DAS KONZENTRATIONSLAGER DORA/NORDHAUSEN

Als ich im Mai 1947 nach Dachau versetzt wurde, hatte ich kaum etwas über das Konzentrationslager Dora gehört. Ich hörte erstmals von dem Lager, als das Verfahren Dora/Nord-hausen am 7. August 1947 in Dachau begann. Erst als ich in der letzten Septemberwoche für das Dora/Nordhausen-Ver-fahren zu arbeiten begann, erfuhr ich, daß viele der stereotypen Ansichten, die über »Vernichtungslager« und dergleichen im Umlauf waren, durch dieses Lager widerlegt wurden.

Im Gegensatz zu Buchenwald und Dachau wurde Dora/ Nordhausen erst kurz vor Ende des Krieges angelegt. Es war mit viel Geheimniskrämerei umgeben. Sicherlich würde der Name »Dora« im Zusammenhang mit KZs den meisten Menschen nichts sagen. Auch nicht die Erwähnung des Namens »Nordhausen«. Es war nur wenigen bekannt, welche Rolle Nordhausen innerhalb der Kriegsmaschinerie des Dritten Reiches spielte. Es handelte sich dabei um die Produktion der Geheimwaffe Deutschlands, der V-1, der »fliegenden Bombe« und um die V-2 Rakete (der Vorläuferin der heutigen Weltraumraketen).

Die erste Sachkenntnis, die ich über Nordhausen erhielt, stammte aus einer Broschüre, die von der Anklagebehörde herausgegeben wurde. Noch mehr lernte ich während des Verfahrens (auch in späteren Jahren erfuhr ich immer mehr zu diesem Thema). Nach dieser Broschüre befand sich Nordhausen in Mitteldeutschland, in der damals sowjetisch besetzten Zone - der damaligen DDR. Der Ort für das Lager wurde wegen seiner einmaligen Sicherheit gegen Fliegerangriffe ausgewählt. Er bestand aus zwei Tunnel im Gebiet des Harzes, ungefähr sieben Kilometer von der Stadt Nordhausen entfernt.

Bevor der Ort für das Lager ausgewählt wurde, hatte ein deutsches Unternehmen, die »Wirtschaftliche Forschungsge-

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sellschaft,« die einen bombensicheren Platz für die Einlagerung von Benzin- und Ölreserven gesucht hatte, eine Vereinbarung mit »Ammoniak«, einem Firmenzweig der IG Farben, getroffen. Ammoniak gewann zu jener Zeit im Tunnelverfahren Kalzium, aus Kohnstein, einem Berg im Harz. Die IG Farben schlug einen Vertrag vor, wobei die Deutsche Regierung in dem länger werdenden Tunnel Benzin und Öl lagern durfte, während die IG Farben weiter Kalzium aus Kohnstein gewinnen konnte. Die Ausschachtungskosten sollten zwischen der Deutschen Regierung und IG Farben geteilt werden, dies sollte beiden Parteien Nutzen bringen.

Der Vertrag zahlte sich aus. Bis 1943 war der Tunnel B vollkommen ausgeschachtet, und die Arbeiten am Tunnel A hatten begonnen. Im August 1943, nachdem die ursprüngliche Produktionsstätte für die V-1 und V-2 in Peenemünde an der Ostsee durch alliierte Bomber zerstört worden war, entschied die Regierung, daß sich die Kohnstein-Tunnel ganz hervorragend als Produktionsstätte für diese zwei Geheimwaffen eignen würden. Die Deutschen setzten hohe Erwartungen in die V-1 und V-2, da das Kriegsglück begonnen hatte sich von Deutschland abzuwenden. Das Deutsche Rüstungsministerium, von Beginn an verantwortlich für die Durchführung dieser Arbeiten, gründete die »Mittelwerk GmbH«. Das Werk übernahm die Aufgabe, mit der fortschreitenden Ausweitung der Arbeiten drei weitere Tunnel zu graben. Bis zu diesem Punkt hatte es sich eindeutig um ein industrielles Unternehmen gehandelt ohne jeden Bezug auf ein Konzentrations- beziehungsweise Arbeitslager.

Als der Komplex zu einem unabhängigen Konzentrationslager wurde, nannte man ihn offiziell »Mittelbau Konzentrationslager«, der sich aus mehreren Lagern zusammensetzte. Die größten der drei Lager befanden sich m Nordhausen, Ellrich und Harzungen. Diese Lager wurden mit Mittelbau I, II und III bezeichnet. Die Lager hatten auch Decknamen: Nordhausen für Mittelbau I, »Dora« genannt, während sich die Decknamen »Erich« und »Hans« auf die Lager Mittelbau

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II in der Nähe von Ellrich und Mittelbau III in der Nähe von Harzungen bezogen. (Um diese Nomenklatur auf einen Nenner zu bringen und um Verwirrungen zu vermeiden, wurde der ganze Komplex entweder unter »Dora« oder »Nordhausen« oder »Dora/Nordhausen« bekannt.)

