Nürnberg

Wer trägt Mitschuld

In Nürnberg war unterdessen der große Prozeß angelaufen. Von den verschiedenen jüdischen Lagern, auch von unserem, fuhren die Juden mit Lastwagen der amerikanischen Armee nach Nürnberg, um als Zuhörer an dem Prozeß teilzunehmen. Schließlich verkündeten Zeitungen und Rundfunk am 30. September 1946 das Urteil des Internationalen Militärtribunals von Nürnberg. Von der Masse der Juden wurden die Urteile mit frenetischem Jubel aufgenommen. Man war nur unzufrieden, weil von Papen und Dr. Schacht nicht auch verurteilt worden waren. Noch glaubte man nicht recht, daß die Todesurteile gegen Göring, von Ribbentrop, Frank, Frick, Kaltenbrunner, Rosenberg, Sauckel, Streicher, Seyß-Inquart und gegen die Generale Keitel und Jodl vollzogen würden.

Jedoch am 16. Oktober verfielen die Verurteilten dem Henker. Nur Göring hatte sich, wie schon vorher Ley, durch Selbstmord dem Galgen entzogen.

In mir stritten zwei Gefühle: Die Genugtuung, daß jene, die meine Glaubensbrüder so unbarmherzig verfolgt hatten, zugrunde gegangen waren, war groß, andererseits wieder hatte der Nürnberger Prozeß manche erstaunliche Tatsache ans Tageslicht gebracht, zum Teil weitere angedeutet, die meine innere Unsicherheit verstärkten. Seltsamerweise hatten die vielen Journalisten darüber gar nichts oder nur ganz am Rande geschrieben.

Wie konnte man aber die entsetzliche jüdische Tragödie aufklären, wenn man nicht auch diese Dinge zur Kenntnis nahm und die Verfolgung nicht auch auf jene ausdehnte, die durch ihr Verhalten nicht unwesentlich dazu beigetragen hatten, daß das jüdische Schicksal einen so furchtbaren Gang nahm?

Die amtlichen Protokolle der sogenannten Wannsee-Konferenz Vom 20. Januar 1942 hatten dokumentarisch bestätigt, was wir in Transnistrien und zuvor in Lemberg und Gzernowitz immer wieder Vernommen hatten: Die Deutsche Reichsregierung unternahm in den dreißiger Jahren alle Anstrengungen, um eine Massenauswanderung der Juden in die Wege zu leiten. Sie hatte diese Auswanderung nicht nur genehmigt, sondern teilweise auch unterstützt, Man sah damals die Endlösung der jüdischen Frage für Deutschland in einer geschlossenen jüdischen Emigration. Erst als diese Auswanderung mißlang, der Krieg sich der Katastrophe für Deutschland näherte, wurde dem Massenmord freie Bahn gegeben.

An diesem 20. Januar 1942 traten in Berlin-Wannsee etwa 20 führende Vertreter aller jener deutschen Dienststellen zusammen, die mit der Judenfrage befaßt waren. Den Vorsitz führte der Chef des SS-Sicherheitshauptamtes, Reinhard Heydrich, der berichtete, daß er beauftragt wurde, sich mit der Endlösung der Judenfrage in Europa zu befassen. Er gab eine Übersicht über die bisherigen Bemühungen.

Auf Anordnung Görings sei schon im Januar 1939 eine Reichszentrale für jüdische Auswanderung errichtet worden, welche die Aufgabe hatte, alle Maßnahmen zur Vorbereitung einer verstärkten Auswanderung der Juden zu treffen, den Auswanderungsstrom zu lenken und die Durchführung der Auswanderung im Einzelfall zu beschleunigen. Heydrich zählte die Schwierigkeiten auf, die keinesfalls nur im Deutschen Reich, sondern in ganz Europa entstanden waren.

Trotzdem wanderten bis zum 31. Oktober 1941 537000 Juden aus dem Deutschen Reich aus. Davon ab 30. Januar 1933 aus dem Altreich rund 360000, ab 15. März 1938 aus Österreich rund 147000 und ab 15. März 1939 nochmals rund 30000. Die reichen Juden mußten die Ausreise für ärmere finanzieren, das Weltjudentum überwies durch Schenkungen rund 9 500 000 Dollar für die Kosten dieser Massenauswanderung.

Nun aber hatte Himmler im Hinblick auf die Gefahren einer Auswanderung im Kriege und namentlich auf die Möglichkeiten, welche die freien Räume im Osten, vor allem in Polen, gaben, die weiteren Versuche zur Organisierung der jüdischen Massenauswanderung verboten.

Dr. Grünbaum, der erste Innenminister des Staates Israel, kam etwa ein Jahr nach dem Nürnberger Urteil nach Breslau. Dort soll dieser eigenwillige Jude in einer Rede geäußert haben: "Die Hauptschuldigen der jüdischen Tragödie waren in erster Linie die reichen Amerikaner, die das Schicksal ihrer bedrohten jüdischen Brüder kalt ließ und die viel zu wenig halfen, in zweiter Linie einschließlich der sozialistischen, die mit Gewalt die Einwanderung nach Palästina verhinderten, und erst in dritter Linie die Nazis. "Wenn Dr. Grünbaum das tatsächlich gesagt hat, wie die Gerüchte behaupten, so irrte er nicht. Zuzutrauen wäre ihm der Mut, die Wahrheit ausgesprochen zu haben, wohl. Den reichen amerikanischen Juden waren ihre Dollars lieber gewesen als das Leben ihrer gefährdeten Glaubensgenossen. Die englischen Regierungen wehrten sich bis zur Waffengewalt gegen die jüdische Masseneinwanderung nach Palästina. Die Naziführer schließlich, die anfänglich bereit gewesen waren, die Auswanderung zu gestatten und zu unterstützen, ließen ihre Wut und Verzweiflung über die drohende Entwicklung des Krieges an jenen aus, die am wenigsten dafür konnten: an den Massen der armen Juden.

Die reichen Juden waren bis auf verschwindend geringe Ausnahmen von der grauenhaften Liquidation gar nicht betroffen. Für Geld konnte man sich selbst im Dritten Reich auch das Leben erkaufen. Der Preis hieß eben lediglich: Reichsfluchtsteuer.

Man hatte nun in Nürnberg die Henker verurteilt. Und was war mit den Heuchlern, die den Henkern Zutreiberdienste geleistet und sie teilweise so lange provoziert hatten, bis der Massenmord geschah?

Sie gingen frei aus! Sie schlugen nicht einmal die Augen nieder, als sie jene Naziführer zum Tode verurteilten, wie zum Beispiel Göring oder Ribbentrop, die doch von Anfang an bereit waren, die luden lebend aus dem Chaos zu entlassen. Eine Bereitschaft, die nicht zuletzt an alliierten und zionistischen Widerständen scheiterte.

Der Krieg war nun endgültig vorbei, die Rache hatte ihr Opfer genossen Trotzdem schienen die Sieger nicht froh zu werden. Drohend stiegen am politischen Firmament neue Gefahren herauf: Die Differenzen zwischen dem westlichen Amerika und dem östlichen Rußland gebaren den kalten Krieg.

Für die Juden, vornehmlich für die Zionisten. änderte sich die grundsätzliche Lage groteskerweise auch nach dem Nürnberger Urteil nicht. In der Dreimeilenzone vor dem palästinensischen Strand wurden auch weiterhin jüdische Auswandererschiffe aufgebracht oder abgedrängt, und wenn die Kapitäne nicht sofort gehorchten, wurde scharf geschossen.

