Russen recherchieren in der "Sache Holocaust"

Von Wolfgang Strauss

 

Einen deutschen Befehl zur Zerstörung Nowgorods gab es nicht. Die Bevölkerung litt unter sowjetischen Bombardements. Nowgorods Kirchenschätze raubten die abziehenden Sowjettruppen, auf einem Schiff wurden die Artefakte im Wolchow versenkt. Das weltberühmte Nowgoroder Denkmal "Tausendjähriges Rußland" rettete die Wehrmacht vor der Zerstörung. Jasnaja Poljana, Tolstois Gutshof, stand auf Befehl Guderians unter dem Schutz der Panzergruppe 2. Gegen den Judenpogrom in Lemberg am 29 Juni 1941 ging das 49. Gebirgsjägerkorps vor. Nach der Einnahme von Smolensk 1941 entdeckte die Bevölkerung des dortigen Landbezirks 135.000 Leichen in Massengräbern, vom NKWD erschossene Russen während der Tschistka. Die von sowjetischen Granaten beschädigte Smolensker Kathedrale wurde in der Besatzungszeit wiederhergestellt und für die orthodoxen Gläubigen geöffnet. Entgegen den Anweisungen der deutschen Kommandeure schloß sich die Masse der Dorfbevölkerung im Smolensker Gebiet den abziehenden deutschen Besatzungstruppen an, als 1944 der große Rückzug begann.

Nachzulesen im jüngsten Werk des russischen Geschichtsrevisionismus, Der Große Bürgerkrieg 1941-1945 (Moskau 2002, 642 S., ISBN 5-941-38015-1). Der Sammelband, herausgegeben vom ehemaligen Komsomolführer Igor Djakow, enthält u.a. Beiträge über den Präventivkriegschlag vom 22. Juni, wobei auch aus deutschen Dokumenten zitiert wird. Die Aktualität der Diskussion über die Präventivkriegsthese bezeugen noch andere Neuerscheinungen auf dem russischen Büchermarkt, so Michail Meljtjuchows 544-Seiten-Werk Versäumte Chancen Stalins. Die Sowjetunion im Kampf um Europa 1939-1941, erschienen im angesehenen nationalliberalen Verlag "Wjetsche" (Thing). "Barbarossa" in Deutschland und in Rußland: Markiert hierzulande die Raison d’être des Regimes den Rand von Denkerlaubnissen zur Kriegsursachenforschung, so kann in Rußland das Gegenteil beobachtet werden, wie Der Große Bürgerkrieg 1941-1945 zeigt. Ja, in Rußland, wo eine Weigerung, zu fremden Dogmenkreuzen zu kriechen, keinen Historikerkopf kostet. Djakow widmet das Buch »allen russischen und deutschen Soldaten, gefallen in einem Krieg, der von den Feinden der europäischen Kultur entfesselt wurde«.

»In Rußland herrscht eine nie gekannte Freiheit.« Das Urteil des Schriftstellers Leo Rubinstein steht vor allem für politisch-historische Verlage, anders wären Druck und Verkauf des Großen Bürgerkrieges gar nicht vorstellbar. In diesem Buch werden Tabus der Alliierten (Djakow: »Die weißen Flecken in unserer Lügengeschichte«) gleich kapitelweise geköpft.

Ein Wehrmachtsbefehl, die Juden von Kiew in Baby Jar zu erschießen, existierte nicht (S. 57). Soja Kosmosdemjanskaja wurde von russischen Bauern gefangengenommen und den Deutschen zur Bestrafung übergeben. Ein tragisches Schicksal zwischen Gehorsam und Verbrechen. In Befolgung einer Stalin-Direktive ("verbrannte Erde") hatte die junge Partisanin im Gebiet Petrischtschew Bauernhäuser angezündet. Vor den Augen der Bauern wurde Soja aufgehängt. Stalins Kriegspropaganda machte aus der Brandstifterin ein Komsomolzenvorbild (S. 444). Im Bezirk Pskow mit zwei Millionen Einwohnern fand nach dem Einmarsch der Wehrmacht an allen Volksschulen Religionsunterricht statt, in der Stadt Pskow errichtete die Russisch-Orthodoxe Kirche eigene Sonntagsschulen für Jugendliche und Eltern (S. 504). Am 22. Juni 1941 standen in der Roten Armee 5,3 Millionen Mann unter Waffen, doch im Oktober des gleichen Jahres existierte diese Armee rein zahlenmäßig nicht mehr, denn rund 800.000 waren gefallen und 4,5 Millionen hatten die Gefangenschaft dem Kampf vorgezogen. Bereits wenige Wochen nach Kriegsbeginn befahl Stalin die Formierung von "Sperrverbänden" (sagraditelnije otrjadi). Filmregisseur Alexander Iwanow-Sucharewski:

