DAS ENDE MEINER BERUFUNG NACH DACHAU

Da der Nordhausen-Prozeß nun zu Ende war und das verbliebene Personal sich auf die Abreise vorbereitete, war das Bürogebäude praktisch leer. Die Büros, in denen noch gearbeitet wurde, hatten rein verwaltungsmäßige Funktionen. Die Gerichtsräume standen leer. Die Dachauer Verfahren waren vorbei.

Ich hatte in Dachau nichts mehr zu tun. Ich schloß mich denen an, die keine Aufgaben mehr zu erfüllen hatten. Wir gingen nicht einmal mehr ins Büro um dort auf Aufträge zu warten. Da wir einen Vertrag mit der War Crimes Group hatten und noch Gehalt bekamen, waren wir rein theoretisch gesehen noch immer beschäftigt und damit nicht berechtigt, Dachau für länger als einen Tag zu verlassen. Doch eine Abwesenheit von Dachau hätte meinen Urlaub verkürzt, und im Januar wollte ich nirgendwo hingehen.

Reisende aus der Zeit Jahre vorher, hätten wohl viele Städte in Deutschland nennen können, die so sehenswert waren um sie von Dachau aus während eines einmonatigen Aufenthaltes zu besuchen. Doch selbst nach meinem einjährigen Aufenthalt in Deutschland lag zweieinhalb Jahre nach dem Krieg alles noch in Trümmern. Der Charme der großen Städte war immer noch von Schutt bedeckt. Die wenigen Städte, die nicht von Trümmern übersät waren, hatten das Glück gehabt, nicht bombardiert worden zu sein. München zum Beispiel, war immer noch ein Wirrwarr von zertrümmerten Gebäuden, und in den von Bomben verwüsteten Stadtteilen gab es immer noch keinen Strom. Es gab weder Restaurants noch Imbißstuben oder wenigstens einen Klub, den ich hätte besuchen können.

Es würde noch weitere sechs oder sieben Monate dauern, bis München oder die anderen größeren Städte damit beginnen konnten, wenigstens den Schutt von den Straßen zu räumen. Die Währungsreform im Juni 1948 brachte der deutschen

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Wirtschaft seit dem Ende des Krieges den ersten Anstoß. Erst danach fahren die Straßenbahnen wieder regelmäßig durch die Zentren der Städte.

Ohne die Möglichkeit irgendwo hingehen zu können, verbrachte ich den ganzen Januar weder nutzbringend noch angenehm. Als ich Ende Januar nichts mehr über eine weitere Tätigkeit hörte, begann ich mir darüber Gedanken zu machen, wie meine Aussichten für einen anderen Einsatz in Deutschland wären. Mein Vertrag lief noch ein Jahr, und ich war davon überzeugt, daß er nicht annulliert werden würde.

Zu Beginn des Monats Februar teilte mir Mr. Teasley mit, daß in einer Anwaltskanzlei in Bremerhaven eine Stelle freigeworden sei. Ich wäre gerne in Süddeutschland geblieben, doch da es kein besseres Angebot gab, nahm ich an. In den Norden versetzt, arbeitete ich in Bremerhaven bis zu meiner Rückkehr in die Vereinigten Staaten im Juli, einen Monat vor meinem einundzwanzigsten Geburtstag.

Doch bevor ich Dachau verließ, hatte ich noch ein kleines Erlebnis mit der War Crimes Group. Anfang Januar traf ich einen Soldaten, der oft nach Landsberg am Lech reiste und der dort als Zeuge bei den dort regelmäßig stattfindenden Exekutionen dabei sein mußte. Ich fragte meinen neuen Bekannten, dessen Namen ich vergessen habe, was er fühle, wenn er einen Mann bis zum Eintritt seines Todes hängen sehe. Er antwortete mir, daß ich es selbst erleben könnte, wenn ich dies wünschte; er würde am folgenden Tag nach Landsberg reisen, um Zeuge einer Erhängung zu sein und es würde an mir liegen, ob ich ihn begleiten möchte oder nicht. Wir würden mit einem Jeep der Armee dort hinfahren. Trotz innerer Ablehnung einen Menschen zu Tode stranguliert zu sehen, sagte ich spontan zu. Mein Interesse für Landsberg galt dem Gefängnis. Ich wollte sehen, wo die Gefangenen, die wir in Dachau verurteilt hatten, ihre Strafen absaßen. Ich hatte nie zuvor ein Gefängnis besucht und hatte keine Vorstellung davon.

