JUPP MÜLLER VOM BUCHENWALD-KREMATORIUM

In jenem September wurde ich einem Nachfolgefall des Buchenwald- Hauptprozesses zugeteilt. Es war ein kurzer aber interessanter Fall, der keinen Tag dauerte. Der Angeklagte war Josef Müller, ein deutscher Kapo, der wegen verschiedener Verbrechen im Krematorium Buchenwald angeklagt war.

Der Buchenwald-Hauptprozeß hatte wegen der Beteiligung von Ilse Koch - berüchtigt wegen ihres angeblichen Interesses an tätowierter Haut toter Häftlinge -hohe Wellen geschlagen. Während des Müller-Prozesses wurde weder Ilse Koch noch die tätowierte menschliche Haut erwähnt, aber der Widerspruch zwischen Müllers grausiger Tätigkeit im Krematorium und seiner gütigen Art vor Gericht war offensichtlich.

Müller wurde von seinen Mitgefangenen und den dort stationierten SS-Leuten »Jupp« genannt. Inzwischen hatte ich gelernt, daß »Jupp« eine nette Abkürzung für Joseph war und es wunderte mich, daß ein so gefürchteter und hassenswerter Mensch so familiär angeredet wurde.

Nach den Unterlagen war Jupp Müller als politischer Gefangener in Buchenwald. Er wurde Kapo, weil die Lagerleitung glaubte, daß er für Ordnung sorgen würde. Ich erfuhr außerdem, daß die deutsche SS und die Militärbehörden nicht in der Lage gewesen waren, die Lagerinsassen ohne die Hilfe der Häftlinge selbst zu beaufsichtigen. Die Kapos waren ein wichtiger Teil der organisatorischen Struktur. Dadurch konnten die Deutschen während der letzten Kriegsjahre die Arbeit und die Produktion der Kriegswirtschaft aufrecht erhalten.

Buchenwald war eines der beiden in der amerikanischen Öffentlichkeit am meisten bekanntgewordenen Lager. Wenige Amerikaner hatten jemals von anderen Konzentrationslagern neben Dachau und Buchenwald gehört. Sie wären unzweifelhaft genau so wie ich davon überrascht gewesen zu

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erfahren, daß es in Zentraleuropa ungefähr 1500 Konzentrations- und Arbeitslager gegeben hat. Die meisten waren Neben- oder Zweiglager der Hauptlager. Man schätzte die Gesamtzahl der Insassen auf sechs Millionen.

In Buchenwald erreichte die Zahl der Insassen gegen Ende 1944 56.000, 82.000 im März 1945, wobei die Todesfälle während der gleichen Zeit von ungefähr 720 auf 4.352 pro Monat anstiegen. Buchenwalds fürchterlicher Ruf geht auf diese Zahlen zurück.

Ähnlich wie in Buchenwald sah es auch in den anderen Lagern aus. Der rasche Anstieg der Todesfälle im Jahre 1945 war eine Folge der Überfüllung und der Seuchen, aber nicht der Versuch einer »Menschenvernichtung«. Die leidvollen Bilder, die wir von der Befreiung her kennen, waren atypisch, was die allgemeine Beurteilung jener Zeit anbetrifft. Gegen Ende des Krieges schliefen zwei bis drei Insassen in je einem der dreistöckigen Betten in den überfüllten Holzbaracken. Schlecht gekleidet, unzureichend ernährt und virusträchtigen Epidemien ausgesetzt, starben sie während der letzten Kriegsmonate in erschreckend großer Zahl. Es war die Aufgabe Jupp Müllers die toten Körper zu verbrennen.

Ich hatte mir über die Funktion des Krematoriums nie Gedanken gemacht. Aber ich habe mich immer über die Haufen nackter menschlicher Körper gewundert, die für die Verbrennung im Krematorium bestimmt gewesen sein sollen. Ich hatte inzwischen durch die Zeugenaussagen erfahren, daß die schwierige Bekleidungssituation dafür verantwortlich war. Da kaum ein einziger Stoffrest verschwendet werden durfte, entkleidete man die Körper vor der Verbrennung. Man entnahm ihnen ebenfalls alle Wertgegenstände, einschließlich der zahnärztlichen Füllungen, die gesammelt und von der SS verkauft wurden. Ein für mehrere Konzentrationslagerfälle verwendetes Beweisstück war eine Pappschachtel voller Goldfüllungen aus den Mündern toter Gefangener.