»Man muß es allen jungen Menschen von heute eintrichtern: Niemand wollte für die Sowjetmacht kämpfen, niemand in den Krieg ziehen. Nach den ersten Schlägen der Wehrmacht warf man die Waffen weg und floh ins Hinterland, zurück in die Heimatdörfer. Damit sich die Rote Armee nicht gänzlich auflöste, riegelten Sperrkommandos mit Maschinengewehren die Etappe ab. Die dennoch fliehen wollten, flohen jetzt nach vorn, hinüber zu den Deutschen.« (S. 450)

Von Co-Autor Iwanow-Sucherewski stammt der Satz:

»Die Wehrmacht, also die Armee des Dritten Reiches, war die beste Armee in der Geschichte der europäischen Zivilisation, im Besonderen auf einem Gebiet der Wertschätzung des Lebens des einfachen Soldaten.« (S. 437)

Breiten Raum nehmen ein in diesem Buch "Holocaust" und "jewreiski wopros" (Judenfrage). Gemeinsamer Nenner revisionistischer Autoren und Verlage im ehemaligen Ostblock sei die Leugnung des Holocaust, behauptet Micha Shafir in der Zeitschrift East European Perspectives (12. Juni 2002). Dies trifft auf die Autoren des Großen Bürgerkrieges nicht zu, werden doch weder Judenverfolgung noch Judenmassaker geleugnet. Allerdings erfährt der Begriff "Holocaust" eine differierende Historisierung; so wird von einem Bauern-Holocaust, einem Ukrainischen Holocaust, einem Kosakischen Holocaust berichtet (S. 206 ff.) Wer die unfaßbare Dimension des "Kosakenmordes", des "Ukrainermordes", des "Slawenmordes", des "Bauernmordes" leugnen wolle, der habe nicht begriffen, daß die kommunistische Idee an sich von Anfang an eine Vernichtungsstrategie, also ein Holocaustprogramm gewesen sei.

Widersprüchliche Zahlenvergleiche und Zahlenangaben betreffs der Juden vor dem Krieg und nach 1945 anhand von Statistiken diverser Art sollen hier nicht erwähnt werden (S. 43, 83, 90), doch ist auf Seite 45 von einem »Sechs-Millionen-Mythos« die Rede. Ein namentlich nicht gezeichneter Beitrag trägt die Überschrift »Zur Sache Holocaust« (S. 81-90).

»Die westlichen Demokratien lehnten die massenhafte Aufnahme deutscher Juden ab«, wird in diesem Beitrag behauptet. Aufschlußreich der russische Kommentar zum Kapitel "Gerstein". Der SS-Desinfektionstechniker Gerstein soll nach Berichten von Raymond Cartier, dem späteren Chefredakteur von Paris-Match, bei seiner Gefangennahme 1945 damit geprahlt haben, eine Million Menschen getötet zu haben (FAZ vom 3. Juni 2002); im Großen Bürgerkrieg heißt es dazu, Gerstein habe sogar die Tötung von 25 Millionen durch Giftgas gestanden. Auf Gersteins Selbstbeschuldigungen gründe sich auch, wenn auch nicht ausschließlich, die »Sache Holocaust«, liest man auf Seite 89.

Was die Opferzahlen angehe, liest man weiter, käme erschwerend hinzu, daß sich sämtliche Vernichtungslager in Gebieten befanden, die später unter »Kontrolle der Kommunisten« gerieten.

