Zug nach dem Westen

Rückkehr nach Czernowitz

Die deutschen Fronten gingen immer weiter zurück. Zum Teil freuten wir uns darüber, zum Teil zitterten wir vor dem, was kommen mußte. Die nächsten Monate vergingen in qualvollem Hangen und Bangen.

Kurze Zeit nur konnte es dauern, und dann hatte der Krieg uns wieder.

im März 1944 war es jedem von uns klar, daß die Front vor uns nicht mehr lange halten konnte. Die 1. ukrainische Front unter Marschall Schukow und die 2. ukrainische Front unter Marschall Koniew warfen ihre Truppen im ungestümen Vorgehen gegen den Westen.

Längst hatten die Rumänen ihr schroffes Verhalten uns gegenüber geändert. Einzelne versuchten sogar, sich mit Juden zu befreunden, und so erfuhren wir von ernsten Unstimmigkeiten und Reibereien zwischen deutschen und rumänischen Kommandostellen wegen aller möglichen Kompetenzfragen. Eigentlich ging das schon ein Jahr lang so. Seit Stalingrad herrschten zwischen den Rumänen und den Deutschen sehr gespannte Beziehungen. Für uns Juden brachten diese Dinge eine fühlbare Erleichterung.

Trotzdem sahen wir der Entwicklung mit großer Besorgnis entgegen. Wir mußten doch annehmen, daß die rückflutenden deutschen und rumänischen Verbände ihre Wut an uns wehrlosen Juden auslassen würden.

Eines Morgens überschwemmten viele Tausende junger ungarischer Juden die ganze Gegend. Sie waren von den Deutschen aus ihrer Heimat geschafft worden und hatten unter der deutschen Verwaltung schwere Arbeitsdienste hinter der Front geleistet. Nun kamen sie in hellen Haufen über den Bug und mischten sich so schnell sie nur konnten unter uns transnistrische Juden. Sie berichteten entsetzliche Dinge, die vor allem in den Lagern Maidanek und Auschwitz vorgekommen seien. Die Deutschen hätten dort die Juden zu Tausenden und Abertausenden abgeschlachtet und manche sprachen sogar davon, daß Millionen Juden in einem raffinierten Massenvernichtungssystem liquidiert worden wären. Uns blieb das Herz stehen. Voll Furcht warteten wir auf das, was nun kommen sollte.

Zuerst fuhr die rumänische Zivilverwaltung sang- und klanglos ab. Dann marschierten, zum Teil völlig ungeordnet, rumänische Mililäreinheiten durch Bershad. Während die Masse der transnistrischen Juden durch Hunger und Entbehrung in den Jahren ihrer Verbannung so apathisch geworden war, daß sie sich zu nichts aufraffte, flüchteten die Mitglieder der jüdischen Komitees, nahezu alle jüdischen Polizisten und jene Juden, die durch ihre Schiebergeschäfte selbst in diesem Elend Reichtümer angesammelt hatten, mit den Rumänen in Richtung Westen.

Dann rückten die deutschen Kampftruppen in ziemlicher Ordnung durch, und wir zitterten. Jedoch die deutschen Soldaten vergriffen sich an uns nicht, und keinem von uns wurde ein Leid getan.

Dann herrschte ungefähr zehn Tage lang ein unbeschreibliches Chaos. Es gab überhaupt keine Behörden. Immer noch kamen Nachzügler, die nach dem Westen flüchteten, und am 20. März 1944 überschritten die sowjetischen Vorausabteilungen bei Saroki und Mogilew den Dnjestr. Kurz danach waren sie auch in Bershad.

Die Kampfeinheiten der Roten Armee kümmerten sich um uns überhaupt nicht. Es kamen keinerlei Vergewaltigungen oder Belästigungen vor. Transnistrien gehörte ja zur Sowjetunion, und wir waren von dem Auftreten der Roten Armee überaus angenehm enttäuscht.

Jedoch schon drei Tage später kamen mit den sowjetischen Kommandostäben die kommunistische Verwaltung und die Miliz zu uns.

Unterdessen waren kleinere Gruppen der verbannten Juden aus Transnistrien aufgebrochen und versuchten auf eigene Faust wieder in ihre Heimatstädte zu gelangen. Das war sehr schwierig, weil noch immer der Krieg in vollem Gange war, daher verhielt sich die Masse noch ruhig.

Als indessen die kommunistischen Behörden eine Arbeitserfassung befahlen und uns ganz offiziell mitgeteilt wurde, daß alle arbeitsfähigen Männer und Frauen zum Wiederaufbau nach dem Donez-Becken verfrachtet werden sollten, setzte eine richtige Panik ein. Nun drohte den Familien das, dem wir bisher entgangen waren:

die Zerreißung und wahrscheinlich endgültige Trennung. Die nach Transnistrien zurückkehrenden kommunistischen Funktionäre kümmerten sich nicht um die Leiden der Juden. Für sie war allein das Soll entscheidend. Im Handumdrehen verschwanden alle arbeitsfähigen Männer und Frauen von den Straßen. Die Juden versteckten sich und sabotierten den Erfassungsaufruf, wo es nur möglich war.