Vom Einsatz des Lagers Dora als unabhängiges KZ-Arbeitslager hing der Erfolg der V-1 und V-2 Projekte und die damit verbundene Arbeit der Häftlinge des Lagers Buchenwald ab. Diese Gefangenenarbeiter wurden zum Tunnelbau herangezogen und zur Herstellung der V-1 und V-2. Zunächst mangelte es an Baracken, und die Häftlinge mußten in eilig herbeigeschafften Zelten im Freien übernachten. Die Zahl der Arbeitskräfte überstieg die Aufnahmefähigkeit dieser Behelfseinrichtungen, und die Behörden mußten eine andere Lösung finden. Die Lösung hing von den Sicherheitsmaßnahmen ab, da die Deutschen es sich nicht leisten konnten, feste Gebäudeeinrichtungen anzulegen, die leicht von der Luft aus entdeckt werden konnten. Eine andere Sorge war die Gesundheit der Arbeiter. Es war bereits September und je kälter es wurde, um so weniger Schutz brachten die Zelte. Die Lagerverwaltung entschied sich deshalb für die Übersiedlung der Häftlinge in die Tunnel.

Die Arbeitsbedingungen im Tunnel waren schlecht, die neue Unterbringung erbärmlich. Die Häftlinge arbeiteten rund um die Uhr in drei Schichten. Die laufenden Ausschachtungsarbeiten führten zu einer ständigen Umwälzung von Feinstaub in der Luft, der sich überall absetzte. Die Häftlinge, die zunächst auf nacktem Boden schliefen, erwachten staubbedeckt. Es gab kein Leitungswasser im Tunnel, die Häftlinge blieben wochenlang ungewaschen. Natürlich gab es keine Möglichkeit zum Wäschewaschen, so daß die Gefangenen wochenlang dieselbe schmutzige Kleidung tragen mussten. Die Toiletteneinrichtungen waren anfangs besonders primitiv. Sie bestanden aus Eimern, die laufend entleert werden mussten. Derüble Geruch ungewaschener Körper und von Exkrementen trug beim Mittelbau zu einem unerträglichen Zustand und einem

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schlechten Gesundheitszustand der Häftlinge bei. Und immer noch rissen die Häftlingsströme nicht ab.

Während der ersten Monate des Bestehens des Mittelwerk-Projektes, sahen die Häftlinge die Sonne nur einmal in der Woche, beim Zählappell am Sonntagnachmittag. Die Ausgrabungsarbeiten wurden unter den schwierigsten Umständen vollbracht, da die Häftlinge mit Pickel und Schaufel arbeiteten und das Gestein mit bloßen Händen ins Freie schaffen mußten.

Die fertigen Tunnelunterkünfte bestanden aus großen Holzbunkern mit vierstöckigen Schlafpritschen. Es wurden so viele Häftlinge wie möglich hineingepfercht. Die Insassen schliefen auf dem nackten Holz der Schlafkojen, die so eng übereinander lagen, daß man sich darin nicht aufsetzen konnte. Diese »Schlafbunker« beherbergten Häftlinge rund um die Uhr. Weil sie in Schichten arbeiteten, waren sie auch gezwungen schichtweise zu schlafen.

Bald trat Tuberkulose auf, die Häftlinge starben zu Tausenden. Da Dora kein Krematorium besaß, transportierte man die Toten zunächst nach Buchenwald. Dies war ohne Zweifel ein Teil der traurigen und schweren Arbeit, die Jupp Müller in den Jahren 1943-44 auszuführen hatte. Als Folge dessen wurde für Dora ein eigenes Krematorium gebaut, so daß der beschwerliche Transport der Leichen nach Buchenwald entfallen konnte.

Es wurde Schnelligkeit und Sicherheit für das V-l/V-2 -Projekt gefordert, und diese Bedingungen machten Dora/Nord-hausen zu einem besonderen Konzentrations-Arbeitslager. Es hatte sich nicht aus einem Lager für politische Gefangene entwickelt wie Dachau und Buchenwald. Es kamen auch keine kranken Gefangenen aus anderen Lagern hinzu, um elend zugrundezugehen wie in Bergen- Belsen, Mauthausen oder anderen Lagern. Lager, die das Nachkriegspropagandabild von den »Todeslagern« entstehen ließ. Dora war in erster Linie ein auf Grund der sicheren Ortslage errichtetes Arbeitslager unter Stachanov-Bedingungen. Die Gefangenen mußten

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sorgfältig bewacht werden, nicht nur um deren Flucht, sondern um jeden Kontakt mit der Welt außerhalb der Produktionsstätten zu verhindern. Die Deutschen waren dazu gezwungen, um ihr Raketenprogramm geheimzuhalten.

