NORDHAUSEN - DIE BESCHLUSSFASSUNG UND DIE URTEILE

Anklage und Verteidigung nutzten die drei Tage, Montag bis Mittwoch (21.-23. Dezember) zur Abfassung ihrer abschließenden Plädoyers. Jeder sprach sehr ausführlich. Der Anwalt der Anklage, Berman, faßte die Beweisführung kurz zusammen und brachte die gegen jeden der Angeklagten hervorgebrachten Beschuldigungen, indem er von den Aussagen der Zeugen der Anklage ausging.

Der Hauptverteidiger widersprach den vorgebrachten Beschuldigungen. Major Poullada brachte seine feste Überzeugung zum Ausdruck, daß unter solchen Umständen die Anklage auf besonders schwachen Füßen stünde. Erbeendete seinen Vortrag mit folgendem leidenschaftlichen Aufruf an das Gericht:

- Wären Sie imstande, Ihre eigenen Bürger, die Bürger Ihres eigenen Landes vor ein Kriegsgericht zu stellen oder vor ein anderes amerikanisches Gericht: Vorurteile und nichts als meineidsträchtige Zeugenaussagen, die hier vorgetragen werden? Glauben Sie wirklich, daß die durch die Anklage erbrachte Beweisführung gegen jeden der Angeklagten vor irgendeinem amerikanischen Gericht, nach den Prinzipien unseres anglo-amerikanischen freiheitlichen Systems ausgereicht hätte, um die Angeklagten für schuldig zu befinden? Wenn es dem Gericht belieben würde diese Maßstäbe anzulegen, so wäre es klar, daß nahezu alle Beschuldigungen der Anklage diesen Normen der Beweisführung zu unterliegen hätten. -

Ich war von Bermans zusammenfassender Darlegung beeindruckt, doch mehr noch von derjenigen Poulladas, dessen Argumente überzeugender waren als die des Anklägers.

Da nun das Verfahren dem Ende zuging, begann ich mich einsam zu fühlen. Ein Großteil des Personals der 7708. War Crimes Group hatte Dachau noch vor Weihnachten verlassen,

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da auch alle anderen Gerichte die Fälle abgeschlossen und sich aufgelöst hatten. Nur das Nordhausen-Verfahren hatte sich den ganzen Dezember hingezogen. Meine Kollegen waren entweder nach Amerika zurückgekehrt oder zu anderen Einheiten in Deutschland versetzt worden. Gegen Ende November war mein Freund Smitty zu einer Stelle nach Berlin versetzt worden, wo er unter dem dort kommandierenden General für das europäische Territorium, Lucius D. Clay, arbeitete. Smitty erhielt nicht nur eine höherrangige Anstellung, sondern zugleich eine beachtliche Beförderung, die zugleich eine nette Lohnerhöhung mit sich gebracht hatte. Später erfuhr ich, daß eigentlich ich dafür vorgesehen war, doch Mr. Teasley glaubte, daß er während des Nordhausen-Verfahrens auf mich nicht verzichten konnte. Dies alles stimmte mich noch trauriger, je näher Weihnachten heranrückte.

Ich konnte niemandem meine niedergedrückte Stimmung vor den Feiertagen zumuten. Ich bedauerte, daß das Gericht sein Urteil den Angeklagten am Donnerstag, den 24. Dezember, bekanntgeben wollte, an dem Tag, an dem man in Deutschland das Weihnachtsfest feierte. Das bedeutete nicht nur, daß die Angeklagten am Heiligen Abend vor Gericht zu erscheinen hatten, sondern daß außerdem denen, die verurteilt wurden, die Feiertage dadurch vollkommen verdorben waren. Ich hatte ungefähr drei Monate an diesem Verfahren teilgenommen, und nachdem ich jeden Verteidiger und Zeugen gehört hatte, glaubte ich die Urteile zu kennen.

Ich war der offizielle Protokollführer, als das Gericht die Urteile bekanntgab. Niemand war überrascht, als Georg Rick-hey freigesprochen wurde, dies war von Beginn an erwartet worden. Ich war ein wenig verärgert, als ich sah, wie Rickhey in seiner schon bekannten Selbstsicherheit vor das Gericht trat um das Urteil über sich zu hören. Er nahm das Urteil leidenschaftslos hin, so, als hätte er seinen Freispruch die ganze Zeit über erwartet, davon war ich überzeugt. Ich hörte seit jenem Weihnachten nichts mehr über ihn. Er war wohl kurz danach in die Vereinigten Staaten zurückgebracht worden.

