DIE KAPOS VON NORDHAUSEN SONDERN SICH AB

Kurz nachdem Hauptverteidiger Poullada gegen Ende Oktober den Fall wieder aufgenommen hatte, tauchte im Gerichtsaal das Gerücht auf, die vier Kapos beabsichtigten Aussagen vorzubereiten, um andere Angeklagte zu belasten. Das war eine Sensation. Es war für einen Angeklagten in Dachau ganz gleich, ob Kapo oder SS-Mann, ganz ungewöhnlich gegen einen mitangeklagten Leidensgenossen auszusagen. Doch das Gerücht bewahrheitete sich. Die vier Kapos sagten gegen die Mitangeklagten der SS, die mit ihnen auf der Anklagebank saßen, aus.

Ich habe nie herausgebracht, ob es sich um eine Strategie ihrer Verteidigung gehandelt hat oder ob die angeklagten Kapos sich selbst dazu entschlossen hatten. Wenn die Idee von den Kapos ausgegangen war, hatte meines Erachtens Willi Zwiener daran entscheidenden Anteil. Bemerkenswerterweiseschienen die anderen Angeklagten dies den vier Kapos nicht übel zu nehmen. Das Benehmen der Angeklagten ließ keine Anzeichen einer Spaltung unter ihnen erkennen, trotz des neuen Belastungsmaterials.

Als Folge dieser »gegen die anderen Angeklagten gerichteten neuen Haltung der Kapos« mußte das Gericht in einen größeren Gerichtssaal umziehen. Ich war bestrebt, auf dem laufenden zu bleiben und beeilte mich deshalb beim Abschreiben meiner Aufzeichnungen in meinem Büro, um danach sofort in den Gerichtsraum zurückeilen zu können. Ich fand einen Platz in der ersten Reihe, den ich schnell und unauffällig erreichen und wieder verlassen konnte, um meinen Zeitplan erfüllen zu können.

Der erste der Kapos, der aussagte, war Willi Zwiener. Dies erhärtete meinen Verdacht, daß er es war, der bei dem Versuch, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen, den Plan ausgeheckt hatte. Der zweite Kapo, der aussagte, war Josef Kilian.

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Interessanterweise waren es die zwei Henker, die den größeren Teil der belastenden Aussagen gegen die anderen Angeklagten vortrugen. Willi Zwieners Erklärung war die längste. Er schien so viele der übrigen Angeklagten beschuldigen zu wollen wie nur möglich.

Zwieners und Kilians Berichte dienten ganz offensichtlich nur dem eigenen Interesse. Trotzdem, ihre Vorträge hätten sehr leicht Sympathien bei den Zuhörern erwecken können, denn schließlich war Zwiener seit Oktober 1940 Gefangener des NS-Regimes. Doch letztendlich hatte man sich wieder mit der Tatsache abzufinden, daß die beiden für kriminelle und nicht für politische Handlungen gefangengehalten wurden.

Beide Männer bestanden darauf, daß sie lediglich Befehlen gehorcht hätten. Beide sagten aus, daß sie von der Verwaltung des Konzentrationslagers gerufen und daran erinnert wurden, daß sie kriminelle Gefangene waren und man sie hängen könne, falls sie nicht als Henker tätig werden würden. Beide gaben an, dagegen Einspruch erhoben zu haben, leider erfolglos.

Kilian selbst sagte, daß er von der Technik des Hängens absolut nichts gewußt habe. Er sei dann vom Lagerarzt Dr. Kahr angeleitet worden.

Zwiener sagte aus, daß er keine Gelegenheit gehabt hatte festzustellen, ob das Erhängen ungesetzlich war. Er sagte aus, daß das Todesurteil immer durch einen Dolmetscher vorgelesen und manchmal während des Zählappells über den Lagerlautsprecher bekanntgegeben wurde. Er fügte hinzu, daß er nicht gewußt habe, welche Art der Verhandlung man den Verurteilten gewährt hatte und daß er außerdem nicht die Möglichkeit gehabt habe, dies herauszufinden.

