DIE ANGEKLAGTEN VON NORDHAUSEN

Gegen Ende September wurde ich dem Verfahren als Protokollführer zugeteilt. Obwohl ich mutmaßte, daß die abnehmende Zahl an erfahrenen Protokollführern dazu geführt hatte, daß ich das Protokoll dieses langen und wichtigen Prozesses führte, konnte ich davon ausgehen, daß meine Vorgesetzten grosses Vertrauen in meine Fähigkeiten setzten, schnell und akkurat aufzuzeichnen. Es gab noch viele andere Protokollanten, die in Dachau zur Verfügung gestanden hätten, aber man hatte mich ausgewählt.

Das Gericht verlangte die tägliche Wiedergabe der Protokolle und das bedeutete, daß ich die Arbeit jeden Tag auszuführen und eine Kopie mit numerierter und vorbereiteter Endschrift zu fertigen hatte, um sie dem Gerichtsvorsitzenden jeden Morgen vor 10.00 Uhr des folgenden Tages, vorzulegen. Um das überhaupt zu schaffen, arbeiteten die Protokollführer in halbstündlichen Schichten. Anschliessend übertrugen sie ihre Notizen in die Schriftform, bevor ihre nächste Schicht etwa eineinhalb oder zweieinhalb Stunden später begann. Fünf bis sechs Protokollführer arbeiteten auf diese Weise, um die Zusammenfassung ihrer Arbeit innerhalb einer bestimmten Zeit anfertigen zu können. Sehr oft standen nur vier Protokollführer zur Verfügung. Dadurch entstand natürlich ein größerer Arbeitsdruck. Die Zeit reichte kaum aus, um außerhalb der Protokollaufnahmen etwas Entspannung zu finden.

Die Protokollführer, die an einem Tagesbericht zusammenarbeiteten, mussten ein kooperatives und gut koordiniertes Team bilden. Da wir unter Personalmangel litten, war gemeinschaftliches Handeln eine notwendige Voraussetzung. Wir hatten den Verlauf der Verhandlung genau zu beobachten, um jederzeit wechseln zu können. Mr. Teasley lenkte das Protokollantenteam sehr sorgfältig und reagierte bei den kleinsten Abweichungen entsprechend.

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Leiter der Anklage war Lieutenant Colonel (Oberstleutnant) William Berman, der von Captain (Hauptmann) William F. McGarry, Captain John J. Ryan und First Lieutenant (Oberleutnant) William F. Jones assistiert wurde. Major Leon B. Poullada war der Leiter der Verteidigung. Seine Mitarbeiter waren Captain Paul D. Strader jr. und drei deutsche Rechtsanwälte der Verteidigung, Emil Aheimer, Ludwig Renner und Konrad Max Trimolt. Die deutschen Verteidiger spielten im Gegensatz zu den bisherigen Auftritten der deutschen Verteidiger in Dachau, an denen ich teilgenommen hatte, eine größere Rolle als zunächst angenommen.

Es war interessant, Colonel Berman bei Gericht zu beobachten. Seine Amtssprache schien - im Vergleich zu den anderen Anwälten in Dachau - sehr formell zu sein. Tatsächlich war sie ausgesprochen »gerichtsamtlich«. Die meisten -meines Wissens sogar alle amerikanischen Anwälte - würden sagen: »Wäre es dem Gericht recht«, wenn sie unterbrechen oder einen Einwand machen wollten. Colonel Berman sagte dagegen: »Ich bitte um die Entscheidung des Gerichts«. Damit umgab er sich mit der Aura einer zeremoniellen Würde.

Er hatte große, hervorstehende helle und glänzende Augen. Wenn sie noch ein wenig mehr hervorgestanden wären, hätte er komisch ausgesehen. Aber die Rundung seiner Augen ließ ihn freundlich erscheinen. Sie zwinkerten, als ob er ständig über einen Scherz belustigt sei. Neben Major Poullada, dem Hauptverteidiger, wirkte er eher stämmig. Dies Hess ihn angenehm und weniger furchteinflößend erscheinen. Colonel Berman schien bei Gericht stets voll entspannt zu sein. Er saß während der Verhandlungen meistens, machte dabei einen sehr gelösten Eindruck. Nur bei Einwänden erhob er sich. Er sprach stets frei und sehr ruhig.