Jupp Müller machte den Eindruck eines ruhigen einfachen Fabrikarbeiters. Der Name »Jupp« schien gut zu ihm zu pas-

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sen. Mit seiner weichen Stimme und seiner unterwürfigen Haltung erinnerte er an ein gutmütiges Schaf. Er war mittleren Alters und verhältnismäßig klein. Der Verlust seines Haares zeichnete sich besonders dadurch ab, daß er sein Haar nach hinten kämmte. Er sah weder wie ein Kriegsverbrecher aus, noch erinnerte er an irgendeine Art von Verbrecher.

Die Entscheidung über Müllers Schuld oder Unschuld hing fast vollständig von der Aussage eines Zeugen ab, eines Osteuropäers, dessen Name mir als Zgoda in Erinnerung ist. Zgoda arbeitete im Krematorium, doch er war kein Kapo. Zgoda sagte aus, daß Müller an einer Massenerhängung von siebenunddreißig polnischen Offizieren beim Krematorium in Buchenwald teilgenommen habe. Müllers Aufgabe sei es gewesen, den Kopf eines jeden Polen zu halten, während ein SS- Mann im Range eines Feldwebels den Opfern die Schlinge um den Hals legte. Zgoda sagte auch aus, daß er gesehen habe, wie der Angeklagte die toten Offiziere hielt, damit der SS-Mann die Leichen ausplündern konnte, ihnen die Ringe und Uhren wegnahm. Zgoda gab zu, daß man ihm den Zutritt zum Krematorium nicht erlaubt hatte. All dies, so sagte er, hätte er durch ein Schlüsselloch beobachtet!

Der Zeuge klagte Müller an, an der Erhängung eines polnischen Gefangenen beim Zählappell teilgenommen zu haben. Er bezeugte, daß er gesehen habe, wie Müller die Galgen errichtet und erneut der SS geholfen habe, die Schlinge um den Hals des Opfers zu legen. Der Vorfall, so wurde angegeben, soll im Herbst 1944 stattgefunden haben. Der Zeuge gab an, daß die Erhängung wegen eines Fluchtversuches stattgefunden haben soll und daß die Häftlinge das Erhängen miterleben sollten, damit sie ein abschreckendes Beispiel vor Augen bekämen, um selbst keinen Fluchtversuch zu wagen.

Zgoda belastete Müller auch mit der Erhängung von weiteren sechzehn Häftlingen im Krematorium. Wieder soll Müller die Köpfe der Opfer gehalten haben, damit ihnen die Schlinge um den Hals gelegt werden konnte.

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Der Zeuge schien völlig durcheinander geraten zu sein, was das dritte Hängen anbetraf. Seine Angaben reichten vom August oder September 1943 bis September oder Oktober 1944. Im Kreuzverhör mußte Zgoda zugeben, daß er die Tat nicht selbst gesehen hatte, doch andere Häftlinge hätten ihm davon erzählt. Das Gericht nahm anscheinend keinerlei Notiz von solchen Unstimmigkeiten bei den Zeugenaussagen und es schien ihm auch nicht einzufallen, die Entscheidung nicht von der Glaubwürdigkeit eines einzigen Zeugen abhängig zu machen. Auf der einen Seite war es der Angeklagte, der selbst Häftling, allerdings Kapo war und im Krematorium Dienst tat, auf der anderen Seite hatte der, der ihn beschuldigte, ebenfalls als Häftling im Krematorium gearbeitet, aber nicht als Kapo.

Nach einer Aussage, die seitens der Anklage vorgebracht wurde, seien wenigstens einmal Gefangene lebend in das Krematorium gebracht worden. Schwer verwundet,hatten sie einen stümperhaften Exekutionsversuch der SS überlebt. Aus dem Bericht ging hervor, daß Jupp, sobald erbemerkte, daß eine als »tot« eingelieferte Person noch lebte, er diese »erledigt« habe.