»Bis heute herrscht statistische Akrobatik. […] Die Zahl der Auschwitz-Opfer sank von 4 Millionen auf 400.000. […] Das Lager Wolczek, in dem bis 1945 angeblich eine Millionen Menschen den Tod gefunden haben sollen, taucht auf polnischen Karten überhaupt nicht mehr auf.« (S. 40)

Nicht 4 Millionen, sondern "nur" ein Zehntel davon – Relativierung schon Leugnung? Fritjof Meyer zählte bis vor kurzem nicht zu den Protagonisten des historischen Revisionismus. Das scheint sich seit dem Mai 2002 geändert zu haben. Im Mai-Heft 2002 der wissenschaftlichen Zeitschrift Osteuropa veröffentlichte der Leitende Spiegel-Redakteur einen Artikel mit dem Titel »Die Zahl der Opfer von Auschwitz. Neue Erkenntnisse durch neue Archivfunde«. Um Zahlen geht es also beim linksliberalen Publizisten, um Auschwitz-Zahlen. Der historische Ausgangspunkt im Zahlen-Wirrwarr: Eine stalinistische Untersuchungskommission. Die Untersuchung gipfelte in der vom Politbüro abgesegneten Behauptung:

»In der Zeit des Bestehens des Lagers wurden 4,5 bis 5 Millionen Menschen ausgerottet.«

Diese Zahl beruhte auf Schätzungen der Gaskammer-Kapazität und geht zurück auf eine Erklärung der jüdischen Häftlingsärzte Gordon, Schteinberg und Epschtein am 27. Januar 1945 gegenüber zwei Sowjetoffizieren.

Meyer zitiert aus Akten des Internationalen Militärgerichtshofes und des Zentralarchivs des sowjetischen Verteidigungsministeriums der Stalin-Zeit. Und Meyer entlarvt die Opferzahl im sowjetischen Untersuchungsbericht als »ein Produkt der Kriegspropaganda«. Eine Lüge also? Seine Widerlegung verbindet Meyer mit scharfer Kritik an deutschen Nachkriegshistorikern:

»Da die Geschichtsforschung aus einsehbaren, aber unzulässigen Gründen das Thema Auschwitz als Forschungsobjekt nicht akzeptiert hat, drängte sich die Propaganda auf das unbestellte Feld; jene sowjetische Observanz beherrscht noch immer weithin die öffentliche Meinung, zum Beispiel mit der Totenzahl von vier Millionen, dem Mord an über 400.000 aus Ungarn Depotierten oder auch dem massenhaften Gasmord in den Krematoriumskellern.«

Aufgrund neuer Belege zur Kapazität der Krematorien und aufgrund der Unterlagen über Einlieferungen ins Lager gelangt Meyer in seiner Studie zu einem überraschenden Resultat in puncto Opferzahlen Auschwitz:

»Mutmaßlich 510 000 Tote, davon wahrscheinlich 356 000 im Gas Ermordete.«

Dieses Ergebnis relativiere nicht die Verbrechen, sondern »verifiziere« sie, schreibt Meyer. Mit der neuen Zahl rücke Auschwitz »endlich« in den Bereich des »Vorstellbaren«.

Die »neuen Erkenntnisse« verdanke er, verrät Meyer, einem vor kurzem aufgefundenen »Schlüsseldokument«, das Auskunft gibt über »die Kapazität der Krematorien Auschwitz-Birkenau«. Laut Meyer ist dieser »Durchbruch« dem kanadischen Auschwitz-Experten Robert-Jan van Pelt zu verdanken. Um es kurz zu formulieren: Die für die weitere Geschichtsforschung entscheidende Frage, ob in den Gaskammern der vier Krematorien massenhaft gemordet worden sei, beantwortet Meyer mit Nein.