Darauf griffen die Kommunisten und ihre Miliz zum Terror. Auf der Straße wurden die Passanten wahllos festgenommen und mit Gewalt auf Sammelplätze gebracht. In wenigen Tagen gingen schon die ersten Zwangstransporte nach dem Donez ab.

Besonders die jungen Ungarn wehrten sich, wo sie nur konnten, und flohen in hellen Scharen gegen den Westen. Sehr bald erkannten wir, daß es dort, wo gekämpft wurde, für uns relativ am sichersten war, denn dort gab es keine Miliz und keine örtlichen Sowjets. Daher konnte auch niemand erfaßt werden.

Auch ich brach mit meiner Familie auf. Uns hatte sich der junge Salomon angeschlossen.

Die ersten Gruppen der flüchtenden transnistrischen Juden konnten den Pruih überschreiten und gelangten so glücklich nach Czernowitz. Da unterdessen die Front wieder weiter nach dem Westen gerückt war, kam die sowjetische Zivilverwaltung schneller als die meisten flüchtenden Juden, und die Grenze zwischen der Bukowina und Transnistrien wurde geschlossen. Inzwischen war eine regelrechte Völkerwanderung aus Transnistrien in Bewegung geraten, und zu Zehntausenden und Zehntausenden zogen die Juden gegen die Bukowina, wo sie nun von rückwärtigen sowjetischen Einheiten gestoppt wurden.

Die Stimmung am Pruth war unbeschreiblich. Alte Männer und Frauen, Kinder, ja selbst Säuglinge stauten sich vor dem Fluß in Regen und Kälte. Nahezu alle litten an Hunger, greifbar nahe vor ihnen Czernowitz.

Einige Entschlossene unterbreiteten in Kiew einen Bericht, und endlich kam die Erlaubnis, Czernowitz wieder zu betreten. Mehr tot als lebendig wankten wir durch die Straßen der Stadt Auch unsere kleine Wohnung war fast zur Gänze ausgeplündert aber trotz allem hatten wir endlich wieder ein Zuhause, ein Dach über dem Kopf.

Zu unserem fassungslosen Erstaunen erfuhren wir, daß erst wenige Wochen vor dem Zusammenbruch an der Front über 300 reichere Juden aus Czernowitz, denen es geglückt war, zurückzubleiben, von den rumänischen und deutschen Behörden die Erlaubnis erhalten hatten, legal in Richtung Palästina auszuwandern.

Sogar noch im April 1944 bot Mihai Antonescu dem Internationalen Schweizer Roten Kreuz an, zwei Passagierschiffe voll Juden, hauptsächlich Kinder, nach Palästina auswandern zu lassen, um sie vor dem Chaos zu retten. Der verdienstvolle Vertreter des Internationalen Roten Kreuzes, der Schweizer Kolb, mußte der rumänischen Regierung schweren Herzens berichten, daß die kriegführenden Staaten, insbesondere die Engländer und Amerikaner, den beiden jüdischen Auswanderungsschiffen das notwendige freie Geleit verweigerten.

Als wir das erfuhren, waren wir verbittert. Diesmal jedoch weit weniger über die Deutschen oder Rumänen, sondern über die Engländer und Amerikaner.

Die nächsten Wochen vergingen wie im Fluge. Zuerst mußte man sich wieder das Allernotwendigste organisieren und vor allem einen Verdienst finden, was gar nicht so leicht war, da ein entsetzliches Durcheinander herrschte. Anfangs war ich arbeitslos, aber dann fand ich in einer Druckerei Beschäftigung, später in einem Kino.

In der Stadt lief das Leben bald in normalen Bahnen. Draußen auf dem Lande hingegen ging es drunter und drüber. Die jüdische Landbevölkerung flüchtete sich nach Czernowitz, da die ganze Umgebung noch von den ukrainischen Partisanen, die unter dem Kommando des berüchtigten Bandera standen, bedroht war. Die Arbeiterkolonnen, die außerhalb der Stadt zu tun hatten, verließen morgens Czernowitz zum Großteil nur bewaffnet, um abends in die Stadt, die für uns wie eine Festung war, zurückzukehren.

Als erstes kamen das Transportwesen und das Bäckereigewerbe wieder in Ordnung. Die Industrien befanden sich zum Teil in betriebsunfähigem Zustand. Es dauerte Monate, ehe sich das Leben in der Stadt normalisierte, wieder ein Kino eröffnet wurde und sogar ein jüdisches Theater.

Doch sehr bald setzte von neuem die zionistische Flüsterpropaganda ein, welche die Juden aufforderte zu fliehen, da an eine echte Normalisierung der Verhältnisse nicht zu denken sei.

In der Milizzentrale wurde eine Eintragungsstelle eröffnet. Dort lagen Listen auf, in die sich alle einschreiben lassen konnten, die vor dem Krieg rumänische Staatsbürger gewesen waren, um später wieder nach Rumänien zurückkehren zu können. Allerdings wagten nicht viele, sich einzutragen, denn die Bukowiner Juden befürchteten eine Falle, mit der die Kommunisten herausbekommen wollten, wer bereit war, im Lande zu bleiben und zu arbeiten, und wer flüchten wollte.