Wieder wanderten Juden in Palästina und auf Zypern hinter die Stacheldrähte. Den meisten war das nichts Neues. Sie kamen aus den Stacheldrähten Hitlers und gingen in die Stacheldrähte des britischen Königs.

Doch nicht nur die offiziellen Dinge des Nürnberger Prozesses regten so sehr zum Nachdenken an, sondern auch die anderen Ereignisse, die man zuerst gerüchteweise und dann als historische Wahrheiten erfuhr.

Manchmal dauerte es Jahre, bis über die Vorkommnisse wirklich Klarheit herrschte. Allerdings fand sich kaum jemand, der diese Geschehnisse, über die informiert zu sein für die Abrundung des Gesamtbildes unerläßlich war, damals schon der Weltöffentlichkeit oder gar den Deutschen zur Kenntnis brachte. Selbst als man das in späteren Jahren zögernd nachholte, wurden die Berichte über diese historischen Tatsachen noch verniedlicht und umgefälscht.

Warum? Fürchtet man sich immer noch, der Welt die Wahrheit zu sagen? Hat man Angst, daß man, wenn sie diese Wahrheit erfährt, in der Meinung der Völker zum Mittrragen an der großen Schuld gezwungen würde, die zur Tragödie des jüdischen Volkes führte?

Am 187. Verhandlungstag, am Freitag, dem 26. Juli 1946, führte vor dem Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg in der Vormittagssitzung der Hauptankläger für die Vereinigten Staaten, Justice Robert 1-1. Jackson, unter anderem Folgendes aus: Hier hat sich noch ein anderer Zweck hinter die Judenverfolgungen eingeschlichen, denn die Masseneinziehung ihres Vermögens half der Finanzierung der deutschen Aufrüstung. Obwohl Schachts Plan, Devisen als Lösegeld für die ganze Rasse in Deutschland zu nehmen, nicht angenommen wurde, wurden die Juden in einem solchen Maß beraubt, daß Göring dem Reichsverteidigungsrat mitteilen konnte, daß die durch die Aufrüstung eingetretene kritische Lage der Reichsfinanzen durch die Buße von einer Milliarde Reichsmark, die den Juden auferlegt worden war, und durch Reichsgewinne bei der Arisierung jüdischer Unternehmungen erleichtert worden sei

Erst am Samstag, dem 31. August, in der Vormittagssitzung des 216. Verhandlungstages, wurde der Angeklagte Hjalmar Schacht vom Vorsitzenden aufgerufen und konnte sein Schlußwort vorbringen. In seinen Erklärungen kam Dr. Schacht auch auf die Judenfrage zu sprechen:

...Nun hat Justice Jackson in seiner Schlußrede noch einen Vorwurf gegen mich erhoben, der bisher im ganzen Prozeß überhaupt nicht zur Sprache gekommen ist. Ich soll geplant haben, die Juden aus Deutschland freizugeben gegen Lösegeld in fremder Valuta. Auch dies ist unwahr. Empört über den Judenpogrom vom November 1938 habe ich bei Hitler die Zustimmung zu einem Plan durchgesetzt, der den Juden die Auswanderung erleichtern sollte. Ich wollte aus dem beschlagnahmten jüdischen Vermögen einundeinhalb Milliarden Reichsmark unter die Verwaltung eines internationalen Komitees stellen, und Deutschland sollte die Verpflichtung übernehmen, diesen Betrag in zwanzig Jahresraten an das Komitee auszuzahlen, und zwar in fremder Valuta, also das genaue Gegenteil von dem, was Justice Jackson hier behauptet hat. Ich habe diesen Plan im Dezember 1938 in London mit Lord Berstedt von Samuel and Samuel" mit Lord Winterton und mit dem amerikanischen Vertreter Mr. Rublee besprochen. Sie alle nahmen den Plan sympathisch auf. Da ich aber kurz danach von Hitler aus der Reichsbank entfernt wurde, verfiel die Angelegenheit. Wäre sie durchgeführt worden, so wäre kein einziger deutscher Jude ums Leben gekommen"

Ich zuckte zusammen. Vergebens versuchte ich im Antlitz dieses Dr. Hjalmar Schacht zu lesen, als er seine Rede beendet hatte. Log dieser alte Mann hier, um seinen Kopf zu retten? Seine ganze Haltung widersprach dieser Annahme, und, was noch viel entscheidender war: Schacht nannte Zeugen, einwandfreie, seriöse und zum Großteil jüdische Zeugen.

Verwirrt blickte ich mich im Zuhörerraum des Internationalen Militärtribunals um. Das mußten doch alle gehört haben. Allein die Gesichter um mich herum schienen gelangweilt und fast uninteressiert. Die allgemeine Meinung stand fest, und niemand machte sich die Mühe, hier nachzuforschen, ja, anscheinend wollte niemand diese sensationelle Feststellung Schachts zur Kenntnis nehmen. Mich ließ die Sache nicht ruhen. Ich spürte, hier hatte ich einen Blick hinter die Propagandakulissen tun dürfen, hier hatte ich es nicht mit Zeitungsberichten und politischen Meldungen zu tun, sondern mit einer der erregendsten Tatsachen unserer Zeit.

Grünspan-Affäre und Schacht-Memorandum

Es begann in Paris. Vor dem Gitter, welches den Garten der Villa des deutschen Botschafters in der Rue de Lilie abschließt, stand ein blutjunger Mann. Es war ein unfreundlicher Tag, der 7. November 1938, und der junge Mann schien unschlüssig. Langsam kam ein Herr die Rue de Lilie herabgeschlendert, und der junge Mann fragte ihn hastig, wie man wohl am besten zum deutschen Botschafter kommen könnte. Der Spaziergänger, ein älterer Herr, wies ihn an den Portier und ging weiter. Der junge Mann ahnte nicht, daß er in diesem Augenblick mit dem deutschen Botschafter selbst, dem Grafen Welczek, gesprochen hatte. Der Graf vermutete in dem jungen Mann einen der vielen Bittsteller und wollte sich durch ihn seinen Morgenspaziergarng nicht stören lassen. Das rettete ihm das Leben.

