Die deutschen Maßnahmen

Die Wehrmacht-Untersuchungsstelle im Oberkommando der Wehrmacht

Die Wehrmacht begann den Zweiten Weltkrieg in dem Glauben, daß es zu keinen großen Völkerrechtsverletzungen kommen werde. Aber schon die Ausschreitungen der Polen gegen die volksdeutsche Minderheit und gegen verwundete deutsche Soldaten[111] in den ersten Kriegstagen veranlaßten die Wehrmachtführung zur Gründung einer offiziellen Untersuchungsinstanz. Sie wurde von der Operationsabteilung im Wehrmachtführungsstab angeregt und von Hitler als Oberbefehlshaber der Wehrmacht gebilligt. Die entsprechende Verfügung vom 4.9.1939, die Generaloberst Keitel als Chef des OKW unterschrieb, lautete: "Beim Oberkommando der Wehrmacht (Wehrmachtrechtsabteilung) ist eine 'Wehrmacht-Untersuchungsstelle für Verletzungen des Völkerrechts' gebildet worden mit der Aufgabe, die von den gegnerischen Militär- und Zivilpersonen gegen deutsche Wehrmachtangehörige begangenen Verstöße gegen das Völkerrecht festzustellen und zugleich die vom Auslande gegen die deutsche Wehrmacht in dieser Hinsicht erhobenen Anschuldigungen aufzuklären. Die Wehrmachtgerichte werden ersucht, dem Ersuchen der genannten Stelle um Beweiserhebungen, insbesondere um Vernehmung von Zeugen und Sachverständigen sowie um deren Verteidigung zu entsprechen." Vom Reichsjustizministerium wurden die Amtsgerichte am 10.10.1939 zur Mitwirkung verpflichtet.

Die Arbeit der Wehrmacht-Untersuchungsstelle (WUS0 mußte vor allem glaubwürdig sein. Vorwürfe ohne Beweise schadeten der Sache. Deshalb wurde jeder Fall sorgfältig dokumentiert. Diese Arbeit übernahmen erfahrene Richter, die sich im Zivilleben mit Strafrechtsfragen beschäftigt oder bereits im Ersten Weltkrieg mit entsprechenden Untersuchungen zu tun hatten. Sie kümmerten sich um die Beweismittelsicherung und die Dokumentation der Fälle mittels Zeugenaussagen, kriegsgerichtlichen Untersuchungsergebnissen, medizinischen Befunden, Fotos der Pathologen und anderen Unterlagen. Der Divisionsrichter des Kriegsheeres leisteten Amtshilfe. Besonders wirkungsvolle Arbeitsergebnisse wurden über den Wehrmachtführungsstab im OKW dem Auswärtigem Amt zur Formulierung von Protestnoten gegen die Völkerrechtsverletzungen zugeleitet. Dort unterhielt die Rechtsabteilung des Unterstaatssekretärs Dr. Gaus den Verkehr mit den Schutzmächten des Deutschen Reiches. Die Schutzmachtaufgaben gegenüber der UdSSR hatte Bulgarien übernommen.

Am 2.8.1940 wurde die Zuständigkeit der Wehrmacht-Untersuchungsstelle auf die Untersuchung von "schweren Roheitsakten, insbesondere Tötung, Mißhandlung und Beraubung, sowie der Brandstiftung und anderer Kriegsverbrechen" der englischen und französischen Truppen gegenüber der französischen und belgischen Zivilbevölkerung" erweitert. Es sollten beweiskräftige Unterlagen für die Friedensverhandlungen und Schadensersatzansprüche seitens der Bevölkerung der besetzten Gebiete an die Alliierten erstellt werden. Am 7.5.1942 bat das Amt Ausland/Abwehr im OKW die Wehrmacht-Untersuchungsstelle, auch Verstöße gegen Soldaten der verbündeten Staaten zu sammeln.