Major Leon B. Poullada, Bermans Gegner von der Verteidigung, war ein beeindruckender Amerikaner alter spanischer Herkunft. Jeder Zoll an ihm entsprach der Würde eines gut aussehenden Grandseigneurs. Sein hellbraunes, rötlich getön-

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tes Haar war so sorgsam gekämmt, daß man meinte, ein jedes Haar wäre für alle Ewigkeit an seinem richtigen Platz eingeordnet. Er hatte eine helle Hautfarbe, und trug einen kleinen Schnurrbart. Dies war in jener Zeit bei den amerikanischen Männern - im Gegensatz zu Lateinamerikanern - nicht üblich. Poullada war anspruchsvoll gekleidet und sein Erscheinungsbild zeigte peinlich genaue Pflege. In Gruppen anderer Offiziere fiel er sofort auf. Doch niemals wirkte er eingebildet. Sein Stil wirkte dadurch auf eine natürliche Weise echt.

Wie Colonel Berman war auch Major Poullada bei Gericht immer entspannt. Zwischen Major Poullada und den Protokollführern sowie den anderen Gerichtsangestellten war immer eine gewisse Distanz spürbar. Nicht weil er unfreundlich war sondern wegen seines »polierten« Äußeren und seiner extrem korrekten Berufseinstellung. (Oder war es einfach meine Bewunderung seiner Haltung und seiner Fähigkeit eine Sache zu vertreten, die von Anfang an eigentlich schon als verloren erschien?) Er sprach und bewegte sich mit ruhiger Gelassenheit und vollkommener Selbstsicherheit. Dadurch wurde ihm ein Respekt zuteil, wie er nie zuvor einem der Hauptverteidiger Dachaus entgegengebracht worden war. Er zeigte weder Zorn noch sprach er im Gegensatz zur Anklage heftig oder laut.

Als ich meine Arbeit bei diesem Fall aufnahm, lief der Prozeß schon seit fast zwei Monaten. Nach der Beendigung des Plädoyers der Anklage, am 15. Oktober, folgte eine zehntägige Unterbrechung. Major Poullada begann nun mit dem Plädoyer der Verteidigung.

Obwohl ich viel aus der Argumentation der Anklage für diesen Fall vermißt hatte - die Anklage hatte jeden Zeugen der Verteidigung während der Verhandlung einem Kreuzverhör unterzogen - konnte man die Strategie der Anklage während des ganzen Falles deutlich erkennen. Das gleiche galt natürlich für die Verteidigung, da die Beweisaufnahmen und der Ablauf der Zeugenaussagen für die Anklage sowie für die Verteidigung selten ganz entgegengesetzt sind. Um ihre Be-

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hauptungen zu beweisen, streiten beide gewöhnlich über die gleiche Aussage in der Absicht, die Überlegungen des Gerichts möglichst in die eigene Richtung zu lenken.

Als ich meine Arbeit für den Nordhausen-Prozeß begann, war das Wetter immer noch sehr schön, die Krönung eines zauberhaften Sommers. Der Herbst setzte die Sommerwärme mit ausreichendem Sonnenschein und angenehmen Temperaturen während des Tages fort. Der Gerichtsraum, der sich tagsüber meistens im Schatten befand, war im allgemeinen kühl. Die Fenster blieben, wenn es das Wetter erlaubte, offen. Es war an solch einem schönen Tag, als mich eine lästige Fliege, wie eingangs erwähnt, mit Josef Kilian, dem Gefangenen, der die Fliege zu fangen versuchte, bekanntmachte.

Bis zum Nordhausen Prozeß hatte mein ganzes menschliches Mitgefühl Rudolf Merkel, mit dem ich nie ein Wort gewechselt hatte, gegolten. Nun begann ich aber eine freundlichere Einstellung gegenüber den Angeklagten von Nordhausen zu entwickeln, obwohl ich zu ihnen keine besonderen emotionellen Bindungen hatte. Ich hatte nun für den Nordhausen Prozeß schon länger als für irgend ein anderes Verfahren gearbeitet. Ich hatte mit den Angeklagten bis dahin noch kein Wort gewechselt, doch dies sollte sich bald ändern.

Zu Beginn des Verfahrens konnte ich nicht feststellen, welcher Angeklagte eine Persönlichkeit, intelligent, flegelhaft oder grob, ein Kapo, SS-Offizier oder regulärer Soldat war. Alle trugen abgetragene Straßenkleidung, die aussah, als wenn sie aus einem Gebrauchtwarenladen zweiter oder dritter Hand oder von einer Wohlfahrtseinrichtung gekommen wäre. Die Kleidung hatte nicht den Anflug einer Farbe, sie war undefinierbar, außer braun, dunkelblau oder schwarz.