Unterdessen hatten nämlich die kommunistische Miliz, die NKWD und die Gerichte alle jene zu verfolgen begonnen, die in Transnistrien ein Amt innegehabt hatten, in der Hauptsache die Angehörigen des Judenrates oder der Polizei. Sie wurden als Verräter oder Helfer des Feindes betrachtet und entsprechend verurteilt. Juden, die unter solchen Anklagen vor die kommunistischen Gerichte gestellt wurden, bekamen in der Regel bis zu zehn, Ukrainer oder Russen bis zu zwanzig Jahren Gefängnis oder Verbannung. Am schlimmsten waren die Kommunisten daran. Es genügte, das Mitgliedsbuch der Kommunistischen Partei vernichtet zu haben, um als Verräter angeklagt und verurteilt zu werden. Ein russischer Ingenieur aus Winiza, der mit den sowjetischen Behörden nach Czernowitz gekommen war und, vom Krieg überrollt, sein Parteibuch aus Angst vor den Deutschen verbrannt hatte, erhielt nun Zwanzig Jahre, obgleich er sich sonst nichts hatte zuschulden kommen lassen.

Natürlich wurden von den Kommunisten laufend aufklärende Vorträge gehalten zu dem offensichtlichen Zweck, die Bevölkerung zum Bleiben in der Bukowina, die nun zur Sowjetunion gehörte, Zu bewegen. Als jedoch die ersten Wagemutigen, die sich eingetragen hatten, tatsächlich nach Rumänien abfuhren, gab es kaum ein Halten mehr. In Massen ließen sich die Menschen in die rumänische Liste eintragen.

Außer der rumänischen Eintragungskommission existierte auch eine polnische. Bereits im Jahre 1942 hatte die polnische Exilregierung durch ihren Präsidenten General Sikorski in Moskau Abmachungen mit dem Kreml getroffen, nach denen alle polnischen Bürger in der Sowjetunion freigelassen werden sollten, und dafür wurde eine polnische Armee aufgestellt, die in polnischer Uniform unter sowjetischem Oberkommando gegen die Deutschen kämpfte.

Nunmehr wurden aber die polnischen Juden die Nutznießer dieses Abkommens. Sogar die Juden aus Galizien konnten sich als polnische Staatsbürger eintragen, wenn sie bei der polnischen Kommission darum nachsuchten. Die Sowjetrussen verfügten sehr großzügig, offenbar hatten sie an den polnischen Juden kein sonderliches Interesse.

Flucht nach Breslau

Die Entwicklung wurde nun immer kritischer, und so beschloß auch ich, durch meinen Aufenthalt in Lemberg etwas besser informiert als andere, die polnische Kommission aufzusuchen, traf dort auch tatsächlich einen polnischen Juden, der mir bereitwilligst einen Mann in Kolomea und seine Adresse angab. Legal konnte ich Czernowitz ja niemals verlassen, denn ich besaß doch keine polnischen und natürlich auch keine rumänischen Papiere.

Ich schrieb dem Gewährsmann, einem polnischen Juden, und einige Wochen später kam der Mann, dessen Namen ich nicht nennen will, wirklich nach Czernowitz. Wir vereinbarten, daß ich, da ich einen angegrauten Bart trug, als Großvater und Familienoberhaupt gelten sollte, denn nur mit einer Familienliste war es erfolgversprechend dieses Wagnis zu unternehmen. Ich erhielt also polnische Papiere unter falschem Namen, wurde im Handumdrehen fünfzehn Jahre älter gemacht, was nicht schwer war, da ich in Transn:strien genug Not gelitten hatte. Als polnischer Jude trug ich mich nun mit zwölf Personen zur Auswanderung ein. Unsere Gruppe war mehr als gemischt. Außer meiner Frau und meinem Sohn befanden sich in ihr auch der junge Salomon und namentlich ein jüdischer Oberleutnant der Roten Armee in Zivil, der unbedingt aus dem Osten wegwollte und ein jüdischer Schauspieler aus Moskau, der bereits von der NKWD gesucht wurde. Dazu kamen Frauen und Kinder und andere Männer.

In Kolomea sollte uns der Gewährsmann erwarten. Er besorgte auch einen Fahrer der Sowjetarmee, den er für solche illegalen Menschentransporte bezahlte und der uns mit einem russischen Lastwagen von Czernowitz nach Kolomea bringen sollte.

Der Oberleutnant in Zivil setzte sich mit mir neben den Fahrer, und tatsächlich fuhren wir mitten in der Nacht mit klopfenden Herzen aus Czernowitz ab. Kaum hatten wir die Stadt verlassen, da wurden wir auch schon von einer Sowjetstreife angehalten:

"Dokumenti"

Meine Hand zitterte, als ich unseren Transportschein vorwies. Doch die Rotarmisten kümmerten sich nicht um uns: die Stempel, die übrigens echt waren, genügten ihnen voll und ganz. So fuhren wir und kamen nach Kolomea. Kurz vor Erreichung des Zieles hielt der Fahrer an. Aufgeregt fragte ihn der Oberleutnant, was los sei.

Der Fahrer fluchte und brummte etwas von einer Panne.

Wir standen unter einer Straßenlaterne, und während der Fahrer ausstieg und den Motor öffnete, setzte mir das Herz aus. Wir standen genau vor dem Kommando der NKWD.