Der Portier leitete den Bittsteller zum Gesandtschaftssekretär. Doch auch dieser hatte sich an dem trüben Novembertag verspätet und darum mußte der Pförtner den jungen Mann zu dem anwesenden Legationssekretär Ernst vom Rath führen. Der fragte ihn ruhig, was er wünsche. Schweigend zog der junge Mann eine Pistole, die er erst eine Stunde zuvor für 250 Francs bei einem Waffenhändler erworben hatte, und feuerte vier Schüsse auf vom Rath ab. Drei davon waren zuviel, denn schon die erste Kugel war tödlich. Es war genau 9:40 Uhr. Kurze Zeit später wurde der Attentäter von der französischen Polizei festgenommen und verhört. Es war Herschel Feivel-Grünspam 28. März 1921 in Hannover geboren, dessen Vater Sendel ursprünglich Grynszpan hieß und mit seiner Frau Ryfka aus Polen als Schneider eingewandert war. In Hannover betrieb Vater Grünspan einen Altwarenhandel. Der junge Herschel, eines von sechs Kindern, besuchte bis 1935 die Volksschule in Hannover, dann die Rabbinerschule in Frankfurt am Main. Fünfzehnjährig verließ er 1936 Deutschland, lebte zuerst in Brüssel und kam dann bei einem Onkel in Paris unter. Doch da seine Papiere nicht in Ordnung waren, wurde ihm die Pariser Aufenthaltserlaubnis entzogen, und die französische Polizei wies ihn sogar am 15. August 1938 aus Frankreich aus. Herschel Grünspan, nun siebzehnjährig, stand vor dem Nichts. Seine Verwandten lehnten eine weitere Unterstützung ab, und der Jugendliche kam vorübergehend in einem kleinen Hotel unter. Er hatte weder Geld noch Arbeit. Aus Deutschland erhielt er beunruhigende Nachrichten über seine Familie. Seine Tat, die von so weitreichender Bedeutung war, mag der grenzen1osen Verzweiflung entsprungen sein, in der sich Herschel Grünspan befand. Er ahnte nicht, daß gerade diese Tat den fanatischen Antisemiten im Dritten Reiche den letzten Vorwand für die Judenverfolgung liefern würde. Kaum wurde der Mord in Deutschland bekannt, bediente sich die offizielle Propaganda des Attentats, und in der Kristallnacht brannten die ersten Synagogen in Deutschland, wurden jüdische Geschäfte zertrümmert, und mit einem Schlag war der siebzehnjährige Herschel Grünspan für die Propagandaexperten Goebbels' zu einem "Werkzeug des Weltjudentums" geworden Angesichts dieser folgenschweren Auswirkung entstand beinahe gleichzeitig der Verdacht, daß Herschel Grünspan ein Agent der Nazis gewesen sei, der es übernommen habe, einen Deutschen zu ermorden, um das Signal für die schon lange vorbereiteten Judenpogrome in Deutschland zu geben. Unwahrscheinlich lang dauerten die Vorbereitungen des Prozesses in Paris gegen den Attentäter. Endlich, im Sommer 1939, stand Herschel Grünspan vor seinen französischen Richtern. Offenbar von der Verteidigung belehrt und bestrebt, sich vor der Todesstrafe zu retten und keine Vorwände für neuerliche Verfolgungen der Juden zu liefern, behauptete Grünspan, er habe mit dem Legationssekretär Ernst vom Rath homosexuelle Beziehungen gehabt, und auf Grund dieses Umstandes sei er mit Rath in Differenzen geraten, in deren Verlauf er ihn erschoß.

Da brach der Krieg aus. Der Prozeß wurde unterbrochen, und als schließlich die Deutschen sich der französischen Hauptstadt näherten, wurde Grünspan nach Orleans, später nach Bourges verbracht und endlich nach dem Zusammenbruch Frankreichs der Gestapo ausgeliefert. Zur allgemeinen Überraschung veranstalteten die Nazis keinen Schauprozeß mit dem Gefangenen, der zuerst im KZ Sachsenhausen untergebracht wurde und dann im Gefängnis Moabit in Berlin. Herschel Grünspan wurde auch nicht liquidiert und verschwand nach Kriegsende, und niemand weiß zu sagen, ob die Gerüchte stimmen, daß er noch am Leben sei, oder ob er als eines der vielen unbekannten Opfer dieser Zeit zugrunde ging.

Die Auswirkungen dieser Kristallnacht" 1938 im Ausland waren für Deutschland verheerend. Die klugen Köpfe, insbesondere der Wirtschaft, wußten das auch. Als daher Anfang Dezember 1938 der Präsident der Deutschen Reichsbank, Dr. Hjalmar Schacht, Von Adolf Hitler zu einem Mittagessen auf den Berghof bei Berchtesgaden eingeladen wurde, nahm sich Schacht vor, Adolf Hitler daraufhin anzusprechen und ihm seine Beobachtungen und Befürchtungen mitzuteilen. Dies war um so leichter möglich, als die angespannte Finanzlage des Deutschen Reiches Gegenstand der Aussprache sein sollte. Dr. Schacht schilderte Hitler eingehend die bedrohliche Finanzsituation und warnte ihn eindringlich.

Hitler entgegnete darauf: Ich habe einen Weg gefunden, der uns finanzieren wird. Die Juden haben für die Ermordung vom Raths eine Milliarde Reichsmark Buße zu zahlen, wie Sie wissen. Darauf kann man ja etwas auszahlen." Schacht begriff augenblicklich, was Hitler wollte. Das mußte unter allen Umständen gerade das herbeiführen, was Schacht bisher mit allen Mitteln verhindert hatte: die Inflation. Er erwiderte daher, daß dies wohl kaum möglich sei, da diese Buße zum Großteil gar nicht mehr in Geld hatte aufgebracht werden können, sondern zum Teil in Sachwerten und Liegenschaften geleistet wurde. Hitler schien den Argumenten nicht zugänglich und bestimmte, daß Schacht und Krosigk Anfang Januar noch einmal zu ihm kommen müßten, um das Ganze zu besprechen. Nun wußte Schacht, daß die Stunde da war. Er sagte: "Auch ich werde ihnen ein Memorandum ausarbeiten, und zwar meinen Vorschlag zur Judenfrage. Zweifellos, mein Führer, war der 9. November mit der Kristallnacht nicht nur eine bodenlose Schweinerei, sondern auch eine grenzenlose Dummheit." Schacht berichtete, daß er durch Beamte der Reichsbank eine genaue Schätzung des beschlagnahmten jüdischen Vermögens habe vornehmen lassen, und dabei sei festgestellt worden, daß dieses sechs Milliarden Reichsmark betrug. Schacht schlug nun Hitler vor, ein internationales Treuhänder-Komitee zur Kontrolle dieses beschlagnahmten jüdischen Vermögens einzusetzen In dieses Komitee sollten Juden aufgenommen werden. Die Aufgabe des Komitees wäre es, das beschlagnahmte jüdische Vermögen innerhalb des Deutschen Reiches zu überwachen und dafür zu sorgen, daß es richtig verwaltet werde und erhalten bliebe. Als Sicherheit für dieses Vermögen, trug Schacht Hitler vor, sollte eine internationale Anleihe in Höhe von einundeinhalb Milliarden Reichsmark, jedoch in Dollarwährung, ausgegeben werden. Diese Anleihe sollte mit etwa 5 Prozent verzinst und im Laufe von rund 20 bis 25 Jahren getilgt werden. Verzinsung und Tilgung müßten von der deutschen Regierung in ausländischer Währung garantiert werden. Die Anleihe müßte dann auf internationalen Märkten zur Emission gebracht und an den internationalen Börsen notiert werden. Gleichzeitig sollte aus diesem Vermögen jeder Jude, der aus Deutschland auszuwandern bereit sei, je nach Bedarf einen Betrag erhalten, der ihm den Aufbau seiner Existenz in einem neuen Lande ermögliche. Dieser Plan Schachts ist einfach genial zu nennen. Es hatte sich schon zu jener Zeit klar erwiesen, daß wiederholt jüdische Auswanderungen, vor allem nach Südamerika, immer wieder an der Argumentation scheiterten, die betroffenen Staaten seien zu arme Länder und könnten sich daher die Einwanderung von mittellosen Menschen nicht leisten, die unter Umständen am Ende den dortigen Behörden zur Last fielen. Wenn das auch in manchen Fällen nur behauptet wurde, um die antisemitische Einstellung dieser Länder zu tarnen, so mag es in anderen Fällen doch den Tatsachen entsprochen haben. Bei Verwirklichung des Schacht-Planes aber hätten die meisten Länder die einwandernden deutschen Juden aufgenommen, denn mit den Juden wäre ja Kapital und damit eine Belebung der einheimischen Wirtschaft ins Land gekommen, was besonders die südamerikanischen Staaten bitter nötig hatten. Dr. Schacht hatte sich diesen Plan sehr sorgfältig überlegt und alles durchkalkuliert, ehe er davon sprach. Er wußte, damit zerhieb er mit einem Schlag den gordischen Knoten der jüdischen Massen- Auswanderung, beziehungsweise ihrer Schwierigkeiten, und durch diese Massenauswanderung allein konnten die Juden vor allfälligen Verfolgungen bewahrt werden. Dabei hatte Schacht diesen Plan raffiniert mit dem Bestreben Hitlers, für seine abenteuerlichen Pläne Kapitalien herbeizuschaffen, in Einklang gebracht. Adolf Hitler stutzte und überlegte einige Zeit, und während Schacht sich innerlich schon darauf einstellte, etwaige Einwände zu entkräften' sagte Adolf Hitler zu seiner grenzenlosen Überraschung:" Die Sache scheint mir gut, dagegen habe ich nichts. Arbeiten Sie das Memorandum aus und bereiten Sie die Dinge vor!"Erfreut antwortete Schacht, daß er sogleich nach London fahren müsse, um sich mit englischen Freunden zu besprechen, deren Unterstützung er für die Realisierung des Planes unbedingt brauche. Auch damit war Hitler einverstanden und ermächtigte Dr. Schacht ausdrücklich, Verhandlungen über die Durchführung des Planes in London aufzunehmen.