»Die Gaskammern der Birkenauer Krematorien I und II waren außer in der Experimentierphase offenbar kaum in Betrieb, III und IV hauptsächlich wohl nur in dem fürchterlichsten Monat Oktober 1944.«

Wie Dokumente belegen, sei ursprünglich geplant gewesen, die Leichenkeller nach Fertigstellung der Krematorien im Frühsommer 1943 für den Massenmord einzusetzen (wobei auffällt, daß Meyer den Schlüsselbegriff »Vergasungskeller« in Anführungszeichen setzt). Dazu Meyer:

»Das mißlang offenbar, weil die Ventilation kontraproduktiv war und die erwarteten Massen an Opfern in den folgenden elf Monaten nicht eintrafen. Der tatsächlich begangene Genozid fand wahrscheinlich überwiegend in den beiden umgebauten Bauernhäusern außerhalb des Lager statt; von dem ersten, dem "Weißen Haus" oder "Bunker I", wurden erst jüngst die Fundamente entdeckt.«

Polnische Bauernhäuser als provisorische Gaskammern: ein belegbarer Fakt, ein Meyersches »wahrscheinlich« oder ein Mysterium? Meyer gibt zu, daß "Revisionisten" die Existenz von »umgebauten Bauernhäusern« bezweifeln (Meyer nennt u.a. Jürgen Graf).

Der Mysterien kein Ende. Fritjof Meyer erwähnt Hauptmann Schatunowski und Major Morudschenko von der Schmersch-Abteilung der 8. Sowjetarmee, die deutsche Ingenieure einer Krematorienfabrik nach der stündlichen Kapazität befragt haben sollen, März 1946. Weiß Rußlandkenner Fritjof Meyer wirklich nicht, was Smersch bedeutet hat in den Jahren des Stalinschen Kriegsterrors? Smersch (Abkürzung für »smertj schpionam« - Tod den Spionen) wütete zwischen 1941 und 1953 als die grausamste Sonderabteilung der stalinistischen Geheimpolizei, nominell unterstellt dem Verteidigungsministerium. »Die SMERSCH-Offiziere, eine Galerie von Fanatikern, Degenerierten und Alkoholikern, erscheinen wie ein Bild des Grauens vor unserem Auge«, urteilt der ukrainische GULag-Experte Borys Lewytzkyj. In der Praxis übertraf SMERSCH alle Perversionen der Jeschowschtschina. Aufspüren, foltern, liquidieren. SMERSCH tötete an Ort und Stelle und sofort. Ohne SMERSCH keine (von Meyer kritisierte) »sowjetische Kriegspropaganda«. Ein blutiger Witz der Weltgeschichte: SMERSCH recherchierte in Auschwitz und organisierte zur gleichen Zeit den Roten Holocaust in Kolyma, Kingir, Workuta, Norylsk, Karaganda. Eigentlich müßte der Kommunismusforscher Meyer von diesem Absurdistan wissen, zumal er ja in Sachen SMERSCH/Auschwitz aus dem Zentralarchiv des KGB der UdSSR, Akte 17/919, zitiert. Meyer scheint, dies behaupte ich als langjähriger Lagerstudent, vertuschen zu wollen, daß er seine »Schlüsseldokumente« dem von ihm genannten Zentralarchiv des KGB der UdSSR verdankt, denn welche Archivkeller sonst (ver)bergen die volle und nichts als die volle Wahrheit in Sachen Auschwitz? Der SPIEGEL rühmt sich seines Investigations-Journalismus; warum sollte Fritjof Meyer, des Russischen mächtig, beim Öffnen eines bestimmten Aktenkellers kein Glück gehabt haben, natürlich mit russischer Hilfe. Zur Veröffentlichung freigegeben wurden in der Jelzin-Ära die sogenannten Totenbücher (Sterbebücher) von Auschwitz. Sie befanden sich in sowjetischen Archiven und bestätigen den Tod von 74.000 Lagerinsassen, wohlgemerkt nur »arbeitsfähigen«.