Warum haben wir uns diesem Goj anvertraut?" jammerte eine alte Frau.

"Wir müssen fliehen", rief Salomon, "der liefert uns der NKWID aus!" Ich blickte hinüber zu den beiden Doppelposten mit den Maschinenpistolen, die nur wenige Dutzend Meter von uns entfernt standen und gleichmütig zu uns hersahen.

War es Zufall oder Absicht? Was immer es war, nun gab es für uns keinen Ausweg mehr. Wir mußten einfach abwarten. Dieses Warten wird keiner vergessen, der auf diesem Lastwagen saß. Jede Minute wurde uns zum Jahr.

Zuletzt erkannten wir aufatmend, daß es sich wirklich um einen Motorschaden handelte, den unser Fahrer schimpfend und fluchend nach einer halben Stunde Arbeit beheben konnte.

Endlich fuhren wir an. Nach wenigen Minuten erreichten wir den Güterbahnhof, wo uns mein Gewährsmann, der polnische Jude, schon ungeduldig erwartete. Er wies uns den geschlossenen Waggon an, in dem sich auch sofort die "Familie" niederließ. Noch am Vormittag sollten wir abfahren. Unterdessen war es bereits hell geworden.

Jedoch am Vormittag rührte sich nichts, auch am Nachmittag nicht. Wir verbrachten den Tag und die Nacht voll zitternder Ungeduld. Trotz allen Verbindungen und trotz allen Bestechungen konnte unser Gewährsmann einfach keine Lokomotive auftreiben.

Als es schließlich hieß, daß sich unsere Abreise um mindestens zwei Tage verzögern würde, hielt es die Jüngeren unserer Gruppe, besonders den Schauspieler, nicht mehr im Waggon. Von den Eisenbahnern hatte er erfahren, daß in der Stadt eine Kneipe geöffnet war, in der man Warmes zu trinken bekam. So brachen drei von den Jungen auf.

Die Frauen waren überaus erregt. "Geh mit den Jungen", bat mich eine besorgte Alte, "vielleicht kannst du ihre Chutzpe bremsen."

Eine Frechheit war das auf alle Fälle! Seufzend kletterte ich auch aus unserem Waggon. Wohl oder übel konnte ich diese unüberlegten nicht im Stiche lassen. Wir hatten ja alle zwölf Personen nur ein Dokument: den Transportschein. Wer aber in diesen Zeiten ohne Dokument angetroffen wurde, der war rettungslos verloren.

Der Schauspieler war mein fingierter Sohn.

Die Kneipe war brechend voll. Zwischen den Zivilisten standen und saßen zahlreiche Rotarmisten und NKWD-Männer. Mit ihren großen Pelzen waren sie von weitem erkenntlich. Natürlich kümmerte sich die Bedienung um uns wenig, und das ärgerte besonders unseren Schauspieler sehr. Plötzlich verlangte er in fließendem Russisch unseren Tee.

Ich erschrak tödlich.

Selbstverständlich wurden wir sofort bewirtet, denn Russisch war in diesen Tagen eine größere Legitimation als alles andere. Wir hatten aber unser Getränk noch nicht zur Hälfte genossen, als auch schon vor unserem Tisch zwei NKWD-Leute standen, die in einem halb gleichgültigen, halb lauernden Ton nach unseren Ausweisen fragten.

Ich antwortete sofort in einem verkrüppelten Russisch, halb jiddisch, und wies unseren Transportschein vor.

Auch der Schauspieler schaltete augenblicklich und sprach ebenfalls nur ganz gebrochen Russisch. Die anderen schwiegen erschreckt.

"Wie kommt es", fragte der eine NKWD-Mann mißtrauisch, "gerade habt ihr noch fließend russisch geredet?"

Nun zeigte der Schauspieler, daß er wirklich ein Künstler war. Er lachte, schlug die Hände zusammen und rief auf Russisch: "Einen Tee will ich haben." Dann sagte er, ebenso fließend russisch: "Willst du nicht mit mir schlafen, Täubchen?", und dann hob er die Hände empor und sagte: "Das ich kann gut russisch. Anderes nix!"

Die Umstehenden lachten laut, nur die beiden NKWD-Leute verzogen ihre Gesichter nicht.

"Hier steht zwölf Personen", stellte der eine sachlich fest.

Mir verschlug es fast den Atem. Wenn die beiden die alten Frauen vernahmen oder gar die Kinder, dann waren wir verloren. Obwohl ich allen unseren Namen, den wir nach dem falschen Dokument zu führen hatten, eingeprägt hatte, bezweifelte ich doch stark, daß sie sich nicht verraten würden.

"Bitte", sagte ich leise, "wenn die Herren Kommissare mitkommen Würden, zum Güterbahnhof."

Die beiden nickten. Wir tranken aus, zahlten und standen auf.

Uns allen zitterten die Knie.

Schweigend gingen wir die Straßen entlang. Der Schnee knirschte unter unseren Füßen. Bis Kolomea also waren wir gekomrnen dachte ich erbittert, weiter nicht.

Plötzlich sagte der eine Russe: "Das dauert zu lange, wir können keine Zeit verlieren, sonst gehen uns die anderen durch die Lappen." Beide blieben stehen.