Noch im Dezember reiste Schacht nach London und weihte den mit ihm befreundeten Gouverneur der Bank von England, Montagu Norman, in den Plan ein. Norman stimmte den Ideen zu, und als Schacht ihn bat, eine geeignete jüdische Persönlichkeit zu nennen, mit der er darüber ernsthaft verhandeln könnte, schlug dieser Lord Berstedt, den Chef des Hauses Samuel and Samuel, vor. Schacht war augenblicklich einverstanden, und Lord Berstedt wurde zu einer dringenden Konferenz in das Büro des Gouverneurs Norman in die britische Notenbank gebeten. Lord Berstedt hörte die Ausführungen Dr. Schachts an und erklärte dann, daß er der Sache durchaus positiv gegenüberstehe, doch keinesfalls allein entscheiden könne, er müsse seine Glaubensgenossen unterrichten, vor allem mit dem Präsidenten des Zionistischen Weltkongresses, Chaim Weizmann, sprechen. Zu diesem Zweck erbat er sich einige Tage Zeit.

In dieser Pause informierte Dr. Schacht, ebenfalls auf den Rat des Gouverneurs Norman, den Amerikaner Mr. Rublee vom Evian-Komitee. Auch Mr. Rublee war mit dem Plan einverstanden, und alles schien in bester Ordnung, als schließlich beim nächsten Treffen Lord Berstedt Dr. Schacht niedergeschlagen mitteilte, daß Chaim Weizmann sich sehr entschieden gegen den Vorschlag ausgesprochen habe. Lord Berstedt sagte allerdings, selbst wenn Weizmann dagegen sei, sollte man sich doch um diese gute Sache kümmern und sie weiterhin verfolgen.

Dr. Schacht war wie vor den Kopf geschlagen. Resigniert reiste er nach Berlin zurück, denn er hatte mit allem gerechnet, nur nicht mit einer Ablehnung dieses einzig möglichen Rettungsplanes, der infolge der Zustimmung Adolf Hitlers berechtigte Aussicht auf Erfolg hatte. Wegen Differenzen, die später zwischen Hitler und Schacht entstanden, wurde dieser am 22. Januar 1939 aus seinem Amt als Reichsbankpräsident entlassen. Er hatte sich geweigert, weitere Reichsbankmittel für Hitlers Aufrüstungspläne zur Verfügung zu stellen. Damit war eine der größten Chancen zur Rettung des deutschen Judentums vertan, in der Hauptsache weil Chaim Weizmann nicht zustimmten Nürnberg wurden zahlreiche Originaldokumente auch des Auswärtigen Amtes vorgelegt. Unter der Eintragung Berlin, 25. Januar 1939, hörte ich die erstaunliche offizielle Feststellung des Punktes 2 eines dieser Dokumente: "Das letzte Ziel der deutschen Judenpolitik ist die Auswanderung aller im Reichsgebiet lebenden Juden." In Punkt 4 heißt es: "Der ausgewanderte Jude als beste Propaganda für die deutsche Judenpolitik", und weiter unten: "Nachdem in den Jahren 1933-34 über 100000 Juden aus Deutschland legal oder illegal den Weg ins Ausland gefunden hatten, haben inzwischen fast alle Staaten der Welt ihre Grenzen gegen die jüdischen Auswanderer hermetisch verschlossen."

Welch eine furchtbare, welch eine bittere und beschämende Wahrheit! Doch diese Dinge wurden nur ganz am Rande behandelt und nach Möglichkeit unterdrückt. Ich las aber später in diesen Dokumenten noch manche interessante Tatsache: "Die rumänische Regierung hat einen offiziellen Appell an die Reichsregierung unter dem Motto der menschlichen Moral und Gerechtigkeit gerichtet, an einer Judenauswanderungsaktion zur Lösung der Judenfrage mitzuarbeiten. Andererseits hat Polen Ende Oktober vorigen Jahres eine Verordnung erlassen, deren Durchführung die Rückkehr von 60 000 in Deutschland ansässigen Juden polnischer Staatszugehörigkeit nach Polen unmöglich macht. Bekanntlich mußte sich die Reichsregierung daraufhin entschließen, etwa 16000 Juden polnischer Staatszugehörigkeit, denen die Familien folgen werden, kurz vor Inkrafttreten der polnischen Verordnung nach Polen abschieben. Palästina, das der Volksmund bereits schlagwortartig zum Auswanderungsland bestimmt hat, kommt als Ziel der Judenauswanderung schon deswegen nicht in Frage, weil seine Aufnahmefähigkeit für einen Massenzustrom von Juden nicht ausreicht. Unter dem Druck des arabischen Widerstands hat die britische Mandatsregierung die jüdische Einwanderung nach Palästina auf ein Minimum beschränkt. Von deutscher Seite war zunächst die Auswanderung deutscher Juden nach Palästina durch Abschluß eines Abkommens mit der Vertretung des Judentums in Palästina, das den Transfer jüdischen Vermögens im Wege zusätzlicher Exporte ermöglichte, weitgehend gefördert worden (Haavara-Abkommen)." Diesen Tatsachen wollte aber niemand ins Auge blicken.

