MEIN UMZUG IN DAS LAGER UND DIE DIEBE

Durch meinen Umzug von dem Haus in der Hermann-Stockmann-Straße in das Lager wurde mir der September weiter verleidet. Kurz nach meiner Rückkehr aus Prag wurde ich benachrichtigt, daß sämtliche Zivilangestellten des Kriegsministeriums innerhalb des Lagers unterzubringen seien. Ich hatte bald gepackt und zog in einen langen Schlafsaal in der Nähe des Lagertores. Dieses Quartier diente vielen amerikanischen Zivilisten als Unterkunft. Es war ein einstöckiges Gebäude mit einem Gemeinschaftsbad und einer Dusche. Der Schlafsaal bot individuelle Unterkünfte. Die neue Unterkunft wäre annehmbar gewesen, hätte ich nicht die angenehmen Wohnverhältnisse bei den Bauers kennengelernt, die mich dazu veranlaßten, Vergleiche anzustellen.

Zu allem Überfluß wurde mir der September durch einen Dieb, der in mein Zimmer eingebrochen war, noch mehr verdorben. Dies geschah an einem schönen Sonntagnachmittag, kurz nach meinem Einzug. Ich war zu Frau Bauer gegangen, um meine von Theres hergerichtete Wäsche abzuholen. Nach einigen Stunden, die ich dort plaudernd verbracht hatte, kehrte ich in mein Quartier zurück. Ich merkte sogleich beim Eintreten, daß jemand hier gewesen war. Mein erster Gedanke war, daß es der Hausbursche war. Doch plötzlich bemerkte ich, daß alles was mir gehörte, fort war, einschließlich der Wertsachen, die ich in einem verschlossenen Koffer hatte. Diesem war alles entnommen worden, doch erstaunlicherweise nicht der Paß, obwohl ich gehört hatte, daß ein amerikanischer Paß damals in Europa als äußerst wertvoller Besitz galt. Der Dieb hatte über die Seife, Rasierseife bis zur Zahnbürste nichts ausgelassen. Alles, was ich besaß, war fort.

Ich war froh, die Wäsche, die ich gerade geholt hatte, noch zu besitzen und außerdem eine Uniform mit aufgenähten Markierungen, woran man als Zivilist erkannt wurde. Diese

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befand sich zum Glück gerade in der Reinigung. Hätte ich sie verloren, so wäre ich nicht in der Lage gewesen an den Gerichtsterminen teilzunehmen. (Die Schuhe, die ich aus Prag mitgebracht hatte, hatte ich Helmut Bauer geschenkt, da sie mich unerträglich drückten.)

Jeder Diebstahl verursacht einen Schock. Und so total ausgeplündert, kam ich mir wie betäubt vor. Der Verlust erschien mir so unwirklich, daß ich nicht einmal darüber sprechen konnte. Der Gedanke, daß in meinem Zimmer innerhalb der unbezwingbaren Wände des ehemaligen Konzentrationslagers Dachau an einem sonnigen Sonntagnachmittag eingebrochen worden war, amüsierte mich dann schliesslich doch.

Das Lager galt als sehr sicher. Ohne ausdrückliche Erlaubnis war es dem deutschen Personal nicht möglich, das Lager zu betreten oder zu verlassen. Jeder Deutsche oder Fremde, der das Lager mit einem Paket verließ, mußte mit einer Kontrolle rechnen. Meinen logischen Überlegungen zufolge waren die polnischen Wachen die Missetäter; sie waren die einzigen Fremden, die ohne Überprüfung kommen und gehen konnten.

Als sich der Diebstahl herumsprach, waren meine Kollegen voller Anteilnahme. Doch weder die Anteilnahme der Protokollführer noch die der Fahnder der Kriegsverbrecherprozesse konnten meine Stimmung heben. Am Montag, einen Tag danach, besuchte mich der wachhabende polnische Offizier, den ich persönlich kannte. Als wir den Diebstahl besprachen, las ich in seinen Augen, daß er mehr darüber wußte, als er zuzugeben bereit war. Jahre später in Washington D.C. bestätigte er mir, daß es eine polnische Wache war, die meine Sachen gestohlen hatte. Doch er behauptete, daß er dies erst Monate später erfahren habe, als es bereits zu spät war.

Während dieser Unterhaltung kam es mir zum ersten Mal so recht zum Bewußtsein, daß so etwas wie dieser Diebstahl während der ganzen Zeit, als ich unter Deutschen in der Stadt wohnte, nicht vorgekommen war. In dem »scharf bewachten Lager« dagegen hatte ich alles, was ich besaß, über Nacht verloren. Ausgerechnet durch eine polnische Wache. Und das,

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obwohl doch die Deutschen ihre Todfeinde waren, während die Polen uns Amerikanern ihre Befreiung und möglicherweise das Leben verdankten.