Dies alles führte bei Dora zu strengsten Geheimhaltungsmaßnahmen. Das Sicherheitssystem wurde durch ein Gestapobüro in einem der Nebenlager, in Niedersachswerfen, nahe bei Nordhausen gelegen, gesteuert. Die Gestapo arbeitete über Insassen-Informanten. Sie schleuste Agenten ein, die sich unter die wirklichen Häftlinge zu mischen hatten. Sie hatten der Gestapo über deren Aktivitäten zu berichten. Die Sicherheitsmaßnahmen wurden streng eingehalten, sogar außerhalb des Lagers. Ein beachtliches Gelände um die Mittelbaulager herum durfte nur von dafür berechtigtem Personal betreten werden.

Trotz aller Sicherheitsvorkehrungen hat es einige Vorkommnisse gegeben, die von den deutschen Behörden auf Sabotagehandlungen zurückgeführt wurden. Diese Vorfälle wurden sehr streng geahndet. Die Saboteure wurden durch Erhängen im Tunnel hingerichtet oder auf dem Appellplatz exekutiert. Der ernsthafteste Vorfall betraf Pläne zu einem Massenaus-bruch sowjetischer Häftlinge, einschließlich der Sabotage des V-Waffenprojektes, da es unwahrscheinlich schien, Dora der Roten Armee unbeschädigt zu übergeben. Diese Einschätzung ergab sich gegen Ende des Jahres 1944. Die Verschworenen hatten sich gut organisiert. In einem Versteck hatten sie gestohlene Explosivstoffe aus den Tunnelbauprojekten versteckt.

Als das Komplott an den Sicherheitsdienst verraten wurde, verhaftete man dreihundert Insassen, die in Verbindung mit der Verschwörung standen. Nach weiteren Verhören wurden ungefähr hundert Betroffene zum Tode verurteilt. Im Tunnel wurden zwei Todesurteile durch Erhängen vollstreckt. Das erste gegen einen der acht Verschwörer, das zweite erfolgte nach einer Auswahl aus einer anderen, doppelt so starken Gruppe. Danach wurden etwa weitere fünfzig Insassen zum Erhängen auf dem Appellplatz bestimmt. Das Erhängen zog

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sich zu lange hin, so daß die SS die Exekutionen durch ein Erschießungskommando beendete.

Ein anderer großer Sabotageversuch wurde im März 1945 entdeckt, als fünfzehn Insassen, die der Widerstandsbewegung angehörten, vor ihrer Exekution einen Fluchtversuch gewagt hatten. Diese Insassen wurden größtenteils während des Fluchtversuchs erschossen. Nur dreien gelang die Flucht. Von ihnen wurden zwei am nächsten Morgen gefangen, der dritte beging Selbstmord.

In Nordhausen benötigten die Deutschen keine Schwerarbeiter, sondern qualifizierte Techniker für feinmechanische Arbeiten. Wie aus den Lagerunterlagen hervorgeht, dauerte es einen bis drei Monate, um einen Arbeiter für eine Tätigkeit in den Werkstätten der Tunnel an der V-1 und V-2 vorzubereiten. Der Verlust von solchen Fachkräften sollte vermieden werden, da es kostspielig und zeitaufwendig war, ausgebildete Kräfte zu ersetzen. Die Deutschen bewerteten die Insassen ausschließlich nach ihrerfachlichen Arbeitskraft. Sie versuchten bestmögliche Bedingungen für diese Fachkräfte zu schaffen. Dies beinhaltete auch bessere Essensrationen. Aber es gelang nicht, bessere Lebensbedingungen im Tunnel zu schaffen. Die Zahl der Todesfälle war alarmierend, und das zu einer Zeit, als Deutschland verzweifelt nach Arbeitskräften suchte. Man verlor die Arbeitskräfte schneller als man sie ausbilden konnte. Um aus diesem Dilemma herauszukommen, hatte man begonnen für die Häftlinge Baracken außerhalb des Lagers zu bauen.

Die Insassen waren vornehmlich männliche Erwachsene. Eine Gruppe von Frauen war in einem Bordell, das dem Lager zur Verfügung stand, untergebracht. Kinder gab es im Lager keine.