Weitere Rettungsversuche

Da waren die Geschehnisse in Stockholm. Im September 1940 hatte der Vertreter des jüdischen Weltkongresses in Schweden, Hillel Storch, der selber kein Schwede war, sondern aus dem Baltikum stammte, die Möglichkeit, aus Riga 50 prominente jüdische Persönlichkeiten herauszubekommen. Die schwedische Regierung teilte Hillel Storch ihr Einverständnis mit, diese 50 Juden nach Schweden hereinzulassen Sie stellte lediglich die Bedingung, daß die jüdische Kultusgemeinde in Stockholm die Verantwortung dafür übernehmen müsse, daß diese 50 Juden tatsächlich nach Palästina weiterreisen und nicht in Schweden bleiben wollten. Ausgerechnet am Vorabend des größten religiösen Feiertages des Jahres, dem Versöhnungstag, bekam Hillel Storch die Zusicherung der schwedischen Regierung. Unverzüglich suchte er den Präsidenten der Stockholmer jüdischen Kultusgemeinde, Josefsohn, auf. Josefsohn war bereits in Feiertagskleidung und wollte gerade zur Synagoge gehen. Er lehnte die Bitte Hillel Storchs, den schwedischen Außenminister anzurufen und die Garantie abzugeben, glatt ab, Hillel Storch ließ aber noch nicht nach. Er wußte, was auf dem Spiele stand. Nach den Feiertagen sprach er wieder bei Josefsohn vor, ohne etwas zu erreichen. "Woher weiß ich, ob die wirklich weiterreisen und nicht in Schweden bleiben werden?" sagte Josefsohn kühl. Damit war die Rettungsaktion für die jüdische Intelligenz von Riga gescheitert. Da die Esten, Letten und Litauer besonders antisemitisch waren, kamen von diesen 50 Persönlichkeiten im weiteren Verlaufe des Krieges und der deutschen Maßnahmen nur ganz wenige mit dem Leben davon. Sie waren nicht von Adolf Hitler oder den antisemitischen Balten verlassen worden, sondern von einem namhaften Vertreter ihres eigenen Glaubens. Der Name Kersten wurde schon wiederholt genannt. Man weiß, daß dieser therapeutische Arzt zuerst Leibarzt des Prinzgemahls der holländischen Königin Wilhelmine war, später eine Reihe anderer Persönlichkeiten behandelte und schließlich als Leibarzt bei Heinrich Hirnmler landete. Im Herbst 1950 verlieh die holländische Königin Kersten wegen seiner humanitären Verdienste das Großoffizierskreuz des Ordens von Oranje-Nassau. Gleich nach dem Kriege wurde gesagt, daß dieser Leibarzt Himmlers verschiedentlich bei Rettungsaktionen politischer Gefangener mitgewirkt habe. Sonderbarerweise stellte sich Medizinalrat Kersten erst im August 1959 in Stockholm, wo eine Konferenz des jüdischen Weltkongresses tagte, den jüdischen Kreisen und suchte Kontakt mit ihnen, um seine humanitären Leistungen gewürdigt zu sehen. Nun war die Situation für Kersten nicht sehr leicht. Er hatte sich jahrelang im Hauptquartier Himmlers befunden, und zweifelsohne war er dort nicht ohne Bezahlung tätig gewesen. Bei der Eröffnung der Konferenz des jüdischen Weltkongresses blieb zum erstenmal der schwedische König demonstrativ fern, und die Vertreter des Weltjudentums wurden im Stockholmer Rathaus statt vom König vom schwedischen Ministerpräsidenten begrüßt.

Der Fall Josefsohn
Der Fall Josefsohn. Zum Vergrößern anklicken.

Dies geschah auch wegen Kersten, der bereits so weit vorgedrungen war, daß seine Rettungsaktionen offiziell anerkannt wurden, und einige Monate zuvor bei einem Bankett von französischen Persönlichkeiten und Vertretern des jüdischen Weltkongresses gefeiert worden war, vor allem aber wegen der Ermordung des Vetters des schwedischen Königs, des Grafen Bernadotte, der 1948, als UNO-Vertreter von Jordanien kommend, in Jerusalem erschossen wurde. Weil die offiziellen israelischen Untersuchungen die Täter nicht ausfindig machen konnten, soll sich die Familie des Ermordeten erboten haben, jüdische Detektive und Kriminalbeamte nach Jerusalem zu entsenden, damit sie dort an Ort und Stelle nach den Mördern fahnden könnten. Doch dieses Angebot soll von der israelischen Regierung abschlägig beschieden worden sein. Die Mörder des schwedischen Grafen sind bis heute nicht gefunden. Als daher 1958 in Stockholm zum zehnjährigen Gedenken an den Tod des Grafen Bernadotte ein Denkmal enthüllt wurde, gestattete man der jüdischen Abordnung nicht, dort einen Blumenkranz niederzulegen. Kersten erzählte im August 1959 zehn Tage lang in der Kanzlei des Stockholmer Parlamentes einer Gruppe jüdischer Historiker und Journalisten, unter denen sich Dr. Schoskes, Dr. Markus, Abraham Schwarz befanden, von seinen Erlebnissen bei Heinrich Himmler und von seinen Rettungstaten für die KZler. Seine Sekretärin, Fräulein Rumstedt, unterstützte ihren Chef dabei. Kersten steht mit seinen Berichten zum Teil im Widerspruch zu dem Bericht des Grafen Bernadotte, der gleich nach Kriegsende in Buchform in Schweden erschien und in dem die große Judenrettungsaktion via Schweden geschildert wird. Bernadotte erwähnte in der ersten Ausgabe den Namen Kersten überhaupt nicht. Kersten dagegen bucht diese Rettungsaktion allein auf sein Verdienstkonto. Die Wahrheit scheint allerdings etwas anders auszusehen. Kersten wurde durch Himmler in die Rettungsaktion eingeschaltet. Diese war längst geplant und vorbereitet. Im Jahr 1944 befand sich in Stockholm der Ministerialdirigent des deutschen Auswärtigen Amtes, Dr. Peter Kleist, der dem persönlichen Stab Ribbentrops angehörte. Kleist war mannigfach beschäftigt. Er war dabei, die illegale Überführung der Estlandschweden zu organisieren und über den Agenten Klauß die Friedensfühler der Sowjets zu prüfen. Denn selbst nach 1943, also nach Stalingrad, bot Stalin Hitler noch Frieden an. Der bereits genannte Vertreter des jüdischen Weltkongresses für Schweden, Hillel Storch, suchte nun Dr. Kleist im Sommer 1944 im Stockholmer Strandhotel auf und unterbreitete ihm den Plan zu einer Rettungsaktion für jüdische Inhaftierte. Hillel Storch schlug Dr. Kleist die Auslösung einer Gruppe von sogenannten Südamerika-Juden vor. Es handelte sich um etwa zweitausend Juden, die zum geringen Teil mit echten, in der Hauptsache aber mit gefälschten südamerikanischen Pässen ausgestattet waren. Es lag ganz bei den deutschen Dienststellen, die Gültigkeit dieser Pässe anzuerkennen oder nicht.

Kleist lehnte jede Intervention auf dieser Basis ab, und als Hillel Storch sich darauf berief, daß schon mehrfach deutsche Dienststellen solche Geschäfte gemacht hätten, erwiderte Kleist, daß Hillel Storch wohl allenfalls diese zweitausend Juden freikaufen, aber damit nicht die gesamte jüdische Frage lösen könne. Die jüdische Frage sei eben leider eine politische, die nur mit politischen Mitteln zu lösen sei.

Hillel Storch stellte nun eine Verbindung zwischen dem deutschen Diplomaten Dr. Kleist und dem amerikanischen Diplomaten Ivar Olson her, der als persönlicher Beauftragter des Präsidenten Roosevelt in Angelegenheiten des "War Refugees Committee" in Stockholm weilte. Olson versicherte nach Rückfrage beim Präsidenten Roosevelt, daß der amerikanische Präsident bereit sei, für die Rettung der eineinhalb Millionen Juden, die sich zu dieser Zeit nach Berechnung der Amerikaner noch in deutschem Gewahrsam befinden mußten, politische Konzessionen zu gewähren.