Zwiener erzählte sehr negativ von Rickhey, von dem er sagte, daß er jeden Gefangenen in »gemeinster Weise« unter Druck gesetzt habe. Er behauptete, daß Rickhey ein Spitzelsystem unter den Gefangenen geschaffen habe, wobei einer über den anderen Informationen an die Lagerverwaltung weitergab. Er sagte weiter aus, daß Rickhey begonnen hatte, Anreiz-169


boni auszugeben, wodurch Arbeiter für größere Leistungen belohnt wurden, was aber gleichzeitig größeren Druck zur Folge hatte. Nach den Worten Zwieners hatte sich Rickhey sein mörderisches System in Ruhe auf seinem Wohnsitz außerhalb des Lagers ausgedacht. Zwiener sagte, daß Rickhey auch persönlich Gefangene bestraft hätte. Er berichtete, daß Rickhey im Mittelwerk Reden gehalten habe, in denen er die Häftlinge unter Androhung von Strafe zu noch größerer Eile aufforderte.

Zwiener sagte dann zu einem Vorfall aus, der eigentlich lächerlich war. Einer der Zigeunerhäftlinge hatte einen Fluchtversuch gemacht. Er wurde gefaßt und zum Lager zurückgebracht. Als Strafe mußte er sich Frauenkleider anziehen. Mit einer Frauenbluse, Unterhosen und Hut bekleidet sowie mit einem offenen Sonnenschirm in der Hand wurde er gezwungen, um einen Baum herumzutanzen und dabei das deutsche Volkslied »Das Wandern ist des Müllers Lust« zu singen. Dies, so Zwiener, habe er von seinem Zellenfenster aus beobachtet. Er fügte hinzu, daß der Zigeuner einige Wochen später gehenkt worden sei. (Viel später erfuhr ich, daß erzwungenes Singen während der Ausbildung deutscher Soldaten nicht ungewöhnlich war.)

Kilian sagte aus, daß Rickhey während der von ihm durchgeführten Vollstreckung der Todesurteile durch Erhängen anwesend war. Kilian versicherte, daß er dies auf Befehl getan habe, während Rickhey jedoch freiwillig dabei gewesen sei. Kilian belastete Hans Möser und Otto Brinkmann. Sie seien bei mehreren Gelegenheiten im Bunker dabei gewesen, obwohl er den Grund dafür nicht angeben konnte. Er sagte, daß er sich darüber beschwert habe, daß die Galgen nicht richtig gebaut wären und daß Rudolf Jacobi, ein anderer Angeklagter im Rang eines Oberfeldwebels der SS, ihm gesagt habe, er möge die Gefangenen an einem Baum aufhängen. Kilian sagte weiter aus, daß Kurt Heinrich den Erhängungen beigewohnt habe. Er habe gesehen, wie der Angeklagte Paul Maischein eine blutverschmierte Tragbahre getragen habe.

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Weil er das gesehen habe, sei er, Kilian, in eine Zelle gesperrt worden.

Sowohl Zwiener als auch Kilian rühmten sich ihrer Sorge um die anderen Häftlinge. Es hörte sich so an, als ob beide um den Titel des Lager-Hauptwohltäters rangen. Hätte man solchen Aussagen vorbehaltlos geglaubt, hätte man meinen können, daß die meisten Angeklagten der Konzentrationslagerfälle ihre größte Freude darin hatten, in ihrer Freizeit den Mithäftlingen eine Freude zu bereiten. Solche Sprüche waren jedoch genau so unglaubwürdig wie die Erfindungen und Übertreibungen der sogenannten Berufszeugen.

Kilians Aussage führte zu einigen Verwirrungen. Er war ja beschuldigt worden, einen Schemel geholt zu haben, um Häftlinge totzuschlagen, die man erhängt hatte, aber noch nicht tot waren. Kilian antwortete, daß in der Aufregung und Eile, die bei der Vollstreckung herrschte, er wohl einige der Schemel, die beim Gerüst standen, umgestoßen hatte. Dadurch könnte er den einen oder anderen Gefangenen am Boden getroffen haben. Alle Häftlinge, die am Boden lagen, waren allerdings durch den anwesenden Arzt für tot erklärt worden.

Major Poullada nahm Zwieners Aussagen, die eindeutig gegen die anderen Angeklagten gerichtet waren, als Herausforderung an, hielt ihm jedoch entgegen, daß er seine Aussagen gemacht habe, um seine eigene Freiheit zu gewinnen. Poullada nannte Zwiener »einen Lügner« und behauptete, daß er einen aus der Gruppe des Anklägerpersonals zu dieser Aussage befragt habe.

