erreichte ihren Gipfelpunkt, als im Februar 1954 die Insassen des Lagers Föhrenwald die Vertreter des Joint kurzerhand aus dem Lager hinauswarfen. Etwa fünfhundert Juden kamen nach München, demonstrierten hier gegen den Joint, forderten die Auflösung des Lagers Föhrenwald und verlangten menschenwürdige Wohnstätten, zu denen sie dieses Lager keineswegs rechneten. Die Demonstranten gaben dem Joint die Schuld, daß das Lager überhaupt noch bestand. Erstaunlicherweise wandten sich die Beamten des Joint, anstatt mit den Demonstranten zu verhandeln, an die Münchener Polizei, obgleich sie doch sonst jeden Deutschen so gerne als "Nazi" bezeichneten.

Die Münchener Polizeibeamten wurden zur Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung eingesetzt, was natürlich die Demonstranten überaus erregte. Es kam zu Handgreiflichkeiten und Auseinandersetzungen, die weltweites Echo fanden. In Wirklichkeit war es aber gar keine Differenz zwischen Juden und Deutschen gewesen, sondern zwischen Juden und jüdischen Organisationen. Das wurde in der Berichterstattung diskret verschwiegen. Man ging in jener Zeit sogar so weit, das Gebäude der jüdischen Kultusgemeinde, welches sich damals in der Nähe des Stachus befand, von der Münchener Polizei bewachen zu lassen. Keinesfalls aus Angst vor Neonazis, sondern vor empörten Juden.

Wie unrichtig selbst in der jüdischen Öffentlichkeit die Dinge dargestellt wurden, zeigte die "Neue jiddische Zeitung", die in München am 19. Februar 1954 schrieb: "Die Demonstranten wählten, als sie gegen den Joint aufstanden, den falschen Weg. Richtig wäre es gewesen, gegen die Bonner Regierung zu demonstrieren." Nun, zumindest in diesem Falle hatte die Bonner Regierung gar nichts damit zu tun und trug auch keinerlei Schuld!

Ungefähr zur gleichen Zeit fand in Nürnberg ein interessanter Prozeß zwischen zwei jüdischen Organisationen statt, groteskerweise im gleichen Saal, in dem einige Jahre zuvor das Internationale Militärtribunal seinen Kriegsverbrecherprozeß abgehalten hatte. Die Augsburger jüdische Kultusgemeinde verklagte die amerikanisch-jüdische Organisation IRSO (Jewish Restitution Successor Organization). Die IRSO hatte das erbenlose jüdische Vermögen in der US-Zone erfaßt und verfügte darüber. Dadurch fühlte sich die jüdische Kultusgemeinde in Augsburg übergangen und benachteiligt. Hätten die jüdischen Kultusgemeinden etwas erreicht, wäre das den deutschen Steuerzahlern viel billiger gekommen. Der Fall lag auch hier ähnlich wie bei der Wiedergutmachung für den Staat Israel. Normalerweise hätte jede jüdische Kultusgemeinde berechtigt sein müssen, die Erbschaft der in ihrem Zuständigkeitsbereich anfallenden erbenlosen Vermögen anzutreten.

Inzwischen war es mir nach eineinhalb Jahren gelungen, mittels einer Besuchseinladung meine Frau nach München zu bekommen. Mein Sohn erhielt, da er gerade wehrdienstpflichtig war, die Besuchserlaubnis nicht. Er reiste aus Israel aus und gelangte über Frankreich illegal nach Deutschland.

In der Bundesrepublik veränderte sich die Lage sprunghaft. Das Wirtschaftswunder hatte die Deutschen erfaßt und in seinen Bann gezogen; an mir war es vorübergegangen, ohne bei mir einzukehren. So entschloß ich mich, wieder mein erlerntes Gewerbe aufzunehmen. Mein erster Lehrmeister in Czernowitz war ein Deutscher gewesen, ich hatte auch dort die Fachschule besucht, doch ich war nun so viele Jahre nicht mehr als Buchbinder tätig gewesen, daß ich befürchtete, meine in Rumänien erworbene Ausbildung könnte für Deutschland vielleicht nicht ausreichend sein. Eine mir bekannte jüdische Persönlichkeit, der ich meine Absicht vortrug, lachte mich aus.

So wandte ich mich an die katholische Arbeitsvermittlung für staatenlose Ausländer in der Heßstraße, und ich wurde von der amtierenden Klosterfrau sofort betreut wie jeder andere, obgleich ich ihr wahrheitsgemäß erklärte, daß ich ein Jude sei. "Sie sind hierher gekommen und werden auch hier betreut", sagte sie kurz.

Ich war betroffen. Wenn sich ein Christ bei einer jüdischen Kultusgemeinde in Rumänien oder Bulgarien einfinden und um Hilfe bitten würde, er würde kaum diese Betreuung erfahren, die mir zuteil wurde.

Schließlich bekam ich dann eine Anstellung in einer der größten Buchbindereien Bayerns. Ich fing als einfacher Arbeiter an und arbeitete mich später empor. Ganz leicht war es nicht für mich, denn obwohl mir niemand etwas in den Weg legte, war mein Anblick an den Maschinen selbst für meine Betriebskollegen anscheinend ungewohnt. Bald erkannte ich, daß man verschiedene veraltete Methoden rationalisieren könnte, und ich überreichte durch den Betriebsrat im August 1955 Rationalisierungsvorschläge. Einzelne dieser Vorschläge von mir wurden akzeptiert und durchgeführt, und wenn ich auch keine Belohnung erhielt, freute ich mich doch, beigetragen zu haben, die Arbeitsmethoden des Betriebes zu modernisieren.

Anfang April 1959 wurde ich aufgefordert, mich einmal eingehend mit den Produktionsvorgängen zu befassen und für den Betrieb neue Rationalisierungsvorschläge auszuarbeiten. Das tat ich auch, doch es war nicht zu meinem Vorteil. Der Betriebsleiter empfand meine Vorschläge als Kritik und verhielt sich mir gegenüber entsprechend. Nachdem ich fast fünfeinhalb Jahre nur Spätschicht gearbeitet hatte, verließ ich Ende 1959 die Firma, um in einem neuen Betrieb zu beginnen.

