Politik auf des Messers Schneide

Reiner Kommunismus unrentabel

Wer in Israel die markantesten politischen und wirtschaftlichen Erscheinungen kennenlernen will, der muß in die Kibbuzim gehen. Der größte Teil der Israelwirtschaft ist nämlich kollektiviert. Kooperative und Kibbuzim führen. Private Initiative wird in der Israelwirtschaft nicht geschätzt. Ich erkannte das sehr bald und mußte, ob ich wollte oder nicht, daraus folgern, daß mir eine Existenzgründung auf privater Basis dort noch schwerer gemacht werden würde als in irgendeinem anderen nichtkommunistischen Land. Mit mir haben das viele Hunderte, ja Tausende erfahren müssen. Die späteren Statistiken bewiesen, daß seit der Staatsgründung im Mai 1948 bis 1954 60 000 jüdische Einwanderer Israel wieder verlassen haben. Diese hohe Zahl fiel aber nicht ins Gewicht, da zur selben Zeit 735 000 Juden auf Grund der bestechenden zionistischen Propaganda in Israel einwanderten. Wenn ich in Kooperativen oder Kibbuzim hätte leben wollen, hätte ich ja gleich hinter dem Eisernen Vorhang bleiben können, da das Leben, vor allem in den Kibbuzim, wohl die reinste kommunistische Form ist, die es zur Zeit wohl der Welt gibt. Ich sage ausdrücklich auf der Welt, und nicht nur im Westen. Denn sicher träumen in der Sowjetunion die kommunistischen Theoretiker von jener Form der klassenlosen Gesellschaft, die in den sozialistisch-zionistischen Kibbuzim längst verwirklicht wurde. Dabei besteht kein Zweifel, daß allein in den Kibbuzim noch die wirklich opferbereiten, idealistischen Zionisten zu finden sind. Hier ist alles sauber und alles bescheiden. Während in den Jahrzehnten der zionistischen Pionierarbeit nahezu alle Einwanderer in den Siedlungen lebten und arbeiteten, befindet sich heute nur noch jeder fünfte Israeli in den landwirtschaftlichen Siedlungen. Die Zahl der Kibbuzniks betrug 1958 in 228 Kibbuzim nur 79 891. Die Masse der Israeli drängt sich nämlich in den drei Großstädten Tel Aviv, Haifa und Jerusalem zusammen. Dort lebten 1958 über 692 000 Einwohner.

Im großen und ganzen führen die Kibbuzniks ein friedliches Leben. Alles, was sie zu tun haben, bekommen sie befohlen und erfüllen alle ihre Pflichten im Kollektiv. Selbstverständlich muß jeder Kibbuznik seine individuellen Pläne und Wünsche aufgeben; daß dies gerade unter den individualistischen Juden möglich war, ist beinahe ein Wunder. Der Kibbuznik hat überhaupt kein Eigentum mehr. Er erhält für seine Arbeit auch keine Bezahlung. Alle Bedürfnisse werden, je nach Wohlhabenheit des Kibbuz, mit standardisierten Artikeln befriedigt. Die kurzen Khakihosen, die zu meiner Zeit die nahezu einheitliche Bekleidung darstellten, die einfarbigen Hemden werden genauso vom Kibbuz gestellt wie das Gemeinschaftsessen, welches jedermann im Eßraum erhält, eine Art Großabspeisung. Der Kibbuz gibt natürlich auch die Wohnung, die Zigaretten, das Schreibpapier, die Nähnadel, die Schuhkreme, kurz praktisch alles. Der Begriff des Eigentums, selbst in kleinster Form, existiert im Kibbuz nicht. Er ist so total ausgelöscht, daß die kommunistische Kolchose vor Neid erblassen könnte, die immerhin ihren Mitarbeitern zum Teil eigene Häuschen und im kleinsten Rahmen sogar Nutzvieh und ein Gärtchen beläßt. Das alles gibt es im Kibbuz nicht. Es gibt auch keinen Gewinnanteil, und lediglich für den jährlichen 14-Tage-Urlaub bekommen die Kibbuzniks ein Taschengeld. Die kleinen Zimmerchen, die den Ehepaaren zur Verfügung stehen, genügen um so leichter, als ja auf den Kibbuzim die Kinder sehr bald nach der Geburt von den Müttern wegkommen und ins Gemeinschaftskinderheim des Kibbuz gebracht werden. So können sie ihre Mütter von der Arbeit nicht abhalten, denn natürlich müssen die Frauen genauso arbeiten wie die Männer, und hier herrscht wirklich eine totale Gleichberechtigung der Geschlechter. In den Nachmittagsstunden, wenn nicht gearbeitet wird, dürfen die Kinder täglich zwei Stunden ihre Eltern besuchen. Dann geht es wieder zurück ins Heim, wo sie selbstverständlich auch wie kleine Rekruten schlafen. Scheidet aus irgendeinem Grund ein Kibbuznik aus seinem Kibbuz aus erhält er - selbst wenn er dort Jahre- oder jahrzehntelang gearbeitet hat - keinen Pfennig. Alles für das Kollektiv, nichts für das Individuum! Verständlicherweise interessierten mich die Kibbuzim sehr, und ich nahm wiederholt die Gelegenheit wahr, um einige dieser Siedlungen aufzusuchen. In der Zeit, in der ich da war, wurde des Klimas am morgens von vier bis acht Uhr und abends von achtzehn bis einundzwanzig Uhr auf den Feldern gearbeitet. Die Arbeitszeit betrug sieben Stunden. Es überraschte mich, daß trotz dieser beispiellos billigen Arbeitskräfte, der Großraumplanung und der modernsten Maschinen die Produktion der Kibbuzim sich in der Regel teurer stellte als die Importe aus den Nachbarländern.

1950 stellte ich verwundert fest, daß die Fische, welche die Kibbuzim auf den Markt lieferten, viel teuerer waren als die, welche aus der Türkei importiert wurden. Dabei unterstützt der Israelstaat die Kibbuzim in jeder Hinsicht. Ohne die ausgiebige Finanzhilfe, besonders aus den USA, könnten sich trotzdem diese zionistischen Kolchosen längst nicht mehr halten. Im Grunde geht es ihnen nicht anders als der ganzen israelischen Wirtschaft, die in stärkstem Maße von der Hilfe, die ihr das "Weltjudentum angedeihen läßt, abhängt. Man hat mir in Jerusalem in eingeweihten Kreisen berichtet, daß allein die amerikanischen Juden jährlich etwa 12 Millionen Dollar, also etwa 50 Mill. DM, spenden. Diese gewaltige Hilfe des Weltjudentums wird noch vom amerikanischen Staat ergänzt. Allein innerhalb von vier Jahren, 1952 bis einschließlich 1955, erhielt Israel vom amerikanischen Finanzhilfsprogramm und der Technischen Hilfe rund 232 Millionen Dollar, etwa 980 Millionen DM. Dazu kommt noch die globale, kollektive Wiedergutmachungsentschädigung, welche die Deutsche Bundesrepublik an den Staat Israel in der Höhe von rund 31/2 Milliarden DM abzahlt. Ohne diese gewaltigen Finanzunterstützungen Wäre Israel trotz des Fanatismus der zionistischen Politiker und des Idealismus der zionistischen Kibbuzniks längst zuammengebrochen.

Israel verfügt über etwa 26 Millionen Dunam Land. [Ein Dunam hat 1000 m2.] Davon werden 5 bis 6 Millionen als Kulturboden bearbeitet. 1948 hatten die Israeli erst 1 600 000 Dunam in ihrem Besitz. 440 000 gehörten der PICA, einer von Edmund Rothschild geschaffenen Gesellschaft; der zweitgrößte Eigentümer des jüdischen Bodenbesitzes in Palästina war der Keren Kayemeth.

90 Prozent des israelischen Bodens gehören dem Staat und dem Keren Kayemeth, mit dem ein Abkommen getroffen wurde, nach dem dieser Boden unverkäuflich ist und von einer Staatsbehörde zentral verwaltet wird. Der private Grundbesitz betrug 1948 etwa eine halbe Million Dunam. Unterdessen hat eine Reihe von Gesetzen diese Bodenfrage geregelt. Das Notstandsgesetz gestattete die Konfiszierung von arabischem Boden in militärischen Zonen. Das Mawat-Landgesetz ermöglichte die Beschlagnahme nicht bearbeiteten Bodens, 1950 kam noch das Gesetz über den Besitz Abwesender und 1952 das Gesetz über die Landenteignung dazu. Heute gehört infolgedessen praktisch nahezu der ganze Grund und Boden in Israel dem Staat.

Als ich längst aus Israel zurückgekehrt war, erlebte ich 1960 in der Deutschen Bundesrepublik die offizielle Entrüstung über die Verstaatlichung des Bodens und die Enteignung der Bauern in der Sowjetzone und las in der Presse gleichzeitig sprachlos von begeisterten Empfängen von Vertretern der Kibbuzim in Westdeutschland und der Entsendung von westdeutschen Jugenddelegationen in die Kibbuzim zur Mitarbeit. Diese Kibbuzim haben bekanntlich einen Grad der kommunistischen Gemeinschaft erreicht, von dem Ulbricht und Genossen ihren Bauern gar nichts zu sagen wagen.Weiß man das in der deutschen Bundesrepublik nicht? Wenn ja, dann kann man doch die Proteste gegen die Zwangskolchoisierung in Mitteldeutschland kaum ernst nehmen! Wenn das Kibbuzsystem in Israel richtig und lobenswert ist, dann ist doch nicht einzusehen, daß Ulbricht und Genossen sich auf falschem Wege befinden. Nun ist es für mich als Juden ja nicht sehr leicht, mich in den etwas krausen Gedankengängen der Politik zurechtzufinden. Möglicherweise irre ich mich. Am meisten interessierte mich aber in den Kibbuzim nicht die Wirtschaft, sondern die Mentalität des Sabre. In einem Kibbuz kam es gegen Abend zu einem sehr interessanten Gespräch, an dem sich neben anderen besonders ein etwa zweiundzwanzigjähriger junger Lehrer beteiligte. Sehr bald stellte ich mit Erschrecken fest, daß diese Elite Israels über die Geschichte der Juden kaum Bescheid wußte. Dieser Lehrer, der bereits andere unterrichtete, hatte keine Ahnung, wer Moses Mendelssohn war, der große Freund Lessings, den er zu Nathan der Weise" inspirierte, dem Wegbereiter der jüdischen Emanzipation. Natürlich wußte er auch nichts von dessen Enkel, Mendelssohn-Bartholdy, dem berühmten Musiker, Wiedererwecker von Johann Sebastian Bachs Matthäuspassion und Gründer des Leipziger Konservatoriums. Nun reizte es mich, und ich erwähnte Moses Maimonides. Mein Diskussionspartner gab zögernd zu, schon einmal von ihm gehört zu haben.

Das ist unfaßbar. Maimonides war der größte jüdische Lehrer aller Zeiten, der in Ägypten seine Werke in arabischer Sprache schrieb und der christlichen Scholastik die aristotelische Philosophie vermittelte. Selbstverständlich weiß im Galuth all dies jeder gebildete Jude. Ich erkannte plötzlich, daß diese Kibbuzim die Menschen nicht nur von der Welt abschließen, sondern auch ihr allgemeines Blickfeld verengen. Hier geht nicht allein eine gesellschaftliche, hier geht auch eine geistige Isolierung vor sich, die augenscheinlich beabsichtigt ist. Erst viel später las ich in israelischen Zeitungen, daß Anfang des Jahres 1960 neu eingewanderte Pressevertreter einen Wissenstest bei Schülern im Alter zwischen 15 und 16 Jahren durchführten.

Diesen Sabres wurden folgende Fragen vorgelegt, die sie schriftlich zu beantworten hatten:

  1. Was wissen Sie über KZ und Gaskammern?
  2. Was bedeutet der gelbe Fleck (Stern)?
  3. Wer war Mordechai Anilewitsch?
  4. Welche Literatur über KZ haben Sie gelesen?

Ein Großteil der jungen Israeli füllte die Bogen überhaupt nicht aus. 210 Bogen kamen aber zurück. 76 der Befragten, also 36 Prozent, hatten noch nie etwas über KZ gehört. 86 Befragte, das heißt 41 Prozent, hatten über Gaskammern völlig unklare Vorstellungen. 73 Befragte, mithin 35 Prozent, hatten keine Ahnung vom gelben Stern. Und - 93 der Jugendlichen, das sind 44 Prozent, hatten nie in ihrem Leben etwas von Mordechai Anilewitsch gehört, dem jungen Führer des Aufstandes im Warschauer Getto. Die Journalisten machten dieses Ergebnis sensationell auf und glossierten nicht zu Unrecht diese Unwissenheit über die primitivsten jüdischen Angelegenheiten in der israelischen Jugend. Trotz dieser Mängel muß man indessen erkennen, daß die Kibbuzjugend von den Sabres noch die am weitesten fortgeschrittene ist. Die Geschichte des jüdischen Volkes, die letzten Endes eine Geschichte der Verbannung ist, wird anscheinend der Jugend vorenthalten, und so ist zu befürchten, daß aus dem israelischen Volk kein Adler, Einstein, Joffe, Freud, Heine, Kafka, Disraeli, Rathenau, Liebermann, Menuhin, Chagall, Oistrach, Botwinnik, Fischer und kein Bialik oder Tschernichowski mehr hervorgehen wird.