Wir verließen Dachau am frühen Morgen. Es war eine kurze Fahrt und wir kamen gut voran. Als wir in die Nähe des

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Gefängniszugangs kamen, bemerkte ich, wie mein Begleiter einen zunehmend irritierten Eindruck machte, da der Hof vollkommen ruhig dalag. Alles war ruhig, sogar friedvoll an jenem grauen Morgen. »Mir gefällt die ganze Sache nicht,« murrte er zu mir herüber. »Etwas stimmt hier nicht.« Er mutmaßte, daß die Hinrichtungen annulliert oder mindestens aufgeschoben waren.

Mein Bekannter schien enttäuscht darüber zu sein, daß die für jenen Morgen geplante Exekution nicht stattfand, weil der verurteilte Mann einen Vollstreckungsaufschub erreicht hatte. Er ließ mich in einem Gefängnistrakt zurück, während er Verwaltungsangelegenheiten erledigte. Mit meinen Gedanken alleine, wartete ich, bis ich plötzlich einen Ruf vernahm. Zu meiner großen Überraschung war es Willi Zwiener, der neben mir stand und mich wie einen lange verloren gewesenen Freund mit einem breiten Lächeln begrüßte.

Ich hatte nicht bemerkt, daß die Männer im Gang Gefangene waren. Ich hatte gedacht, daß die Gefangenen in Zellen eingesperrt waren. Sofort war ich von fünf oder sechs der Gefangenen, die im Nordhausen-Verfahren verurteilt worden waren, umringt, einschließlich Heinz Detmers. Da ich keine Wachen bemerken konnte, wurde ich plötzlich nervös, doch beruhigte ich mich gleich wieder und wir führten ein freundliches kurzes Gespräch. Den Deutschen schien es gut zu gehen, und sie waren überraschend gut gelaunt.

Wir hatten nicht viel Zeit, da mein Bekannter bald wiederkam und wir nach Dachau zurückkehren mußten. Ich verabschiedete mich von den Gefangenen, und der Soldat und ich machten uns mit dem Jeep wieder auf den Weg. Zurück in Dachau erhielt ich einige wütende Telefonanrufe von Freunden, die von meiner Absicht, einer Exekution durch Erhängen in Landsberg beizuwohnen erfahren hatten. Sie hatten mir abraten wollen. Als ich zurückrief, rieten sie mir dringend nie wieder solch schrecklichen Wünschen nachzugeben.

Zwei Tage später erhielt ich über Adrienne Modi, der jungen Frau, die für die Nordhausen-Verteidigung gearbeitet

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hatte und mit der ich freundschaftlich verbunden war, einen Brief von Heinz Detmers aus Landsberg. Er schrieb mir, daß er und die anderen Gefangenen sehr dankbar darüber gewesen seien, daß ich ihnen Zigaretten geschenkt hatte. Er schrieb, daß er sich über das Wiedersehen sehr gefreut habe und mir für meinen Aufenthalt in Deutschland viel Glück wünsche. Sein Urteil, so schrieb er, sei nicht übermäßig schwer ausgefallen, doch die Zeit, die er schon im Gefängnis verbracht hatte, sei schwierig gewesen und der Rest, der noch vor ihm liege, würde wahrscheinlich genauso schwierig bleiben. Trotzdem hoffe er das beste.