Leider konnte ich bisher meine Verbesserungsideen, zum Beispiel bei der Falzmaschine, nicht verwirklichen, obschon sie den Maschinenfabrikanten nur ganz unwesentliche Kosten verursachen würden, den Buchbindereien hingegen täglich etliche Stunden Leerlauf ersparen könnten. Auch bei anderen Maschinen ließen sich zusätzliche Vorrichtungen anbringen, mittels deren mehrere Arbeitsgänge zu einem einzigen Arbeitsgang zusammengefaßt werden könnten. Ich beschäftigte mich eingehend mit diesen Ideen und konstruierte theoretisch eine Maschine, die dem Buchbindereigewerbe bis heute sehr fehlt. Diese zeit- und kraftsparende Erfindung wäre sofort realisierbar.

Die Entführung Eichmanns

So war ich in völlig andere, rein handwerkliche Probleme und Ideen versunken, als die Entführung Eichmanns aus Argentinien und der darauffolgende Eichmann-Prozeß in Jerusalem mit einem Schlag mir die ganze Vergangenheit wiederum qualvoll ins Bewußtsein zurückriefen. Sicherlich ist es Hunderttausenden Juden und Nichtjuden genauso ergangen wie mir.

Fast ungläubig hörte ich die ersten Nachrichten im Radio und las die ersten Zeitungsberichte. Viele Fragen, die jahrelang in mir geschlummert hatten, standen wieder auf, und ich nahm noch einmal all jene Aufzeichnungen und Notizen hervor, welche ich in Transnistrien begonnen hatte und die mich durch Not und Enttäuschungen begleitet hatten.

Warum hatte man ausgerechnet nach so langer Zeit diesen Adolf Eichmann aus Argentinien mit Hilfe eines abenteuerlichen Gangsterstreiches entführt, um ihn in Jerusalem vor ein mit allen Theaterfinessen ausgestattetes Gericht zu stellen? Man hatte doch andererseits erklärt, daß der Aufenthalt Eichmanns dem Israelischen Geheimdienst seit Jahren bekannt war. Warum also gerade jetzt, wo die Wunden, welche die Völker einander geschlagen hatten, schon am Vernarben waren?

Als Weihnachten 1959 die Kölner Hakenkreuzschmiererei ein weltweites Echo auslöste, flog Abba Eban, Israels Minister ohne Portefeuille, der erklärte Liebling Ren Gurions, mit einer Delegation zu einer Beratung nach Buenos Aires. Mit Abba Ebans Maschine wurde Eichmann nach Israel entführt.

Die Entführung Eichmanns war nicht nur eine juristische Unmöglichkeit, sondern auch ein schwerer politischer Fehler. Die Methoden, die darauf beruhen, daß der Zweck die Mittel heilige, sind keine guten Methoden. Es geht auch keinesfalls um die Person Eichmanns und jene Schuld, die er zweifellos auf sich geladen hat. Es geht um seine Entführung und um die Frage, ob ein Staat, der sich solcher Mittel bedient, noch demokratisch zu nennen ist. Die offizielle Anerkennung von seiten der israelischen Diplomatie, daß Juden in Argentinien den aus Israel kommenden Agenten halfen, Eichmann zu entführen, und dadurch einwandfrei gegen die Interessen Argentiniens, ihres Vaterlandes, verstießen, gibt Rätsel auf. Zu welchem Zweck bediente man sich solcher Methoden? Warum die Eile dieser Entführung, nachdem seit Jahren bekannt war, daß sich Eichmann in Argentinien aufhielt?

Die israelische Regierung teilte in diesem Zusammenhang auch mit, daß eine Abwehrorganisation existiere, die "gegen jede gegen das jüdische Volk gerichtete Aktivität gerichtet" ist. Welch eine gefahrvolle Erklärung!

Allzu leicht kann sie weltweite Wirkungen auslösen und verkittete Risse zwischen dem Staate Israel und dem Weltjudentum sichtbar werden lassen. Wer gehört eigentlich zum jüdischen Volk? Bis heute ist selbst in Israel die Antwort noch nicht gegeben worden. Eine Einigung über die Definition des Begriffes "jüdisches Volk" kam nie zustande. Es existieren neunundneunzig Meinungen darüber. Darum war es bisher auch noch nicht möglich, ein israelisches Grundgesetz zu schaffen.

Und was heißt Aktivität gegen das jüdische Volk? Wer begutachtet eine solche? Wer stellt sie fest? Hier sind in erschütternder Weise Willkür und Übergriffen Tür und Tor geöffnet. Ist denn mit der Aktivität gegen das jüdische Volk nur eine von deutscher Seite oder von anderen Völkern überhaupt oder auch von jüdischer Seite gemeint? Es ist ja allbekannt, daß in jenen Jahren, in denen sich die große jüdische Tragödie unserer Zeit abspielte, nicht nur Deutsche, Polen, Ukrainer und andere, sondern auch Juden gegen Juden am Werke waren.

Jene argentinischen Juden, die bei der Entführung mitgeholfen haben und von der offiziellen Israelregierung als "Freiwillige" betitelt wurden, handelten in schwerem Widerspruch zu dem Grundsatz der Balfour-Deklaration von 1917, der verlangt, "…daß nichts getan werden soll, was die bürgerlichen und religiösen Rechte bestehender nichtjüdischer Gemeinschaften in Palästina oder die Rechte und die politische Stellung der Juden in irgendeinem anderen Lande beeinträchtigen könnte".

Waren sich eigentlich diese "Freiwilligen", die doch argentinische Staatsbürger sind, der Untreue gegen ihr eigenes Vaterland bewußt? Begriffen sie die Gefahr, durch ihr Tun den Beweis für die Richtigkeit der alten Behauptung: "Der Jude ist ein schlechter Patriot" zu erbringen? Die "Freiwilligen" erwiesen durch ihre Tat dem Weltjudentum einen Bärendienst. Sie zeigten, daß sie schlechte Argentinier und keine guten Zionisten sind, denn sonst waren sie ja in Israel.