Am Montag kaufte ich mir neue Toilettenartikel. Praktisch alles, um ansehnlich und frisch zu bleiben. Dies hatte beträchtliche Ausgaben zur Folge. Doch Kleider gab es in unserer Verkaufsstelle nicht und so musste ich meine einzige Uniform anziehen. Doch dies war auf Dauer unmöglich.

Innerhalb kürzester Zeit mußte ich wieder saubere Kleidung haben. Doch die Reinigung arbeitete über das Wochenende nicht. Außerdem stand der Herbst vor der Tür und ich brauchte einen Mantel. Ich brauchte dringend neue Kleidung.

Zu jener Zeit konnte man in Europa nur geschneiderte Anzüge bekommen. Ich glaube, daß es kaum ein Geschäft in Europa gegeben hat, in dem man Anzüge von der Stange kaufen konnte. In Dachau gab es mehr als genug Schneider. Doch ich musste den Stoff beschaffen und Stoff war Mangelware in Deutschland. So entschied ich mich, nach Italien zu reisen, denn dort sollte es zu annehmbaren Preisen Stoffe geben. Ich konnte die Hin- und Rückreise München-Bozen an einem Tag mit dem Zug schaffen. Da Südtirol bis 1918 zu Österreich gehört hatte, sprachen die Leute noch Deutsch. Straßen wie Läden waren in beiden Sprachen beschriftet, Deutsch und Italienisch. Die Sprache würde kein Problem sein. Die Reise nach Bozen bedeutete eine Rundreise durch die Tiroler Berge über den Brennerpaß. Weil die Läden am Wochenende geschlossen waren, mußte die Reise an einem Arbeitstag erfolgen. Das bedeutete: früh morgens los, wenige Stunden Zeit in Bozen zum Einkaufen, am Abend zurück.

Schon der Tagesurlaub stellte mich vor Probleme. Es war geplant, daß die Prozesse Ende des Jahres abgeschlossen sein sollten. Das Personal, dessen Verträge ausliefen, konnte oder wollte man für Dachau nicht mehr erneuern. Deshalb verloren wir Personal und da wir nur über wenig Protokollführer verfügten, glaubte ich nicht, daß man mir Urlaub geben würde. Deshalb meldete ich mich krank.

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Es wäre gut gegangen, wenn ich meinen Plan nicht Smitty mitgeteilt hätte, der von einer Einkaufstour in Italien ganz begeistert war. Bald wuchs unsere reiselustige Gesellschaft auf vier an. Gussie Lapins benötigte in jenem Herbst vor allem eine Menge Dinge für ihre Hochzeit und Mary Fox, eine andere Kollegin, wollte einfach so mal in italienischen Läden einkaufen. Nachdem wir uns krank gemeldet hatten, fuhren wir los, ab München Hauptbahnhof in Richtung Rom bis Bozen, die Einkaufslisten hatten wir dabei.

Als wir abfuhren, waren wir noch lustig und guter Dinge. Es war geplant nur über Mittag in Bozen zu bleiben. Jeder war mit Gepäck überladen. Ich hatte zwei leere Koffer dabei in der Absicht, wie die anderen auch, diese mit der Ware, die wir kaufen wollten, zu füllen. Die Zollbeamten auf der italienischen Seite registrierten wie erwartet; sie staunten über die leeren Koffer. Doch sie wären noch erstaunter gewesen,hätten sie die Koffer beim Verlassen Italiens überprüft. Doch sie taten es nicht. Die Österreicher machten keine Probleme, und kein Deutscher hätte es 1947 gewagt, einem Amerikaner Fragen zu stellen.

Die Bahnreise durch das österreichische Tirol bewegte mich außerordentlich. Es war eine grandiose Landschaft. Es ist wirklich einer der schönsten Flecken der Welt. Kein Wunder, daß die königlichen Familien Europas dieses Land als ihre besondere Domäne betrachtet hatten. Unglücklicherweise schlugen meine Versuche, die wilde Schönheit der Alpen mit der Kamera festzuhalten, fehl. Ich mußte die Erfahrung machen, daß es sinnlos ist, Panoramabilder aufzunehmen, wenn man sich nicht auf einen bestimmten Punkt einer Landschaft einstellt. Keiner meiner »Schnappschüsse« konnte der schönen Szenerie gerecht werden.