Schließlich wurde der junge Mann im Laufe des Gespräches nervös und nannte mich einen Bauern, als ich ganz beiläufig erwähnte, daß Dr. Theodor Herzl keine Silbe hebräisch konnte und seine grundlegenden zionistischen Werke in deutscher Sprache geschrieben habe. Der junge Lehrer fuhr triumphierend auf, lachte und sagte überlegen: "Das ist nicht wahr, ich habe alle Werke des großen Herzl in hebräisch gelesen." Von der Möglichkeit einer Übersetzung hatte der arme Mann noch nie etwas gehört! Ich schwieg traurig, eine Belehrung war aussichtslos.

Geldquellen

Obgleich ich mich selbst nie sonderlich politisch betätigte, habe ich mich doch immer für die Politik interessiert, vor allem dort in Israel. Die Kenntnis der politischen israelischen Verhältnisse ist für jeden wichtig, wenn er über dieses Experimentierfeld des Weltzionismus urteilen will. Die mosaische Religion nämlich hat in Israel schon lange aufgehört, jenes einende Band zu sein, das sie für die Juden in der ganzen Welt bedeutete.

Natürlich entscheidet in der israelischen Politik - wie überall - das Geld. Die Finanzzentrale des Weltzionismus wurde auf dem Zionistischen Weltkongreß in London 1920 geschaffen und heißt Keren Hayessod, zu deutsch Gründungsfonds. Dieser Keren Hayessod sammelte auch in der ganzen Welt von diesem Tage an Geld für die zionistische Arbeit in Palästina. Bis 1947 hat der Keren Hayessod etwa 100 Millionen Dollar aufgebracht.

Davon wurde ein Drittel für die Landwirtschaft verwendet, der Rest für Bildungswesen und andere soziale Einrichtungen. Noch heute existiert dieser Keren Hayessod und wird von Jerusalem aus gelenkt und verwaltet. Dieser Gründungsfonds ist von der israelischen Regierung unabhängig, steht aber dennoch unter ihrem ständigen Druck. In keinem anderen Staat der Welt sind die Unterstützungsbeiträge so wichtig wie gerade in Israel.

Wahrscheinlich um den Keren Hayessod stärker unter Kontrolle zu bekommen, ließen die israelischen Zollbehörden 1950 eine aus Europa zurückkehrende Sammlergruppe, bestehend aus sechs Rabbinern, als Schmuggler festnehmen. Der israelische Zoll hatte aus Frankreich vertrauliche Informationen erhalten, wonach diese sechs Rabbiner angeblich Schmuggelware mit sich führten. Bei der sehr rigoros durchgeführten Untersuchung wurden dann tatsächlich aus koscheren Fleischkonserven, die scheinbar original verpackt waren, Golddukaten und Golduhren sichergestellt. Bei dieser Aktion gingen die israelischen Zöllner so rauh mit den Rabbinern um, daß einer Von ihnen danach acht Tage lang keinen Gebetsriemen anlegen konnte; bei der Untersuchung war ihm eine Hand ausgerenkt worden. Ob nun diese Rabbiner tatsächlich für ihren privaten Vorteil den Schmuggel durchführen oder ob sie nur für ihre Partei die Werte uns Land bringen wollten, wurde nie geklärt.

Ein zweiter Fonds heißt Keren Kayeneth Leisrael, zu deutsch "Ewiger Fonds für Israel", kurz benannt Keren Kayenneth. In diesen Fonds wurden ursprünglich nur Gelder für den Grund- und Bodenankauf gesammelt. Dieser Boden sollte für immer Eigentum des Israelvolkes sein. Durch den Keren Kayenneth, der 1901 gegründet wurde, konnten bis 1947 150000 Dunam Land angekauft werden.

Schon beim ersten Zionistischen Weltkongreß versuchte Professor Hermann Schapiro die Gründung zu erwirken, was mißlang. Erst beim fünften Kongreß gelang es Dr. Herzl die Gründung durchzusetzen. Hier wurden nicht nur Wälder gepflanzt, sondern auch Kibbuzim geschaffen und israelische Verwaltungszentren eingerichtet. Der Keren Kayenneth sammelt nicht nur Geld und andere Kapitalien, sondern in den vergangenen Jahren gab es wohl kaum eine Geburt oder eine Beschneidung kein Bar Mizwah (Kommunion, Konfirmation) keine Heirat, kein Begräbnis, bei dem nicht goldene Bücher in den jüdischen Gemeinden aufgelegt und von den Familien nicht namhafte Beträge aus diesem festlichen Anlaß gezeichnet wurden. Keren Kayenneth wurde von 1921 bis 1941 von dem aus Rußland stammenden M Usischkin verwaltet. Er war seinerzeit der stärkste Gegner Dr. Herzls, als dieser den Uganda-Plan in Erwägung zog und gehörte 1919 der zionistischen Gruppe bei den Friedensverhandlungen in Versailles an.

Diese Sammlungen für Israel, einst mit glühendem Idealismus durchgeführt, wurden unterdessen für manchen ein recht gutes Geschäft. In der Regel erhalten die Sammler Provision, oftmals bis zu 25 Prozent der gesammelten Summe.

Warum dieser Fonds Keren Kayenneth nach 1948 nicht aufgelöst wurde, bleibt ein Rätsel. Denn seit 1948 gehörte ja der Grund und Boden Israels dem Staate mit Ausnahme der wenigen jüdischen Bodenbesitzer, die vor 1948 privat in Palästina Grund erwarben, und jenen arabischen Bauern, die trotz aller Verfolgungen und Schikanen noch immer auf ihrem Grund und Boden ausharrten.

Groteskerweise wurde dieser Fonds 1952 sogar in der Deutschen Bundesrepublik neu gegründet. Das ist um so verwunderlicher, als doch die Sochnuth am 30. September 1950 angeordnet hatte, daß alle jüdischen Organisationen und Institutionen innerhalb der Bundesrepublik sich unverzüglich aufzulösen hätten. Gleichzeitig wurden alle jüdischen Bewohner der Bundesrepublik aufgefordert, diese zu verlassen und nach Israel zu kommen.

Einen Monat zuvor hatte in Jerusalem ein Kongreß der Sochnuth sehr ernsthaft die Fragen der Juden innerhalb der Deutschen Bundesrepublik diskutiert. Überaus scharfe Anträge wurden eingebracht, und man wollte alle in der Bundesrepublik noch verweilenden Juden mit dem Bannfluch belegen.

Ben Gurion persönlich hatte ja nie ein Hehl daraus gemacht, daß er von den nicht in Israel lebenden und arbeitenden Zionisten sehr wenig hält. Er beschuldigte sie sogar, daß sie auf die Entwicklung Israels störend wirken. In den Kreisen der radikalen Israeli kann man oft ein Schlagwort hören, das früher die Gegner des Zionismus angewendet haben: "Ein Zionist ist. Jude, der einen anderen Juden mit dem Geld eines dritten Juden nach Palästina schickt."

Besonders in der Mapai gibt es eine Strömung, die alle jene Zionisten verachtet, die nicht daran denken, ihr bequemes Leben in den Kulturländern mit dem Existenzkampf in Israel zu vertauschen.

Im Hinblick auf die Juden in der Bundesrepublik kamen noch die schweren Ressentiments gegen Deutschland im allgemeinen zur Geltung. Erst auf Grund dringender amerikanisch-jüdischer Vorstellungen wurde die Schärfe der Formulierungen auf dem Sochnuthkongreß herabgemildert. Da die amerikanischen Juden nicht im Traum daran denken, ihre Geschäfte und Positionen in den USA zu verlassen, um gegebenenfalls als Kibbuzniks nach Israel zu gehen, befürchteten sie offensichtlich nicht ganz zu Unrecht, daß auch sie demnächst in einen Bannfluch einbezogen werden könnten.

Juden in Deutschland heute

Schließlich veröffentlichte die in Tel Aviv erscheinende Zeitung "Jedioth Chadaschoth" am 7. August 1950 einen Artikel, der in seiner Deutlichkeit keinen Zweifel läßt. Es heißt darin unter anderem unter der Überschrift "Sochnuth stellt Arbeit in Deutschland ein": "Für ein Verbleiben der Juden in Deutschland gibt es keinen Grund mehr außer dem Schwarzen Markt. 35 000 Juden sind noch in Westdeutschland, 10 000 warten auf ihre Ausreise. Der Rest genießt nicht mehr die Hilfe und die Unterstützung der israelischen Behörden."

Damit wurden alle in Deutschland verbleibenden Juden sehr unverblümt als Schwarzhändler denunziert. Ich habe bis heute nirgends einen Widerruf dieser Stellungnahme gelesen. Im Gegenteil, wenn sich irgendwo in der Bundesrepublik eine neue zionistische Vereinigung bildet, zeigt die israelische Presse darüber keinerlei Freude, sondern verhöhnt und verspottet diese Sorte von Zionisten innerhalb der Bundesrepublik.

In dieser Frage kann ich allerdings der offiziellen Israelversion nicht widersprechen. Wenn sich jemand schon als Zionist bekennt, dann soll er auch dorthin gehen, wo man für den Zionismus arbeiten, bauen und kämpfen kann. Weder in Westberlin noch in Düsseldorf noch in München stehen Kibbuzim, und hier kann auch nicht gegen die Araber gekämpft werden.

Wer sich trotzdem innerhalb der Bundesrepublik als Zionist bekennt und sich noch dazu als Freund Israels gebärdet, obwohl Israel von dieser Art Zionisten gar nichts wissen will, tut dies aus sehr undurchsichtigen Gründen oder betreibt nur ein sehr problematisches Geschäft, das heuchlerisch getarnt wird. Es muß als ein besonderer Witz unserer Zeit betrachtet werden, daß sich gerade diese Herrschaften und ihre Anhänger innerhalb der Bundesrepublik als die Vertreter des Judentums auf spielen und dabei ohne organisatorische und moralische Legitimation die schwache Brücke zwischen Juden und Deutschen durch ihre unversöhnliche Rachepolitik belasten.

Im Namen Israels jedenfalls können sie nicht auftreten: Diese Legitimation wurde ihnen von der Sochnuth offiziell entzogen. Auch haben sie kein Recht, im Namen des Weltjudentums zu sprechen, denn es gibt mehr Juden als man denkt, die mit dieser Art von Politik nichts zu tun haben wollen. Doch dank des nahezu diktatorischen Einflusses dieser Gruppen getraut sich innerhalb der Bundesrepublik kaum ein Jude, seiner wirklichen Meinung Ausdruck zu verleihen. Wie der Fall des ehemaligen Oberrabbiners Dr. Isaak Goldstein beweist, scheuen diese Leute nicht davor zurück, jeden Juden, der es wagt, der wirklichen Stimmung vieler in Deutschland lebender Juden Ausdruck zu geben, mit wenig jüdischen Methoden mundtot zu machen.

Als sich in Westberlin im Herbst 1960 eine zionistische Organisation gründete, die sich "Bund von aktiven alt-Zionisten" nannte, liefen in Israel nicht nur die Allgemeinen Zionisten, die Cheruth-Partei und die Misrachi dagegen Sturm, sondern sogar die Mapai. Die offizielle Tageszeitung der Histadruth und der Mapai, "Davar", machte sich über die Gründung in Westberlin, die sie ironisch verzeichnete, nur lustig.

Doch nicht nur in Israel, auch in den USA wandten sich wiederholt Juden gegen die Zionisten in der Bundesrepublik. Der bekannte Publizist und Radiokommentator in den USA, Schlomo Ben Israel, veröffentlichte in der jiddischen Zeitung "Vorwärts", New York, am 2. März 1960 einen Artikel "Juden haben schnell vergessen". Darin bemerkte er unter anderem: "Die Juden in Deutschland haben schon eine zionistische Organisation geschaffen, und wahrscheinlich werden sie sich der zionistischen Weltorganisation anschließen und mit anderen Juden an zionistischen Weltkongressen teilnehmen." Schlomo Ben Israel kritisierte diese Entwicklung heftig und verstieg sich dabei zu folgenden Sätzen: "Es darf keine jüdische Gemeinde in Deutschland mehr entstehen." "Die Juden, die sich wieder in Deutschland niederlassen, sind keine Ehre für das Weltjudentum." Er schloß mit der Feststellung: "Der größte Teil dieser Juden ist Müllabfall, eine Müllkiste des jüdischen Volkes."