Bald begann ich die individuellen Eigenschaften der Angeklagten von Nordhausen zu erkennen.

Der achtunddreißigjährige Josef Kilian hatte dünnes, hellbraunes Haar mit einer sich an den Schläfen abzeichnenden Glatzenbildung. Er war als deutscher politischer Gefangener in Nordhausen inhaftiert. Dort wurde er Kapo. In seiner Funk-159


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tion als Lagerhenker wurde er nun - ohne zu berücksichtigen, daß er nur die Befehle seiner Vorgesetzten ausführte - des Mordes an allen Häftlingen angeklagt, die er exekutiert hatte. Kilian und noch ein weiterer Kapo, der als Henker im Lager gearbeitet hatte, mussten im Gegensatz zu den anderen Angeklagten - abgesehen von einigen - mit dem Schlimmsten rechnen. Seine vor Gericht zur Schau getragene Lockerheit war trügerisch. Wenn etwas geschah was ihn anbetraf, reagierte er so rasch wie von der Tarantel gestochen. Das Erlebnis mit der Fliege war für ihn typisch.

Einen scharfen Kontrast zu ihm bot Willi Zwiener(40), dem klar anzusehen war, daß er verzweifelt hoffte, wieder seine Freiheit zu gewinnen. Zwiener, der andere Henker von Nordhausen, folgte den Vorgängen mit gespannter Aufmerksamkeit, registrierte jedes Wort. Zuerst Gefangener der Deutschen in Nordhausen war er nun Gefangener der Amerikaner. Diesmal ging es bei dem Verfahren um sein Leben. Man behauptete, Zwiener habe sich freiwillig als Henker gemeldet. Aber wie Kilian bestand er darauf, unter Zwang gehandelt zu haben. Zwiener sagte aus, daß ihm der Lagerkommandant mitgeteilt habe, daß er keine Wahl hätte: entweder er sei der Vollstrecker oder er würde selbst zum Opfer.

Auch äusserlich unterschied sich Zwiener von Kilian. Gut gewachsen, sah er nicht nur kräftig, sondern auch zäh aus. Sein Haar war dick, voll und schwarz. Dies liess ihn umso bedrohlicher erscheinen. Er erschien eifrig bemüht auszusagen, und er scheute sich auch nicht das Gericht zu unterbrechen. Aber bis er in den Zeugenstand kam, verhielt er sich friedlich. Während Zwiener vor Gericht einen durchaus freundlichen Eindruck machte, wäre ich ihm ungerne alleine auf einem dunklen Weg begegnet.

Noch zwei weitere Kapos standen vor Gericht: Walter Ulbricht (ohne verwandtschaftliche Beziehung zu dem kommunistischen Führer der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik), ein unscheinbar aussehender wortkarger Mann, Mitte vierzig, der als Häftling von Nordhausen in der

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Verwaltung für die Zulieferungen arbeitete und Richard Walenta, der über Buchenwald und Dachau nach Nordhausen gekommen war. Walenta hatte wenig Ähnlichkeit mit den anderen Kapos, obwohl auch er wegen Grausamkeiten gegen Insassen des KZs angeklagt war.

Von den SS-Angeklagten war Hans Karl Möser (Obersturmführer) der auffallendste. Er war für die Verwaltung sowie für die Sicherheit im Lager und für die Disziplin der Insassen zuständig. In Mösers häßlichem unförmigen Gesicht mangelte es an jeder menschlichen Wärme. Dadurch fiel er in der Gruppe der Angeklagten besonders auf. Eine nächtliche Begegnung mit Möser, Auge in Auge, würde auch dem Tapfersten Angst einjagen. Sein Augenlid fiel schwer über das rechte Auge, während das linke Auge mächtig und scharf herausstach. Möser schien stets ein spöttisches Lächeln auf seinen Lippen spielen zu lassen. Die allgemeine Meinung unter der Protokollführern war, daß er wahrscheinlich zum Tode verurteilt werden würde -schon alleine auf Grund seines Aussehens.