© 28.9.2002

Ehrenburg und die Sechs-Millionen-Zahl

Was die Auschwitz-Zahl betrifft, wird das Resultat eines Meyer vermutlich nicht das letzte gedruckte Wort bleiben, hat doch Jerzy Wroblewski, Direktor des Museums Auschwitz am 17. November 1999 dem Spiegel-Redakteur geschrieben:

»Es ist […] keine Lager-Dokumentation übriggeblieben, die die Opfer, die direkt nach der Selektion zur Vernichtung geschickt wurden, betrifft.«

Als Lüge entlarvt Meyer die Zahlenangaben des Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß, der von den Briten gefangengenommen wurde. Durch Folter sei das "Geständnis" zustandegekommen, »unter schlagenden Beweisen«. Alkohol und Peitsche »waren auch für mich zuviel«, soll Höß berichtet haben. 2.30 Uhr nachts unterschrieb er diese Sätze:

»In Auschwitz selbst sind meiner Schätzung nach cca [sic] 3.000.000 Menschen ums Leben gekommen. Schätzungsweise nehme ich an das [sic] davon 2.500.000 vergast worden sind.«

Auf dem Gebiet der Mythenzertrümmerung hat Ernst Nolte, den Meyer einen »respektablen Geschichtsphilosophen« nennt, einen Glaubwürdigkeitsvorsprung. In seinem 2002 bei Herbig erschienenen Buch Der kausale Nexus. Über Revisionen und Revisionismen in der Geschichtswissenschaft wird zu Auschwitz festgestellt:

»Der Aussage des Kommandanten von Auschwitz, Rudolf Höß, die unzweifelhaft sehr wesentlich zum inneren Zusammenbruch der Angeklagten im Nürnberger Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher beitrug, gingen Folterungen voraus; sie war also nach den Regeln des westlichen Rechtsverständnisses nicht gerichtsverwertbar. Die sogenannten Gerstein-Dokumente weisen so viele Widersprüche auf und schließen so viele objektive Unmöglichkeiten ein, daß sie als wertlos gelten müssen. Die Zeugenaussagen beruhen zum weitaus größten Teil auf Hörensagen und bloßen Vermutungen; die Berichte der wenigen Augenzeugen widersprechen einander zum Teil und erwecken Zweifel hinsichtlich ihrer Glaubwürdigkeit.«

Eine sorgfältige Untersuchung durch eine internationale Expertenkommission sei, anders als im Falle Katyn nach der Entdeckung der Massengräber durch die deutsche Wehrmacht im Jahre 1943, nach dem Ende des Krieges nicht erfolgt, und die Verantwortung dafür komme den sowjetischen und polnischen Kommunisten zu.

»Die Veröffentlichung von Fotografien der Krematorien und einiger Kannen mit der Aufschrift "Zyklon B. Giftgas" hat keinerlei Beweiswert, da in größeren typhusverseuchten Lagern Krematorien vorhanden sein müssen und da Zyklon B ein bekanntes "Entwesungsmittel" ist, das nirgendwo entbehrt werden kann, wo Massen von Menschen unter schlechten sanitären Bedingungen zusammenleben.« (S. 96)

Noltes Buchpassagen beziehen sich auf das von Fritjof Meyer wieder aufgerollte Streitthema "Gaskammern", wobei Ernst Nolte hervorhebt, aus seinen Feststellungen zu schließen, »es habe Massentötungen durch Giftgas überhaupt nicht gegeben, ist offensichtlich […] eine unzulässige Verallgemeinerung«.

Nolte zitiert den amerikanisch-jüdischen Historiker Arno Mayer, wonach die Quellen für das Studium der Gaskammern »zugleich selten und unverläßlich« seien.

Merkwürdig erscheint die Nichterwähnung Joachim Hoffmanns bei Meyer. Dem Militärhistoriker und Wlassow-Biographen – am 8. Februar 2002 in Freiburg verstorben – gelang der Nachweis, daß die "Sechsmillionenzahl" von Ilja Ehrenburg in die alliierte Kriegspropaganda eingeführt worden war, und dies 23 Tage vor der Befreiung von Auschwitz durch die sowjetische 60. Armee.