Als die alliierte Presse wie im Ersten Weltkrieg begann, angebliche Greueltaten der Wehrmacht zu publizieren, wurde die Arbeit der Wehrmacht-Untersuchungsstelle um eine weitere Aufgabe erweitert. Die von der anderen Seite vorgebrachten Fälle sollten untersucht werden, um zu sehen, wie weit die Vorwürfe stimmten. Mit dem Material wollte man, wenn möglich, die Verleumdungen widerlegen. Spätestens bei den Friedensverhandlungen sollten die deutschen Gesprächspartner die alliierten Anschuldigungen anhand der Unterlagen ausräumen oder mit Dokumentationen über die von den deutschen "Gegnern zu Lande, zur See und in der Luft begangenen Verstöße gegen das Völkerrecht und gegen die Menschlichkeit" aufrechnen. [112]

Alle Dienststellen der Wehrmacht waren zur Zusammenarbeit mit der Wehrmacht-Untersuchungsstelle verpflichtet. Das Amt Ausland/Abwehr übersandte einschlägige nachrichtendienstliche Erkenntnisse. Die Heeresgruppen leiteten dem Wehrmachtführungsstab die Ergebnisse von Untersuchungen zu, die in ihrem Befehlsbereich von Feldgerichten und medizinischen Dienststellen in eigener Regie gemacht wurden. Auch auf dem Ic-Weg gelangte die Wehrmacht-Untersuchungsstelle zu Informationen. Der Chef der Amtsgruppe Heeresrechtswesen im OKH, General der Artillerie Eugen Müller, forderte die Ic der Divisionen auf, Verwundeten- und Gefangenmißhandlungen auf dem schnellsten Wege zu melden.

Nach dem Beginn des Rußlandfeldzuges wurde unter Leitung von Prof. Dr. Gerhard Buhtz, des Gerichtsmediziners an der Universität Breslau, das "Sonderkommando des OKW zur Aufdeckung bolschewistischer Greueltaten und völkerrechtswidriger Handlungen" aufgestellt. Den ersten Bericht lieferte es am 4.12.1941 über Völkerrechtsverletzungen im Bereich der Heeresgruppe Nord. Bei den Heeresgruppen Mitte und Süd übernahm der Sanitätsinspekteur im OKH die Aufträge für gerichtsmedizinische Gutachten über Opfer von Kriegsverbrechen. Am 27.8.1941 beauftragte er mehrere Gerichtsmediziner, "völkerrechtswidrige Verletzungen und Handlungen der Bolschewisten aufzuklären".[113]

Das Auswärtige Amt unterhielt Verbindungsoffiziere zu den Armeeoberkommandos an der Ostfront, die sich um Abschriften von eidlichen Zeugenvernehmungen und von Beutepapieren für die Zentrale bemühten. Das Auswärtige Amt trug auch die Kosten des "Russisch-deutschen Ausschusses zur Feststellung sowjet-russischer Greueltaten an deutschen und russischen Soldaten", der im April 1942 durch den Botschafter Otto von Hentig beim Armeeoberkommando 11 zusammengestellt wurde, um die Menschenrechtsverletzungen der Roten Armee an eigenen Soldaten festzuhalten. Die wichtigste Quelle waren die den Sowjets wieder entkommenen deutschen Wehrmachtsangehörigen. In den eidlichen Vernehmungen berichteten sie über die Greuel, deren Zeugen sie gewesen waren.

Um die gewonnenen Unterlagen völkerrechtlich und forensisch hieb- und stichfest zu machen, wurde auf die formale Tatsachenfeststellung großer Wert gelegt. Alle Zeugenvernehmungen wurden protokolliert. Die Protokolle wurden nicht nur von den Vernommenen, sondern auch vom vernehmenden Richter und vom Protokollführer unterschrieben. Die Zeugen wurden vereidigt. Die Vereidigung unterblieb nur, wenn vom Hörensagen berichtet wurde. Um den Sachverhalt abzusichern, wurden, wenn möglich, mehrere Zeugen zu ein und demselben Fall vernommen. Über das Massaker an 150 bis 200 deutschen Kriegsgefangenen in Broniki (Ukraine) machten z. B. insgesamt 12 Zeugen vor vier verschiedenen Richtern ihre Aussagen. Wo immer möglich, bestätigten die vernehmenden Richter durch Augenscheinnahme am Ort des Geschehens die Sachverhalte.