Vielleicht war sich Möser seines abstoßenden Erscheinungsbildes bewusst und deshalb im Gericht stets schweigsam. Er betrat mit den anderen Angeklagten wortlos den Gerichtssaal und verliess ihn wieder genau so wortlos. Geschah während der Verhandlungen etwas Amüsantes, so stimmten die anderen achtzehn Angeklagten in das allgemeine Lachen ein, doch Möser lächelte nicht einmal. Es war, als ob er bereits sein Schicksal kennte.

Ein unangenehmer Typ unter den Angeklagten war Georg Johannes Rickhey, ein Zivilist. Rickhey war Generaldirektor der Mittelwerk GmbH Nordhausen. Obwohl er eigentlich keinen Kontakt mit den Häftlingen hatte, war er angeklagt, weil er ein Produktions- Beschleunigungssystem eingeführt hatte, das zur Überlastung der Häftlinge bis zu dem Punkt führte, daß viele wegen Erschöpfung den Tod fanden. Er war außerdem angeklagt, geringfügige Vergehen dem Sicherheitsdienst und der Gestapo als Sabotage gemeldet zu haben, was

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häufig zur Verurteilung durch Erhängen, innerhalb und außerhalb des Tunnels geführt hatte. Eine andere Anklage lautete auf »Ausnutzung der Machtbefugnisse seiner Funktion zur Duldung des Todes von Hunderten von Gefangenen durch Erschöpfung und auf andere Weise.«

Rickheys Manieren dem Gericht gegenüber waren entwürdigend. Er behandelte jeden im Gericht mit Verachtung. Die Art, wie er von oben herab Fragen beantwortete, kam derjenigen der Berufszeugen gleich. Ich fand bald die Erklärung dafür.

Rickhey wurde zunächst in die Vereinigten Staaten gebracht, wo er am amerikanischen Raketenprogramm mitarbeitete, wurde dann aber nach Nordhausen zurückgeschickt, um im Nordhausenprozeß aussagen zu können. Einmal in Dachau angelangt, hatten ihn übereifrige Kriegsverbrechensfahnder mit schweren Verbrechen in Verbindung gebracht, daß dies jeden in Verlegenheit brachte, sowohl Rickhey selbst als auch dessen mächtige Förderer in der US-Regierung und schließlich auch die Fahnder.

Als ich davon erfuhr, erschien mir die Geschichte irgendwie vertraut, denn ich erinnerte mich eines hastigen Telegrammwechsels hoch eingestufter Überseekabelmitteilungen in der Rickhey-Affaire während meiner Zeit beim Pentagon.

Rickhey war als Angeklagter gezwungen, bis zum Ende des Verfahrens auszuharren. Seine Beschützer versicherten ihm, daß er freikommen würde. Rickheys Status war ein offenes Geheimnis in Dachau und wir sprachen oft darüber.

Georg Rickhey hätte eigentlich nie wegen der gegen ihn vorliegenden Anklagen vor Gericht kommen sollen. Die einzig fundierte Anklage war die »Spionageanklage wegen unbedeutender Kleinigkeiten« in Dora. Doch auch dabei erfüllte er nur seine geschäftsführenden Pflichten als Direktor. Das gesamte Mittel werk-Projekt war Gegenstand strengster Geheimhaltung und Rickheys Vorgesetzte glaubten, daß das Schicksal des Landes von den V-1 und V-2 Raketen abhing. Hätte Rickhey anders handeln können als er es getan hat, ohne seine

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Pflichten zu verletzen und ohne sein Land und sich selbst in Gefahr zu bringen? Die notgedrungene Anerkennung seines Standpunktes machte ihn noch unbeliebter.

Erhart Brauny, ein ehemaliger Hauptscharführer der SS, der auch in Buchenwald Dienst tat, wurde zum Kommandanten des Nebenlagers Rottleberode als Teil des Dora/Nordhau-sen Komplexes befördert. Die Anklage bezog sich spöttisch auf ihn als den »gut aussehenden Unschuldigen, der sich an nichts mehr erinnern könne.«

Brauny war zur Zeit des Verfahrens fünfunddreißig Jahre alt. Er stand unter der Anklage, schrecklich Prügelungen und Mißhandlungen an Gefangenen sowie persönlich sadistische Taten an den Häftlingen in Rottleberode begangen zu haben. Er war auch angeklagt, Leiter des schandbaren Evakuierungsmarsches kurz vor Beendigung des Krieges von Rottleberode nach Gardelegen gewesen zu sein. Hierbei ging man von einer Tötung der ganzen Gruppe aus, da die Gefangenen in eine Scheune eingesperrt wurden, die man dann in Brand steckte. Die Amerikaner trafen am nächsten Tag ein, noch bevor jemand in der Lage war, die Leichen zu entfernen.