Nun wurde Dr. Kleist hellhörig und flog augenblicklich zum mächtigsten Mann, den er kannte, zu Kaltenbrunner, dem er das Ganze vortrug. Er wußte, daß ein Vortrag bei Ribbentrop in der Sache keinen Sinn haben konnte, da dieser in solch heiklen Dingen zu schwach war. Kaltenbrunner informierte sofort Himmler. Nach vierundzwanzig Stunden teilte Kaltenbrunner Kleist mit, auch Himmler finde die Sache hoch interessant; er habe sofort eine Zählung durchführen lassen, die nach Kaltenbrunners Berichten die Zahl von zweieinhalb Millionen Juden in deutschen Lagern ergab, den Liquidationsstop befohlen und veranlaßt, daß mehr Verpflegung und Medikamente in die Lager kommen sollten. Himmler habe überdies den Plan gefaßt, Dr. Kleist mit den ersten fünfzehnhundert Juden nach Schweden zu senden, um die Amerikaner von dem ernsten Willen der Deutschen zu überzeugen. Gerade als all dies in die Wege geleitet werden sollte, brach unter den höchsten Naziführern eine schwere Intrige aus. Brigadeführer Schellenberg, der starke Mann des Amtes VI, schaltete bei Himmler seinen Vorgesetzten Kaltenbrunner und natürlich Dr. Kleist aus. Kleist erhielt den Befehl, die ganze Sache zu vergessen. Die schwedische Rettungsaktion erfuhr damit eine Verschleppung von Monaten. Nunmehr entsandten Himmler und Schellenberg Kersten nach Stockholm, der am 25. Februar 1945 mit Hillel Storch Kontakt aufnahm. Kersten lud Hillel Storch zu einer grundlegenden Aussprache zu Himmler nach Berlin ein. Hillel Storch war einverstanden, doch da ergaben sich plötzlich unvorhergesehene Schwierigkeiten. Obgleich Hillel Storch als Vertreter des jüdischen Weltkongresses in Schweden wiederholt mit den schwedischen Ministern verhandelte und sogar vom König in Privataudienz empfangen worden war, besaß er nicht die schwedische Staatsbürgerschaft sondern war staatenlos. Der schwedische Außenminister verweigerte ihm aber eine schriftliche Rückreiseerlaubnis.

In seiner Verzweiflung suchte nun Hillel Storch wieder Dr. Kleist auf. Dieser ging offiziell ins schwedische Außenministerium und bat den Gesandten der Rechtsabteilung, Hillel Storch einen befristeten schwedischen Paß zur Verfügung zu stellen. Es wurde ihm ohne jede Begründung abgelehnt.

So mußte an Stelle Hillel Storchs ein anderer Jude fliegen, der die schwedische Staatsbürgerschaft erworben hatte. Es war Masur, ein ehemals deutscher Emigrant. Kersten hatte von Himmler ein Blankoformular für die Einreise seines Begleiters erhalten. Am 21. April 1945 fand auf dem Gut Hartzwalde bei Berlin die Aussprache zwischen Himmler und Masur statt. Am Ende des Gesprächs ließ Himmler Masur einen schriftlichen Befreiungsschein für tausend jüdische Frauen aus Ravensburg ausstellen und verfügte, daß sofort alle Lager an der schweizer oder schwedischen Grenze geöffnet würden. Himmler betonte beim Abschied Masur gegenüber, daß er, Himmler, auch mit amerikanischen Organisationen wegen der jüdischen Auswanderung verhandelt habe, doch vergeblich. Unterdessen war schon die erste Freilassungsaktion, die durch Dr. Kleist auf Initiative Hillel Storchs ins Rollen kam, voll angelaufen. Himmler hatte mehrere tausend skandinavische, französische und jüdische KZler entlassen. Er stellte nur die Bedingung, daß der Transportraum zur Verfügung gestellt würde, und Kersten war nach Stockholm geflogen, um 150 Autobusse zu organisieren. Der schwedische Außenminister Christian Günter hatte Kersten den Rat gegeben, sich mit dem Grafen Bernadotte in Verbindung zu setzen, der Vertreter des Internationalen Roten Kreuzes in Schweden war. Bernadotte akzeptierte den Vorschlag und organisierte 150 Autobusse, doch als es in Deutschland zur Übernahme der Häftlinge kam, wollte Graf Bernadotte nur die Skandinavier und die Franzosen, jedoch nicht die Juden in Empfang nehmen. Kersten gab später an, daß Graf Bernadotte am 10. März 1945 folgenden Brief an Himmler geschrieben hätte: "Sehr geehrter Herr Himmler! Die Juden sind in Schweden ebenso unerwünscht wie in Deutschland. Daher verstehe ich Sie vollkommen in der Judenfrage. Wie mir Medizinalrat Kersten mitteilte, haben Sie ihm fünftausend Juden freigegeben zum Abtransport nach Schweden. Ich bin damit nicht zufrieden, denn ich will keine Juden abtransportieren. Da ich das aber offiziell nicht verweigern kann, so bitte ich Sie, tun Sie es, Herr Himmler." Wie dem auch immer sei: Tatsache ist, daß der Abtransport von Juden nach Schweden selbst 1945 noch auf große Schwierigkeiten stieß. Brigadeführer Schellenberg und Rudolf Brandt, welche die Entlassungsaktion überwachten, weigerten sich nun ihrerseits, Häftlinge ohne die Juden zu entlassen, und meldeten Himmler den Fall. Dieser machte Kersten darauf aufmerksam, daß sein Versprechen voll erfüllt werden müßte: Ohne die Juden keine Befreiung der anderen! Nun erst fügten sich die Schweden und nahmen auch die Juden auf. Bittere Ironie, daß ausgerechnet Heinrich Himmler für Juden eintreten mußte! Bei dieser Gelegenheit soll Himmler übrigens zu Kersten gesagt haben: "Bevor wir mit der Vernichtung der Juden begannen, hatten wir vor, sie mit all ihrem beweglichen Hab und Gut in die Länder ausreisen zu lassen, die sie aufzunehmen bereit waren. Doch kein Land wollte die Juden, die Welt hatte für sie die Türen zugeschlossen." Obgleich man den Angaben des humanitär sicherlich sehr verdienstvollen Medizinalrates Kersten nicht in allen Dingen hundertprozentig Glauben schenken darf, da bei seinen Berichten Geltungsbedürfnis und der Wunsch, sich vom Vorwurf der Kollaboration reinzuwaschen, zweifellos eine gewisse Rolle spielen, können die historischen Voraussetzungen für diese angeblichen oder wirklichen Himmlerworte nicht bestritten werden.

So wurden also zu guter Letzt, obwohl die große Befreiungsaktion Von Hillel Storch, Dr. Kleist, Ivar Olson scheiterte, noch viele Tausende Von Menschen, auch Juden, über Schweden gerettet. In diesen turbulenten Monaten, am 18. Januar 1945, etwa vier Monate vor Kriegsschluß, fragte im schwedischen Parlament ein Abgeordneter die Regierung, warum nicht mehr zur Rettung unglücklicher Menschen, besonders der Juden, unternommen worden wäre.

Im Namen der Regierung des schwedischen Königs gab Minister Meller die Erklärung ab, es sei richtig, daß die schwedische Regierung nicht bereit sei, eine größere Anzahl von Flüchtlingen ins Land zu lassen, obwohl sie in ihren eigenen Ländern als Juden verfolgt würden. Darüber herrschten innerhalb der schwedischen Regierung verschiedene Meinungen. Dann hob Minister Meller seine Stimme und sagte: "Eines aber (muß ich feststellen: Unsere Regierung war nicht weniger großzügig im Aufnehmen von Juden, als es die jüdische Kultusgemeinde von Stockholm war. Die schwedischen Juden haben uns keinen sonderlichen Mut gemacht, jüdische Flüchtlinge hereinzulassen. Dies möge im Parlamentsprotokoll vermerkt werden." Die Haltung des Präsidenten der jüdischen Kultusgemeinde von Stockholm, Josefsohn, war also sehr aufmerksam beobachtet worden. Man hatte sich daran ein für das jüdische Schicksal bedauerliches Beispiel genommen. Doch wenn der Jude den Juden im Stiche läßt, kann man das einer christlichen Regierung auch nicht stärker ankreiden als dem jüdischen Präsidenten.