An Zwieners Aussage fesselten mich seine lebhaften Beschreibungen des Lebens in einem Konzentrationslager. Seine Kommentare eigentlich dienten weniger seiner eigenen Verteidigung als vielmehr der Schilderung der Brutalität innerhalb des Konzentrationslagers, wobei die meisten schlimmen Handlungen gegenüber Häftlingen durch andere Häftlinge oder Kapos ausgeführt wurden, nicht aber durch die SS-Wachen. Wenn überhaupt, so richteten sich Zwieners Aussa-

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gen eher gegen sich selbst. Daher erhielten seine Kommentare über die Lebensbedingungen im Lager eine nicht abzustreitende Glaubwürdigkeit.

Es war Zwiener, der mein früheres Bild von den Insassen des Lagers als einer »zusammengepferchten, geschändeten Menschenmasse« gründlich änderte. Die Insassen ließen sich nun besser einordnen. Einmal nach der Nationalität aber auch nach der Schwere der Vergehen, deretwegen sie eingeliefert worden waren. Nach Zwieners Aussagen waren die Gefangenen nicht in Zellen eingesperrt. Sie konnten sich auf dem gesamten Lagergelände frei bewegen und nicht nur innerhalb ihres Arbeitsbereiches. Das Konzentrationslager war in der Tat eine kleine Stadt - zwar ohne Wurzeln. Doch für die Häftlinge, die es sich leisten konnten,bot sie alle Annehmlichkeiten einer Stadt.

Die Häftlinge bildeten nach Nationalität und anderen Gemeinsamkeiten Gruppen. Einige Gruppen im Lager mochten sich nicht. Meine in Dachau gemachten Beobachtungen schienen sich zu bestätigen. Die verschiedenen Gruppen wollten sogar nach der Befreiung wenig miteinander zu tun haben. Man hätte meinen sollen, daß diese Menschen ihre gemeinsame Leidenszeit zusammengeschweißt hat, doch dem war nicht so. Neben der nationalen Gemeinsamkeit gruppierten sich die Insassen auch nach kulturellen und intellektuellen Gesichtspunkten. Dabei blickten die Gebildeteren mit Herablassung auf jene, die sie unterhalb ihres Niveaus wähnten.

Zwieners Beschreibung der Raketenherstellung im Tunnel erinnerte die Zuhörer daran, daß viele Zivilisten mit den Häftlingen zusammen arbeiteten. Alle unterlagen gleichermaßen den strengen Sicherheitsbestimmungen. Daß neben den Zivilisten auch die Häftlinge für ihre Arbeit bezahlt wurden, überraschte mich. Ihre Löhne waren allerdings niedriger. Mit ihrem Lohn konnten sie in den Lagerläden einkaufen: z.B. Tabak oder Lebensmittel zur Verbesserung ihrer Rationen.

Diebstahl unter den Gefangenen war an der Tagesordnung. Das Diebesgut machte einen beachtlichen Teil des Schwarz-172


marktes im Lager aus. Auch die Zivilarbeiter beteiligten sich am Schwarzmarkt. Deutsche waren weniger beteiligt, die meisten waren Osteuropäer. Von ihnen waren die Russen am schlimmsten; sie bestahlen jeden im Lager.

Am meisten wurden Lebensmittel gestohlen. Beim Transport von der Küche zu den Arbeitsplätzen wurden die großen offenen Kessel regelmäßig von bis zu fünfzehn Häftlingen überfallen. Sie überwältigten die Essensträger und bedienten sich sogleich an Ort und Stelle in großen Mengen. Manchmal hatten die Diebe die Kessel total geleert und die Arbeitsmannschaft bekam nichts und blieb hungrig. Sie lauerten auch einsamen und schwachen Insassen auf und raubten ihnen die tägliche Essensration und gaben sie so dem Hunger und - im Fall chronisch leidender Opfer - der völligen Entkräftung preis.

Die Lagerküche - dort arbeiteten ungefähr 120 Häftlinge - war ebenfalls ein Ort organisierten Diebstahls. Dort wurden in Zusammenarbeit mit den Kapos (wenn nicht sogar unter deren Führung) große Mengen an Wurst, Fleisch und Fett gestohlen. Butterklumpen, Fleischstücke, das beste Brot und Gemüse, all das wurde an die, wie Zwiener sie nannte, »prominenten Häftlinge«, weitergegeben oder verkauft. Es gab Beispiele, wo Häftlinge die elektrischen Kabel zerschnitten, damit die Küche und die Lagerräume dunkel blieben und so leichter auszuplündern waren. Auf diese Weise wurde den arbeitenden Häftlingen ihre karge Ration noch weiter gekürzt.