Sie hätten über andere Möglichkeiten, geradezu unbegrenzte Möglichkeiten verfügt und hätten nicht diesen Weltskandal heraufzubeschwören brauchen. Bezeichnenderweise war es der Außenminister der Sowjetunion, Gromyko, der als einziger Staatsmann der Welt der Aktion Eichmann seinen Segen erteilte. Da das sowjetische Handeln immer zukunftgerichtet ist, läßt dies tief blicken. Gewiß wird die Sowjetunion diesen so entstandenen Präzedenzfall später einmal für ihre eigenen Interessen nutzen.

Die Diskrepanz zwischen den Interessen Israels und denen des Weltjudentums hat hier einen Grad erreicht, der ein Auseinanderfallen beider einleitet. Dies beweist auch ein Leitartikel der in New York erscheinenden Zeitschrift "Life" von Ende Februar 1961, in dem es unter anderem heißt, daß die amerikanischen Zionisten seit der Staatsgründung Israels die amerikanische Außenpolitik schlecht beraten und beeinflußt hätten. Die Sympathie eines amerikanischen Juden für Israel ist noch zu verstehen; wenn die Zionisten es aber vorziehen, in den USA zu bleiben, dürfen sie für Israel nicht politisch tätig sein! Eine doppelte Loyalität ist auf die Dauer sogar für einen Bürger in den freien USA nicht möglich.

Ende Mai 1960 schrieb die judenfreundliche "Washington-Post": Natürlich besteht in der ganzen Welt großes Verständnis für den Wunsch der Israelregierung, Eichmann anzuklagen und zu bestrafen. Die ganze Wahrheit ist nichtsdestoweniger, daß mit dem geplanten Verfahren weder der Herrschaft des Rechts noch der Unverletzlichkeit der Person gedient wird. Alles, was mit dem Verfahren gegen Eichmann in Verbindung steht, ist mit dem Mangel an entsprechen.. den Gesetzen belastet. Wenn er, wie berichtet, aus einem anderen Lande entführt wurde, dann wurde das Völkerrecht verletzt, die Verbrechen, die ihm zur Last gelegt werden, wurden in Deutschland und Österreich begangen. Israel hat keine gerichtlichen Befugnisse, den Fall zu verhandeln. Alles, was die israelische Regierung in diesem Falle tun kann, ist Rache üben. Sie kann jedoch der Gerechtigkeit nicht Genüge tun. Obgleich es eine große Anzahl von Juden in Israel gibt, hat die israelische Regierung nicht die Autorität, für Juden außerhalb zu sprechen oder im Namen einer imaginären völkischen Gesamtheit der Juden zu handeln. Wenn die israelische Regierung dies versuchen sollte, dann könnte sie den Juden anderer Nationalitäten einen sehr schlechten Dienst erweisen. Laßt die Deutschen, die diese Kreatur erzeugten, die Schande auf sich nehmen, sich mit ihr zu befassen!"

Damit ist eigentlich alles gesagt, was logisch zu dem Fall Eichmann zu sagen ist, ohne Rücksicht darauf, wie viele Gräßlichkeiten dieser Prozeß aufs neue aufwühlt, für die in Nürnberg schon eine Reihe Verantwortlicher hingerichtet wurde.

Doch nicht nur ernst zu nehmende nichtjüdische Stimmen haben sich vergeblich gegen diesen Eichmann-Prozeß in Israel gewehrt, auch maßgebliche Vertreter des Weltjudentums, wie zum Beispiel der Präsident des Zionistischen Weltkongresses, Dr. Nahum Goldmann, der vorschlug, Eichmann nicht von Israel verhandeln zu lassen, sondern ihn vor ein internationales Gericht in Jerusalem zu stellen. Ren Gurion kanzelte Goldmann deswegen scharf ab und beschuldigte ihn öffentlich, mit seiner Meinung über den Prozeß Eichmann die Interessen des Staates Israel geschädigt und das Ansehen des Israelvolkes herabgesetzt zu haben.

Der jüdische Abgeordnete des britischen Unterhauses Dr. David Weitzmann sagte ganz offen, er hätte es lieber gesehen, wenn Eichmann durch eine internationale Organisation gerichtet worden wäre, nicht durch Israel.

Der Londoner Zionist Mr. Barry Payton sagte, er glaube nicht, daß Eichmann eine reale Gerichtsverhandlung zu erwarten habe, da das Urteil eine schlüssige Folgerung wäre. Payton folgerte: "Ich habe das Gefühl, daß die Rückwirkungen des Falles den falschen Weg gehen und uns den Antisemitismus zurückbringen werden."

In verschiedenen Zuschriften an jüdische Zeitungen gaben in den USA und in England Leser ihrer Besorgnis über die Folgen des Prozesses Ausdruck und verhehlten das große Unbehagen nicht, das maßgebliche jüdische Kreise wegen der Affäre Eichmann ergriffen hatte. In diesen Chor ehrlicher Besorgnis stimmte allerdings die "Allgemeine Wochenzeitung der Juden in Deutschland" nicht ein, als sie am 7. April 1961 schrieb: "Das deutsche Volk wird durch den Prozeß gegen Eichmann zu der Erkenntnis kommen müssen, daß die weisen Worte, die Theodor Heuß im November 1949 fand, als er von der Kollektivscham sprach, für jetzt und alle Zukunft Geltung haben müssen."

Ich fürchte, dies ist keine Basis für die Zukunft!

Sogar der ehemalige US-Hauptankläger im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozeß, General Telford Taylor, äußerte sich sehr besorgt über die Angelegenheit Eichmann. Nicht zu Unrecht wird angenommen, daß dieser Präzedenzfall schwerwiegende Konsequenzen in der juristischen Auffassung zeitigen kann.

Was würde man wohl sagen, wenn ein weißer Bürger der USA sich ein Vergehen gegen einen schwarzen Bürger der USA zuschulden kommen ließe, das als Vergehen gegen die schwarze Rasse schlechthin gewertet werden müßte, und ein unabhängig gewordenes schwarzes Land in Afrika würde diesen weißen Amerikaner aus den USA entführen, um ihn in Afrika abzuurteilen? Dasselbe könnte mit einem Franzosen oder Engländer oder Russen geschehen! Nach der problematischen Logik Ren Gurions wären die Farbigen sicherlich zu solcher Handlungsweise berechtigt.