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Meine Kollegen und ich waren ganz überrascht, daß das Gericht auch Josef Fuchsloch, Kurt Heinrich und Heinrich Schmidt von allen Anklagen freigesprochen hatte. Sie wurden aus dem Gerichtsraum geleitet und ich nehme an, aus dem Gefängnis entlassen. Es muß ein schönes Weihnachten für sie gewesen sein, doch falls sie Mitglieder der NS-Partei waren, hatten sie sich noch der »Entnazifizierung« zu unterziehen, bevor sie ihr Leben normal fortführen konnten.

Nach den Freisprüchen vertagte das Gericht die Sitzung auf den 30. Dezember, um die Urteile über die zu sprechen, die es für schuldig hielt.

Meine eigene Stimmung blieb weiter schlecht. Ich war zu verlegen, um meinem Bruder einen Entschuldigungsbrief zu schreiben. So war ich noch immer niedergeschlagen, als der Heilige Abend näherrückte. Für den Weihnachtstag war ich zu einer Party in das Zimmer eines Kollegen eingeladen worden. Meine Niedergeschlagenheit steigerte sich noch, als ich herausfand, daß meine Kollegen für jedermann kleine Geschenke vorbereitet hatten. Ich war so beschäftigt mit meinen Problemen gewesen, daß ich überhaupt nicht an die Weihnachtsfestlichkeiten gedacht und auch keine Geschenke für meine Kollegen gekauft hatte. Ich entschuldigte mich ausgiebig, doch alle verstanden mich, weil sie die Umstände kannten.

Als das Gericht am 30. Dezember wieder zusammentrat, wurde jeder der Angeklagten einzeln in den Gerichtsraum gerufen. Dort mußte er sich vor den Gerichtspräsidenten stellen. Der Präsident sprach dann das Urteil. Waren die Urteile des Gerichts schon für die Hörer überraschend, so müssen die Urteile für die Angeklagten eine Riesenüberraschaung gewesen sein. Sie waren sehr viel milder ausgefallen, als dies in allen vorausgegangenen Konzentrationslagerfällen der Fall gewesen war.

Im Dachauer Konzentrationslagerfall hatte es bei vierzig Angeklagten fünfunddreißig Todesurteile gegeben. Beim Mauthausen- Verfahren gab es neunundvierzig Todesurteile

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bei einundsechzig Angeklagten und zwölfmal lebenslänglich als die mildeste Form der Bestrafung in jenem Prozeß.

Im Nordhausen-Verfahren gab es nur ein einziges Todesurteil. Wie erwartet, traf es Hans Möser, der sein Urteil ohne jede Veränderung seines Gesichtsausdrucks annahm. Er entfernte sich vom Gericht in förmlicher militärischer Haltung. Da in seinem Fall keinem Wiederaufnahmeverfahren stattgegeben worden war, wurde er, wie ich später erfahren habe, im folgenden Sommer in Landsberg/Lech exekutiert.

Die übrigen Angeklagten kamen besser davon. Erich Brau-ny, Otto Brinkmann, Emil Bühring, Rudolf Jacobi, Josef Kili-an, Georg König "und Wilhelm Simon wurden jeweils zu lebenslänglich Zuchthaus verurteilt. Oskar Heibig wurde zu zwanzig Jahren Zuchthaus unter Anrechnung der Haftzeit seit dem 20. Mai 1945 verurteilt, Paul Maischein zu 5 Jahren Zuchthaus, gerechnet ab 2. Oktober 1946. Walter Ulbricht erhielt fünf Jahre Zuchthaus, gerechnet ab 14. Oktober 1945, Richard Walenta erhielt zwanzig Jahre Zuchthaus gerechnet ab 6. März 1946 und Willi Zwiener wurde zu fünfundzwanzig Jahren Zuchthaus verurteilt, gerechnet ab 5. Mai 1947. Die Zuchthausstrafen verstanden sich in Verbindung mit Zwangsarbeit.