Im Juli 1960 besuchte Schlomo Ben Israel, der Mann mit dein reichen akademischen Sprachschatz, München. Er kam aus Israel, um Material für einen Roman über nationalsozialistische Kriegsverbrechen zu sammeln. Wahrscheinlich begrüßte er bei dieser Arbeit die Befragten, den "Müllabfall", mit einem Händedruck, und die Leute aus der Müllkiste beantworteten seine Fragen. Wahrlich, ein Beweis für Konsequenz und Selbstachtung auf beiden Seiten!

Kurze Zeit darauf, im November 1960, besuchte der hessische Landesrabbiner, Dr. Lichtigfeld, Israel und gab der Tel-Aviver Zeitung "Jedioth Chadaschoth" aus diesem Anlaß ein Interview. Er sagte dabei unter anderem: "Obwohl die Juden in Deutschland in den Logen und den zionistischen Organisationen wieder ein kulturelles Leben beginnen, leisten sie für Israel gar nichts, obgleich sie wirtschaftlich dazu in der Lage wären."

Die Zionisten in der Bundesrepublik, denen so fortgesetzt die israelische und zionistische Verachtung ausgesprochen wird, benehmen sich wie nasse Hunde. Sie schütteln alles ab. Menschen, denen man von zionistischer Seite ständig ins Gesicht spuckt und die lächelnd behaupten, es würde nur regnen.

Dabei springt einem gerade aus diesen Kreisen ein geradezu schauriger Haß auf das deutsche Volk entgegen. Man braucht nur ihre Presseerzeugnisse zu lesen, um zu wissen, wie sehr sie an der Verewigung des Hasses arbeiten. Die in München erscheinende "Neue jiddische Zeitung", die 1950 gegründet wurde, als alle jüdischen Zeitungen in Bayern auf Grund des Entschlusses der Sochnuth aufgelöst wurden, beschuldigt einmal den "Spiegel" am 24. Juni 1960 der neonazistischen Sprache und macht ein andermal der "Süddeutschen Zeitung" einen Vorwurf, weil sie eine Meldung aus Paris publizierte, in der mitgeteilt wurde, daß General de Gaulle in seiner Besprechung mit Ben Gurion diesen ersucht hätte, weitere Provokationen gegenüber arabischen Staaten zu unterlassen.

Am 18. November 1960 brachte diese "Neue jiddische Zeitung" einen Bericht über den Prozeß, der in Hagen gegen einen KZ-Machthaber namens Thomanek lief. Dabei wurden auch 62 jüdische Zeugen einvernommen, 23 davon erschienen aus Israel. Da zwei jüdische Zeugen den Angeklagten entlasteten, tobte das Blatt: "…daß so etwas zum erstenmal vorkommt und hoffentlich zum letzten mal, daß Juden sich erlauben, für einen Nazimörder einzutreten. Es ist wichtig, die Namen dieser beiden Zeugen bekanntzugeben. Der eine ist Margullies aus Paris, der andere ist Winter aus Wien. Beide waren Mitglieder des Judenrates in Tschortkow. Hätte die Polizei diese beiden Zeugen nicht geschützt, hätten sie den Zorn der übrigen jüdischen Zeugen verspürt. Hoffentlich ist diese Angelegenheit nicht erledigt, und hoffentlich wird man sich für diese beiden Juden noch interessieren."

Ich bin weit davon entfernt, für Mitglieder irgendeines Judenrates einzutreten. Ich selbst habe die Zeiten der Verfolgung und der Qual höchst passiv mit hunderttausend anderen erlebt und hätte nie eine solche Funktion angenommen. Doch vor einem ordentlichen demokratischen Gericht muß jeder das Recht haben, nach seinem Wissen und Gewissen auszusagen.

Wenn eine andere Zeitung innerhalb der deutschen Bundesrepublik jemals wagen würde, einen Zeugen einer ordentlichen Gerichtsverhandlung so zu beschimpfen und unmißverständlich tätlich zu bedrohen, möchte ich nicht wissen, was mit ihr geschähe.

Beim Lesen dieser erstaunlichen Aufforderung zur Gewalt gegen einen Zeugen vor einem ordentlichen deutschen Gericht fielen mir die Presseberichte über einen Mordprozeß ein, über den ich viele Jahre zuvor gelesen hatte. Am 16. Dezember 1937 drängte sich in Stettin das Publikum in eine Schwurgerichtsverhandlung, welche die Ermordung des jüdischen Kaufmannsehepaares Abraham aus Bahn, Kreis Greifenhagen, zu ahnden hatte. Nach zweitägiger Verhandlung wurden die Mörder verurteilt: Der sechsundzwanzigjährige Josef Reinhard zum Tode, sein achtzehnjähriger Komplize Fritz Icks zu lebenslänglichem Zuchthaus und der jugendliche Mittäter Albert Icks zu sechs Jahren Gefängnis.

Der Gerichtsvorsitzende, Landgerichtsrat Dr. Klaar, betonte in seinem Urteil unter anderem, daß die ganze Bevölkerung bei der Aufdeckung dieses Mordes mitgeholfen habe, und erklärte, daß es bei der Bestrafung der Täter keine Rolle spielen konnte, daß der ermordete Abraham ein Jude gewesen sei. Mord bliebe Mord!

Es wurden also jene Zeugen, die mithalfen, den Mörder eines Juden festzunehmen, in keiner Weise diffamiert, sondern öffentlich belobigt.

Daß im Verlaufe des totalen Krieges das Recht in Deutschland zerstört wurde und die Juden ein grauenhaftes Schicksal erleiden mußten, steht auf einem anderen Blatt. Solange aber im Deutschen Reich auch unter den Nazis Frieden herrschte, genossen selbst Juden Rechtsschutz.

Da wir jetzt auch Frieden haben, wäre es meiner Meinung nach richtig, wenn man sich heute nicht von den Nazis in dieser Hinsicht beschämen ließe.

Israelische Gewerkschaften und Parteien

Doch zurück zur Politik in Israel! Eine der wichtigsten Organisationen, der Dachverband aller Gewerkschaften, ist die 1920 in Haifa gegründete Histadruth, zu deutsch Organisation. Die Histadruth übt größten Einfluß aus. Schon 1948 hatte sie 260 000 Mitglieder, inzwischen sind es mehr als 500 000 geworden, die rund 4 Prozent ihres Lohnes als Beitrag zahlen. Die Histadruth besitzt Lehranstalten, moderne Kliniken, Krankenhäuser, Sanatorien, Zahnstationen, Apotheken, Berufsschulen, Sportlager und Kindergärten. Sie betreibt eine Versicherungsgesellschaft, die gegen Feuer, Einbruch, Unfall und Tod versichert, besitzt Banken, Baugesellschaften, Firmen, und der Histadruth gehört beinahe die ganze Grundstoff- und Schwerindustrie.

Die Histadruth unterhält ein Theater, gibt vier Tageszeitungen heraus, eine Illustrierte, rund zwanzig Monatsschriften und ist auch an vielen Privatunternehmungen mit Gewerkschaftskapital beteiligt, im wahrsten Sinne ein Staat im Staate. Es heißt, daß die Histadruth seinerzeit gegründet wurde, um einen sicheren Verteiler für die aus der ganzen Welt einlaufenden Sammelgelder zu haben.

Generalsekretär der Histadruth war Pinchas Lavon. Er ist einer der einflußreichsten Leute in Israel. In der Histadruth sind alle Parteirichtungen vertreten, selbst die Kommunisten. Nur die Revisionisten, die Makkabäer, die sich in der Cheruth-Partei zusammen schlossen, sind nicht in der Histadruth. Sie gründeten 1934 eine eigene Histadruth, die 1948 etwa 25000 Mitglieder hatte.

Die Bewegung des Chaluz, zu deutsch "Pionier", wurde 1917 in Rußland, in Litauen und Polen gegründet. 1919 kam es zu einer ersten Konferenz, und 1921 wurde in Karlsbad die erste Weltkonferenz des Chaluz abgehalten. Diese große idealistische Bewegung schulte in allen Galuth-Ländern junge Juden beiderlei Geschlechts bis zum sechsundzwanzigsten Lebensjahr in der Landwirtschaft und handwerklichen Berufen; nach zwei- bis dreijährigen Kursen gingen die Chaluzim als richtige Pioniere nach Palästina. 1939 zählte diese Bewegung außerhalb Palästinas etwa 35000 Mitglieder. Der Chaluz stellte von 1917 bis 1933 nahezu alle Einwanderer und hat freiwillig die schwersten Arbeiten, vor allem die Trockenlegung und Urbarmachung von Sümpfen, die Kanalisation und ähnliches mehr, ausgeführt.

Der bedeutendste Führer des Chaluz in Palästina war Joseph Trumpeldor (1880 in Rußland geboren, 1920 im Kampfe gegen die Araber bei dem Dorfe Tel Chai gefallen). Er besaß dafür alle Voraussetzungen, denn er kämpfte als russischer Offizier schon 1904 gegen Japan und stand 1914 in Gallipoli im Einsatz.

Eine andere jüdische Bewegung ist Haschomer Hazair, zu deutsch "Junger Wächter"; sie wurde 1914 in Polen von jungen Sozialisten gegründet, die bereit waren, nach Palästina zu gehen und zu siedeln. Die Mitglieder wurden gleichzeitig auch militärisch geschult, um die jüdischen Siedlungen von den empörten Arabern zu schützen. Sie gründeten die ersten Kibbuzim in Palästina. Während später die radikalsten Elemente des Haschomer Hazair und ein Teil des linken Zweiges der linkssozialistischen Poalei Zion, zu deutsch Zionarbeiter sich mit einigen kleineren linksstehenden Splittergruppen zur Kommunistischen Partei Israels zusammenschlossen, vereinigten sich die Masse des Haschomer Hazair und der übrige Teil der Poalei Zion zur linkssozialistischen Partei der Mapam. Sie ist etwas Ähnliches wie Nennisozialisten in Italien. Die Mapam beherrscht die Mehrheit der Kibbuzim, gehört natürlich der Histadruth an und beteiligt sich häufig an der Regierung.

Die Cheruth-Partei, zu deutsch Freiheitspartei, entstand, wie schon gesagt, aus den Revisionisten, den Makkabäern. Ihr geistiger Kopf und organisatorischer Leiter war der bereits erwähnte Wladimir Jabotinski, 1880 geboren in Odessa, 1940 verstorben in New York, nach Theodor Herzl und Max Nordau der am stärksten umstrittene und dynamische Zionist, den die Briten am meisten haßten, da er kompromißlos und unbestechlich war. Jabotinski war ein begabter Schriftsteller und Journalist und gründete im ersten Weltkrieg die erste jüdische Legion. 1920 schuf er die ersten jüdischen Kampfgruppen in Palästina und wurde daraufhin von den Briten lebenslänglich aus Palästina verbannt. 1923 gründete er die revisionistische Partei, da er die offizielle zionistische Politik als viel zu englandfreundlich empfand. 1935 schuf er die Neue Zionistische Organisation und verließ mit ihr demonstrativ die Zionistische Weltorganisation. Von da an bekämpfte er die alte Zionistengruppe und insbesondere Chaim Weizmann schonungslos.

Jabotinski sah die israelische Staatsgründung voraus. In seinem Testament verfügte er, daß seine Leiche nur dann nach dem Israelstaat überführt werden dürfe, wenn dies von der Israelregierung offiziell verlangt werde. Die bisherige Israelregierung dachte indessen nicht daran, dies zu verlangen, denn offenbar wird der tote Jabotinski noch genauso gefürchtet wie einst der lebende.

In der Kampfzeit der Israeli entstand aus den Revisionisten die Kampfgruppe "Irgun Zwai Leumi", bekannt unter dem Namen Der Irgun war eine bewaffnete Untergrundorganisation, die auch vor Terrorakten nicht zurückschreckte, einen Großteil des Kampfes gegen die Briten und Araber trug und sich oft in verlustreichen Anschlägen und Kämpfen für die Gründung des Staates Israel aufopferte.

Aus dem Irgun wieder entstand mit den radikalsten Elementen die "Sterngruppe", genannt nach ihrem Führer Abraham Stern, der später von den Engländern erschossen wurde.

Nach der Staatsgründung 1948 lösten sich die militanten Kampfgruppen der Revisionisten auf, sie bildeten die schon mehrfach genannte Cheruth-Partei und stellten unter der Führung von Menachem Begin die zweitstärkste Fraktion in der Knesseth. Daneben gibt es noch eine kleinere revisionistische Gruppe, die vom Sohn Jabotinskis, Professor Jabotinski, geführt wird, die aber keinen Vertreter in der Knesseth hat.