Der israelische Anwalt Dr. Tamir, seinerzeit bekannt geworden durch den Prozeß Dr. Kastner, äußerte sich Ende Januar 1961 in Tel Aviv sehr kritisch zum Eichmann-Prozeß. Im Falle Dr. Kastner ging es ja, wie man weiß, um die Affäre Eichmann – Joel Brand. Dr. Tamir erklärte, daß der Jerusalemer Kreisrichter Benjamin Levi, der den Prozeß Dr. Kastner geleitet hatte und. tiefen Einblick in das Problem Eichmann besitzt, vom Justizministerium übergangen und ausgeschaltet wurde. Für den Eichmannprozeß wurde ein eigenes Richterkollegium geschaffen. Dies ließe den Verdacht aufkommen, daß, wäre der Prozeß ohne Begrenzung geführt worden, dies für manche israelische Staatsfunktionäre recht unangenehm hätte werden können. Möglicherweise sei mancher in die Affäre Eichmann in einer Weise und in einem Maß verwickelt, daß die Angelegenheit Lavon dagegen verblasse. Deshalb sei Benjamin Levi nicht als Gerichtsvorsitzender bestimmt worden, betonte Dr. Tamir. Offenbar hätten Ben Gurion und Justizminister Pinchas Rosen Angst davor gehabt. Es sollten überhaupt in dem Prozeß keine Personen in Erscheinung treten, die als Juden passiv oder aktiv mit Eichmann zusammengearbeitet hatten.

Sicherlich müßten viele Fragen an Eichmann gestellt werden, doch ich fürchte, diese Fragen werden dem makabren letzten lebenden Hauptzeugen der Tragödie des Judentums gar nicht gestellt werden. Vor ihrer Beantwortung scheint man auch Angst zu haben.

Aufgerissene Wunden

Als Ben Gurion in der Knesseth die Verhaftung Eichmanns bekanntgab, fiel der Alterspräsident der Knesseth, der Abgeordnete Rabbi Nurok, in Ohnmacht. Dieser Vorfall wurde von der jüdischen Presse in der ganzen Welt verbreitet. Rabbi Nurok lebte während der ganzen Kriegsjahre mit seiner Familie in Rußland. Seine Familie kam um, weil sich der Vorsteher der schwedischen Kultusgemeinde weigerte, die Verantwortung für den Transfer der Juden aus Litauen nach Schweden zu übernehmen.

Rabbi Nurok selbst wurde 1941 von der NKWD für ein zu gründendes jüdisches antifaschistisches Komitee, das fürs Ausland geplant war, als Vorstandsmitglied vorgeschlagen. Als die Vertreter des "Bund", Ehrlich und Alter, dagegen Stellung nahmen, wurde ihnen von der NKWD kurz erklärt, Rabbi Nurok habe in den Vorstand aufgenommen zu werden. Ehrlich wurde bekanntlich, obwohl er Mitglied des Präsidiums der sozialdemokratischen Internationale in Zürich war, später von der NKWD erschossen.

Rabbi Nurok aber beteiligte sich 1959 am jüdischen Weltkongreß in Stockholm. Dort lernte er Dr. Kersten kennen, und als er von diesem erfuhr, daß zionistische Persönlichkeiten die Rettungsaktionen für die Juden verhindert hätten, meinte er, es wäre nicht ratsam, dies der Öffentlichkeit mitzuteilen. Denn wenn die Wahrheit dem Volke schade, dann dürfe sie verschwiegen werden! Wahrscheinlich sind bei der Nachricht, daß Eichmann sich in Israel befände, so manche der Ohnmacht nahe gewesen!

Die Eichmann-Methode Israels ist ja nicht neu. Schon 1957 wurde der ägyptische Journalist Achmed Eusman vom israelischen Geheimdienst von Paris nach Israel entführt und in die Gefängnisfestung Schata bei Haifa eingeliefert. Am 31. Juli 1958 organisierte er mit Hilfe anderer arabischer Gefangener einen Ausbruchsversuch, wobei zwei israelische Polizisten und elf arabische Gefangene ums Leben kamen. 66 Arabern aber gelang die Flucht, darunter acht, die lebenslänglich Haft hatten. Eusman jedoch fiel den Israeli in die Hände, und im Juni 1960 stand er vor den Richtern in Haifa, die ihn zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilten, obwohl der Verteidiger anführte, daß der Angeklagte noch immer nicht wisse, warum man ihn entführt habe, wessen man ihn beschuldige, und daß es kein Gesetz gäbe, welches einem Gefangenen verbiete, einen Ausbruch zu versuchen.

Im Juli 1960 erschien eine mysteriöse Geschichte in der amerikanischen Zeitschrift "Look", New York. Zwei frühere israelische Armeeoffiziere berichteten über einen Irrtum, der ihnen kurz nach dem Kriege in Österreich passiert wäre. Sie hätten beobachtet, daß Frau Eichmann einen Mann in einer einsamen Berghütte "irgendwo in Österreich" besucht habe, und lauerten diesem Mann auf, den sie für Eichmann hielten. Sie überfielen ihn, zerrten ihn in ihren Wagen und verschleppten ihn an einen einsamen Ort, wo sie ihn trotz seiner Beteuerungen, er wäre gar nicht Adolf Eichmann, erschossen.

Es handelte sich hierbei – falls dieser Bericht wahr ist – einwandfrei um ein Verbrechen. Dies noch dazu in alle Welt hinauszuposaunen, ist, von der moralischen Seite abgesehen, wohl der Gipfel menschlicher Dummheit.

Später hätten sie dann bemerkt, daß der Ermordete tatsächlich die Wahrheit gesagt habe, denn sie hätten den Fluchtweg Eichmanns genau verfolgt, der mit einem Sonderpaß des Vatikans auf den Namen Ricardo Clement nach Syrien gegangen wäre, wo er in dem Importgeschäft seines früheren Mitarbeiters Alois Brunner gearbeitet habe. Am 14. Juni 1950 habe ihm das argentinische Konsulat in Genua das Einreisevisum erteilt, und Eichmann sei noch im gleichen Monat auf der "Giovanna C" nach Argentinien gereist.