Was nicht bewacht wurde, war dem Diebstahl preisgegeben. Die Gefangenen mußten, auch wenn sie schliefen sehr sorgfältig auf ihre Kleider achtgeben.

Die Häftlinge wurden regelmäßig in einem Duschraum entlaust. Dabei konnten die Entkleideten leicht noch dessen beraubt werden, was sie noch bei sich hatten. Die Häftlinge, die in den Bädern arbeiteten, hatten stets einen guten Vorrat an Golduhren und Ringen. Auch davon landete vieles bei den »prominenten Gefangenen«.

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Die Zusammenarbeit mit den Zivilarbeitern führte zu weiteren Diebstählen. Die Zivilisten waren gute Abnehmer für Lebensmittel, Kleidung, Schuhe, Uhren, Ringe, Decken, für nahezu alles, was die Diebe im Lager stehlen konnten. Es gehörte zu den Aufgaben der Kapos, Tabak unter die Häftlinge zu verteilen. Doch Tabak war auch gleichzeitig eine Ware, die sich geradezu anbot, an die Zivilbeschäftigten verkauft zu werden.

Ein anderer Ort mit guten Möglichkeiten zu stehlen war die Wäscherei. Sehr oft erhielten die Häftlinge ihre saubere Kleidung nicht mehr zurück. Die Kleider wurden auf dem Schwarzmarkt verkauft. Die besseren Stücke wurden den Zivilarbeitern im Tunnel verkauft.

Der Postraum bot mit die besten Diebstahlsmöglichkeiten. Viele Pakete wurden geplündert, oft erhielten die Adressaten nichts als die leere Verpackung. So erging es vielen Paketen des Roten Kreuzes und vielen Liebesgaben der Familien oder Freunde.

Neben den vielen Diebstählen im Lager ärgerte sich die Mehrzahl der Häftlinge auch über die endlosen Streitigkeiten. In den überfüllten kleinen Quartieren zankte, stritt und kämpfte man ständig. Die Insassen brachten einander nicht selten ernsthafte Verletzungen bei. Die Häftlinge wurden weniger durch die Kapos als durch Mithäftlinge geschlagen. Meist aus nichtigen Gründen.

Viele der Insassen versuchten sich vor der Arbeit zu drük-ken. Wann immer es möglich war, meldeten sie sich auf der Krankenstube »krank«, um dem Abmarsch ihrer Arbeitseinheit zu entgehen. Einige Häftlinge, so berichtete Zwiener, schafften es Wochen auf der Krankenstube zu verbringen, ohne jede Krankheit, nur weil sie in der Lage waren, die Kapos oder das dort arbeitende deutsche Personal zu bestechen. Deshalb waren die Krankenstuben oft so überlastet, daß wirklich ernsthaft kranke Häftlinge keine Aufnahme mehr fanden und dadurch der wenigen Fürsorge, die sie hätten bekommen können, beraubt wurden. Die Krankenstuben

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waren nicht selten die Domänen brutaler Kapos. Sie waren imstande den Häftlingen, die sie nicht leiden konnten, Todesspritzen anstelle der vorgeschriebenen Medizin zu verabreichen.

Zwiener sprach über die Probleme der Häftlinge auf Grund der strengen Sicherheitsvorschriften. Er sagte aus, daß der Sicherheitsdienst den Häftlingen, den Zivilarbeitern und auch den SS-Wachen das Leben schwer machte. Nach der Aussage Zwieners brachten die Häftlinge, die aus Buchenwald kamen, geheime politsche Organisationen und Intrigen mit ins Lager. Aber in Dora/Nordhausen war es so gut wie unmöglich, damit weiterzumachen. Ein Teil der kommunistischen Untergrundarbeit Buchenwalds, von Jörge Semprun, einem ehemaligen spanischen Häftling, in seinem Buch »Quel Beau Dimanche« beschrieben, war offensichtlich von Buchenwald nach Nordhausen verlagert worden. Sogar zurückhaltende Kommunisten mußten in Dora in den Untergrund gehen um sich zu schützen. Aufgrund der Sorge, durch den Sicherheitsdienst in Nordhausen entdeckt zu werden, hatten die kommunistischen Häftlinge keinerlei Skrupel, jeden Mithäftling, dem sie Verrat zutrauten, zu beseitigen.