Eine religiöse Organisation, die den Zionismus bejaht und schon immer für ihn eintrat, ist die Partei Misrachi, zu deutsch "Morgenländisch". Sie stellte sich zur Aufgabe, den Zionismus mit der Bibel-treue in Einklang zu bringen und dem laizistischen Einfluß der Sozialisten im Zionismus entgegenzuwirken. Ihr geistiger Urheber war der Rabbi Sch. Mohliver. Die Partei wurde 1902 als politische Organisation von Rabbi J. Reines geschaffen, der auch in der ganzen Welt Zweig- und Hilfsorganisationen gründete. Obgleich die Misrachi nur eine Mittelpartei ist, verfügt sie über reichliche Kapitalien, hat eigene Schulen, Verlage, Banken, Frauen-, Jugend- und Arbeiterorganisationen. Die Misrachi sitzt im Zionistischen Weltkongreß, ist in der Histadruth vertreten und beteiligt sich an fast allen Regierungen.

Im Gegensatz zu ihr steht die extremreligiöse Organisation Agudath Jisraeli zu deutsch "Verein der Israeliten", die 1912 in Kattowitz gegründet wurde und deren Ziel es war, die Erneuerung des Alten Testamentes im jüdischen Volke zu betreiben. Ursprünglich war Agudath Jisrael antizionistisch, und wanderte eines ihrer Mitglieder nach Palästina aus, wurde es wie ein Toter behandelt.

Ihre bedeutendsten Führer waren Rabbi Chaim Soloweitschik aus Rußland und Rabbi Dr. Sch. Brauer aus Frankfurt am Main. Während der großen europäischen Judenverfolgungen änderte sich ihre Einstellung zum Zionismus, und im Gegensatz zu jenen Zionisten, die es vorziehen, nicht nach Israel zu gehen, wandern immer mehr Agudath-Führer und -Mitglieder in Israel ein.

Trotz ihrer kleinen Organisation verfügt die Agudath Jisrael über große Finanzmittel und arbeitet ähnlich wie die Misrachi. Ihre Anhänger verfügen übrigens über stärksten Einfluß in der israelischen Rabbinat-Justiz und in der Ehe- und Scheidungspraxis. Ein Standesamt gibt es ja bekanntlich in Israel nicht. Agudath Jisrael ist auch in der Knesseth vertreten, beteiligte sich wiederholt an der Regierung, und bei der Staatsgründung 1948 wurde einer ihrer Vertreter, J. M. Levin, Minister.

Die "Allgemeinen Zionisten" führen heute noch in der Zionistischen Weltorganisation, in Israel selbst aber verlieren sie, noch 1948 die zweitstärkste Partei, immer mehr an Anhang. In der Kampfzeit wurden die Makkabäer stark von den "Allgemeinen Zionisten" unterstützt, die auch heute noch gute Kontakte zur Cheruth-Partei pflegen. Ihr Führer ist der deutsche Jude Felix Bernstein.

Seit längerer Zeit laufen zwischen den "Allgemeinen Zionisten" und der Cheruth Verhandlungen über eine Vereinigung beider Gruppen, die allerdings bisher ohne Erfolg blieben.

Die Kommunistische Partei Israels wurde in Palästina bereits Mitte der zwanziger Jahre offiziell gegründet und von der Moskauer Komintern als ihre Sektion anerkannt. Schon bei den ersten größeren Auseinandersetzungen zwischen Zionisten und Arabern in Palästina 1929 nahm sich die Kommunistische Partei als einzige der Araber an und erklärte, die Araber führten keine Pogrome durch, sondern einen nationalen Kampf um ihre Rechte. Darauf kündigte eine Reihe jüdischer Persönlichkeiten, wie zum Beispiel der in New York lebende Lyriker A. Reisin, der Kommunistischen Partei die Mitarbeit. Sie wurde aus allen Dachorganisationen der Zionisten ausgeschlossen. Infolgedessen erhielten die jüdischen Kommunisten keine Geldmittel mehr von auswärts und waren von der Beteiligung an allen Weltfonds abgeschnitten. Sie kämpften daher lange mit beträchtlichen finanziellen Schwierigkeiten und blieben bis zur Staatsgründung sehr klein. Mit der großen Treibjagd auf die Araber änderte sich die Lage. Die Kommunistische Partei half als einzige den verfolgten Arabern und nahm sie sogar in ihre Reihen auf. Sie verurteilte scharf die antiarabischen Maßnahmen Israels und stellte auch arabische Kandidaten für die Knesseth-Wahlen. Ihr oberster Führer ist der aus Kiew stammende Jude Mikunis.

Als der bekannte Zionist Dr. Mosche Sneh von den gemäßigten Zionisten schließlich zur Kommunistischen Partei ubertrat, erhielt sie einigen Auftrieb, besonders bei den Neueinwanderern, die sich berechtigterweise von den Alteingesessenen unterdrückt und sehr benachteiligt fühlen. Wenn das Araberproblem auch weiterhin so wie bis jetzt in Israel gehandhabt wird, dann wird diese Kommunistische Partei noch eine bedeutsame Rolle spielen. Dies um so mehr, als ja die israelische Regierung den antikommunistischen Arabern die Gründung einer nationalen Partei nicht erlaubt.

Infolge der individualistischen Einstellung der Juden gibt es natürlich noch viel mehr politische Parteien und Gruppen in Israel, doch ich denke, dies genügt zur Übersicht. Die Zentralwahlkommis sion zu den dritten Knesseth-Wahlen im Juli 1955 bestätigte 19 Parteien; 23 Parteien hatten ihre Listen eingereicht.

Geschichte der Mapai

Die weitaus stärkste und einflußreichste Partei in Israel ist die Mapai, eine Abkürzung von "Miflegeth Poalei Erez Israel", zu Arbeiterpartei des Landes Israel".

Die Geschichte der Mapai ist zwangsläufig eine Geschichte des heutigen Staates Israel. Ihr Ideologe ist Moses Heß, geboren 1812 in Deutschland, gestorben 1875 in Paris, der als Zeitgenosse von Karl Marx die marxistische Lehre mit dem Nationalstreben der Juden vermengte. Er verfaßte eine Reihe populärwissenschaftlicher Broschüren und Werke; sein bekanntestes Buch ist "Rom und Jerusalem". Unter seinem geistigen Einfluß rief der jüdische Sprachenforscher Berl Borochow 1906 in Poltawa die erste Konferenz jüdischer Sozialisten zusammen und legte dort den Grundstein zur ersten sozialistisch-zionistischen Arbeiterpartei, die sich Poalei Zion nannte.

Schon ein Jahr später wurde im Haag der erste Weltkongreß der sozialistischen Zionisten abgehalten, an dem besonders viele österreichische Vertreter teilnahmen. In der Grundsatzerklärung dieses Weltkongresses traten die Kongreßteilnehmer für eine jüdische Heimstätte in Palästina auf sozialistischer Basis ein und für die Minderheitsrechte der Juden in den Galuthländern. Die russische Revolution spaltete die Poalei Zion 1920 in drei Gruppen: in eine rechte, eine linke und eine neutrale, die sich später der rechten anschloß. Im Verlaufe der weiteren Entwicklung lebten sich die in Palästina arbeitenden Poalei-Zion-Gruppen und jene, die sich noch in den Galuthländern befanden, vollkommen auseinander. Darum änderten 1930 die bisherigen Poalei-Zion-Gruppen in Palästina ihren Namen auf Mapai, während die Linke der Poalei Zion den Namen Mapam annahm.

Die Mapai verschmolz sich kurz darauf mit der von Dr. Chaim Arlosorow, geboren in Wien 1899, gestorben in Tel Aviv 1933, geführten rechtsgerichteten sozialistischen Arbeiterpartei und übernahm viele von deren Thesen.

Dr. Arlosorow, der nach Palästina zog und dort unter den jüdischen Siedlern bald eine Rolle spielte, erlitt ein tragisches und ein für sehr lange Zeit auch rätselhaftes Schicksal. Er wurde während eines Spazierganges am Meeresstrand von Tel Aviv 1933 erschossen.

Kurz darauf wurden drei jugendliche Makkabäer unter dem Verdacht des Mordes verhaftet. Sie mußten jedoch vom britischen Gericht freigesprochen werden. Trotzdem wurden die Makkabäer immer wieder direkt und indirekt der Ermordung von Dr. Arlosorow beschuldigt, und das unaufgeklärte Verbrechen war die Ursache vieler Zwistigkeiten unter den Zionisten der ganzen Welt.

Erst vor einigen Jahren gestand ein ehemaliger jüdischer Polizeioffizier, als er dem Sterben nahe war, daß sowohl der britische Geheimdienst als auch führende Mapai-Politiker immer gewußt hätten, daß der Attentäter, der Dr. Arlosorow auf dem Gewissen hatte, ein Araber war, dem die Flucht aus Palästina gelungen sei. Doch sowohl die Briten als auch die Mapai unternahmen jahrzehntelang nichts, die Wahrheit bekanntzumachen, sondern bedienten sich dieses Mordes, um Jabotinski und die Revisionisten in der Weltöffentlichkeit damit zu diffamieren.

1948 wurde die Mapai, die zur stärksten politischen Partei im Lande geworden war, die tragende Staatspartei. Allerdings weisen ihre Regierungsmethoden nur sehr wenig Ähnlichkeit mit jenen anderer demokratischer Sozialisten auf und gleichen weit mehr denen autoritär geführter Parteien. Das offensichtliche Ziel der Mapai ist, Israel in das biblische Milieu von Josuah und Esra zurückzuführen. Während ihre sozialistischen Bruderparteien in der ganzen Welt für Rassengleichheit und den Schutz nationaler Minderheiten eintreten, regiert die Mapai mit schärfsten Rassengesetzen. Bekanntlich werden die Araber, die politisch und wirtschaftlich auf das schwerste unter Druck gesetzt sind, nicht einmal in die Gewerkschaften aufgenommen. Es ist undenkbar, daß ein sozialistischer Araber in den Reihen der sozialistischen Mapai aufgenommen werden kann. Und es ist völlig undenkbar, daß unter dieser sozialistischen Regierung in Israel ein Jude eine Araberin heiraten könnte oder gar ein Araber eine Jüdin.

Ja selbst Juden, die zum christlichen Glauben übergetreten waren oder eine nichtjüdische Frau heirateten, werden in Israel so behandelt, daß sie nach kurzer Zeit gerne das Land wieder verlassen. Nur selten schimmern diese Realitäten zwischen dem Wust von Propaganda hervor. Zum Beispiel wenn vor dem Verwaltungsgericht in Ansbach zwei jüdische Arbeiter in der deutschen Bundesrepublik um Asyl nachsuchen, weil sie wegen ihres Glaubens aus Israel geflüchtet sind. Der in Lodz geborene Jakob Rundberg hatte wahrhaftig ein schweres Schicksal: Vier Jahre verbrachte er im Getto Lodz, kam anschließend in die KZ Auschwitz und Buchenwald; nach der Befreiung heiratete er eine katholische Polin und wanderte mit ihr und seinem vierjährigen Söhnchen nach Israel aus. Sein Sohn, der katholisch getauft war, konnte in Israel nicht zur Schule gehen, weil sich der Vater weigerte, ihn nach jüdischem Ritual beschneiden zu lassen. Schließlich floh er aus Israel, weil man ihm mit Repressalien gedroht hatte.

Auch Henryk Fogielhut ehelichte 1945 eine katholische Polin und trat zum Katholizismus über. Und auch er wanderte 1957 mit seiner Frau und seinen Kindern nach Israel aus. Da er Christ war, bekam er keine Arbeit, selbst die staatliche Unterstützung wurde ihm verweigert. Die Familie hungerte ein halbes Jahr in Haifa; seine Frau erbettelte in einem katholischen Kloster die Nahrung. Aus Angst vor den Drohungen floh auch er in die Bundesrepublik. Seltsamerweise verweigerte das Verwaltungsgericht in Ansbach den beiden christlichen Juden das Asylrecht in der Bundesrepublik.

Während meines Israelaufenthaltes erlebte ich in meiner nächsten Nachbarschaft einen Fall, der in erschütternder Deutlichkeit zeigt, was auf diesem Gebiet in Israel eigentlich los ist. Eine jüdische Mutter in Warschau suchte ihren in einem KZ vermißten Sohn. Sie hatte nur erfahren, daß er nach der Befreiung noch lebte. Irgend jemand meinte, er sei in Israel. Nachdem sie feierlich auf ihre polnische Staatsbürgerschaft verzichtet hatte, erhielt sie vom Israel-Botschafter in Warschau die Einreisegenehmigung nach Israel. Dort traf sie zwar nicht ihren Sohn, aber einen Freund von ihm, der ihr endlich sagen konnte, wo ihr Sohn war: in Brasilien.