Das gegen Heinz Detmers ausgesprochene Urteil über sieben Jahre Gefängnis verwirrte mich etwas. Später, beim Niederschreiben meiner Notizen erfuhr ich, was sich im Gerichtsaal unmittelbar nach der Urteilsverkündung abgespielt hatte. Das Gericht hatte ausdrücklich erklärt, daß Detmers Gefängniszeit gleichzeitig mit einem vorherigen Urteil abzusitzen sei. Das für den Beginn dieser Gefängnisstrafe festgesetzte Datum war der 17. Januar 1947.

Genau wie die anderen, trat Detmers in aller Form vor Gericht. Er hörte das Urteil emotionslos an, doch nachdem er das Urteil gehört hatte, blickte er kurz auf mich herab, bevor er mit militärisch regungslosem Gesichtsausdruck den Gerichtsraum verließ.

Im Gerichtssaal ließen einige Zuschauer ihrem Temperament freie Bahn. Einige waren erfreut, während andere depri-

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miert waren. Einige machten ihrem Unmut gegenüber jedermann, der zuhören wollte, laut Luft. Die Vertreter der Anklage verhielten sich ruhig. Sie machten einen niedergeschlagenen Eindruck, so, als hätten sie den Prozeß verloren. Die Urteile waren sehr viel milder ausgefallen, als sie gehofft hatten.

Mit breitem Lächeln nahm Major Poullada die Gratulationen vieler Anwesender entgegen. Gelassen ließ er sich auch von den Anklägern beglückwünschen. Nie zuvor hatte man in Dachau leichte Urteile erlebt. Die Urteile wären nicht so milde ausgefallen, wenn der Hauptverteidiger weniger umsichtig gehandelt und mit weniger Fleiß gearbeitet hätte. Die Zeit war reif für diese Urteile, doch die Verteidigung mußte schwer arbeiten.

Einer der jüdischen Gerichtsdolmetscher, Fred Fleischmann, sprach mit mir über das Urteil von Heinz Detmers. Ich war überrascht zu hören, daß Detmers Urteil gleichzeitig mit einem Urteil aus einem vorausgegangenen Verfahren in Verbindung gebracht worden war. Ich vermißte eine entsprechende Verlautbarung seitens des Gerichts. Fleischmann sagte: »Oh ja, in einem früheren Verfahren war er zu fünfzehn Jahren verurteilt worden, doch die Strafe war auf fünf Jahre vermindert worden.« Er fragte sich, ob das neue Urteil Detmers Sache komplizieren würde. Fleischmann meinte, daß das Gericht Detmers offenbar für nicht schuldig hielt. Fleischmanns Einstellung überraschte mich viel mehr als die Neuigkeit über die vorausgegangene Verurteilung Detmers. Denn obwohl Fleischmann Jude war, brachte er den Angeklagten Sympathien entgegen.

Einige Kritiker stellten fest, daß die Verteidigung sich sehr anstrengen mußte um das Gericht davon zu überzeugen, daß es in Dora/Nordhausen keine internierten Juden bis kurz vor dem Zusammenbruch des Dritten Reichs gegeben hat und man spekulierte, daß dies wohl der Grund für die milderen Urteile war. Auf der anderen Seite bemerkten die Protokollführer, daß die Gerichte bei den vorangegangenen Dachau-Prozessen dazu neigten, sich bei den Begründungen und Verurteilungen we-

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niger intensiv zu bemühen. Ihnen fiel auf, daß in den Jahren 1945 und 1946 die Todesurteile beinahe automatisch gegen jeden der Angeklagten in einem Konzentrationslagerfall ausgesprochen wurden. Alles, was unter einem Todesurteil lag, hatte Seltenheitswert, wie das Beispiel des Mauthausen-Haupt-lagerverfahrens zeigt.

Die Atmosphäre um die ersten Prozesse wird durch die Berichte eines Protokollführers, der an den früheren Dachau-Prozessen teilgenommen hat, wiedergegeben. Derberichtete, wie ein Gerichtsangehöriger mit einem Miniaturgalgen spielte und die Schnur, aus der die Schlinge gemacht war, um den Finger wickelte. Er tat dies so, daß es jedermann im Gericht sehen konnte, besonders die Angeklagten, als sie auf das Urteil des Gerichts warteten.

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