DIE VERTEIDIGUNG IM NORDHAUSEN-PROZESS

Nachdem die vier Kapos ihre Aussagen gemacht hatten, wurde es für die Verteidigung ernst.

Major Poulladas Sorgfalt bei der Verteidigung dieses Falles war offensichtlich. Wäre sein Plädoyer weniger gründlich oder weniger wirkungsvoll geplant gewesen, so wäre der Hauptgrund des Nordhausen-Lagerkomplexes, nämlich die Produktion von V-1 und V-2 Waffen, vollkommen von der Deutung aus der Sicht der Anklage, Nordhausen sei nur ein Zentrum des Folterns und des Tötens gewesen, überschattet gewesen. Der Verteidigung gelang es, den Fall auf die Ebene einer Produktionsstätte zurückzubringen, einem Projekt, das von vielen Generälen als »das wichtigste Programm der deutschen Rüstungsindustrie« beschrieben wurde. Ein Programm, »das nicht nur Schwerstarbeit erforderte«, sondern eigentlich als Stätte für »Feinmechanik« eingestuft werden mußte. Damit diese Arbeit ausgeführt werden konnte, mußten die Häftlinge ein bis drei Monate gründlich ausgebildet werden. Der Verlust von so gut ausgebildeten Facharbeitern wäre einer Minderung der deutschen Verteidigungsanstrengungen gleichgekommen. Durch diese Tatsache muß eigentlich ein mutwilliges Tötungsprogramm an den Häftlingen von Nordhausen für beinahe unvorstellbar gehalten werden.

Poullada führte vor dem Gericht aus, daß ein Häftling nicht so leicht ersetzt werden konnte, zum einen wegen der Produktionsziele und zum anderen auch wegen der für die Ausbildung benötigten Zeit. Außerdem konnte eine solche Arbeit nicht mit der Brechstange erzwungen werden. Es gab keinen Weg zum Erfolg, der über eine übertriebene Eile geführt hätte. Das bedeutete, daß es kein Argument für ein gezieltes Schlagen der Gefangenen gab, um auf eine solche Weise zu den gewünschten Produktionsergebnissen zu kommen. Wenn überhaupt, so hätte die Mißhandlung der Arbeitskräfte im Lager

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sehr leicht zu einem Produktionsschwund geführt mit einem damit verbundenen kostspieligen Planungsverzug und dem Verlust wertvollen und schwer zu beschaffenden Rohmaterials. Daher, so argumentierte Poullada, wurden die Insassen entsprechend gut behandelt, soweit es die Lage zuließ und wie es am Ende einer langen, mühsamen und auf das Ende zugehenden Kriegsanstrengung möglich war.

Ein Teil der Argumentation der Verteidigung beruhte auf der Tatsache, daß die Deutschen der Produktion in den Arbeitslagern die höchste Stufe der Priorität zugeteilt hatten. Außerdem unterlag die gesamte Produktion einer solchen Geheimhaltung, daß das Lagergebiet im Umkreis von etwa dreißig Kilometern abgeschirmt worden war. Das Lager verfügte über ein eigenes Sicherheitsbüro, und es enthielt Einheiten des Sicherheitsdienstes (SD) und der Gestapo. Viele der Lagerinsassen waren als Spione der Behörden eingesetzt worden. Diese Häftlinge berichteten über alle Rechtsbrüche oder Übertretungen der vorgeschriebenen deutschen Sicherheitsmaßnahmen. Ihr Eifer brachte den Häftlingen ohne jeden Zweifel eine unbillige Härte.

Major Poullada begann sein Plädoyer, indem er das Gericht zu bewegen versuchte, gewisse Auflagen, vor allen Dingen die Teilnahme an einer »gemeinsamen Planung« zu streichen. Wie wir schon gesehen haben, führte diese Anklage zu der Festlegung des Grundsatzes, demgemäß gemeinsames Handeln beabsichtigt war, Verbrechen an Angehörigen nichtdeutscher Länder zu begehen. Eine Theorie, die als Hauptstütze für die Dachauer Anklageprozesse galt. Poullada argumentierte, daß diese Konspirationsfloskel nicht gegen jeden einzelnen Angeklagten gerichtet werden könne, und das Gericht schien ihm Recht zu geben. Aber schließlich verwarf es die Streichung der Klausel »gemeinschaftliches Planen« hinsichtlich jener Verbrechen, die von den Angeklagten gemeinschaftlich durchgeführt worden waren.