Sie schrieb sofort dorthin und erhielt auch postwendend Antwort. Nun wollte sie mit allen Mitteln wieder aus Israel hinaus, doch das war nicht sehr leicht. Der polnische Konsul, an den sie sich wandte, verwies sie auf ihren Staatsbürgerverzicht. Nun kam die Frau auf eine grandiose Idee. Sie erklärte vor einem israelischen Gericht, daß sie sich in Polen habe katholisch taufen lassen. Der Richter gab ihr eine dementsprechende Bescheinigung, und nun erreichte sie die Ausreisegenehmigung, denn auf christliche Juden legt man in Israel keinen Wert.

Als das jedoch der Bruder dieser Frau erfuhr, der sehr strenggläubig war, lief er sofort zum Gericht und gab seinerseits eine Erklärung ab, daß sich seine Schwester niemals habe taufen lassen. Daraufhin wurde die Frau zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt. Ob sie danach jemals auswandern durfte, habe ich nicht mehr erfahren.

Wäre es nicht viel menschlicher, wenn die israelischen Diplomaten getauften Juden, die nach Israel auswandern wollen, offen sagen würden, daß das zwecklos ist?

Die Entscheidung des Verwaltungsgerichtes von Ansbach stimmt nachdenklich. Wenn sich Deserteure der Sowjets nach Westen absetzen, selbst wenn es sich um asoziale Elemente handelt (die deutschen Strafrichter können ein Lied davon singen!), bekommen sie ohne allzu große Schwierigkeiten Asylrecht in der deutschen Bundesrepublik. Warum nicht auch christliche Juden, die aus Israel nach der Bundesrepublik flüchten? Nur deshalb, weil sie Christen geworden waren?

Im Mai 1960 sollte in Israel eine neue Markenserie aufgelegt werden. Die Postverwaltung versprach sich besonders von einer Nazarethmarke einen materiellen Erfolg und darüber hinaus eine starke propagandistische Wirkung in der christlichen Welt. Allein Ben Gurion, der auch gleichzeitig Postminister ist, untersagte die Herausgabe dieser Nazarethmarke; man sah nämlich auf ihr eine Kirche Nazareths, und diese trug ein Kreuz…

Bis etwa 1960 war es in München beim Amt für öffentliche Ordnung üblich, daß man für einen Besucher aus Israel, der privat Verwandte aufsuchen wollte, eine Kaution von 1000.- DM hinterlegen mußte.

Diese Maßnahme stellte zweifellos eine schwere Diskriminierung der Juden dar. Allerdings liegen solche Maßnahmen genauso wie die befremdliche Entscheidung des Gerichtes Ansbach im politischen Interesse des Staates Israel. Jede Erschwerung der Auswanderung aus Israel, jedes Unmöglichmachen des Aufbaues jüdischer Existenz außerhalb Israels ist Wasser auf zionistische Mühlen. Offenbar schwiegen deshalb auch die hier ansässigen Zionisten dazu, während sie sich sonst über jeden Lausbuben aufregen, der mit einem Pinsel Hakenkreuze oder anderen Unsinn schmiert. Doch zurück zu Israel!

Wie man sieht, ist der angeblich demokratische Sozialismus der Mapai natürlich ein Witz. Doch seltsamerweise scheinen die Genossen der Freien Gewerkschaften und der Sozialistischen Internationale sich mit diesen rückschrittlichen antisozialen Zuständen, Gesetzen, Vorschriften und Praktiken der Mapai und des Staates Israel absichtlich nicht zu befassen.

Um die Demokratie ist es in Israel überhaupt sonderbar bestellt! Im Dezember 1950 verbot die israelische Filmzensur den Gebrauch der deutschen Sprache bei allen künstlerischen Veranstaltungen.

Natürlich erregte dieses Verbot heftigen Widerspruch, und es kam zu erregten Diskussionen. Kisseloff, der Vorsitzende der Filmzensur, erklärte dazu: "Wir waren uns darüber im klaren, daß dies eine schwerwiegende Maßnahme ist, doch das Verbot wurde von dem Gefühl diktiert, daß die Wunden, die unserem Volk durch die Deutschen zugefügt wurden, noch zu sehr schmerzen."

Der bekannte israelische Pianist Pelleg wehrte sich entschieden gegen die Anordnung, "die deutschen Worte der Lieder von Brahms, Schubert und Mozart von dem Programm zu streichen". Und Dr. Werner Senator, der Vizepräsident des Aufsichtsrates der hebräischen Universität in Jerusalem, wandte sich in einem offenen Brief an die Zensurstelle, in dem es unter anderem hieß: "Als Goebbels und seine Spießgesellen im Jahre 1933 die Bücher jüdischer Autoren verbrannten, verurteilten das Juden und Nichtjuden der ganzen Welt als eine Dummheit und als ein Verbrechen gegen die Zivilisation. Die Maßnahmen unserer Zensurbehörde sind dem ähnlich. Hoffen wir, daß das jüdische Volk in einem demokratischen Staat hierzu nicht schweigen wird, wie leider die Mehrheit des deutschen Volkes in einer totalitären Diktatur geschwiegen hat. Die Öffentlichkeit muß den sofortigen Rücktritt der Zensurbehörde verlangen, die uns durch das Verbot der Sprache Goethes, Thomas Manns und Immanuel Kants lächerlich macht und unzivilisiert erscheinen läßt."

Doch all diese Proteste konnten nur wenig an den getroffenen Maßnahmen ändern. Denn dafür, daß die Proteste und die Kritiken - nicht nur an dieser einen Anordnung - nicht allzu bekannt werden, sorgt schon die sehr aufmerksame und sehr rigorose Pressezensur. Eine zensierte Demokratie - welch ein Kuriosum!

Selbstredend ist die Mapai in allen internationalen zionistischen Organisationen vertreten. Bereits auf den internationalen Konferenzen 1920 in San Remo, wo der Zionistische Weltkongreß offiziell anerkannt wurde, verstand sie es - sie hieß damals noch Poalei Zion ihre führende Position zu erobern. Durch die ungeheure finanzielle und propagandistische Unterstützung von seiten des Weltjudentums, vor allem natürlich dank der Großzügigkeit jüdischer Finanzleute, konnten in Palästina die sozialistischen Kibbuzim und Kooperative geschaffen werden. Dabei sicherte sich die Mapai selbstverständlich ihre Mehrheit. In den Gewerkschaften verfügt sie über etwa 58 Prozent, bei den Wirtschaftsunternehmungen Israels sogar über nahezu 80 Prozent. Trotz dieser Situation gelang es der Mapai als stärkster Partei des Landes bisher noch bei keiner Knesseth-Wahl, die angestrebte absolute Mehrheit zu erringen. Daher ist die Mapai meist gezwungen, mit Parteien anderer politischer Richtungen Koalitionsregierungen zu bilden, und die dabei notwendigen Kompromisse führten wiederholt zu Mißstimmungen in den eigenen Reihen. Wahrscheinlich liegt hierin der Grund, daß Israel wohl der einzige Staat der Welt ist, der weder ein einheitliches Gerichtswesen besitzt noch ein staatliches Ehe- und Scheidungsrecht und nicht einmal eine Verfassung. Selbst der Begriff Jude wurde bisher nicht gesetzlich geregelt. So passierte es wiederholt, daß zionistische Neueinwanderer vom Rabbinat gar nicht als Juden anerkannt wurden und daher auch keine Heiratsgenehmigung erhielten.

Der Konflikt Ben Gurion - Lavon

Schon seit langem toben innerhalb der Mapai hinter den Kulissen erbitterte und schwere Machtkämpfe. In der Hauptsache dreht es sich um die Auseinandersetzung zwischen der alten und jungen Generation und zwischen den Liberalen und Extremen der älteren. Die Gruppe der Jungen, wie sie genannt wird, wendet sich vor allem gegen den "Alten", David Ben Gurion. In geistiger Hinsicht handelt es sich hier um eine Auseinandersetzung zwischen der chauvinistischen Richtung der Mapai und der gemäßigten. Die Kernprobleme sind die Fragen des israelischen Verhältnisses zu den Arabern, zum Weltzionismus und zum Weltjudentum.

Erstmals kamen diese Auseinandersetzungen vor die Öffentlichkeit, als sich die schweren Differenzen zwischen Ben Gurion, dem Ministerpräsidenten, und Pinchas Lavon, dem Histadruth-Führer, nicht mehr vertuschen ließen. Wiederholt wurde versucht, diese Machtkämpfe so darzustellen, als handele es sich hierbei nur um persönliche Differenzen und Antipathien zwischen den beiden mächtigsten Männern Israels. Dieser Versuch, die Sachlage zu bagatellisieren, mußte aber bald aufgegeben werden. Es handelt sich bei diesen Differenzen um eine endlich zum Ausbruch gelangte Auseinandersetzung, die ganz Israel und selbst den Weltzionismus in zwei Lager reißt. Dabei ist für die Juden in Amerika der Ausgang dieses Kampfes genauso wichtig wie für die Israeli.

Ben Gurion steht grundsätzlich auf dem Standpunkt: Die ganze Welt ist gegen die Israeli, daher müssen die Israeli gegen die ganze Welt sein! Seine scharfe Ablehnung des Weltzionismus hat er zu wiederholten Malen klar ausgesprochen. Für ihn ist nur der Zionist, der den Mut hat, selbst den "Weg der Verwirklichung" zu gehen, der also bereit ist, die Geborgenheit seiner kapitalistischen Existenz aufzugeben, um in Israel aktiv am Aufbau des Staates mitzuarbeiten. Er nimmt zwar alle Geldspenden der Diaspora-Zionisten an, doch diese Spenden können seine Abneigung gegen diese Art von Zionisten nicht vermindern. Ben Gurion fordert daher energisch, daß sich nicht nur der Weltzionismus, sondern das ganze Weltjudentum, wenn es schon nicht nach Israel kommt, blindlings der israelischen Politik, in diesem Falle seiner eigenen, unterwirft und sie mit allen Kräften unterstützt.

Die moralische Berechtigung des Weltzionismus bestreitet Ben Gurion seit der Staatsgründung von 1948 und verlangt seine Auflösung.

Während man zumindest vom israelischen Standpunkt aus seine Stellungnahme gegen den Weltzionismus noch verstehen kann, ist seine Forderung an das Weltjudentum, blindlings der israelischen Politik zu folgen, nicht nur unverständlich, sondern überdies sehr gefahrvoll. Im Suez-Abenteuer 1956 ging es noch einmal gut. Es brach nämlich früher als erwartet zusammen, so daß die Juden in Amerika nicht direkt vor die Alternative gestellt wurden: Sind sie nun jüdische Amerikaner und dienen sie der offiziellen amerikanischen Politik, die sich eindeutig gegen das Suez-Abenteuer aussprach, oder unterstützen sie den Staat Israel?

Und wenn das Weltjudentum sozusagen auf Gedeih und Verderb der israelischen Politik untergeordnet würde, wie wäre es dann, wenn zum Beispiel in Israel einmal die Makkabäer zur Regierung kämen, die doch von den Sozialisten immer wieder als "Faschisten" abgestempelt werden? Oder noch krasser: Die Kommunistische Partei erhält in Israel von Wahl zu Wahl mehr Stimmen. Wenn nun einmal die Kommunistische Partei Israels allein oder in Koalition die Regierung übernehmen würde, müßten sich die Zionisten außerhalb Israels und das Weltjudentum auch dann der israelischen Politik unterwerfen? Bekanntlich ist die Kommunistische Partei Israels eine Sektion der Kommunistischen Internationale, und es bestünde kein Zweifel, daß in einem solchen Falle in Israel - natürlich auch in jedem anderen Lande, in dem das geschehen würde - der Kreml die offizielle Politik führen würde.

Müßte dann nach Ben Gurions These das Weltjudentum, namentlich der Weltzionismus, auch für Israel sein, das heißt in diesem Falle dann für den Kommunismus?

Und wären jene Juden und jene Zionisten, die nicht dazu bereit sind und dann eine Anti-Israelstellung einnehmen, am Ende gar Antisemiten?

Der Mann, der diese gefährliche Politik führt, ist David Ben Gurion, unter dem Namen David Grün 1880 in Russisch-Polen geboren, seit 1906 in Palästina. Er überlebte eine Reihe führender zionistischer Persönlichkeiten und rückte dadurch automatisch bis in seine heutige Stellung auf. Im Weltzionismus spielte er nie eine führende Rolle, wie etwa Herzl, Nordau, Sokolow, Jabotinski, Weizmann und andere. Kurz vor der Staatsgründung tagte in der Schweiz der zionistische Weltkongreß, auf dem Weizmann nicht mehr als Präsident gewählt wurde; man schuf einen Dreier-Rat, der an seine Stelle kam. In diesem Komitee war Ben Gurion der dritte Mann.