"Wie viele Leute seid ihr?" fuhr mich der andere scharf an.

"Zwölf", antwortete ich mit ersterbender Stimme. "Wir sind eben eine große Familie."

"HoI euch der Teufel", entgegnete der NKWDist, drehte sich um und ging mit seinem Begleiter davon, ohne uns noch eines weiteren Blickes zu würdigen.

Wir sahen uns an. "Du bist Gott die Neschume schuldig", sagte ich tonlos zu dem Schauspieler.

Der stöhnte. "Was hätte ich bald angerichtet! Wirklich, ich bin Gott die Seele schuldig. Aber machen wir bloß, daß wir weiterkommen."

So schnell wir konnten, kehrten wir alle vier zurück. Von nun an rührte sich keiner mehr aus dem Waggon.

In der darauffolgenden Nacht fuhren wir plötzlich ab. Alle atmeten erleichtert auf. Die Frauen weinten. Doch unsere Freude war verfrüht. Nach kurzer Fahrt blieb der Zug stehen. Wenige Stunden zuvor hatten die ukrainischen Bandera-Partisanen die Eisenbahnbrücke gesprengt. Langsam rollten wir wieder nach Kolomea zurück. Wir waren mit unseren Nerven am Ende. Doch unser Vertrauensmann war wieder zur Stelle, wir wurden in einen anderen Zug umdisponiert, erhielten einen anderen Waggon und wurden aufs neue peinlich kontrolliert.

Am nächsten Morgen rollte dann unser Zug tatsächlich ab. Er bestand aus etwa zwanzig Waggons. Wir passierten Kattowitz, eine Gruppe stieg aus, wir dagegen fuhren weiter. Auch in Oppeln verließen wieder welche den Zug. Wir fuhren weiter bis Breslau.

Die Stadt war grauenhaft zerstört. Es gab aber jüdische Wohnheime und große Kantinen. Alle standen unter zionistischer Führung Schon nach den ersten Tagen, die wir in dem Massenquartier in der Nähe der Matthiasstraße, unweit des Städtischen Bades, zubrachten, mußte ich erkennen, daß sich die Sklaven von gestern eifrigst der Methoden ihrer Unterdrücker bedienten. Der Haß wurde nun nicht nur gepredigt, sondern auch praktiziert. Die Nächte waren unheimlich. Immer wieder hörte man schießen und Menschen um Hilfe schreien. Diebstähle, Raubüberfälle und Morde waren an der Tagesordnung. Meist hieß es, wenn man sich erkundigte: Es war nur ein Deutscher, der erschossen wurde! Und niemand kümmerte sich darum.

Die kommunistischen Behörden versuchten möglichst viele jüdische Handwerker zum Verbleiben in Breslau zu bewegen. Auch mir wurde ein Bäckereibetrieb angeboten, doch lehnte ich ab, nicht nur, weil ich von der Bäckerei nichts verstand, sondern auch, weil mir die Atmosphäre geradezu unheimlich war.

Juden, die in Breslau blieben und sich dort niederließen, wurden von den Zionisten scharf verurteilt.

Noch hatte ich mich nicht recht entschieden. Der Wandel war zu schnell gekommen, und ich zögerte innerlich, als mich ein Erlebnis, für die damalige Zeit sicherlich nur ein kleines am Rande des Geschehens, bewog, nicht in Breslau zu bleiben. Ich ging mit meiner Familie und einigen Bekannten in den Ruinengassen der Stadt spazieren. Es war Januar 1946. Natürlich unterhielten wir uns auf Jiddisch. Plötzlich stürzten aus einem Erdloch einige halbnackte Kinder heraus und liefen über den nassen Schnee auf uns zu. Weinend baten sie uns um etwas zu essen.

Im ersten Augenblick war ich zurückgeprallt. Dann jedoch hatte ich sofort begriffen, denn die Kinder sprachen deutsch. Sie hatte der Krieg verschont, und wie Tiere hatten sie sich in Höhlen verkrochen, in denen sie nun ein unbeschreibliches Leben führten. Unser Jiddisch hielten sie für Deutsch. Sie glaubten Deutsche vor sich zu haben.

Ehe ich aber noch reagieren konnte, versetzte einer meiner Begleite einem der Kinder einen brutalen Fußtritt, so daß das Mädchen - es mochte vielleicht sechs Jahre alt sein - zu Boden stürzte Meine Frau, die im wesentlichen meine Ansichten nicht teilte, warf sich dazwischen, und ich fragte den Juden, ob er meine, damit den Geboten des Talmud zu dienen. Während meine Frau sich mit den Kindern beschäftigte, ging ich zum nächsten Bäckerladen und kaufte eine Tüte voll Semmeln, um sie den Halbverhungerten zu bringen.

Ich konnte in dieser Nacht nicht schlafen. Diesmal allerdings nicht wegen der Schießereien. In mir stieg eine rasende Angst auf. Wir Juden hatten durch die Hölle gehen müssen. Nun waren wir ausgeglüht dem Leben wiedergegeben. Sollten wir nach all diesen Prüfungen in der Tiefe an unserer eigenen Maßlosigkeit Schaden leiden? Letzten Endes konnte man ja bei keinem Kind wissen, ob nicht aus ihm der Messias würde, auf den wir alle warten.