Zwiener gab für diese Untergrundaktivitäten in Dora/Nordhausen jenen die Schuld, die er die »prominenten Gefangenen« nannte. Ernannte diese »prominenten Gefangenen«, die er nicht identifizierte, nie anders, doch er sagte aus, daß einige von ihnen als Zeugen bei den Lagerprozessen aufgetaucht seien. Zwiener sagte, daß sie schlimmer gewesen seien als die Lagerverwaltung. Ganz schlimm sei ihre Verachtung jeder Menschenwürde gewesen. Er sagte aus, daß »die Prominenten« ohne Gewissensbisse das Leiden und sogar das Sterben anderer Häftlinge beobachten konnten, solange sie sich selbst sicherfühlten und die Privilegien des Lagerlebens für sich hatten.

Walter Ulbricht, ein Kapo, der als Schreiber im Nebenlager Rottleberode eingesetzt worden war, sagte ebenfalls über die unzähligen Diebstähle in den Konzentrationslagern aus, die zu

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Mißtrauen unter den Häftlingen geführt hätten. Ulbricht erklärte, daß er sich unter den Häftlingen Feinde geschaffen habe, weil er sie wegen Diebstahls angezeigt hatte.

Nach den Worten Ulbrichts haben er und andere Insassen anfänglich die gleichen Lebensmittelrationen erhalten wie in Buchenwald, doch ab Mai erhielten sie eine Lebensmittel-Sonderzulage, bekannt als »Jägerzulage«. Diese wurde von Berlin als Zulage für schwerste Arbeiten befohlen. Damit wurde der von der deutschen Regierung als besonders hoch eingestufte Wert des Nordhausen-Projektes offenkundig. Das führte zu praktischen Konsequenzen unter den besonders produktiven Häftlingen. Die Tatsache dieser »Jägerzulage« unterstützte keinesfalls die Theorie, daß die deutsche Führung ihre Gefangenen mit dieser Arbeit töten wollte.

Mit seiner Aussage wies Ulbricht auch auf die besondere Lage der jüdischen Häftlinge in Rottleberode hin. Es war typisch für alle Angeklagten der Konzentrationslagerverfahren, daß alle glaubten, der Hauptgrund zur Abhaltung der Verfahren würde in jüdischem Interesse liegen. Die meisten Angeklagten erzählten wortreich über ihre freundschaftlichen Beziehungen zu jüdischen Mithäftlingen. Die Zeugen der Anklage bestätigten die Wichtigkeit dieses übertriebenen Eifers dadurch, daß sie besonders Fälle hervorhoben, in denen den Angeklagten die Kränkung von Juden nachgesagt wurde.

Ulbricht wurde gefragt, ob Juden routinemäßig und während der gesamten Existenz des Lagers Rottleberode gequält wurden. Er konnte bestätigen, daß die erste und einzige Gruppe jüdischer Häftlinge erst um den 29. Januar 1945 eingetroffen war.

Im Gegensatz zu den Aussagen der zwei Henker rankten sich diejenigen Ulbrichts um seine eigenen Aktivitäten im Lager, einschließlich seiner Anstrengungen, die Lebensbedingungen der Mithäftlinge zu verbessern. Er wies die Anklagen gegen ihn zurück, wobei er versuchte, seine Aussagen mit Daten und zusätzlichen Tatsachen zu untermauern. Er verneinte scharf, jüdische Gefangene mißhandelt zu haben.

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Richard Walenta war einer der gut aussehenden Angeklagten unter den neunzehn Häftlingen. Er sagte nicht gegen die anderen Angeklagten, sondern nur zu seiner eigenen Verteidigung aus. Walenta gehörte zum Lageruntergrund. Obwohl man ihn zum Kapo machte und ihn für eine Vertrauensperson hielt, geriet er später in den Verdacht, der Widerstandsbewegung anzugehören.