Nachdem Ben Gurion am 14. Mai 1948 in Tel Aviv die Unabhängigkeitserklärung des Staates Israel verlesen hatte, bildete er sogleich die erste Regierung, in der er nicht nur das Amt des Ministerpräsidenten, sondern auch das des Verteidigungsministers übernahm. Dieses Ministerium war und ist heute noch eines der wichtigsten Ämter im ganzen Staat. In dieser Position blieb Ben Gurion vorerst einmal bis 1953.

Trotz des militärischen Sieges über die Araber stand der neugegründete Staat bald wirtschaftlich vor dem Bankrott und hatte politisch nicht nur mit den Nachbarstaaten schwere Differenzen, sondern war auch völlig isoliert. Selbst der Weltzionismus nahm gegenüber dem jungen Staat zum Teil eine abwartende Haltung ein. Gleichzeitig verstärkten sich die Gegensätze innerhalb der Mapai so sehr, daß Ben Gurion sich 1953 zurückzog und seine Ämter niederlegte. Grollend ging er in den Kibbuz Sdeh Boker im Negew. In dieser aussichtslosen Lage übernahm Mosche Scharett, der als gemäßigter Politiker bekannt war und jahrelang als Außenminister des Weltzionismus galt, die Regierung. Pinchas Lavon trat in die Regierung als Verteidigungsminister ein.

Die Anhänger Ben Gurions waren mit dieser Entwicklung ganz und gar nicht zufrieden. Sie beschlossen sofort, alles zu tun, um in erster Linie den als objektiv und gerecht bekannten Lavon zu stürzen. Dabei war ihnen jedes Mittel recht. Vor allem der Generalstabschef Mosche Dajan und der junge Ministerstellvertreter Schimon Peres vom Verteidigungsministerium spielten zusammen, um Pinchas Lavon zu erledigen.

Der israelische Generalstab und der israelische Geheimdienst hatten schon lange hinter dem Rücken des Verteidigungsministers Lavon einen ebenso abenteuerlichen als auch makabren Plan ausgeheckt. Unter der Führung des Geheimdienstobersten Abraham Dar hatte man in Ägypten eine gut funktionierende israelische Spionagegruppe aufgebaut, der nun auch noch eine Sabotagegruppe folgte.

Als ägyptische Nationalisten getarnt, sollten israelische Saboteure Bombenanschläge gegen amerikanische Kulturinstitute und Firmen durchführen; der israelische Generalstab und der Geheimdienst erhofften sich davon, daß die Westmächte, solchermaßen provoziert, sich zu einem energischen Schlag gegen Ägypten und seinen Führer Nasser aufraffen und den ägyptischen Erzfeind Israels kurzerhand liquidieren würden.

Sicherlich ist in der Politik vieles erlaubt. Wer sich jedoch zum Moralrichter über die Machinationen anderer aufwirft, muß wohl selber eine saubere Weste haben. Die hat Israel dank der Bemühungen des israelischen Generalstabes und des israelischen Geheimdienstes aber nicht.

Während Colonel Dar mit seinem Gehilfen Paul Frank zwei Agentengruppen in Kairo und Alexandria aufbaute, versuchte Generalstabschef Dajan von Verteidigungsminister Lavon Befehle zum Angreifen zu erhalten. Lavon verweigerte diese und wollte überhaupt wissen, was hinter seinem Rücken gespielt würde.

Die israelischen Agenten legten ihre ersten Bomben und flogen am 6. Oktober 1954 prompt auf. Die ägyptische Geheimpolizei verhaftete zehn israelische Spione und Saboteure und eine Frau und stellte sie nach eingehender Untersuchung vor ein ägyptisches Militärtribunal. Nur Colonel Dar und sein Stellvertreter Frank konnten fliehen. Ein Großteil der israelischen Spione wurde von den Ägyptern zum Tode verurteilt und gehenkt, darunter der israelische Agentenführer Samuel Azzar.

In der gesamten arabischen Welt wurden gewaltige Protestaktionen durchgeführt, und Israel war auf der ganzen Linie blamiert. Verteidigungsminister Lavon versicherte sofort feierlich, über die ganze Angelegenheit nicht informiert gewesen zu sein und sie weder gebilligt noch gar befohlen zu haben.

Ministerpräsident Scharett ordnete eine offizielle Untersuchung an, und im Verlaufe dieser Untersuchung erklärten General Mosche Dajan und Schimon Peres so wie andere hohe Offiziere der Armee und des israelischen Geheimdienstes, darunter der aus Ägypten entkommene Paul Frank, daß Lavon diese Sabotageaktion befohlen habe. Sie legten der Untersuchungskommission Dokumente vor, darunter Einsatzbefehle, auf denen stand "Im Auftrag von Verteidigungsminister Lavon". Der überrumpelte Lavon beteuerte vergebens, daß alle diese Aussagen erlogen und die Dokumente gefälscht wären. Durch eben diese Aussagen seiner eigenen Untergebenen und vornehmlich durch die von ihnen vorgelegten Dokumente auf das schwerste diffamiert, blieb ihm nichts anderes übrig, als zurückzutreten.

Ben Gurion kehrte, von seinen Extremisten stürmisch bejubelt, aus seinem Kibbuz Sdeh Boker als Sieger zurück und durfte sich selbst stolz sagen: "Ich bin die Mapail" Damit aber konnte er auch feststellen: "Ich bin Israel!"

Er übernahm sofort das Amt des Verteidigungsministers, und kurze Zeit darauf gelang es den Extremisten, auch Scharett, der durch die Lavon-Affäre mit betroffen war, zum Rücktritt zu bewegen, und Ben Gurion übernahm wieder das Amt des Ministerpräsidenten, und es war alles beim alten.

In der Weltöffentlichkeit, ja selbst in Israel, erfuhr man über all diese Dinge nur sehr wenig. Vorzugsweise in der deutschen Bundesrepublik zeigte sich die Presse, die doch sonst so bereitwillig alle internationalen Skandale breittritt, geradezu verblüffend zurückhaltend. Lediglich das Schlagwort "Affäre Lavon" bürgerte sich ein, und man nahm zur Kenntnis, daß sich Israel in einer schweren Krise befände.

Wahrscheinlich hätte auch die Weltöffentlichkeit nie viel mehr davon erfahren, und Pinchas Lavon wäre nie zu seiner Rehabilitierung gekommen, wenn sich der israelische Agentenführer Paul Frank nicht aus Israel nach Wien begeben hätte, wo er auch blieb. Er geriet beim israelischen Geheimdienst in Verdacht, und nach eingehenden Recherchen und Untersuchungen mußte der Geheimdienst feststellen, daß dieser Paul Frank auf zwei Schultern getragen hatte. Während er in Ägypten als Gehilfe des israelischen Geheimdienstobersten Abraham Dar arbeitete, hatte er gleichzeitig Kontakte mit der ägyptischen Spionageabwehr aufgenommen und schließlich für die Summe von 40 000.- DM seine israelischen Sabotage- und Spionagegenossen an die Ägypter verpfiffen.

Zweifellos waren die Motive dieses wenig sympathischen Paul Frank wesentlich komplizierter, als es später dargestellt wurde. Der ganze israelische Geheimdienst befindet sich in einer sehr schweren Situation. Seine meisten Offiziere und eine Reihe seiner Agentenführer waren natürlich schon lange vor der Staatsgründung bei diesem dunklen Gewerbe. Die einen dienten als Spione den Engländern, die anderen den Sowjetrussen, die nächsten den Amerikanern und jene wieder den Franzosen. Viele standen auch in tschechischem Dienst. Selbstredend schulten diese Staaten ihre Agenten, und auch nach 1948 rissen die früheren Beziehungen zu den einzelnen wohl nie ganz ab.

Dazu kommt, daß der israelische Geheimdienst für den kleinen Staat viel zu umfangreich ist und auf Grund seiner weltweiten Verbindungen und Beziehungen eine Überfülle von Informationsmaterial erhält, das Israel allein gar nicht auswerten kann.

Der einzelne israelische Spionageoffizier gerät daher, wie mir in Jerusalem erzählt wurde, immer wieder in Versuchung, seine Informationen nicht nur Israel, sondern auch dem auswärtigen Spionagedienst für den er jahrelang gearbeitet hatte, zukommen zu lassen. Solche doppelzüngigen Offiziere haben auch die tragischen Prozesse im Osten wie den gegen Slansky und andere auf dem Gewissen.

Im Falle der israelischen Spionageaktion in Ägypten hatten zu jener Zeit weder Amerika noch die Sowjetunion ein Interesse daran, Ägypten zu schaden. Daher ließen sie die ganze Aktion auf fliegen. Inwieweit Paul Frank aus privater Initiative handelte oder nur Mittel zum Zwecke einer dritten Macht war, wird in der Öffentlichkeit wohl nie ganz geklärt werden. In Israel werden ja immer wieder führende Männer als Spione ausländischer Mächte entlarvt und festgenommen.

Schon während des arabischen Krieges 1948 wurde ein alter bewährter Hagana-Mann, Ingenieur Tobianski, unter der Beschuldigung, israelische Stellungspläne an die Engländer verraten zu haben, vor ein Kriegsgericht der Palmach gestellt und erschossen.

Der bekannte Forscher der arabischen Sprache, Aaron Cohn, der sich schon 30 Jahre lang in Israel befindet, wurde unter Spionagebeschuldigung aus dem Kibbuz heraus verhaftet, obgleich er führender Mapam-Funktionär war.

Der aus dem Sudetenland stammende Atomwissenschaftler Kurt Sithe wurde von einem Haifaer Gericht zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt, weil er israelische Atomforschungsgeheimnisse einem fremden Staat gegeben haben soll.

Der israelische Militärwissenschaftler Dr. Israel Beer, ein besonderer Vertrauter Ben Gurions, ebenfalls Mitglied der Mapai, wurde unter der Beschuldigung der Spionage festgenommen.

Die Wahrheit kommt zutage

1957 gelang es schließlich dem israelischen Geheimdienst, Paul Franks habhaft zu werden. Aber erst im Sommer 1960 kam es zu dem Geheimprozeß vor einem israelischen Mlilitärgericht in Jerusalem. Als Frank dort erkannte, daß er verloren hatte, packte er aus.

Der anwesende Staatsanwalt machte ihn darauf aufmerksam, daß seine Aussagen über die Vorkommnisse in Ägypten mit jenen Zeugenaussagen, die er vor der Untersuchungskommission gegen Lavon gemacht habe, nicht übereinstimmten. Nun erklärte Paul Frank, er sage diesmal die Wahrheit: 1955 habe er unter dem Druck seiner Vorgesetzte gestanden und wissentlich falsch gegen Pinchas Lavon ausgesagt, der mit den Sabotageanschlägen in Ägypten überhaupt nichts zu tun gehabt habe.

Der Staatsanwalt erstattete offiziell Meldung. Beinahe gleichzeitig erfuhr Pinchas Lavon von diesem sensationellen Geständnis und erkannte, daß seine Stunde gekommen war. Er forderte öffentlich Wiederaufnahme der Untersuchung und seine Rehabilitierung.

Die Gruppe um Ben Gurion geriet in regelrechte Panikstimmung. Notgedrungen befaßte sich Generalstaatsanwalt Gideon Hausner mit der Affäre, zog die Unterlagen an sich und vernahm die Beteiligten. Er flog sogar nach Paris, um dort eine Frau zu vernehmen, die zu jener Zeit Sekretärin eines wichtigen Amtes in Israel gewesen war. Auch sie gab nun offen zu, daß die Dokumente gegen Lavon gefälscht worden waren und daß sie im Auftrag ihrer Vorgesetzten mitgefälscht hatte.

Generalstaatsanwalt Hausner mußte Anfang November 1960 offiziell erklären, daß falsche Zeugenaussagen in Israel nach fünf Jahren verjähren, so daß eine Verfolgung der falschen Zeugen nicht mehr möglich sei. Dadurch wurden Mosche Dajan und Peres vor der Verurteilung gerettet. Hausner erklärte aber weiter, daß Dokumentenfälschungen allerdings in Israel erst nach zehn Jahren verjähren, so daß er daher diese Seite des politischen Betruges weiter verfolgen müsse.

In der Knesseth brachten die Abgeordneten der Cheruth-Partei und der Allgemeinen Zionisten diese beschämende Affäre zur Sprache und schlugen die Einsetzung einer Untersuchungskommission vor. Sie forderten auch öffentliche Aufklärung darüber, wer denn der hohe Offizier gewesen sei, der in dieser Angelegenheit unterdessen in einem geheimen Gerichtsverfahren zwölf Jahre Zuchthaus bekommen haben solle.

Ferner verlangten sie Aufklärung, warum die Pressezensur einen Artikel von Pinchas Lavon durchließ oder durchlassen mußte, in dem Lavon sehr unmißverständlich andeutete, daß die höchst gestellte Person im Lande schon damals von den falschen Aussagen und falschen Dokumenten wußte, die gegen ihn verwendet wurden. Die Interpellanten verlangten von Ben Gurion, er solle die Geheimnisse lüften und erklären, was wirklich los sei.