Arthur Kurt Andrae, unter dessen Namen der Prozeß geführt wurde, war Unterführer im Range eines Feldwebels bei de'r SS. Er war einer der älteren Angeklagten aus dem Nordhausenkomplex. Zunächst war er im Konzentrationslager Flos-senbürg eingesetzt gewesen, von wo aus er zu einem Konzentrationslager in den Niederlanden versetzt wurde. Danach musste er das Postamt für Gefangene in Nordhausen übernehmen. Er wurde angeklagt, ein System des Diebstahls von Paketen des Roten Kreuzes, die an Häftlinge adressiert waren, organisiert zu haben. Diese Pakete enthielten Lebensmittel. Der Diebstahl dieser Lebensmittel hatte die Häftlinge um lebenswichtige Nährmittel gebracht. Die Anklage argumentierte, daß solche Verluste zum Tod vieler Insassen durch Erschöpfung führte. Andrae wurde auch angeklagt bei persönlich ausgeführten sadistischen Handlungen einen Häftling getötet zu haben.

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Zwei andere Angeklagte, die mich weniger beindruckten, waren Otto Brinkmann und Emil Bühring. Brinkmann war SS-Oberscharführer und Leiter der Schutzaufsicht über Ellrich, ein Nebenlager des Dora/Nordhausenkomplexes. Der Siebenunddreißigjährige war angeklagt »Gefangene schwer geschlagen und mißhandelt zu haben, wodurch der Tod zahlreicher Menschen eingetreten sei.« Er wurde außerdem für einen »nahezu unglaublichen Sadismus« gegenüber Häftlingen verantwortlich gemacht sowie für die Tötung von Gefangenen. Stabsfeldwebel Bühring, im Zivilleben Landwirt, war Aufseher bei einem Evakuierungstransport von Dora nach Ravensbrück. Er wurde angeklagt, an einer, wie die Anklage es nannte, »extremen Befragung von Gefangenen im dritten Grad« in Dora/Nordhausen - im Dora-Bunker - teilgenommen zu haben. Dort habe er Gefangene geschlagen, mißhandelt und gefoltert, »vielfach ihren Tod verursacht« und Gefangene getötet.

Einer der jüngeren und wohl der flexibelste der Angeklagten, war Heinrich (Heinz) Detmers, ein ehemaliger SS-Oberleutnant. Detmers war zuvor im Hauptquartier der SS in Berlin eingesetzt, bevor er nach Dachau versetzt wurde, um als Adjutant des Lagerkommandanten Alex Piorkowski eingesetzt zu werden. Detmers war nur fünfzig Tage in Dachau, doch zusammen mit Piorkowski war er aufgrund seiner Dachauer Dienstzeit schon verurteilt worden.

Nach seiner erneuten Abkommandierung in das SS-Hauptquartier in Berlin wurde Detmers nach Dora versetzt, wo er Lagerleiter in Hersbruck, einem Nebenlager des Nordhausenkomplexes wurde. Als Lagerleiter wurde er für alle »ungesetzlichen und inhumanen Handlungen«, die der Lagerkommandant angeordnet hatte, verantwortlich gemacht. Als Offizier mit gesetzlicher Befugnis war er angeklagt, »die Farce richterlicher Vorgänge durchgeführt zu haben, die darin bestand, den Angeklagten zu schlagen und ihn dann zu fragen: >Sind Sie schuldig?<, mit anschließender Unterzeichnung der Todesurteile.« Detmers und die anderen wurden des persönli-

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chen Sadismus gegenüber Häftlingen mit der Teilnahme an Tötungen beschuldigt.

Detmers, der ein verhältnismäßig gutes Englisch sprach, schien an die Abläufe vor Gericht gewöhnt zu sein. Dies hatte zweifellos mit seinen vorausgegangenen Erfahrungen während der Verhandlungen in Dachau im selben Jahr zu tun. Die Anklage, der die Lebhaftigkeit Detmers ebenfalls nicht unbemerkt blieb, nannte ihn sarkastisch »den erfahrenen Adjutanten Detmers,« der »nichts weiß.« Von allen Angeklagten der Dachauer Prozesse war es Detmers, den ich am besten kennenlernen sollte.