Der Hauptverteidiger versuchte außerdem zu argumentieren, daß die Angeklagten aufgrund höherer Befehle, die von

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Berlin ausgingen, gehandelt hätten. Das Gericht verwarf diesen Vorstoß Poulladas, indem es Regeln zitierte, die den Kriegsverbrecherprozessen übergeordnet waren.

Das Gericht folgte auch nicht dem Ersuchen der Verteidigung, der Trennung des Falles Willi Zwiener vom Gesamtverfahren stattzugeben. Das Gericht bestand auf der Aburteilung Zwieners zusammen mit den anderen und betonte, daß die Festlegung eines Abtrennungsverfahrens vom Gericht selbst auszugehen habe.

Die Berufung auf übergeordnete Befehle wurde für mehrere der Angeklagten zu ihrer Verteidigung vorgetragen. Die Angeklagten im Range eines Feldwebels, Brauny, König und Simon waren angeklagt worden, an der Urteilsvollstreckung ansieben italienischen Offizieren teilgenommen zu haben. Sie erwiderten, daß die Exekution offiziell von Berlin aus befohlen wurde. Ein Gestapomann und ein Arzt waren zugegen, und die Urteilsverkündung war laut verlesen worden.

Major Poullada legte das Zeugnis eines Rechtsexperten vor, wonach »Strafen, die vom Reichssicherheitshauptamt bestimmt wurden, absolute Rechtskraft besaßen, sowohl nach den damals gültigen Deutschen Rechtsnormen wie auch nach der Verfassung.« Das war für die Verteidigung jedoch keine Hilfe, denn das Gericht bestimmte, daß jeder der Angeklagten des Verbrechens, dessen er angeklagt worden war, schuldig sei, indem sie die Regelungen zitierten, die nach ihrem autoritären Dafürhalten dem Verfahren überzuordnen seien.

Viele der Zeugen der Anklage hatten ausgesagt, daß die Angeklagten Erhängungen und anderen Exekutionen zugesehen hätten. Die Verteidigung konterte erfolgreich, daß es kein Verbrechen sei, einer Erhängung beizuwohnen. Ein Kriegsverbrechen lag nur vor, wenn tatsächlich eine Teilnahme bei der Ausführung einer Erhängung gegeben war.

Die häufigste Anklage galt dem Schlagen von Gefangenen mittels eines Stockes. Viele wurden als »die schlimmsten Schläger« bezeichnet. Die Zeugen sagten selten aus, daß sie selbst von den Angeklagten geschlagen worden seien. Sie

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sagten, daß sie vom Schlagen anderer Häftlinge gehört hätten. Es war allgemeine Praxis, daß die Zeugen der Anklage aussagten, daß ein Gefangener so schwer geschlagen worden sei, daß er als Folge davon starb. Während des folgenden Kreuzverhörs erfuhr der Verteidiger, daß die Zeugen keine Kenntnisse aus erster Hand hatten, wonach Häftlinge geschlagen wurden, bis sie starben. Die Zeugen hätten lediglich von deren Tod erfahren. Manchmal wurde einem Zeugen erlaubt auszusagen, daß der Angeklagte dem Häftling so schwere Schläge versetzt habe, daß er »annahm,« der Häftling sei gestorben. In einem Fall sagte ein Zeuge beim Nordhausen-Prozeß aus, daß einer der Angeklagten während des Verhörs Häftlinge schwer geschlagen habe. Im Kreuzverhör durch den Hauptverteidiger antwortete der gleiche Zeuge, daß er nicht zugegen gewesen sei, als die Häftlinge geschlagen wurden, doch er behauptete, er habe »Schreie gehört«.