Daraufhin erklärte Ben Gurion in der Knesseth, er habe vergeblich versucht, Pinchas Lavon vor Gericht zu zitieren und ihn des Landesverrats anzuklagen. Der Generalstaatsanwalt habe davon abgeraten, da keine Anhaltspunkte vorhanden wären. Damit gab Ben Gurion die dunklen Hintergründe der ganzen Affäre zu. Eine Knesseth-Untersuchungskommission zu bilden lehnte Ben Gurion jedoch ab.

Hierauf bildete sich gegen den Willen der Mapai und Ben Gurions, auf Betreiben der Koalitionsparteien der israelischen Regierung, eine Minister-Untersuchungskommission. Nach eingehender Beratung bescheinigte diese Untersuchungskommission, die aus amtierenden Ministern und hohen Beamten bestand, mit einer Mehrheit von sieben Stimmen, daß Pinchas Lavon an der ganzen Affäre in jeder Hinsicht unschuldig gewesen sei.

Diese Rehabilitierung Lavons kam einer Verurteilung Ben Gurions gleich und hatte schwere Diskussionen innerhalb der Mapai zur Folge. Ben Gurion drohte sofort mit seinem Rücktritt. Aber inzwischen war das Geheimnis um die Affäre Lavon in der Weltöffentlichkeit gelüftet worden. Im Dezember 1960 veröffentlichte die "New York Times" einen eingehenden Bericht über die ganze Lavon-Affäre und schrieb dabei unter anderem:

"Eine nicht gelungene Spionageaffäre vor sechs Jahren in Kairo trägt die Schuld an der Lavon-Affäre und an der politischen Krise in Israel. Da in Israel eine Pressezensur vorhanden ist, können Berichte nur verschwommen und nur aus dem Hintergrund gebracht werden. In informierten Kreisen hält man den entfachten Konflikt für die Antwort auf die Frage, wer für die Aktionen verantwortlich war, die 1954 die Beziehungen im ganzen Vorderen Orient verschlechtert hatten. Es heißt, daß diese Spionageaktion in Kairo durchgeführt wurde auf Befehl Israels. Nassers Abwehrleute verhafteten den ganzen Spionagering am 6. 10. 1954, und zwar zehn Männer und eine Frau. Am 1. Februar 1955 wurden die für schuldig Befundenen gehenkt. Laut Anklageschrift des ägyptischen Staatsanwaltes lieferte der Spionagering Militärgeheimnisse an Israel und plante, das US-Informationszentrum in Kairo in Brand zu setzen, um die Weltöffentlichkeit, insbesondere die in den USA, mit Haß gegen Ägypten zu erfüllen. Pinchas Lavon, der zu jener Zeit Verteidigungsminister war, mußte demissionieren, als es zu dem Durcheinander kam. Wer ist nun für die Angelegenheit verantwortlich? Lavon hatte stets behauptet, daß die Angelegenheit ohne sein Wissen durchgeführt worden war, doch Mosche Scharett, der Ministerpräsident war, ließ die ganze Affäre durch eine Spezialkommission untersuchen. Das Resultat war: Lavon hatte zu dieser Aktion sogar den Befehl gegeben. Die Hauptzeugen waren der Staatssekretär im Verteidigungsministerium, Schimon Peres, und der Chef des Generalstabes, Mosche Dajan.

Lavon aber behauptete, daß die Aussagen sowie die vorgelegten Dokumente falsch seien."

In einem anderen Bericht unter dem Titel "Lavon-Affäre - Resultat der Gaza-Aktion 1955" schrieb die "New York Times" unter anderem:

"Die Angelegenheit Lavon, die nicht nur eine Regierungskrise heraufbeschwört, ist ein Ergebnis der Gaza-Aktion vom 28. Februar 1955. Zehn Tage vorher mußte Lavon seinen Posten als Verteidigungsminister abgeben, da er gegen diese Aktion war. Von seinem Stellvertreter Peres und anderen jungen Leuten, die für Militäraktionen sind, wurde Lavon unter Druck gesetzt. Diese Angelegenheit kam im vergangenen Frühjahr ans Tageslicht, als beim Spionageprozeß zwei Offiziere gestanden, bei der Untersuchung gegen Lavon 1955 falsche Aussagen gemacht zu haben."

Im Zusammenhang mit dieser Untersuchung blieb noch eine Reihe führender Mapai-Funktionäre auf der Strecke. Nur wenige Fälle drangen in die Öffentlichkeit. So zum Beispiel die Verurteilung des ehemaligen israelischen Botschafters in Österreich, Yeheskel Saher, zu neun Monaten Gefängnis und einer Geldstrafe von 15 000.-. israelischen Pfund. In der Untersuchung gegen Lavon hatte man Saher als leitenden israelischen Polizeichef und Ben Gurions Sohn Amos Ben Gurion, der ebenfalls leitender israelischer Polizeibeamter war, wegen Amtsmißbrauches angeschuldigt. In seiner Verteidigung hatte Saher einen Meineid geleistet, der später aufkam.

Selbst General Laskow, einige Zeit israelischer Generalstabschef, demissionierte zur selben Zeit und verließ sogar sang- und klanglos Israel. Natürlich wurde offiziell behauptet, daß General Laskow aus privaten Gründen Israel verlassen habe.

Unterdessen ist auch die deutsche Bevölkerung durch eingehende Berichte informiert worden, vor allem durch "Christ und Welt", Stuttgart, "Der Spiegel", Hamburg. In Österreich befaßten sich die "Salzburger Nachrichten" eingehend mit der Affäre, in der Schweiz die "Neue Zürcher Zeitung" und in England die Londoner "Times".

Die gefährlichen Auswirkungen der Lavon-Affäre wurden den deutschen Lesern allerdings selbst jetzt noch verschwiegen. Die "New York Times" griff dieses heiße Eisen an, indem sie aufzeigte, daß dieser Spionage- und Sabotageanschlag auf Ägypten sowie die Gaza-Aktion Gamal Abd el Nasser zwangen, vom Osten Waffen zu erbitten, und dadurch den Sowjets Tür und Tor zum Vorderen Orient öffneten. Die Ägypter mußten sich mit Recht bedroht fühlen, denn bei der Gaza-Aktion wurde das ägyptische Hauptquartier in die Luft gesprengt, wobei 38 Ägypter den Tod fanden. Auch wurden in Gaza ein Brunnen und eine Pumpe gesprengt sowie ein Lastwagen mit ägyptischen Soldaten in die Luft gejagt.

Da der Westen den Ägyptern keine Waffen gab, wandte sich Nasser nach dem Osten. Als Folge dieser israelischen Aggressionspolitik gegen Ägypten schloß Nasser am 27. November 1955 im Kreml das erste Waffengeschäft ab. Diese sowjetischen Waffenlieferungen hatten wieder die Verschlechterung der Beziehungen Ägyptens zu den USA in der Assuan-Staudamm-Sache zur Folge und lösten schließlich sogar die Suez-Krise aus, die ein eigenes Kapitel darstellt. So zeigen sich die nahezu unkontrollierbaren Auswirkungen einer gefährlichen Politik, für die allein die Gruppe Ben Gurion in der Mapai verantwortlich ist.

Als Ben Gurions Rücktrittsangebot nicht zum gewünschten Resultat führte, brachte er die Affäre Lavon vor das Führungsgremium der Mapai. Ben Gurion verlangte, Lavon müsse seine Stellung als Generalsekretär der Histadruth niederlegen. Während 96 Mapai-Funktionäre gegen den Antrag ihres höchsten Parteichefs stimmten und 2 sich der Stimme enthielten, stimmten 159 dafür. Es heißt freilich, daß dieser Erfolg nur erzielt werden konnte, weil auch die Knesseth-Abgeordneten der Mapai mitstimmten, die in Gewerkschaftsfragen überhaupt kein Stimmrecht haben.

Das Ergebnis ist aber auch noch anders zu erklären. Die Mapai Abgeordneten fürchten mit Recht jetzt nichts so sehr wie eine Neuwahl für die Knesseth. Durch die Affäre Lavon sank die Popularität Ben Gurions merkbar ab, und deswegen befürchten die Mapai-Funktionäre eine Niederlage ihrer Partei und die Abgeordneten. einen Verlust ihrer Sitze. Bei den letzten Wahlen im November 1959 erhielt die Mapai noch 38 Prozent der abgegebenen Stimmen und konnte von 120 Knesseth-Sitzen 47 erringen. Ein Rücktritt Ben Gurions müßte automatisch eine Neuwahl auslösen. Gerade dem aber will man unbedingt ausweichen.

Pinchas Lavon wollte unter allen Umständen eine Parteispaltung der Mapai verhindern und beugte sich dem Ergebnis dieser Abstimmung. Er überreichte der Histadruth seinen Abschied. 58 der Gewerkschaftsfunktionäre nahmen seinen Rücktritt an, 2 enthielten sich der Stimme, 46 jedoch stimmten offen dagegen. In seiner Schlußerklärung sagte Lavon: "Wehe dieser Gesellschaft, deren Schicksal von einem einzigen abhängig ist!"

Nunmehr wurde Ben Gurion wiederum beauftragt, eine neue Regierung zu bilden, jedoch verweigerten alle bisherigen Koalitionsparteien die Zusammenarbeit. Gleichzeitig begann das Problem Lavon - Ben Gurion in Israel immer weitere Kreise zu ziehen. 500 Studenten demonstrierten in Jerusalem und trugen dabei Transparente, auf denen zu lesen stand: "Wir erlauben nicht, daß der Alte Dokumente ausbessern darf."

Ben Gurion wurde öffentlich vorgeworfen, im Kampf gegen Lavon ein sehr "elastisches" Gewissen gehabt zu haben. Doch nicht nur gegen ihn, auch gegen seinen Stellvertreter im Verteidigungsministerium, Schimon Peres, und gegen Mosche Dajan wurde demonstriert. Fünfzig bekannte israelische Intellektuelle, darunter der weltberühmte Professor und Philosoph Dr. Martin Buber, richteten ein Manifest an die Bevölkerung und forderten darin "im Interesse des Israel-Staates die Beendigung der ehrabschlachtenden Polemik, die auch für das Weltjudentum schädlich ist, da die ganze Welt aufmerksam die Ereignisse in Israel verfolgt".

Eine Versammlung von zweihundert Professoren der Universität in Jerusalem brachte zum Ausdruck, daß es nicht für die Sauberkeit einer Demokratie spräche, wenn ein Mann wie Pinchas Lavon, der offiziell rehabilitiert wurde, trotzdem gezwungen worden sei, seine Stellung aufzugeben.

Die in Tel Aviv erscheinende parteilose Zeitung "Haaretz" führte unter der Bevölkerung eine Meinungsforschung durch, um zu erkunden, wie die Stimmung hinsichtlich Ben Gurions und der Neuwahl sei. 45 Prozent der Befragten sprachen sich gegen Neuwahlen aus, 42 Prozent aber waren dafür. 15 Prozent ehemals fester Mapai-Anhänger versicherten, daß sie nicht mehr für diese Partei stimmen würden, und 37 Prozent der bisher festen Ben-Gurion-Verehrer erklärten, sie hätten ihre Ansicht geändert. Die Meinungsforscher glaubten, daß bei kommenden Wahlen die Mapai sieben bis zehn Mandate verlieren würde.

Doch nicht nur die Spionage- und Sabotageaffäre in Alexandria und Kairo, durch die der Westen gegen Ägypten provoziert werden sollte, die Gaza-Aktion, der Überfall auf den Suez und die ganze Eichmann-Geschichte, die dem Weltjudentum kaum zum Vorteil gereicht und auch nicht dem Staat Israel, sondern auch der Versuch, israelische Atombomben herzustellen, zeigen welcher Hasardpolitik Ben Gurion und seine Anhänger fähig sind.

Der Amsterdamer "Telegraaf" veröffentlichte am 13. Januar 1961 einen eingehenden Bericht, in dem er behauptete, daß im September 1960 ein amerikanisches Aufklärungsflugzeug über der Negev-Wuste Aufnahmen gemacht habe, aus denen deutlich zu erkennen wäre, daß Israel dort große Atomfabriken baue.

Anfänglich protestierte die israelische Regierung gegen den Flug und behauptete, daß es sich dabei um Textilfabriken drehe. Doch schon im Dezember 1960 konnte Alan Dulles, der oberste Chef des amerikanischen Geheimdienstes, der Senatskommission für Kernenergie melden, daß konkrete Beweise dafür vorlägen, daß Israel mit der Herstellung von Plutonium beginne, welches für die Produktion von Kernwaffen nötig sei.

Diesmal widersprach die israelische Regierung nicht, versicherte jedoch, daß alles nur für friedliche Zwecke geschähe.