Der Angeklagte Georg König war Textilarbeiter, bevor er in den Militärdienst trat. Wie die meisten anderen begann er seinen Dienst als Aufseher im Konzentrationslager Buchenwald. In Dora war König Leiter des Autoparks, ausserdem war er auch Leiter des Zählappells. Er wurde angeklagt, »schrecklichen Sadismus gegenüber den Häftlingen ausgeübt zu haben, was vielfach zu deren Tod geführt habe. Außerdem hätte er Häftlinge und Kriegsgefangene geschlagen und getötet. Er habe seine Untergebenen aufgefordert, Häftlinge zu schlagen und zu töten. Der Ankläger nannte König »die Bestie« sowie den »schrecklichen Schlägerund »unbarmherzigen Mörder.«

Dr. Heinrich Schmidt, ein Arzt, war Hauptsturmführer bei der SS. Als Chefarzt in der Boelke Kaserne, wo die Insassen zur gesundheitlichen Rehabilitation untergebracht waren, war er angeklagt »die Prinzipien Äskulaps zugunsten des >Nazis-mus< verletzt zu haben.« Dr. Schmidt war angeklagt, den Tod Hunderter von Tuberkulose- und anderer Seuchen-Opfern verschuldet, sowie die im Lager herrschende Hungersnot »mit Gleichgültigkeit« hingenommen zu haben. Ihre Gesundheit hatte in seiner Verantwortung gelegen. Neben seiner Nachlässigkeit legte ihm die Anklage seine Verantwortung für den »Tod zahlreicher Leute« zur Last.

Es muss festgestellt werden, daß die Anklagen gegen die Nordhauser nicht zu allgemein, doch oft recht vage gehalten waren. Die allgemeine Anklage »Schlagen und Töten« von

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Gefangenen, wurde uns, die wir in Dachau arbeiteten, zu einer Routinefloskel. Anfangs schauderte es uns, als wir von solchen Anklagen hörten, doch nach einigen Verhandlungswochen verlor auch dies seine Wirkung. Die Belastungsaussagen waren oft so deutlich übertrieben, und viele Zeugenaussagen waren so vage, daß die anderen Protokollführerund ich uns oft ernsthaft fragten wie es wohl um die Integrität und um die Motive dieser »Zeugen« bestellt sei.

Ein anderer Vorwurf gegen die Angeklagten lautete auf »willkürlichen persönlichen Sadismus gegenüber allen Insassen«; eine noch allgemeinere und ungenauere Anklage, die einer glaubhaften Beweisführung seitens glaubwürdiger Zeugen bedurft hätte.

Unter normalen Umständen, das heißt bei einem Gericht, das sich an die Auflagen der Verfassung der Vereinigten Staaten gebunden gefühlt hätte, wären die Argumente der Anklage in unserem Fall auf sehr schwachen Füßen gestanden.

Ein Punkt, der die Argumentation der Anklage vor einem Schöffengericht erschwert hätte und selbst vom Standpunkt eines militärischen Strafgerichts aus gesehen sehr bedenklich war, war die sichtbare Aufgeräumtheit der Gefangenen. Vielleicht war auch die Länge des Verfahrens der Grund dafür, daß die Angeklagten weniger angespannt waren, als dies in den Gerichtssälen von Dachau sonst der Fall war. Bei amüsanten Fragen oder Aussagen lachten sie lauthals und nicht selten scherzten sie untereinander mit einer einzigen Ausnahme: Hans Möser. Dessen Gesicht schien unfähig, sich zu einem Lächeln zu verziehen.

Alle anderen, mit der Ausnahme von Rickhey, machten den Eindruck von Leuten, denen man täglich auf der Straße begegnen konnte. Sogar Rickhey liess es sich kaum anmerken, daß er sich erhaben fühlte über das, was im Gerichtsraum vorging, da er davon überzeugt war, Dachau und die Kriegsverbrecherprozesse bald verlassen zu können.

Detmers konnte sich sehr schnell umstellen. Einmal war er intensiver Beobachter der Gerichtsvorgänge, das andere Mal

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gab er sich den Anschein eines entspannten und angenehmen Menschen. Es schien, daß die anderen Angeklagten Detmers Verhalten als richtungweisend betrachteten, sobald sie außerhalb der Gerichtssitzungen waren. Aber alle folgten den Vorgängen aufmerksam. Im übrigen waren sie sehr höflich. Wobei es auch in Dachau unter den Angeklagten nicht außergewöhnlich war, als unfehlbar ordentlich und höflich zu gelten.

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