Abgesehen von der Tatsache, daß es einen großen Unterschied in der Qualität der Lebensbedingungen, die den gefangenen Arbeitern des Mittelwerk-Projektes geboten wurde, gab, waren Ähnlichkeiten bei den Arbeitsbedingungen für die während des Krieges in den Vereinigten Staaten internierten

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Deutschen offensichtlich. Natürlich handelte es sich bei den Arbeitern von Dora um keine Kriegsgefangenen, und die deutschen Gefangenen in den USA hat man nicht gerade in Waffenfabriken eingesetzt. Der operative Unterschied war der, daß die Vereinigten Staaten physisch gesehen unbeschädigt blieben, während Deutschland von verschiedenen Fronten umringt und von der Luft aus bedroht war. Amerika produzierte im Überfluß, um für den Krieg Nachschub und Kleidung sowie Lebensmittel für die Bevölkerung zur Verfügung stellen zu können.

Im März 1944 konnten die Häftlinge aus dem Tunnel in die Baracken verlegt werden, die für sie am Hang südlich des Kohnsteins gebaut worden waren. Zu dieser Zeit war der Bau des Tunnels, der bevorzugt fertiggestellt worden war, abgeschlossen. Im Mittelwerk begann man mit der Massenherstellung von V-1 - und V-2 - Raketen. Sobald die Häftlinge außerhalb der schlecht ventilierten Tunnel untergebracht waren, gingen die Todesfälle drastisch zurück. Als 1945 Typhus ausbrach und andere Epidemien im Lager grassierten, befand sich das belagerte Deutschland schon auf dem Weg in die verheerende Niederlage. Die Zahl der Todesfälle stieg erneut an.

Erst mit dem Auszug aus dem Tunnel herrschten in Dora -etwa ein Jahr vor der Befreiung - die Zustände eines Standard-Konzentrationslagers. Die Verbesserung hinsichtlich der Unterbringung führte jedoch keineswegs zu einer Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Diese blieben weiter schlecht.

Die Nordhauser Verwaltung versuchte die Situation zu verbessern, indem sie ein Erholungsgebiet einrichtete, das »Boelke Kaserne« genannt wurde. Es war für Häftlinge bestimmt, die für die Arbeit zu schwach geworden waren. Doch die Bedingungen wurden schlimmer, auch wegen der Aufnahme einer großen Zahl von Häftlingen aus Auschwitz und anderen Lagern aus dem östlichen Deutschland seit Beginn des Jahres 1945. Das war der Grund für die Probleme der Überfüllung. Es führte zu einer Beschränkung des zur Ver-

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fügung stehenden Raumes und der Einrichtungen für jeden einzelnen, wie auch zur Verknappung des Personals der Boelke-Kaserne, deren Insassen einer intensiven Betreuung bedurft hätten. Die grundsätzliche medizinische Betreuung der zahlreichen Kranken und Sterbenden litt unter dem Mangel an verfügbaren Betten. Davon gab es weit weniger, als für die in Massen hereinströmenden neuen Insassen nötig gewesen wäre. Selbst wenn Betten vorhanden gewesen wären, hätten die Mittel für eine normale Betreuung nicht mehr ausgereicht.

Diese negativen Kriegsereignisse waren zweifelsohne der Grund für eine sinkende Moral und die geringer werdende Aufmerksamkeit des Personals für die Insassen, die inmitten des Elendsund der Überfüllung wie die Fliegen starben. Mehr noch, die Versorgung mit frischen Lebensmitteln erreichte den Nullpunkt. Die besetzten Gebiete waren von den Alliierten überrannt worden. Deutschlands Verbündete sowie die Neutralen hatten sich vom Deutschen Reich abgewandt. Die Deutschen mußten versuchen mit dem, was sie noch zu Hause vorfanden, auszukommen. Dieses Problem wurde durch die Verschlechterung des Transportsystems verschlimmert. Selbst wenn Lieferungen zusammengestellt worden waren, benötigten sie für die Fahrt nun eine viel längere Zeit, falls sie überhaupt noch eine Chance hatten anzukommen.

Die deutsche landwirtschaftliche Produktion lag am Boden. Beim Wettrennen um Verpflegung und Medizin zwischen deutschen Soldaten und deutschen Zivilisten auf der einen Seite und den Insassen der Konzentrationslager auf der anderen Seite war es nicht schwer zu erkennen, wer gewinnen würde. Es ist vielleicht verständlich, daß die Deutschen zunächst sich selbst versorgen wollten.

Schließlich erreichte das Leiden einen Höhepunkt, als viele Insassen der Boelke-Kaseme durch einen Bombenangriff alliierter Flugzeuge kurz vor der Befreiung Nordhausens getötet wurden. Die Flugzeugbesatzungen wußten nicht, daß es sich bei dem Gebäude um ein Erholungsheim für Arbeitslagerin-

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sassen gehandelt hat. Bei dem Fliegerangriff wurden nicht weniger als dreitausend Insassen getötet. Einige waren von den Wachen erschossen worden, als sie während des Bombenangriffs versucht hatten zu fliehen.

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