Mein Verhalten wurde mir freilich sehr übelgenommen. Man bestrafte mich unter anderem damit, daß man meine Familie nicht der ersten Partie jener zuteilte, die nach dem Westen weiterfahren durften.

Und weiter nach München

Das Fahrtziel aller jener Juden, die weiterziehen wollten, war längst bekannt. Die zionistische Führung hatte beschlossen, die Masse der Ostjuden für die Kämpfe in Palästina zu konzentrieren. Der Bereitstellungsraum war Bayern. Zionistische Schmuggler, verstärkt durch Einsatzgruppen, die direkt aus Palästina bis nach Breslau kamen, leiteten die Menschentransporte.

Die Engländer erfuhren bald davon und versuchten die Judentransporte, soweit es in ihrer Macht stand, zu behindern. Die jüdischen Transporte liefen über zwei Linien: eine direkt über Dresden, Frankfurt nach Bayern, die andere über die Tschechoslowakei.

Allmählich verging mir die Lust zu warten, und ich bemühte mich, auf eigene Faust von Breslau fortzukommen. Entschlossen opferte ich das einzige Wertstück, das ich noch hatte, eine goldene Uhr, und nachdem ich sie dem Leiter der Breslauer Antifa, einem Herrn namens Schreiber, gegeben hatte, wurde ich tatsächlich mit meiner Familie für einen antifaschistischen Auswanderertransportzug eingetragen. Schon nach wenigen Wochen verließ ich mit meiner Familie, sozusagen illegal, die schlesische Ruinenstadt. Im Zug unterhielt ich mich mit zwei jungen Juden, die überaus gut genährt und elegant gekleidet waren. Sie warnten mich sofort vor den Engländern und erzählten mir, daß man besonders in Frankfurt vorsichtig sein müßte, denn der Frankfurter Bahnhof bildete in diesen Monaten eine ständige Gefahrenzone. Schließlich gestanden sie mir lächelnd, daß sie Gold von Osten nach Westen schmuggelten und mit britischen Offizieren, mit denen sie ihren Gewinn teilen mußten, zusammenarbeiteten.

Einer der Mitreisenden, der sich laut mit seiner antifaschistischen Gesinnung brüstete, fiel mir während der ganzen Fahrt durch die sowjetrussische Zone durch seine ungewöhnliche Unterwürfigkeit gegenüber den Rotarmisten auf.

Kaum hatten wir Dresden passiert und in Siegen die britische Zone erreicht, als wir auch schon von einer englischen MP-Patrouille verhaftet und in Bunkeranlagen gebracht wurden, die als Lager dienten. Derselbe Antifaschist hatte mich bei den englischen Militärpolizisten als russischen Juden verleumdet, und ein englischer Leutnant drohte uns mit der sofortigen Rückverschickung in die sowjetische Besatzungszone. Nach all den jahrelangen Entbehrungen und Aufregungen war das für meine Frau, die ohnedies ein krankes Herz hat, zuviel. Sie klappte einfach zusammen und mußte mit einem schweren Kollaps ins Krankenhaus überführt werden.

Dort lernte ich den ersten Menschen kennen, der mir seit meiner Abreise aus Kolomea etwas Gutes erwies. Es war ein junger, aus dem Sudetenland vertriebener Arzt, der alles tat, um meine Frau Vor dem sicheren Tod zu retten. groteskerweise war es ein ehemaliger HJ-Führer, der sich für meine Frau, von der er natürlich wußte, daß sie Jüdin ist, einsetzte. Er war es auch, der mir verriet, daß die Engländer nur warteten, bis meine Frau wieder transportfähig wäre, um uns dann den Sowjetrussen zu übergeben.

Wieder einmal befanden wir uns in einer wahrhaft verzweifelten Situation. Die Dienstzeit des jungen Arztes, der seine Hand über uns hielt, lief in etwa drei Wochen ab; er stand vor der Entlassung. Es hing also alles davon ab, ob meine Frau bis zu dieser Zeit wieder gehfähig sein würde.

Natürlich bemühte ich mich bei den britischen Stellen, meine Ausweisung, die doch völlig ungerechtfertigt war, zu verhindern. Meist wurde ich überhaupt nicht vorgelassen und wenn, dann zuckten die britischen Offiziere höchstens mit den Achseln und wandten sich um. Weder mein Sohn noch ich durften das Lager verlassen. Vergebens zermarterte ich mir den Kopf. Tag um Tag verrann. Noch eine Woche, und dann würde der HJ-Führer nicht mehr im Spital sein. Es war geradezu grotesk, doch die Rettung einer jüdischen Familie hing nun ausschließlich von einem jungen Nationalsozialisten ab.

Endlich gab es einen Lichtblick: Meine Frau erholte sich von Tag zu Tag mehr. Ich entwarf sofort einen genauen Fluchtplan. Als meine Frau hinreichend hergestellt war und ich alles ausgeklügelt hatte, gab der junge Arzt meiner Frau eine Anweisung, den Zahnarzt aufzusuchen, der seine Praxis außerhalb des Lagers im Städtchen hatte.