Andererseits gaben die Angeklagten teilweise zu, gelegentlich Häftlinge geschlagen zu haben, wenn sie beim Stehlen erwischt worden waren oder, wie der Angeklagte Detmers zugab, wenn sie ihm gegenüber »sehr grob« waren.1 Keiner der Angeklagten gab an, zum Schlagen von Gefangenen einen Stock verwendet zu haben. Detmers sagte, er habe Gefangene nur mit der Hand geschlagen, und verschiedene andere sagten aus, sie hätten Häftlingen »Ohrfeigen verpaßt« oder »Backpfeifen.« Sie sagten aus, daß die Häftlinge die Schläge einem

l Diese von Detmers gemachte Aussage amüsierte alle Protokollanten, die an diesem Fall arbeiteten. Jahre später, als ich die deutsche Sprache erlernte, wurde ich daran erinnert und ich kam zu der Überzeugung, daß die Übersetzung nicht gestimmt haben konnte. Detmers sagte in deutscher Sprache aus und er muß »frech« gesagt haben, was auf Deutsch eine Menge mehr aussagt als »rüde« oder »grob.« Die richtige Übersetzung hätte die Bedeutung von »unverschämt« oder »zudringlich« haben müssen.

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der Lagerleitung vorgelegten Bericht vorgezogen hatten. Dies hätte zu viel schlimmeren Strafen geführt.

Der Angeklagte Zwiener sagte aus, er habe niemals einen Stock oder eine andere Waffe getragen. Er wollte sich lieber auf seine Fäuste verlassen, die hätten ausgereicht.2

Die Anklage wollte aus der Anklage gegen Brauny einen ganz spektakulären Fall machen, indem sie versuchte, ihn für die Hinrichtung von ungefähr eintausend Häftlingen3 während des Todesmarsches von Nordhausen verantwortlich zu machen. Der Marsch, der für die Dauer von ungefähr vier Tagen geplant war, verzögerte sich durch das rasche Vorrük-ken der Amerikaner. Es war nicht möglich, die Gefangenen mit dem Zug zu transportieren, da im April 1945, während der Zeit der Evakuierung, die Amerikaner die absolute Luftherrschaft besessen hatten und ein großer Teil des Transportsystems zerstört worden war.

Der Evakuierungsmarsch kam nur bis zu der kleinen Stadt Gardelegen. Nach Zeugenaussagen hatte der dortige Krehlei-ter Erhart Brauny geraten, die Häftlinge zu erschießen, entsprechend eines telegraphischen Befehls von Himmler, wonach kein Häftling lebend in die Hände der Alliierten fallen

2 Dieses beruht auf einer Meinungsverschiedenheit aus einer spateren Stellungnahme durch die für Kriegsverbrechen zustandige Uberpru-fungsbehorde zu Zwieners Aussagen Der Uberprufungsbehorde zufolge hatte Zwiener gesagt, daß es nur von »Worten« abhinge um seinen Standpunkt klarzumachen, eine Behauptung die aus keiner seiner Aussagen hervorgeht Das ist bezuglich der Glaubwürdigkeit Zwieners sehr wichtig, da er als zäher Kapo niemals nur von »Worten« abhangig gewesen sein konnte, und dieses, dementsprechend vorgetragen, hatte seine Aussage unglaubwürdig gemacht

3 Bezüglich der in Gardelegen getöteten Gefangenen hat es Widerspruch-lichkeiten gegeben Einige Zeugen sagten aus, daß es nicht mehr als 600 waren, wahrend andere von 1000 sprachen

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sollte.4 Nach verschiedenen Vorschlägen, wie man die Gefangenen loswerden könnte, wurden sie in eine Scheune gesperrt, die dann in Brand gesetzt wurde.

Den in der Falle sitzenden Häftlingen gelang es zweimal, das vom Volkssturm gelegte Feuer zu löschen. Beim dritten Mal ging die Scheune in Flammen auf, und die schreienden Opfer verbrannten darin. Einige, die zu fliehen versuchten, wurden erschossen. Nur zwei oder drei scheinen überlebt zu haben.5 Als die Amerikaner am nächsten Tag eintrafen, fanden sie die Leichen der toten Häftlinge. Viele lagen noch in der Scheune, andere Leichen waren zu einem in der Nähe angelegten Massengrab transportiert worden.