Bei den Tatsachenfeststellungen vor Ort waren die medizinischen Untersuchungsergebnisse am wichtigsten. Alle Verstümmelungen mußten von Fachleuten bestätigt werden, nicht von Sanitätsdienstgraden. Die beauftragten Stabsärzte hatten festzustellen, ob Gefechtsverletzungen oder Folter zum Tod geführt hatten, ob die Verstümmelungen durch Gefechtswaffen oder durch andere Mittel, z.B. stumpfe Gegenstände wie Stiefel, Steine oder Gewehrkolben, hervorgerufen worden waren und ob diese Mittel an Lebenden oder Toten eingesetzt worden waren. Nahkampfverletzungen waren oft schwer von Verstümmelungen zu unterscheiden, die erst nach dem Tod zugefügt worden waren, zum Beispiel Bajonettstiche und Nahschüsse auf Leichen. Zu unterscheiden waren in allen Fällen Nahkampfverletzungen, Verwundetentötungen und Racheakte an Toten. Beim Verdacht, daß die Augen ausgestochen worden seien, mußte auch die Möglichkeit in Betracht gezogen werden, daß es sich um Verletzungen durch Vögel oder Ratten handelte. Für die Annahme, daß die Verstümmelungen bereits vor dem Tode beigebracht worden waren, sprach eine starke Blutung aus den Augenhöhlen. Glatt ausgeschnittene Ränder deuteten im allgemeinen auf Schnitte hin, weil bei Schüssen mehr oder weniger zerrissene Wunden entstehen. Wenn die Gesichtspartien um die Augen herum heil waren, handelte es sich fast immer um eine absichtliche Blendung. In schwierigen Fällen konnten nur ausgebildete Pathologen Irrtümer und Fehlschlüsse vermeiden. Wenn keine Fachärzte vorhanden waren, um die Toten an Ort und Stelle zu untersuchen, wurden die Fotos der Verstümmelten vom Beratenden Gerichtsmediziner beim Heeressanitätsinspekteur auf ihre Stichhaltigkeit geprüft.

Am 12.6.1942 gab die Heeressanitätsinspektion "Hinweise für Befundbeschreibungen" heraus. Sie enthielten Belehrungen für die Sanitätsoffiziere, die Mordsachen zu untersuchen hatten. Insbesondere wurden die vielfältigen Formen de Schädelzertrümmerung dargelegt. Es sollten Fehldeutungen vermieden werden, die gegebenenfalls von Sachverständigen der alliierten Seite aufgedeckt werden könnten. Die Truppenärzte wurden angehalten, Schlußfolgerungen über das Tötungswerkzeug erst nach einer sorgfältigen Befundbeschreibung zu ziehen.

Die Untersuchungsergebnisse der Wehrmacht-Untersuchungsstelle umfaßten bis zum Kriegsende 226 Aktenbände. Sie enthielten rund 8000 dokumentierte Fälle. Nach dem Krieg wurden die Unterlagen in die USA überführt und kamen mit großen Lücken 1968 wieder nach Deutschland zurück.[114]

Die deutsche Gegenpropaganda

Für die deutschen Reaktionen auf die Greuelpropaganda der Alliierten stützten sich sowohl das Auswärtige Amt wie das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda auf die Untersuchungsergebnisse der Wehrmacht-Untersuchungsstelle. Den deutschen Noten an die Schutzmächte des Reiches gegenüber den Alliierten lagen stets wissenschaftlich belegte Einzelfälle zugrunde.