Es war keine Stunde zu früh, denn am nächsten Tag hatte der menschenfreundliche Arzt seinen letzten Dienst. Mit meinem Sohn verließ ich das Lager an der rückwärtigen Seite, und wir trafen mit meiner Frau auf dem Bahnhof zusammen, kurz vor der Abfahrt eines in Richtung Frankfurt abgehenden Zuges. Zitternd beobachteten wir die britischen Militärpolizisten, die aber diesmal von uns keine Notiz nahmen. Erst als Siegen schon ziemlich weit hinter uns lag, beruhigten wir uns langsam. Unser ganzes restliches Hab und Gut aber hatten wir im Lager zurücklassen müssen.

Nun erinnerte ich mich der Warnungen der zwei Goldschmuggler, und als der Zug in Frankfurt einlief, stiegen wir blitzschnell aus und liefen zu dem nebenstehenden Zug, von dem mir die beiden erzählt hatten, daß er nach München führe.

Gerade als wir uns keuchend durch die Reisenden drängten sahen wir, wie unsere Gefährten, die langsam aus dem Siegener Zug stiegen, von knüppelschwingenden amerikanischen Militärpolizisten in eine Halle zum Kartoffelschälen getrieben wurden. Ein Wehren dagegen gab es nicht. Es war spät nachts, als wir auf dem halbzerstörten Münchner Hauptbahnhof ankamen. Hier verbrachten wir die erste Nacht und wurden dann in die Siebertstraße 3 verwiesen, wo das jüdische Zentralkomitee, das in der Möhlstraße saß eine Auskunftstelle errichtet hatte. Dort traf ich einen alten Bekannten aus Transnistrien, der mich sofort in das Lager München-Freimann einwies. Wir machten uns also auf und zogen nach Freimann, wo das Lager mit über zweitausend Juden dermaßen überfüllt war, daß man uns vorerst gar nicht aufnehmen konnte. Dort wurde mir jedoch gesagt, daß alte Bekannte aus Czernowitz in der Nähe wohnen würden, und tatsächlich, die Familie nahm uns auf und überließ uns eines ihrer beiden Zimmer, bis wir offiziell im Lager Unterkunft bekamen. Im März 1946 waren wir damit endlich außer jeder Gefahr.

Im Lager gab es, wie in jedem der jüdischen Lager, eine eigene Polizei, eine Lageranwaltschaft und Lagerrichter. Ein gewähltes Lagerkomitee verwaltete alle diese Dienststellen. Über dem Lagerkomitee stand der Direktor der UNRRA (United Nations Relief and Rehabilitation Administration), der praktisch eine unbeschränkte Gewalt ausübte.

Mir wurde sogleich angeboten, meine Arbeitskraft der juristischen Lagerverwaltung zur Verfügung zu stellen, und so wurde ich einer der drei Lagerrichter von Neu-Freimann.

Über Arbeitsmangel brauchte das jüdische Lagergericht nicht zu klagen. Allerdings waren es durchweg leichte Fälle, die an Ort und Stelle erledigt werden konnten. Zu diesem Zweck war im Lager auch ein eigenes Gefängnis in einem Kellerraum vorhanden.

Doch traten auch Fälle auf, die im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten nicht zu bewältigen waren. Vor allem galt jeder Handel im Lager als Schwarzhandel und war daher strengstens verboten.

Besonders in Neu-Freimann ging es in dieser Hinsicht scharf her denn der Direktor der UNRRA, jüdischer Amerikaner aus New York, dessen Vorfahren aus Litauen eingewandert waren, war päpstlicher als der Papst.

Ein ehemaliger Angehöriger des Judenrates entdeckte, daß man ihm aus seiner Schlafmatratze hohe Werte gestohlen hatte. Der erste Verdacht fiel auf einen Bekannten, der auch gleichzeitig ein Freund vorn Herrn Direktor war. Die Sache kam zum Prozeß, und nach neun Tagen machte der Angeklagte, in die Enge getrieben, Andeutungen, daß er einige prominente Leute kompromittieren könnte. Da mehrere Offiziere der amerikanischen Armee als Zeugen vernommen werden mußten, wurde die Öffentlichkeit von der Verhandlung ausgeschlossen. Am Schluß blieb nichts anderes übrig, als den Angeklagten aus Mangel an Beweisen freizusprechen, um nicht einen Skandal größten Ausmaßes herbeizuführen.

Plötzlich kam der Befehl, daß alle ehemaligen Kapos aus den KZ und Judenratsangehörige erfaßt und verhört werden sollten. Durch das Verhör eines solchen kleinen jüdischen Kapos kam man ungewollt auf die Person eines ehemaligen Judenratsvorsitzenden einer großen Stadt in der Ukraine, einen Intellektuellen, der noch dazu mit einer weltbekannten zionistischen Persönlichkeit aus Palästina verwandt war.

Trotzdem nahm unser Lagergericht den Fall auf, wobei es nicht zu umgehen war, auch in andere Judenlager und in das jüdische Zentralkomitee von München hineinzuleuchten.

Mit einemmal entstand eine tragikomische Situation. Ausgerechnet jene Personen, welche vorher diese Untersuchungen angeordnet hatten, versuchten nun mit aller Macht, den Fall zu verdunkeln und zu vertuschen und alles Interesse auf den kleinen Kapo zu lenken.