Erhart Brauny, der den Evakuierungsmarsch angeführt hatte, sagte aus, daß er überhaupt keine Rolle bei der Tötung der Gefangenen gespielt hätte. Abgesehen davon, daß er sich mit der Aktion nicht einverstanden erklärt hätte, habe er Gardelegen schon eine gute Zeit davor verlassen. Der Kreisleiter hätte vollkommen selbstständig gehandelt, so Brauny.

4 Dieser Befehl, der mittels Telegramm eingetroffen sein soll, ist nie gefunden worden Die Anklage deutete jedoch in ihrer Zusammenfassung an, daß aus einem Geheimbefehl des Reichsfuhrers und Generals der SS, Heinrich Himmler, hervorgegangen sei, daß »bei Ankunft der Alliierten Truppen alle Gefangenen der Konzentrationslager zu liquidieren seien, damit niemand von ihnen lebend in die Hände des Feindes fallen möge «

Himmler hatte gut über eintausend solcher Telegramme abschicken müssen und in einem solchen Falle hatte man kaum noch von Geheimhaltung sprechen können Im Fall von Gardelegen hatte man anzunehmen gehabt, daß das Telegramm vom Kreisleiter empfangen worden war, der kein SS-Mann, sondern Zivilist war, ohne jede Verbindung zum Konzentrationslager

5 Aus der Zusammenfassung der Anklage ging hervor, daß »14-20 Gefangene lebend davonkamen«, gemäß der Zeugenaussage waren es jedoch nur zwei oder drei Überlebende.

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Brauny, den verschiedene Zeugen der Anklage als brutalen Schläger bezeichneten, wurde von den Zeugen der Verteidigung freundlicher beurteilt. Er gab zwar zu, Gefangene geschlagen zu haben, doch nie so hart, daß jemand von ihnen anschließend medizinische Betreuung benötigt hätte. Brauny war vor allem angeklagt worden, weitaus öfter als die anderen Angeklagten jüdische Häftlinge grausam behandelt zu haben. Wie es vorauszusehen war, verneinte er das. Er ging sogar so weit zu behaupten, gegen jüdische Häftlingeniemals diskriminiert zu haben.

Brauny war angeklagt worden, die Gefangenen aus der Krankenstube zur Arbeit getrieben zu haben. Er erklärte dem Gericht, daß er tatsächlich Häftlinge aus der Krankenliste gestrichen hatte. Aber nur jene, die faul waren und sich krankgemeldet hatten, um sich vor der Arbeit zu drücken. Seine Aussage wurde von anderen Zeugen unterstützt.

SS-Unteroffizier Otto Brinkmann war angeklagt worden, Gefangene geschlagen zu haben. Er spielte auch eine Rolle in dem einzigen Fall von Kannibalismus im Lager. Dieser Fall soll sich im März 1945 ereignet haben, in einer Zeit schrecklicher Lebensmittelverknappung in Nordhausen. Brinkmann bestätigte, daß er einen jungen polnischen Häftling dabei überrascht hatte, als dieser Fleisch von einem Stapel toter Körper gegessen hatte und daß er den jungen Polen dadurch bestraft hatte, daß er ihn zwang, die Hoden des toten Mannes herauszuschneiden und diese zu essen!

Auch Brinkmann war wegen Mißhandlung jüdischer Häftlinge angeklagt. Dazu befragt, verneinte er, Gefangene so schwer geschlagen zu haben, daß sie starben. Er verneinte außerdem jüdische Gefangene benachteiligt zu haben. Brinkmann gab zu, Häftlinge geohrfeigt zu haben, doch er sagte aus, daß er niemals Gefangene mit Schlagstöcken oder anderen Waffen geschlagen habe. Einige Zeugen unterstützten seine Aussage, daß er auf eine Verbesserung der Lagerdisziplin zugunsten der anderen Lagerinsassen hingearbeitet habe.

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Wie Brinkmann war auch Otto Bühring des Schiagens von Häftlingen angeklagt. Es gab Zeugenaussagen, daß jene, die sie geschlagen hatten, später zu Tode gekommen seien. Bühring war auch angeklagt worden, an Verhören teilgenommen zu haben, wobei Häftlinge geschlagen wurden, Geständnisse von ihnen zu erzwingen. Der Zeuge, der das aussagte, sah jedoch nicht selbst, daß Bühring Gefangene geschlagen hatte - er hatte nur davon gehört.