Um die Juden Ungarns

Und dann die aufregende Geschichte von Budapest. Darüber hatte man besonders durch Rundfunknachrichten schon etwas erfahren. Doch es waren nur Bruchstücke. Die ganze Wahrheit hört sich spannender an als ein Kriminalroman. Die beiden Hauptpersonen dieser Tragödie waren Joel Brand und Dr. Rezsö Kastner. Brand wurde in Berlin am Tage nach dem Reichstagsbrand verhaftet. Da er ungarischer Staatsbürger war, wurde er 1935 aus Deutschland ausgewiesen und ließ sich in Budapest nieder, wo er sich alsbald den Zionisten anschloß. Er war sehr aktiv und versuchte mit anderen, einen jüdischen Untergrund aufzubauen, was auch gelang. Teils mit Hilfe gekaufter ungarischer Beamter, teils mit Duldung von ungarischen Dienststellen glückte es, immer wieder Juden aus dem Land zu schmuggeln.

Im Jahre 1939 beschloß England, die jüdische Einwanderung nach Palästina einzuschränken und nur noch 75 000 Einwanderer ins Land zu lassen. Die Engländer senkten für die nächsten fünf Jahre die Einwanderung auf je 15 000 Personen. Das heißt, sie stellten im Jahr nur 15 000 Einwanderungszertifikate aus. Aufgeteilt auf das Weltjudentum, entfielen auf Ungarn im Monat genau 50 Zertifikate. Diese Zertifikate wirkten wie ein Schutzbrief. Der Jude, der ein Zertifikat hatte, war vor der Deportation sicher, und selbst Leute In Gefängnissen oder Lagern konnten mit dem Zertifikat auswandern. Es zeigte sich immer deutlicher, daß die Deutschen die Juden loswerden wollten. Wie, war ihnen gleichgültig. Eines Tages, am 25. April 1944, wurde Joel Brand in das SS-Hauptquartier von Budapest ins Hotel Majestie gerufen, wo ihn Adolf Eichmann empfing. Er erklärte ihm in dürren Worten, daß er bereit wäre, Brand eine Million Juden zu verkaufen. Eichmann hatte von Berlin, wie er sagte, von höchsten Stellen die Zustimmung für diese Verhandlung erhalten. Er verlangte von Joel Brand für je hundert Juden ein Lastauto. Brand war sprachlos. Als er sich erholt hatte, hielt er Eichmann vor, daß die Alliierten kaum die Lieferung von Kriegsmaterial zulassen würden. Eichmann erwiderte, daß in den Abmachungen festgehalten werden könnte, daß diese Lastautos nie im Westen verwendet würden, sondern daß sie ausschließlich für den Einsatz an der Ostfront bestimmt wären. Eichmann verpflichtete sich auch, sobald Brand von seinen Verhandlungen im Ausland zurückkommen würde, 100 000 Juden freizulassen. Sie würden an die spanische Grenze transportiert werden.

Joel Brand erkannte zu dieser Zeit nicht, daß das "Geschäft" offenbar keine Rolle spielte. Man wollte angesichts der Niederlage die Juden los sein. Wahrscheinlich hofften gewisse Stellen bei der SS sich durch diese Aktion für den Fall der Niederlage ein Alibi zu schaffen. Für die Chancen, die in diesem Angebot lagen, war es jedoch einerlei, aus welchen Beweggründen es gemacht wurde. Im jüdischen Untergrund schlug dieses Angebot wie eine Bombe ein. Nach langen Berichten in die Schweiz und in die Türkei entschloß sich Joel Brand, nach Konstantinopel zu fliegen, um dort mit den jüdischen Weltorganisationen zu verhandeln. Vorher stimmte Eichmann zu, daß ein Transport von 1700 Juden aus Ungarn über Bergen-Belsen in die Schweiz abging. Das geschah auch. So makaber und so verrückt die ganze Sache auch war: Um eine Million Juden zu retten, mußte alles unternommen werden! Am 16. Mai 1944 stellte der Zentralrat der ungarischen Juden eine Bescheinigung aus, die Joel Brand vor den jüdischen Weltorganisationen legitimieren sollte. Die Bescheinigung wurde von Hofrat Samuel Stern als Präsidenten und von Philipp von Freudiger als Mitglied des Zentralrates unterschrieben. In Begleitung eines ungarischen Agenten flog Joel Brand von Budapest nach Wien und von dort mit einem Kurierflugzeug nach Konstantinopel. Er hatte von der SS einen deutschen Reisepaß auf den Namen Eugen Band, Ingenieur aus Erfurt, erhalten. Am Flugplatz von Konstantinopel erlebte Joel Brand seine erste bittere Enttäuschung. Obwohl die zionistischen Organisationen in Konstantinopel von der Ankunft verständigt worden waren, erhielten er und sein Begleiter auf dem Flugplatz kein Visum und keine Landungserlaubnis. Da jedoch die Frau des ungarischen Agenten in Konstantinopel lebte, gelang es, mühsam auf privater Basis den Einlaßstempel zu erhalten. Joel Brand begab sich augenblicklich zu den jüdischen Organisationen und trug ihnen die Sachlage vor. Er verlangte, daß sofort nach Jerusalem telegraphiert würde, damit Chaim Weizmann oder Mosche Schertok von seiner Ankunft verständigt würden. Nichts von alledem geschah. Im Gegenteil, die türkische Polizei interessierte sich für die geheimnisvollen Juden und nur mit Mühe konnte sich Joel Brand vor der Ausweisung retten.

Schließlich wurde ihm mitgeteilt, daß Mosche Schertok kein Einreisevisum in die Türkei bekomme, und am 5. Juni 1944, nachdem bereits vierzehn Tage fruchtlos vergangen waren, zwang die zionistische Zentrale Brand, mit dem Taurus-Expreß nach Aleppo zu fahren. Man hatte ihm mitgeteilt, daß die Engländer unbedingt mit ihm sprechen wollten. Im letzten Moment wurde Joel Brand von Klarmann, dem Vertreter der jüdischen Revisionisten, gewarnt, nach Aleppo zu fahren. Die Revisionisten hatten Nachricht, daß die Engländer Brand nur verhaften wollten. Brand konnte das nicht glauben und reiste ab. Kaum hatte er englisches Gebiet betreten, wurde er festgenommen und in Gegenwart von Mosche Schertok (1) eingehend vernommen. Die Engländer waren sehr freundlich zu ihm, aber sie transportierten ihn über Beirut, Haifa nach Kairo weiter, wo er in eine Zelle des britischen Intelligence Service gesperrt wurde. Joel Brand wurde beinahe wahnsinnig. Er war in furchtbarer Sorge, nicht nur um alle seine Kameraden in Budapest, sondern auch um seine Frau und seine Kinder, die dort zurückgeblieben waren. Brand wurde von den Engländern immer wieder verhört, über den Vorschlag Eichmanns und über die Zustände in Budapest. Er wußte nicht, ob die Engländer es ernst meinten oder mit ihm nur spielten. Im Juli 1944 hörte er dann voll Entsetzen eine längere Reutermeldung, die in allen Zeitungen und im Rundfunk veröffentlicht wurde und in der die ganze Aktion als ein Erpressungsversuch der Deutschen hingestellt wurde: "Nach Prüfung der Vorschläge hat sich herausgestellt, daß sie keine ernste und solide Grundlage haben und daß sie ein Gemisch von Erpressungen und Drohungen darstellen, mit dem Zwecke, bei den Alliierten Verwirrung zu stiften, um eine erfolgreiche Kriegführung zu lähmen." Nun war für Brand alles verloren. Jetzt mußte die SS in Budapest glauben, daß er ein falsches Spiel getrieben habe. Besonders erbitterte es ihn, daß auch die offiziellen zionistischen Organe diese Reutermeldung kommentarlos abdruckten, obgleich sie doch genau wußten, um was es ging. Anscheinend aber war ihnen, genau wie den Engländern, das Schicksal von einer Million Juden gleichgültig Die alliierten Kriegsziele waren auch in diesem Falle allein entscheidend. Kurze Zeit nach diesem Schlag wurde Joel Brand in den Garten des britisch-ägyptischen Klubs in Kairo gebracht und bewirtet. Ein höherer englischer Beamter unterhielt sich eingehend mit ihm über seinen Fall und fragte ihn, ob er denn wirklich glaube, daß Eichmann die Million Juden freiließe. Als Joel Brand dies ernsthaft bejahte, blickte der Engländer ihn groß an. "Wie stellen Sie sich das bloß vor, Mr. Brand? Was soll ich mit dieser Million Juden tun? Wohin soll ich sie bringen, wer wird die Leute nehmen?"