Aus einer beeidigten Aussage der Voruntersuchung ging hervor, daß ein Zeuge gesehen haben soll, wie ein als tot bezeichneter Mann aus dem Krematorium durch das Fenster kroch, wo die Leichen für die Verbrennung aufgeschichtet auf dem Flur lagen. Der schwerverletzte nackte Gefangene torkelte und wankte in den Hof des Krematoriums. Der Zeuge sagte, daß daraufhin Jupp Müller den Häftling durch die Tür in den Sezierraum stieß und ihm mit einem Knüppel auf den Kopf schlug. Der Zeuge behauptete, er habe gehört, wie daraufhin die Schädeldecke zersplitterte. Gemäß Aussage dieses Zeugen hätte Müller, darauf angesprochen, zynisch gelacht und gesagt, daß er auf diese Weise laufend Opfer vor der Verbrennung »zu erledigen« gehabt hätte.1

l Diese Aussage war die unfreiwillige Bestätigung, daß das Krematorium nicht zum Töten von Menschen da war, sondern dazu diente, die Toten zu beseitigen.

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Der Hauptverteidiger hatte gehofft, Emil Pleissner, einen kürzlich zum Tode verurteilten Angeklagten im Buchenwald-Hauptprozeß, in den Zeugenstand bringen zu können,um ihn für Müller aussagen zu lassen. Pleissner, der die Vollstrek-kung seines Urteils in Landsberg erwartete, weigerte sich aber in den Zeugenstand zu treten. Er sagte, daß er nicht für sich ausgesagt habe und dies auch nicht für einen anderen tun würde.

Feldwebel Hermann Oskar Heibig, dem Müller beim Hängen geholfen haben soll, reichte eine schriftliche Erklärung für Müller ein. Auch Heibig war im Buchenwald Hauptprozeß zum Tode verurteilt worden (einer von einunddreissig zum Tode Verurteilten, nur vier bekamen weniger als lebenslänglich).

Max Schobert, der Erste Schutzhaftlagerführer, sagte aus, daß der Exekutionsvorgang in all den Fällen der gleiche war, wo Gefangene für begangene Kapitalverbrechen offiziell bestraft wurden. Er sagte aus, daß es seine Pflicht gewesen sei, bei einigen Exekutionen im Lager zugegen zu sein. Er konnte sich jedoch nicht erinnern, wieviele Insassen zu Tode gekommen seien. Er erinnerte sich der Urteilsvollstreckung an einem Polen durch Erhängen. Er sagte aus, daß der Pole nach seiner Flucht aus dem Lager einen Raubmord begangen habe. Schließlich sagte Schobert auch aus, daß Jupp Müller sich zuerst geweigert hätte als Scharfrichter Dienst zu tun. Er sei aber dann gezwungen worden, den Befehlen Folge zu leisten.

Als Jupp Müller in den Zeugenstand ging, bezeugte er, daß er sich anfangs geweigert habe im Krematorium Dienst zu tun. Schließlich sei er jedoch davon überzeugt gewesen, daß er keine andere Wahl hatte. Hätte er sich geweigert, würde das wahrscheinlich seinen eigenen Tod bedeutet haben.

Beobachtete man Müller vor Gericht, so konnte man nur schwer glauben, daß er wegen seiner Abstellung in das Krematorium heftig protestiert hatte. Er war eher der Typ, der die Dinge seinen Gang gehen ließ. In diesem besonderen Beispiel hatte sich Müller leicht vorstellen können, daß er für das

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Krematorium reif gewesen wäre, sich schließlich selbst unter den aufgestapelten Leichen befinden würde, um letztendlich von dem seiner Mithäftlinge verbrannt zu werden, der die Tätigkeit an seiner statt übernehmen würde.