Bühring war von einem Belastungszeugen angeklagt, einen Häftling so schwer geschlagen zu haben, daß dessen Rückgrat brach und er später starb. Ein anderer Zeuge der Anklage sagte aus, daß Bühring bei Erhängungen assistiert habe, wobei er Holzklötze in die Münder der zu Exekutierenden gesteckt habe um sie am Schreien zu hindern. Während des Kreuzverhörs konnte der Verteidiger nach weisen, daß dieser Zeuge sich nicht sicher war, ob er dieses tatsächlich gesehen habe.

Bühring gab zu, Schläge ausgeteilt zu haben, doch nur auf das Gesäß von Häftlingen und nur auf Befehl. Er verneinte, jemals einen Häftling so schwer geschlagen zu haben, daß dessen Rückgrat gebrochen sei, wie es aus der Beschuldigung hervorging. Das Rückgrat des betreffenden Häftlings, so Bühring, sei in Buchenwald verletzt worden Zeugen der Verteidigung sagten aus, daß sie nie gesehen haben, daß er Insassen wegen derer politischen Überzeugung geschlagen habe.

Die vielleicht größten Anstrengungen machte die Anklage im Verfahren gegen Oberleutnant Hans Möser. Es ist schwierig zu sagen, ob wegen der Schwere seines Falles oder wegen seines abstoßenden Aussehens. Als Erster Schutzhaftleiter war Möser für die Sicherheit im Lager und für die Aufrechterhaltung der Disziplin unter den Insassen verantwortlich. Es war deshalb Möser, der Häftlinge für Diebstahl, Unruhestiftung und andere Übertretungen der vorgeschriebenen Ordnung zu bestrafen hatte. Die Zeugen der Anklage sagten aus, daß er Häftlinge mit der verordneten Zahl von 25 Peitschenhieben bestraft habe. Ein Zeuge meinte, daß Möser

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ein Sadist sei, der es genossen habe, die Häftlinge leiden zu sehen.

Etliche Zeugen der Anklage hatten auch beobachtet, daß Möser bei Erhängungen anwesend war und jene erschossen habe, die noch nicht tot waren. Zeugen sagten aus, daß Möser regelmäßig »Belohnungen für Erhängungen« erhalten habe. Entweder in Form von Sonderrationen an Lebensmitteln oder in Zigaretten und deutschem Schnaps. Heinz Detmers sagte unter Eid aus, daß solche Rationen an jene ausgegeben wurden, die an Todesurteilen durch Erhängen teilgenommen hatten. Als Hilfe zur Überwindung des emotionalen Schocks. Er sagte aus, daß dies nicht nur bei der SS, sondern auch bei der Deutschen Wehrmacht üblich war.

Bei seinen Ausführungen brachte Möser einen sachdienlichen Hinweis zum Häftlingstransport von 1945. Er sagte aus, daß die Transporte einer großen Zahl von Häftlingen sehr schwierig geworden waren. Er hatte Nordhausen mit 3000 Gefangenen per Eisenbahn verlassen. Der Zug wurde mehrere Male von den Zugführern verlassen um die Lokomotive abzukoppeln. Stets waren alliierte Flugzeuge im Luftraum, und die Gefahr eines Luftangriffes war immer gegeben. Bei einem solchen Aufenthalt, so sagte ein Lagerarzt aus, habe er darauf hingewiesen, daß einige der Häftlinge Typhus hatten und im Interesse aller geopfert werden sollten. Ein Vorschlag, den Möser sich aber weigerte, auszuführen.

Da sich die Weiterreise mit dem Zug als unmöglich erwiesen hatte, entschied Möser sich für den Fußmarsch, wobei er die,kranken Insassen zurückließ. Er hat den Transport hinter den deutschen Linien und unter den herrschenden chaotischen Zuständen nicht auflösen können, weil die Zivilbevölkerung sonst Gewalttätigkeiten der Gefangenen preisgegeben worden wäre.