Ich war mit der Untersuchung beauftragt worden und entschlossen, unter allen Umständen die Angelegenheit weiter zu verfolgen. Da erhielt ich eine freundliche Warnung: Es wäre doch besser, die Sache weniger eifrig zu betreiben, denn sonst könne es mir passieren, wenn ich abends im Dunkeln nach Hause ginge, ein Messer in den Rücken zu bekommen, und es wäre schließlich schade um mich und meine Familie.

Allein ich hatte unterdessen anderes mitmachen müssen, und ich war nicht bereit zu kapitulieren. Da kam eines Tages ein Untersuchungsrichter aus dem jüdischen Lager Landsberg und überbrachte mir den schriftlichen Auftrag der juristischen Abteilung des jüdischen Zentralkomitees München, nach dem ich ihm alle Unterlagen des Falles zu übergeben hatte. Mir wurde sachlich mitgeteilt, daß die ganze Angelegenheit nun von einer anderen Instanz aus bearbeitet würde.

Es zeigte sich auch hier, daß das Volkswort von den kleinen Dieben, die man hängt, und von den großen, die man laufen läßt, sich noch immer bewahrheitete. Allerdings spielten sich die großen hier zu guter Letzt womöglich noch als Richter auf.

Eingedenk des alten rumänischen Sprichwortes: "Bis du zum lieben Gott kommst, fressen dich alle Heiligen auf" gab ich auf.

Die orthodoxen Juden im Lager wollten zu ihren UNRRA-Rationen zusätzlich für jeden Sabbat frisches Fleisch haben. Darum wurde alle acht bis vierzehn Tage ein lebendes Stück Vieh in das Lager eingeschmuggelt, rituell geschlachtet und verkauft.

Dies fand natürlich im Verborgenen statt. Lagerverwaltung und Lagerpolizei drückten ein Auge zu. Alles wäre gut gegangen, aber plötzlich entstand eine Konkurrenz. Andere Juden wollten auch lebendes Vieh einschmuggeln, und so lief eine Anzeige direkt bei dem amerikanischen Direktor ein. Wir vom Lagergericht mußten den Fall behandeln. Erstaunlicherweise kam der Direktor selbst zur Voruntersuchung und wollte von dem Schächter, einem alten polnischen Juden, erfahren, wer ihm denn Beihilfe geleistet habe.

Der alte Jude weigerte sich standhaft, seine Mitarbeiter zu nennen, Worauf ihm der amerikanische Direktor eine schallende Ohrfeige gab. Der Vorfall erregte ziemliches Aufsehen unter uns, denn natürlich war der Direktor genauso Jude wie wir.

Palästina oder Amerika?

Allmählich begann im Lager durchzusickern, daß man sich in eine Liste der Auswanderung nach den USA eintragen könnte. Die zionistischen Kreise, die das Leben in allen jüdischen Lagern vollauf beherrschten, leugneten dies ab und versuchten mit allen Mitteln, die Diskussionen über diesen Punkt zu verhindern.

Nun fanden aber im Lager Diskussionsabende statt, bei denen jeder Insasse einen Brief in den Fragekasten werfen konnte. Diese Fragen wurden auch dann behandelt, wenn sie anonym gestellt wurden.

Eines Abends lautete eine frage im Briefkasten: "Kann man nach den USA auswandern und dabei Zionist bleiben?"

Der hebräische Professor Spiktor antwortete heftig: "Wer in diesen Schicksalsstunden nach den USA auswandert, kann nicht nur kein Zionist sein, er verläßt damit auch sein jüdisches Volk."

An jenem Abend befand ich mich nicht im Antwort-Präsidium. Die entsprechenden Männer wurden immer der Reihe nach eingeteilt. Trotzdem verlangten viele, auch ich möge Stellung nehmen, weil ich als parteilos bekannt war. Da Professor Spiktor so kraß geantwortet hatte, versuchte ich den Fall logisch zu beantworten. Ich sagte, keinesfalls gehe man seiner Zugehörigkeit zum Judentum verlustig, wenn man nach den USA auswandere, wo doch der weitaus größte Teil der Juden heute lebe.

Natürlich stimmten die meisten mir zu, die Zionisten aber blickten mich wütend an. Eine besonders pikante Note erhielt diese Diskussion jedoch erst nachträglich. Es dauerte nämlich keine sechs Monate, dann wanderte Professor Spiktor höchstpersönlich nach den USA aus

Zufällig besuchte zu dieser Zeit gerade der ehemalige Oberrabbiner von Irland, Dr. Isaak Herzog, der seit Juni 1937 Oberrabbiner von Palästina war, die jüdischen Lager in der amerikanischen Zone Deutschlands und weilte damals auch in Neu-Freirnann Der Besuch zeigte uns mit einem kurzen Gespräch, wes Geistes Kind unser Direktor war. Als der Oberrabbiner nämlich beim UNRRA Direktor vorsprach, redete ihn dieser jovial mit Du an.

Dr. Herzog sagte darauf etwas pikiert: "Bei Juden ist es üblich, den Rabbiner mit Sie anzusprechen, nicht mit du."

Darauf lachte der Direktor breit und sagte: "Du hast recht, ich werde Sie zu dir sagen."


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