Ich war sehr bewegt durch den Brief, da er ganz unerwartet eintraf. Ich zeigte ihn Vernon Keller, der mir sofort riet ihn nicht zu beantworten. Keller sagte mir, daß es das beste wäre ihm ein Päckchen zu schicken, denn »das sei es, was er wirklich möchte«, danach möge ich das vergessen. Ich packte ein Päckchen mit Zigaretten und Schokolade und schickte es per Post ab.

Ungefähr eine Woche später stieß ich auf den Armeeangehörigen, mit dem ich nach Landsberg gefahren war. Kopfschüttelnd sah er mich an und sagte, daß ich in Landsberg einige Probleme verursacht hätte. Detmers hatte das Päckchen erhalten.Dies hatte einen kleinen Aufstand unter den Gefangenen des Nordhausen-Verfahrens verursacht. Sie waren nämlich der Meinung, daß der Inhalt des Päckchens zur Verteilung unter allen bestimmt gewesen war. Detmers dagegen beharrte darauf, es sei für ihn alleine bestimmt und behielt alles.

Obwohl ich über den Vorfall nichts mehr hörte, begann ich mich beunruhigt zu fühlen, so als ob man mich beobachten würde. War es nur deshalb, weil mir der Erhängungszeuge dies alles erzählt hatte, oder stand ich wirklich unter Beobachtung? Ich konnte es nicht klären. Schließlich brachte mir meine Reise nach Bremerhaven zu meiner neuen Tätigkeit Entlastung.

Jahre später in Washington, als ich einige meiner alten Freunde von der Dachauer Zeit her besuchte, brachte ich

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mein Unbehagen zur Sprache, das ich während der letzten Wochen in Deutschland hatte, weil ich das Gefühl hatte, überwacht worden zu sein. Einer meiner Freunde sagte mir: »Natürlich bist du überwacht worden«; er kannte meinen Fall. Als ich ihn bat mir den Grund zu sagen, erwiderte er, daß es eine kurze Untersuchung gegeben habe, weil die Fahnder den Verdacht hatten, daß ich pro-NS-Sympathien gehabt haben könnte.

Das belustigte mich, denn in Dachau hatte ich nicht das geringste Interesse an der Politik. Ich kannte nicht einmal den Unterschied zwischen Republikanern und Demokraten in Amerika, beziehungsweise deren Grundideen, ganz zu schweigen von deutscher Politik. Hätte der Fahnder sich etwas sorgfältiger bemüht, so hätte er keiner falschen Fährte folgen müssen. Offensichtlich wußte er nicht, daß ich meinen älteren Bruder durch die Deutschen verloren hatte und deswegen dem NS-Regime kaum Sympathien entgegenbringen konnte, zumal ich gegenüber einer totalitären Regierung stets nichts anderes als Abneigung verspürt habe.

Hätte er sich bemüht mit mir zu sprechen, so hätte er erfahren, daß ich keinen Groll gegen die Deutschen hatte, da ich der Meinung war, daß sie selbst zu Opfern des Dritten Reiches geworden waren. Jene, die zu leiden hatten, waren in erster Linie die Insassen der Konzentrationslager. Die Geschichte der jüdischen Insassen ist nur ein Teil der großen Tragödie des 20. Jahrhunderts. Beinahe vollständig vergessen von dem Mitgefühl der Welt ist die Tragödie der anderen Insassen, die mehr Tote zu beklagen hatten als die Juden. Eine weitere Tragödie, die als solche nie erkannt wurde, ist die Rolle derjenigen, die in den Lagern als Polizisten dienen mußten. Viele von ihnen waren schuldig gesprochen worden. Man hat ihnen vorgeworfen, Verbrechen begangen zu haben, doch in ganz wenigen Fällen haben das die Gerichte auch beweisen können.