Während des Plädoyers der Verteidigung lernte ich die Angeklagten von Nordhausen besser kennen als die der anderen Fälle von Dachau, für die ich zu arbeiten hatte. Ich sah die

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Nordhauser Angeklagten mehrmals täglich. Ihr Verfahren dauerte viel länger als in den vorausgegangenen Fällen. Bei einigen wenigen Gelegenheiten sprach ich mit etlichen Angeklagten von Nordhausen außerhalb der offiziellen Gerichtsvorgänge. Zu Beginn des Dezembers, nachdem sich das Gericht für einige Tage zurückgezogen hatte und während die Protokollführer an ihrer Gerichtsdokumentation arbeiteten, stellte ich fest, daß mir einige Beweisstücke, die ich benötigte, abhanden gekommen waren. Als ich danach fragte, brachte mich ein anderer Protokollführer in den Gerichtsraum. Dort waren die Beweisstücke, die in Übersetzung den Angeklagten vorgelesen wurden.

Die Angeklagten waren um den Tisch der Verteidigung versammelt. Zwei weibliche deutsche Assistentinnen des Verteidigungspersonals, Annelise Lessmann und Adrienne Modi, verlasen die Dokumente. Fräulein Lessmann, die ältere der beiden, war eine große Frau mit einem schönen doch ernsten Gesicht. Sie trug eine dicke etwas bauschige Frisur und hatte leicht gewelltes, hellbraunes Haar. Adrienne war jünger und klein, eine blonde Frau mit einem hübschen Gesicht und einem Ausdruck, den man als »keck« bezeichnen konnte. Ich kannte beide flüchtig vom Gericht her und ging auf sie zu, um nach den Beweistücken zu fragen.

Die Wachen waren natürlich dabei, doch die Gefangenen bewegten sich innerhalb des Gerichtsraumes frei. Die Angeklagten sahen mich hereinkommen und begannen, mit den zwei Hilfsverteidigem zu sprechen. Sie beobachteten jede meiner Bewegungen. Innerlich etwas befangen, wurde ich leicht nervös als Willi Zwiener sich mir näherte. Die Wachen schienen entspannt zu sein und ich bemühte mich Ruhe zu bewahren, als er sich direkt mir gegenüber an den Tisch der Verteidiger setzte. Zwiener schob dann den Aschenbecher von der Mitte des Tisches zu mir hin. Ich machte mir Gedanken, was er wohl wollte. Ob er mich etwa zur Zielscheibe seines Spottes machen wollte? Ich kippte die Asche meiner Zigarette in den Aschenbecher.

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Das führte zu einem solchen Ausbruch von Gelächter bei den anderen Angeklagten, die das alles beobachtet hatten, daß mir sofort klar wurde, was das Ganze sollte: Zwiener hatte gehofft, ich würde meine Zigarette auf den Aschenbecher legen, so daß er die Kippe für sich gehabt hätte.

Ich war plötzlich wegen meines Verdachts gegen Zwiener ganz verlegen geworden. Ich fragte eine amerikanische Wache, ob die Gefangenen keine Zigaretten erhielten. Er antwortete mir, daß sie anfangs Zigaretten erhalten hätten, doch die Zuteilung sei vor ungefähr zwei Wochen eingestellt worden. Mich überkam ein Gefühl des Mitleids für diese Unglücklichen, die, obwohl wegen schrecklicher Verbrechen angeklagt, immerhin menschliche Wesen fern von ihren Familien waren, und das während der Weihnachtszeit, wo die Menschen guten Willens sein sollten. Dieser arme Kerl hatte lediglich gehofft, eine Zigarettenkippe zu ergattern. Ich war der Meinung, daß die Lage der Angeklagten etwas zu hart war zu einer Zeit, als das Verfahren sich dem Ende zuneigte und wo es sich abzuzeichnen begann, was jeder zu erwarten hatte.