»In der von der sowjetischen Botschaft in London herausgegebenen Wochenschrift Soviet War News wird unter dem 22. Dezember 1944, also genau fünf Wochen vor der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz mit dort angeblich doch fünf Millionen Todesopfern, in einem Aufsatz des führenden Sowjetpropagandisten Ilja Ehrenburg unter der Überschrift "Remember, Remember, Remember" folgendes mit anscheinend größter Selbstverständlichkeit verbreitet...«

Es folgt ein englischer Text, den wenige Zeilen später Hoffmann in deutscher Übersetzung wiedergibt:

»Dieser Aufsatz Ehrenburgs erfuhr am 4. Januar 1945, also 23 Tage vor der Befreiung von Auschwitz, unter der Überschrift "Once again – Remember!" in Soviet War News Weekly einen Wiederabdruck mit wortwörtlich derselben Passage: "Frage irgendeinen deutschen Gefangenen, warum seine Landsleute sechs Millionen unschuldiger Menschen vernichteten, und er wird ganz einfach antworten: Warum, sie waren Juden".«

Sollte der Diplom-Politologe Dr. Fritjof Meyer den Hoffmann nicht gelesen haben? Kaum zu glauben, gehört doch Hoffmanns Stalins Vernichtungskrieg 1941-1945, bisher in sieben ergänzten Auflagen erschienen und als Standardwerk zur Kriegsursachenforschung auch in den USA veröffentlicht, zur Pflichtlektüre angehender Historiker im nachsowjetischen Rußland. Wiederholt kommt Hoffmann auf den Urheber der "Sechsmillionenzahl" zurück:

»Die am 22. Dezember 1944 von Ehrenburg in den Soviet War News an unauffälliger Stelle erstmals exakt genannte und am 4. Januar 1945 in eben diesem Propagandaorgan von ihm noch einmal suggerierte Sechsmillionenzahl erschien am 15. März 1945 in einem weiteren Aufsatz von ihm in den Soviet War News Weekly unter dem Titel "Wolves they were – Wolves they remain" schon in Fettdruck als eine von niemandem mehr zu bestreitende Tatsache.«

Hoffmann schließt das Ehrenburg-Kapitel mit einem Kommentar:

»Die stereotype Wiederholung einer bereits am 22. Dezember 1944 mit präziser Eindeutigkeit behaupteten Gesamtzahl von sechs Millionen Ermordeter – und dies in dem für englischsprechende Leser bestimmten Propagandaorgan Soviet War News – legt die Schlußfolgerung nahe, daß es sich bei der Sechsmillionenzahl ebenso wie bei der Auschwitzer Viermillionenzahl vom 7. Mai 1945 um Zahlen der Sowjetpropaganda gehandelt hat, dazu bestimmt, die Öffentlichkeit und vor allem das Denken in den angelsächsischen Ländern zu beeinflussen und zu indoktrinieren. Der aus den Soviet War News vom 22. Dezember 1944, 4. Januar und 15. März 1945 zu erbringende Nachweis, daß Ehrenburg es war, der die Sechsmillionenzahl in die sowjetische Kriegspropaganda eingeführt hat, ist für eine wissenschaftliche Erörterung dieser emotionsgeladenen Frage nicht ohne Bedeutung.« (S. 183f.)

Wer Auschwitz-Forschung ernsthaft betreibt und dabei den Namen des Historikers Joachim Hoffmann unterschlägt, weckt an seiner Person Zweifel. Soviel zum Kapitel Fritjof Meyer.

Einem wichtigen, keineswegs schon aufgehellten Parallelkapitel zu Auschwitz, der Stalinschen Judenverfolgung und Judentötung, widmen russische Geschichtsrevisionisten verstärkt ihre Aufmerksamkeit. Auch hier steht am Anfang und am Ende die Frage: Wie viele Opfer? Das jüngste Beispiel ist ein Dossier in der russisch-jüdischen Zeitschrift Krug vom August 2002, Überschrift »Blutiger Prolog zu einem neuen Holocaust. Vor 50 Jahren wurde auf Weisung Stalins das Jüdische Antifaschistische Komitee erschossen.« (sic) »Warum wurden sie erschossen«, fragt der Historiker Alexander Borschtschakowski. »Wegen ihres Blutes. Sie waren Juden.« (Aus dem in Rußland und Deutschland erschienenen Enthüllungsbuch Borschtschakowskis zitierten die Staatsbriefe 1999.)