Während unserer Rückfahrt begannen wir uns mit den möglichen Folgen für unser »unerlaubtes Entfemen von der Truppe« auseinanderzusetzen. Je näher wir dem Münchner Hauptbahnhof kamen, um so mehr hofften wir, daß unsere Abwesenheit in Dachau von niemandem bemerkt worden war,

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vor allem nicht von unseren Vorgesetzten. Wenn uns jemand mit unserem Gepäck vom Bahnhof hätte kommen sehen, hätte es keine Ausrede gegeben. Neben dem Reisegepäck hatten wir ausserdem frische Äpfel, Birnen und Weintrauben bei uns: Luxusgüter aus Italien.

Doch wie es so kommt, auf einmal war es mit unserem Glück vorbei. Als wir gegenüber vom Bahnhof beim Hotel Excelsior auf den Bus nach Dachau warteten, sah uns Richard Teasley, unser Vorgesetzter. Wir versuchten, die Sache ins Lächerliche zu ziehen. Aber Teasleys Lächeln, mit dem er uns grüßte, war voller Ernst. Er machte keine Bemerkung über unsere Italienreise und unsere Krankmeldung. Darüber wurde erst am nächsten Tag gesprochen.

Als wir in unser Büro kamen, mussten wir uns sofort bei Colonel Ellis1, dem Kommandierenden Offizier des Militärstützpunktes Dachau, melden. Er teilte uns mit, daß er das Krankmeldungs-Komplott mißbillige und daß es ernsthafte Schwierigkeiten für die Protokollführer und die Durchführung der Gerichtsverhandlungen gegeben hätte. Unsere Handlungsweise sei deshalb so unvernünftig gewesen, weil es zu einer Zeit geschehen sei, in der ein besonderer Personalmangel geherrscht hatte. Colonel Ellis hielt uns vor, daß wir uns unerlaubt vom Dienst entfernt hätten. Dies würde uns einen Tagessatz unseres Gehalts kosten.

Ich fühlte mich erleichtert, daß die Strafe nicht schlimmer ausgefallen war. Später fiel mir jedoch ein, daß Colonel Ellis nicht mehr hätte tun können. Wir waren keine Soldaten, sondern lediglich bei der Armee beschäftigte Zivilisten. Da wir keinen Rang besaßen, konnten wir auch nicht degradiert werden. Darüberhinaus konnte man uns nicht kündigen, weil dies

l Es war Colonel Burton Ellis, der auch beim Malmedy Prozeß der Hauptankläger war. Zu dieser Zeit wußte ich noch nicht, daß der Malmedy-Massaker-Fall immer noch Gegenstand einer Untersuchung in Washington war.

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bedeutet hätte, daß man vier qualifizierte Protokollführer weniger gehabt hätte. Wegen des Personalmangels konnte unmöglich auf uns verzichtet werden. Kurzum: »wir hatten sie in unserer Hand.«

Trotz der Notlage im Hinblick auf meine Kleidung schämte ich mich ein wenig, weil ich meine Abteilung im Stich gelassen hatte. Allerdings war ich doch froh darüber, daß ich nun genügend Stoff und Futter besaß, ausreichend für drei Anzüge und einen Mantel, den ich aufgrund der im letzten Winter gemachten Erfahrungen nötig brauchte.

Ein oder zwei Tage später erfuhr ich, daß es nicht Teasley war, der uns gemeldet hatte (wir hatten dies geglaubt und hätten ihn deswegen nicht getadelt). Es waren andere Offiziere auf dem Bahnhof, denen sofort klar war, daß wir aus dem Ausland zurückgekehrt waren.

Teasley sprach nie mit mir über den Vorfall. Wir arbeiteten weiter wie bisher, als ob nie etwas geschehen wäre. Ich war inzwischen an meiner Arbeitsstelle fest integriert. Ich hörte so durch die Blume, daß Teasley über das Gehabe gewisser Primadonnen unter der älteren Protokollantengeneration verärgert und immer mehr von den jüngeren Protokollanten beeindruckt sei. Er erwähnte sogar meinen Namen. Das Gerücht bestätigte sich, denn ich wurde zur Beförderung als CAF2, 7. Grad vorgeschlagen und offiziell als Protokollführer bestätigt. Bis dahin war ich als Voruntersuchungsprotokollant, gemäß CAF, Grad 6, eingestuft gewesen. Die Beförderung verbesserte nicht nur mein Gehalt, sondern auch mein Selbstwußtsein. Und dies liess sich nicht mit Geld aufwiegen.

2 Der CAF-Grad bezog sich auf die »Schreibstuben-und Finanzverwaltung«. Dieser Dienst wurde im Gegensatz zu einem Vollprofistatus als Allgemeine Dienstleistung angesehen.

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