Ich hatte gerade einen unangenehmen Briefwechsel mit meinem Bruder in Amerika gehabt. Ich bereute es,daß ich ein Familienproblem schriftlich und im Bösen verursacht hatte. Ich fühlte mich deshalb ziemlich alleine gelassen. Um meine »Schuld« abzutragen, fragte ich die Wache, ob ich jedem der Angeklagten eine Zigarette geben dürfte. Er hatte nichts dagegen, und ich kehrte in mein Büro zurück, wo ich eine gerade geöffnete Packung mit genau neunzehn Zigaretten hatte. Wieder im Gerichtssaal, verteilte ich die Zigaretten unter den Angeklagten. Gewiß eine unbedeutende Aufmerksamkeit, doch etwas, das jeder der Angeklagten sich gewünscht hatte, etwas, was sonst nicht möglich war. Alle verbeugten sich, nahmen die Zigarette und nickten dankbar mit dem Kopf. Ich nickte ebenfalls mit dem Kopf um anzudeuten, daß ich es gerne tat und verließ den Gerichtsaal.

Während der nächsten Tage gab es noch einige Gelegenheiten, bei denen ich den Gerichtsraum betreten hatte und

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die Angeklagten mit ihren Unterlagen beschäftigt sah. Einmal kam Heinz Detmers auf mich zu und sprach mich auf freundliche Weise an. Ich war überrascht, als er sofort mein Alter erriet. Als ich fragte, woher er mein Alter wisse, meinte er, ich hätte so ein junges Gesicht und - zu meiner Überraschung - so junge Hände. Es war nie mehr Zeit als für ein kurzes Gespräch, und wir tauschten lediglich Nichtigkeiten aus. Nachdem ich Detmers und den anderen Angeklagten die Zigaretten gegeben hatte, sprach ich vielleicht noch zweimal mit ihm, mit den anderen noch weniger. Zwiener und Kilian waren sehr liebenswürdig, und es fiel mir schwer, mich daran zu erinnern, daß sie Henker waren. Erhart Brauny, mit dem ich nie ein Wort gewechselt hatte, schien ebenso wie Georg König sehr freundlich zu sein. Beide hatte man als brutale Schläger beschrieben. Ich sprach nie ein Wort mit Möser oder mit Rickhey, abgesehen von der Annahme ihrer Dankbarkeit für die Zigarette, die ein jeder von mir erhalten hatte.

Diese sehr kurzen Begegnungen reichten aber aus, um ein angenehmes Verhältnis zwischen den Angeklagten und mir zu schaffen. Alle nickten mir zu und lächelten jedesmal, wenn ich den Gerichtsaal betrat. Ich fand, daß alle von ihnen allein gelassen schienen, da ihr weiteres Schicksal ausschließlich in den Händen meiner Landsleute lag.

Während der folgenden Woche begann ich mir darüber Gedanken zu machen, wie man den Angeklagten vielleicht das Weihnachtsfest etwas erträglicher machen könnte. Ich hatte zwei Stangen Zigaretten in meinem Zimmer, die ich mir für einen Umtausch in Deutschland aufbewahrt hatte. Ich entschied mich jedoch, jedem der Nordhausen-Angeklagten ein Päckchen Zigaretten zu schenken. Wieder fragte ich die Wache, ob das erlaubt sei, und mir wurde freundlich entgegnet, daß es keinen Bestimmungen widersprechen würde. Der Wachhabende erklärte, daß es keine Einschränkungen gäbe, was Geschenke für die Angeklagten betraf. Er war aber erstaunt darüber, daß ich bereit war, meine Zigaretten abzugeben. Ich

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gab ihm die zwei Kartons, die er unter den Gefangenen, begleitet von meinen Weihnachtsgrüßen, verteilen sollte.

Während der Woche, die noch für das Verfahren zur Verfügung stand, hatte ich keine weitere Gelegenheit mehr mit den Angeklagten zu sprechen. Als ich das nächste Mal den Gerichtsaal betrat, zeigten alle ein breites Lächeln, und alle nickten noch lebhafter in meine Richtung. Die Anklage und die Hauptverteidigung hatten begonnen, sich auf ihre Plädoyers vorzubereiten. Das Ende des Verfahrens stand bevor. Die Angeklagten würden bald erfahren, ob das Gericht sie für schuldig oder nicht schuldig befand. Ihre Aussichten schienen in Hinsicht auf die bisher in Dachau stattgefundenen Verfahren nicht günstig zu sein.

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