Zur weltweiten Verbreitung publizierte das Auswärtige Amt 1941 und 1942 jeweils ein Weißbuch über die sowjetischen Kriegsverbrechen an der Ostfront. Für 1943 war ein dritter Band in Vorbereitung. Damit sollten die Westalliierten über die Untaten ihres Bündnispartners und die neutralen Länder über die Gefahren des Bolschewismus aufgeklärt werden. Die Bücher trugen den Titel "Bolschewistische Verbrechen gegen Kriegsrecht und Menschlichkeit". Alle Bände enthielten entsetzliche Beispiele von Gefangenen- und Verwundetenmorden, deren Wahrheitsgehalt wegen der genauen Zeit-, Orts- und Zeugenangaben nicht bezweifelt werden konnte. Emotionale Appelle und polemische Bemerkungen ergänzten die Sachverhalte. In der Einführung des ersten Bandes, der sich überwiegend mit den sowjetischen Greueltaten an der Zivilbevölkerung mit Beispielen von den Massakern in Lemberg beschäftigte, findet sich folgender Absatz: "Zu vielen Tausenden wurden hier Angehörige des ukrainischen Volkstums in die Gefängnisse geworfen, allen nur erdenkbaren Mißhandlungen und Folterungen ausgesetzt und schließlich unter furchtbaren Martern abgeschlachtet. Weder vor Frauen und Kindern, noch vor Priestern machten die bolschewistischen Mörder halt. Neben den Leichenbergen, die man nach der Befreiung Lembergs in den Kellern der Gefängnisse fand, wurden mehr als 30 Kinderleichen festgestellt, die teils mit Haken im Munde an der Decke aufgehängt, teils an den Wänden gekreuzigt waren."[115]

Im zweiten Band hatte das Schicksal deutscher Soldaten in sowjetischer Gewalt Vorrang:. "An Händen gefesselt, werden ihnen die Augen ausgestochen, Zunge, Nase, Ohren und Genitalien abgeschnitten, die Körper mit Bajonettstichen zerfleischt. Die Schmerzensschreie der Gefolterten und der verzerrte Gesichtsausdruck der grauenhaft verstümmelten Leichen lassen auf qualvolle Martern schließen, mit denen entmenschte Bestien ihren Blutrausch an den unglücklichen Opfern ausgelassen haben."[116]

In der Truppe wurde der Wahrheitsgehalt der deutschen Greuelmeldungen nicht bezweifelt. Wer der nationalsozialistischen Propaganda mißtraute, fand die Bestätigung in den Erzählungen der Kameraden von der Ostfront. Dort rührte der Widerstand auch in aussichtslos scheinenden militärischen Situationen daher, daß jeder Soldat der Gefangennahme entgehen wollte. Er mußte davon ausgehen, beraubt, gequält, erschossen oder zur Zwangsarbeit nach Sibirien verschleppt zu werden. Das deutsche Propagandaschlagwort "Sieg oder Sibirien" erschien glaubhaft. In den letzten Kriegsmonaten übernahm die deutsche Propaganda den Landserslogan "Freut Euch des Krieges, der Frieden wird fürchterlich sein", um die letzten Reste von Widerstandswillen angesichts der drohenden Niederlage aufzuwecken. Am Vernichtungswillen der Gegner zweifelte kaum jemand, auch wenn die Sehnsucht nach dem Ende des Krieges von Tag zu Tag wuchs.

Die Wehrmachtpropaganda arbeitete Hand in Hand mit dem Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda, war aber organisatorisch selbständig. Das OKW war allein verantwortlich für "die Aufrechterhaltung der seelischen Kampfbereitschaft und des Siegeswillens in der eigenen Wehrmacht" und für "die aktive Propaganda im Kampfgebiet", d.h. für die Beeinflussung der gegnerischen Zivilbevölkerung und der feindlichen Streitkräfte. Propagandakompanien übernahmen die Aufgabe, den feindlichen Widerstandswillen zu brechen. Das Propagandamaterial erhielten sie vom Goebbels-Ministerium, von der Abteilung Wehrmachtpropaganda im OKW, von den Abwehroffizieren der Armeen und vom Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete.[117] Am Ende des Krieges machte die "SS-Standarte Kurt Eggers" den Propagandatruppen der Wehrmacht mit großem Erfolg Konkurrenz.