Joel Brand erhob sich und brach das Gespräch ab. Der begleitende britische Offizier machte ihm nachher Vorwürfe und teilte ihm mit, daß der Gesprächspartner kein anderer als Lord Moyne, stellvertretender Staatsminister im Nahen Osten, gewesen sei. Brand erfuhr nie, wer der Engländer wirklich gewesen war. Doch er berichtete anderen Juden über das Gespräch. und einige Monate danach wurde Lord Moyne auf offener Straße in Kairo von zwei jungen jüdischen Terroristen erschossen. Sie wurden dafür gehenkt.

Endlich nach Monaten erklärten die Engländer, daß sie an Brand nicht mehr interessiert wären, brachten ihn nach Palästina und übergaben ihn der Sochnuth, der zentralen zionistischen Organisation.

Doch auch hier erhielt Joel Brand keine Hilfe. Er lief gehetzt immer nur im Kreise. Er war zum Michael Kohlhaas der ungarischen Juden geworden, denen ernsthaft niemand helfen wollte. Als das Schweizer Konsulat bereit war, ihm ein Visum zu geben, aber zwei Bürgen der Zionisten forderte, lehnte die Sochnuth ab. Da erkannte Joel Brand, daß er endgültig gescheitert war. Zuerst an den Briten und dann an den Zionisten. In Budapest war unterdessen die Hölle los. Das jüdische Komitee, Waad genannt, verhandelte mit der SS weiter. Es erreichte, daß wieder sechs Züge mit etwa 18 000 Juden aus der ungarischen Provinz nach Österreich verfrachtet wurden. Sie überlebten in Sonderlagern vor allem in Straßhof, den Krieg. Mitten in die Verhandlungen hinein, an Brands Stelle in Budapest war Dr. Kastner getreten, platzte am 19. Juli 1944 wie eine Bombe die Reutermeldung über die Mission Joel Brands. Da wurde in Budapest glücklicherweise bekannt, daß Joel Brand von den Engländern festgenommen worden war. Noch einmal versuchten die Budapester Juden, Verhandlungen mit dem Weltjudentum in Lissabon und dann in der Schweiz zu führen. Beide Versuche scheiterten. Das Chaos brach herein. Es wurde bekannt, daß mit der Verschlechterung der allgemeinen Lage an der Ostfront die ungarische Szälasi-Regierung eine Totalvernichtung der Budapester Juden plante. Besonders Innenminister Kovarcz bestand auf der Liquidierung sämtlicher Juden im Getto. Obwohl sich Ferenz Szälasi dagegen aussprach, war die Stimmung gegen die Juden tödlich. Die Waad erkannte, daß die einzige Rettung für die Budapester Juden nur noch bei den Deutschen liegen könnte. Um jüdischerseits eine Geste des guten Willens zu machen, trachtete die Waad, irgendwelche Lastkraftwagen aufzutreiben. Der Industrielle Alois Steger aus Preßburg, der schon oft den Budapester Juden geholfen hatte, sprang ein und trieb 30 Lastwagen auf. Nun appellierten die Juden an die SS, die ihrerseits schon längst wußte, daß die Pfeilkreuzler die Abschlachtung der Juden beschlossen hatten. Verzweifelt führte Andreas Biß als Vertreter der Waad die Verhandlungen mit den einzelnen SS-Führern. Schließlich zeitigten diese Bemühungen den Erfolg: Der General der Polizei, Winkelmann, der in Budapest als höherer SS- und Polizeiführer saß, wandte sich an Himmler persönlich und befahl dann den ungarischen Innenminister Rovarcz zu sich. Er teilte Kovarcz mit, daß die 84 000 Juden des Budapester Gettos unter deutschem Schutz stünden, und verbot im Reichsinteresse ausdrücklich die Vernichtung des Gettos.

Die ungarischen Pfeilkreuzler wagten nun nicht, sich gegen den strikten Befehl der höchsten deutschen Autoritäten zu stellen und ließen ihre Hand vom Budapester Getto. Diese 84 000 Budapester Juden wurden durch die ausdauernde und tapferen Bemühungen ihrer örtlichen Waad-Funktionäre und durch die deutsche SS gerettet. Sie blieben am Leben. Nicht am Leben blieb Dr. Rezsö Kastner, der auch nach der Befreiung in Israel nicht müde wurde, seine Stimme zu erheben und den wahren Ablauf der Geschehnisse in Budapest und der ganzen Affäre Adolf Eichmann- Joel Brand zu schildern. Er wurde von Zionisten am 3. März1952 in Jerusalem auf offener Straße erschossen. Man konnte damit wohl einen Menschenmund auf immer verstummen lassen, nicht aber die Wahrheit. Nur eine Tatsache schmälert das Verdienst Joel Brands und seiner Mitarbeiter: daß er, bereits gewarnt, noch immer der Mapai, der zionistischen Sozialdemokratie, blindlings vertraute. Und das, obgleich die Rettungsaktion für die ungarischen Juden ohne irgendwelche Parteiunterschiede durchgeführt werden sollte. Die Mapai hatte selbst in dieser heiklen Angelegenheit nur ihre eigenen Parteiinteressen im Auge. Nachdem Jod Brand schon von dem kleinen Funktionär der Revisionisten Klarmann gewarnt worden war, hätte er erkennen müssen, über welch weltweite Verbindungen die Revisionisten verfügten. Ohne politisch mit den Revisionisten übereinzukommen, hätte er damals alle Rettungschancen nutzen müssen; parteipolitische Erwägungen durften doch zumindest hier keine Rolle spielen. Hätte Joel Brand das berücksichtigt, dann wäre seiner Mission höchstwahrscheinlich Erfolg beschieden gewesen. In jenen Tagen erfuhren wir von diesen Ereignissen nur Bruchstücke. Erst allmählich kam die ganze Wahrheit ans Tageslicht. Doch auch das wenige, das schon damals bekannt wurde, genügte, uni gegen die offizielle Propaganda mißtrauisch zu werden.


Zurück zum Inhaltsverzeichnis
Zum nächsten Kapitel
Zum vorhergehenden Kapitel
Back to Archive