Die weltweite Diskussion, die durch die weltweite Propaganda dieses grausigen Prozesses entstand, bewog mich, an die Veröffentlichung dieses Buches zu gehen und einen Plan zu verwirklichen, den ich eigentlich schon jahrelang aufgegeben hatte. Ich war längst müde geworden, den Versuch zu unternehmen, für die Wahrheit einzutreten, da diese in unserer Zeit, der Zeit der Extreme, sichtlich gar nicht gefragt ist. Ich habe drüben im Osten, unten in Israel und leider auch hier in Deutschland erfahren müssen, daß die Menschen alle eine vorgefaßte Meinung von den Dingen haben und in der Regel gewissenhaft nachplappern, was ihnen "der große Bruder" vorschreibt. Sind auch die Melodien im Osten und im Westen verschieden, grundsätzlich ist das System das gleiche. Es handelt sich um Zwillinge, allerdings nicht um eineiige.

Der ganze Eichmannprozeß kann ja letzten Endes nur einen Sinn haben: die Flammenzeichen des Hasses und der Rache lichterloh auflodern zu lassen und dafür Sorge zu tragen, daß der Haß, der nun einmal vorhanden ist, ja nicht stirbt. Dies jedoch kann nicht im Interesse der Völker liegen und nicht im Interesse der Zukunft, auch nicht der Zukunft der Juden und nicht der Zukunft Israels. "Sünden der Väter büßen die Kinder", heißt es.

Die jüdische Tragödie ist längst in allen Einzelheiten bekannt. Die Schuld des Naziregimes daran steht fest. Niemand auf der Welt, auch nicht in Deutschland, leugnet, welch furchtbares Schicksal wir Juden erleiden mußten. Wer verantwortungsbewußt in die Zukunft blicken will, der muß bestrebt sein, über die verständlichen Gefühle der Rache Brücken zu schlagen. Das Leben geht weiter. Es starb nicht mit den gemarterten Juden, und es endete nicht mit ihren Henkern.

Ein Leben kann man aber nicht auf Haß und Rache aufbauen, das wissen die Mächtigen der Mapai, die den Eichmannprozeß aufzogen, ebensogut. Es müssen also andere Motive im Hintergrund vorhanden sein, viel realere, als sie in der Öffentlichkeit proklamiert wurden, Motive, die mit den begreiflichen Gefühlsausbrüchen, den verständlichen Sentiments und Ressentiments jener, die noch einmal davonkamen, und jener, die liebe Angehörige und Freunde in dem antisemitischen Inferno verloren, nichts oder doch nur wenig zu tun haben.

Man hat wiederholt kritisch bemerkt, daß Israel den ganzen Prozeß aufzog, um dadurch eine neue Wirtschaftshilfe von der Bundesrepublik zu erhalten. Dies glaube ich nicht, denn bekanntlich hat Herr Bundeskanzler Adenauer Ren Gurion ohnedies eine weitestgehende Wirtschaftshilfe zugesagt, wenn die Wiedergutmachungszahlungen enden werden. Viel eher scheint es mir, daß neben den propagandistischen Chancen dieses Prozesses, der natürlich stärkstens auf das Weltjudentum wirkt, die großen innenpolitischen Spannungen Israels, die besonders in der sogenannten Lavonaffäre sichtbar wurden, entscheidend waren.

So vieles ist inzwischen bekannt geworden in den Jahren, die zwischen jener schweren Zeit und heute liegen, vieles wird allerdings noch bekannt werden. In vielen meiner ehemaligen Annahmen und Feststellungen bin ich seitdem dokumentarisch bestätigt worden.

Das Blatt der aus Deutschland nach Amerika ausgewanderten Juden "Aufbau – Reconstruction", das in New York erscheint, brachte am 17. März 1961 einen sensationellen Artikel aus der Feder des Ostberliner Kirchenpropstes Grüber, der sich in schwerster Zeit um die Rettung der Juden aus Deutschland verdient gemacht hat. Propst Gruber schrieb: "Daß es einen 'Fall Eichmann' gibt, daran sind wir Deutschen schuld, aber nicht nur wir Deutschen. Es muß wieder einmal klar gesagt werden – vor allen Dingen denen, die im Prozeß Material für den Deutschenhaß oder für den Kalten Krieg suchen –, daß alle Völker mitschuldig wurden, weil kein Volk etwas Nennenswertes für die Hilfeleistung getan hat. Wenn nur ein Bruchteil des Verantwortungsbewußtseins vorhanden gewesen wäre, das sich jetzt in aller Welt für Flüchtlinge und Verfolgte kundtut, dann wären vielleicht Millionen gerettet worden, die man Eichmann zur 'Endlösung' überlassen hatte.

Wir haben damals bei fast allen Staaten angeklopft oder durch Freunde anfragen lassen. Nirgendwo hat sich eine Tür aufgetan, die nicht nur eine spärliche Infiltration, sondern eine großzügige Einwanderung gestattet hätte. Man würdigte uns keiner Antwort oder wies auf gesetzliche oder wirtschaftliche Schwierigkeiten hin. In Australien und Neuseeland wollten die Gewerkschaften kein Überangebot an Arbeitskräften. Als nach Kriegsbeginn nur zwei Möglichkeiten offenstanden: Seeweg über Italien und Landweg (transsibirische Eisenbahn) durch die Sowjetunion, da verweigerten beide Länder, die noch mit Deutschland in Handelsbeziehungen standen, die Annahme von Reichsmark, die wir ausreichend zur Verfügung hatten. Sie verlangten von uns US-Dollar, die uns fehlten, so daß Tausende schuldloser Menschen in die Hölle von Auschwitz transportiert wurden, während eine Auswanderung nach Amerika oder Schanghai für sie die Rettung bedeutet hätte."