Zu den schweren Mißgriffen der deutschen Propaganda an der Ostfront gehörte die Legende vom "sowjetischen Untermenschen". Nach dem Kriegswinter 1941/42 war sie zumindest in der Wehrmacht unglaubwürdig. Ihre negativen Auswirkungen zeigten sich noch lange in der falschen Behandlung der russischen Bevölkerung durch die deutsche Zivilverwaltung in den besetzten Gebieten.[118]

Die größten "Trümpfe" spielte die alliierte Politik der deutschen Propaganda in die Hand. Die Bombardierung der deutschen Städte, die Forderung nach der bedingungslosen Kapitulation und der Morgenthau-Plan projizierten die Pläne, die die Alliierten für die Zeit nach dem Kriege mit dem deutschen Volk hatten. Das Einvernehmen der Westmächte mit der Sowjetunion, an deren Untaten die Reichsregierung niemanden zweifeln ließ, kriminalisierten beide Partner. Die Ereignisse beim Vorrücken der Roten Armee auf deutschen Boden machten propagandistische Manipulationen überflüssig. Die Grausamkeiten waren offenkundig.

Angesichts der persönlichen Erfahrungen der Menschen an der Front oder in den Bombennächten gelang der alliierten Propaganda kein Einbruch in die Kriegsmoral der Deutschen. Die Angst vor Rache und Vergeltung einte das deutsche Volk bis zur Kapitulation. Es gab keine Einheiten, die geschlossen zum Feind überliefen, wie das auf sowjetischer Seite auch noch nach Stalingrad öfters der Fall war."[119]

Im Unterschied zur sowjetischen Propaganda waren in der Wehrmachtpropaganda weder Rechtfertigungen für eigene Übertretungen des Völkerrechts zu finden, noch irgendwelche Aufrufe zur Mißachtung des Völkerrechts. Mord- und Totschlagsaufforderungen in der Art Ehrenburgs gab es nicht. Im Dienst des deutschen Volkes wurde die Wehrmachtpropaganda eingesetzt zur "Erhaltung der Opferfreudigkeit und der geschlossenen Wehrwilligkeit des eigenen Volkes", zur "Aufklärung. über die das Leben des eigenen Volkes beeinflussenden Maßnahmen", zur "Überwindung von Unruhe und Erregung im Volk, die durch feindliche Einwirkung auf das Heimatgebiet hervorgerufen wurde" und zur "Tarnung" Verschleierung und Irreführung eigener militärischer Absichten dem Ausland gegenüber".[120]

Die Widerlegung der sowjetischen Greuelpropaganda war während des gesamten Rußlandfeldzuges eines der wichtigsten Themen der deutschen Propagandastaffeln. Die Truppe konnte nicht mit Überläufern rechnen, wenn in der Roten Armee der Glaube vorherrschte, jeder Soldat werde auf der deutschen Seite getötet. Der sowjetische Widerstand gegen die deutschen Angriffe mußte sich versteifen, wenn glaubhaft war, daß die Deutschen keine Gefangenen machten. Das Massensterben in den deutschen Gefangenenlagern im Herbst 1941 wurde von der sowjetischen Propaganda weidlich ausgenutzt und war nicht zu widerlegen. Aber die Übertreibungen bei der Schilderung der deutschen Bestialitäten nützten der deutschen Sache mehr als der sowjetischen. Die Note des Volkskommissars für Auswärtige Angelegenheiten, W. M. Molotow, vom 25.11.1941 enthielt folgende A, Passagen: "Sowjetische Rotarmisten werden mit glühenden Eisen gefoltert, ihnen werden die Augen ausgestochen, Beine, Arme, Ohren und Nasen abgehackt, die Bäuche aufgeschlitzt, sie werden an Panzerwagen gebunden und in Stücke gerissen ..." Solche maßlosen Übertreibungen entwickelten sich zu formelhaften Stereotypen in der sowjetischen Propaganda der folgenden Zeit.[121] In der Welt der Diplomatie waren sie zwar nicht glaubhaft, aber bei den einfachen Soldaten der Roten Armee schürten sie die Angst, sich zu ergeben. Mit der Gefangennahme schienen sie zumindest zwei Risiken einzugehen: Zur Gefahr, von den Deutschen mißhandelt zu werden, trat die Furcht, in der Sowjetunion als Landesverräter und Feigling zu gelten, was für die Familie eine existenzielle Bedrohung bedeutete.