Müller verteidigte seine Tätigkeit im Krematorium recht einfach: Er habe lediglich Befehlen gehorcht. Er sagte aus, daß man ihn ausgewählt habe, weil er der Einzige war, der wußte, wie Koks- und Ölöfen bedient wurden. Er gab an, daß er keine Kontrolle darüber gehabt hatte, ob jemand noch lebte oder tot war, bevor er ins Krematorium kam. Er hätte genau so wenig gewusst, wer und wie jemand zu exekutieren war. Es waren alles Befehle, die von oben kamen, so Müller. Das Gericht befand, daß diese Bezugnahme auf höhere Befehle nicht ausreichte. Der Angeklagte hatte zu beweisen, daß

- er einen Auftrag von einem Vorgesetzten erhalten habe, der ihm auferlegte, eine ungesetzliche Tat zu vollbringen, daß er, als eine einigermaßen vernünftige Person nicht wissen konnte, daß diese Tat ungesetzlich sei und daß eine solche Handlung nicht im Gegensatz zu den allgemeinen Normen menschlicher Lebensführung stünde, und daß er sich in einer unmittelbarem Zwangslage befunden habe.2 -

2 Diese Regelung bezog sich auf die Londoner Vereinbarung vom 8. August 1945, die Verfolgung und Bestrafung von Hauptknegsverbre-chen der europaischen Achsenmächte betreffend, FM 27-10, supra US Armee-Kriegsministerium über die »Regeln des Landkrieges,« § 345 l, gemäß Änderung No l vom 15 November 1944, Oppenheim, »Internationales Recht,« supra, »Handbuch zu Kriegsgerichtsverfahren,« supra, »Bericht an den Präsidenten der Vereinigten Staaten,« vom 7 Juni 1945 über »Die Militärische Besatzung« und die »Gesetzliche Regelung der militärischen Besatzung,« von Ernst Fraenkel, Vereinigte Staaten gegen Bury, et al , nach der Urteilsbegründung DJAWC, September 1945, Vereinigte Staaten gegen Thomas, und Vereinigte Staaten gegen Beck, et al , nach der Urteilsbegründung DJAWC, Dezember 1946 Ich habe hier einige Referenzen zu Abweichungen vom Mihtargesetz angegeben Tatsachlich sind einige amerikanische und britische Handbucher über Militarjustiz kurz vor Nürnberg neu geschrieben worden, mit der gezielten Absicht, die Verteidigung im Sinne eines Befehlsnotstandes nicht zuzulassen

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Diese Regel machte es praktisch jedem unmöglich, Schutz unter dem Zwang der Befehlsgewalt zu suchen. Dies war selbst im Fall von Müller so, bei dem es eigentlich vollkommen klar war, daß er nicht aus eigenem Willen heraus gehandelt hat.

Müller gab zu, daß er Feldwebel Heibig, der sein direkter Vorgesetzter war, bei der Urteilsvollstreckung durch Erhängen assistiert hatte. Er sagte jedoch aus, daß es Heibig war, der die Schlinge um den Hals des Mannes gelegt hatte. Er gab unter Hinweis auf den Befehlsnotstand zu, den Mann nach dem Fall hängen gelassen zu haben, bis der Tod eintrat. Müller sagte aus, daß das Erhängen öffentlich bekanntgemacht worden war und daß der leitende Schutzhaftlagerführer Schobert als Zeuge dabei sein musste.

Auf die Frage, warum Zgoda gegen ihn aussagte, antwortete Müller, daß er mit Zgoda nie zurecht gekommen sei. Denn Zgoda sei, wie er weiter ausführte, ein Günstling der SS-Männer gewesen. Zgoda mochte ihn nicht, weil er ihm einen Freund abspenstig gemacht hatte. Auf die Bitte nach einer Erläuterung sagte Müller, daß er hoffe, die Anklage würde verstehen, daß sie »im Lager als Gefangene keinen Zugang zu Frauen hatten.« Es gab keine weitere Frage zu diesem Punkt. Alle hatten verstanden, daß Müller von homosexuellen Beziehungen sprach, wobei Zgoda einmal zugunsten Müllers der Unterlegene gewesen sein musste.

Nach Überprüfung der Zeugenaussagen und der Gesetze tat das Gericht, was es für das Naheliegendste hielt. Die Aussagen Zgodas wurden berücksichtigt, aber das Dilemma, in dem sich Müller in Buchenwald befunden, nicht. Das Gericht hielt Müller für schuldig und verurteilte ihn zum Tode durch Erhängen.

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