Die größte deutsche Illustrierte, "Stern", Hamburg, veröffentlichte im Frühjahr 1961 eine ergreifende Reportage über das Schicksal von 900 jüdischen Auswanderern des deutschen Passagierschiffes "St. Louis" aus der Feder des Schriftstellers Hans Herlin unter dem Titel "Das rote J". In diesem Bericht wird die Fahrt des deutschen jüdischen Auswandererschiffes geschildert, dem es sowohl in den Vereinigten Staaten von Amerika als auch in Cuba verweigert wurde, die jüdischen Auswanderer auszuschiffen. Als nach der ungeheuren Nervenbelastung, der die 900 Juden ausgesetzt waren, schon eine Revolte auf dem Schiff auszubrechen drohte und die Gestapo per Funk die Rückkehr des Schiffes in den Hamburger Hafen anordnete, nahmen in letzter Minute Belgien, England, Holland und Frankreich je eine kleine Anzahl der verzweifelten Auswanderer auf.

Das Blatt veröffentlichte dabei eine Karikatur des "Daily Mirror" vom 6. Juni1939, auf der die sich abwendende Gestalt der Freiheitsstatue zu sehen ist. Auf ihrem Sockel ist zu lesen: "Schickt mir eure Müden, eure Armen… schickt alle die Heimatlosen und Umhergetriebenen zu mir." Das ist nämlich die Originalinschrift auf dem Sockel der Freiheitsstatue. Die Karikatur zeigt die Freiheitsstatue, die unter der Fackel ein großes Schild trägt mit der Aufschrift "Keep out!" Bleib draußen! Unten fährt ein Dampfer vorüber, in dessen Rauch man lesen kann: "Jewish Refugee Ship" – jüdisches Flüchtlingsschiff.

Präsident Roosevelt hatte wohl die Eviankonferenz einberufen, die sang- und klanglos und ohne ein reales Ergebnis auseinander ging. Auf dieser Konferenz sollte rechtzeitig die Rettung der deutschen Juden durch die Auswanderung beschlossen werden. Nicht einmal in das eigene Land ließ Herr Präsident Roosevelt uns bedrohte und verzweifelte Juden. Das ist die traurige, aber historische Wahrheit, eine Wahrheit, welche die Welt trotz aller geschichtlichen Unterlagen noch immer nicht zur Kenntnis genommen hat. Allerdings könnten sich die USA, genauso wie 1945 Schweden, damit verteidigen, daß die zionistische Weltführung eine großzügige Auswanderung der gefährdeten europäischen Juden in Länder außerhalb Palästinas nicht befürwortete.

In der Tel-Aviver Zeitung "Jedioth Chadaschoth" deutete Dr. 1. Lilienfeld, der Herausgeber, in seinem Leitartikel am 27. Mai 1960 die Konsequenzen an, die eine echte Aufrollung der jüdischen Tragödie mit sich bringen müßte, indem er schrieb:

"Die Aufrollung des düstersten Kapitels der neueren jüdischen Geschichte wird nicht ohne Peinlichkeiten außenpolitischer Natur abgehen, die jedoch nicht unbedingt den Charakter diplomatischer Verwicklungen bekommen müssen. Wenn Eichmann sich darauf berufen sollte, daß die 'Endlösung' weitgehend dadurch bestimmt war, daß die britische Mandatsmacht in Palästina im zweiten Weltkriege Juden nur in begrenzter Anzahl ins Land ließ, so ist das zwar keine Rechtfertigung seiner Taten, aber die Behandlung des Themas als solches wird schmerzliche Erinnerungen heraufbeschwören und alte politische Gegensätze, die sich im Laufe der Zeit abgeschliffen hatten, erneut ans Tageslicht zerren. Das ist nicht zu umgehen."

Ben Gurion persönlich gab der Zeitung "Jedioth Chadasdioth" im April 1961 ein Interview, in dem er erklärte, daß Nazideutschland die Schuld an Massenermordungen europäischer Juden trüge. Daneben laste indessen auch schwere Mitschuld auf dem Westen, da Frankreich, Großbritannien und die USA es versäumt hätten, Juden vor der Vernichtung zu retten. Vor allem gelte dies für Großbritannien, denn die Regierungen von Chamberlain, Eden und auch von Winston Churchill hätten Juden retten können, die nach Paläst:na zu entkommen versuchten.

Trotz dieser Erklärung führt in der Technischen Hochschule von Haifa ein Hörsaal den Namen "Winston Churchill".

Palästina war zu jener Zeit unter britischer Mandatsverwaltung, die jedoch die Einwanderung für jüdische Flüchtlinge sperrte. Auch in den für die Juden höchst kritischen Tagen äußerster Not zeigten sich die drei Westmächte nicht geneigt, Juden in größerer Zahl aufzunehmen beziehungsweise ihnen die Einwanderung in britische oder französische Kolonialgebiete zu gestatten.

Die Schuld der Heuchler

Somit wurde das Verbrechen und Vergehen nicht nur der Henker, sondern auch der Heuchler schon klar erkannt und öffentlich ausgesprochen! Aus dieser Erkenntnis wurden aber keine Konsequenzen gezogen! Trotzdem bleibt die Tatsache bestehen, daß die damaligen Politiker nicht nur der westlichen Großstaaten, sondern auch zahlreicher Kleinstaaten, namentlich in Südamerika, die Mitschuld an dem zu tragen haben, was später durch das Nazisystem an den Juden verübt wurde.

Das kann niemals eine Entschuldigung für das sein, was dann kam, als der Krieg, der Schatten der nahenden Katastrophe, Maßlosigkeit und Sadismus so entsetzlich wüteten. Doch befindet sich nahezu die ganze Welt, und zwar nicht nur England, Frankreich und Amerika, in der Rolle jener Menschen, die vom Fenster aus zuschauen, wie auf der Straße ein Mensch ermordet wird, und die trotz seiner verzweifelten Hilferufe sich weigern, die rettende Haustür zu öffnen.

Vor keinem Gericht der Welt würde ein solcher Mann, der Zeugnis für die Missetat des Mörders ablegt, freigesprochen werden, denn er hat gegen die göttlichen, menschlichen und auch weltlichen Gesetze schwer gesündigt. Daß sich ein solcher Mann aber später noch als Richter über den Mörder aufspielen könnte, das ist in der bürgerlichen Gesellschaft, in der das Strafgesetzbuch gilt, unmöglich. Doch das Jahr 1945 zeigte uns, genauso wie das Jahr 1933, daß in der Politik eben alles möglich ist.