Die deutsche Gegenpropaganda mußte mehrere Widerstände bei den überlaufwilligen und zur Gefangennahme bereiten Rotarmisten überwinden. Zum einen mußten die Befürchtungen, auf der deutschen Seite umgebracht zu werden, zerstreut werden. Das geschah durch Berichte von Kriegsgefangenen, die in Flugzetteln und über Lautsprecher ihren früheren Kameraden klarzumachen suchten, daß sie menschlich behandelt würden. Lautsprecherdurchsagen von sogenannten Hilfswilligen bei den deutschen Streitkräften oder von Angehörigen der Ostlegionen, die in Wehrmachtuniform auf deutscher Seite kämpften, erwiesen sich als besonders wirksam. Die Bedenken vor der Rache des stalinistischen Systems an Überläufern und Kriegsgefangenen wurden zerstreut, indem die deutsche Wehrmachtpropaganda in Übereinstimmung mit den Verlautbarungen des Goebbels-Ministeriums auf den nahen Zusammenbruch des Stalinstaates hinwies, der, wenn nicht durch die deutschen Siege, dann von der inneren Opposition im Lande bewirkt werden würde. Erstaunlicherweise ließ sich der Glaube an den deutschen Sieg noch in den Zeiten der Niederlagen verkaufen. Selbst nach dem Zusammenbruch der Heeresgruppe Mitte wurden allein im Oktober 1944 an der Ostfront 2.300 Überläufer und 24.000 Gefangene eingebracht.[122]

Mangels Unterlagen war die alliierte Propaganda bis zum Schluß nicht in der Lage, den Deutschen Völkerrechtsverletzungen in dem Maße vorzuwerfen, wie das die deutsche Seite tun konnte. In voller Kenntnis der Greueltaten ihres sowjetrussischen Partners setzten die Westalliierten den Kampf auf der Seite Stalins bis zur bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht fort.


Anmerkungen

  1. Vgl. Dokumente polnischer Grausamkeit, hrsg. von der Deutschen Informationsstelle im Auftrag des Auswärtigen Amtes, Berlin 1940
  2. Vgl. Bundesarchiv/Militärarchiv RW2/v. 34, S. 2
  3. Vgl. Bundesarchiv/Militärarchiv H20/293, S. 147
  4. Vgl. Alfred M. de Zayas (wie Anm. 69)
  5. Bolschewistische Verbrechen gegen Kriegsrecht und Menschlichkeit. Dokumente, zusammengestellt vom Auswärtigen Amt, Berlin 1941, S. 3
  6. Vgl. Bolschewistische Verbrechen gegen Kriegsrecht und Menschlichkeit (wie Anm. 115), S. IV
  7. Vgl. Ortwin Buchbender: Das tönende Erz. Deutsche Propaganda gegen die Rote Armee im Zweiten Weltkrieg, Stuttgart 1978, S. 18 ff.
  8. Vgl. Alexander Dallin: Deutsche Herrschaft in Rußland 1941-1945, Düsseldorf 1958; Alexander Werth: Rußland im Krieg 1941-1945, München u.a. 1965
  9. Vgl. Rudolf Sulzmann: Die Propaganda als Waffe im Kriege, in: Bilanz des Zweiten Weltkrieges. Erkenntnisse und Verpflichtungen für die Zukunft, Oldenburg 1953, S. 381 ff.
  10. Vgl. Ortwin Buchbender (wie Anm. 117), S. 17
  11. Vgl. Ortwin Buchbender (wie Anm. 117), S. 114
  12. Vgl. Franz W. Seidler: Fahnenflucht. Der Soldat zwischen Eid und Gewissen, München u.a. 1993, S.114

Zurück zum Inhaltsverzeichnis
Zum vorhergehenden Kapitel
Zum nächsten Kapitel
Back to Archive