In Amerika war man damals über dieses Vorgehen besonders erbost, da die amerikanischen Behörden den israelischen Forschern Gelegenheit gegeben hatten, die Möglichkeit der Produktion von schwerem Wasser und der Abspaltung von Uran aus Phosphaten, die in der Negev-Wüste gefunden wurden zu studieren.

Ob es richtig ist, wie der "Telegraaf" behauptet, daß Frankreich Israel bei dem Bau einer Atombombe helfen will, weiß man nicht. Tatsache ist, daß auch dieses Vorgehen einen Konfliktstoff von nicht absehbaren Ausmaßen anhäufen kann, da selbstverständlich Präsident Nasser darauf scharf reagierte und die Sowjets um Hilfe beim Aufbau einer eigenen Atomwirtschaft ersuchte.

Über die horrende Gefährlichkeit dieser Politik zu diskutieren ist müßig. Ihre doppelte Moral wurde in der Lavon-Affare für jedermann in erschreckender Weise sichtbar. Der Frieden im Vorderen Orient ist längst zerstört. Ben Guirion wandelte bislang mit seiner Politik so sehr nahe am Rande des Abgrundes, daß man sich darüber wundern muß, daß seither nicht noch mehr passiert ist. Doch wenn diese Methoden und die Richtung der Extremisten um Ben Gurion innerhalb der Mapai auch weiterhin die Macht und die Verantwortung im Staate tragen, muß Schlimmstes befürchtet werden. Zumindest wird ein endgültiger Riß zwischen dem Weltjudentum, namentlich den amerikanischen Juden. und dem Staate Israel auf die Dauer kaum zu vermeiden sein.

Für und wider die Assimilation

Außer den hier genannten Gruppen und Parteien arbeiten außerhalb und innerhalb Israels vor allem der Zionistische Weltkongreß und die Sochnuth, von den Briten "Jewish Agency" genannt.

Als Dr. Theodor Herzl daranging, den Weltzionismus zu organisieren, bestanden bereits in verschiedenen Ländern, vorzüglich in Rußland, Deutschland und Usterreich, zionistische Gruppen und Vereine, die sich Chowewei Zion, zu deutsch "Liebe zu Zion" oder "Freunde Zions" nannten. Sie waren in den Jahren 1881 bis 1896 entstanden. Ihre Vertreter traten 1884 in Kattowitz zusammen und gründeten einen Weltverband. Die Führer und Anhänger dieser Chowewei Zion waren durchweg weltliche und religiöse Intellektuelle. In Rußland scharten sie sich um Dr. Leon Pinsker, in Deutschland um den Mathematikprofessor Dr. Hermann Schapiro.

Theodor Herzl wurde 1860 in Budapest geboren, wo er auch studierte, und wandte sich bald der Journalistik zu. Von 1881 bis1895 war er Korrespondent der "Wiener Neuen Presse" in Paris. 1884 promovierte er als Doctor juris.

Während seiner journalistischen Tätigkeit in Paris erlebte er als Berichterstatter den berüchtigten Prozeß gegen den Hauptmann Alfred Dreyfus. Dieser Prozeß beeinflußte den jungen Herzl ungeheuer. Bis zu dieser Stunde glaubte Herzl fest an eine totale Assimilation des Weltjudentums in seinen Gastvölkern und verneinte auch die Taufe nicht. Gerade zu jener Zeit gab es sehr starke Kräfte im Judentum, sogar im Osten, die für die Assimilation eintraten. Schon das 18. Jahrhundert brachte parallel mit dem religiösen Rückfall der Juden ins Altertum die Assimilation und die Massentaufe. Der geistige Träger des Assimilationsstrebens war ein Jude namens Jakob Frank, der 1726 in der galizischen Stadt Karolewka geboren und später vom österreichischen Kaiser geadelt wurde. Er starb als Baron von Frank in Offenbach 1791.

Als junger Mensch wanderte Jakob Frank von Galizien nach Saloniki aus und kam dort mit der Sabbathai-Zwi-Sekte in Berührung. Sabbathai Zwi war ein türkischer Jude, geboren 1625, gestorben 1675, der in seiner Jugend den Talmud sehr genau studierte. Er glaubte daran, daß er der geborene Messias sei. Da er sehr reich und sehr beredt war, gründete er überall Gruppen und fand in jener Zeit viele Anhänger, auch unter den religiösen jüdischen Gelehrten. Selbstredend stieß er auch auf erbitterten Widerstand. Eines Tages machte er sich auf und reiste nach Konstantinopel, um ein Streitgespräch mit dem Sultan zu führen, den er dank seiner Kabbala-Kenntnisse besiegen wollte. Der Sultan weilte aber nicht in Konstantinopel; der Statthalter empfing ihn und internierte ihn auf der Zitadelle, wo er in einer Ehrenhaft gehalten wurde. Er residierte dort förmlich und empfing Besuche aus der ganzen Welt. Aus Polen kam der orthodoxe jüdische Schriftgelehrte Nechemea Cohn, der zu seinen erbitterten Gegnern zählte, und denunzierte nach einer lang andauernden Diskussion Sabbathai Zwi als falschen Propheten.

Nun erkannten die Türken, daß die Juden untereinander uneins waren. Der soeben zurückgekehrte Sultan ließ sich Sabbathai Zwi vorführen und stellte ihn vor die Wahl, entweder zum Islam überzutreten oder zu sterben.

Sabbathai Zwi überlegte nicht lange und trat zum Islam über. Der erfreute Sultan adelte ihn, und Sabbathiai Zwi ging auf Weltreise. Gestützt auf sehr gute Kenntnis des Talmuds, legte er auch den Schritt seines Übertrittes als eine Märtyrertat für die Befreiung seines Volkes aus und fand bei vielen Juden Zustimmung und Glauben. Noch bis zum heutigen Tage bestehen solche Sabbathai-Zwi Sekten auf der ganzen Welt, besonders aber in der Türkei. Mit einer solchen Sekte kam nun Jakob Frank in Saloniki in Verbindung und war von den Lehren Sabbathai Zwis sehr beeindruckt. Schließlich nach Polen zurückgekehrt, fing er an, ähnliche Thesen zu verkünden, und diskutierte mit den Rabbinern öffentlich, manchmal sogar in Gegenwart katholischer Bischöfe. Eine wilde Feindschaft entstand zwischen den orthodoxen Juden und Jakob Frank, der trotzdem viele Anhänger fand. In Polen selbst ließen sich Tausende von Juden taufen. Doch auch in Deutschland, in Frankreich, in Italien und in Österreich traten viele Juden zur katholischen Kirche über. Die Assimilation schien nicht mehr aufzuhalten.

Auch der junge Dr. Theodor Herzl glaubte daran. Dann erlebte er aber im Dreyfus-Prozeß 1894 einen so erschreckenden Ausbruch des französischen Antisemitismus, daß eine tiefe Wandlung in ihm vor sich ging. 1896 veröffentlichte er in Wien sein aufsehenerregendes Buch "Judenstaat", in dem er erstmalig (dem zionistischen Gedanken literarisch-politische Form verlieh. Schon ein Jahr später gelang es ihm, am 29. August in Basel den ersten Zionistischen Kongreß einzuberufen. Dr. Herzl gründete sogleich eine Bank für jüdische Kolonisation und begnügte sich nicht mit der Werbung unter der jüdischen Bevölkerung, sondern trug auch verschiedenen führenden Politikern in ganz Europa seine zionistischen Ideen vor. 1898 besuchte Dr. Herzl erstmals Palästina und kam sehr enttäuscht zurück. Er sah keine Möglichkeit, in diesem armen, von der Sonne durchgluteten Land einen Judenstaat und eine jüdische Heimstätte zu errichten.

Als dann beim Kischinewer Pogrom 1903 Tausende von Juden schwere Verfolgungen und Qualen erleiden mußten, zog er jüdische Kolonisierungen auch außerhalb Palästinas im Erwägung. Den von der britischen Regierung gefaßten Plan, Juden auch in Uganda in Afrika anzusiedeln, griff Dr. Herzl interessiert auf. Für ihn ging es nicht um die Errichtung eines neuen, nun jüdischen Chauvinismus, sondern um rasche Hilfe für die verfolgten Juden.

Aber bedeutende Köpfe unter seinen Mitkämpfern teilten diese Meinung nicht, und noch bei Lebzeiten sah sich Herzl innerhalb der führenden zionistischen Kreise scharf bekämpft. Seine Gegner waren vor allem der russische Schriftsteller U. Ginsburg, der sich später Adiad Haam nannte, und Ussischkin. Bald sah sich Dr. Herzl in einer ausweglosen Situation. Er konnte den von laufenden antijüdischen Verfolgungen bedrohten jüdischen Massen im Osten keine schnelle Hilfe angedeihen lassen, da ihn auch seine engsten Mitarbeiter in diesem Streben nicht verstanden.

Dieses heikle Kapitel der zionistischen Entwicklungsgeschichte wird heute in Israel allerdings den jungen Sabres verschwiegen. Die Auseinandersetzungen zehrten sehr an der angegriffenen Gesundheit Dr. Herzls. Er verstarb 1904 an den Folgen eines Herzleidens in Wien.

Der Zionismus jedoch überlebte seinen geistigen und organisatorischen Schöpfer. Einer der bedeutendsten Führer des Weltzionismus nach dem Tode Dr. Herzls wurde Nachum Sokolow, 1869 in Russisch-Polen geboren, 1936 in London verstorben, der bereits 1905 Generalsekretär des Weltzionismus wurde und 1917 die Balfour-Deklaration nicht unwesentlich beeinflußte. 1919 war er der Leiter der Zionistischen Delegation bei den Friedensverhandlungen in Versailles und von 1931 bis 1935 Präsident des Zionistischen Weltkongresses. Unter anderem übersetzte er von Dr. Herzl "Alt-Neuland" ins Hebräische und nannte das Buch "Tel Aviv". Dieser Titel stand später bei der Namensgebung der heutigen größten Stadt Israels Pate. Einer der Gründer dieser Stadt Tel Aviv, der auch ihr bekanntester Bürgermeister wurde, war Mair Disengoff, 1860 bis 1936, an den in Tel Aviv noch heute eine große Straße und ein Park erinnern. Pikanterweise wurde Disengoff vom englischen König Eduard VIII. 1936 zum Ehrenkommandeur des Ordens British Empire ernannt, eine Tatsache, die in Israel peinlich totgeschwiegen wird. Niemand konnte mir sagen, für welche Verdienste Disengoff diese seltene Würdigung erfuhr.

Der von Dr. Herzl gegründete Zionistische Weltkongreß findet regelmäßig alle zwei Jahre statt, fast jedesmal an einem anderen Ort. Die 500 Kongreßteilnehmer sind Vertreter verschiedener am Kongreß offiziell beteiligter und anerkannter zionistischer Gruppen. Die Delegierten werden durch Abgabe eines gekauften Schekel gewählt. Der Schekel ist eine alte biblische Münze, welche heute je nach Valutastärke des Landes verschieden bewertet wird. Der Wahl- und Stimmberechtigte muß das 18. Lebensjahr vollendet haben.

In den Galuth-Ländern braucht jeder Delegierte 3000 Schekelstimmen, während die Israel-Delegierten nur 1500 Schekelstimmen aufbringen müssen. Durch diese erstaunliche Sonderregelung setzte vor allem die Mapai vorsorglich ihren Einfluß im Zionistischen Weltkongreß durch.

Der letzte Kongreß, der im Januar 1961 in Jerusalem tagte, wurde zum erstenmal in der Geschichte der Zionistischen Weltkongresse in hebräischer Sprache eröffnet. Der gegenwärtige Präsident des Zionistischen Weltkongresses ist Dr. Nachum Goldmann.

Die Sochnuth wurde erst 1929 gegründet und setzt sich aus 50 Prozent Vertretern von zionistischen und aus 50 Prozent Vertretern nichtzionistischer Organisationen zusammen. Der Rat der Sochnuth besteht aus 224 Mitgliedern, der administrative Rat aus 50 Mitgliedern und die Exekutive aus 8 Mitgliedern.

Zum Unterschied vom Zionistischen Weltkongreß werden die Vertreter der Sochnuth nicht gewählt, sondern von den verschiedenen Organisationen entsandt. Die Sochnuth hat zwei gleichberechtigte Vorsitzende. Der politische Vorsitzende hat seinen Amtssitz in London, der organisatorische in Jerusalem. Damit wären auch alle jene Organisationen aufgeführt, die nicht nur in Israel, sondern auch außerhalb Israels in zionistischem Sinne tätig sind. Natürlich gibt es daneben noch eine Reihe kleinerer Gruppen, die aber beinahe alle in diesen beiden Dachorganisationen vertreten sind.


Zurück zum Inhaltsverzeichnis
Zum nächsten Kapitel
Zum vorhergehenden Kapitel
Back to Archive