Solange dieses Problem nicht vor dem Tribunal der Völker geklärt wird, solange die Rolle der Heuchler nicht in aller Öffentlichkeit festgehalten wird, solange ist das Urteil gegen die Henker nicht von jener Überzeugungskraft, die es eigentlich verdienen würde.

In einem so weltbewegenden Kapitel der Geschichte darf man im übrigen nicht nur das grauenhafte Endergebnis konstatieren und richten, sondern muß auch die psychologischen, politischen und militärischen Seiten in Erwägung ziehen, die zu dem Verbrechen führten. Das ist bisher in allen Fällen vermieden worden. Aus leicht erklärlichen Gründen: Man fürchtet, im Falle einer objektiven Untersuchung der Katastrophe die Mitverantwortung tragen zu müssen!

In der arabischen Frage schließlich ist unterdessen eine Reihe von Publikationen erfolgt, und besonders die Ägypter haben sehr sorgfältig umfangreiches Anklagematerial gegen die araberfeindliche Israelpolitik zusammengetragen. Der bekannte britische Historiker Professor Dr. Arnold Toynbee schrieb im Februar 1955 in der jüdischen Zeitschrift "Jewish Frontier" unter anderem:

"Israels geistige, aber auch politische Zukunft ist mit der Zukunft der Araber von Palästina eng verknüpft. Ich glaube, Israels oberste Pflicht und Interessen sind es, jenes Unrecht wiedergutzumachen, welches die arabischen Flüchtlinge erlitten haben."

Ende Februar 1961 wurde Toynbee durch die Hillelstiftung nach Montreal eingeladen. In einem Vortrag äußerte er sich sehr kritisch über die Araberpolitik Israels und erklärte, daß die Behandlung der Araber in Palästina durch die Israeli qualitativ, wenn auch nicht quantitativ mit der Behandlung der Juden durch die Nationalsozialisten zu vergleichen sei. Ganz Israel wäre in die Vertreibung und Ermordung von Arabern verwickelt.

Die englische und französische Presse Kanadas brachte diesen Vortrag in großer Aufmachung. Das Aufsehen war so stark, daß Jakob Herzog, Sohn des verstorbenen Oberrabbiners Israels, der als Gesandter Israel in Kanada vertritt, sich gezwungen sah, den britischen Historiker zu einem Streitgespräch aufzufordern.

Dies fand vor einer überaus zahlreichen Zuhörerschaft statt, und Professor Dr. Toynbee sagte aus diesem Anlaß unter anderem, daß gerade die Juden, die Generationen hindurch gelitten haben, den Arabern gegenüber ganz anders hätten handeln müssen. Für ihn bliebe Mord Mord.

Damit hat der bekannte englische Historiker das ausgesprochen, was man bei genauer Kenntnis des Araberproblems in Israel als ehrlicher Mann sagen muß.

Natürlich ist die Wahrheit meist unbequem und unerwünscht. So wird man auch in manchen Kreisen dieses Buch nicht begrüßen. Doch das Unheil beginnt dort, wo Toleranz aufhört und der Überheblichkeit Platz macht. Diese traurige Wahrheit bekamen wir Juden am eigenen Leibe zu verspüren. Darum bemühe ich mich, die Dinge ohne jede Überheblichkeit zu betrachten. Grausamkeiten werden in der Welt meist zu politischen Zwecken begangen. Kriege und Revolutionen waren nie human. Zur Rechtfertigung dieser Grausamkeiten braucht man stets einen Sündenbock. Solche Sündenböcke waren für die römischen Heiden die ersten Christen und später für die Christen die Juden, für die Türken die Armenier und leider für die Israeli die Araber. Ein unheimlicher, erschreckender Kreis des Hasses, der alles Menschliche zu ersticken droht. Wie im kleinen, so gibt es auch bei den großen Weltproblemen niemals einen Alleinschuldigen, und es wird ihn auch niemals geben.

Meine Aufgabe ist es nicht, den Ursachen des letzten Krieges nachzugehen. Denn ich bin kein Historiker. Ich bin nur ein kleiner Jude, der im Strom der Zeit dahingerissen wurde und der gezwungen war, einen Teil der Tragödie mitzuerleben und mitzuerleiden. Eines ist sicher: Solange es Kriege gibt, wird es Kriegsverbrechen geben. Im letzten Krieg waren in der Masse Juden die Opfer dieser Kriegsverbrechen, und zwar nur deshalb, weil sie Juden waren. Die Zahl der Juden, die dabei umkamen, ist umstritten. Doch letzten Endes spielt es keine Rolle, ob es sechs Millionen waren oder wesentlich weniger. Der Himmel muß über jeden weinen, der sterben muß, weil ihn das Schicksal in eine bestimmte Rassen- oder Religionsgruppe hineingeboren hat. Ich habe meine Erlebnisse und meine Beobachtungen niedergeschrieben, um meinen Teil zur geschichtlichen Aufklärung beizutragen, die heute genauso notwendig ist wie eh und je.

Ich will mit diesem Buch niemanden anklagen und natürlich auch niemanden verteidigen. Ich will nur mithelfen, die Wahrheit zu finden, ohne die es keine Zukunft geben kann, und ohne die wir alle in einem Meer des Hasses und der Rache ertrinken werden.

Jene, bei denen der Haß zum Beruf geworden ist, werden mich verfluchen. Doch die Schrift sagt: "Haß erregt Zwietracht, aber Liebe deckt Übertretungen zu." (Buch der Sprüche, 10/12) Der größte hebräische Poet des letzten Jahrhunderts, Ch. N. Bialik (geboren 1878 in Rußland, gestorben 1934 in Wien), der in den Revolutionswirren durch die Intervention Maxim Gorkis von Lenin persönlich 1921 die Ausreisegenehmigung aus Rußland bekam und viele Jahre seines Lebens in Palästina verbrachte, wird in Israel als der Prototyp des Zionisten betrachtet. Viele Straßen und selbst Ortschaften führen seinen Namen. Nach dem Kischinewer Pogrom des Jahres 1903 schrieb Bialik in seinem ergreifenden Klagelied "Die Schlachtung": "Wer mir von Rache spricht, soll verflucht sein."