Walenta sagte aus, daß man ihn verhört und wieder freigelassen habe. Trotzdem, so führte er aus, habe man ihn weiter für verdächtig gehalten. Er kritisierte jene Häftlinge, die sich gegen die revoltierende Gruppe zusammengetan hatten. Er hielt sie für Feiglinge, die ihre Mithäftlinge verraten wollten um die eigene Haut zu retten oder sich nur bei den Sicherheitskräften beliebt machen wollten. Walenta sagte aus, daß er Fluchtpläne entworfen habe, nachdem eine Verschwörung aufgedeckt worden war. Einmal mußte er fünf Zivilanzüge im Lager abliefern, wovon er einen dann behielt für die Flucht für sich.

Ungefähr in der dritten Märzwoche 1945 wurde er nach Niedersachswerfen versetzt, wo er sich zu einer weiteren Befragung einfinden mußte. Nach dem Verhör wurde er mit den üblichen fünfundzwanzig Peitschenhieben bestraft. Mit Hilfe einer Stenotypistin namens Hilde, die ihm mitteilte, daß man ihn hängen wollte, entkam Walenta am 4. April 1945. Die Tatsache, daß ihm die Flucht gelang, so Walenta, ließ das Gerücht entstehen, er sei von den Lagerbehörden entlassen worden. Ein Gerücht, das er nicht zerstreuen konnte, da er verständlicherweise nicht ins Lager zurückkehren konnte.

Während eines Teils dieser Zeugenaussage, einer der interessantesten dieser Verhandlung, mußte ich den Gerichtssaal immer wieder verlassen. Was ich selbst nicht hören konnte, las ich später in den Protokollen über Aussagen dieser vier Angeklagten. Trotzdem kam es zu einem peinlichen Zwischenfall für mich, unbedeutend, wenn ich heute daran denke, doch damals brachte er mich in ernsthafte Verlegenheit.

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Wegen des Interesses an den Zeugenaussagen der vier Kapos hatte das Dezernat für Kriegsverbrechen einige Reihen hölzerne Theatersitze in den Raum bringen lassen, um die zusätzlichen Zuschauer unterbringen zu können. Jede Sitzreihe bestand aus einer Einheit. Die Sitze waren klappbar. Die Sitzreihen waren für eine Befestigung am Fußboden konstruiert. Doch hier waren sie nur einfach hingestellt worden, eine hinter der anderen, dicht hintereinander, damit möglichst viele Leute einen Platz bekamen. Nach den ersten zwei, drei Tagen, an denen der Gerichtssaal brechend voll war, begann das Interesse zu schwinden, und die Zahl der Besucher ging rasch zurück.

An einem Nachmittag, als der Gerichtsraum vielleicht gerade mal halbvoll war, setzte ich mich in die letzte besetzte Reihe. Doch die drei anderen Zuschauer standen dort bald auf und verließen den Saal. Ich lehnte mich leicht zurück um sie vorbeizulassen, als die ganze Reihe mit einem lauten klappernden Geräusch nach hinten kippte, dadurch entstand ein Dominoeffekt: alle rückwärtigen Reihen kippten nach hinten, eine nach der anderen, es klang in meinen Ohren wie das Grollen eines Gewitters.

Jeder im Raum, die Zuschauer, die Mitglieder des Gerichts, die Ankläger und die Verteidiger, der Übersetzer und die Wachen schauten zu mir herüber, als wären ihre Blicke gelenkt. Der Schock der anderen war nichts im Vergleich zu dem meinigen. Ich sehe heute noch den Ausdruck der Bestürzung in Major Poulladas Gesicht, als er seine Befragung derart abrupt unterbrochen sah und in die Richtung der Ursache dieser Unterbrechung blickte.

Die plötzliche Aufmerksamkeit aller, die ich auf mich gezogen hatte, war peinlich genug. Ich stand dort, alleine, fühlte mich alleingelassen, da die drei Zuschauer die den Vorfall verursacht hatten, den Raum verlassen hatten. Verzweifelt wünschte ich mir, im Boden zu versinken. Stattdessen stieg mir die Röte ins Gesicht, wobei alle Augen auf mich gerichtet waren. Ich drehte mich um und mit soviel Würde wie

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nur möglich, ging ich so ruhig wie möglich um die umgekippte Sitzreihe herum, in Richtung Außenhalle. Hinter mir, es muß den anderen nur als eine kleine Unterbrechung vorgekommen sein, fuhr das Gericht fort, als wäre nichts geschehen.

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