Das Jüdische Antifaschistische Komitee (JAK) wurde Anfang 1942 aktiv, das Regime Stalins hatte gerade die Winterschlacht von Moskau überstanden. Ohne Hilfe des amerikanischen Kapitalismus konnte das angeschlagene, im Volk verhaßte Regime den Krieg nicht siegreich überleben. Darin bestand der strategische Sinn der JAK-Gründung. Vorsitzender wurde der Schauspieler Solomon Michoels, verantwortlicher Sekretär und damit Berijas Mann der Schriftsteller Isaak Feffer. JAK reiste durch die USA, sammelte viele Millionen Dollar, prosowjetische Sympathisanten in Presse und Rundfunk, Hollywood und Gewerkschaften. JAK hinterließ eine intellektuelle Fünfte Kolonne. Diese für den Stalinismus verdienstvolle Tätigkeit kostete fast sämtlichen Mitgliedern der JAK-Delegation nach dem Krieg das Leben. Am 12. Oktober 1946 stellte das Ministerium für Staatssicherheit (MGB) dem ZK ein Dossier über antisowjetische Bestrebungen des Jüdischen Antifaschistischen Komitees zu. Eine geheimpolizeiliche Überprüfung der JAK-Aktivitäten kam zu dem Schluß, daß die Mitglieder des JAK bei der Darstellung des Lebens der sowjetischen Juden deren Beitrag zu den Errungenschaften der UdSSR übertreiben würden, zumal diese Darstellung in ausländischen, sprich amerikanischen Medien erschienen wäre. Am 20. November 1948 entschied das Politbüro, JAK aufzulösen. Für Michoels inszenierte das MGB in Minsk einen Autounfall mit tödlichem Ausgang, während die JAK-Funktionäre Feffer, Suskin und Gofstein Ende 1948 verhaftet wurden. Stalins Holocaust-Pläne begannen sich zu verwirklichen.

Am 13. Januar 1949 beorderte Georgij Malenkow – enger Mitarbeiter Stalins, in den dreißiger Jahren persönlich an Erschießungen beteiligt – den ehemaligen Leiter des Sowjetischen Kriegspropagandabüros, das ZK-Mitglied Solomon Losowski (recte Dridso) zu sich, um von ihm das Geständnis zu hören, daß er als Jude einer verbrecherischen Tätigkeit nachgegangen sei. Malenkow bediente sich dabei eines am 15. Februar 1944 Stalin zugestellten Memorandums, das von Losowski verfaßt und von Michoels, Feffer und Epstein unterzeichnet war. Darin wurde, auf dem Höhepunkt der amerikanisch-sowjetischen Kriegsfreundschaft, vorgeschlagen, das krimtatarische Volk zu vertreiben und auf der Krim einen Jüdischen Sozialistischen Staat zu etablieren. Damals, 1944, war sich die internationale JAK-Lobby eines Erfolges in der Krim-Frage sicher.

Mit dem Kriegsende kam die Wende. Auf Beschluß des ZK der KPdSU wurde Losowski aus dem Zentralkomitee gefeuert und am 26. Januar 1949 verhaftet. In der Lubjanka verschwanden im gleichen Monat der jüdische Chefarzt des Moskauer Botkin-Krankenhauses, Schimeliowitsch, die JAK-Aktivisten Kwitko, Perez, Markisch, Bergelsson. Im April 1952 wurden die Akten dem Militärkollegium des Obersten Gerichts zugestellt. Nach dem Prozeß vom 8. Mai bis 18. Juli 1952 wurden 13 Angeklagte zum Tode durch Erschießen verurteilt. Die übrigen Angeklagten erhielten KZ-Strafen zwischen 10 und 25 Jahren. Der Vorstand des Sowjetischen Schriftstellerverbandes mit dem ZK-Mitglied Alexander Fadejew (Die Junge Garde) begrüßte die Hinrichtung der Dreizehn. Als die Dreizehn im Keller der Lubjanka den Todesschuß erhielten, »befand sich Rußland am Vorabend eines neuen Holocaust«, behauptet Michail Nordschtein in dem in Köln erscheinenden jüdisch-russischen Emigrantenblatt Krug. »Nur der Tod Stalins 1953 bereitete dem Ungeheuerlichen ein Ende

© 30.9.2002

Beitrag G. Rudolf | Beitrag C. Mattogno | Beitrag J. Hille, H.J. Nowak


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 6(4) (2002), S. 394-397.


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