Das ist jüdisches Denken! Meine Familie, die stets streng religiös war, stammt aus Schitomir. Mit vier Jahren wurden mein Vater, Zwi, und mein Onkel, Maier, von meinen verzweifelten Großeltern aus Rußland nach Tluste (Galizien) zu einem Bruder des Großvaters gebracht, der dort als Waldpächter lebte. Denn zaristische Kinderfänger verlockten und verschleppten jüdische Knaben ab fünf Jahren von den Straßen und transportierten sie tief nach Rußland hinein. Dort wurden die Kinder getauft, kamen in russische Militäranstalten, und gewöhnlich hörte man nie mehr von ihnen, da sie fünfundzwanzig Jahre dienen mußten, um ihre Erziehungskosten zurückzuzahlen. Die meisten wußten gar nicht mehr, woher sie stammten, und nur wenige konnten sich erinnern, daß sie Juden waren. Man nannte sie "Kantonisten". Die jüdischen Eltern wagten nicht, ihre Kinder in diesem Alter allein auf die Straße zu lassen, und behüteten sie, so gut es ging. Doch oftmals waren die Häscher schlauer als die verzweifelten Mütter. Der größte Fluch jüdischer Mütter im zaristischen Rußland lautete daher auch: "Varchappt sollst du werden!" (Gefangen sollst du werden!) Die grausame Christianisierung wurde von Zar Nikolaus 1. (1825 bis 1855) eingeführt und wurde erst um die Jahrhundertwende eingestellt.

Weder mein Vater noch mein Onkel kehrten nach Schitomir zurück. Sie trafen ihre Eltern nie mehr im Leben. Wie das bei rechtgläubigen Juden häufig vorkommt, so heiratete auch mein Vater eine Kusine, Esther. Meine Eltern zogen zuerst nach Zaleszczyki und übersiedelten kurz nach dem Kischinewer Pogrom nach Czernowitz. Sie hatten in ihrer Ehe acht Kinder.

Ich war das jüngste. Einige Zeit führten meine Eltern in Czernowitz ein koscheres Restaurant, das sie nach einer schweren Typhusepidemie aufgeben mußten. Mitte der zwanziger Jahre erhielt mein Vater eine Stellung in einer jener Gruppen von zehn talmudgelehrten frommen Juden, deren sich in den meisten größeren Städten je eine befindet. Diese Männer verrichten in einer besonderen Synagoge ständig Lob- und Andachtsgebete; dafür empfangen sie von der Kultusgemeinde einen Monatslohn. Eine solche Stellung kann nur durch den Tod verloren, also auch nur infolge des Todes eines der zehn neu besetzt werden. In späteren Jahren war mein Vater auch als Friedensrichter tätig. Er starb zum Glück 1940, also ehe der Krieg ihn erreichte, in Suceava. Meine arme Mutter aber verhungerte mit zehntausend anderen in Transnistrien, ohne daß ich etwas von ihrem furchtbaren Schicksal wußte. Ich erfuhr es erst nach dem Kriege. Die Überlebenden unserer Familie wurden in alle Winde verstreut. Sie leben in der Sowjetunion, in Rumänien, in den USA, in Israel und in Deutschland.

Ich bin wahrhaftig vom Schicksal nicht verschont worden. Dennoch glaube ich, daß wir das Gestern überwinden müssen, wenn wir das Morgen gewinnen wollen. Es hat keinen Sinn, Wochen der Verbrüderung zu feiern und im gleichen Atemzug immer wieder alte 1 Wunden aufzureißen, um zu verhindern, daß sie sich schließen. So kommt es nie zu einem Frieden, nie zu einer Aussöhnung.

Eine kleine Gruppe fanatischer Antisemiten hat im Kriege maßloses Leid über uns Juden gebracht. Für diese Greueltaten wurde mit einer Kollektivschuld sondergleichen das ganze deutsche Volk belastet und am Ende sogar veranlaßt, kollektive materielle Sühneleistungen abzustatten. Dabei ist es sicher, daß die erdrückende Masse der Deutschen mit diesen Dingen nichts zu tun, ja, sie in ihrer letzten Konsequenz nicht einmal gekannt hat. Wenn man von einer Schuld sprechen kann, so von der, daß man geschwiegen hat.

Doch nicht nur den Juden, auch den Deutschen wurde während des Krieges in den grauenhaften Bombennächten und nach dem Kriege ebenfalls Furchtbares angetan. Auch dazu schweigt die Welt, und ich will heute mir vor meinem Gewissen nicht denselben Vorwurf machen müssen, den sich vielleicht manche Deutsche 1945 machen mußten: geschwiegen zu haben.

Auch darum habe ich dieses Buch geschrieben. Sollte man mir nach dem Erscheinen dieser schlichten Zeilen etwas Böses zufügen, so werden automatisch alle meine Unterlagen, die ich in der Schweiz in treue Hände gegeben habe, veröffentlicht, zu deren Publikation ich mich bisher nicht entschließen konnte, Unterlagen von weitesttragender Bedeutung

Trotz all meiner nicht gerade guten Erfahrungen habe ich mir den Glauben an die Menschheit bewahrt. Ich bin überzeugt, daß eines Tages der Teufelskreis des Hasses, der uns umspannt, zertrümmert wird. Nur dann wird es eine Zukunft für uns alle geben, für die Juden, für die Araber und nicht zuletzt für die Deutschen. Die Schrift sagt: "Sprich nicht: Wie er mir getan hat, so will ich ihm tun." (24/29)

Besonders für das Verhältnis zwischen Juden und Deutschen ist eine solche Haltung, frei von Berechnung und frei von Heuchelei, dringend notwendig. Denn im Buch der Sprüche steht geschrieben: "Besser einen nahen Nachbar als einen fernen Bruder." (27/10)

So wollen wir die jüdische und die deutsche Jugend nicht in einem Geist der Ressentiments erziehen, der unbedingt zu Gegnerschaft und Haß führen muß, sondern in einem Geist der gegenseitigen Achtung und des gegenseitigen Verstehens. Die meisten Menschen bemühen sich ja, gut zu sein. Ich glaube, daß in der Welt mehr des Irrtums denn der Schuld ist. Dennoch: frei von Schuld ist keiner!

Darum mochte ich meine Aufzeichnungen mit dem Satz schließen:

"Wer von uns ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein!"


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