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Während meiner Zeit in Bremerhaven stellte ich fest, daß mein Deutsch trotz Fehlens einer grammatikalischen Grundlage gute Fortschritte gemacht hatte. Ich bemühte mich um einen Lehrer, der mir Privatunterricht geben konnte, und mir wurde eine junge Frau empfohlen. Sie war eine ausgezeichnete Lehrerin, die einen Nebenverdienst in Form von Zigaretten benötigte, um Einkäufe tätigen zu können. Sie schien die ideale Person zu sein, und ich begann mit einem geordneten Deutschunterricht.

Zweimal pro Woche nahm ich nun Unterricht bei ihr. Um zu ihr zu gelangen mußte ich die Straße zum Bahnhof hinuntergehen, wobei ich durch die von Bomben am meisten verwüsteten Gegenden kam. So etwas hatte ich noch nicht gesehen. Ziegel und Schutt, Häuserblock um Häuserblock, total zerstörte Gebäude, alles lag noch in den Straßen verstreut.

Ich kam mit meinem Deutsch rasch voran, denn meine Lehrerin war gut ausgebildet und sehr diszipliniert. Schnell erlernte ich den Umgang mit den Verben, ohne deren Beherrschung ich niemals die deutsche Sprache gemeistert hätte. Ich lernte klassische deutsche Gedichte auswendig, erfuhr von deren Bedeutung, und mein Vokabular an deutschen Standardausdrücken wuchs zusehends.

• Die Unterrichtsstunden fanden in der kleinen Wohnung statt, die meine Lehrerin mit ihrem jungen Ehemann bewohnte. Wann immer ich eine Stunde nahm, schickte sie ihn fort, was ihm anscheinend nicht so gefiel, obwohl er versuchte, seine Verlegenheit zu verbergen. Ich erinnere mich an einen gemütlichen Abend, den meine Lehrerin mit anderen intellektuell vergleichbaren Freunden organisiert hatte. Man unterhielt sich über Literatur und über Weltereignisse, dabei fiel mir die Abwesenheit ihres Mannes auf.

Während des Kurses entwickelte sich auch eine persönliche Freundschaft. Die junge Frau erzählte mir über ihre Erlebnisse während des Krieges. Sie war BDM-Mitglied gewesen und hatte eine Jungschar geführt, die hinter die feindlichen Linien geschickt worden war - eine wirklich außerordentliche Erfah-

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rung für einen jungen Menschen. Sie hatte ihren Mann aus Pflichtgefühl geheiratet. Er war ein treuer Soldat der Wehrmacht während des Krieges, und sie konnte seiner Werbung nicht widerstehen, als er ihr seine Liebe gestand. Es war offensichtlich, daß sie sich ihm gegenüber überlegen fühlte. Wenn sie ihren Mann entließ, tat sie es in ruhiger Würde, doch sein rascher Aufbruch sagte mir, wer der Herr im Haus war.

Ich war von ihren Kriegserlebnissen beeindruckt, bis zu einem Abend, an dem sie das deutsche Militär und die NS-Zeit verteidigte. Ich war beleidigt, doch von der Konversation her im Nachteil, da diese nur in deutscher Sprache geführt wurde. Als sie die deutschen Konzentrationslager verteidigte, wurde ich wütend. Meine Lehrerin deutete Zweifel an der Anzahl der Toten an, wobei sie die Zahl für weit übertrieben hielt und Gleichgültigkeit gegenüber den Leiden der Insassen bekundete.

Ich erinnere mich nicht genau, wie die Diskussion endete, doch der Abend sollte der letzte einer Serie ausgezeichneter Deutschstunden sein. Ich weigerte mich, weitere Stunden zu nehmen, und ich nahm nicht einmal mehr den Hörer ab, wenn sie anrief. Sogar als sie mir über ihre Beziehung zu meinem Büro ihre deutschen Bücher zu einem lächerlich niedrigen Preis gegen Bezahlung in Zigaretten anbot, lehnte ich das ab. Ich habe ihren Namen vergessen. Ich weiß nicht, wie es ihr und ihrem Mann weiter ergangen ist, da ich sie nicht mehr wiedersah und auch nichts mehr von ihr hörte.

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